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Samstag, März 31, 2012
Sonntag, September 04, 2011
Vertreiben die Philosophen Gott?
Hugo Stamm am Montag den 29. August 2011

Die Philosophie ist die Königin der Geisteswissenschaften. Sie versucht, das Leben, die Zeit, die Metaphysik, die menschliche Existenz und viele essentielle Fragen rund um Sinn, Moral und Ethik zu ergründen. Philosophie erfordert ein hohes Mass an Logik und abstraktem Denken, aber auch an emotionaler Kompetenz und Einfühlungsvermögen. Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sind wichtige Pfeiler der Philosophie.
Philosophen haben das Bewusstsein der Menschheit geprägt wie kaum andere Wissenschaft. Griechische Denker hinterliessen uns ein geistiges Erbe, das unser Denken bis in die heutige Zeit prägt. Es waren die weisen Philosophen, die uns die Welt erschlossen und uns aus der geistigen Dunkelheit geführt haben. Philosophie heisst denn auch Liebe zur Weisheit.
In der Philosophie gibt es keine geistigen Grenzen. Alles, was gedacht werden kann, soll gedacht werden. Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden, Tabus darf es nicht geben. Deshalb ist es entscheidend, dass Philosophen geistig unabhängig sind und nicht im Dienst eines Systems, Interessenvertreters oder gar einer Ideologie stehen. Geistige Offenheit und Unabhängigkeit sind das wichtigste Gut der Philosophie.
Die Philosophie teilt sich verschiedene Themenbereiche mit der Theologie. Beide Disziplinen befassen sich mit der Sinnfrage, der Ethik, der Moral und der Metaphysik. Doch was Weisheit und Wissenschaftlichkeit betrifft, ist die Theologie arg im Hintertreffen.
Nehmen wir ein Beispiel: Sowohl die Theologie als auch die Philosophie befassen sich mit der Frage des Seins. Die Theologen stecken aber in einem geistigen Korsett. Ihr Weltbild und ihr Denken ist begrenzt durch eine religiöse Ideologie. Wo ein Gott im Spiel ist, legt sich das Denken Fesseln an. Wenn eine Form von Glauben das Bewusstsein prägt, wird die Logik oder die Wissenschaftstheorie eingeschränkt. Ich kann nicht glauben und gleichzeitig frei denken, weil der Glaube die Gedanken mehr oder weniger bewusst lenkt.
Ein Philosoph muss sich die Welt auch ohne Gott vorstellen können – und zwar bis zur letzten Konsequenz. Wer eine Welt ohne Glauben und Gott nur als Gedankenspiel oder Hypothese postuliert, kommt der Wahrheit nicht näher. Deshalb findet man unter den Philosophen mehr Weise und grosse Denker als unter den Theologen.
Warum haben denn Theologen – zu denen meist auch Geistliche zählen – mehr Einfluss als Philosophen? Die meisten Menschen wollen klare und einfache Antworten, um sich orientieren zu können. Philosophen stellen aber vor allem Fragen. Und wenn sie eine Antwort geben, ist sie meist so komplex oder kompliziert, dass man sich anstrengen muss, um den Sinn zu erkennen. Geistige Anstrengung ist leider kein Volkssport.
Die Mehrheit hält sich lieber an die Antworten der Theologen. Die sind einfach: Gott hat die Welt erschaffen und den Menschen auf die Erde gestellt, auf dass er ein gutes Leben führe und nach dem Tod in den Himmel komme. Somit sind die Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Sinn endgültig beantwortet. Wozu braucht es da noch Philosophen, die unbequeme Fragen stellen oder sagen, Gott ist tot.
Vertreiben die Philosophen Gott?
Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden:
Diogenes bittet Alexander, aus der Sonne zu treten. (Gemälde: Nicolas Andre Monsiau, 1818).
Philosophen haben das Bewusstsein der Menschheit geprägt wie kaum andere Wissenschaft. Griechische Denker hinterliessen uns ein geistiges Erbe, das unser Denken bis in die heutige Zeit prägt. Es waren die weisen Philosophen, die uns die Welt erschlossen und uns aus der geistigen Dunkelheit geführt haben. Philosophie heisst denn auch Liebe zur Weisheit.
In der Philosophie gibt es keine geistigen Grenzen. Alles, was gedacht werden kann, soll gedacht werden. Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden, Tabus darf es nicht geben. Deshalb ist es entscheidend, dass Philosophen geistig unabhängig sind und nicht im Dienst eines Systems, Interessenvertreters oder gar einer Ideologie stehen. Geistige Offenheit und Unabhängigkeit sind das wichtigste Gut der Philosophie.
Die Philosophie teilt sich verschiedene Themenbereiche mit der Theologie. Beide Disziplinen befassen sich mit der Sinnfrage, der Ethik, der Moral und der Metaphysik. Doch was Weisheit und Wissenschaftlichkeit betrifft, ist die Theologie arg im Hintertreffen.
Nehmen wir ein Beispiel: Sowohl die Theologie als auch die Philosophie befassen sich mit der Frage des Seins. Die Theologen stecken aber in einem geistigen Korsett. Ihr Weltbild und ihr Denken ist begrenzt durch eine religiöse Ideologie. Wo ein Gott im Spiel ist, legt sich das Denken Fesseln an. Wenn eine Form von Glauben das Bewusstsein prägt, wird die Logik oder die Wissenschaftstheorie eingeschränkt. Ich kann nicht glauben und gleichzeitig frei denken, weil der Glaube die Gedanken mehr oder weniger bewusst lenkt.
Ein Philosoph muss sich die Welt auch ohne Gott vorstellen können – und zwar bis zur letzten Konsequenz. Wer eine Welt ohne Glauben und Gott nur als Gedankenspiel oder Hypothese postuliert, kommt der Wahrheit nicht näher. Deshalb findet man unter den Philosophen mehr Weise und grosse Denker als unter den Theologen.
Warum haben denn Theologen – zu denen meist auch Geistliche zählen – mehr Einfluss als Philosophen? Die meisten Menschen wollen klare und einfache Antworten, um sich orientieren zu können. Philosophen stellen aber vor allem Fragen. Und wenn sie eine Antwort geben, ist sie meist so komplex oder kompliziert, dass man sich anstrengen muss, um den Sinn zu erkennen. Geistige Anstrengung ist leider kein Volkssport.
Die Mehrheit hält sich lieber an die Antworten der Theologen. Die sind einfach: Gott hat die Welt erschaffen und den Menschen auf die Erde gestellt, auf dass er ein gutes Leben führe und nach dem Tod in den Himmel komme. Somit sind die Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Sinn endgültig beantwortet. Wozu braucht es da noch Philosophen, die unbequeme Fragen stellen oder sagen, Gott ist tot.
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Freitag, Juli 01, 2011
10 Strategien der Manipulation - Gehirnwäsche nach Noam Chomsky
10 Strategien der Manipulation - Gehirnwäsche nach Noam Chomsky
Der prominente Linguist und Intellektuelle Noam Chomsky zeigt in seinem Text „10 Strategien der Manipulation“ auf satirische Weise, wie eine Gesellschaft manipuliert werden kann, ohne dass eine kritische Masse an Menschen in dieser Gesellschaft dies realisiert.
In einer Zeit in der viele Bürger von der „plötzlich“ anwachsenden Brisanz politischer und wirtschaftlicher Verwerfungen überrascht sind, ist es besonders wertvoll, Chomskys Einsichten zu verinnerlichen.
Chomsky zeigt auf, wie das System beeinflusst wird und welche Informationen wir für relevant halten. Da Information immer zu Wahrnehmung führt und Wahrnehmung die Grundlage jeden Handelns ist, begründet Information letztendlich auch die soziale Realität. Ebenso den Wandel dieser.
1. Kehre die Aufmerksamkeit um
Das Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse umzulenken, um sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Änderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane abzulenken. Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse an den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat über etwas nachzudenken, entsprechend dem Level eines Tieres.
2. Erzeuge Probleme und liefere die Lösung
Diese Methode wird die „Problem-Reaktion-Lösung“ genannt. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, die danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine
Der prominente Linguist und Intellektuelle Noam Chomsky zeigt in seinem Text „10 Strategien der Manipulation“ auf satirische Weise, wie eine Gesellschaft manipuliert werden kann, ohne dass eine kritische Masse an Menschen in dieser Gesellschaft dies realisiert.
In einer Zeit in der viele Bürger von der „plötzlich“ anwachsenden Brisanz politischer und wirtschaftlicher Verwerfungen überrascht sind, ist es besonders wertvoll, Chomskys Einsichten zu verinnerlichen.
Chomsky zeigt auf, wie das System beeinflusst wird und welche Informationen wir für relevant halten. Da Information immer zu Wahrnehmung führt und Wahrnehmung die Grundlage jeden Handelns ist, begründet Information letztendlich auch die soziale Realität. Ebenso den Wandel dieser.
1. Kehre die Aufmerksamkeit um
Das Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse umzulenken, um sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Änderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane abzulenken. Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse an den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat über etwas nachzudenken, entsprechend dem Level eines Tieres.
2. Erzeuge Probleme und liefere die Lösung
Diese Methode wird die „Problem-Reaktion-Lösung“ genannt. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, die danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine
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Dienstag, Januar 25, 2011
The story behind the Palestine papers
The Guardian
The story behind the Palestine papers
The revelations from the heart of the Israel-Palestine peace process are the product of the biggest documentary leak in the history of the Middle East conflict, and the most comprehensive exposure of the inside story of a decade of failed negotiations.
The 1,600 confidential records of hundreds of meetings between Palestinian, Israeli and US leaders, as well as emails and secret proposals, were leaked to the Qatar-based satellite TV channel al-Jazeera and shared exclusively with the Guardian. They cover the period from the runup to the ill-fated Camp David negotiations under US president Bill Clinton in 2000, to private discussions last year involving senior officials and politicians in the Obama administration.
The earliest document in the cache is a memo from September 1999 about Palestinian negotiating strategy. It suggests heeding the advice of the Rolling Stones: "You can't always get what you want, but if you try sometimes you might find you can get what you need." The final one, from last September, is a Palestinian Authority (PA) message to the Egyptian government about access to the Gaza Strip.
The Palestine papers have emerged at a time when a whole era of Israeli-Palestinian negotiations, starting with the Madrid conference in 1991, appear to have run into the sand, opening up the prospect of a new phase of the conflict and potentially another war.
In particular, they cover the most recent negotiations, before and after George Bush's Annapolis conference in late 2007 – when substantive offers were made by both sides until the process broke down over Israel's refusal to freeze West Bank settlement activity.
The bulk of the documents are records, contemporaneous notes and sections of verbatim transcripts of meetings drawn up by officials of the Palestinian negotiation... support unit (NSU), which has been the main technical and legal backup for the Palestinian side in the negotiations.
The unit has been heavily funded by the British government. Other documents originate from inside the PA's extensive US- and British-sponsored security apparatus.
The Israelis, Americans and others kept their own records, which may differ in their accounts of the same meetings. But the Palestinian documents were made and held confidentially, rather......
The story behind the Palestine papers
How 1,600 confidential Palestinian records of negotiations with Israel from 1999 to 2010 came to be leaked to al-Jazeera
The Guardian, Monday 24 January 201 The revelations from the heart of the Israel-Palestine peace process are the product of the biggest documentary leak in the history of the Middle East conflict, and the most comprehensive exposure of the inside story of a decade of failed negotiations.
The 1,600 confidential records of hundreds of meetings between Palestinian, Israeli and US leaders, as well as emails and secret proposals, were leaked to the Qatar-based satellite TV channel al-Jazeera and shared exclusively with the Guardian. They cover the period from the runup to the ill-fated Camp David negotiations under US president Bill Clinton in 2000, to private discussions last year involving senior officials and politicians in the Obama administration.
The earliest document in the cache is a memo from September 1999 about Palestinian negotiating strategy. It suggests heeding the advice of the Rolling Stones: "You can't always get what you want, but if you try sometimes you might find you can get what you need." The final one, from last September, is a Palestinian Authority (PA) message to the Egyptian government about access to the Gaza Strip.
The Palestine papers have emerged at a time when a whole era of Israeli-Palestinian negotiations, starting with the Madrid conference in 1991, appear to have run into the sand, opening up the prospect of a new phase of the conflict and potentially another war.
In particular, they cover the most recent negotiations, before and after George Bush's Annapolis conference in late 2007 – when substantive offers were made by both sides until the process broke down over Israel's refusal to freeze West Bank settlement activity.
The bulk of the documents are records, contemporaneous notes and sections of verbatim transcripts of meetings drawn up by officials of the Palestinian negotiation... support unit (NSU), which has been the main technical and legal backup for the Palestinian side in the negotiations.
The unit has been heavily funded by the British government. Other documents originate from inside the PA's extensive US- and British-sponsored security apparatus.
The Israelis, Americans and others kept their own records, which may differ in their accounts of the same meetings. But the Palestinian documents were made and held confidentially, rather......
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Mittwoch, April 21, 2010
Pakistans gefährliches Atomprogramm
20. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
Pakistans gefährliches Atomprogramm
Politische Instabilität und die Präsenz von Terrorgruppen bilden ein nur schwer zu kalkulierendes Risiko
Die Furcht wächst, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Laut Experten stellt das politisch instabile Pakistan mit seinem Nukleararsenal in einem solchen Szenario der grösste Schwachpunkt dar.
Andrea Spalinger, Delhi
Regierungsvertreter aus 47 Staaten sind letzte Woche in Washington zu einem Gipfel über Nuklearsicherheit zusammengetroffen. In erster Linie ging es dabei in den Worten des Gastgebers, Barack Obama, um die «grösste Bedrohung für die globale Sicherheit», die Gefahr, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Während das Risiko eines atomaren Konflikts seit dem Ende des Kalten Krieges gesunken sei, sei die Gefahr eines nuklearen Anschlags sehr viel grösser geworden, so die Warnung des amerikanischen Präsidenten. Sollten Terrorgruppen in den Besitz hochangereicherten Urans oder von Plutonium kommen, hätte dies unvorstellbare Konsequenzen, sagte er und rief zu konkreten Schritten zur Sicherung des nuklearen Materials auf.
Ein altes Sorgenkind
Das grösste Sorgenkind der Amerikaner diesbezüglich ist Pakistan. Über das Proliferations-Netzwerk des langjährigen Chefs....
20. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
Pakistans gefährliches Atomprogramm
Politische Instabilität und die Präsenz von Terrorgruppen bilden ein nur schwer zu kalkulierendes Risiko
Die Furcht wächst, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Laut Experten stellt das politisch instabile Pakistan mit seinem Nukleararsenal in einem solchen Szenario der grösste Schwachpunkt dar.
Andrea Spalinger, Delhi
Regierungsvertreter aus 47 Staaten sind letzte Woche in Washington zu einem Gipfel über Nuklearsicherheit zusammengetroffen. In erster Linie ging es dabei in den Worten des Gastgebers, Barack Obama, um die «grösste Bedrohung für die globale Sicherheit», die Gefahr, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Während das Risiko eines atomaren Konflikts seit dem Ende des Kalten Krieges gesunken sei, sei die Gefahr eines nuklearen Anschlags sehr viel grösser geworden, so die Warnung des amerikanischen Präsidenten. Sollten Terrorgruppen in den Besitz hochangereicherten Urans oder von Plutonium kommen, hätte dies unvorstellbare Konsequenzen, sagte er und rief zu konkreten Schritten zur Sicherung des nuklearen Materials auf.
Ein altes Sorgenkind
Das grösste Sorgenkind der Amerikaner diesbezüglich ist Pakistan. Über das Proliferations-Netzwerk des langjährigen Chefs des pakistanischen Atomprogramms, Abdul Qadeer Khan, sind Staaten wie Libyen, Nordkorea und Iran in den Besitz geheimer Atomtechnologie gelangt. 2003 flogen Khans Aktivitäten zwar auf, doch viele Fragen bleiben unbeantwortet und das Ausmass des Skandals unklar. Pakistans Behörden haben weder den Amerikanern noch der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) erlaubt, den Atomschmuggler zu verhören. Dies dürfte nicht nur damit zu tun haben, dass Khan in Pakistan als «Vater der Atombombe» ein Volksheld ist, sondern auch damit, dass seine kriminellen Geschäfte ohne Wissen der Armee kaum möglich gewesen wären.
Neben der dubiosen Vergangenheit bereitet Nuklearexperten auch die gegenwärtige Instabilität Pakistans Kopfzerbrechen. Während sein Atomwaffenarsenal rasant wächst, tummeln sich in dem Land die meistgesuchten Terroristen der Welt. Ein vergangene Woche vom Belfer Center for Science and International Affairs der Universität Harvard und der Nuclear Threat Initiative herausgegebener Bericht («Securing the Bomb») stellt denn auch fest, die Gefahr eines nuklearen Lecks sei nirgendwo grösser als in Pakistan. Das südasiatische Land hat die Sicherheitsmassnahmen in den letzten Jahren zwar hochgefahren und zum Schutz seines Atomarsenals eine Strategic Plans Division geschaffen, der 10 000 speziell ausgewählte und ausgebildete Sicherheitskräfte angehören. Experten zweifeln jedoch daran, dass diese Truppe der Gefahr gewachsen ist. Sowohl der Diebstahl von nuklearem Material durch Insider als auch ein Terrorangriff auf Atomanlagen seien weiterhin realistische Szenarien, schreibt der Autor des Berichts, Matthew Bunn. Wenn Terrorgruppen zu spektakulären Angriffen auf schwer gesicherte Ziele wie das Armeehauptquartier in Rawalpindi in der Lage seien, seien auch die über das ganze Land verteilten Reaktoren, nuklearen Forschungsanlagen und Waffenlager nicht sicher. Da traditionell enge Beziehungen zwischen den Sicherheitskräften und islamistischen Gruppen bestünden, könnte es Letzteren zudem gelingen, Spione in nukleare Anlagen einzuschleusen, befürchtet Bunn.
Neue Reaktoren
Besorgniserregend ist nicht zuletzt, dass Islamabad die Produktion von waffenfähigem Spaltmaterial derzeit ausweitet. Es baut drei neue Reaktoren zur Herstellung von Plutonium für eine neue Generation von Atomwaffen, und der amerikanische Geheimdienst CIA hat auf Satellitenbildern bereits erste Dampffahnen über einem der Kühltürme entdeckt. Pakistan hat den Bau offiziell nicht bestätigt, hinter vorgehaltener Hand argumentieren Regierungsbeamte aber, angesichts der indischen Bedrohung brauche man dringend neue Reaktoren. In der Tat produziert auch Indien derzeit neues waffenfähiges Plutonium in Anlagen, die vom Nuklearabkommen mit den USA (das nur die zivile Nutzung von Atomenergie umfasst) ausgeschlossen sind und von der IAEA nicht besichtigt werden können. Nach Schätzungen des Belfer Center lagern weltweit über 23 000 Atomwaffen, und mit den globalen Beständen an hochangereichertem Uran (1600 Tonnen) und Plutonium (500 Tonnen) könnten insgesamt etwa 200 000 Bomben hergestellt werden. Pakistan verfügt mit 70 bis 90 Nuklearsprengköpfen somit über ein eher bescheidenes Arsenal. Da ein kleiner Teil waffenfähigen Spaltmaterials allerdings ausreicht, um unvorstellbaren Schaden anzurichten, tut dies wenig zu Sache.
Beteuerungen Gilanis
Der Harvard-Professor Bunn ist nur einer von vielen Nonproliferations-Experten, die vor einem Leck in Pakistan warnen. Dennoch wurde über das Thema beim Gipfeltreffen in Washington nicht offiziell diskutiert. Das nukleare Wettrüsten in Südasien sei politisch zu heikel, als dass es auf die Tagesordnung hätte gesetzt werden können, verlautete aus Regierungskreisen. Präsident Obama sprach seine Bedenken nur in einem privaten Treffen mit Premierminister Gilani vor dem Gipfel an. Dabei soll er auch seinem Unmut darüber Luft gemacht haben, dass Islamabad Verhandlungen über einen Vertrag blockiert, der die Produktion von neuem Spaltmaterial weltweit stoppen soll.
Gilani versicherte in Washington zum wiederholten Male, Pakistan sei ein verantwortungsvoller Atomstaat und seine Nuklearwaffen seien in sicherer Hand. Auch die Armeeführung, die de facto die Kontrolle über das Atomprogramm hat, behauptet, das Kapitel Khan sei abgeschlossen und die nuklearen Geheimnisse seien heute sicher.
Nicht nur al-Kaida
Laut Rolf Mowatt-Larssen, einem Terrorexperten und jahrzehntelangen CIA-Mitarbeiter, stellt die Kaida mit Abstand die grösste Gefahr dar, weil sie sich bereits seit vielen Jahren darum bemüht, an Massenvernichtungswaffen zu kommen. Ihr Chef, Usama bin Ladin, hatte bereits 1998 öffentlich erklärt: «Es ist die Pflicht der Muslime, in den Besitz einer nuklearen Bombe zu kommen, um die Feinde Gottes zu terrorisieren.» Bruce Riedel von der Brookings Institution wiederum weist warnend darauf hin, dass nicht nur die Kaida, sondern auch andere Terrorgruppen in Pakistan wie die Lashkar-e Toiba nach Nuklearmaterial strebten. Die Hochburg der Lashkar ist der Punjab, wo auch die meisten Armeeoffiziere rekrutiert werden. Zwischen dem Militär und der Gruppe bestehen traditionell enge Bande, und die Gefahr, dass Letztere an Insiderwissen gelangt, ist laut Riedel deshalb gross.
Pakistans gefährliches Atomprogramm
Politische Instabilität und die Präsenz von Terrorgruppen bilden ein nur schwer zu kalkulierendes Risiko
Die Furcht wächst, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Laut Experten stellt das politisch instabile Pakistan mit seinem Nukleararsenal in einem solchen Szenario der grösste Schwachpunkt dar.
Andrea Spalinger, Delhi
Regierungsvertreter aus 47 Staaten sind letzte Woche in Washington zu einem Gipfel über Nuklearsicherheit zusammengetroffen. In erster Linie ging es dabei in den Worten des Gastgebers, Barack Obama, um die «grösste Bedrohung für die globale Sicherheit», die Gefahr, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Während das Risiko eines atomaren Konflikts seit dem Ende des Kalten Krieges gesunken sei, sei die Gefahr eines nuklearen Anschlags sehr viel grösser geworden, so die Warnung des amerikanischen Präsidenten. Sollten Terrorgruppen in den Besitz hochangereicherten Urans oder von Plutonium kommen, hätte dies unvorstellbare Konsequenzen, sagte er und rief zu konkreten Schritten zur Sicherung des nuklearen Materials auf.
Ein altes Sorgenkind
Das grösste Sorgenkind der Amerikaner diesbezüglich ist Pakistan. Über das Proliferations-Netzwerk des langjährigen Chefs....
20. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
Pakistans gefährliches Atomprogramm
Politische Instabilität und die Präsenz von Terrorgruppen bilden ein nur schwer zu kalkulierendes Risiko
Die Furcht wächst, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Laut Experten stellt das politisch instabile Pakistan mit seinem Nukleararsenal in einem solchen Szenario der grösste Schwachpunkt dar.
Andrea Spalinger, Delhi
Regierungsvertreter aus 47 Staaten sind letzte Woche in Washington zu einem Gipfel über Nuklearsicherheit zusammengetroffen. In erster Linie ging es dabei in den Worten des Gastgebers, Barack Obama, um die «grösste Bedrohung für die globale Sicherheit», die Gefahr, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Während das Risiko eines atomaren Konflikts seit dem Ende des Kalten Krieges gesunken sei, sei die Gefahr eines nuklearen Anschlags sehr viel grösser geworden, so die Warnung des amerikanischen Präsidenten. Sollten Terrorgruppen in den Besitz hochangereicherten Urans oder von Plutonium kommen, hätte dies unvorstellbare Konsequenzen, sagte er und rief zu konkreten Schritten zur Sicherung des nuklearen Materials auf.
Ein altes Sorgenkind
Das grösste Sorgenkind der Amerikaner diesbezüglich ist Pakistan. Über das Proliferations-Netzwerk des langjährigen Chefs des pakistanischen Atomprogramms, Abdul Qadeer Khan, sind Staaten wie Libyen, Nordkorea und Iran in den Besitz geheimer Atomtechnologie gelangt. 2003 flogen Khans Aktivitäten zwar auf, doch viele Fragen bleiben unbeantwortet und das Ausmass des Skandals unklar. Pakistans Behörden haben weder den Amerikanern noch der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) erlaubt, den Atomschmuggler zu verhören. Dies dürfte nicht nur damit zu tun haben, dass Khan in Pakistan als «Vater der Atombombe» ein Volksheld ist, sondern auch damit, dass seine kriminellen Geschäfte ohne Wissen der Armee kaum möglich gewesen wären.
Neben der dubiosen Vergangenheit bereitet Nuklearexperten auch die gegenwärtige Instabilität Pakistans Kopfzerbrechen. Während sein Atomwaffenarsenal rasant wächst, tummeln sich in dem Land die meistgesuchten Terroristen der Welt. Ein vergangene Woche vom Belfer Center for Science and International Affairs der Universität Harvard und der Nuclear Threat Initiative herausgegebener Bericht («Securing the Bomb») stellt denn auch fest, die Gefahr eines nuklearen Lecks sei nirgendwo grösser als in Pakistan. Das südasiatische Land hat die Sicherheitsmassnahmen in den letzten Jahren zwar hochgefahren und zum Schutz seines Atomarsenals eine Strategic Plans Division geschaffen, der 10 000 speziell ausgewählte und ausgebildete Sicherheitskräfte angehören. Experten zweifeln jedoch daran, dass diese Truppe der Gefahr gewachsen ist. Sowohl der Diebstahl von nuklearem Material durch Insider als auch ein Terrorangriff auf Atomanlagen seien weiterhin realistische Szenarien, schreibt der Autor des Berichts, Matthew Bunn. Wenn Terrorgruppen zu spektakulären Angriffen auf schwer gesicherte Ziele wie das Armeehauptquartier in Rawalpindi in der Lage seien, seien auch die über das ganze Land verteilten Reaktoren, nuklearen Forschungsanlagen und Waffenlager nicht sicher. Da traditionell enge Beziehungen zwischen den Sicherheitskräften und islamistischen Gruppen bestünden, könnte es Letzteren zudem gelingen, Spione in nukleare Anlagen einzuschleusen, befürchtet Bunn.
Neue Reaktoren
Besorgniserregend ist nicht zuletzt, dass Islamabad die Produktion von waffenfähigem Spaltmaterial derzeit ausweitet. Es baut drei neue Reaktoren zur Herstellung von Plutonium für eine neue Generation von Atomwaffen, und der amerikanische Geheimdienst CIA hat auf Satellitenbildern bereits erste Dampffahnen über einem der Kühltürme entdeckt. Pakistan hat den Bau offiziell nicht bestätigt, hinter vorgehaltener Hand argumentieren Regierungsbeamte aber, angesichts der indischen Bedrohung brauche man dringend neue Reaktoren. In der Tat produziert auch Indien derzeit neues waffenfähiges Plutonium in Anlagen, die vom Nuklearabkommen mit den USA (das nur die zivile Nutzung von Atomenergie umfasst) ausgeschlossen sind und von der IAEA nicht besichtigt werden können. Nach Schätzungen des Belfer Center lagern weltweit über 23 000 Atomwaffen, und mit den globalen Beständen an hochangereichertem Uran (1600 Tonnen) und Plutonium (500 Tonnen) könnten insgesamt etwa 200 000 Bomben hergestellt werden. Pakistan verfügt mit 70 bis 90 Nuklearsprengköpfen somit über ein eher bescheidenes Arsenal. Da ein kleiner Teil waffenfähigen Spaltmaterials allerdings ausreicht, um unvorstellbaren Schaden anzurichten, tut dies wenig zu Sache.
Beteuerungen Gilanis
Der Harvard-Professor Bunn ist nur einer von vielen Nonproliferations-Experten, die vor einem Leck in Pakistan warnen. Dennoch wurde über das Thema beim Gipfeltreffen in Washington nicht offiziell diskutiert. Das nukleare Wettrüsten in Südasien sei politisch zu heikel, als dass es auf die Tagesordnung hätte gesetzt werden können, verlautete aus Regierungskreisen. Präsident Obama sprach seine Bedenken nur in einem privaten Treffen mit Premierminister Gilani vor dem Gipfel an. Dabei soll er auch seinem Unmut darüber Luft gemacht haben, dass Islamabad Verhandlungen über einen Vertrag blockiert, der die Produktion von neuem Spaltmaterial weltweit stoppen soll.
Gilani versicherte in Washington zum wiederholten Male, Pakistan sei ein verantwortungsvoller Atomstaat und seine Nuklearwaffen seien in sicherer Hand. Auch die Armeeführung, die de facto die Kontrolle über das Atomprogramm hat, behauptet, das Kapitel Khan sei abgeschlossen und die nuklearen Geheimnisse seien heute sicher.
Nicht nur al-Kaida
Laut Rolf Mowatt-Larssen, einem Terrorexperten und jahrzehntelangen CIA-Mitarbeiter, stellt die Kaida mit Abstand die grösste Gefahr dar, weil sie sich bereits seit vielen Jahren darum bemüht, an Massenvernichtungswaffen zu kommen. Ihr Chef, Usama bin Ladin, hatte bereits 1998 öffentlich erklärt: «Es ist die Pflicht der Muslime, in den Besitz einer nuklearen Bombe zu kommen, um die Feinde Gottes zu terrorisieren.» Bruce Riedel von der Brookings Institution wiederum weist warnend darauf hin, dass nicht nur die Kaida, sondern auch andere Terrorgruppen in Pakistan wie die Lashkar-e Toiba nach Nuklearmaterial strebten. Die Hochburg der Lashkar ist der Punjab, wo auch die meisten Armeeoffiziere rekrutiert werden. Zwischen dem Militär und der Gruppe bestehen traditionell enge Bande, und die Gefahr, dass Letztere an Insiderwissen gelangt, ist laut Riedel deshalb gross.
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Mittwoch, März 31, 2010
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Tages Anzeiger Online 30.03.2010
Kultur
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Es ist der Traum vieler religiöser Menschen: endlich die vielen Zweifel am Glauben loszuwerden. Die Sozialphilosophen Peter L. Berger und Anton Zijderveld räumen mit dieser Hoffnung auf.
Das Buch
Peter L. Berger/Anton Zijderveld: «Lob des Zweifels», Kreuz Verlag, 179 Seiten, 29,50 Franken.
In ihrem Buch «Lob des Zweifels» erklären sie, weshalb ein allzu sicherer Glaube für das Zusammenleben der Menschen sogar gefährlich werden kann. Leicht hat man es heute nicht mit seinem Glauben, das geben die Autoren zu.
Egal mit wem man redet oder was man liest - überall trifft man auf Überzeugungen, die so gar nicht in das eigene Weltbild passen wollen. Unwillkürlich beginnt man zu überlegen, wer denn wohl recht hat? Da ist zum Beispiel der Christ, der mit dem Glauben seines muslimischen Arbeitskollegen konfrontiert wird. Oder der Herr, der einer Dame aus Höflichkeit den Vortritt lassen .....
Tages Anzeiger Online 30.03.2010
Kultur
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Es ist der Traum vieler religiöser Menschen: endlich die vielen Zweifel am Glauben loszuwerden. Die Sozialphilosophen Peter L. Berger und Anton Zijderveld räumen mit dieser Hoffnung auf.
Das Buch
Peter L. Berger/Anton Zijderveld: «Lob des Zweifels», Kreuz Verlag, 179 Seiten, 29,50 Franken.
In ihrem Buch «Lob des Zweifels» erklären sie, weshalb ein allzu sicherer Glaube für das Zusammenleben der Menschen sogar gefährlich werden kann. Leicht hat man es heute nicht mit seinem Glauben, das geben die Autoren zu.
Egal mit wem man redet oder was man liest - überall trifft man auf Überzeugungen, die so gar nicht in das eigene Weltbild passen wollen. Unwillkürlich beginnt man zu überlegen, wer denn wohl recht hat? Da ist zum Beispiel der Christ, der mit dem Glauben seines muslimischen Arbeitskollegen konfrontiert wird. Oder der Herr, der einer Dame aus Höflichkeit den Vortritt lassen will, aber von einer emanzipierten Frau brüsk zurückgewiesen wird. Ständig müssen Menschen ihre Meinungen und Verhaltensweisen überdenken, schreiben Berger und Zijderveld.
Gefahr einfacher Wahrheiten
«Man könnte ohne grosse Übertreibung sagen, dass die Moderne unter einer Übersättigung an Selbstreflexion leidet. Kein Wunder, dass so viele Menschen heute ständig nervös und mit den Nerven am Ende sind», heisst es in ihrem Buch. Die fast schon logische Folge ist eine Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten.
Und diese Sehnsucht endet leicht im Fanatismus, denn wer fanatisch eine bestimmte Weltanschauung vertritt, muss nicht mehr zweifeln, schreiben die Autoren. «Fanatiker sind tatsächlich mehr mit sich im Frieden.» Sie sehen sich als «wahre Gläubige», weil sie frei von Zweifeln sind.
Berger und Zijderveld machen zwei Positionen aus, in die sich irritierte Gläubige flüchten können: Die eine ist der Relativismus, für den es keine objektive Wahrheit gibt. Die andere ist der Fundamentalismus, der sich in vormoderne Traditionen flüchtet.
«Klima gesunden Zweifels»
Für das praktische Leben hat beides fatale Auswirkungen, betonen den Autoren: Im Relativismus ist das Interesse eines Vergewaltigers ebenso legitim wie das seines Opfers. Der Fundamentalismus würde hingegen nicht akzeptieren, dass ein Muslim in einem christlichen Land seinen Glauben praktiziert. Keine dieser Positionen kann Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in einer modernen Gesellschaft sein. Folglich ist der Zweifel eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliches Miteinander.
«Aufrichtiger und konsistenter Zweifel ist die Quelle der Toleranz», wie es im Buch heisst. Allerdings: Übertriebener Zweifel führt zu Verzagtheit. Es braucht also ein Gleichgewicht zwischen Gewissheit und Zweifel, ein «Klima gesunden Zweifels».
Auf hohem Niveau zweifeln
Sein ganzes Leben lang hat sich der heute 81-jährige Religionssoziologe Berger mit der Frage beschäftigt, wie sich der Verlust von Gewissheiten auf die Beziehungen zwischen Menschen und Völkern auswirkt. Dafür bekommt er im Mai den Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen verliehen. Mit dem «Lob des Zweifels» hat er seine Erkenntnisse nun leicht verständlich für ein breites Publikum aufbereitet, ohne dabei oberflächlich zu werden.
Amüsant ist die Lektüre noch dazu, denn wo immer möglich veranschaulichen Berger und Zijderveld ihre Gedankengänge an herrlich pointierten Alltags-Situationen. Nach der Lektüre zweifelt man zumindest auf hohem Niveau. (rb/sda)
Kultur
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Es ist der Traum vieler religiöser Menschen: endlich die vielen Zweifel am Glauben loszuwerden. Die Sozialphilosophen Peter L. Berger und Anton Zijderveld räumen mit dieser Hoffnung auf.
Das Buch
Peter L. Berger/Anton Zijderveld: «Lob des Zweifels», Kreuz Verlag, 179 Seiten, 29,50 Franken.
In ihrem Buch «Lob des Zweifels» erklären sie, weshalb ein allzu sicherer Glaube für das Zusammenleben der Menschen sogar gefährlich werden kann. Leicht hat man es heute nicht mit seinem Glauben, das geben die Autoren zu.
Egal mit wem man redet oder was man liest - überall trifft man auf Überzeugungen, die so gar nicht in das eigene Weltbild passen wollen. Unwillkürlich beginnt man zu überlegen, wer denn wohl recht hat? Da ist zum Beispiel der Christ, der mit dem Glauben seines muslimischen Arbeitskollegen konfrontiert wird. Oder der Herr, der einer Dame aus Höflichkeit den Vortritt lassen .....
Tages Anzeiger Online 30.03.2010
Kultur
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Es ist der Traum vieler religiöser Menschen: endlich die vielen Zweifel am Glauben loszuwerden. Die Sozialphilosophen Peter L. Berger und Anton Zijderveld räumen mit dieser Hoffnung auf.
Das Buch
Peter L. Berger/Anton Zijderveld: «Lob des Zweifels», Kreuz Verlag, 179 Seiten, 29,50 Franken.
In ihrem Buch «Lob des Zweifels» erklären sie, weshalb ein allzu sicherer Glaube für das Zusammenleben der Menschen sogar gefährlich werden kann. Leicht hat man es heute nicht mit seinem Glauben, das geben die Autoren zu.
Egal mit wem man redet oder was man liest - überall trifft man auf Überzeugungen, die so gar nicht in das eigene Weltbild passen wollen. Unwillkürlich beginnt man zu überlegen, wer denn wohl recht hat? Da ist zum Beispiel der Christ, der mit dem Glauben seines muslimischen Arbeitskollegen konfrontiert wird. Oder der Herr, der einer Dame aus Höflichkeit den Vortritt lassen will, aber von einer emanzipierten Frau brüsk zurückgewiesen wird. Ständig müssen Menschen ihre Meinungen und Verhaltensweisen überdenken, schreiben Berger und Zijderveld.
Gefahr einfacher Wahrheiten
«Man könnte ohne grosse Übertreibung sagen, dass die Moderne unter einer Übersättigung an Selbstreflexion leidet. Kein Wunder, dass so viele Menschen heute ständig nervös und mit den Nerven am Ende sind», heisst es in ihrem Buch. Die fast schon logische Folge ist eine Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten.
Und diese Sehnsucht endet leicht im Fanatismus, denn wer fanatisch eine bestimmte Weltanschauung vertritt, muss nicht mehr zweifeln, schreiben die Autoren. «Fanatiker sind tatsächlich mehr mit sich im Frieden.» Sie sehen sich als «wahre Gläubige», weil sie frei von Zweifeln sind.
Berger und Zijderveld machen zwei Positionen aus, in die sich irritierte Gläubige flüchten können: Die eine ist der Relativismus, für den es keine objektive Wahrheit gibt. Die andere ist der Fundamentalismus, der sich in vormoderne Traditionen flüchtet.
«Klima gesunden Zweifels»
Für das praktische Leben hat beides fatale Auswirkungen, betonen den Autoren: Im Relativismus ist das Interesse eines Vergewaltigers ebenso legitim wie das seines Opfers. Der Fundamentalismus würde hingegen nicht akzeptieren, dass ein Muslim in einem christlichen Land seinen Glauben praktiziert. Keine dieser Positionen kann Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in einer modernen Gesellschaft sein. Folglich ist der Zweifel eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliches Miteinander.
«Aufrichtiger und konsistenter Zweifel ist die Quelle der Toleranz», wie es im Buch heisst. Allerdings: Übertriebener Zweifel führt zu Verzagtheit. Es braucht also ein Gleichgewicht zwischen Gewissheit und Zweifel, ein «Klima gesunden Zweifels».
Auf hohem Niveau zweifeln
Sein ganzes Leben lang hat sich der heute 81-jährige Religionssoziologe Berger mit der Frage beschäftigt, wie sich der Verlust von Gewissheiten auf die Beziehungen zwischen Menschen und Völkern auswirkt. Dafür bekommt er im Mai den Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen verliehen. Mit dem «Lob des Zweifels» hat er seine Erkenntnisse nun leicht verständlich für ein breites Publikum aufbereitet, ohne dabei oberflächlich zu werden.
Amüsant ist die Lektüre noch dazu, denn wo immer möglich veranschaulichen Berger und Zijderveld ihre Gedankengänge an herrlich pointierten Alltags-Situationen. Nach der Lektüre zweifelt man zumindest auf hohem Niveau. (rb/sda)
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Freitag, März 05, 2010
Mamablog: «Der Feminismus vergiftet das Klima»
Tages Anzeiger - Mamablog
Nicole Althaus am Mittwoch den 3. März 2010
«Der Feminismus vergiftet das Klima»
(Kommtare zum Beitrag finden sich auf dem "Mamablog" des Tages-Anzeigers:
Klick hier)
Der bekannte Bremer Soziologe Gerhard Amendt sorgt regelmässig für Wirbel im gängigen Geschlechter-Diskurs: Er hat 2004 mit seiner grossen Scheidungsväterstudie die juristische Diskriminierung der Männer in der Familie zum Thema gemacht und letztes Jahr mit seiner Forderung, sämtliche Frauenhäuser zu schliessen, in Deutschland eine politische Debatte ausgelöst. Anlässlich seines Auftritts am NZZ-Podium morgen Donnerstag, sprach der Mamablog mit Gerhard Amendt über Feminismus, Gender und das neue Arrangement der Geschlechter.
Gerhard Amendt, was ist das grösste Missverständnis zwischen Mann und Frau?
Gerhard Amendt: Dass Männer meinen, sie müssten weiterhin die Frau versorgen. Und dass Frauen glauben, der Mann sei nur ein guter Vater, wenn er sich so verhält, wie sie sich als Mutter verhalten. An diesen Missverständnissen reibt sich vieles. Untersuchungen zeigen, dass Männer Frauen nicht diskriminieren wollen, sondern meinen, sie beschützen zu müssen. Wenn Frauen stets als Opfer beschrieben werden, setzt das paradoxerweise die tradierte Versorgermentalität von Neuem in Bewegung.
Ist an allem die Emanzipation schuld?
Man muss klar zwischen der.....
Tages Anzeiger - Mamablog
Nicole Althaus am Mittwoch den 3. März 2010
«Der Feminismus vergiftet das Klima»
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Der bekannte Bremer Soziologe Gerhard Amendt sorgt regelmässig für Wirbel im gängigen Geschlechter-Diskurs: Er hat 2004 mit seiner grossen Scheidungsväterstudie die juristische Diskriminierung der Männer in der Familie zum Thema gemacht und letztes Jahr mit seiner Forderung, sämtliche Frauenhäuser zu schliessen, in Deutschland eine politische Debatte ausgelöst. Anlässlich seines Auftritts am NZZ-Podium morgen Donnerstag, sprach der Mamablog mit Gerhard Amendt über Feminismus, Gender und das neue Arrangement der Geschlechter.
Gerhard Amendt, was ist das grösste Missverständnis zwischen Mann und Frau?
Gerhard Amendt: Dass Männer meinen, sie müssten weiterhin die Frau versorgen. Und dass Frauen glauben, der Mann sei nur ein guter Vater, wenn er sich so verhält, wie sie sich als Mutter verhalten. An diesen Missverständnissen reibt sich vieles. Untersuchungen zeigen, dass Männer Frauen nicht diskriminieren wollen, sondern meinen, sie beschützen zu müssen. Wenn Frauen stets als Opfer beschrieben werden, setzt das paradoxerweise die tradierte Versorgermentalität von Neuem in Bewegung.
Ist an allem die Emanzipation schuld?
Man muss klar zwischen der Frauenbewegung und dem Feminismus unterscheiden. Die Frauenbewegung stand für die Selbstermächtigung der Frau. Der Feminismus steht für das Gegenteil: Er macht alle Frauen zu Opfern und Männer kollektiv zu Henkern. Der Feminismus hat das Klima zwischen den Geschlechtern vergiftet. Diese Vergiftung können wir uns gesellschaftlich nicht mehr leisten. Wenn wir nur noch in Feindkategorien denken, wird der Wunsch nach Familie permanent desavouiert.
Wie kommt der Geschlechterdiskurs aus dieser Fixierung heraus?
Man muss aufhören in der biologischen Kategorie von Mann und Frau zu denken. Frau und Mann sind vielmehr soziale und psychologische Kategorien. Der Unterschied zwischen der Lebensrealität von Frauen und Männern in der Oberschicht und jenen in der Unterschicht sind heute viel grösser als der Unterschied zwischen der Lebensrealität der Geschlechter. Der Diskurs muss also die Probleme der Geschlechter schichtsspezifisch ins Auge fassen.
Was ist politisch zu tun?
Als Erstes muss man die Gelder für Genderstudies streichen. Diese Forschungsrichtung betreibt bloss Selbstbespiegelung, sie vermittelt keine Berufsqualifikation und trägt zur Problemlösung nichts bei. Die Geisteswissenschaften müssen vielmehr wieder zur Lösung von konkreten Problemen wie früher üblich zurückkehren. Zweitens sollen schrittweise sämtliche Frauenhäuser geschlossen und die Gelder in Zentren für Familien mit Gewaltproblemen investiert werden. Das habe ich den erfolgreichen Organisatoren des ersten Männerhauses der Schweiz als erstrebenswerte Perspektive vorgeschlagen. In Amerika setzen sich diese Familieninstitutionen durch, seit Untersuchungen bewiesen haben, dass Frauenhäuser den Frauen und Männern nicht helfen, im Gegenteil: Sie haben eine höhere Rückfälligkeit an Gewalthandlungen als andere neu entwickelte Institutionen mit neu konzipierten Hilfeverfahren.
Wie begegnen sich Frauen und Männer konstruktiv?
Beide müssen aus dem Zustand der Kränkung herauskommen. Und dann muss sich jedes Paar ganz konkret über Perspektiven unterhalten. Und zwar zu Beginn einer Beziehung. Darüber,ob man eine Familie gründen will und wie diese dann organisiert werden soll. Männer müssen sich fragen, ob sie es aushalten, wenn die Partnerin nicht nur ein bisschen zuverdient, sondern Karriere macht. Frauen müssen sich ehrlich hinterfragen, ob sie wirklich bereit sind, Verantwortung für das Einkommen zu übernehmen. Veränderungen können nur gemeinsam gemacht werden. Und Vereinbarungen nur individuell und abhängig von den konkreten Optionen des Paares getroffen werden. Das ist ein guter Anfang!
Nicole Althaus am Mittwoch den 3. März 2010
«Der Feminismus vergiftet das Klima»
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Der bekannte Bremer Soziologe Gerhard Amendt sorgt regelmässig für Wirbel im gängigen Geschlechter-Diskurs: Er hat 2004 mit seiner grossen Scheidungsväterstudie die juristische Diskriminierung der Männer in der Familie zum Thema gemacht und letztes Jahr mit seiner Forderung, sämtliche Frauenhäuser zu schliessen, in Deutschland eine politische Debatte ausgelöst. Anlässlich seines Auftritts am NZZ-Podium morgen Donnerstag, sprach der Mamablog mit Gerhard Amendt über Feminismus, Gender und das neue Arrangement der Geschlechter.
Gerhard Amendt, was ist das grösste Missverständnis zwischen Mann und Frau?
Gerhard Amendt: Dass Männer meinen, sie müssten weiterhin die Frau versorgen. Und dass Frauen glauben, der Mann sei nur ein guter Vater, wenn er sich so verhält, wie sie sich als Mutter verhalten. An diesen Missverständnissen reibt sich vieles. Untersuchungen zeigen, dass Männer Frauen nicht diskriminieren wollen, sondern meinen, sie beschützen zu müssen. Wenn Frauen stets als Opfer beschrieben werden, setzt das paradoxerweise die tradierte Versorgermentalität von Neuem in Bewegung.
Ist an allem die Emanzipation schuld?
Man muss klar zwischen der.....
Tages Anzeiger - Mamablog
Nicole Althaus am Mittwoch den 3. März 2010
«Der Feminismus vergiftet das Klima»
(Kommtare zum Beitrag finden sich auf dem "Mamablog" des Tages-Anzeigers:
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Der bekannte Bremer Soziologe Gerhard Amendt sorgt regelmässig für Wirbel im gängigen Geschlechter-Diskurs: Er hat 2004 mit seiner grossen Scheidungsväterstudie die juristische Diskriminierung der Männer in der Familie zum Thema gemacht und letztes Jahr mit seiner Forderung, sämtliche Frauenhäuser zu schliessen, in Deutschland eine politische Debatte ausgelöst. Anlässlich seines Auftritts am NZZ-Podium morgen Donnerstag, sprach der Mamablog mit Gerhard Amendt über Feminismus, Gender und das neue Arrangement der Geschlechter.
Gerhard Amendt, was ist das grösste Missverständnis zwischen Mann und Frau?
Gerhard Amendt: Dass Männer meinen, sie müssten weiterhin die Frau versorgen. Und dass Frauen glauben, der Mann sei nur ein guter Vater, wenn er sich so verhält, wie sie sich als Mutter verhalten. An diesen Missverständnissen reibt sich vieles. Untersuchungen zeigen, dass Männer Frauen nicht diskriminieren wollen, sondern meinen, sie beschützen zu müssen. Wenn Frauen stets als Opfer beschrieben werden, setzt das paradoxerweise die tradierte Versorgermentalität von Neuem in Bewegung.
Ist an allem die Emanzipation schuld?
Man muss klar zwischen der Frauenbewegung und dem Feminismus unterscheiden. Die Frauenbewegung stand für die Selbstermächtigung der Frau. Der Feminismus steht für das Gegenteil: Er macht alle Frauen zu Opfern und Männer kollektiv zu Henkern. Der Feminismus hat das Klima zwischen den Geschlechtern vergiftet. Diese Vergiftung können wir uns gesellschaftlich nicht mehr leisten. Wenn wir nur noch in Feindkategorien denken, wird der Wunsch nach Familie permanent desavouiert.
Wie kommt der Geschlechterdiskurs aus dieser Fixierung heraus?
Man muss aufhören in der biologischen Kategorie von Mann und Frau zu denken. Frau und Mann sind vielmehr soziale und psychologische Kategorien. Der Unterschied zwischen der Lebensrealität von Frauen und Männern in der Oberschicht und jenen in der Unterschicht sind heute viel grösser als der Unterschied zwischen der Lebensrealität der Geschlechter. Der Diskurs muss also die Probleme der Geschlechter schichtsspezifisch ins Auge fassen.
Was ist politisch zu tun?
Als Erstes muss man die Gelder für Genderstudies streichen. Diese Forschungsrichtung betreibt bloss Selbstbespiegelung, sie vermittelt keine Berufsqualifikation und trägt zur Problemlösung nichts bei. Die Geisteswissenschaften müssen vielmehr wieder zur Lösung von konkreten Problemen wie früher üblich zurückkehren. Zweitens sollen schrittweise sämtliche Frauenhäuser geschlossen und die Gelder in Zentren für Familien mit Gewaltproblemen investiert werden. Das habe ich den erfolgreichen Organisatoren des ersten Männerhauses der Schweiz als erstrebenswerte Perspektive vorgeschlagen. In Amerika setzen sich diese Familieninstitutionen durch, seit Untersuchungen bewiesen haben, dass Frauenhäuser den Frauen und Männern nicht helfen, im Gegenteil: Sie haben eine höhere Rückfälligkeit an Gewalthandlungen als andere neu entwickelte Institutionen mit neu konzipierten Hilfeverfahren.
Wie begegnen sich Frauen und Männer konstruktiv?
Beide müssen aus dem Zustand der Kränkung herauskommen. Und dann muss sich jedes Paar ganz konkret über Perspektiven unterhalten. Und zwar zu Beginn einer Beziehung. Darüber,ob man eine Familie gründen will und wie diese dann organisiert werden soll. Männer müssen sich fragen, ob sie es aushalten, wenn die Partnerin nicht nur ein bisschen zuverdient, sondern Karriere macht. Frauen müssen sich ehrlich hinterfragen, ob sie wirklich bereit sind, Verantwortung für das Einkommen zu übernehmen. Veränderungen können nur gemeinsam gemacht werden. Und Vereinbarungen nur individuell und abhängig von den konkreten Optionen des Paares getroffen werden. Das ist ein guter Anfang!
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Sonntag, Januar 24, 2010
Atheist Ireland Publishes 25 Blasphemous Quotes
Atheist Ireland Publishes 25 Blasphemous Quotes
Filed under: Atheist Ireland, Campaign, Freedom of Speech, Is this Blasphemy?, Quotes — Michael Nugent @ 12:33 am
From today, 1 January 2010, the new Irish blasphemy law becomes operational, and we begin our campaign to have it repealed. Blasphemy is now a crime punishable by a €25,000 fine. The new law defines blasphemy as publishing or uttering matter that is grossly abusive or insulting in relation to matters held sacred by any religion, thereby intentionally causing outrage among a substantial number of adherents of that religion, with some defences permitted.
This new law is both silly and dangerous. It is silly because medieval religious laws have no place in a modern secular republic, where the criminal law should protect people and not ideas. And it is dangerous because it incentivises religious outrage, and because Islamic States led by Pakistan are already using the wording of this Irish law to promote new blasphemy laws at UN level.
We believe in the golden rule: that we have a right to be treated justly, and that we have a responsibility to treat other people justly. Blasphemy laws are unjust: they silence people in order to protect ideas. In a civilised society, people have a right to to express and to hear ideas about religion even if other people find those ideas to be outrageous.
Publication of 25 blasphemous quotes
In this context we now publish a list of 25 blasphemous quotes, which have previously been published by or uttered by or attributed to Jesus Christ, Muhammad, Mark Twain, Tom Lehrer, Randy Newman, James Kirkup, Monty Python, Rev Ian Paisley, Conor Cruise O’Brien, Frank Zappa, Salman Rushdie, Bjork, Amanda Donohoe, George Carlin, Paul Woodfull, Jerry Springer the Opera, Tim Minchin, Richard Dawkins, Pope Benedict XVI, Christopher Hitchens, PZ Myers, Ian O’Doherty, Cardinal Cormac Murphy-O’Connor and Dermot Ahern.
Despite these quotes being abusive and insulting in relation to matters held sacred by various religions, we unreservedly support the right of these people to have published or uttered them, and we unreservedly support the right of any Irish citizen to make comparable statements about matters held sacred by any religion without fear of being criminalised, and without having to prove to a court that a reasonable person would find any particular value in the statement.
Campaign begins to repeal the Irish blasphemy law
We ask Fianna Fail and the Green Party to repeal their anachronistic blasphemy law, as part of the revision of the Defamation Act that is included within the Act. We ask them to hold a referendum to remove the reference to blasphemy from the Irish Constitution.
We also ask all TDs and Senators to support a referendum to remove references to God from the Irish Constitution, including the clauses that prevent atheists from being appointed as President of Ireland or as a Judge without swearing a religious oath asking God to direct them in their work.
If you run a website, blog or other media publication, please feel free to republish this statement and the list of quotes yourself, in order to show your support for the campaign to repeal the Irish blasphemy law and to promote a rational, ethical, secular Ireland.
List of 25 Blasphemous Quotes Published by Atheist Ireland.....
List of 25 Blasphemous Quotes Published by Atheist Ireland
1. Jesus Christ, when asked if he was the son of God, in Matthew 26:64: “Thou hast said: nevertheless I say unto you, Hereafter shall ye see the Son of man sitting on the right hand of power, and coming in the clouds of heaven.” According to the Christian Bible, the Jewish chief priests and elders and council deemed this statement by Jesus to be blasphemous, and they sentenced Jesus to death for saying it.
2. Jesus Christ, talking to Jews about their God, in John 8:44: “Ye are of your father the devil, and the lusts of your father ye will do. He was a murderer from the beginning, and abode not in the truth, because there is no truth in him.” This is one of several chapters in the Christian Bible that can give a scriptural foundation to Christian anti-Semitism. The first part of John 8, the story of “whoever is without sin cast the first stone”, was not in the original version, but was added centuries later. The original John 8 is a debate between Jesus and some Jews. In brief, Jesus calls the Jews who disbelieve him sons of the Devil, the Jews try to stone him, and Jesus runs away and hides.
3. Muhammad, quoted in Hadith of Bukhari, Vol 1 Book 8 Hadith 427: “May Allah curse the Jews and Christians for they built the places of worship at the graves of their prophets.” This quote is attributed to Muhammad on his death-bed as a warning to Muslims not to copy this practice of the Jews and Christians. It is one of several passages in the Koran and in Hadith that can give a scriptural foundation to Islamic anti-Semitism, including the assertion in Sura 5:60 that Allah cursed Jews and turned some of them into apes and swine.
4. Mark Twain, describing the Christian Bible in Letters from the Earth, 1909: “Also it has another name – The Word of God. For the Christian thinks every word of it was dictated by God. It is full of interest. It has noble poetry in it; and some clever fables; and some blood-drenched history; and some good morals; and a wealth of obscenity; and upwards of a thousand lies… But you notice that when the Lord God of Heaven and Earth, adored Father of Man, goes to war, there is no limit. He is totally without mercy – he, who is called the Fountain of Mercy. He slays, slays, slays! All the men, all the beasts, all the boys, all the babies; also all the women and all the girls, except those that have not been deflowered. He makes no distinction between innocent and guilty… What the insane Father required was blood and misery; he was indifferent as to who furnished it.” Twain’s book was published posthumously in 1939. His daughter, Clara Clemens, at first objected to it being published, but later changed her mind in 1960 when she believed that public opinion had grown more tolerant of the expression of such ideas. That was half a century before Fianna Fail and the Green Party imposed a new blasphemy law on the people of Ireland.
5. Tom Lehrer, The Vatican Rag, 1963: “Get in line in that processional, step into that small confessional. There, the guy who’s got religion’ll tell you if your sin’s original. If it is, try playing it safer, drink the wine and chew the wafer. Two, four, six, eight, time to transubstantiate!”
6. Randy Newman, God’s Song, 1972: “And the Lord said: I burn down your cities – how blind you must be. I take from you your children, and you say how blessed are we. You all must be crazy to put your faith in me. That’s why I love mankind.”
7. James Kirkup, The Love That Dares to Speak its Name, 1976: “While they prepared the tomb I kept guard over him. His mother and the Magdalen had gone to fetch clean linen to shroud his nakedness. I was alone with him… I laid my lips around the tip of that great cock, the instrument of our salvation, our eternal joy. The shaft, still throbbed, anointed with death’s final ejaculation.” This extract is from a poem that led to the last successful blasphemy prosecution in Britain, when Denis Lemon was given a suspended prison sentence after he published it in the now-defunct magazine Gay News. In 2002, a public reading of the poem, on the steps of St. Martin-in-the-Fields church in Trafalgar Square, failed to lead to any prosecution. In 2008, the British Parliament abolished the common law offences of blasphemy and blasphemous libel.
8. Matthias, son of Deuteronomy of Gath, in Monty Python’s Life of Brian, 1979: “Look, I had a lovely supper, and all I said to my wife was that piece of halibut was good enough for Jehovah.”
9. Rev Ian Paisley MEP to the Pope in the European Parliament, 1988: “I denounce you as the Antichrist.” Paisley’s website describes the Antichrist as being “a liar, the true son of the father of lies, the original liar from the beginning… he will imitate Christ, a diabolical imitation, Satan transformed into an angel of light, which will deceive the world.”
10. Conor Cruise O’Brien, 1989: “In the last century the Arab thinker Jamal al-Afghani wrote: ‘Every Muslim is sick and his only remedy is in the Koran.’ Unfortunately the sickness gets worse the more the remedy is taken.”
11. Frank Zappa, 1989: “If you want to get together in any exclusive situation and have people love you, fine – but to hang all this desperate sociology on the idea of The Cloud-Guy who has The Big Book, who knows if you’ve been bad or good – and cares about any of it – to hang it all on that, folks, is the chimpanzee part of the brain working.”
12. Salman Rushdie, 1990: “The idea of the sacred is quite simply one of the most conservative notions in any culture, because it seeks to turn other ideas – uncertainty, progress, change – into crimes.” In 1989, Ayatollah Khomeini of Iran issued a fatwa ordering Muslims to kill Rushdie because of blasphemous passages in Rushdie’s novel The Satanic Verses.
13. Bjork, 1995: “I do not believe in religion, but if I had to choose one it would be Buddhism. It seems more livable, closer to men… I’ve been reading about reincarnation, and the Buddhists say we come back as animals and they refer to them as lesser beings. Well, animals aren’t lesser beings, they’re just like us. So I say fuck the Buddhists.”
14. Amanda Donohoe on her role in the Ken Russell movie Lair of the White Worm, 1995: “Spitting on Christ was a great deal of fun. I can’t embrace a male god who has persecuted female sexuality throughout the ages, and that persecution still goes on today all over the world.”
15. George Carlin, 1999: “Religion easily has the greatest bullshit story ever told. Think about it. Religion has actually convinced people that there’s an invisible man living in the sky who watches everything you do, every minute of every day. And the invisible man has a special list of ten things he does not want you to do. And if you do any of these ten things, he has a special place, full of fire and smoke and burning and torture and anguish, where he will send you to live and suffer and burn and choke and scream and cry forever and ever ’til the end of time! But He loves you. He loves you, and He needs money! He always needs money! He’s all-powerful, all-perfect, all-knowing, and all-wise, somehow just can’t handle money! Religion takes in billions of dollars, they pay no taxes, and they always need a little more. Now, talk about a good bullshit story. Holy Shit!”
16. Paul Woodfull as Ding Dong Denny O’Reilly, The Ballad of Jaysus Christ, 2000: “He said me ma’s a virgin and sure no one disagreed, Cause they knew a lad who walks on water’s handy with his feet… Jaysus oh Jaysus, as cool as bleedin’ ice, With all the scrubbers in Israel he could not be enticed, Jaysus oh Jaysus, it’s funny you never rode, Cause it’s you I do be shoutin’ for each time I shoot me load.”
17. Jesus Christ, in Jerry Springer The Opera, 2003: “Actually, I’m a bit gay.” In 2005, the Christian Institute tried to bring a prosecution against the BBC for screening Jerry Springer the Opera, but the UK courts refused to issue a summons.
18. Tim Minchin, Ten-foot Cock and a Few Hundred Virgins, 2005: “So you’re gonna live in paradise, With a ten-foot cock and a few hundred virgins, So you’re gonna sacrifice your life, For a shot at the greener grass, And when the Lord comes down with his shiny rod of judgment, He’s gonna kick my heathen ass.”
19. Richard Dawkins in The God Delusion, 2006: “The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it; a petty, unjust, unforgiving control-freak; a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser; a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.” In 2007 Turkish publisher Erol Karaaslan was charged with the crime of insulting believers for publishing a Turkish translation of The God Delusion. He was acquitted in 2008, but another charge was brought in 2009. Karaaslan told the court that “it is a right to criticise religions and beliefs as part of the freedom of thought and expression.”
20. Pope Benedict XVI quoting a 14th century Byzantine emperor, 2006: “Show me just what Muhammad brought that was new and there you will find things only evil and inhuman, such as his command to spread by the sword the faith he preached.” This statement has already led to both outrage and condemnation of the outrage. The Organisation of the Islamic Conference, the world’s largest Muslim body, said it was a “character assassination of the prophet Muhammad”. The Malaysian Prime Minister said that “the Pope must not take lightly the spread of outrage that has been created.” Pakistan’s foreign Ministry spokesperson said that “anyone who describes Islam as a religion as intolerant encourages violence”. The European Commission said that “reactions which are disproportionate and which are tantamount to rejecting freedom of speech are unacceptable.”
21. Christopher Hitchens in God is not Great, 2007: “There is some question as to whether Islam is a separate religion at all… Islam when examined is not much more than a rather obvious and ill-arranged set of plagiarisms, helping itself from earlier books and traditions as occasion appeared to require… It makes immense claims for itself, invokes prostrate submission or ‘surrender’ as a maxim to its adherents, and demands deference and respect from nonbelievers into the bargain. There is nothing-absolutely nothing-in its teachings that can even begin to justify such arrogance and presumption.”
22. PZ Myers, on the Roman Catholic communion host, 2008: “You would not believe how many people are writing to me, insisting that these horrible little crackers (they look like flattened bits of styrofoam) are literally pieces of their god, and that this omnipotent being who created the universe can actually be seriously harmed by some third-rate liberal intellectual at a third-rate university… However, inspired by an old woodcut of Jews stabbing the host, I thought of a simple, quick thing to do: I pierced it with a rusty nail (I hope Jesus’s tetanus shots are up to date). And then I simply threw it in the trash, followed by the classic, decorative items of trash cans everywhere, old coffeegrounds and a banana peel.”
23. Ian O’Doherty, 2009: “(If defamation of religion was illegal) it would be a crime for me to say that the notion of transubstantiation is so ridiculous that even a small child should be able to see the insanity and utter physical impossibility of a piece of bread and some wine somehow taking on corporeal form. It would be a crime for me to say that Islam is a backward desert superstition that has no place in modern, enlightened Europe and it would be a crime to point out that Jewish settlers in Israel who believe they have a God given right to take the land are, frankly, mad. All the above assertions will, no doubt, offend someone or other.”
24. Cardinal Cormac Murphy-O’Connor, 2009: “Whether a person is atheist or any other, there is in fact in my view something not totally human if they leave out the transcendent… we call it God… I think that if you leave that out you are not fully human.” Because atheism is not a religion, the Irish blasphemy law does not protect atheists from abusive and insulting statements about their fundamental beliefs. While atheists are not seeking such protection, we include the statement here to point out that it is discriminatory that this law does not hold all citizens equal.
25. Dermot Ahern, Irish Minister for Justice, introducing his blasphemy law at an Oireachtas Justice Committee meeting, 2009, and referring to comments made about him personally: “They are blasphemous.” Deputy Pat Rabbitte replied: “Given the Minister’s self-image, it could very well be that we are blaspheming,” and Minister Ahern replied: “Deputy Rabbitte says that I am close to the baby Jesus, I am so pure.” So here we have an Irish Justice Minister joking about himself being blasphemed, at a parliamentary Justice Committee discussing his own blasphemy law, that could make his own jokes illegal.
Finally, as a bonus, Micheal Martin, Irish Minister for Foreign Affairs, opposing attempts by Islamic States to make defamation of religion a crime at UN level, 2009: “We believe that the concept of defamation of religion is not consistent with the promotion and protection of human rights. It can be used to justify arbitrary limitations on, or the denial of, freedom of expression. Indeed, Ireland considers that freedom of expression is a key and inherent element in the manifestation of freedom of thought and conscience and as such is complementary to freedom of religion or belief.” Just months after Minister Martin made this comment, his colleague Dermot Ahern introduced Ireland’s new blasphemy law.
Filed under: Atheist Ireland, Campaign, Freedom of Speech, Is this Blasphemy?, Quotes — Michael Nugent @ 12:33 am
From today, 1 January 2010, the new Irish blasphemy law becomes operational, and we begin our campaign to have it repealed. Blasphemy is now a crime punishable by a €25,000 fine. The new law defines blasphemy as publishing or uttering matter that is grossly abusive or insulting in relation to matters held sacred by any religion, thereby intentionally causing outrage among a substantial number of adherents of that religion, with some defences permitted.
This new law is both silly and dangerous. It is silly because medieval religious laws have no place in a modern secular republic, where the criminal law should protect people and not ideas. And it is dangerous because it incentivises religious outrage, and because Islamic States led by Pakistan are already using the wording of this Irish law to promote new blasphemy laws at UN level.
We believe in the golden rule: that we have a right to be treated justly, and that we have a responsibility to treat other people justly. Blasphemy laws are unjust: they silence people in order to protect ideas. In a civilised society, people have a right to to express and to hear ideas about religion even if other people find those ideas to be outrageous.
Publication of 25 blasphemous quotes
In this context we now publish a list of 25 blasphemous quotes, which have previously been published by or uttered by or attributed to Jesus Christ, Muhammad, Mark Twain, Tom Lehrer, Randy Newman, James Kirkup, Monty Python, Rev Ian Paisley, Conor Cruise O’Brien, Frank Zappa, Salman Rushdie, Bjork, Amanda Donohoe, George Carlin, Paul Woodfull, Jerry Springer the Opera, Tim Minchin, Richard Dawkins, Pope Benedict XVI, Christopher Hitchens, PZ Myers, Ian O’Doherty, Cardinal Cormac Murphy-O’Connor and Dermot Ahern.
Despite these quotes being abusive and insulting in relation to matters held sacred by various religions, we unreservedly support the right of these people to have published or uttered them, and we unreservedly support the right of any Irish citizen to make comparable statements about matters held sacred by any religion without fear of being criminalised, and without having to prove to a court that a reasonable person would find any particular value in the statement.
Campaign begins to repeal the Irish blasphemy law
We ask Fianna Fail and the Green Party to repeal their anachronistic blasphemy law, as part of the revision of the Defamation Act that is included within the Act. We ask them to hold a referendum to remove the reference to blasphemy from the Irish Constitution.
We also ask all TDs and Senators to support a referendum to remove references to God from the Irish Constitution, including the clauses that prevent atheists from being appointed as President of Ireland or as a Judge without swearing a religious oath asking God to direct them in their work.
If you run a website, blog or other media publication, please feel free to republish this statement and the list of quotes yourself, in order to show your support for the campaign to repeal the Irish blasphemy law and to promote a rational, ethical, secular Ireland.
List of 25 Blasphemous Quotes Published by Atheist Ireland.....
List of 25 Blasphemous Quotes Published by Atheist Ireland
1. Jesus Christ, when asked if he was the son of God, in Matthew 26:64: “Thou hast said: nevertheless I say unto you, Hereafter shall ye see the Son of man sitting on the right hand of power, and coming in the clouds of heaven.” According to the Christian Bible, the Jewish chief priests and elders and council deemed this statement by Jesus to be blasphemous, and they sentenced Jesus to death for saying it.
2. Jesus Christ, talking to Jews about their God, in John 8:44: “Ye are of your father the devil, and the lusts of your father ye will do. He was a murderer from the beginning, and abode not in the truth, because there is no truth in him.” This is one of several chapters in the Christian Bible that can give a scriptural foundation to Christian anti-Semitism. The first part of John 8, the story of “whoever is without sin cast the first stone”, was not in the original version, but was added centuries later. The original John 8 is a debate between Jesus and some Jews. In brief, Jesus calls the Jews who disbelieve him sons of the Devil, the Jews try to stone him, and Jesus runs away and hides.
3. Muhammad, quoted in Hadith of Bukhari, Vol 1 Book 8 Hadith 427: “May Allah curse the Jews and Christians for they built the places of worship at the graves of their prophets.” This quote is attributed to Muhammad on his death-bed as a warning to Muslims not to copy this practice of the Jews and Christians. It is one of several passages in the Koran and in Hadith that can give a scriptural foundation to Islamic anti-Semitism, including the assertion in Sura 5:60 that Allah cursed Jews and turned some of them into apes and swine.
4. Mark Twain, describing the Christian Bible in Letters from the Earth, 1909: “Also it has another name – The Word of God. For the Christian thinks every word of it was dictated by God. It is full of interest. It has noble poetry in it; and some clever fables; and some blood-drenched history; and some good morals; and a wealth of obscenity; and upwards of a thousand lies… But you notice that when the Lord God of Heaven and Earth, adored Father of Man, goes to war, there is no limit. He is totally without mercy – he, who is called the Fountain of Mercy. He slays, slays, slays! All the men, all the beasts, all the boys, all the babies; also all the women and all the girls, except those that have not been deflowered. He makes no distinction between innocent and guilty… What the insane Father required was blood and misery; he was indifferent as to who furnished it.” Twain’s book was published posthumously in 1939. His daughter, Clara Clemens, at first objected to it being published, but later changed her mind in 1960 when she believed that public opinion had grown more tolerant of the expression of such ideas. That was half a century before Fianna Fail and the Green Party imposed a new blasphemy law on the people of Ireland.
5. Tom Lehrer, The Vatican Rag, 1963: “Get in line in that processional, step into that small confessional. There, the guy who’s got religion’ll tell you if your sin’s original. If it is, try playing it safer, drink the wine and chew the wafer. Two, four, six, eight, time to transubstantiate!”
6. Randy Newman, God’s Song, 1972: “And the Lord said: I burn down your cities – how blind you must be. I take from you your children, and you say how blessed are we. You all must be crazy to put your faith in me. That’s why I love mankind.”
7. James Kirkup, The Love That Dares to Speak its Name, 1976: “While they prepared the tomb I kept guard over him. His mother and the Magdalen had gone to fetch clean linen to shroud his nakedness. I was alone with him… I laid my lips around the tip of that great cock, the instrument of our salvation, our eternal joy. The shaft, still throbbed, anointed with death’s final ejaculation.” This extract is from a poem that led to the last successful blasphemy prosecution in Britain, when Denis Lemon was given a suspended prison sentence after he published it in the now-defunct magazine Gay News. In 2002, a public reading of the poem, on the steps of St. Martin-in-the-Fields church in Trafalgar Square, failed to lead to any prosecution. In 2008, the British Parliament abolished the common law offences of blasphemy and blasphemous libel.
8. Matthias, son of Deuteronomy of Gath, in Monty Python’s Life of Brian, 1979: “Look, I had a lovely supper, and all I said to my wife was that piece of halibut was good enough for Jehovah.”
9. Rev Ian Paisley MEP to the Pope in the European Parliament, 1988: “I denounce you as the Antichrist.” Paisley’s website describes the Antichrist as being “a liar, the true son of the father of lies, the original liar from the beginning… he will imitate Christ, a diabolical imitation, Satan transformed into an angel of light, which will deceive the world.”
10. Conor Cruise O’Brien, 1989: “In the last century the Arab thinker Jamal al-Afghani wrote: ‘Every Muslim is sick and his only remedy is in the Koran.’ Unfortunately the sickness gets worse the more the remedy is taken.”
11. Frank Zappa, 1989: “If you want to get together in any exclusive situation and have people love you, fine – but to hang all this desperate sociology on the idea of The Cloud-Guy who has The Big Book, who knows if you’ve been bad or good – and cares about any of it – to hang it all on that, folks, is the chimpanzee part of the brain working.”
12. Salman Rushdie, 1990: “The idea of the sacred is quite simply one of the most conservative notions in any culture, because it seeks to turn other ideas – uncertainty, progress, change – into crimes.” In 1989, Ayatollah Khomeini of Iran issued a fatwa ordering Muslims to kill Rushdie because of blasphemous passages in Rushdie’s novel The Satanic Verses.
13. Bjork, 1995: “I do not believe in religion, but if I had to choose one it would be Buddhism. It seems more livable, closer to men… I’ve been reading about reincarnation, and the Buddhists say we come back as animals and they refer to them as lesser beings. Well, animals aren’t lesser beings, they’re just like us. So I say fuck the Buddhists.”
14. Amanda Donohoe on her role in the Ken Russell movie Lair of the White Worm, 1995: “Spitting on Christ was a great deal of fun. I can’t embrace a male god who has persecuted female sexuality throughout the ages, and that persecution still goes on today all over the world.”
15. George Carlin, 1999: “Religion easily has the greatest bullshit story ever told. Think about it. Religion has actually convinced people that there’s an invisible man living in the sky who watches everything you do, every minute of every day. And the invisible man has a special list of ten things he does not want you to do. And if you do any of these ten things, he has a special place, full of fire and smoke and burning and torture and anguish, where he will send you to live and suffer and burn and choke and scream and cry forever and ever ’til the end of time! But He loves you. He loves you, and He needs money! He always needs money! He’s all-powerful, all-perfect, all-knowing, and all-wise, somehow just can’t handle money! Religion takes in billions of dollars, they pay no taxes, and they always need a little more. Now, talk about a good bullshit story. Holy Shit!”
16. Paul Woodfull as Ding Dong Denny O’Reilly, The Ballad of Jaysus Christ, 2000: “He said me ma’s a virgin and sure no one disagreed, Cause they knew a lad who walks on water’s handy with his feet… Jaysus oh Jaysus, as cool as bleedin’ ice, With all the scrubbers in Israel he could not be enticed, Jaysus oh Jaysus, it’s funny you never rode, Cause it’s you I do be shoutin’ for each time I shoot me load.”
17. Jesus Christ, in Jerry Springer The Opera, 2003: “Actually, I’m a bit gay.” In 2005, the Christian Institute tried to bring a prosecution against the BBC for screening Jerry Springer the Opera, but the UK courts refused to issue a summons.
18. Tim Minchin, Ten-foot Cock and a Few Hundred Virgins, 2005: “So you’re gonna live in paradise, With a ten-foot cock and a few hundred virgins, So you’re gonna sacrifice your life, For a shot at the greener grass, And when the Lord comes down with his shiny rod of judgment, He’s gonna kick my heathen ass.”
19. Richard Dawkins in The God Delusion, 2006: “The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it; a petty, unjust, unforgiving control-freak; a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser; a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.” In 2007 Turkish publisher Erol Karaaslan was charged with the crime of insulting believers for publishing a Turkish translation of The God Delusion. He was acquitted in 2008, but another charge was brought in 2009. Karaaslan told the court that “it is a right to criticise religions and beliefs as part of the freedom of thought and expression.”
20. Pope Benedict XVI quoting a 14th century Byzantine emperor, 2006: “Show me just what Muhammad brought that was new and there you will find things only evil and inhuman, such as his command to spread by the sword the faith he preached.” This statement has already led to both outrage and condemnation of the outrage. The Organisation of the Islamic Conference, the world’s largest Muslim body, said it was a “character assassination of the prophet Muhammad”. The Malaysian Prime Minister said that “the Pope must not take lightly the spread of outrage that has been created.” Pakistan’s foreign Ministry spokesperson said that “anyone who describes Islam as a religion as intolerant encourages violence”. The European Commission said that “reactions which are disproportionate and which are tantamount to rejecting freedom of speech are unacceptable.”
21. Christopher Hitchens in God is not Great, 2007: “There is some question as to whether Islam is a separate religion at all… Islam when examined is not much more than a rather obvious and ill-arranged set of plagiarisms, helping itself from earlier books and traditions as occasion appeared to require… It makes immense claims for itself, invokes prostrate submission or ‘surrender’ as a maxim to its adherents, and demands deference and respect from nonbelievers into the bargain. There is nothing-absolutely nothing-in its teachings that can even begin to justify such arrogance and presumption.”
22. PZ Myers, on the Roman Catholic communion host, 2008: “You would not believe how many people are writing to me, insisting that these horrible little crackers (they look like flattened bits of styrofoam) are literally pieces of their god, and that this omnipotent being who created the universe can actually be seriously harmed by some third-rate liberal intellectual at a third-rate university… However, inspired by an old woodcut of Jews stabbing the host, I thought of a simple, quick thing to do: I pierced it with a rusty nail (I hope Jesus’s tetanus shots are up to date). And then I simply threw it in the trash, followed by the classic, decorative items of trash cans everywhere, old coffeegrounds and a banana peel.”
23. Ian O’Doherty, 2009: “(If defamation of religion was illegal) it would be a crime for me to say that the notion of transubstantiation is so ridiculous that even a small child should be able to see the insanity and utter physical impossibility of a piece of bread and some wine somehow taking on corporeal form. It would be a crime for me to say that Islam is a backward desert superstition that has no place in modern, enlightened Europe and it would be a crime to point out that Jewish settlers in Israel who believe they have a God given right to take the land are, frankly, mad. All the above assertions will, no doubt, offend someone or other.”
24. Cardinal Cormac Murphy-O’Connor, 2009: “Whether a person is atheist or any other, there is in fact in my view something not totally human if they leave out the transcendent… we call it God… I think that if you leave that out you are not fully human.” Because atheism is not a religion, the Irish blasphemy law does not protect atheists from abusive and insulting statements about their fundamental beliefs. While atheists are not seeking such protection, we include the statement here to point out that it is discriminatory that this law does not hold all citizens equal.
25. Dermot Ahern, Irish Minister for Justice, introducing his blasphemy law at an Oireachtas Justice Committee meeting, 2009, and referring to comments made about him personally: “They are blasphemous.” Deputy Pat Rabbitte replied: “Given the Minister’s self-image, it could very well be that we are blaspheming,” and Minister Ahern replied: “Deputy Rabbitte says that I am close to the baby Jesus, I am so pure.” So here we have an Irish Justice Minister joking about himself being blasphemed, at a parliamentary Justice Committee discussing his own blasphemy law, that could make his own jokes illegal.
Finally, as a bonus, Micheal Martin, Irish Minister for Foreign Affairs, opposing attempts by Islamic States to make defamation of religion a crime at UN level, 2009: “We believe that the concept of defamation of religion is not consistent with the promotion and protection of human rights. It can be used to justify arbitrary limitations on, or the denial of, freedom of expression. Indeed, Ireland considers that freedom of expression is a key and inherent element in the manifestation of freedom of thought and conscience and as such is complementary to freedom of religion or belief.” Just months after Minister Martin made this comment, his colleague Dermot Ahern introduced Ireland’s new blasphemy law.
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Freitag, August 21, 2009
TA: Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Tagesanzeiger 19.08.09
Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Von Enver Robelli, Zagreb.
In Bosnien leben seit dem Krieg Hunderte muslimische Eiferer. Liberale Muslime befürchten deshalb, dass die Fanatiker das Zusammenleben gefährden.
Architektonisch wirkt die bosnische Stadt Mostar, als könnten die Religionen hier zusammenleben. Am Ufer der Neretva stehen Moscheen und Kirchen, die im Krieg zerstörte weltberühmte Alte Brücke strahlt in neuer alter Schönheit. Doch politisch bleibt Mostar geteilt: Seit dem Bosnien-Krieg leben die Muslime im östlichen Stadtteil, die katholischen Kroaten im Westen. Nun droht in Mostar eine weitere Spaltung, diesmal in der muslimischen Religionsgemeinschaft. Die Spannungen zwischen islamistischen Fanatikern, die sich als Rechtgläubige bezeichnen, und liberalen Muslimen nehmen zu. Jüngst brach der Streit offen aus: Bei einer Massenschlägerei zwischen einer Gruppe ultrareligiöser Wahhabiten und vermutlich ehemaligen Kämpfern der bosnischen Armee wurde der 34-jährige Magdi Dizdarevic getötet.
Die islamische Gemeinschaft Bosniens bezeichnete....
Tagesanzeiger 19.08.09
Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Von Enver Robelli, Zagreb.
In Bosnien leben seit dem Krieg Hunderte muslimische Eiferer. Liberale Muslime befürchten deshalb, dass die Fanatiker das Zusammenleben gefährden.
Architektonisch wirkt die bosnische Stadt Mostar, als könnten die Religionen hier zusammenleben. Am Ufer der Neretva stehen Moscheen und Kirchen, die im Krieg zerstörte weltberühmte Alte Brücke strahlt in neuer alter Schönheit. Doch politisch bleibt Mostar geteilt: Seit dem Bosnien-Krieg leben die Muslime im östlichen Stadtteil, die katholischen Kroaten im Westen. Nun droht in Mostar eine weitere Spaltung, diesmal in der muslimischen Religionsgemeinschaft. Die Spannungen zwischen islamistischen Fanatikern, die sich als Rechtgläubige bezeichnen, und liberalen Muslimen nehmen zu. Jüngst brach der Streit offen aus: Bei einer Massenschlägerei zwischen einer Gruppe ultrareligiöser Wahhabiten und vermutlich ehemaligen Kämpfern der bosnischen Armee wurde der 34-jährige Magdi Dizdarevic getötet.
Die islamische Gemeinschaft Bosniens bezeichnete den strenggläubigen Dizdarevic als Opfer der Vorurteile und des Hasses gegen die Muslime. Bei der Beerdigung ehrten ihn Glaubensbrüder als islamischen Märtyrer. Einige Wahhabiten sollen laut bosnischen Medien sogar mit Selbstjustiz gedroht haben. Inzwischen bemühen sich angesehene Bürger Mostars um die Beruhigung der Gemüter.
2000 arabische Kämpfer kamen
Der Vormarsch der strenggläubigen Muslime in Bosnien begann während des Krieges in den 90er-Jahren. Damals kamen 2000 Kämpfer aus arabischen Ländern. Unter ihnen waren Mujahedin mit Verbindungen zu Osama Bin Laden, die an der Seite der Muslime gegen die bosnischen Serben kämpften. Im Abkommen von Dayton vom Herbst 1995 wurde ein Abzug aller ausländischen Kämpfer binnen 30 Tagen festgelegt. Viele Gotteskrieger, unter ihnen der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, Khaled Sheikh Mohammed, verliessen das Land, um den heiligen Krieg anderswo fortzusetzen.
Hunderte Kämpfer konnten jedoch bleiben, weil sie muslimische Frauen geheiratet hatten. Als Gegenleistung für die Hilfe der Glaubensbrüder auf dem Balkan erhielten die Fanatiker bosnische Pässe. Darauf rekrutierten sie den religiösen Nachwuchs, bauten mit Hilfe saudischer Stiftungen Moscheen, verbreiteten Dogmatismus und bewirkten eine Radikalisierung jener Muslime, die im Krieg von der serbischen Soldateska vertrieben wurden. Als Hochburgen der Fundamentalisten gelten einige Dörfer in Ostbosnien und die pompöse König-Fahd-Moschee in Sarajevo.
Die bosnische Regierung steht seit den Anschlägen von 2001 unter dem Druck der USA, die Gotteskrieger auszuweisen. Nach inoffiziellen Angaben hat eine Kommission 400 «verdächtigen Mujahedin ausländischer Herkunft» das Bürgerrecht aberkannt, weil sie Verbindungen zum islamistischen Terrorismus haben sollen. Geschlossen wurden auch religiöse Stiftungen aus den Golfstaaten.
Vor einigen Tagen entliess das Parlament in Sarajevo den gesamtstaatlichen Innenminister Tarik Sadovic. Er soll sich geweigert haben, die verbliebenen muslimischen Extremisten auszuweisen. Diese werden von westlichen Geheimdiensten verdächtigt, im Dienste der al-Qaida zu stehen. Sadovic ist Mitglied der Partei der Demokratischen Aktion (SDA), die bei den Muslimen den Ton angibt. Er soll die Warnungen der bosnischen Polizeibehörden und westlicher Geheimdienste über die Aktivitäten von Terrorverdächtigen nicht ernst genommen haben. Abgelöst wurde er aber erst, nachdem US-Diplomaten in Sarajevo protestiert hatten.
Erstmals Weihnachtsmann verboten
Kritik wird in liberalen Kreisen in Sarajevo auch an Mustafa Ceric geübt. Das Oberhaupt der bosnischen Muslime predige in Westeuropa einen toleranten Islam, lasse die islamistischen Eiferer in Bosnien aber gewähren, heisst es. Viele proeuropäische Muslime in Bosnien vermissen klare Worte Cerics gegen die Fundamentalisten. Im Dezember 2008 etwa wurde in staatlichen Kindergärten Sarajevos erstmals der Weihnachtsmann verboten. Und vor einem Jahr wurden die Organisatoren eines schwul-lesbischen Festivals von religiösen Fanatikern angegriffen. Vor zwei Jahren gab es gar Meldungen über eine «Scharia-Polizei», die beim Küssen ertappte Paare misshandelt hätten.
Solche Vorfälle werden von serbischen und kroatischen Nationalisten oft als Beweis vorgebracht, dass Bosnien als Gesamtstaat keine Zukunft habe. Liberale Muslime verurteilen solche «Randerscheinungen», fühlen sich aber in ihrem Engagement für eine weltoffene Gesellschaft vom Westen im Stich gelassen. Die jüngste Entscheidung der EU, den bosnischen Bürgern keine Visa-Erleichterungen zu gewähren, hat bei den prowestlichen Muslimen in den grossen Städten wie Sarajevo, Mostar oder Tuzla das Gefühl verstärkt, der Westen bevorzuge die christlichen Serben und Kroaten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.08.2009, 07:44 Uhr
Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Von Enver Robelli, Zagreb.
In Bosnien leben seit dem Krieg Hunderte muslimische Eiferer. Liberale Muslime befürchten deshalb, dass die Fanatiker das Zusammenleben gefährden.
Architektonisch wirkt die bosnische Stadt Mostar, als könnten die Religionen hier zusammenleben. Am Ufer der Neretva stehen Moscheen und Kirchen, die im Krieg zerstörte weltberühmte Alte Brücke strahlt in neuer alter Schönheit. Doch politisch bleibt Mostar geteilt: Seit dem Bosnien-Krieg leben die Muslime im östlichen Stadtteil, die katholischen Kroaten im Westen. Nun droht in Mostar eine weitere Spaltung, diesmal in der muslimischen Religionsgemeinschaft. Die Spannungen zwischen islamistischen Fanatikern, die sich als Rechtgläubige bezeichnen, und liberalen Muslimen nehmen zu. Jüngst brach der Streit offen aus: Bei einer Massenschlägerei zwischen einer Gruppe ultrareligiöser Wahhabiten und vermutlich ehemaligen Kämpfern der bosnischen Armee wurde der 34-jährige Magdi Dizdarevic getötet.
Die islamische Gemeinschaft Bosniens bezeichnete....
Tagesanzeiger 19.08.09
Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Von Enver Robelli, Zagreb.
In Bosnien leben seit dem Krieg Hunderte muslimische Eiferer. Liberale Muslime befürchten deshalb, dass die Fanatiker das Zusammenleben gefährden.
Architektonisch wirkt die bosnische Stadt Mostar, als könnten die Religionen hier zusammenleben. Am Ufer der Neretva stehen Moscheen und Kirchen, die im Krieg zerstörte weltberühmte Alte Brücke strahlt in neuer alter Schönheit. Doch politisch bleibt Mostar geteilt: Seit dem Bosnien-Krieg leben die Muslime im östlichen Stadtteil, die katholischen Kroaten im Westen. Nun droht in Mostar eine weitere Spaltung, diesmal in der muslimischen Religionsgemeinschaft. Die Spannungen zwischen islamistischen Fanatikern, die sich als Rechtgläubige bezeichnen, und liberalen Muslimen nehmen zu. Jüngst brach der Streit offen aus: Bei einer Massenschlägerei zwischen einer Gruppe ultrareligiöser Wahhabiten und vermutlich ehemaligen Kämpfern der bosnischen Armee wurde der 34-jährige Magdi Dizdarevic getötet.
Die islamische Gemeinschaft Bosniens bezeichnete den strenggläubigen Dizdarevic als Opfer der Vorurteile und des Hasses gegen die Muslime. Bei der Beerdigung ehrten ihn Glaubensbrüder als islamischen Märtyrer. Einige Wahhabiten sollen laut bosnischen Medien sogar mit Selbstjustiz gedroht haben. Inzwischen bemühen sich angesehene Bürger Mostars um die Beruhigung der Gemüter.
2000 arabische Kämpfer kamen
Der Vormarsch der strenggläubigen Muslime in Bosnien begann während des Krieges in den 90er-Jahren. Damals kamen 2000 Kämpfer aus arabischen Ländern. Unter ihnen waren Mujahedin mit Verbindungen zu Osama Bin Laden, die an der Seite der Muslime gegen die bosnischen Serben kämpften. Im Abkommen von Dayton vom Herbst 1995 wurde ein Abzug aller ausländischen Kämpfer binnen 30 Tagen festgelegt. Viele Gotteskrieger, unter ihnen der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, Khaled Sheikh Mohammed, verliessen das Land, um den heiligen Krieg anderswo fortzusetzen.
Hunderte Kämpfer konnten jedoch bleiben, weil sie muslimische Frauen geheiratet hatten. Als Gegenleistung für die Hilfe der Glaubensbrüder auf dem Balkan erhielten die Fanatiker bosnische Pässe. Darauf rekrutierten sie den religiösen Nachwuchs, bauten mit Hilfe saudischer Stiftungen Moscheen, verbreiteten Dogmatismus und bewirkten eine Radikalisierung jener Muslime, die im Krieg von der serbischen Soldateska vertrieben wurden. Als Hochburgen der Fundamentalisten gelten einige Dörfer in Ostbosnien und die pompöse König-Fahd-Moschee in Sarajevo.
Die bosnische Regierung steht seit den Anschlägen von 2001 unter dem Druck der USA, die Gotteskrieger auszuweisen. Nach inoffiziellen Angaben hat eine Kommission 400 «verdächtigen Mujahedin ausländischer Herkunft» das Bürgerrecht aberkannt, weil sie Verbindungen zum islamistischen Terrorismus haben sollen. Geschlossen wurden auch religiöse Stiftungen aus den Golfstaaten.
Vor einigen Tagen entliess das Parlament in Sarajevo den gesamtstaatlichen Innenminister Tarik Sadovic. Er soll sich geweigert haben, die verbliebenen muslimischen Extremisten auszuweisen. Diese werden von westlichen Geheimdiensten verdächtigt, im Dienste der al-Qaida zu stehen. Sadovic ist Mitglied der Partei der Demokratischen Aktion (SDA), die bei den Muslimen den Ton angibt. Er soll die Warnungen der bosnischen Polizeibehörden und westlicher Geheimdienste über die Aktivitäten von Terrorverdächtigen nicht ernst genommen haben. Abgelöst wurde er aber erst, nachdem US-Diplomaten in Sarajevo protestiert hatten.
Erstmals Weihnachtsmann verboten
Kritik wird in liberalen Kreisen in Sarajevo auch an Mustafa Ceric geübt. Das Oberhaupt der bosnischen Muslime predige in Westeuropa einen toleranten Islam, lasse die islamistischen Eiferer in Bosnien aber gewähren, heisst es. Viele proeuropäische Muslime in Bosnien vermissen klare Worte Cerics gegen die Fundamentalisten. Im Dezember 2008 etwa wurde in staatlichen Kindergärten Sarajevos erstmals der Weihnachtsmann verboten. Und vor einem Jahr wurden die Organisatoren eines schwul-lesbischen Festivals von religiösen Fanatikern angegriffen. Vor zwei Jahren gab es gar Meldungen über eine «Scharia-Polizei», die beim Küssen ertappte Paare misshandelt hätten.
Solche Vorfälle werden von serbischen und kroatischen Nationalisten oft als Beweis vorgebracht, dass Bosnien als Gesamtstaat keine Zukunft habe. Liberale Muslime verurteilen solche «Randerscheinungen», fühlen sich aber in ihrem Engagement für eine weltoffene Gesellschaft vom Westen im Stich gelassen. Die jüngste Entscheidung der EU, den bosnischen Bürgern keine Visa-Erleichterungen zu gewähren, hat bei den prowestlichen Muslimen in den grossen Städten wie Sarajevo, Mostar oder Tuzla das Gefühl verstärkt, der Westen bevorzuge die christlichen Serben und Kroaten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.08.2009, 07:44 Uhr
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Freitag, Mai 08, 2009
Tages Anzeiger: Die braunen Lehrer des Papstes
Tages Anzeiger Online: 07.05.2009
Die braunen Lehrer des Papstes
Von Michael Meier. Aktualisiert um 22:34 Uhr
Während Benedikt XVI. nach Israel reist, ist in Deutschland ein Streit um die Judenmission entbrannt. In den Medien nach wie vor tabu sind Ratzingers antisemitische Förderer.
Alle sprechen von einer historischen Reise: Mit Benedikt XVI. wird ein deutscher Papst Israel besuchen und am Montag an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eine Vergebungsbitte sprechen. Auch wenn der Papst im Heiligen Land die Juden «unsere älteren Brüder» nennen wird, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ihnen nicht auf Augenhöhe begegnet. Der Grund liegt nicht so sehr in der Begnadigung des Holocaust-Leugners Richard Williamson. Schwerer wiegt, dass Benedikt mit der Zulassung der Lateinischen Messe am Karfreitag wieder für die Bekehrung der Juden zu Christus, dem «Retter aller Menschen», beten lässt. Damit ist just vor seiner Israel-Reise in Deutschland eine Debatte über die Judenmission entbrannt.
Tagesanzeiger Online 07.05.2009
Die braunen Lehrer des Papstes
Von Michael Meier. Aktualisiert um 22:34 Uhr
Während Benedikt XVI. nach Israel reist, ist in Deutschland ein Streit um die Judenmission entbrannt. In den Medien nach wie vor tabu sind Ratzingers antisemitische Förderer.
Alle sprechen von einer historischen Reise: Mit Benedikt XVI. wird ein deutscher Papst Israel besuchen und am Montag an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eine Vergebungsbitte sprechen. Auch wenn der Papst im Heiligen Land die Juden «unsere älteren Brüder» nennen wird, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ihnen nicht auf Augenhöhe begegnet. Der Grund liegt nicht so sehr in der Begnadigung des Holocaust-Leugners Richard Williamson. Schwerer wiegt, dass Benedikt mit der Zulassung der Lateinischen Messe am Karfreitag wieder für die Bekehrung der Juden zu Christus, dem «Retter aller Menschen», beten lässt. Damit ist just vor seiner Israel-Reise in Deutschland eine Debatte über die Judenmission entbrannt.
Ratzingers nazifreundliche Förderer
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken fürchtet, dass der Papst mit der Karfreitagsbitte die Judenmission wieder belebt, die einst so viel Schaden angerichtet hat. Gerade hat sich das Komitee mit der Broschüre «Dialog ohne Mission» klar von der Judenmission distanziert. Im Gegenzug hält die Deutsche Bischofskonferenz daran fest, dass die Kirche Christus bezeugen muss – auch gegenüber den Juden. Von Bischof Kurt Koch bis Philosoph Robert Spaemann, sie alle erläutern, Benedikt zu Hilfe eilend, den wahren Glauben der Kirche, wonach der Messias Christus in der Endzeit auch die Juden bekehren werde.
So reisst der deutsche Papst Gräben auf, die dank der Haltung «Dialog statt Mission» überwunden schienen. Indem Benedikt den Juden einen eigenen Heilsweg abspricht, bleibt er dem traditionellen Antijudaismus verhaftet. Ohne Antisemit zu sein. Doch als Deutscher, dem die Gnade der späten Geburt versagt blieb, ist seine Vita viel stärker vom Nationalsozialismus überschattet, als es öffentlich bekannt ist. Als nach der Papstwahl die englische Presse an die Mitgliedschaft des 17-jährigen Ratzingers in der Hitler-Jugend erinnerte, sprachen die deutschen Medien von schlechtem Stil. Für sie ist bis heute auch tabu, dass Ratzinger seine Karriere nazifreundlichen Förderern verdankt.
Bischof Graber, ein Antisemit
Allen voran dem Regensburger Bischof Rudolf Graber, dem einstigen Rechtsaussen der Deutschen Bischofskonferenz. Der glühende Marienverehrer und Antisemit hatte dem aufstrebenden Professor die Türen zum Hause Habsburg, aber auch zu Franz Josef Strauss aufgestossen. Als Joseph Ratzinger, traumatisiert von der 68er-Revolte, von der Universität Tübingen in den «unaufgeklärten Herrgottswinkel Regensburg» floh (Hans Küng), war es Graber, der für seinen Zögling den geplanten Judaistik-Lehrstuhl in einen Lehrstuhl für Dogmatik umwandeln liess.
Graber hatte 1933 geschrieben: «Die nationalsozialistische Bewegung hat einen unverkennbar messianischen Schwung, in der der Führer als Retter, Vater und irdischer Heiland erscheint.» Und: «Die germanische Rasse trat als gesunde, unverbrauchte Rasse ein in die Geschichte. Sie ist nicht angekränkelt von der sittlichen Fäulnis der ausgehenden Antike, sondern tritt froh und freudig mit ihren blauen Augen und blonden Haaren hinein in die Welt, die ihr gehört».
In Ratzingers Buch «Aus meinem Leben» kommt Rudolf Graber nicht vor. Bei anderen Mentoren verschweigt er deren Kollaboration mit den Nazis. Michael Schmaus, Ratzingers Münchner Professor und Zweitzensor seiner Habilitation von 1955, hatte nach Hitlers Machtergreifung mit einer Propagandaschrift für «Begegnungen zwischen katholischem Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung» geworben. 1951 war Schmaus Rektor der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität geworden.
Kardinal Faulhaber, ein Monarchist
Auch die höchste Autorität im Leben der Familie Ratzinger, Kardinal Michael Faulhaber, von 1917 bis 1952 Erzbischof von München, hatte sich nach der Machtergreifung mit den Nazis arrangiert. Er lehnte es ab, die Judenboykotte zu verurteilen, weil die Juden sich selber helfen könnten. Stattdessen sicherte der Monarchist Hitler 1936 zu, die Bischöfe würden ihn «in seinem weltgeschichtlichen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus» unterstützen. Kaum jedoch war der Krieg zu Ende, liess Faulhaber per Hirtenbrief dekretieren, die deutschen Bischöfe hätten von Anfang an vor den Irrlehren und Irrwegen der Nazis gewarnt. Ein Jahr später beglückwünschte ihn Papst Pius XII. für seinen «ausdauernden Kampf gegen das Naziregime». Gut möglich, dass Ratzinger, der bei Kriegsende ins Priesterseminar von Faulhaber eingetreten war, den Kriegspapst seligsprechen will, weil dieser dem Idol seiner Jugend einen Persilschein ausstellte. Unbekümmert darum, dass sich die Freunde Faulhaber und Pius XII. nie zu einem lautstarken Protest gegen die Vernichtung der Juden durchringen konnten.
Der Grossonkel wird nicht erwähnt
In seinem Buch «Papst ohne Heiligenschein» macht ein deutsches Autorenkollektiv deutlich, wie Ratzinger die «Strategie des kollektiven Vergessens» mitträgt. In seiner Autobiografie schreibt er, wie sehr sein Vater, ein Gendarm, darunter litt, «einer Staatsgewalt dienen zu müssen, deren Träger er als Verbrecher ansah». Er verschweigt, dass sein Grossonkel Georg Ratzinger, der als erster Theologe der Familie bei dieser in höchster Ehre stand, in Bayern den Antisemitismus zum Programm erhoben hatte.
Die noch bis September laufende Ausstellung «Stadt ohne Juden» im Jüdischen Museum München widmet Georg Ratzinger eine ganze Station unter dem Titel «Katholischer Antisemitismus». Dort liegt sein Pamphlet «Jüdisches Erwerbsleben» von 1893 auf, in dem er die Juden, «die Wucherer», für sämtliche sozialen Missstände verantwortlich macht. Unter dem Pseudonym Dr. Robert Waldhausen forderte Georg Ratzinger, auch Abgeordneter im Bayerischen Landtag, eine Kennzeichnung der Juden und ihren Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben.
In dem um die Jahrhundertwende veröffentlichten Werk «Das Judentum in Bayern» verschärfte Ratzinger, damals die grosse bayrische Autorität der katholischen Soziallehre, seine antisemitische Polemik. «Zu dieser Zeit ist der Antisemitismus zu so etwas wie zu einem politischen Totalprogramm auf der katholischen Seite geworden», erklärt der Politikwissenschaftler Kurt Greussing. Ja er spricht von einem 11. Gebot: «Du sollst Antisemit sein». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.05.2009, 21:53 Uhr
Die braunen Lehrer des Papstes
Von Michael Meier. Aktualisiert um 22:34 Uhr
Während Benedikt XVI. nach Israel reist, ist in Deutschland ein Streit um die Judenmission entbrannt. In den Medien nach wie vor tabu sind Ratzingers antisemitische Förderer.
Alle sprechen von einer historischen Reise: Mit Benedikt XVI. wird ein deutscher Papst Israel besuchen und am Montag an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eine Vergebungsbitte sprechen. Auch wenn der Papst im Heiligen Land die Juden «unsere älteren Brüder» nennen wird, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ihnen nicht auf Augenhöhe begegnet. Der Grund liegt nicht so sehr in der Begnadigung des Holocaust-Leugners Richard Williamson. Schwerer wiegt, dass Benedikt mit der Zulassung der Lateinischen Messe am Karfreitag wieder für die Bekehrung der Juden zu Christus, dem «Retter aller Menschen», beten lässt. Damit ist just vor seiner Israel-Reise in Deutschland eine Debatte über die Judenmission entbrannt.
Tagesanzeiger Online 07.05.2009
Die braunen Lehrer des Papstes
Von Michael Meier. Aktualisiert um 22:34 Uhr
Während Benedikt XVI. nach Israel reist, ist in Deutschland ein Streit um die Judenmission entbrannt. In den Medien nach wie vor tabu sind Ratzingers antisemitische Förderer.
Alle sprechen von einer historischen Reise: Mit Benedikt XVI. wird ein deutscher Papst Israel besuchen und am Montag an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem eine Vergebungsbitte sprechen. Auch wenn der Papst im Heiligen Land die Juden «unsere älteren Brüder» nennen wird, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ihnen nicht auf Augenhöhe begegnet. Der Grund liegt nicht so sehr in der Begnadigung des Holocaust-Leugners Richard Williamson. Schwerer wiegt, dass Benedikt mit der Zulassung der Lateinischen Messe am Karfreitag wieder für die Bekehrung der Juden zu Christus, dem «Retter aller Menschen», beten lässt. Damit ist just vor seiner Israel-Reise in Deutschland eine Debatte über die Judenmission entbrannt.
Ratzingers nazifreundliche Förderer
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken fürchtet, dass der Papst mit der Karfreitagsbitte die Judenmission wieder belebt, die einst so viel Schaden angerichtet hat. Gerade hat sich das Komitee mit der Broschüre «Dialog ohne Mission» klar von der Judenmission distanziert. Im Gegenzug hält die Deutsche Bischofskonferenz daran fest, dass die Kirche Christus bezeugen muss – auch gegenüber den Juden. Von Bischof Kurt Koch bis Philosoph Robert Spaemann, sie alle erläutern, Benedikt zu Hilfe eilend, den wahren Glauben der Kirche, wonach der Messias Christus in der Endzeit auch die Juden bekehren werde.
So reisst der deutsche Papst Gräben auf, die dank der Haltung «Dialog statt Mission» überwunden schienen. Indem Benedikt den Juden einen eigenen Heilsweg abspricht, bleibt er dem traditionellen Antijudaismus verhaftet. Ohne Antisemit zu sein. Doch als Deutscher, dem die Gnade der späten Geburt versagt blieb, ist seine Vita viel stärker vom Nationalsozialismus überschattet, als es öffentlich bekannt ist. Als nach der Papstwahl die englische Presse an die Mitgliedschaft des 17-jährigen Ratzingers in der Hitler-Jugend erinnerte, sprachen die deutschen Medien von schlechtem Stil. Für sie ist bis heute auch tabu, dass Ratzinger seine Karriere nazifreundlichen Förderern verdankt.
Bischof Graber, ein Antisemit
Allen voran dem Regensburger Bischof Rudolf Graber, dem einstigen Rechtsaussen der Deutschen Bischofskonferenz. Der glühende Marienverehrer und Antisemit hatte dem aufstrebenden Professor die Türen zum Hause Habsburg, aber auch zu Franz Josef Strauss aufgestossen. Als Joseph Ratzinger, traumatisiert von der 68er-Revolte, von der Universität Tübingen in den «unaufgeklärten Herrgottswinkel Regensburg» floh (Hans Küng), war es Graber, der für seinen Zögling den geplanten Judaistik-Lehrstuhl in einen Lehrstuhl für Dogmatik umwandeln liess.
Graber hatte 1933 geschrieben: «Die nationalsozialistische Bewegung hat einen unverkennbar messianischen Schwung, in der der Führer als Retter, Vater und irdischer Heiland erscheint.» Und: «Die germanische Rasse trat als gesunde, unverbrauchte Rasse ein in die Geschichte. Sie ist nicht angekränkelt von der sittlichen Fäulnis der ausgehenden Antike, sondern tritt froh und freudig mit ihren blauen Augen und blonden Haaren hinein in die Welt, die ihr gehört».
In Ratzingers Buch «Aus meinem Leben» kommt Rudolf Graber nicht vor. Bei anderen Mentoren verschweigt er deren Kollaboration mit den Nazis. Michael Schmaus, Ratzingers Münchner Professor und Zweitzensor seiner Habilitation von 1955, hatte nach Hitlers Machtergreifung mit einer Propagandaschrift für «Begegnungen zwischen katholischem Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung» geworben. 1951 war Schmaus Rektor der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität geworden.
Kardinal Faulhaber, ein Monarchist
Auch die höchste Autorität im Leben der Familie Ratzinger, Kardinal Michael Faulhaber, von 1917 bis 1952 Erzbischof von München, hatte sich nach der Machtergreifung mit den Nazis arrangiert. Er lehnte es ab, die Judenboykotte zu verurteilen, weil die Juden sich selber helfen könnten. Stattdessen sicherte der Monarchist Hitler 1936 zu, die Bischöfe würden ihn «in seinem weltgeschichtlichen Abwehrkampf gegen den Bolschewismus» unterstützen. Kaum jedoch war der Krieg zu Ende, liess Faulhaber per Hirtenbrief dekretieren, die deutschen Bischöfe hätten von Anfang an vor den Irrlehren und Irrwegen der Nazis gewarnt. Ein Jahr später beglückwünschte ihn Papst Pius XII. für seinen «ausdauernden Kampf gegen das Naziregime». Gut möglich, dass Ratzinger, der bei Kriegsende ins Priesterseminar von Faulhaber eingetreten war, den Kriegspapst seligsprechen will, weil dieser dem Idol seiner Jugend einen Persilschein ausstellte. Unbekümmert darum, dass sich die Freunde Faulhaber und Pius XII. nie zu einem lautstarken Protest gegen die Vernichtung der Juden durchringen konnten.
Der Grossonkel wird nicht erwähnt
In seinem Buch «Papst ohne Heiligenschein» macht ein deutsches Autorenkollektiv deutlich, wie Ratzinger die «Strategie des kollektiven Vergessens» mitträgt. In seiner Autobiografie schreibt er, wie sehr sein Vater, ein Gendarm, darunter litt, «einer Staatsgewalt dienen zu müssen, deren Träger er als Verbrecher ansah». Er verschweigt, dass sein Grossonkel Georg Ratzinger, der als erster Theologe der Familie bei dieser in höchster Ehre stand, in Bayern den Antisemitismus zum Programm erhoben hatte.
Die noch bis September laufende Ausstellung «Stadt ohne Juden» im Jüdischen Museum München widmet Georg Ratzinger eine ganze Station unter dem Titel «Katholischer Antisemitismus». Dort liegt sein Pamphlet «Jüdisches Erwerbsleben» von 1893 auf, in dem er die Juden, «die Wucherer», für sämtliche sozialen Missstände verantwortlich macht. Unter dem Pseudonym Dr. Robert Waldhausen forderte Georg Ratzinger, auch Abgeordneter im Bayerischen Landtag, eine Kennzeichnung der Juden und ihren Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben.
In dem um die Jahrhundertwende veröffentlichten Werk «Das Judentum in Bayern» verschärfte Ratzinger, damals die grosse bayrische Autorität der katholischen Soziallehre, seine antisemitische Polemik. «Zu dieser Zeit ist der Antisemitismus zu so etwas wie zu einem politischen Totalprogramm auf der katholischen Seite geworden», erklärt der Politikwissenschaftler Kurt Greussing. Ja er spricht von einem 11. Gebot: «Du sollst Antisemit sein». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.05.2009, 21:53 Uhr
Montag, April 27, 2009
NYT: Frank Rich - The Banality of Bush White House Evil
The New York Times
April 26, 2009
Op-Ed Columnist
The Banality of Bush White House Evil
By FRANK RICH
WE don’t like our evil to be banal. Ten years after Columbine, it only now may be sinking in that the psychopathic killers were not jock-hating dorks from a “Trench Coat Mafia,” or, as ABC News maintained at the time, “part of a dark, underground national phenomenon known as the Gothic movement.” In the new best seller “Columbine,” the journalist Dave Cullen reaffirms that Dylan Klebold and Eric Harris were instead ordinary American teenagers who worked at the local pizza joint, loved their parents and were popular among their classmates.
On Tuesday, it will be five years since Americans first confronted the photographs from Abu Ghraib on “60 Minutes II.” Here, too, we want to cling to myths....
The New York Times
April 26, 2009
Op-Ed Columnist
The Banality of Bush White House Evil
By FRANK RICH
WE don’t like our evil to be banal. Ten years after Columbine, it only now may be sinking in that the psychopathic killers were not jock-hating dorks from a “Trench Coat Mafia,” or, as ABC News maintained at the time, “part of a dark, underground national phenomenon known as the Gothic movement.” In the new best seller “Columbine,” the journalist Dave Cullen reaffirms that Dylan Klebold and Eric Harris were instead ordinary American teenagers who worked at the local pizza joint, loved their parents and were popular among their classmates.
On Tuesday, it will be five years since Americans first confronted the photographs from Abu Ghraib on “60 Minutes II.” Here, too, we want to cling to myths that quarantine the evil. If our country committed torture, surely it did so to prevent Armageddon, in a patriotic ticking-time-bomb scenario out of “24.” If anyone deserves blame, it was only those identified by President Bush as “a few American troops who dishonored our country and disregarded our values”: promiscuous, sinister-looking lowlifes like Lynddie England, Charles Graner and the other grunts who were held accountable while the top command got a pass.
We’ve learned much, much more about America and torture in the past five years. But as Mark Danner recently wrote in The New York Review of Books, for all the revelations, one essential fact remains unchanged: “By no later than the summer of 2004, the American people had before them the basic narrative of how the elected and appointed officials of their government decided to torture prisoners and how they went about it.” When the Obama administration said it declassified four new torture memos 10 days ago in part because their contents were already largely public, it was right.
Yet we still shrink from the hardest truths and the bigger picture: that torture was a premeditated policy approved at our government’s highest levels; that it was carried out in scenarios that had no resemblance to “24”; that psychologists and physicians were enlisted as collaborators in inflicting pain; and that, in the assessment of reliable sources like the F.B.I. director Robert Mueller, it did not help disrupt any terrorist attacks.
The newly released Justice Department memos, like those before them, were not written by barely schooled misfits like England and Graner. John Yoo, Steven Bradbury and Jay Bybee graduated from the likes of Harvard, Yale, Stanford, Michigan and Brigham Young. They have passed through white-shoe law firms like Covington & Burling, and Sidley Austin.
Judge Bybee’s résumé tells us that he has four children and is both a Cubmaster for the Boy Scouts and a youth baseball and basketball coach. He currently occupies a tenured seat on the United States Court of Appeals. As an assistant attorney general, he was the author of the Aug. 1, 2002, memo endorsing in lengthy, prurient detail interrogation “techniques” like “facial slap (insult slap)” and “insects placed in a confinement box.”
He proposed using 10 such techniques “in some sort of escalating fashion, culminating with the waterboard, though not necessarily ending with this technique.” Waterboarding, the near-drowning favored by Pol Pot and the Spanish Inquisition, was prosecuted by the United States in war-crimes trials after World War II. But Bybee concluded that it “does not, in our view, inflict ‘severe pain or suffering.’ ”
Still, it’s not Bybee’s perverted lawyering and pornographic amorality that make his memo worthy of special attention. It merits a closer look because it actually does add something new — and, even after all we’ve heard, something shocking — to the five-year-old torture narrative. When placed in full context, it’s the kind of smoking gun that might free us from the myths and denial that prevent us from reckoning with this ugly chapter in our history.
Bybee’s memo was aimed at one particular detainee, Abu Zubaydah, who had been captured some four months earlier, in late March 2002. Zubaydah is portrayed in the memo (as he was publicly by Bush after his capture) as one of the top men in Al Qaeda. But by August this had been proven false. As Ron Suskind reported in his book “The One Percent Doctrine,” Zubaydah was identified soon after his capture as a logistics guy, who, in the words of the F.B.I.’s top-ranking Qaeda analyst at the time, Dan Coleman, served as the terrorist group’s flight booker and “greeter,” like “Joe Louis in the lobby of Caesar’s Palace.” Zubaydah “knew very little about real operations, or strategy.” He showed clinical symptoms of schizophrenia.
By the time Bybee wrote his memo, Zubaydah had been questioned by the F.B.I. and C.I.A. for months and had given what limited information he had. His most valuable contribution was to finger Khalid Shaikh Mohammed as the 9/11 mastermind. But, as Jane Mayer wrote in her book “The Dark Side,” even that contribution may have been old news: according to the 9/11 commission, the C.I.A. had already learned about Mohammed during the summer of 2001. In any event, as one of Zubaydah’s own F.B.I. questioners, Ali Soufan, wrote in a Times Op-Ed article last Thursday, traditional interrogation methods had worked. Yet Bybee’s memo purported that an “increased pressure phase” was required to force Zubaydah to talk.
As soon as Bybee gave the green light, torture followed: Zubaydah was waterboarded at least 83 times in August 2002, according to another of the newly released memos. Unsurprisingly, it appears that no significant intelligence was gained by torturing this mentally ill Qaeda functionary. So why the overkill? Bybee’s memo invoked a ticking time bomb: “There is currently a level of ‘chatter’ equal to that which preceded the September 11 attacks.”
We don’t know if there was such unusual “chatter” then, but it’s unlikely Zubaydah could have added information if there were. Perhaps some new facts may yet emerge if Dick Cheney succeeds in his unexpected and welcome crusade to declassify documents that he says will exonerate administration interrogation policies. Meanwhile, we do have evidence for an alternative explanation of what motivated Bybee to write his memo that August, thanks to the comprehensive Senate Armed Services Committee report on detainees released last week.
The report found that Maj. Paul Burney, a United States Army psychiatrist assigned to interrogations in Guantánamo Bay that summer of 2002, told Army investigators of another White House imperative: “A large part of the time we were focused on trying to establish a link between Al Qaeda and Iraq and we were not being successful.” As higher-ups got more “frustrated” at the inability to prove this connection, the major said, “there was more and more pressure to resort to measures” that might produce that intelligence.
In other words, the ticking time bomb was not another potential Qaeda attack on America but the Bush administration’s ticking timetable for selling a war in Iraq; it wanted to pressure Congress to pass a war resolution before the 2002 midterm elections. Bybee’s memo was written the week after the then-secret (and subsequently leaked) “Downing Street memo,” in which the head of British intelligence informed Tony Blair that the Bush White House was so determined to go to war in Iraq that “the intelligence and facts were being fixed around the policy.” A month after Bybee’s memo, on Sept. 8, 2002, Cheney would make his infamous appearance on “Meet the Press,” hyping both Saddam’s W.M.D.s and the “number of contacts over the years” between Al Qaeda and Iraq. If only 9/11 could somehow be pinned on Iraq, the case for war would be a slamdunk.
But there were no links between 9/11 and Iraq, and the White House knew it. Torture may have been the last hope for coercing such bogus “intelligence” from detainees who would be tempted to say anything to stop the waterboarding.
Last week Bush-Cheney defenders, true to form, dismissed the Senate Armed Services Committee report as “partisan.” But as the committee chairman, Carl Levin, told me, the report received unanimous support from its members — John McCain, Lindsey Graham and Joe Lieberman included.
Levin also emphasized the report’s accounts of military lawyers who dissented from White House doctrine — only to be disregarded. The Bush administration was “driven,” Levin said. By what? “They’d say it was to get more information. But they were desperate to find a link between Al Qaeda and Iraq.”
Five years after the Abu Ghraib revelations, we must acknowledge that our government methodically authorized torture and lied about it. But we also must contemplate the possibility that it did so not just out of a sincere, if criminally misguided, desire to “protect” us but also to promote an unnecessary and catastrophic war. Instead of saving us from “another 9/11,” torture was a tool in the campaign to falsify and exploit 9/11 so that fearful Americans would be bamboozled into a mission that had nothing to do with Al Qaeda. The lying about Iraq remains the original sin from which flows much of the Bush White House’s illegality.
Levin suggests — and I agree — that as additional fact-finding plays out, it’s time for the Justice Department to enlist a panel of two or three apolitical outsiders, perhaps retired federal judges, “to review the mass of material” we already have. The fundamental truth is there, as it long has been. The panel can recommend a legal path that will insure accountability for this wholesale betrayal of American values.
President Obama can talk all he wants about not looking back, but this grotesque past is bigger than even he is. It won’t vanish into a memory hole any more than Andersonville, World War II internment camps or My Lai. The White House, Congress and politicians of both parties should get out of the way. We don’t need another commission. We don’t need any Capitol Hill witch hunts. What we must have are fair trials that at long last uphold and reclaim our nation’s commitment to the rule of law.
April 26, 2009
Op-Ed Columnist
The Banality of Bush White House Evil
By FRANK RICH
WE don’t like our evil to be banal. Ten years after Columbine, it only now may be sinking in that the psychopathic killers were not jock-hating dorks from a “Trench Coat Mafia,” or, as ABC News maintained at the time, “part of a dark, underground national phenomenon known as the Gothic movement.” In the new best seller “Columbine,” the journalist Dave Cullen reaffirms that Dylan Klebold and Eric Harris were instead ordinary American teenagers who worked at the local pizza joint, loved their parents and were popular among their classmates.
On Tuesday, it will be five years since Americans first confronted the photographs from Abu Ghraib on “60 Minutes II.” Here, too, we want to cling to myths....
The New York Times
April 26, 2009
Op-Ed Columnist
The Banality of Bush White House Evil
By FRANK RICH
WE don’t like our evil to be banal. Ten years after Columbine, it only now may be sinking in that the psychopathic killers were not jock-hating dorks from a “Trench Coat Mafia,” or, as ABC News maintained at the time, “part of a dark, underground national phenomenon known as the Gothic movement.” In the new best seller “Columbine,” the journalist Dave Cullen reaffirms that Dylan Klebold and Eric Harris were instead ordinary American teenagers who worked at the local pizza joint, loved their parents and were popular among their classmates.
On Tuesday, it will be five years since Americans first confronted the photographs from Abu Ghraib on “60 Minutes II.” Here, too, we want to cling to myths that quarantine the evil. If our country committed torture, surely it did so to prevent Armageddon, in a patriotic ticking-time-bomb scenario out of “24.” If anyone deserves blame, it was only those identified by President Bush as “a few American troops who dishonored our country and disregarded our values”: promiscuous, sinister-looking lowlifes like Lynddie England, Charles Graner and the other grunts who were held accountable while the top command got a pass.
We’ve learned much, much more about America and torture in the past five years. But as Mark Danner recently wrote in The New York Review of Books, for all the revelations, one essential fact remains unchanged: “By no later than the summer of 2004, the American people had before them the basic narrative of how the elected and appointed officials of their government decided to torture prisoners and how they went about it.” When the Obama administration said it declassified four new torture memos 10 days ago in part because their contents were already largely public, it was right.
Yet we still shrink from the hardest truths and the bigger picture: that torture was a premeditated policy approved at our government’s highest levels; that it was carried out in scenarios that had no resemblance to “24”; that psychologists and physicians were enlisted as collaborators in inflicting pain; and that, in the assessment of reliable sources like the F.B.I. director Robert Mueller, it did not help disrupt any terrorist attacks.
The newly released Justice Department memos, like those before them, were not written by barely schooled misfits like England and Graner. John Yoo, Steven Bradbury and Jay Bybee graduated from the likes of Harvard, Yale, Stanford, Michigan and Brigham Young. They have passed through white-shoe law firms like Covington & Burling, and Sidley Austin.
Judge Bybee’s résumé tells us that he has four children and is both a Cubmaster for the Boy Scouts and a youth baseball and basketball coach. He currently occupies a tenured seat on the United States Court of Appeals. As an assistant attorney general, he was the author of the Aug. 1, 2002, memo endorsing in lengthy, prurient detail interrogation “techniques” like “facial slap (insult slap)” and “insects placed in a confinement box.”
He proposed using 10 such techniques “in some sort of escalating fashion, culminating with the waterboard, though not necessarily ending with this technique.” Waterboarding, the near-drowning favored by Pol Pot and the Spanish Inquisition, was prosecuted by the United States in war-crimes trials after World War II. But Bybee concluded that it “does not, in our view, inflict ‘severe pain or suffering.’ ”
Still, it’s not Bybee’s perverted lawyering and pornographic amorality that make his memo worthy of special attention. It merits a closer look because it actually does add something new — and, even after all we’ve heard, something shocking — to the five-year-old torture narrative. When placed in full context, it’s the kind of smoking gun that might free us from the myths and denial that prevent us from reckoning with this ugly chapter in our history.
Bybee’s memo was aimed at one particular detainee, Abu Zubaydah, who had been captured some four months earlier, in late March 2002. Zubaydah is portrayed in the memo (as he was publicly by Bush after his capture) as one of the top men in Al Qaeda. But by August this had been proven false. As Ron Suskind reported in his book “The One Percent Doctrine,” Zubaydah was identified soon after his capture as a logistics guy, who, in the words of the F.B.I.’s top-ranking Qaeda analyst at the time, Dan Coleman, served as the terrorist group’s flight booker and “greeter,” like “Joe Louis in the lobby of Caesar’s Palace.” Zubaydah “knew very little about real operations, or strategy.” He showed clinical symptoms of schizophrenia.
By the time Bybee wrote his memo, Zubaydah had been questioned by the F.B.I. and C.I.A. for months and had given what limited information he had. His most valuable contribution was to finger Khalid Shaikh Mohammed as the 9/11 mastermind. But, as Jane Mayer wrote in her book “The Dark Side,” even that contribution may have been old news: according to the 9/11 commission, the C.I.A. had already learned about Mohammed during the summer of 2001. In any event, as one of Zubaydah’s own F.B.I. questioners, Ali Soufan, wrote in a Times Op-Ed article last Thursday, traditional interrogation methods had worked. Yet Bybee’s memo purported that an “increased pressure phase” was required to force Zubaydah to talk.
As soon as Bybee gave the green light, torture followed: Zubaydah was waterboarded at least 83 times in August 2002, according to another of the newly released memos. Unsurprisingly, it appears that no significant intelligence was gained by torturing this mentally ill Qaeda functionary. So why the overkill? Bybee’s memo invoked a ticking time bomb: “There is currently a level of ‘chatter’ equal to that which preceded the September 11 attacks.”
We don’t know if there was such unusual “chatter” then, but it’s unlikely Zubaydah could have added information if there were. Perhaps some new facts may yet emerge if Dick Cheney succeeds in his unexpected and welcome crusade to declassify documents that he says will exonerate administration interrogation policies. Meanwhile, we do have evidence for an alternative explanation of what motivated Bybee to write his memo that August, thanks to the comprehensive Senate Armed Services Committee report on detainees released last week.
The report found that Maj. Paul Burney, a United States Army psychiatrist assigned to interrogations in Guantánamo Bay that summer of 2002, told Army investigators of another White House imperative: “A large part of the time we were focused on trying to establish a link between Al Qaeda and Iraq and we were not being successful.” As higher-ups got more “frustrated” at the inability to prove this connection, the major said, “there was more and more pressure to resort to measures” that might produce that intelligence.
In other words, the ticking time bomb was not another potential Qaeda attack on America but the Bush administration’s ticking timetable for selling a war in Iraq; it wanted to pressure Congress to pass a war resolution before the 2002 midterm elections. Bybee’s memo was written the week after the then-secret (and subsequently leaked) “Downing Street memo,” in which the head of British intelligence informed Tony Blair that the Bush White House was so determined to go to war in Iraq that “the intelligence and facts were being fixed around the policy.” A month after Bybee’s memo, on Sept. 8, 2002, Cheney would make his infamous appearance on “Meet the Press,” hyping both Saddam’s W.M.D.s and the “number of contacts over the years” between Al Qaeda and Iraq. If only 9/11 could somehow be pinned on Iraq, the case for war would be a slamdunk.
But there were no links between 9/11 and Iraq, and the White House knew it. Torture may have been the last hope for coercing such bogus “intelligence” from detainees who would be tempted to say anything to stop the waterboarding.
Last week Bush-Cheney defenders, true to form, dismissed the Senate Armed Services Committee report as “partisan.” But as the committee chairman, Carl Levin, told me, the report received unanimous support from its members — John McCain, Lindsey Graham and Joe Lieberman included.
Levin also emphasized the report’s accounts of military lawyers who dissented from White House doctrine — only to be disregarded. The Bush administration was “driven,” Levin said. By what? “They’d say it was to get more information. But they were desperate to find a link between Al Qaeda and Iraq.”
Five years after the Abu Ghraib revelations, we must acknowledge that our government methodically authorized torture and lied about it. But we also must contemplate the possibility that it did so not just out of a sincere, if criminally misguided, desire to “protect” us but also to promote an unnecessary and catastrophic war. Instead of saving us from “another 9/11,” torture was a tool in the campaign to falsify and exploit 9/11 so that fearful Americans would be bamboozled into a mission that had nothing to do with Al Qaeda. The lying about Iraq remains the original sin from which flows much of the Bush White House’s illegality.
Levin suggests — and I agree — that as additional fact-finding plays out, it’s time for the Justice Department to enlist a panel of two or three apolitical outsiders, perhaps retired federal judges, “to review the mass of material” we already have. The fundamental truth is there, as it long has been. The panel can recommend a legal path that will insure accountability for this wholesale betrayal of American values.
President Obama can talk all he wants about not looking back, but this grotesque past is bigger than even he is. It won’t vanish into a memory hole any more than Andersonville, World War II internment camps or My Lai. The White House, Congress and politicians of both parties should get out of the way. We don’t need another commission. We don’t need any Capitol Hill witch hunts. What we must have are fair trials that at long last uphold and reclaim our nation’s commitment to the rule of law.
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Dienstag, Februar 10, 2009
Interessantes zur katholischen Kirche und Hitler
„Adolf Hitler, Hauptexponent des deutschen Faschismus, war katholischer Christ. Er trat nie aus der Kirche aus und wurde auch nie exkommuniziert. Sein Buch "Mein Kampf" erschien nie auf dem "Index librorum prohibitorum", auf den bis vor kurzem alle Schriften gesetzt wurden, die in Glaubens- und Sittenfragen der katholischen Lehre widersprechen. Offensichtlich widersprachen Hitlers politische Anschauungen nicht der katholischen Sittenlehre.“ (Joachim Kahl: Das Elend des Christentums)
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Sonntag, Februar 08, 2009
Samstag, Februar 07, 2009
Der Fluch des Christentums
Die Zeit / Anno 2000
Der Fluch des Christentums
Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion.
Eine kulturelle Bilanz nach zweitausend Jahren.
Von Herbert Schnädelbach
Mit seinem "Mea culpa!" hatte der Papst Woityla auf seine Weise Bilanz gezogen; er bat um Vergebung für das, was Christen im christlichen Namen getan haben, hütete sich aber, irgendeine Schuld der Kirche als solcher einzuräumen. In der Perspektive der Kirchenräson ist das verständlich, aber es dient nicht der Wahrheit, denn die Wahrheit ist: Die "sieben Todsünden", die der Papst nennt, sind nicht trotz, sondern wegen des Christentums geschehen; die Täter haben dabei nicht gegen dessen Prinzipien verstoßen, sondern nur versucht, sie durchzusetzen. Nicht bloß die Untaten einzelner Christen, sondern das verfasste Christentum selbst als Ideologie, Tradition und Institution lastet als Fluch auf unserer Zivilisation, der bis zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts reicht, während der christliche "Segen" stets von Individuen ausging, die das, was sie Gutes taten, allzu oft gegen den Widerstand der amtskirchlichen Autoritäten durchsetzen mussten. Meine Vermutung ist, dass diese Christen ihre Kraft stets aus den biblischen Beständen bezogen, die gar nicht spezifisch christlich sind, sondern jüdisches Erbe: zum Beispiel das Liebesgebot. Im Folgenden geht es nicht um die grauenvolle Kriminalgeschichte des Christentums; in die Falle "Prinzip versus Realität" und "Wir sind allzumal Sünder" möchte ich nicht tappen. Deswegen werde ich stattdessen, im Gegenzug zu den "sieben Todsünden" des Papstes, auf sieben Geburtsfehler des Christentums verweisen, die es gar nicht beheben kann, weil dies bedeutete, sich selbst aufzuheben. Vielleicht aber ist diese Selbstaufgabe der letzte segensreiche Dienst, den das Christentum unserer Kultur nach 2000 Jahren zu leisten vermöchte; wir könnten es dann in Frieden ziehen lassen.
1. Die Erbsünde
Wie das Christentum als Theologie......
Die Zeit / Anno 2000
Der Fluch des Christentums
Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion.
Eine kulturelle Bilanz nach zweitausend Jahren.
Von Herbert Schnädelbach
Mit seinem "Mea culpa!" hatte der Papst Woityla auf seine Weise Bilanz gezogen; er bat um Vergebung für das, was Christen im christlichen Namen getan haben, hütete sich aber, irgendeine Schuld der Kirche als solcher einzuräumen. In der Perspektive der Kirchenräson ist das verständlich, aber es dient nicht der Wahrheit, denn die Wahrheit ist: Die "sieben Todsünden", die der Papst nennt, sind nicht trotz, sondern wegen des Christentums geschehen; die Täter haben dabei nicht gegen dessen Prinzipien verstoßen, sondern nur versucht, sie durchzusetzen. Nicht bloß die Untaten einzelner Christen, sondern das verfasste Christentum selbst als Ideologie, Tradition und Institution lastet als Fluch auf unserer Zivilisation, der bis zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts reicht, während der christliche "Segen" stets von Individuen ausging, die das, was sie Gutes taten, allzu oft gegen den Widerstand der amtskirchlichen Autoritäten durchsetzen mussten. Meine Vermutung ist, dass diese Christen ihre Kraft stets aus den biblischen Beständen bezogen, die gar nicht spezifisch christlich sind, sondern jüdisches Erbe: zum Beispiel das Liebesgebot. Im Folgenden geht es nicht um die grauenvolle Kriminalgeschichte des Christentums; in die Falle "Prinzip versus Realität" und "Wir sind allzumal Sünder" möchte ich nicht tappen. Deswegen werde ich stattdessen, im Gegenzug zu den "sieben Todsünden" des Papstes, auf sieben Geburtsfehler des Christentums verweisen, die es gar nicht beheben kann, weil dies bedeutete, sich selbst aufzuheben. Vielleicht aber ist diese Selbstaufgabe der letzte segensreiche Dienst, den das Christentum unserer Kultur nach 2000 Jahren zu leisten vermöchte; wir könnten es dann in Frieden ziehen lassen.
1. Die Erbsünde
Wie das Christentum als Theologie ist auch die Erbsünde eine Erfindung von Paulus: "Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben" (Röm. 5, 12). In der Tat ist auch Genesis 2, 17 zufolge der Tod "der Sünde Sold" (Römer 6, 23), denn Gott sprach: "... aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben." Das Alte Testament kennt somit den Tod aller Menschen nur als Erbschaft der Sünde Adams. Aus diesem "Erbtod" macht Paulus im kühnen Umkehrschluss die Erbsünde: Wenn die Sünde den Tod zur Folge hat, muss dort, wo gestorben wird, auch Sünde gewesen sein, für den der Tod die Strafe ist; also sind alle Nachkommen Adams allein deswegen, weil sie als Sterbliche geboren worden sind, geborene Sünder - unabhängig von ihren Taten. Daraus ergibt sich die paulinische Botschaft der Rechtfertigung durch den Glauben, auf die sich in unseren Tagen Katholiken und Protestanten in einem gigantischen Formelkompromiss erneut geeinigt haben. Eine solche Nachricht ist aber kein Trost, sondern eine Provokation für alle, die sich weigern, den paulinischen Zusammenhang zwischen Tod und Sünde anzuerkennen: Warum sollte ich mich bloß deswegen, weil ich sterblich bin, für schuldig halten? Wer sich nur durch den Glauben für gerechtfertigt hält, ist bereit, sich um Adams willen oder besser grundlos beschuldigen zu lassen und dann als bloß Begnadigter weiterzuleben. Überdies kann der Begnadigte seiner Gnade niemals sicher sein, wie uns die Lehre von der Prädestination versichert. Deren Funktion ist es freilich, die Rechtfertigung durch den Glauben nicht selbst als einen Rechtsanspruch darzustellen, aber was ist das für eine Gerechtigkeit, die die einen Erbsünder zum Heil und die anderen zur Verdammnis vorherbestimmt? An dieser Stelle verbietet uns das Christentum den Mund: "Ja, lieber Mensch, wer bis du denn, daß du mit Gott rechten willst?" (Röm., 9, 20)
Was die Lehre von der Erbsünde anthropologisch bedeutet, liegt auf der Hand: Sie ist menschenverachtend. Der Mensch, wie er geht und steht, ist verblendet, wenn er sich nicht für "verderbt" und für unfähig zum Guten hält. Dass die Ideen der Menschenwürde und der Menschenrechte christliche Wurzeln hätten, ist ein gern geglaubtes Märchen. Die Idee der Humanitas stammt aus der Stoa, und die Figur des aufrechten Ganges des Menschen vor Gott ist ein jüdisches Erbe, das das paulinische Christentum korrumpiert und verschleudert hat. Der fromme Jude spricht sich selbstverständlich die prinzipielle Fähigkeit zu, "gerecht", das heißt dem göttlichen Gesetz gemäß zu leben; er kennt keine Erbsünde, sondern nur die Sünden, die er selbst begangen hat, und für die existiert auch Vergebung. Diese jüdische Überzeugung trifft der ganze Hass und die ganze Verachtung des Neuen Testaments; Paulus zufolge gibt es vor Gott keine Gerechten, und die, die sich dafür halten, sind Pharisäer - ein Schimpfwort bis heute. Dem fügt er noch die Propagandaphrase vom Leiden der Juden unter dem Gesetz hinzu, die bis heute die Judenmission rechtfertigen soll; es gilt ihm als "Fluch" und als "Zuchtmeister ... auf Christum" (Galater 3, 13 und 24). In Wahrheit ist für die frommen Juden das Gesetz selbst göttliche Gnade; wie könnten sie sonst das Fest der Gesetzesfreude feiern?
Die Lehre von der Erbsünde und ihr Gegenstück, die These von der Gerechtigkeit allein durch den Glauben, haben dazu geführt, dass das jüdische Motiv der Würde eines jeden Menschen als Gottes Ebenbild und die stoische Idee der Menschenrechte im Christentum nur in verstümmelter und dadurch pervertierter Gestalt festgehalten wurden. Das Resultat ist die christliche Lehre vom relativen Naturrecht: Menschenwürde und Menschenrechte existieren im Christentum nur für Glaubende als von Gott Begnadigte. Wer dazugehört, darüber entscheidet die Kirche: "Extra ecclesiam nulla salus." So ist es kein Zufall und erst recht kein historischer Unfall, wie der Papst glauben machen möchte, dass seit je für die Christen die Heiden bis zu ihrer Taufe keine Menschen waren und auch nicht so behandelt werden mussten.
In den christlichen Staaten konnten naturrechtliche Ansprüche stets mit dem Hinweis auf den "Sündenstand" der Betroffenen abgewiesen werden. So musste die Aufklärung die Idee des nichtrelativen Naturrechts gegen den erbitterten Widerstand der Amtskirche beider Konfessionen durchsetzen, denn es ließ sich nur als säkulares durchsetzen. Dabei galt es, die Erbsündenlehre samt ihren fatalen Implikationen zu neutralisieren. Dass auch heute ständig auf die Verdienste des Christentums für die Ideen der Menschenwürde und Menschenrechte verwiesen wird, so als hätte hier etwas vorgelegen, was nur zu säkularisieren gewesen wäre, ist in Wahrheit bittere Ironie: Das jüdische und stoische Erbe musste der christlichen Tradition erneut abgetrotzt werden. Es gibt keinen Grund für Christen, darauf auch noch stolz zu sein.
2. Die Rechtfertigung als blutiger Rechtshandel
Die ursprüngliche Botschaft der ersten Christen lautete: "Er ist auferstanden." Welchen Sinn hatte dann seine Kreuzigung? Die Auskunft des Paulus lautet: "Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen" (Röm. 5, 18). Die Gerechtigkeit dieses einen aber ist für das Neue Testament keine andere als die des leidenden Gottesknechts nach Jesaja 53, 4 ff., der sich wie ein "Lamm" zur "Schlachtbank" (10) führen lässt und sein Leben zum "Schuldopfer" hingibt. Das Christentum fasst die Erlösung von der Erbsünde im Sinne des alten jüdischen Sühnerituals, in dem ein Schaf zum "Sündenbock" gemacht wird, als das Sühnopfer eines unschuldig Gekreuzigten, der "unsere Sünden ... hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz" (1. Petrus 3, 24).
Wenn das die ganze Wahrheit vom "Lamm Gottes" wäre, dann genügte Dankbarkeit, um einen zum Christsein zu veranlassen, aber uns wird gesagt: Dieser unschuldig Geopferte war nicht irgendwer, sondern der Sohn Gottes; das Lamm Gottes war selbst Gott. Somit hat Gott dieses Sühnopfer mit sich selbst veranstaltet, denn "Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selbst"(2. Kor. 5, 19 ). Diese Selbstversöhnung Gottes erscheint auch als Rechtshandel, in dem Gott zugleich Gläubiger und Vertreter der Schuldner ist; die Währung ist Blut: "Ihr seid teuer erkauft" (1. Kor. 6, 20); "... mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes" (1. Petrus 1, 18 f.). Angesichts dieses unbegreiflichen Szenariums möchte man fragen, warum der christliche Gott nicht unter denselben Bedingungen vergeben kann wie der jüdische Gott am Jom-Kippur-Fest, und dies vielleicht auch ohne Opferlamm.
"Das Blut Jesu Christi ... macht uns rein von aller Sünde" (1. Johannes 1, 7) - im Pietismus und seinen Liedern wurden daraus wahre Blutorgien. Seit dem späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert ist die christliche Ikonografie eine Welt von "Blut und Wunden". Die Maler und Bildner können sich gar nicht genug tun in der grausigen Darstellung der Leiden Christi und der unzähligen Märtyrer. Warum hängt ein sterbender Gehenkter in allen Kirchen und bayerischen Schulstuben - und nicht ein Auferstandener? Warum genügt nicht ein Kreuz als das paradoxale Zeichen der Einheit von Niederlage und Sieg, von Erniedrigung und Erhöhung? Wieso müssen christliche Kinder vom ersten Schultag an vor Augen haben, was Kreuzigung physisch bedeutet?
Der Grund ist: Das Christentum kann sich Glaube/Liebe/ Hoffnung nicht ohne Blut vorstellen; je blutiger, desto authentischer. Was wäre schon ein siegreicher gegenüber dem gegeißelten Jesus in der Wieskirche? Sicher wäre es überzogen, diese Bilderwelt mit heutigen Gewaltvideos zu vergleichen; die Vermutung aber, dies alles habe auch der mentalen Vorbereitung auf die Grausamkeiten im Namen Christi gedient, lässt sich nur schwer abweisen. Die antike Rechtspraxis der Folter wurde schließlich von Papst Innozenz III. im 11. Jahrhundert wieder eingeführt und erlebte durch die heilige Inquisition ihre perfide Vollendung. Was waren die Leiden der Gefolterten gegenüber den in den Kirchen dargestellten? Wo immer realistischere Cruzifixe zum optischen Alltag der Städte gehörten, konnten Geräderte vor den Toren verenden, ohne zu irritieren. Es ist nicht bekannt, dass das Christentum führend war bei der Humanisierung der Strafjustiz; die letzte europäische Schauhinrichtung veranlasste Papst Leo XII. 1825.
Waren die Passionsgeschichte und die Märtyrerlegenden nicht außerdem die beste Einübung in die christliche Behandlung der Heiden und Ketzer? Immer noch sollen wir glauben, der Beitrag des Christentums zu unserer Kultur habe vor allem in der Humanisierung der heidnischen Menschen bestanden. Diese Fabel bestimmte auch über Jahrhunderte die Vorstellung christlicher Erziehung als einer Zähmung der als Sünder geborenen kleinen Wilden und musste überdies zur Rechtfertigung des Kolonialismus herhalten. In Wahrheit ist nicht bekannt, dass Kelten, Germanen oder Slaven Greuel vom Ausmaß des Massenmords Karls des Großen an den Sachsen, des Blutbads bei der Eroberung Jerusalems während der Kreuzzüge, des Strafgerichts über die Katharer oder der Untaten der südamerikanischen Eroberer begangen hätten; wenn das alles die Domestikation der "blonden Bestie" bezeugen soll, dann bezeugt es deren Misslingen. Tatsächlich stammt die Ritterlichkeit der Ritter aus der islamischen Welt und die Höflichkeit der Höflinge, das heißt des Adels und des aufsteigenden Bürgertums, aus der Wiederaneignung der Antike in der Renaissance. Hier liegen die Wurzeln des Humanismus, dem noch zu Beginn unseres Jahrhunderts alle katholischen Amtsträger im so genannten Anti-Modernismus-Eid abschwören mussten. Nicht nur den Menschenrechten ohne die Kautelen der Erbsünde, sondern auch der Menschlichkeit als Prinzip setzte das Christentum oft tödliche Widerstände entgegen; die Geschichte der Märtyrer des Humanismus ist wohl noch zu schreiben.
3. Der Missionsbefehl
Was im Christentum dem humanistischen Respekt vor dem natürlichen Menschen von allem Anfang an entgegenstand, war der Missionsbefehl. Im Matthäusevangelium heißt es: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie taufet im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe" (Matthäus 28, 19 f.). Hier werden die "Völker" nicht gefragt, ob sie getauft und zu Jüngern gemacht werden wollen, sondern die Taufenden dürfen sich als Vollstrecker "aller Gewalt im Himmel und auf Erden" verstehen; die Zwangstaufen sind dafür der Beleg.
Der Missionsbefehl ist ein Toleranzverbot, denn was anders ist als christlich, ist nur dazu da, getauft zu werden. Von Duldsamkeit gegenüber den anderen brauchte freilich so lange keine Rede sein, wie die Christen selbst eine verfolgte und geduldete Minderheit in einer heidnischen Umwelt waren; in der Perspektive einer Kultur hingegen, die sich längst als christliche etabliert hat, bedeutet das Missionsgebot den Auftrag zur Ausrottung des Heidentums weltweit, das heißt die theologische Ermächtigung zum christlichen Kulturimperialismus. Dass die Missionare selbst zunächst friedliche Mittel bevorzugten, kann man zugeben, aber sie hatten auch nichts dagegen, wenn nach ihnen die Händler und dann die Kanonenboote kamen. Und wie Beispiele aus Brasilien zeigen, kommen heute erst die dollargespickten Missionare der fundamentalistischen Sekten und dann die Ölmultis.
Das Judentum ist insofern tolerant, als es nicht missioniert, und der Islam hat trotz seines Missionsdranges immer die beiden Schriftreligionen Juden- und Christentum respektiert; so blühte die jüdische Kultur unter muslimischer Herrschaft, und die orthodoxen Völker konnten im Osmanischen Reich immerhin im kirchlichen Raum ihre kulturelle Identität bewahren. Religiöse Toleranz ist keine christliche Tugend, denn sie verstößt gegen den Missionsbefehl. Das kirchliche Misstrauen gegen Lessings Nathan war wohlbegründet, denn die Möglichkeit einzuräumen, dass die Juden oder die Muslime den echten Ring besitzen könnten und nicht die Christen, bedeutete den Einbruch der Skepsis in die kirchenoffizielle Glaubensgewissheit der einen und einzigen Wahrheit. Wo das Christentum tolerant wird, hat es sich in Wahrheit schon aufgegeben, auch wenn es dann noch als Privatangelegenheit fortlebt oder als eine moralische Grundhaltung, zu deren Begründung die Bibel entbehrlich ist.
4. Der christliche Antijudaismus
Die christliche Judenfeindschaft hat ihre Wurzel in den Evangelien, während im Umkreis von Paulus davon kaum die Rede ist. Sie ist ursprünglich eine innerjüdische Angelegenheit, denn die Evangelisten sammeln frühestens drei Jahrzehnte nach dem Tod Jesu judenchristliche Berichte über dessen Leben und Sterben, und die kommen darin überein, die Hohepriester und Schriftgelehrten sowie das von ihnen angestachelte "Volk" für die Kreuzigung verantwortlich zu machen. Es sind also zunächst getaufte Juden, die Juden anklagen, den wahren Messias verkannt zu haben.
Während es Markus und Lukas bei der Beschuldigung des orthodoxen Judentums belassen, geht Matthäus zum christlichen Antijudaismus über. Was heute noch jeden christlichen Hörer von Bachs Matthäuspassion erstarren lassen sollte, ist das, was das "ganze Volk" dem Pilatus antwortet, als der seine Hände in Unschuld wäscht und sagt: "Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten!" - "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" Geschrieben ist dies nach der Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70, und dieses Ereignis gilt dem frommen Evangelisten als Erfüllung jenes unfrommen Wunsches; zuvor hatte er Jesus die Katastrophe des palästinensischen Judentums ausführlich prophezeien lassen (Matthäus 23 und 24). Es handelt sich hier um eine der zahlreichen Varianten des Schemas Verheißung-Erfüllung, mit denen das Matthäusevangelium seinen Judengenossen das Christentum nahe bringen wollte. Was den Juden in Jerusalem von den Römern geschah, erscheint als gerechte Folge der Selbstverfluchung eines ganzen Volkes, durch die es nach Matthäus die Schuld am Tode Jesu ausdrücklich auf sich genommen haben soll und fortwirkt in alle Ewigkeit. Also nicht bloß der Bericht aller Evangelien, dass Juden die Kreuzigung betrieben hätten - Johannes spricht an dieser Stelle nur noch von "den" Juden -, ist schon ein hinreichendes Motiv der christlichen Judenfeindschaft; erst die Behauptung, "die" Juden hätten doch selbst das Blut Jesu heraufbeschworen, verschaffte den christlichen Judenverfolgungen ein gutes Gewissen. So zieht sich von jener Blut-Stelle des Matthäus eine Blutspur über die ungezählten Judenpogrome im christlichen Europa bis hin zum rassistischen Antisemitismus als dem säkularen Erbe des religiösen Antijudaismus. Der Holocaust war ohne das Christentum nicht möglich, viele Christen haben sich daran ohne schlechtes Gewissen beteiligt, und die katholische Kirche hat dazu geschwiegen; zu diesem Schweigen schweigt der Papst bis heute.
5. Die christliche Eschatologie
Das wohl schrecklichste Erbe des Neuen Testaments ist die so genannte Offenbarung des Johannes, die alle Ansätze christlicher Eschatologie im Neuen Testament zusammenführt und dramatisiert. Nichts hat seit zwei Jahrtausenden die Menschen des Abendlandes so kontinuierlich in Angst und Schrecken versetzt wie dieses Buch. Fast jedes Kathedralportal und viele Tafelbilder bezeugen dies, vor allem aber das uralte Dies irae aus der Totenmesse, in dem die ausführliche Schilderung des Grauens der Apokalypse nur unterbrochen wird durch das wimmernde Flehen um Erbarmen. Jahrhundertelang haben die Menschen im Schatten dieser Panikvisionen gelebt. Die wissenschaftliche Auskunft, Apokalypsen seien um die Zeitenwende eine verbreitete Literaturgattung gewesen und schließlich habe auch eine jüdische Eschatologie existiert, vermag nichts gegen die katastrophale Wirkungsgeschichte des letzten Buches der Bibel.
Zwischen der jüdischen und der christlichen Eschatologie bestehen wichtige Unterschiede. Die Messiashoffnung der Propheten ist in ihrem Kern eine politische und bezieht sich bei Jesaja auf die Wiederaufrichtung des Reiches Davids. Trotz des Transports dieses Motivs ins Weltgeschichtliche bleibt es auch bei Daniel beim Ethnozentrismus: "... das Reich, Gewalt und Macht unter dem ganzen Himmel wird dem heiligen Volk des Höchsten gegeben werden, des Reich ewig ist, und alle Gewalt wird ihm dienen und gehorchen" (Daniel 7, 27). Zugleich fließt hier schon das altägyptische und platonische Motiv eines Totengerichts auf der Grundlage von "Büchern" mit ein, das sich aber auf ganze Völker bezieht (Daniel 7, 10 und 24 ff.). Genau dies greift die christliche Apokalypse auf (Offenbarung 20, 11 ff.), um es sofort zu individualisieren, das heißt, die ganze Bürde des "Jüngsten Gerichts" lastet jetzt auf jedem Einzelmenschen, der sich dabei dem "feurigen Pfuhl" (V. 15) als künftiger Alternative ausgesetzt sieht. Damit erzeugt die christliche Apokalypse einen ungeheuer verstärkten eschatologischen Druck. So hat sich hier das Christentum ein Instrumentarium unablässiger Verunsicherung und Disziplinierung der "eigenen Leute" geschaffen, durch das es ständig den Ausweg aus von ihm selbst erzeugten Ängsten verheißt, um sie im gleichen Atemzug erneut zu schüren; jede Feier des Requiems folgt diesem Mechanismus. Nur so ist zu erklären, warum sich so viele Menschen über so viele Jahrhunderte von der Offenbarung des Johannes terrorisieren ließen.
Die christliche Eschatologie hat auch politisch gewirkt - in der Gestalt eschatologischer Politik von Christen und Nichtchristen. Sektenführer versuchten, selbst die Apokalypse herbeizuzwingen und zu vollstrecken, und Tausende sind ihnen dabei in den Tod gefolgt; die Ahnenreihe reicht von mittelalterlichen Sektierern über Savonarola und die Täufer bis zu den religiös motivierten kollektiven Selbstmorden unserer Tage. Die Zahl der Opfer eschatologischer Politik unter Bedingungen der Profanität hingegen geht in die Millionen; dabei handelt es sich um Versuche, den endgültigen Sieg des Guten und die definitive Vernichtung des Bösen Gott aus der Hand zu nehmen und mit menschlichen Mitteln zu erreichen. Die unvermeidbare Konsequenz ist Terror.
Natürlich macht es keinen Sinn, den "Seher von Patmos" für die apokalyptischen Untaten Lenins, Stalins, Pol Pots oder Hitlers verantwortlich zu machen, aber die Christen sollten sich doch fragen, wie sie es mit der Eschatologie halten wollen. Liegt nicht in der Verheißung: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen" (Offenbarung 20, 4) eine ständige Versuchung, hier Gott durch einen modernen Götzen zu ersetzen - gemäß Blochs Diktum "Ubi Lenin ibi Jerusalem" - und dann die Preise zu verschweigen, die man zahlen muss? In der Bibel haben die in den "feurigen Pfuhl" geworfenen Gottlosen die Zeche zu zahlen; nach dem Abschied von der Religion waren die an der Reihe, die im Zeichen von "Endlösungen" die Hölle auf Erden durchleiden mussten. Wäre es nicht christlicher, die Eschatologie unter das biblische Bilderverbot zu stellen?
6. Der Import des Platonismus
Ein besonders folgenreicher Geburtsfehler des Christentums ist der Import des Platonismus, der durch die Anstrengungen der Kirchenväter erfolgte, ihren Glauben der hellenistischen Welt als die überlegene Philosophie zu präsentieren. Das Resultat war eine ontologische Aufspaltung der Wirklichkeit in Diesseits und Jenseits sowie der Leib-Seele-Dualismus. Beide Denkmodelle, die Platon in neuplatonischer Vermittlung repräsentieren, bestimmen das christliche Denken bis heute, obwohl sie in Wahrheit mit dem Kernbestand des Alten und Neuen Testaments unvereinbar sind.
Im jüdischen Denken gibt es zunächst nur das Diesseits, das heißt die Gegenwart und ihre Vorgeschichte; es kennt ursprünglich auch kein Leben nach dem Tod, denn die Verheißungen Gottes beziehen sich noch bei Hiob nur auf das irdische Leben und die Nachkommen. Durch die prophetische Eschatologie kommt dann ein Jenseits hinzu, aber das verhält sich zum Diesseits wie die Zukunft zur Gegenwart. Dem Christentum zufolge ist zwar dieses Zukünftige schon erschienen - als der paradoxe Messias am Kreuz -, aber es wird wiederkommen in der Parusie Christi als Weltenherrscher. Die Frage, wo sich Christus in der Zwischenzeit aufhält, wird mit dem Verweis auf den "Himmel", das heißt auf ein höheres Stockwerk der einen Wirklichkeit beantwortet, zu dem Jesus hinaufgefahren sei und von dem er wieder herabkommen werde; zuvor sei er "hinabgestiegen in das Reich der Toten", also ins Kellergeschoss. Im Zuge der Hellenisierung des Christentums aber wird aus jener Ebenendifferenz von Diesseits und Jenseits eine Artdifferenz, das heißt beide Sphären sollen sich wie Platons reale und ideale Welt zueinander verhalten. So entstanden auch im christlichen Platonismus die Ontologie der "Hinterwelt" und die Tendenz zur Verleumdung des Diesseits, die dann Nietzsches langen Zorn auf sich zog.
Beide Arten der Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits, die topologische und die ontologische, haben im Christentum stets in einem niemals wirklich ausgetragenen Konflikt gelegen: Wenn das Nizänum Gott den "Schöpfer des Himmels und der Erde, alles Sichtbaren und Unsichtbaren" nennt, konnte man unter dem Unsichtbaren stets sowohl eine geografisch höhere und deswegen unseren Augen entzogene Sphäre der einen von Gott geschaffenen Wirklichkeit verstehen oder den platonischen kósmos noetós - die bloß denkbare Welt. Die Entwicklung der Kosmologie in der Neuzeit hat aber das topologische Modell vollends unglaubwürdig werden lassen, obwohl die Christen in aller Welt in der Deklamation des Credo immer noch an ihm festhalten; damit blieb nur der platonische Ausweg, das heißt die Spiritualisierung des Jenseits, wenn man an ihm festhalten wollte. Wo sollte man auch hin mit einer Utopie, die schon "erschienen" ist? Das Nirgendwo muss dann doch irgendwo sein, und wenn es nicht "oben" ist, dann kann es nur "im Geiste" existieren. Damit aber wurde die geistige Welt zur angeblich einzig wahren "umgelogen" (Nietzsche).
Das Unheil der christlich-platonischen Diesseits-Jenseits-Unterscheidung besteht darin, dass durch sie die reale Welt zum bloßen Schein herabgesetzt und normativ entwertet wurde. Die neuzeitliche Aufklärung war wesentlich bestimmt durch die Idee der Rehabilitierung der wirklichen Wirklichkeit. Die kirchlichen Anwälte des Jenseits sollten nicht länger das, was es wirklich gibt, für ihre Machtzwecke instrumentalisieren dürfen; mit der Zwei-Reiche-Lehre und dem "Es wird euch im Himmel wohl belohnt werden" als Herrschaftslegitimation sollte Schluss sein. Am Ende dieses Prozesses zeichnet Nietzsche nach, "wie die ,wahre Welt' endlich zur Fabel wurde", und triumphiert: "... mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft."
Der Import des Platonismus führte im Christentum aber nicht nur zur Denunziation der Realität, sondern zu einer dualistischen Anthropologie mit fatalen Konsequenzen. Das "Menschenbild" des Judentums und der frühen Christen ist monistisch; was Luther mit "Seele" übersetzt, ist die Lebendigkeit des Geschöpfs "Mensch", von Gott gemacht "aus einem Erdenkloß" und verlebendigt durch das Einblasen des "lebendigen Odem" in seine Nase (1. Mose 2, 7). In diesem Sinne lehren die Apostel die "Auferstehung des Fleisches", also des ganzen Menschen; selbst im Credo ist nur (wie schon bei Daniel) von der Auferstehung der Toten die Rede, aber nicht von der Unsterblichkeit der Seele, die den platonischen Leib-Seele-Dualismus voraussetzt. Gleichwohl wurde diese unbiblische Gedankenfigur im Christentum zu einer kulturellen Selbstverständlichkeit: Der christliche Platonismus bedeutete nicht nur im Kosmos, sondern auch im Menschen die normative Herabsetzung der Wirklichkeit, das heißt seiner Leiblichkeit. Das Ergebnis ist die systematische Leibfeindlichkeit der christlichen Tradition, wie sie sich besonders in der repressiven Sexualmoral der Kirchen forterbte.
Natürlich predigt schon Paulus asketische Ideale, aber die stehen bei ihm noch ganz im Kontext der Naherwartung der Wiederkehr Christi (1. Korinther 7); sonst hätten sie dem Juden Paulus ganz fern gelegen. Das Judentum kennt keine Leibfeindschaft; gutes Leben und erfüllte Sexualität sind da gute Gaben Gottes, für die Gott freilich auch eine gute Ordnung erlassen hat. Erst der Import des Platonismus hat im Christentum die menschliche Leiblichkeit vergiftet. Diese Lebensform lebt im Zölibat fort, in dessen Geschichte die kirchenpolitische Verhinderung priesterlicher Dynastiebildung allmählich zu einem besonderen geistlichen Gut umfunktioniert wurde. Es wird immer wieder behauptet, die Frauen seien durch das Christentum aufgewertet worden, und das ist wohl wahr, was den Umgang von Jesus mit ihnen betrifft in einer Welt, in der Religion Männersache war. Aber welche Verachtung der Weiblichkeit liegt im Mythos der Jungfrauengeburt und im Ausdruck "unbefleckte Empfängnis", so als seien Empfängnis, Geburt und überhaupt weibliche Sexualität etwas Schmutziges und des "reinen" Gottessohnes Unwürdiges. In diesem Sinne hat das Christentum das Weibliche nur als das Jungfräuliche und deswegen "Reine" zu schätzen gelehrt. Neben der katholischen Sexualmoral, die in der Frage der Geburtenregelung längst in blanken Zynismus übergegangen ist, sollten wir aber die pietistische nicht vergessen, die sich ohne Außenstützen wie Beichte und Absolution ungleich effektiver ins Innere der Menschen einbohrte und viele zu psychischen Krüppeln machte. Die platonische Leib-Seele-Schizophrenie ging in manifeste Krankheit über.
7. Der Umgang mit der historischen Wahrheit
Oben war von der besonderen Bedeutung des Matthäusevangeliums für den christlichen Antijudaismus die Rede; es ist überdies ein bemerkenswertes Beispiel für den Umgang der frühen Christenheit mit der historischen Wahrheit, denn der Bericht von der Selbstverwünschung der Juden ist ja nicht die einzige strategische Erfindung, die sich im Neuen Testament findet. Unter den Evangelien tut sich dabei das Matthäusevangelium besonders hervor; ihm ist fast jedes Mittel recht, den Judengenossen Jesus als den wahren Messias vor Augen zu stellen. Zu diesem Zweck wird das Alte Testament geplündert, und was sich dort in irgendeiner Weise als messianische Verheißung auffassen lässt, wird dann in der Biografie Jesu als erfüllt behauptet - nach dem Schema: "Auf daß erfüllet werde die Schrift ...". So wurde Jesus wegen Micha 5, 1 in Bethlehem geboren, wegen 4. Mose 24, 17 musste da ein Stern aufgehen, wegen Psalm 72, 10 und 15 und Jesaja 60, 6 mussten die Weisen aus dem Morgenland kommen, und wegen Hosea 11, 1 musste die Heilige Familie nach Ägypten geflohen sein. Jeremia 31, 15 ist die Raison d'Être des Bethlemitischen Kindermordes - eines unfassbaren Ereignisses, dessen sich nach zwei Generationen die Zeitgenossen bestimmt noch erinnert hätten, handelte es sich dabei nicht um eine dreiste Fiktion. Dass der sterbende Jesus Worte des Alten Testaments zitiert habe, könnte wahr sein, aber dass in seiner Sterbestunde der Vorhang im Tempel zerrissen sei, die Erde gebebt habe und Tote den Lebenden erschienen seien (Matthäus 27, 51 ff.), dafür gäbe es ganz sicher unabhängige Zeugen, wäre dies nicht auch eine Legende. Das Ganze verliert dort aber endgültig seine Unschuld: "... sondern der Kriegsknechte einer öffnete seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr; und dieser weiß, daß er die Wahrheit sagt, auf daß ihr glaubet" (Johannes 19, 34 f.). Hier wird absichtlich und zweckrational gelogen: Es wird etwas berichtet als eine weitere Erfüllung alttestamentlicher Verheißungen mit der ausdrücklichen Beteuerung der Wahrheit, die im Fall der schlichten Wahrheit entbehrlich wäre.
Bestimmte Neutestamentler werfen einem an dieser Stelle Naivität und unhistorisches Denken vor; wir sollen also so unnaiv sein zu glauben, die Evangelisten hätten eben ein naives Verhältnis zur historischen Wahrheit gehabt. Darauf sei es ihnen gar nicht angekommen, sondern sie hätten überlieferte Jesusworte aufgenommen und daran Wundergeschichten angelagert - und Wunder seien damals nichts Besonderes gewesen; was hätten sie denn sonst predigen sollen als Worte des Alten Testaments? Nun, gerade das Lukasevangelium bemüht sich um eine Lokalisierung des Jesus-Geschehens in der profanen Geschichte, und es widerspricht der Lehre von der Fleischwerdung Gottes, das Fleischgewordene in lauter Fiktionen aufzulösen. Jesus muss darum eine historische Figur gewesen sein, und denen, die über ihn berichteten, war der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge bekannt. Wie konnten sie dann glauben, historische Unwahrheiten taugten besonders zur Verbreitung der christlichen Wahrheit.
Der strategische Umgang mit der historischen Wahrheit um einer höheren Wahrheit willen ist ein Erbübel des verfassten Christentums. Da haben die Evangelisten Tatsachen erfunden, und bis in unsere Tage war es Christen streng verboten, sie auch nur zu bezweifeln. Die Geschichte der rationalen Bibelkritik seit der frühen Neuzeit zeigt, wie das starre Festhalten an den biblischen Tatsachenwahrheiten die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft insgesamt beschädigte. Noch heute versuchen die Amtskirchen, die theologische Aufklärung des Kirchenvolkes zu verhindern. Das ist sogar verständlich, denn was bleibt vom "Kern" des Christentums übrig, wenn man seine fiktiven Schalen entfernt? Was bleibt von der Auferstehung, wenn man das leere Grab auf sich beruhen lässt? Paulus sagt: "Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden aber auch erfunden als falsche Zeugen Gottes, daß wir wider Gott gezeugt hätten, er hätte Christum nicht auferweckt ..." (1. Korinther 15, 14 f.). Predigt und Glaube dürfen aber nicht vergeblich und das Zeugnis darf nicht falsch gewesen sein, also war das Grab leer.
8. Christentum heute?
Wenn das Christentum einmal seine sieben Geburtsfehler hinter sich gelassen haben sollte, wird von ihm fast nichts übrig geblieben sein; vor allem wird es sich dann kaum noch von einem aufgeklärten Judentum unterscheiden lassen. Was im Christentum etwas taugt, ist ohnehin jüdisch. Jesus war ein frommer und radikaler Jude; wie wäre es, wenn die Christen wieder "jesuanisch" würden? Die Kirchen predigen die Erbsünde ohnehin nur noch in spiritualistischer Verdünnung; da ist zum Judentum, das die angeborene Schwäche des Menschen sehr wohl kennt, kein Unterschied mehr. Die Rechtfertigung durch den Glauben kann man auch ohne den blutigen Rechtshandel Gottes mit sich selbst allein auf der Grundlage des Alten Testaments predigen, denn schon Paulus zitiert immer wieder den Propheten Habakuk: "Der Gerechte wird seines Glaubens leben" (Römer 1, 17). Den Missionsbefehl könnten die Christen abschwächen zur Aufforderung, die Welt im Geiste der Toleranz mit dem eigenen Glauben bekannt zu machen; genau dies haben die jüdischen Gelehrten stets getan. Damit wäre auch der Antijudaismus erledigt. Was die Eschatologie betrifft, so könnten Juden wie Christen es Gott überlassen, was am Jüngsten Tag geschieht; Hoffen ist freilich eine jüdische und eine christliche Tugend. Auch sollte das Christentum von seinen platonisierenden Ausflügen endlich zurückkehren und seine Dualismen ersetzen durch eine Philosophie der einen Welt und des ganzen Menschen, die uns das Judentum vorzeichnet.
Fraglich ist, ob es das Christentum überleben kann, sein Verhältnis zur historischen Wahrheit im modernen Sinne wirklich zu ordnen. Die bloß allegorischen oder gar symbolischen Deutungen der biblischen Berichte haben sich längst als Sackgassen erwiesen. Die Nachgeschichte des Bultmannschen Entmythologisierungsprogrammes zeigt überdies, welche Leere sich auftut, wenn man Kernaussagen des Christentums nur noch "existenziell" interpretiert. Was soll man denn noch glauben, wenn man in der Schriftreligion "Christentum" nichts mehr wörtlich nehmen kann? Adorno meinte einmal, die Bitte um das tägliche Brot mache Sinn in einer bäuerlichen Welt, aber nicht angesichts von Brotfabriken. Wenn in unseren Gesangbüchern Gebete um Regen stehen, machen sie damit nicht den christlichen Gott zu einem heidnischen Wetterdämon? Ein Kirchenlied behauptet: "Es kostet viel, ein Christ zu sein." Das ist wahr, wenn man die unausgesetzten Forderungen und Vorschriften bedenkt, mit denen die Kirchen ihre Glieder traktieren. Aber was wäre der Gewinn, der Mehrwert solcher Kosten? Was kann uns das Christentum versprechen? Nachdem wir uns nicht mehr mit dem "feurigen Pfuhl" Angst machen lassen, wollen wir uns auch nicht auf die ewige Seligkeit vertrösten lassen; ein glückliches Leben in dieser Welt genügt uns. Wie sagt Heine? "... den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen."
Ich habe den Eindruck, dass das verfasste Christentum in der modernen Welt sein tatsächliches Ende längst hinter sich hat, aber ohne dies bemerkt zu haben. Kirche als moralische Anstalt und als soziale Veranstaltung - das verdient Respekt und Unterstützung. Die Kirchen sind nicht zufällig leer, denn wer versteht schon die Predigten, Bibel- und Liedertexte? In Wahrheit haben die Kirchen nichts spezifisch Christliches mehr zu sagen. Das Christentum hat unsere Kultur auch positiv geprägt, das ist wahr, wenn auch seine kulturelle Gesamtbilanz insgesamt verheerend ausfällt; seine positiv prägenden Kräfte haben sich erschöpft oder sind übergegangen in die Energien eines profanen Humanismus. Der neuzeitliche Aufklärungsprozess folgte dabei selbst einem christlichen Gebot - dem der Wahrhaftigkeit - und damit einer "zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet" (Nietzsche). Erst in seinem Verlöschen könnte sich der Fluch des Christentums doch noch in Segen verwandeln.
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Herbert Schnädelbach lehrt als Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Vor wenigen Wochen ist von ihm im Frankfurter Suhrkamp Verlag die Vortrags- und Aufsatzsammlung "Philosophie in der modernen Kultur" erschienen.
© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 20
Der Fluch des Christentums
Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion.
Eine kulturelle Bilanz nach zweitausend Jahren.
Von Herbert Schnädelbach
Mit seinem "Mea culpa!" hatte der Papst Woityla auf seine Weise Bilanz gezogen; er bat um Vergebung für das, was Christen im christlichen Namen getan haben, hütete sich aber, irgendeine Schuld der Kirche als solcher einzuräumen. In der Perspektive der Kirchenräson ist das verständlich, aber es dient nicht der Wahrheit, denn die Wahrheit ist: Die "sieben Todsünden", die der Papst nennt, sind nicht trotz, sondern wegen des Christentums geschehen; die Täter haben dabei nicht gegen dessen Prinzipien verstoßen, sondern nur versucht, sie durchzusetzen. Nicht bloß die Untaten einzelner Christen, sondern das verfasste Christentum selbst als Ideologie, Tradition und Institution lastet als Fluch auf unserer Zivilisation, der bis zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts reicht, während der christliche "Segen" stets von Individuen ausging, die das, was sie Gutes taten, allzu oft gegen den Widerstand der amtskirchlichen Autoritäten durchsetzen mussten. Meine Vermutung ist, dass diese Christen ihre Kraft stets aus den biblischen Beständen bezogen, die gar nicht spezifisch christlich sind, sondern jüdisches Erbe: zum Beispiel das Liebesgebot. Im Folgenden geht es nicht um die grauenvolle Kriminalgeschichte des Christentums; in die Falle "Prinzip versus Realität" und "Wir sind allzumal Sünder" möchte ich nicht tappen. Deswegen werde ich stattdessen, im Gegenzug zu den "sieben Todsünden" des Papstes, auf sieben Geburtsfehler des Christentums verweisen, die es gar nicht beheben kann, weil dies bedeutete, sich selbst aufzuheben. Vielleicht aber ist diese Selbstaufgabe der letzte segensreiche Dienst, den das Christentum unserer Kultur nach 2000 Jahren zu leisten vermöchte; wir könnten es dann in Frieden ziehen lassen.
1. Die Erbsünde
Wie das Christentum als Theologie......
Die Zeit / Anno 2000
Der Fluch des Christentums
Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion.
Eine kulturelle Bilanz nach zweitausend Jahren.
Von Herbert Schnädelbach
Mit seinem "Mea culpa!" hatte der Papst Woityla auf seine Weise Bilanz gezogen; er bat um Vergebung für das, was Christen im christlichen Namen getan haben, hütete sich aber, irgendeine Schuld der Kirche als solcher einzuräumen. In der Perspektive der Kirchenräson ist das verständlich, aber es dient nicht der Wahrheit, denn die Wahrheit ist: Die "sieben Todsünden", die der Papst nennt, sind nicht trotz, sondern wegen des Christentums geschehen; die Täter haben dabei nicht gegen dessen Prinzipien verstoßen, sondern nur versucht, sie durchzusetzen. Nicht bloß die Untaten einzelner Christen, sondern das verfasste Christentum selbst als Ideologie, Tradition und Institution lastet als Fluch auf unserer Zivilisation, der bis zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts reicht, während der christliche "Segen" stets von Individuen ausging, die das, was sie Gutes taten, allzu oft gegen den Widerstand der amtskirchlichen Autoritäten durchsetzen mussten. Meine Vermutung ist, dass diese Christen ihre Kraft stets aus den biblischen Beständen bezogen, die gar nicht spezifisch christlich sind, sondern jüdisches Erbe: zum Beispiel das Liebesgebot. Im Folgenden geht es nicht um die grauenvolle Kriminalgeschichte des Christentums; in die Falle "Prinzip versus Realität" und "Wir sind allzumal Sünder" möchte ich nicht tappen. Deswegen werde ich stattdessen, im Gegenzug zu den "sieben Todsünden" des Papstes, auf sieben Geburtsfehler des Christentums verweisen, die es gar nicht beheben kann, weil dies bedeutete, sich selbst aufzuheben. Vielleicht aber ist diese Selbstaufgabe der letzte segensreiche Dienst, den das Christentum unserer Kultur nach 2000 Jahren zu leisten vermöchte; wir könnten es dann in Frieden ziehen lassen.
1. Die Erbsünde
Wie das Christentum als Theologie ist auch die Erbsünde eine Erfindung von Paulus: "Derhalben, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben" (Röm. 5, 12). In der Tat ist auch Genesis 2, 17 zufolge der Tod "der Sünde Sold" (Römer 6, 23), denn Gott sprach: "... aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben." Das Alte Testament kennt somit den Tod aller Menschen nur als Erbschaft der Sünde Adams. Aus diesem "Erbtod" macht Paulus im kühnen Umkehrschluss die Erbsünde: Wenn die Sünde den Tod zur Folge hat, muss dort, wo gestorben wird, auch Sünde gewesen sein, für den der Tod die Strafe ist; also sind alle Nachkommen Adams allein deswegen, weil sie als Sterbliche geboren worden sind, geborene Sünder - unabhängig von ihren Taten. Daraus ergibt sich die paulinische Botschaft der Rechtfertigung durch den Glauben, auf die sich in unseren Tagen Katholiken und Protestanten in einem gigantischen Formelkompromiss erneut geeinigt haben. Eine solche Nachricht ist aber kein Trost, sondern eine Provokation für alle, die sich weigern, den paulinischen Zusammenhang zwischen Tod und Sünde anzuerkennen: Warum sollte ich mich bloß deswegen, weil ich sterblich bin, für schuldig halten? Wer sich nur durch den Glauben für gerechtfertigt hält, ist bereit, sich um Adams willen oder besser grundlos beschuldigen zu lassen und dann als bloß Begnadigter weiterzuleben. Überdies kann der Begnadigte seiner Gnade niemals sicher sein, wie uns die Lehre von der Prädestination versichert. Deren Funktion ist es freilich, die Rechtfertigung durch den Glauben nicht selbst als einen Rechtsanspruch darzustellen, aber was ist das für eine Gerechtigkeit, die die einen Erbsünder zum Heil und die anderen zur Verdammnis vorherbestimmt? An dieser Stelle verbietet uns das Christentum den Mund: "Ja, lieber Mensch, wer bis du denn, daß du mit Gott rechten willst?" (Röm., 9, 20)
Was die Lehre von der Erbsünde anthropologisch bedeutet, liegt auf der Hand: Sie ist menschenverachtend. Der Mensch, wie er geht und steht, ist verblendet, wenn er sich nicht für "verderbt" und für unfähig zum Guten hält. Dass die Ideen der Menschenwürde und der Menschenrechte christliche Wurzeln hätten, ist ein gern geglaubtes Märchen. Die Idee der Humanitas stammt aus der Stoa, und die Figur des aufrechten Ganges des Menschen vor Gott ist ein jüdisches Erbe, das das paulinische Christentum korrumpiert und verschleudert hat. Der fromme Jude spricht sich selbstverständlich die prinzipielle Fähigkeit zu, "gerecht", das heißt dem göttlichen Gesetz gemäß zu leben; er kennt keine Erbsünde, sondern nur die Sünden, die er selbst begangen hat, und für die existiert auch Vergebung. Diese jüdische Überzeugung trifft der ganze Hass und die ganze Verachtung des Neuen Testaments; Paulus zufolge gibt es vor Gott keine Gerechten, und die, die sich dafür halten, sind Pharisäer - ein Schimpfwort bis heute. Dem fügt er noch die Propagandaphrase vom Leiden der Juden unter dem Gesetz hinzu, die bis heute die Judenmission rechtfertigen soll; es gilt ihm als "Fluch" und als "Zuchtmeister ... auf Christum" (Galater 3, 13 und 24). In Wahrheit ist für die frommen Juden das Gesetz selbst göttliche Gnade; wie könnten sie sonst das Fest der Gesetzesfreude feiern?
Die Lehre von der Erbsünde und ihr Gegenstück, die These von der Gerechtigkeit allein durch den Glauben, haben dazu geführt, dass das jüdische Motiv der Würde eines jeden Menschen als Gottes Ebenbild und die stoische Idee der Menschenrechte im Christentum nur in verstümmelter und dadurch pervertierter Gestalt festgehalten wurden. Das Resultat ist die christliche Lehre vom relativen Naturrecht: Menschenwürde und Menschenrechte existieren im Christentum nur für Glaubende als von Gott Begnadigte. Wer dazugehört, darüber entscheidet die Kirche: "Extra ecclesiam nulla salus." So ist es kein Zufall und erst recht kein historischer Unfall, wie der Papst glauben machen möchte, dass seit je für die Christen die Heiden bis zu ihrer Taufe keine Menschen waren und auch nicht so behandelt werden mussten.
In den christlichen Staaten konnten naturrechtliche Ansprüche stets mit dem Hinweis auf den "Sündenstand" der Betroffenen abgewiesen werden. So musste die Aufklärung die Idee des nichtrelativen Naturrechts gegen den erbitterten Widerstand der Amtskirche beider Konfessionen durchsetzen, denn es ließ sich nur als säkulares durchsetzen. Dabei galt es, die Erbsündenlehre samt ihren fatalen Implikationen zu neutralisieren. Dass auch heute ständig auf die Verdienste des Christentums für die Ideen der Menschenwürde und Menschenrechte verwiesen wird, so als hätte hier etwas vorgelegen, was nur zu säkularisieren gewesen wäre, ist in Wahrheit bittere Ironie: Das jüdische und stoische Erbe musste der christlichen Tradition erneut abgetrotzt werden. Es gibt keinen Grund für Christen, darauf auch noch stolz zu sein.
2. Die Rechtfertigung als blutiger Rechtshandel
Die ursprüngliche Botschaft der ersten Christen lautete: "Er ist auferstanden." Welchen Sinn hatte dann seine Kreuzigung? Die Auskunft des Paulus lautet: "Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen" (Röm. 5, 18). Die Gerechtigkeit dieses einen aber ist für das Neue Testament keine andere als die des leidenden Gottesknechts nach Jesaja 53, 4 ff., der sich wie ein "Lamm" zur "Schlachtbank" (10) führen lässt und sein Leben zum "Schuldopfer" hingibt. Das Christentum fasst die Erlösung von der Erbsünde im Sinne des alten jüdischen Sühnerituals, in dem ein Schaf zum "Sündenbock" gemacht wird, als das Sühnopfer eines unschuldig Gekreuzigten, der "unsere Sünden ... hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz" (1. Petrus 3, 24).
Wenn das die ganze Wahrheit vom "Lamm Gottes" wäre, dann genügte Dankbarkeit, um einen zum Christsein zu veranlassen, aber uns wird gesagt: Dieser unschuldig Geopferte war nicht irgendwer, sondern der Sohn Gottes; das Lamm Gottes war selbst Gott. Somit hat Gott dieses Sühnopfer mit sich selbst veranstaltet, denn "Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit ihm selbst"(2. Kor. 5, 19 ). Diese Selbstversöhnung Gottes erscheint auch als Rechtshandel, in dem Gott zugleich Gläubiger und Vertreter der Schuldner ist; die Währung ist Blut: "Ihr seid teuer erkauft" (1. Kor. 6, 20); "... mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes" (1. Petrus 1, 18 f.). Angesichts dieses unbegreiflichen Szenariums möchte man fragen, warum der christliche Gott nicht unter denselben Bedingungen vergeben kann wie der jüdische Gott am Jom-Kippur-Fest, und dies vielleicht auch ohne Opferlamm.
"Das Blut Jesu Christi ... macht uns rein von aller Sünde" (1. Johannes 1, 7) - im Pietismus und seinen Liedern wurden daraus wahre Blutorgien. Seit dem späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert ist die christliche Ikonografie eine Welt von "Blut und Wunden". Die Maler und Bildner können sich gar nicht genug tun in der grausigen Darstellung der Leiden Christi und der unzähligen Märtyrer. Warum hängt ein sterbender Gehenkter in allen Kirchen und bayerischen Schulstuben - und nicht ein Auferstandener? Warum genügt nicht ein Kreuz als das paradoxale Zeichen der Einheit von Niederlage und Sieg, von Erniedrigung und Erhöhung? Wieso müssen christliche Kinder vom ersten Schultag an vor Augen haben, was Kreuzigung physisch bedeutet?
Der Grund ist: Das Christentum kann sich Glaube/Liebe/ Hoffnung nicht ohne Blut vorstellen; je blutiger, desto authentischer. Was wäre schon ein siegreicher gegenüber dem gegeißelten Jesus in der Wieskirche? Sicher wäre es überzogen, diese Bilderwelt mit heutigen Gewaltvideos zu vergleichen; die Vermutung aber, dies alles habe auch der mentalen Vorbereitung auf die Grausamkeiten im Namen Christi gedient, lässt sich nur schwer abweisen. Die antike Rechtspraxis der Folter wurde schließlich von Papst Innozenz III. im 11. Jahrhundert wieder eingeführt und erlebte durch die heilige Inquisition ihre perfide Vollendung. Was waren die Leiden der Gefolterten gegenüber den in den Kirchen dargestellten? Wo immer realistischere Cruzifixe zum optischen Alltag der Städte gehörten, konnten Geräderte vor den Toren verenden, ohne zu irritieren. Es ist nicht bekannt, dass das Christentum führend war bei der Humanisierung der Strafjustiz; die letzte europäische Schauhinrichtung veranlasste Papst Leo XII. 1825.
Waren die Passionsgeschichte und die Märtyrerlegenden nicht außerdem die beste Einübung in die christliche Behandlung der Heiden und Ketzer? Immer noch sollen wir glauben, der Beitrag des Christentums zu unserer Kultur habe vor allem in der Humanisierung der heidnischen Menschen bestanden. Diese Fabel bestimmte auch über Jahrhunderte die Vorstellung christlicher Erziehung als einer Zähmung der als Sünder geborenen kleinen Wilden und musste überdies zur Rechtfertigung des Kolonialismus herhalten. In Wahrheit ist nicht bekannt, dass Kelten, Germanen oder Slaven Greuel vom Ausmaß des Massenmords Karls des Großen an den Sachsen, des Blutbads bei der Eroberung Jerusalems während der Kreuzzüge, des Strafgerichts über die Katharer oder der Untaten der südamerikanischen Eroberer begangen hätten; wenn das alles die Domestikation der "blonden Bestie" bezeugen soll, dann bezeugt es deren Misslingen. Tatsächlich stammt die Ritterlichkeit der Ritter aus der islamischen Welt und die Höflichkeit der Höflinge, das heißt des Adels und des aufsteigenden Bürgertums, aus der Wiederaneignung der Antike in der Renaissance. Hier liegen die Wurzeln des Humanismus, dem noch zu Beginn unseres Jahrhunderts alle katholischen Amtsträger im so genannten Anti-Modernismus-Eid abschwören mussten. Nicht nur den Menschenrechten ohne die Kautelen der Erbsünde, sondern auch der Menschlichkeit als Prinzip setzte das Christentum oft tödliche Widerstände entgegen; die Geschichte der Märtyrer des Humanismus ist wohl noch zu schreiben.
3. Der Missionsbefehl
Was im Christentum dem humanistischen Respekt vor dem natürlichen Menschen von allem Anfang an entgegenstand, war der Missionsbefehl. Im Matthäusevangelium heißt es: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie taufet im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe" (Matthäus 28, 19 f.). Hier werden die "Völker" nicht gefragt, ob sie getauft und zu Jüngern gemacht werden wollen, sondern die Taufenden dürfen sich als Vollstrecker "aller Gewalt im Himmel und auf Erden" verstehen; die Zwangstaufen sind dafür der Beleg.
Der Missionsbefehl ist ein Toleranzverbot, denn was anders ist als christlich, ist nur dazu da, getauft zu werden. Von Duldsamkeit gegenüber den anderen brauchte freilich so lange keine Rede sein, wie die Christen selbst eine verfolgte und geduldete Minderheit in einer heidnischen Umwelt waren; in der Perspektive einer Kultur hingegen, die sich längst als christliche etabliert hat, bedeutet das Missionsgebot den Auftrag zur Ausrottung des Heidentums weltweit, das heißt die theologische Ermächtigung zum christlichen Kulturimperialismus. Dass die Missionare selbst zunächst friedliche Mittel bevorzugten, kann man zugeben, aber sie hatten auch nichts dagegen, wenn nach ihnen die Händler und dann die Kanonenboote kamen. Und wie Beispiele aus Brasilien zeigen, kommen heute erst die dollargespickten Missionare der fundamentalistischen Sekten und dann die Ölmultis.
Das Judentum ist insofern tolerant, als es nicht missioniert, und der Islam hat trotz seines Missionsdranges immer die beiden Schriftreligionen Juden- und Christentum respektiert; so blühte die jüdische Kultur unter muslimischer Herrschaft, und die orthodoxen Völker konnten im Osmanischen Reich immerhin im kirchlichen Raum ihre kulturelle Identität bewahren. Religiöse Toleranz ist keine christliche Tugend, denn sie verstößt gegen den Missionsbefehl. Das kirchliche Misstrauen gegen Lessings Nathan war wohlbegründet, denn die Möglichkeit einzuräumen, dass die Juden oder die Muslime den echten Ring besitzen könnten und nicht die Christen, bedeutete den Einbruch der Skepsis in die kirchenoffizielle Glaubensgewissheit der einen und einzigen Wahrheit. Wo das Christentum tolerant wird, hat es sich in Wahrheit schon aufgegeben, auch wenn es dann noch als Privatangelegenheit fortlebt oder als eine moralische Grundhaltung, zu deren Begründung die Bibel entbehrlich ist.
4. Der christliche Antijudaismus
Die christliche Judenfeindschaft hat ihre Wurzel in den Evangelien, während im Umkreis von Paulus davon kaum die Rede ist. Sie ist ursprünglich eine innerjüdische Angelegenheit, denn die Evangelisten sammeln frühestens drei Jahrzehnte nach dem Tod Jesu judenchristliche Berichte über dessen Leben und Sterben, und die kommen darin überein, die Hohepriester und Schriftgelehrten sowie das von ihnen angestachelte "Volk" für die Kreuzigung verantwortlich zu machen. Es sind also zunächst getaufte Juden, die Juden anklagen, den wahren Messias verkannt zu haben.
Während es Markus und Lukas bei der Beschuldigung des orthodoxen Judentums belassen, geht Matthäus zum christlichen Antijudaismus über. Was heute noch jeden christlichen Hörer von Bachs Matthäuspassion erstarren lassen sollte, ist das, was das "ganze Volk" dem Pilatus antwortet, als der seine Hände in Unschuld wäscht und sagt: "Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten!" - "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" Geschrieben ist dies nach der Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70, und dieses Ereignis gilt dem frommen Evangelisten als Erfüllung jenes unfrommen Wunsches; zuvor hatte er Jesus die Katastrophe des palästinensischen Judentums ausführlich prophezeien lassen (Matthäus 23 und 24). Es handelt sich hier um eine der zahlreichen Varianten des Schemas Verheißung-Erfüllung, mit denen das Matthäusevangelium seinen Judengenossen das Christentum nahe bringen wollte. Was den Juden in Jerusalem von den Römern geschah, erscheint als gerechte Folge der Selbstverfluchung eines ganzen Volkes, durch die es nach Matthäus die Schuld am Tode Jesu ausdrücklich auf sich genommen haben soll und fortwirkt in alle Ewigkeit. Also nicht bloß der Bericht aller Evangelien, dass Juden die Kreuzigung betrieben hätten - Johannes spricht an dieser Stelle nur noch von "den" Juden -, ist schon ein hinreichendes Motiv der christlichen Judenfeindschaft; erst die Behauptung, "die" Juden hätten doch selbst das Blut Jesu heraufbeschworen, verschaffte den christlichen Judenverfolgungen ein gutes Gewissen. So zieht sich von jener Blut-Stelle des Matthäus eine Blutspur über die ungezählten Judenpogrome im christlichen Europa bis hin zum rassistischen Antisemitismus als dem säkularen Erbe des religiösen Antijudaismus. Der Holocaust war ohne das Christentum nicht möglich, viele Christen haben sich daran ohne schlechtes Gewissen beteiligt, und die katholische Kirche hat dazu geschwiegen; zu diesem Schweigen schweigt der Papst bis heute.
5. Die christliche Eschatologie
Das wohl schrecklichste Erbe des Neuen Testaments ist die so genannte Offenbarung des Johannes, die alle Ansätze christlicher Eschatologie im Neuen Testament zusammenführt und dramatisiert. Nichts hat seit zwei Jahrtausenden die Menschen des Abendlandes so kontinuierlich in Angst und Schrecken versetzt wie dieses Buch. Fast jedes Kathedralportal und viele Tafelbilder bezeugen dies, vor allem aber das uralte Dies irae aus der Totenmesse, in dem die ausführliche Schilderung des Grauens der Apokalypse nur unterbrochen wird durch das wimmernde Flehen um Erbarmen. Jahrhundertelang haben die Menschen im Schatten dieser Panikvisionen gelebt. Die wissenschaftliche Auskunft, Apokalypsen seien um die Zeitenwende eine verbreitete Literaturgattung gewesen und schließlich habe auch eine jüdische Eschatologie existiert, vermag nichts gegen die katastrophale Wirkungsgeschichte des letzten Buches der Bibel.
Zwischen der jüdischen und der christlichen Eschatologie bestehen wichtige Unterschiede. Die Messiashoffnung der Propheten ist in ihrem Kern eine politische und bezieht sich bei Jesaja auf die Wiederaufrichtung des Reiches Davids. Trotz des Transports dieses Motivs ins Weltgeschichtliche bleibt es auch bei Daniel beim Ethnozentrismus: "... das Reich, Gewalt und Macht unter dem ganzen Himmel wird dem heiligen Volk des Höchsten gegeben werden, des Reich ewig ist, und alle Gewalt wird ihm dienen und gehorchen" (Daniel 7, 27). Zugleich fließt hier schon das altägyptische und platonische Motiv eines Totengerichts auf der Grundlage von "Büchern" mit ein, das sich aber auf ganze Völker bezieht (Daniel 7, 10 und 24 ff.). Genau dies greift die christliche Apokalypse auf (Offenbarung 20, 11 ff.), um es sofort zu individualisieren, das heißt, die ganze Bürde des "Jüngsten Gerichts" lastet jetzt auf jedem Einzelmenschen, der sich dabei dem "feurigen Pfuhl" (V. 15) als künftiger Alternative ausgesetzt sieht. Damit erzeugt die christliche Apokalypse einen ungeheuer verstärkten eschatologischen Druck. So hat sich hier das Christentum ein Instrumentarium unablässiger Verunsicherung und Disziplinierung der "eigenen Leute" geschaffen, durch das es ständig den Ausweg aus von ihm selbst erzeugten Ängsten verheißt, um sie im gleichen Atemzug erneut zu schüren; jede Feier des Requiems folgt diesem Mechanismus. Nur so ist zu erklären, warum sich so viele Menschen über so viele Jahrhunderte von der Offenbarung des Johannes terrorisieren ließen.
Die christliche Eschatologie hat auch politisch gewirkt - in der Gestalt eschatologischer Politik von Christen und Nichtchristen. Sektenführer versuchten, selbst die Apokalypse herbeizuzwingen und zu vollstrecken, und Tausende sind ihnen dabei in den Tod gefolgt; die Ahnenreihe reicht von mittelalterlichen Sektierern über Savonarola und die Täufer bis zu den religiös motivierten kollektiven Selbstmorden unserer Tage. Die Zahl der Opfer eschatologischer Politik unter Bedingungen der Profanität hingegen geht in die Millionen; dabei handelt es sich um Versuche, den endgültigen Sieg des Guten und die definitive Vernichtung des Bösen Gott aus der Hand zu nehmen und mit menschlichen Mitteln zu erreichen. Die unvermeidbare Konsequenz ist Terror.
Natürlich macht es keinen Sinn, den "Seher von Patmos" für die apokalyptischen Untaten Lenins, Stalins, Pol Pots oder Hitlers verantwortlich zu machen, aber die Christen sollten sich doch fragen, wie sie es mit der Eschatologie halten wollen. Liegt nicht in der Verheißung: "Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen" (Offenbarung 20, 4) eine ständige Versuchung, hier Gott durch einen modernen Götzen zu ersetzen - gemäß Blochs Diktum "Ubi Lenin ibi Jerusalem" - und dann die Preise zu verschweigen, die man zahlen muss? In der Bibel haben die in den "feurigen Pfuhl" geworfenen Gottlosen die Zeche zu zahlen; nach dem Abschied von der Religion waren die an der Reihe, die im Zeichen von "Endlösungen" die Hölle auf Erden durchleiden mussten. Wäre es nicht christlicher, die Eschatologie unter das biblische Bilderverbot zu stellen?
6. Der Import des Platonismus
Ein besonders folgenreicher Geburtsfehler des Christentums ist der Import des Platonismus, der durch die Anstrengungen der Kirchenväter erfolgte, ihren Glauben der hellenistischen Welt als die überlegene Philosophie zu präsentieren. Das Resultat war eine ontologische Aufspaltung der Wirklichkeit in Diesseits und Jenseits sowie der Leib-Seele-Dualismus. Beide Denkmodelle, die Platon in neuplatonischer Vermittlung repräsentieren, bestimmen das christliche Denken bis heute, obwohl sie in Wahrheit mit dem Kernbestand des Alten und Neuen Testaments unvereinbar sind.
Im jüdischen Denken gibt es zunächst nur das Diesseits, das heißt die Gegenwart und ihre Vorgeschichte; es kennt ursprünglich auch kein Leben nach dem Tod, denn die Verheißungen Gottes beziehen sich noch bei Hiob nur auf das irdische Leben und die Nachkommen. Durch die prophetische Eschatologie kommt dann ein Jenseits hinzu, aber das verhält sich zum Diesseits wie die Zukunft zur Gegenwart. Dem Christentum zufolge ist zwar dieses Zukünftige schon erschienen - als der paradoxe Messias am Kreuz -, aber es wird wiederkommen in der Parusie Christi als Weltenherrscher. Die Frage, wo sich Christus in der Zwischenzeit aufhält, wird mit dem Verweis auf den "Himmel", das heißt auf ein höheres Stockwerk der einen Wirklichkeit beantwortet, zu dem Jesus hinaufgefahren sei und von dem er wieder herabkommen werde; zuvor sei er "hinabgestiegen in das Reich der Toten", also ins Kellergeschoss. Im Zuge der Hellenisierung des Christentums aber wird aus jener Ebenendifferenz von Diesseits und Jenseits eine Artdifferenz, das heißt beide Sphären sollen sich wie Platons reale und ideale Welt zueinander verhalten. So entstanden auch im christlichen Platonismus die Ontologie der "Hinterwelt" und die Tendenz zur Verleumdung des Diesseits, die dann Nietzsches langen Zorn auf sich zog.
Beide Arten der Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits, die topologische und die ontologische, haben im Christentum stets in einem niemals wirklich ausgetragenen Konflikt gelegen: Wenn das Nizänum Gott den "Schöpfer des Himmels und der Erde, alles Sichtbaren und Unsichtbaren" nennt, konnte man unter dem Unsichtbaren stets sowohl eine geografisch höhere und deswegen unseren Augen entzogene Sphäre der einen von Gott geschaffenen Wirklichkeit verstehen oder den platonischen kósmos noetós - die bloß denkbare Welt. Die Entwicklung der Kosmologie in der Neuzeit hat aber das topologische Modell vollends unglaubwürdig werden lassen, obwohl die Christen in aller Welt in der Deklamation des Credo immer noch an ihm festhalten; damit blieb nur der platonische Ausweg, das heißt die Spiritualisierung des Jenseits, wenn man an ihm festhalten wollte. Wo sollte man auch hin mit einer Utopie, die schon "erschienen" ist? Das Nirgendwo muss dann doch irgendwo sein, und wenn es nicht "oben" ist, dann kann es nur "im Geiste" existieren. Damit aber wurde die geistige Welt zur angeblich einzig wahren "umgelogen" (Nietzsche).
Das Unheil der christlich-platonischen Diesseits-Jenseits-Unterscheidung besteht darin, dass durch sie die reale Welt zum bloßen Schein herabgesetzt und normativ entwertet wurde. Die neuzeitliche Aufklärung war wesentlich bestimmt durch die Idee der Rehabilitierung der wirklichen Wirklichkeit. Die kirchlichen Anwälte des Jenseits sollten nicht länger das, was es wirklich gibt, für ihre Machtzwecke instrumentalisieren dürfen; mit der Zwei-Reiche-Lehre und dem "Es wird euch im Himmel wohl belohnt werden" als Herrschaftslegitimation sollte Schluss sein. Am Ende dieses Prozesses zeichnet Nietzsche nach, "wie die ,wahre Welt' endlich zur Fabel wurde", und triumphiert: "... mit der wahren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft."
Der Import des Platonismus führte im Christentum aber nicht nur zur Denunziation der Realität, sondern zu einer dualistischen Anthropologie mit fatalen Konsequenzen. Das "Menschenbild" des Judentums und der frühen Christen ist monistisch; was Luther mit "Seele" übersetzt, ist die Lebendigkeit des Geschöpfs "Mensch", von Gott gemacht "aus einem Erdenkloß" und verlebendigt durch das Einblasen des "lebendigen Odem" in seine Nase (1. Mose 2, 7). In diesem Sinne lehren die Apostel die "Auferstehung des Fleisches", also des ganzen Menschen; selbst im Credo ist nur (wie schon bei Daniel) von der Auferstehung der Toten die Rede, aber nicht von der Unsterblichkeit der Seele, die den platonischen Leib-Seele-Dualismus voraussetzt. Gleichwohl wurde diese unbiblische Gedankenfigur im Christentum zu einer kulturellen Selbstverständlichkeit: Der christliche Platonismus bedeutete nicht nur im Kosmos, sondern auch im Menschen die normative Herabsetzung der Wirklichkeit, das heißt seiner Leiblichkeit. Das Ergebnis ist die systematische Leibfeindlichkeit der christlichen Tradition, wie sie sich besonders in der repressiven Sexualmoral der Kirchen forterbte.
Natürlich predigt schon Paulus asketische Ideale, aber die stehen bei ihm noch ganz im Kontext der Naherwartung der Wiederkehr Christi (1. Korinther 7); sonst hätten sie dem Juden Paulus ganz fern gelegen. Das Judentum kennt keine Leibfeindschaft; gutes Leben und erfüllte Sexualität sind da gute Gaben Gottes, für die Gott freilich auch eine gute Ordnung erlassen hat. Erst der Import des Platonismus hat im Christentum die menschliche Leiblichkeit vergiftet. Diese Lebensform lebt im Zölibat fort, in dessen Geschichte die kirchenpolitische Verhinderung priesterlicher Dynastiebildung allmählich zu einem besonderen geistlichen Gut umfunktioniert wurde. Es wird immer wieder behauptet, die Frauen seien durch das Christentum aufgewertet worden, und das ist wohl wahr, was den Umgang von Jesus mit ihnen betrifft in einer Welt, in der Religion Männersache war. Aber welche Verachtung der Weiblichkeit liegt im Mythos der Jungfrauengeburt und im Ausdruck "unbefleckte Empfängnis", so als seien Empfängnis, Geburt und überhaupt weibliche Sexualität etwas Schmutziges und des "reinen" Gottessohnes Unwürdiges. In diesem Sinne hat das Christentum das Weibliche nur als das Jungfräuliche und deswegen "Reine" zu schätzen gelehrt. Neben der katholischen Sexualmoral, die in der Frage der Geburtenregelung längst in blanken Zynismus übergegangen ist, sollten wir aber die pietistische nicht vergessen, die sich ohne Außenstützen wie Beichte und Absolution ungleich effektiver ins Innere der Menschen einbohrte und viele zu psychischen Krüppeln machte. Die platonische Leib-Seele-Schizophrenie ging in manifeste Krankheit über.
7. Der Umgang mit der historischen Wahrheit
Oben war von der besonderen Bedeutung des Matthäusevangeliums für den christlichen Antijudaismus die Rede; es ist überdies ein bemerkenswertes Beispiel für den Umgang der frühen Christenheit mit der historischen Wahrheit, denn der Bericht von der Selbstverwünschung der Juden ist ja nicht die einzige strategische Erfindung, die sich im Neuen Testament findet. Unter den Evangelien tut sich dabei das Matthäusevangelium besonders hervor; ihm ist fast jedes Mittel recht, den Judengenossen Jesus als den wahren Messias vor Augen zu stellen. Zu diesem Zweck wird das Alte Testament geplündert, und was sich dort in irgendeiner Weise als messianische Verheißung auffassen lässt, wird dann in der Biografie Jesu als erfüllt behauptet - nach dem Schema: "Auf daß erfüllet werde die Schrift ...". So wurde Jesus wegen Micha 5, 1 in Bethlehem geboren, wegen 4. Mose 24, 17 musste da ein Stern aufgehen, wegen Psalm 72, 10 und 15 und Jesaja 60, 6 mussten die Weisen aus dem Morgenland kommen, und wegen Hosea 11, 1 musste die Heilige Familie nach Ägypten geflohen sein. Jeremia 31, 15 ist die Raison d'Être des Bethlemitischen Kindermordes - eines unfassbaren Ereignisses, dessen sich nach zwei Generationen die Zeitgenossen bestimmt noch erinnert hätten, handelte es sich dabei nicht um eine dreiste Fiktion. Dass der sterbende Jesus Worte des Alten Testaments zitiert habe, könnte wahr sein, aber dass in seiner Sterbestunde der Vorhang im Tempel zerrissen sei, die Erde gebebt habe und Tote den Lebenden erschienen seien (Matthäus 27, 51 ff.), dafür gäbe es ganz sicher unabhängige Zeugen, wäre dies nicht auch eine Legende. Das Ganze verliert dort aber endgültig seine Unschuld: "... sondern der Kriegsknechte einer öffnete seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr; und dieser weiß, daß er die Wahrheit sagt, auf daß ihr glaubet" (Johannes 19, 34 f.). Hier wird absichtlich und zweckrational gelogen: Es wird etwas berichtet als eine weitere Erfüllung alttestamentlicher Verheißungen mit der ausdrücklichen Beteuerung der Wahrheit, die im Fall der schlichten Wahrheit entbehrlich wäre.
Bestimmte Neutestamentler werfen einem an dieser Stelle Naivität und unhistorisches Denken vor; wir sollen also so unnaiv sein zu glauben, die Evangelisten hätten eben ein naives Verhältnis zur historischen Wahrheit gehabt. Darauf sei es ihnen gar nicht angekommen, sondern sie hätten überlieferte Jesusworte aufgenommen und daran Wundergeschichten angelagert - und Wunder seien damals nichts Besonderes gewesen; was hätten sie denn sonst predigen sollen als Worte des Alten Testaments? Nun, gerade das Lukasevangelium bemüht sich um eine Lokalisierung des Jesus-Geschehens in der profanen Geschichte, und es widerspricht der Lehre von der Fleischwerdung Gottes, das Fleischgewordene in lauter Fiktionen aufzulösen. Jesus muss darum eine historische Figur gewesen sein, und denen, die über ihn berichteten, war der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge bekannt. Wie konnten sie dann glauben, historische Unwahrheiten taugten besonders zur Verbreitung der christlichen Wahrheit.
Der strategische Umgang mit der historischen Wahrheit um einer höheren Wahrheit willen ist ein Erbübel des verfassten Christentums. Da haben die Evangelisten Tatsachen erfunden, und bis in unsere Tage war es Christen streng verboten, sie auch nur zu bezweifeln. Die Geschichte der rationalen Bibelkritik seit der frühen Neuzeit zeigt, wie das starre Festhalten an den biblischen Tatsachenwahrheiten die Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft insgesamt beschädigte. Noch heute versuchen die Amtskirchen, die theologische Aufklärung des Kirchenvolkes zu verhindern. Das ist sogar verständlich, denn was bleibt vom "Kern" des Christentums übrig, wenn man seine fiktiven Schalen entfernt? Was bleibt von der Auferstehung, wenn man das leere Grab auf sich beruhen lässt? Paulus sagt: "Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden aber auch erfunden als falsche Zeugen Gottes, daß wir wider Gott gezeugt hätten, er hätte Christum nicht auferweckt ..." (1. Korinther 15, 14 f.). Predigt und Glaube dürfen aber nicht vergeblich und das Zeugnis darf nicht falsch gewesen sein, also war das Grab leer.
8. Christentum heute?
Wenn das Christentum einmal seine sieben Geburtsfehler hinter sich gelassen haben sollte, wird von ihm fast nichts übrig geblieben sein; vor allem wird es sich dann kaum noch von einem aufgeklärten Judentum unterscheiden lassen. Was im Christentum etwas taugt, ist ohnehin jüdisch. Jesus war ein frommer und radikaler Jude; wie wäre es, wenn die Christen wieder "jesuanisch" würden? Die Kirchen predigen die Erbsünde ohnehin nur noch in spiritualistischer Verdünnung; da ist zum Judentum, das die angeborene Schwäche des Menschen sehr wohl kennt, kein Unterschied mehr. Die Rechtfertigung durch den Glauben kann man auch ohne den blutigen Rechtshandel Gottes mit sich selbst allein auf der Grundlage des Alten Testaments predigen, denn schon Paulus zitiert immer wieder den Propheten Habakuk: "Der Gerechte wird seines Glaubens leben" (Römer 1, 17). Den Missionsbefehl könnten die Christen abschwächen zur Aufforderung, die Welt im Geiste der Toleranz mit dem eigenen Glauben bekannt zu machen; genau dies haben die jüdischen Gelehrten stets getan. Damit wäre auch der Antijudaismus erledigt. Was die Eschatologie betrifft, so könnten Juden wie Christen es Gott überlassen, was am Jüngsten Tag geschieht; Hoffen ist freilich eine jüdische und eine christliche Tugend. Auch sollte das Christentum von seinen platonisierenden Ausflügen endlich zurückkehren und seine Dualismen ersetzen durch eine Philosophie der einen Welt und des ganzen Menschen, die uns das Judentum vorzeichnet.
Fraglich ist, ob es das Christentum überleben kann, sein Verhältnis zur historischen Wahrheit im modernen Sinne wirklich zu ordnen. Die bloß allegorischen oder gar symbolischen Deutungen der biblischen Berichte haben sich längst als Sackgassen erwiesen. Die Nachgeschichte des Bultmannschen Entmythologisierungsprogrammes zeigt überdies, welche Leere sich auftut, wenn man Kernaussagen des Christentums nur noch "existenziell" interpretiert. Was soll man denn noch glauben, wenn man in der Schriftreligion "Christentum" nichts mehr wörtlich nehmen kann? Adorno meinte einmal, die Bitte um das tägliche Brot mache Sinn in einer bäuerlichen Welt, aber nicht angesichts von Brotfabriken. Wenn in unseren Gesangbüchern Gebete um Regen stehen, machen sie damit nicht den christlichen Gott zu einem heidnischen Wetterdämon? Ein Kirchenlied behauptet: "Es kostet viel, ein Christ zu sein." Das ist wahr, wenn man die unausgesetzten Forderungen und Vorschriften bedenkt, mit denen die Kirchen ihre Glieder traktieren. Aber was wäre der Gewinn, der Mehrwert solcher Kosten? Was kann uns das Christentum versprechen? Nachdem wir uns nicht mehr mit dem "feurigen Pfuhl" Angst machen lassen, wollen wir uns auch nicht auf die ewige Seligkeit vertrösten lassen; ein glückliches Leben in dieser Welt genügt uns. Wie sagt Heine? "... den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen."
Ich habe den Eindruck, dass das verfasste Christentum in der modernen Welt sein tatsächliches Ende längst hinter sich hat, aber ohne dies bemerkt zu haben. Kirche als moralische Anstalt und als soziale Veranstaltung - das verdient Respekt und Unterstützung. Die Kirchen sind nicht zufällig leer, denn wer versteht schon die Predigten, Bibel- und Liedertexte? In Wahrheit haben die Kirchen nichts spezifisch Christliches mehr zu sagen. Das Christentum hat unsere Kultur auch positiv geprägt, das ist wahr, wenn auch seine kulturelle Gesamtbilanz insgesamt verheerend ausfällt; seine positiv prägenden Kräfte haben sich erschöpft oder sind übergegangen in die Energien eines profanen Humanismus. Der neuzeitliche Aufklärungsprozess folgte dabei selbst einem christlichen Gebot - dem der Wahrhaftigkeit - und damit einer "zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die Lüge im Glauben an Gott verbietet" (Nietzsche). Erst in seinem Verlöschen könnte sich der Fluch des Christentums doch noch in Segen verwandeln.
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Herbert Schnädelbach lehrt als Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Vor wenigen Wochen ist von ihm im Frankfurter Suhrkamp Verlag die Vortrags- und Aufsatzsammlung "Philosophie in der modernen Kultur" erschienen.
© beim Autor/DIE ZEIT 2000 Nr. 20
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