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Samstag, März 31, 2012
Sonntag, September 04, 2011
Vertreiben die Philosophen Gott?
Hugo Stamm am Montag den 29. August 2011

Die Philosophie ist die Königin der Geisteswissenschaften. Sie versucht, das Leben, die Zeit, die Metaphysik, die menschliche Existenz und viele essentielle Fragen rund um Sinn, Moral und Ethik zu ergründen. Philosophie erfordert ein hohes Mass an Logik und abstraktem Denken, aber auch an emotionaler Kompetenz und Einfühlungsvermögen. Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sind wichtige Pfeiler der Philosophie.
Philosophen haben das Bewusstsein der Menschheit geprägt wie kaum andere Wissenschaft. Griechische Denker hinterliessen uns ein geistiges Erbe, das unser Denken bis in die heutige Zeit prägt. Es waren die weisen Philosophen, die uns die Welt erschlossen und uns aus der geistigen Dunkelheit geführt haben. Philosophie heisst denn auch Liebe zur Weisheit.
In der Philosophie gibt es keine geistigen Grenzen. Alles, was gedacht werden kann, soll gedacht werden. Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden, Tabus darf es nicht geben. Deshalb ist es entscheidend, dass Philosophen geistig unabhängig sind und nicht im Dienst eines Systems, Interessenvertreters oder gar einer Ideologie stehen. Geistige Offenheit und Unabhängigkeit sind das wichtigste Gut der Philosophie.
Die Philosophie teilt sich verschiedene Themenbereiche mit der Theologie. Beide Disziplinen befassen sich mit der Sinnfrage, der Ethik, der Moral und der Metaphysik. Doch was Weisheit und Wissenschaftlichkeit betrifft, ist die Theologie arg im Hintertreffen.
Nehmen wir ein Beispiel: Sowohl die Theologie als auch die Philosophie befassen sich mit der Frage des Seins. Die Theologen stecken aber in einem geistigen Korsett. Ihr Weltbild und ihr Denken ist begrenzt durch eine religiöse Ideologie. Wo ein Gott im Spiel ist, legt sich das Denken Fesseln an. Wenn eine Form von Glauben das Bewusstsein prägt, wird die Logik oder die Wissenschaftstheorie eingeschränkt. Ich kann nicht glauben und gleichzeitig frei denken, weil der Glaube die Gedanken mehr oder weniger bewusst lenkt.
Ein Philosoph muss sich die Welt auch ohne Gott vorstellen können – und zwar bis zur letzten Konsequenz. Wer eine Welt ohne Glauben und Gott nur als Gedankenspiel oder Hypothese postuliert, kommt der Wahrheit nicht näher. Deshalb findet man unter den Philosophen mehr Weise und grosse Denker als unter den Theologen.
Warum haben denn Theologen – zu denen meist auch Geistliche zählen – mehr Einfluss als Philosophen? Die meisten Menschen wollen klare und einfache Antworten, um sich orientieren zu können. Philosophen stellen aber vor allem Fragen. Und wenn sie eine Antwort geben, ist sie meist so komplex oder kompliziert, dass man sich anstrengen muss, um den Sinn zu erkennen. Geistige Anstrengung ist leider kein Volkssport.
Die Mehrheit hält sich lieber an die Antworten der Theologen. Die sind einfach: Gott hat die Welt erschaffen und den Menschen auf die Erde gestellt, auf dass er ein gutes Leben führe und nach dem Tod in den Himmel komme. Somit sind die Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Sinn endgültig beantwortet. Wozu braucht es da noch Philosophen, die unbequeme Fragen stellen oder sagen, Gott ist tot.
Vertreiben die Philosophen Gott?
Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden:
Diogenes bittet Alexander, aus der Sonne zu treten. (Gemälde: Nicolas Andre Monsiau, 1818).
Philosophen haben das Bewusstsein der Menschheit geprägt wie kaum andere Wissenschaft. Griechische Denker hinterliessen uns ein geistiges Erbe, das unser Denken bis in die heutige Zeit prägt. Es waren die weisen Philosophen, die uns die Welt erschlossen und uns aus der geistigen Dunkelheit geführt haben. Philosophie heisst denn auch Liebe zur Weisheit.
In der Philosophie gibt es keine geistigen Grenzen. Alles, was gedacht werden kann, soll gedacht werden. Das Denken soll durch nichts eingeschränkt werden, Tabus darf es nicht geben. Deshalb ist es entscheidend, dass Philosophen geistig unabhängig sind und nicht im Dienst eines Systems, Interessenvertreters oder gar einer Ideologie stehen. Geistige Offenheit und Unabhängigkeit sind das wichtigste Gut der Philosophie.
Die Philosophie teilt sich verschiedene Themenbereiche mit der Theologie. Beide Disziplinen befassen sich mit der Sinnfrage, der Ethik, der Moral und der Metaphysik. Doch was Weisheit und Wissenschaftlichkeit betrifft, ist die Theologie arg im Hintertreffen.
Nehmen wir ein Beispiel: Sowohl die Theologie als auch die Philosophie befassen sich mit der Frage des Seins. Die Theologen stecken aber in einem geistigen Korsett. Ihr Weltbild und ihr Denken ist begrenzt durch eine religiöse Ideologie. Wo ein Gott im Spiel ist, legt sich das Denken Fesseln an. Wenn eine Form von Glauben das Bewusstsein prägt, wird die Logik oder die Wissenschaftstheorie eingeschränkt. Ich kann nicht glauben und gleichzeitig frei denken, weil der Glaube die Gedanken mehr oder weniger bewusst lenkt.
Ein Philosoph muss sich die Welt auch ohne Gott vorstellen können – und zwar bis zur letzten Konsequenz. Wer eine Welt ohne Glauben und Gott nur als Gedankenspiel oder Hypothese postuliert, kommt der Wahrheit nicht näher. Deshalb findet man unter den Philosophen mehr Weise und grosse Denker als unter den Theologen.
Warum haben denn Theologen – zu denen meist auch Geistliche zählen – mehr Einfluss als Philosophen? Die meisten Menschen wollen klare und einfache Antworten, um sich orientieren zu können. Philosophen stellen aber vor allem Fragen. Und wenn sie eine Antwort geben, ist sie meist so komplex oder kompliziert, dass man sich anstrengen muss, um den Sinn zu erkennen. Geistige Anstrengung ist leider kein Volkssport.
Die Mehrheit hält sich lieber an die Antworten der Theologen. Die sind einfach: Gott hat die Welt erschaffen und den Menschen auf die Erde gestellt, auf dass er ein gutes Leben führe und nach dem Tod in den Himmel komme. Somit sind die Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Sinn endgültig beantwortet. Wozu braucht es da noch Philosophen, die unbequeme Fragen stellen oder sagen, Gott ist tot.
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Freitag, Juli 01, 2011
10 Strategien der Manipulation - Gehirnwäsche nach Noam Chomsky
10 Strategien der Manipulation - Gehirnwäsche nach Noam Chomsky
Der prominente Linguist und Intellektuelle Noam Chomsky zeigt in seinem Text „10 Strategien der Manipulation“ auf satirische Weise, wie eine Gesellschaft manipuliert werden kann, ohne dass eine kritische Masse an Menschen in dieser Gesellschaft dies realisiert.
In einer Zeit in der viele Bürger von der „plötzlich“ anwachsenden Brisanz politischer und wirtschaftlicher Verwerfungen überrascht sind, ist es besonders wertvoll, Chomskys Einsichten zu verinnerlichen.
Chomsky zeigt auf, wie das System beeinflusst wird und welche Informationen wir für relevant halten. Da Information immer zu Wahrnehmung führt und Wahrnehmung die Grundlage jeden Handelns ist, begründet Information letztendlich auch die soziale Realität. Ebenso den Wandel dieser.
1. Kehre die Aufmerksamkeit um
Das Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse umzulenken, um sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Änderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane abzulenken. Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse an den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat über etwas nachzudenken, entsprechend dem Level eines Tieres.
2. Erzeuge Probleme und liefere die Lösung
Diese Methode wird die „Problem-Reaktion-Lösung“ genannt. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, die danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine
Der prominente Linguist und Intellektuelle Noam Chomsky zeigt in seinem Text „10 Strategien der Manipulation“ auf satirische Weise, wie eine Gesellschaft manipuliert werden kann, ohne dass eine kritische Masse an Menschen in dieser Gesellschaft dies realisiert.
In einer Zeit in der viele Bürger von der „plötzlich“ anwachsenden Brisanz politischer und wirtschaftlicher Verwerfungen überrascht sind, ist es besonders wertvoll, Chomskys Einsichten zu verinnerlichen.
Chomsky zeigt auf, wie das System beeinflusst wird und welche Informationen wir für relevant halten. Da Information immer zu Wahrnehmung führt und Wahrnehmung die Grundlage jeden Handelns ist, begründet Information letztendlich auch die soziale Realität. Ebenso den Wandel dieser.
1. Kehre die Aufmerksamkeit um
Das Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse umzulenken, um sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Änderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane abzulenken. Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse an den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat über etwas nachzudenken, entsprechend dem Level eines Tieres.
2. Erzeuge Probleme und liefere die Lösung
Diese Methode wird die „Problem-Reaktion-Lösung“ genannt. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, die danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine
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Dienstag, Januar 25, 2011
The story behind the Palestine papers
The Guardian
The story behind the Palestine papers
The revelations from the heart of the Israel-Palestine peace process are the product of the biggest documentary leak in the history of the Middle East conflict, and the most comprehensive exposure of the inside story of a decade of failed negotiations.
The 1,600 confidential records of hundreds of meetings between Palestinian, Israeli and US leaders, as well as emails and secret proposals, were leaked to the Qatar-based satellite TV channel al-Jazeera and shared exclusively with the Guardian. They cover the period from the runup to the ill-fated Camp David negotiations under US president Bill Clinton in 2000, to private discussions last year involving senior officials and politicians in the Obama administration.
The earliest document in the cache is a memo from September 1999 about Palestinian negotiating strategy. It suggests heeding the advice of the Rolling Stones: "You can't always get what you want, but if you try sometimes you might find you can get what you need." The final one, from last September, is a Palestinian Authority (PA) message to the Egyptian government about access to the Gaza Strip.
The Palestine papers have emerged at a time when a whole era of Israeli-Palestinian negotiations, starting with the Madrid conference in 1991, appear to have run into the sand, opening up the prospect of a new phase of the conflict and potentially another war.
In particular, they cover the most recent negotiations, before and after George Bush's Annapolis conference in late 2007 – when substantive offers were made by both sides until the process broke down over Israel's refusal to freeze West Bank settlement activity.
The bulk of the documents are records, contemporaneous notes and sections of verbatim transcripts of meetings drawn up by officials of the Palestinian negotiation... support unit (NSU), which has been the main technical and legal backup for the Palestinian side in the negotiations.
The unit has been heavily funded by the British government. Other documents originate from inside the PA's extensive US- and British-sponsored security apparatus.
The Israelis, Americans and others kept their own records, which may differ in their accounts of the same meetings. But the Palestinian documents were made and held confidentially, rather......
The story behind the Palestine papers
How 1,600 confidential Palestinian records of negotiations with Israel from 1999 to 2010 came to be leaked to al-Jazeera
The Guardian, Monday 24 January 201 The revelations from the heart of the Israel-Palestine peace process are the product of the biggest documentary leak in the history of the Middle East conflict, and the most comprehensive exposure of the inside story of a decade of failed negotiations.
The 1,600 confidential records of hundreds of meetings between Palestinian, Israeli and US leaders, as well as emails and secret proposals, were leaked to the Qatar-based satellite TV channel al-Jazeera and shared exclusively with the Guardian. They cover the period from the runup to the ill-fated Camp David negotiations under US president Bill Clinton in 2000, to private discussions last year involving senior officials and politicians in the Obama administration.
The earliest document in the cache is a memo from September 1999 about Palestinian negotiating strategy. It suggests heeding the advice of the Rolling Stones: "You can't always get what you want, but if you try sometimes you might find you can get what you need." The final one, from last September, is a Palestinian Authority (PA) message to the Egyptian government about access to the Gaza Strip.
The Palestine papers have emerged at a time when a whole era of Israeli-Palestinian negotiations, starting with the Madrid conference in 1991, appear to have run into the sand, opening up the prospect of a new phase of the conflict and potentially another war.
In particular, they cover the most recent negotiations, before and after George Bush's Annapolis conference in late 2007 – when substantive offers were made by both sides until the process broke down over Israel's refusal to freeze West Bank settlement activity.
The bulk of the documents are records, contemporaneous notes and sections of verbatim transcripts of meetings drawn up by officials of the Palestinian negotiation... support unit (NSU), which has been the main technical and legal backup for the Palestinian side in the negotiations.
The unit has been heavily funded by the British government. Other documents originate from inside the PA's extensive US- and British-sponsored security apparatus.
The Israelis, Americans and others kept their own records, which may differ in their accounts of the same meetings. But the Palestinian documents were made and held confidentially, rather......
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Mittwoch, Dezember 29, 2010
«Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht»
Tages Anzeiger Online 28.12.2010
«Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht»
Von Guido Kalberer.
Die Wiederkehr der Religionen heute muss ein Schock für einen Religionskritiker wie Sie sein.
Nicht unbedingt, ich habe diese Entwicklung schon Anfang der Neunzigerjahre prognostiziert. Es war ersichtlich, dass die Säkularisierung kein linearer, sondern ein ambivalenter Prozess ist. Es gibt also nicht nur einen Trend weg von der Religion, sondern auch eine Bewegung hin zur Religion. In Westeuropa ist der Säkularisierungstrend allerdings stärker: Eine Umfrage in Deutschland zum Beispiel ergab, dass nur noch 23 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder an einen personalen Gott glauben – was immerhin eine Grundvoraussetzung dafür ist, um sich redlicherweise als Christ bezeichnen zu können.
Ist die Säkularisierungswelle noch grösser als die Religionswelle?
Für Europa gilt dies zweifellos. So gibt es in Deutschland bereits mehr konfessionsfreie Menschen als Katholiken oder Protestanten. Zudem stimmt die Mehrheit der Kirchenmitglieder nicht mehr mit den zentralen Dogmen des christlichen Glaubens überein. Die meisten Kirchenmitglieder sind bei genauerer Betrachtung Schein-Mitglieder, genauer gesagt: Taufschein-Mitglieder. Man hat sie als Säuglinge getauft, weshalb man sie religiösen Institutionen zurechnet. Doch die zentralen Auffassungen dieser Institutionen teilen sie nicht.
Was hält die Leute religiös denn noch bei der Stange?
Eine interessante Frage: Was hält Menschen in einer Institution, die sie Geld kostet, wenn sie zentrale Elemente der Vereinssatzung ablehnen? Dafür gibt es vor allem soziale und ökonomische Gründe. Immerhin sind Caritas und Diakonisches Werk die grössten nicht staatlichen Arbeitgeber Europas. Jemand, der im sozialen oder medizinischen Bereich arbeitet, als Psychologe, Arzt oder Krankenpfleger, kann es sich in bestimmten Regionen gar nicht leisten, aus der Kirche auszutreten. Denn die Kirchen, die grössten Arbeitgeber auf diesem Gebiet, nutzen noch ihr Recht zur weltanschaulichen Diskriminierung, obwohl die Dienstleistungen, die sie erbringen, weitestgehend öffentlich finanziert werden. Solange es bei dieser verfassungswidrigen Regelung bleibt, sind weite Teile der Bevölkerung zwangskonfessionalisiert.
Wie ordnen Sie die Gläubigen ein, die wieder selbstbewusster zu ihrer Religion stehen?
Parallel zum Säkularisierungstrend gibt es einen Trend zur Verschärfung religiöser Bekenntnisse. Entweder werden die Menschen konsequenter religiös oder....
«Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht»
Von Guido Kalberer.
«Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen», sagt Michael Schmidt-Salomon.
Nicht unbedingt, ich habe diese Entwicklung schon Anfang der Neunzigerjahre prognostiziert. Es war ersichtlich, dass die Säkularisierung kein linearer, sondern ein ambivalenter Prozess ist. Es gibt also nicht nur einen Trend weg von der Religion, sondern auch eine Bewegung hin zur Religion. In Westeuropa ist der Säkularisierungstrend allerdings stärker: Eine Umfrage in Deutschland zum Beispiel ergab, dass nur noch 23 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder an einen personalen Gott glauben – was immerhin eine Grundvoraussetzung dafür ist, um sich redlicherweise als Christ bezeichnen zu können.
Ist die Säkularisierungswelle noch grösser als die Religionswelle?
Für Europa gilt dies zweifellos. So gibt es in Deutschland bereits mehr konfessionsfreie Menschen als Katholiken oder Protestanten. Zudem stimmt die Mehrheit der Kirchenmitglieder nicht mehr mit den zentralen Dogmen des christlichen Glaubens überein. Die meisten Kirchenmitglieder sind bei genauerer Betrachtung Schein-Mitglieder, genauer gesagt: Taufschein-Mitglieder. Man hat sie als Säuglinge getauft, weshalb man sie religiösen Institutionen zurechnet. Doch die zentralen Auffassungen dieser Institutionen teilen sie nicht.
Was hält die Leute religiös denn noch bei der Stange?
Eine interessante Frage: Was hält Menschen in einer Institution, die sie Geld kostet, wenn sie zentrale Elemente der Vereinssatzung ablehnen? Dafür gibt es vor allem soziale und ökonomische Gründe. Immerhin sind Caritas und Diakonisches Werk die grössten nicht staatlichen Arbeitgeber Europas. Jemand, der im sozialen oder medizinischen Bereich arbeitet, als Psychologe, Arzt oder Krankenpfleger, kann es sich in bestimmten Regionen gar nicht leisten, aus der Kirche auszutreten. Denn die Kirchen, die grössten Arbeitgeber auf diesem Gebiet, nutzen noch ihr Recht zur weltanschaulichen Diskriminierung, obwohl die Dienstleistungen, die sie erbringen, weitestgehend öffentlich finanziert werden. Solange es bei dieser verfassungswidrigen Regelung bleibt, sind weite Teile der Bevölkerung zwangskonfessionalisiert.
Wie ordnen Sie die Gläubigen ein, die wieder selbstbewusster zu ihrer Religion stehen?
Parallel zum Säkularisierungstrend gibt es einen Trend zur Verschärfung religiöser Bekenntnisse. Entweder werden die Menschen konsequenter religiös oder....
Samstag, Dezember 25, 2010
Religion im 21. Jahrhundert
WOZ vom 23.12.2010
Religion im 21. Jahrhundert
«Diese Leute begegnen Jesus, Allah oder irgendeinem Guru»
Von Yves Wegelin
«Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen» heisst das neuste Buch des bekannten französischen Religionssoziologen Olivier Roy. Ein Gespräch über Religionen ohne Kultur, muslimische Konvertiten und säkularisierte Weihnachtsfeste.
WOZ: Herr Roy, vor wenigen Tagen habe ich eine evangelikale Rockband im Bahnhof spielen hören, heute las ich in einer Zeitung über muslimische Konvertiten – und Sie behaupten, der Westen erlebe keine Rückkehr der Religion?
Olivier Roy: Ja, schauen Sie sich die Statistiken in Europa und in den USA an: Sie belegen eine stetige Abnahme der religiösen Praxis.
Praxis?
Das Gebet, der Besuch der Kirche, der Moschee. Es gibt zwar eine Zunahme von Moscheen – aber nur, weil es vorher fast keine gab. Es gibt auch eine Abnahme des Einflusses der katholischen Kirche, der grossen protestantischen Kirchen Deutschlands sowie der Staatskirchen in Skandinavien. Und: Die Menschen wissen immer weniger über Religion. Ein Umfrageinstitut hat den Menschen in den USA verschiedene Fragen gestellt: Was ist die Dreifaltigkeit? Was ist die Kommunion? Die besten Antworten kamen von den Atheisten, die Gläubigen kennen die Religion nicht mehr – das beweist meine These.
Ihre These?
Der Säkularisierungsprozess, der im 18. Jahrhundert begann, hat sich im Westen durchgesetzt. Die Religion hat im Westen ihre gesellschaftliche Selbstverständlichkeit verloren, bis sie im alltäglichen Leben unwichtig wurde – abgesehen von ihren säkularisierten Formen wie dem heutigen Weihnachtsfest.
Und weshalb sprechen andere von einer Rückkehr?
Die Säkularisierung hat die Religionen isoliert und sie paradoxerweise sichtbarer gemacht: Auf der einen Seite hat unsere Kultur ihre religiösen Referenzen verloren, und andererseits konstruiert sich die Religion heute gegen diese Kultur. Da religiös sein keine Selbstverständlichkeit....
Religion im 21. Jahrhundert
«Diese Leute begegnen Jesus, Allah oder irgendeinem Guru»
Von Yves Wegelin
«Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen» heisst das neuste Buch des bekannten französischen Religionssoziologen Olivier Roy. Ein Gespräch über Religionen ohne Kultur, muslimische Konvertiten und säkularisierte Weihnachtsfeste.
WOZ: Herr Roy, vor wenigen Tagen habe ich eine evangelikale Rockband im Bahnhof spielen hören, heute las ich in einer Zeitung über muslimische Konvertiten – und Sie behaupten, der Westen erlebe keine Rückkehr der Religion?
Olivier Roy: Ja, schauen Sie sich die Statistiken in Europa und in den USA an: Sie belegen eine stetige Abnahme der religiösen Praxis.
Praxis?
Das Gebet, der Besuch der Kirche, der Moschee. Es gibt zwar eine Zunahme von Moscheen – aber nur, weil es vorher fast keine gab. Es gibt auch eine Abnahme des Einflusses der katholischen Kirche, der grossen protestantischen Kirchen Deutschlands sowie der Staatskirchen in Skandinavien. Und: Die Menschen wissen immer weniger über Religion. Ein Umfrageinstitut hat den Menschen in den USA verschiedene Fragen gestellt: Was ist die Dreifaltigkeit? Was ist die Kommunion? Die besten Antworten kamen von den Atheisten, die Gläubigen kennen die Religion nicht mehr – das beweist meine These.
Ihre These?
Der Säkularisierungsprozess, der im 18. Jahrhundert begann, hat sich im Westen durchgesetzt. Die Religion hat im Westen ihre gesellschaftliche Selbstverständlichkeit verloren, bis sie im alltäglichen Leben unwichtig wurde – abgesehen von ihren säkularisierten Formen wie dem heutigen Weihnachtsfest.
Und weshalb sprechen andere von einer Rückkehr?
Die Säkularisierung hat die Religionen isoliert und sie paradoxerweise sichtbarer gemacht: Auf der einen Seite hat unsere Kultur ihre religiösen Referenzen verloren, und andererseits konstruiert sich die Religion heute gegen diese Kultur. Da religiös sein keine Selbstverständlichkeit....
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Dienstag, November 16, 2010
«Obama hat die Zügel im Nahen Osten schleifen lassen»
10. November 2010, 16:02, NZZ Online
«Obama hat die Zügel im Nahen Osten schleifen lassen»
Jimmy Carter im Gespräch mit der NZZ
Als langjähriger Vermittler im Nahen Osten weilt der ehemalige amerikanische Präsident Carter dieser Tage in der Schweiz. In einem Interview nimmt er pointiert Stellung zu den Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Frieden.
Präsident Carter, Sie waren kürzlich erneut auf einer ausgedehnten Reise durch den Nahen Osten, die palästinensischen Gebiete inbegriffen. Wie lautet die Bilanz dieser Reise?
Wir konzentrierten uns auf die Situation der Palästinenser, und diese kann man nur als bedenklich bezeichnen. Dies gilt sogar für jene, die in Israel selbst leben und einen israelischen Pass haben. Wir haben insgesamt 35 Gesetze gefunden, die sich diskriminierend auf sie auswirken. Sie umschliessen fast alle Lebensbereiche bis hin zu Heiratsbestimmungen. Wesentlich stärker unter Druck sind jene Palästinenser, die im israelisch besetzten Ost-Jerusalem wohnen. Sie habe praktisch keine Möglichkeit mehr, an einer normalen sozialen Entwicklung teilzunehmen. Sie erhalten nur gerade einen Bruchteil jener Mittel, die den jüdischen Einwohnern zur Verfügung gestellt werden. Man diskriminiert sie systematisch. Dies gilt in ähnlichem Ausmass auch für die Bewohner Cisjordaniens, auf deren Land sich mittlerweile über 300 000 jüdische Siedler festgesetzt haben.
Am schlimmsten aber ist die Lage im Gazastreifen, wo rund anderthalb Millionen Menschen wie in einem Käfig leben. Da die Israeli eine fast totale Blockade aufrechterhalten, ist eine nachhaltige Linderung der Not praktisch unmöglich. An einen Wiederaufbau oder gar eine wirtschaftliche Entwicklung ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Man muss sich vor Augen halten, dass rund die Hälfte der Bevölkerung minderjährig ist.
Am Dienstag kündigte die israelische Regierung den Bau weiterer 1300 Wohnungen in Ost-Jerusalem an. Präsident Obama reagierte mit der Bemerkung, dies sei nicht hilfreich. Wie schätzen Sie die Haltung der amerikanischen Regierung ein?
Nun, mit seiner Kairoer Rede nach seiner Wahl hatte Obama sehr grosse Hoffnungen im gesamten Nahen Osten geweckt. Er bezeichnete damals die jüdische Siedlungstätigkeit als illegal und als Haupthindernis für einen Frieden. Das war eine deutliche Sprache. Aber seither hat er die Zügel fahren lassen und nicht einmal mehr versucht, die direkten Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern zu beeinflussen. Die israelische Weigerung, den befristeten Siedlungsstopp zu verlängern, hat zum Stillstand des Prozesses geführt. Wir haben bei unseren Gesprächen im Nahen Osten die fast einhellige Meinung getroffen, dass eine Fortsetzung der Gespräche unter diesen Bedingungen sinnlos sei.
Woran liegt es, dass sich die amerikanische Nahostpolitik so stark an den israelischen Bedürfnissen orientiert? Könnten die USA nicht mehr Druck ausüben?
Da ist zunächst einmal die ausserordentlich starke Israel-Lobby in den USA. Ihr Einfluss ist gross. Es besteht unter den Amerikanern aber auch der Glaube, Israel sei eine echte Demokratie, die einzige im Nahen Osten. Kommt hinzu die militärische Bedeutung Israels für die USA. Diese nimmt ständig zu. Die Araber hingegen werden noch immer mit Misstrauen beobachtet, obwohl einige der saubersten Wahlen der letzten Jahre gerade bei den Palästinensern stattgefunden haben.
Interview: Jürg Dedial
«Obama hat die Zügel im Nahen Osten schleifen lassen»
Jimmy Carter im Gespräch mit der NZZ
Als langjähriger Vermittler im Nahen Osten weilt der ehemalige amerikanische Präsident Carter dieser Tage in der Schweiz. In einem Interview nimmt er pointiert Stellung zu den Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Frieden.
Präsident Carter, Sie waren kürzlich erneut auf einer ausgedehnten Reise durch den Nahen Osten, die palästinensischen Gebiete inbegriffen. Wie lautet die Bilanz dieser Reise?
Wir konzentrierten uns auf die Situation der Palästinenser, und diese kann man nur als bedenklich bezeichnen. Dies gilt sogar für jene, die in Israel selbst leben und einen israelischen Pass haben. Wir haben insgesamt 35 Gesetze gefunden, die sich diskriminierend auf sie auswirken. Sie umschliessen fast alle Lebensbereiche bis hin zu Heiratsbestimmungen. Wesentlich stärker unter Druck sind jene Palästinenser, die im israelisch besetzten Ost-Jerusalem wohnen. Sie habe praktisch keine Möglichkeit mehr, an einer normalen sozialen Entwicklung teilzunehmen. Sie erhalten nur gerade einen Bruchteil jener Mittel, die den jüdischen Einwohnern zur Verfügung gestellt werden. Man diskriminiert sie systematisch. Dies gilt in ähnlichem Ausmass auch für die Bewohner Cisjordaniens, auf deren Land sich mittlerweile über 300 000 jüdische Siedler festgesetzt haben.
Am schlimmsten aber ist die Lage im Gazastreifen, wo rund anderthalb Millionen Menschen wie in einem Käfig leben. Da die Israeli eine fast totale Blockade aufrechterhalten, ist eine nachhaltige Linderung der Not praktisch unmöglich. An einen Wiederaufbau oder gar eine wirtschaftliche Entwicklung ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Man muss sich vor Augen halten, dass rund die Hälfte der Bevölkerung minderjährig ist.
Am Dienstag kündigte die israelische Regierung den Bau weiterer 1300 Wohnungen in Ost-Jerusalem an. Präsident Obama reagierte mit der Bemerkung, dies sei nicht hilfreich. Wie schätzen Sie die Haltung der amerikanischen Regierung ein?
Nun, mit seiner Kairoer Rede nach seiner Wahl hatte Obama sehr grosse Hoffnungen im gesamten Nahen Osten geweckt. Er bezeichnete damals die jüdische Siedlungstätigkeit als illegal und als Haupthindernis für einen Frieden. Das war eine deutliche Sprache. Aber seither hat er die Zügel fahren lassen und nicht einmal mehr versucht, die direkten Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern zu beeinflussen. Die israelische Weigerung, den befristeten Siedlungsstopp zu verlängern, hat zum Stillstand des Prozesses geführt. Wir haben bei unseren Gesprächen im Nahen Osten die fast einhellige Meinung getroffen, dass eine Fortsetzung der Gespräche unter diesen Bedingungen sinnlos sei.
Woran liegt es, dass sich die amerikanische Nahostpolitik so stark an den israelischen Bedürfnissen orientiert? Könnten die USA nicht mehr Druck ausüben?
Da ist zunächst einmal die ausserordentlich starke Israel-Lobby in den USA. Ihr Einfluss ist gross. Es besteht unter den Amerikanern aber auch der Glaube, Israel sei eine echte Demokratie, die einzige im Nahen Osten. Kommt hinzu die militärische Bedeutung Israels für die USA. Diese nimmt ständig zu. Die Araber hingegen werden noch immer mit Misstrauen beobachtet, obwohl einige der saubersten Wahlen der letzten Jahre gerade bei den Palästinensern stattgefunden haben.
Interview: Jürg Dedial
Dienstag, November 02, 2010
«Es wird noch mehr Ehrenmorde geben»
Tages Anzeiger Online 27.10.2010
«Es wird noch mehr Ehrenmorde geben»
Von Bettina Weber
Die Autorin und Journalistin Güner Balci über Zwangsheiraten mitten in Deutschland, Thilo Sarazzin und die Feigheit von Politikern.
Unerschrockene Kämpferin
Güner Balci, 35, ist als Tochter alevitischer Türken in Berlin-Neukölln aufgewachsen. Sie hat sich als ZDF-Journalistin mit islamkritischen Beiträgen einen Namen gemacht und auch Bücher zum Thema verfasst. Ihr aktueller Roman heisst «Arabqueen» (S. Fischer, Frankfurt a. M. 2010, 319 S., ca. 26 Fr.) und schildert aufgrund wahrer Begebenheiten das Schicksal zweier arabischer Schwestern, die 2010 mitten in Deutschland von ihrer Familie sämtlicher Freiheiten beraubt werden. Das Buch wirft ein Schlaglicht auf die viel zitierte Parallelgesellschaft, weshalb Balci von der FAZ als «eine Aufklärerin im besten Sinn» bezeichnet wurde.
Ihr Roman «Arabqueen» basiert auf wahren Begebenheiten. Das Happy End indes ist fiktiv – in Wirklichkeit wurden die beiden arabischen Frauen zwangsverheiratet. Gibt es das wirklich 2010 mitten in Deutschland?
Ja, das ist die gängige Praxis. Ich habe zwölf Jahre lang in einem Mädchentreff in Berlin-Neukölln gearbeitet und in dieser Zeit alles mitbekommen, was es so gibt. Ich wusste, dass es Zwangsehen gibt, aber ich kannte das Ausmass in dieser Härte nicht.
Es ist in der Tat schockierend: Die Mädchen werden eingesperrt, dürfen sich in der Öffentlichkeit nur mit einem Aufpasser bewegen, und der Besuch bei der Gynäkologin wird ihnen verboten, weil das Jungfernhäutchen verletzt werden könnte.
Es ist in diesen Kreisen eine Selbstverständlichkeit, dass muslimische Mädchen keine Freiheit haben und auch nicht über ihren Körper verfügen können. Zurzeit recherchiere ich für einen....
«Es wird noch mehr Ehrenmorde geben»
Von Bettina Weber
Die Autorin und Journalistin Güner Balci über Zwangsheiraten mitten in Deutschland, Thilo Sarazzin und die Feigheit von Politikern.
Unerschrockene Kämpferin
Güner Balci, 35, ist als Tochter alevitischer Türken in Berlin-Neukölln aufgewachsen. Sie hat sich als ZDF-Journalistin mit islamkritischen Beiträgen einen Namen gemacht und auch Bücher zum Thema verfasst. Ihr aktueller Roman heisst «Arabqueen» (S. Fischer, Frankfurt a. M. 2010, 319 S., ca. 26 Fr.) und schildert aufgrund wahrer Begebenheiten das Schicksal zweier arabischer Schwestern, die 2010 mitten in Deutschland von ihrer Familie sämtlicher Freiheiten beraubt werden. Das Buch wirft ein Schlaglicht auf die viel zitierte Parallelgesellschaft, weshalb Balci von der FAZ als «eine Aufklärerin im besten Sinn» bezeichnet wurde.
Ihr Roman «Arabqueen» basiert auf wahren Begebenheiten. Das Happy End indes ist fiktiv – in Wirklichkeit wurden die beiden arabischen Frauen zwangsverheiratet. Gibt es das wirklich 2010 mitten in Deutschland?
Ja, das ist die gängige Praxis. Ich habe zwölf Jahre lang in einem Mädchentreff in Berlin-Neukölln gearbeitet und in dieser Zeit alles mitbekommen, was es so gibt. Ich wusste, dass es Zwangsehen gibt, aber ich kannte das Ausmass in dieser Härte nicht.
Es ist in der Tat schockierend: Die Mädchen werden eingesperrt, dürfen sich in der Öffentlichkeit nur mit einem Aufpasser bewegen, und der Besuch bei der Gynäkologin wird ihnen verboten, weil das Jungfernhäutchen verletzt werden könnte.
Es ist in diesen Kreisen eine Selbstverständlichkeit, dass muslimische Mädchen keine Freiheit haben und auch nicht über ihren Körper verfügen können. Zurzeit recherchiere ich für einen....
Samstag, Oktober 02, 2010
Donnerstag, September 23, 2010
Dienstag, Juli 20, 2010
Wie viel ist ein Menschenleben wert?
Tages Anzeiger Online
Wie viel ist ein Menschenleben wert?
Von Martin Ebel.
Ethik Für Philosophen ist klar: Den Wert eines Menschen kann und darf man nicht messen. Der Rechtsstaat jedoch muss kalkulieren – und gerät so in ein unlösbares Dilemma zwischen Ökonomie und Moral.
2004 wurde der Begriff «Humankapital» zum «Unwort des Jahres» gewählt. In ihm drücke sich, so die Jury, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche aus. Grosse Zustimmung in den Medien. «Human» und «Kapital»: Das geht gar nicht. Die Ökonomen aber rauften sich die Haare: Unter Humankapital verstehen sie die Summe aller Fähigkeiten der Mitarbeiter eines Unternehmens, von denen schliesslich dessen Erfolg abhängt. Also nichts Abwertendes, sondern etwas Positives!
Ein Jahr zuvor gab es einen ähnlichen Aufreger. Es sei der Solidargemeinschaft nicht zuzumuten, sagte der Jungpolitiker Philipp Missfelder von der deutschen CDU, einer 85-jährigen Frau ein neues Hüftgelenk zu bezahlen. Der Mann bekam die Wut der 85-Jährigen zu spüren und aller, die gern so alt werden und sich dann neuer Hüften erfreuen wollen. Er musste zu Kreuze kriechen, was seiner Karriere übrigens nicht geschadet hat. In beiden Fällen zeigt die Erregungshitze, dass ein Schmerzpunkt unserer Gesellschaft getroffen wurde. Denn die entwickelten Demokratien des Westens setzen, anders als Diktaturen oder Theokratien, den einzelnen Menschen absolut.
Die Würde ist «unantastbar»
In unseren Verfassungen drückt sich dieser absolute Wert in Formulierungen aus, die meist mit dem Begriff der Würde zu tun haben. «Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen», heisst es in Artikel 7 der Schweizer.....
Wie viel ist ein Menschenleben wert?
Von Martin Ebel.
Ethik Für Philosophen ist klar: Den Wert eines Menschen kann und darf man nicht messen. Der Rechtsstaat jedoch muss kalkulieren – und gerät so in ein unlösbares Dilemma zwischen Ökonomie und Moral.
2004 wurde der Begriff «Humankapital» zum «Unwort des Jahres» gewählt. In ihm drücke sich, so die Jury, die Ökonomisierung aller Lebensbereiche aus. Grosse Zustimmung in den Medien. «Human» und «Kapital»: Das geht gar nicht. Die Ökonomen aber rauften sich die Haare: Unter Humankapital verstehen sie die Summe aller Fähigkeiten der Mitarbeiter eines Unternehmens, von denen schliesslich dessen Erfolg abhängt. Also nichts Abwertendes, sondern etwas Positives!
Ein Jahr zuvor gab es einen ähnlichen Aufreger. Es sei der Solidargemeinschaft nicht zuzumuten, sagte der Jungpolitiker Philipp Missfelder von der deutschen CDU, einer 85-jährigen Frau ein neues Hüftgelenk zu bezahlen. Der Mann bekam die Wut der 85-Jährigen zu spüren und aller, die gern so alt werden und sich dann neuer Hüften erfreuen wollen. Er musste zu Kreuze kriechen, was seiner Karriere übrigens nicht geschadet hat. In beiden Fällen zeigt die Erregungshitze, dass ein Schmerzpunkt unserer Gesellschaft getroffen wurde. Denn die entwickelten Demokratien des Westens setzen, anders als Diktaturen oder Theokratien, den einzelnen Menschen absolut.
Die Würde ist «unantastbar»
In unseren Verfassungen drückt sich dieser absolute Wert in Formulierungen aus, die meist mit dem Begriff der Würde zu tun haben. «Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen», heisst es in Artikel 7 der Schweizer.....
Samstag, Mai 08, 2010
Dieter Meier: «Jeder Mensch ist Gott»
Tages Anzeiger Online
«Jeder Mensch ist Gott»
Interview: Michèle Binswanger
Er war Profi-Pokerspieler, Konzeptkünstler, Popstar. In Berlin ist Dieter Meier nun eine Ausstellung gewidmet, in Zürich zeigt er den Film «Lightmaker». Ein Gespräch mit dem grossen Schweizer Tausendsassa.
Sie haben ihre Laufbahn als Konzeptkünstler begonnen, hörten damit aber nach einer Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich wieder auf. Es heisst, sie hätten keine Lust mehr gehabt. Weshalb?
Im Kunstbereich ist man abhängig von einem sozialen Umfeld, einer Nahrungskette, man muss sich anbiedern, das lag mir nicht. In der Plattenindustrie ist es ganz anders. Es ist leichter, ein grösseres Publikum....
Tages Anzeiger Online
«Jeder Mensch ist Gott»
Interview: Michèle Binswanger
Er war Profi-Pokerspieler, Konzeptkünstler, Popstar. In Berlin ist Dieter Meier nun eine Ausstellung gewidmet, in Zürich zeigt er den Film «Lightmaker». Ein Gespräch mit dem grossen Schweizer Tausendsassa.
Sie haben ihre Laufbahn als Konzeptkünstler begonnen, hörten damit aber nach einer Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich wieder auf. Es heisst, sie hätten keine Lust mehr gehabt. Weshalb?
Im Kunstbereich ist man abhängig von einem sozialen Umfeld, einer Nahrungskette, man muss sich anbiedern, das lag mir nicht. In der Plattenindustrie ist es ganz anders. Es ist leichter, ein grösseres Publikum zu erreichen und wenn einem das gelingt, ist man in einer völlig unabhängigen Position. Das ist viel demokratischer als in der Kunstwelt, wo diese Entscheidungskriterien über Erfolg oder Nicht-Erfolg mit fortschreitender Postmoderne immer irrationaler werden. Deshalb ist heute ja das soziale Talent eines Künstlers, also über Kunst zu reden und sie selber zu promoten, so enorm wichtig. Damien Hirst ist darin ein Weltmeister.
Wie kommt der Bankierssohn vom Zürichberg dazu, Künstler zu werden?
Ich fing damit an, weil alles andere mich nicht interessierte. Nach der Matur wusste ich nicht, was mit mir anfangen und wurde professioneller Pokerspieler. Das machte ich vier Jahre lang. Als Pokerspieler ist man in einem hermetisch abgeschlossenen Raum, die perfekte Flucht. Man nimmt Karten auf, das ist eine Art Schicksal, und mit dem, was man in der Hand hat, agiert man. Es ist existenziell, denn jeder will den anderen k.o. schlagen. Dann begann ich zu filmen. Ein Onkel von mir hatte eine 16-Millimeter-Kamera und er brachte mir bei, wie man einen Film einlegt. Ich filmte nicht, weil ich mich dazu berufen fühlte, sondern weil ich beim Filmen nicht unmittelbar konfrontiert war mit Zweifel an meiner Arbeit und der Angst, vor dem Ungenügen. Mit diesem Material fing ich dann zu arbeiten .
Man liest, immer wieder, dass Ihnen alles irgendwie zugefallen ist – beispielsweise sagen Sie, sie wüssten bis heute nicht, wie das Kunsthaus 1967 darauf gekommen ist, eine Einzelausstellung zu geben. Ist das möglich?
Ich wohnte damals in einem Abbruchhaus in Zollikon. Eines Tages rief mich der damalige Vizedirektor Felix Baumann an und bot mir eine Einzelausstellung an. Aus dem Nichts und ich hatte auch nicht etwas, das ich zeigen konnte. Ich fragte, was er sich denn vorstelle. Und er sagte: es wird Ihnen schon etwas dazu einfallen. Bis heute ist es so, dass die Leute auf mich zukommen. Zum Beispiel meldete sich Christian Krachts Verleger bei mir und sagte: «Ich habe gehört, du hast einen Roman in der Schublade. Ich will mit dir dein nächstes Buch machen.» Ich sagte: «Das freut mich, aber diesen Roman gibt es gar nicht.» Aber ich schreibe und ihm gefällt, was ich schreibe. Und jetzt freut er sich darauf, meinen Roman zu veröffentlichen.
Hatten Sie je Misserfolg?
Durchaus. Es gibt diesen Film, an dem ich schon fast zwanzig Jahre arbeite. Viele Leute hatten in das Projekt investiert, ich kämpfte lange, hatte Pech mit einem Negativ, ich musste gegen ein Labor prozessieren, die Postproduktion, die ich in Los Angeles machte, entglitt mir völlig. Als der Film nach Jahren endlich fertig war, schickte ich ihn zur Berlinale, er wurde angenommen. Und dann sah ich ihn im Zoopalast vor einem Publikum von 700 Leuten. Ich wusste sofort: Es war nicht mein Film und er hatte auch schlechte Kritiken. Man kann sagen, da bin ich gescheitert. Ich habe die Arbeit dann später wieder aufgenommen. Er ist jetzt übrigens fertig. Er heisst «Lightmaker» und kommt diesen Juni nach Zürich.
Wie gehen Sie mit der Kränkung des Scheiterns um?
Bei der kreativen Arbeit gibt man sein Bestes und wenn man es loslässt, ist es wie eine eigene Kreatur. Wenn man sich sicher ist, was man tut, dann sollten einen schlechte Kritiken nicht erschüttern. Was mich allerdings immer getroffen hat, sind Dinge, die geschrieben wurden, wie dass mein Vater eine Spende gemacht habe an die Dokumenta, damit ich da teilnehmen kann. Jemand von der «Luzerner Zeitung» fragte mich mal, wer denn meine Texte für mich schreiben würde. Ich sagte ihm, ich hätte zwei Intellektuelle im Keller, die gerne Bananen ässen und wenn ich wolle, dass sie was Gutes schreiben, gäbe ich ihnen Bananen.
Sie schrieben mal: «Ein Künstler ist jeder, der mit seiner Betätigung beabsichtigt, Kunst zu schaffen und das in dieser Absicht Hervorgebrachte ist in jedem Fall Kunst.» Ist Künstler der dilettantischste Beruf der Welt?
Es kann ein dilettantischer Beruf sein, aber die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Dasein ist eine philosophische. Sie bringt sich beim Künstler nicht in analytischen Sätzen oder Bildern zum Ausdruck, sondern in dem, was er tut. Es ist ein hoffentlich immer präziseres Finden seiner Selbst. Im Sinne eines jener Sätze, die man dem Wanderprediger namens Jesus zuschreibt, der heisst: Werdet wie Kinder. Das ist ein wunderbarer Satz, auch ein sehr anarchischer. Es bedeutet, die göttliche Absicht in sich zu finden, alles, was von der Welt und ihren Formen verschüttet wird, freizulegen. Sokrates wurde zum Tode verurteilt wegen Verführung der Jugend. Das tat er nicht mit irgendwelchen staatsfeindlichen Ideen oder Religionen, sondern, weil er eben versuchte, sie zu sich selbst zu führen und von den Klischees und Denkfiguren zu befreien.
Oder wie dieser paradoxe Satz von Nietzsche: «Wie man wird, was man ist. » Wenn Sie sich selber betrachten: was sind Sie denn?
Der Satz bedeutet, dass man werden soll, wie man eigentlich ist. Und das muss man täglich aufs Neue herausfinden, sei das beim Gespräch mit dem Taxichauffeur, oder indem man einen Spielfilm produziert. Und das ist tatsächlich etwas, das ich schon als Kind tat: die permanente Reflexion über alles und jedes, ich wollte mir alles erklären, stellte ständig Fragen. Wie eine Fledermaus, die ihren Ultraschall aussendet und ihre Welt so abbildet.
Ihnen ist vieles zugefallen, sagen Sie. Glauben Sie an das Schicksal?
Total. Je länger desto mehr halte ich die rationale Fähigkeit einzugreifen für eine Illusion. Bei all meinen Projekten hatte ich nie das Gefühl, ich hätte das jetzt alles gemacht. Vielmehr staune ich, was bei der glücklichen Konstellation von Umständen, Befindlichkeiten usw. entstehen kann, Mich erinnert das immer an Pilze, die entstehen ja aus einem Rhizom unter dem Boden, aus dem sie sich speisen. Wenn Temperatur und Feuchtigkeit und alles stimmt, entsteht an der Oberfläche ein Pilz. Deshalb halte ich auch nichts von Menschen, die sich etwas auf das, was sie erreicht haben, einbilden. Gerade in der Kunst gibt es furchtbar eingebildete Leute, die von ihrem Werk, ihrer Arbeit reden, Lösungen, die sie dafür finden. Das sind eigentlich Witzfiguren.
Es gibt also ein Schicksal, aber keinen freien Willen – was hält denn das Ganze zusammen, wenn es, wie Sie sagen, keinen Gott gibt?
Ich glaube, jeder Mensch ist Gott. Ich bin kein geschulter Buddhist, aber ich halte das für eine bestechende Idee. Das Prinzip des Homo sapiens, mit Erkenntnisfähigkeit gesegnet und gestraft zugleich, die Vertreibung aus dem Paradies. Die Geburtsstunde des Menschen begann nicht, als er lernte, Werkzeuge zu gebrauchen – das machen Affen ja auch. Die Geburtsstunde der Menschheit begann in der Sekunde, als ein Mensch begann, über sich selber nachzudenken, seinen Sinn nachzudenken.
Kennen Sie auch die Verzweiflung des Künstlers?
Ja natürlich. Um wieder zum Bild des Rhizoms zurückzukommen. Man hat kein Bewusstsein von jenem Raum, in dem man sich befindet, so lange es einem vergönnt ist, etwas zustande zu bringen. Erst wenn man ihn verlässt, wird man überfallen von Trauer und Einsamkeit. Deshalb haben ja auch so viele Künstler mit Drogen und Depressionen zu tun. Das ist die Trauer, den Raum verloren zu haben. Oder begibt sich in einen Rausch, nachdem man vielleicht lange an diese Türe gepocht hat und merkt, das sie verschlossen ist.
Sie sind Künstler, Musiker, Autor, Filmer, Pokerspieler, Golfer, Unternehmer – in welchem Feld fühlen Sie sich schöpferisch zu Hause?
Einerseits beim Schreiben. Die Unmittelbarkeit und totale Einsamkeit der Autorschaft. Es gibt dieses Zitat von Beat Breu, dem Velorennfahrer. Als er den Giro d‘Italia gewann, sagte er danach in einem Interview: «In der Ebene, da geht alles um Taktik, Windschatten, Mannschaft usw. Aber den Berg hinauffahren muss jeder selber.» Das Schreiben ist für mich der Berg. Beim Film ist es anders. Wenn man einen Film vom Stapel gerissen hat, dann ist das das Ende des Zweifels. Es ist, als segle man mit einer Truppe von zwanzig Leuten los und wollen von South Hampton nach NY kommen. Da kann man sich auch nicht dauernd fragen, ob man das kann, will, darf. Vom Zweifel und all der Leere befreit zu sein, das ist ein grosses Glück. Andere finden es stressig. Für mich ist es ein reines Vergnügen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
«Jeder Mensch ist Gott»
Interview: Michèle Binswanger
Er war Profi-Pokerspieler, Konzeptkünstler, Popstar. In Berlin ist Dieter Meier nun eine Ausstellung gewidmet, in Zürich zeigt er den Film «Lightmaker». Ein Gespräch mit dem grossen Schweizer Tausendsassa.
Sie haben ihre Laufbahn als Konzeptkünstler begonnen, hörten damit aber nach einer Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich wieder auf. Es heisst, sie hätten keine Lust mehr gehabt. Weshalb?
Im Kunstbereich ist man abhängig von einem sozialen Umfeld, einer Nahrungskette, man muss sich anbiedern, das lag mir nicht. In der Plattenindustrie ist es ganz anders. Es ist leichter, ein grösseres Publikum....
Tages Anzeiger Online
«Jeder Mensch ist Gott»
Interview: Michèle Binswanger
Er war Profi-Pokerspieler, Konzeptkünstler, Popstar. In Berlin ist Dieter Meier nun eine Ausstellung gewidmet, in Zürich zeigt er den Film «Lightmaker». Ein Gespräch mit dem grossen Schweizer Tausendsassa.
Sie haben ihre Laufbahn als Konzeptkünstler begonnen, hörten damit aber nach einer Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich wieder auf. Es heisst, sie hätten keine Lust mehr gehabt. Weshalb?
Im Kunstbereich ist man abhängig von einem sozialen Umfeld, einer Nahrungskette, man muss sich anbiedern, das lag mir nicht. In der Plattenindustrie ist es ganz anders. Es ist leichter, ein grösseres Publikum zu erreichen und wenn einem das gelingt, ist man in einer völlig unabhängigen Position. Das ist viel demokratischer als in der Kunstwelt, wo diese Entscheidungskriterien über Erfolg oder Nicht-Erfolg mit fortschreitender Postmoderne immer irrationaler werden. Deshalb ist heute ja das soziale Talent eines Künstlers, also über Kunst zu reden und sie selber zu promoten, so enorm wichtig. Damien Hirst ist darin ein Weltmeister.
Wie kommt der Bankierssohn vom Zürichberg dazu, Künstler zu werden?
Ich fing damit an, weil alles andere mich nicht interessierte. Nach der Matur wusste ich nicht, was mit mir anfangen und wurde professioneller Pokerspieler. Das machte ich vier Jahre lang. Als Pokerspieler ist man in einem hermetisch abgeschlossenen Raum, die perfekte Flucht. Man nimmt Karten auf, das ist eine Art Schicksal, und mit dem, was man in der Hand hat, agiert man. Es ist existenziell, denn jeder will den anderen k.o. schlagen. Dann begann ich zu filmen. Ein Onkel von mir hatte eine 16-Millimeter-Kamera und er brachte mir bei, wie man einen Film einlegt. Ich filmte nicht, weil ich mich dazu berufen fühlte, sondern weil ich beim Filmen nicht unmittelbar konfrontiert war mit Zweifel an meiner Arbeit und der Angst, vor dem Ungenügen. Mit diesem Material fing ich dann zu arbeiten .
Man liest, immer wieder, dass Ihnen alles irgendwie zugefallen ist – beispielsweise sagen Sie, sie wüssten bis heute nicht, wie das Kunsthaus 1967 darauf gekommen ist, eine Einzelausstellung zu geben. Ist das möglich?
Ich wohnte damals in einem Abbruchhaus in Zollikon. Eines Tages rief mich der damalige Vizedirektor Felix Baumann an und bot mir eine Einzelausstellung an. Aus dem Nichts und ich hatte auch nicht etwas, das ich zeigen konnte. Ich fragte, was er sich denn vorstelle. Und er sagte: es wird Ihnen schon etwas dazu einfallen. Bis heute ist es so, dass die Leute auf mich zukommen. Zum Beispiel meldete sich Christian Krachts Verleger bei mir und sagte: «Ich habe gehört, du hast einen Roman in der Schublade. Ich will mit dir dein nächstes Buch machen.» Ich sagte: «Das freut mich, aber diesen Roman gibt es gar nicht.» Aber ich schreibe und ihm gefällt, was ich schreibe. Und jetzt freut er sich darauf, meinen Roman zu veröffentlichen.
Hatten Sie je Misserfolg?
Durchaus. Es gibt diesen Film, an dem ich schon fast zwanzig Jahre arbeite. Viele Leute hatten in das Projekt investiert, ich kämpfte lange, hatte Pech mit einem Negativ, ich musste gegen ein Labor prozessieren, die Postproduktion, die ich in Los Angeles machte, entglitt mir völlig. Als der Film nach Jahren endlich fertig war, schickte ich ihn zur Berlinale, er wurde angenommen. Und dann sah ich ihn im Zoopalast vor einem Publikum von 700 Leuten. Ich wusste sofort: Es war nicht mein Film und er hatte auch schlechte Kritiken. Man kann sagen, da bin ich gescheitert. Ich habe die Arbeit dann später wieder aufgenommen. Er ist jetzt übrigens fertig. Er heisst «Lightmaker» und kommt diesen Juni nach Zürich.
Wie gehen Sie mit der Kränkung des Scheiterns um?
Bei der kreativen Arbeit gibt man sein Bestes und wenn man es loslässt, ist es wie eine eigene Kreatur. Wenn man sich sicher ist, was man tut, dann sollten einen schlechte Kritiken nicht erschüttern. Was mich allerdings immer getroffen hat, sind Dinge, die geschrieben wurden, wie dass mein Vater eine Spende gemacht habe an die Dokumenta, damit ich da teilnehmen kann. Jemand von der «Luzerner Zeitung» fragte mich mal, wer denn meine Texte für mich schreiben würde. Ich sagte ihm, ich hätte zwei Intellektuelle im Keller, die gerne Bananen ässen und wenn ich wolle, dass sie was Gutes schreiben, gäbe ich ihnen Bananen.
Sie schrieben mal: «Ein Künstler ist jeder, der mit seiner Betätigung beabsichtigt, Kunst zu schaffen und das in dieser Absicht Hervorgebrachte ist in jedem Fall Kunst.» Ist Künstler der dilettantischste Beruf der Welt?
Es kann ein dilettantischer Beruf sein, aber die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Dasein ist eine philosophische. Sie bringt sich beim Künstler nicht in analytischen Sätzen oder Bildern zum Ausdruck, sondern in dem, was er tut. Es ist ein hoffentlich immer präziseres Finden seiner Selbst. Im Sinne eines jener Sätze, die man dem Wanderprediger namens Jesus zuschreibt, der heisst: Werdet wie Kinder. Das ist ein wunderbarer Satz, auch ein sehr anarchischer. Es bedeutet, die göttliche Absicht in sich zu finden, alles, was von der Welt und ihren Formen verschüttet wird, freizulegen. Sokrates wurde zum Tode verurteilt wegen Verführung der Jugend. Das tat er nicht mit irgendwelchen staatsfeindlichen Ideen oder Religionen, sondern, weil er eben versuchte, sie zu sich selbst zu führen und von den Klischees und Denkfiguren zu befreien.
Oder wie dieser paradoxe Satz von Nietzsche: «Wie man wird, was man ist. » Wenn Sie sich selber betrachten: was sind Sie denn?
Der Satz bedeutet, dass man werden soll, wie man eigentlich ist. Und das muss man täglich aufs Neue herausfinden, sei das beim Gespräch mit dem Taxichauffeur, oder indem man einen Spielfilm produziert. Und das ist tatsächlich etwas, das ich schon als Kind tat: die permanente Reflexion über alles und jedes, ich wollte mir alles erklären, stellte ständig Fragen. Wie eine Fledermaus, die ihren Ultraschall aussendet und ihre Welt so abbildet.
Ihnen ist vieles zugefallen, sagen Sie. Glauben Sie an das Schicksal?
Total. Je länger desto mehr halte ich die rationale Fähigkeit einzugreifen für eine Illusion. Bei all meinen Projekten hatte ich nie das Gefühl, ich hätte das jetzt alles gemacht. Vielmehr staune ich, was bei der glücklichen Konstellation von Umständen, Befindlichkeiten usw. entstehen kann, Mich erinnert das immer an Pilze, die entstehen ja aus einem Rhizom unter dem Boden, aus dem sie sich speisen. Wenn Temperatur und Feuchtigkeit und alles stimmt, entsteht an der Oberfläche ein Pilz. Deshalb halte ich auch nichts von Menschen, die sich etwas auf das, was sie erreicht haben, einbilden. Gerade in der Kunst gibt es furchtbar eingebildete Leute, die von ihrem Werk, ihrer Arbeit reden, Lösungen, die sie dafür finden. Das sind eigentlich Witzfiguren.
Es gibt also ein Schicksal, aber keinen freien Willen – was hält denn das Ganze zusammen, wenn es, wie Sie sagen, keinen Gott gibt?
Ich glaube, jeder Mensch ist Gott. Ich bin kein geschulter Buddhist, aber ich halte das für eine bestechende Idee. Das Prinzip des Homo sapiens, mit Erkenntnisfähigkeit gesegnet und gestraft zugleich, die Vertreibung aus dem Paradies. Die Geburtsstunde des Menschen begann nicht, als er lernte, Werkzeuge zu gebrauchen – das machen Affen ja auch. Die Geburtsstunde der Menschheit begann in der Sekunde, als ein Mensch begann, über sich selber nachzudenken, seinen Sinn nachzudenken.
Kennen Sie auch die Verzweiflung des Künstlers?
Ja natürlich. Um wieder zum Bild des Rhizoms zurückzukommen. Man hat kein Bewusstsein von jenem Raum, in dem man sich befindet, so lange es einem vergönnt ist, etwas zustande zu bringen. Erst wenn man ihn verlässt, wird man überfallen von Trauer und Einsamkeit. Deshalb haben ja auch so viele Künstler mit Drogen und Depressionen zu tun. Das ist die Trauer, den Raum verloren zu haben. Oder begibt sich in einen Rausch, nachdem man vielleicht lange an diese Türe gepocht hat und merkt, das sie verschlossen ist.
Sie sind Künstler, Musiker, Autor, Filmer, Pokerspieler, Golfer, Unternehmer – in welchem Feld fühlen Sie sich schöpferisch zu Hause?
Einerseits beim Schreiben. Die Unmittelbarkeit und totale Einsamkeit der Autorschaft. Es gibt dieses Zitat von Beat Breu, dem Velorennfahrer. Als er den Giro d‘Italia gewann, sagte er danach in einem Interview: «In der Ebene, da geht alles um Taktik, Windschatten, Mannschaft usw. Aber den Berg hinauffahren muss jeder selber.» Das Schreiben ist für mich der Berg. Beim Film ist es anders. Wenn man einen Film vom Stapel gerissen hat, dann ist das das Ende des Zweifels. Es ist, als segle man mit einer Truppe von zwanzig Leuten los und wollen von South Hampton nach NY kommen. Da kann man sich auch nicht dauernd fragen, ob man das kann, will, darf. Vom Zweifel und all der Leere befreit zu sein, das ist ein grosses Glück. Andere finden es stressig. Für mich ist es ein reines Vergnügen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Dienstag, April 27, 2010
Vatikan erlaubt Sex mit Kindern ab zwölf Jahren
Die Welt Online
Vatikan erlaubt Sex mit Kindern ab zwölf Jahren
Von Lucas Wiegelmann 24. April 2010, 16:49 Uhr
Der Vatikanstaat hat in Europa das niedrigste Schutzalter für Kinder. Es liegt bei 12 Jahren, in Deutschland dagegen bei 14 und in der Schweiz bei 16. Das Schutzalter legt fest, wie alt ein Kind mindestens sein muss, damit Erwachsene und Jugendliche sexuelle Beziehungen mit ihm haben dürfen.
Unter dem Druck des Missbrauchsskandals bekennt sich die katholische Kirche neuerdings lautstark dazu, dass der Staat für die Aufklärung von Straftaten zuständig ist. Um dem Verdacht entgegenzutreten, Übergriffe könnten innerkirchlich vertuscht werden, stellt der Vatikan immer wieder klar: Bei der Aufarbeitung des Skandals soll weltliches Recht strikt beachtet, sollen Staatsanwaltschaften eingeschaltet werden.
Doch für Kinder, die im Vatikan selbst leben, ist das....
Die Welt Online
Vatikan erlaubt Sex mit Kindern ab zwölf Jahren
Von Lucas Wiegelmann 24. April 2010, 16:49 Uhr
Der Vatikanstaat hat in Europa das niedrigste Schutzalter für Kinder. Es liegt bei 12 Jahren, in Deutschland dagegen bei 14 und in der Schweiz bei 16. Das Schutzalter legt fest, wie alt ein Kind mindestens sein muss, damit Erwachsene und Jugendliche sexuelle Beziehungen mit ihm haben dürfen.
Unter dem Druck des Missbrauchsskandals bekennt sich die katholische Kirche neuerdings lautstark dazu, dass der Staat für die Aufklärung von Straftaten zuständig ist. Um dem Verdacht entgegenzutreten, Übergriffe könnten innerkirchlich vertuscht werden, stellt der Vatikan immer wieder klar: Bei der Aufarbeitung des Skandals soll weltliches Recht strikt beachtet, sollen Staatsanwaltschaften eingeschaltet werden.
Doch für Kinder, die im Vatikan selbst leben, ist das eigentlich keine beruhigende Nachricht. Der Vatikanstaat hat nämlich das niedrigste Schutzalter für Kinder in ganz Europa. Es liegt bei zwölf Jahren, in Deutschland dagegen bei 14 Jahren, in der Schweiz sogar bei 16 Jahren.
Als Schutzalter bezeichnet man die Altersgrenze für Kinder, ab der Erwachsene und Jugendliche unter Umständen sexuelle Beziehungen mit ihnen haben dürfen. Sprich: In Deutschland macht sich jeder strafbar, der an einem zwölf- oder dreizehnjährigen Kind sexuelle Handlungen vornimmt – ganz egal, ob es einwilligt oder nicht.
Im Vatikanstaat wäre das unter Umständen straffrei, etwa wenn kein Abhängigskeitsverhältnis zwischen den Partnern besteht. Grund ist ein juristisches Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert. Damals lag im italienischen Strafrecht die Altersgrenze für Sex bei zwölf Jahren.
Als der Vatikan sich 1929 in seiner heutigen Form gründete, übernahm er das italienische Strafgesetzbuch mit dieser Regelung. Es ist bis heute das weltliche Recht für vatikanische Staatsangehörige, gilt also parallel zum Kanonischen Recht für Kirchenangehörige.
Mittlerweile wurden zwar unterschiedliche Dinge geändert, zum Beispiel wurde die Todesstrafe abgeschafft. Aber das Schutzalter blieb bestehen – anders als in Italien, wo das Mindestalter schon vor Jahrzehnten auf 14 angehoben wurde.
Einige Rechtsgelehrte vertreten die Ansicht, dass es sich nur um eine Kuriosität ohne Bedeutung für die Praxis handelt: Es gibt zwar Kinder im Vatikan, denn dort leben nicht nur Geistliche, sondern auch Familien von Vatikanangestellten oder Offizieren der Schweizergarde.
Aber es dürften sehr wenige sein, der kleinste Staat der Welt hat insgesamt nur knapp 1000 Einwohner. Es ist nicht bekannt, ob die einschlägigen Strafartikel 331 und 333 des Codice Penale überhaupt schon einmal in einem vatikanischen Fall angewendet wurden.
Doch Kritiker bezweifeln, dass die Sonderregelung wirklich nur aus Unachtsamkeit oder Gleichgültigkeit beibehalten wird. Juristen wie der Wiener Professor Manfred Nowak gehen davon aus, dass die katholische Kirche das Schutzalter bewusst niedrig gewählt hat.
Nowak verweist auf Malta und Spanien. Malta hat als einziges europäisches Land ein ebenso niedriges Schutzalter wie der Vatikan. Spanien hatte noch bis vor sieben Jahren die gleiche Regelung, mittlerweile wurde die Altersgrenze auf 13 Jahre erhöht. Kein Land in Europa ist so stark katholisch geprägt wie Malta und Spanien – und der Vatikan.
Vatikan erlaubt Sex mit Kindern ab zwölf Jahren
Von Lucas Wiegelmann 24. April 2010, 16:49 Uhr
Der Vatikanstaat hat in Europa das niedrigste Schutzalter für Kinder. Es liegt bei 12 Jahren, in Deutschland dagegen bei 14 und in der Schweiz bei 16. Das Schutzalter legt fest, wie alt ein Kind mindestens sein muss, damit Erwachsene und Jugendliche sexuelle Beziehungen mit ihm haben dürfen.
Unter dem Druck des Missbrauchsskandals bekennt sich die katholische Kirche neuerdings lautstark dazu, dass der Staat für die Aufklärung von Straftaten zuständig ist. Um dem Verdacht entgegenzutreten, Übergriffe könnten innerkirchlich vertuscht werden, stellt der Vatikan immer wieder klar: Bei der Aufarbeitung des Skandals soll weltliches Recht strikt beachtet, sollen Staatsanwaltschaften eingeschaltet werden.
Doch für Kinder, die im Vatikan selbst leben, ist das....
Die Welt Online
Vatikan erlaubt Sex mit Kindern ab zwölf Jahren
Von Lucas Wiegelmann 24. April 2010, 16:49 Uhr
Der Vatikanstaat hat in Europa das niedrigste Schutzalter für Kinder. Es liegt bei 12 Jahren, in Deutschland dagegen bei 14 und in der Schweiz bei 16. Das Schutzalter legt fest, wie alt ein Kind mindestens sein muss, damit Erwachsene und Jugendliche sexuelle Beziehungen mit ihm haben dürfen.
Unter dem Druck des Missbrauchsskandals bekennt sich die katholische Kirche neuerdings lautstark dazu, dass der Staat für die Aufklärung von Straftaten zuständig ist. Um dem Verdacht entgegenzutreten, Übergriffe könnten innerkirchlich vertuscht werden, stellt der Vatikan immer wieder klar: Bei der Aufarbeitung des Skandals soll weltliches Recht strikt beachtet, sollen Staatsanwaltschaften eingeschaltet werden.
Doch für Kinder, die im Vatikan selbst leben, ist das eigentlich keine beruhigende Nachricht. Der Vatikanstaat hat nämlich das niedrigste Schutzalter für Kinder in ganz Europa. Es liegt bei zwölf Jahren, in Deutschland dagegen bei 14 Jahren, in der Schweiz sogar bei 16 Jahren.
Als Schutzalter bezeichnet man die Altersgrenze für Kinder, ab der Erwachsene und Jugendliche unter Umständen sexuelle Beziehungen mit ihnen haben dürfen. Sprich: In Deutschland macht sich jeder strafbar, der an einem zwölf- oder dreizehnjährigen Kind sexuelle Handlungen vornimmt – ganz egal, ob es einwilligt oder nicht.
Im Vatikanstaat wäre das unter Umständen straffrei, etwa wenn kein Abhängigskeitsverhältnis zwischen den Partnern besteht. Grund ist ein juristisches Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert. Damals lag im italienischen Strafrecht die Altersgrenze für Sex bei zwölf Jahren.
Als der Vatikan sich 1929 in seiner heutigen Form gründete, übernahm er das italienische Strafgesetzbuch mit dieser Regelung. Es ist bis heute das weltliche Recht für vatikanische Staatsangehörige, gilt also parallel zum Kanonischen Recht für Kirchenangehörige.
Mittlerweile wurden zwar unterschiedliche Dinge geändert, zum Beispiel wurde die Todesstrafe abgeschafft. Aber das Schutzalter blieb bestehen – anders als in Italien, wo das Mindestalter schon vor Jahrzehnten auf 14 angehoben wurde.
Einige Rechtsgelehrte vertreten die Ansicht, dass es sich nur um eine Kuriosität ohne Bedeutung für die Praxis handelt: Es gibt zwar Kinder im Vatikan, denn dort leben nicht nur Geistliche, sondern auch Familien von Vatikanangestellten oder Offizieren der Schweizergarde.
Aber es dürften sehr wenige sein, der kleinste Staat der Welt hat insgesamt nur knapp 1000 Einwohner. Es ist nicht bekannt, ob die einschlägigen Strafartikel 331 und 333 des Codice Penale überhaupt schon einmal in einem vatikanischen Fall angewendet wurden.
Doch Kritiker bezweifeln, dass die Sonderregelung wirklich nur aus Unachtsamkeit oder Gleichgültigkeit beibehalten wird. Juristen wie der Wiener Professor Manfred Nowak gehen davon aus, dass die katholische Kirche das Schutzalter bewusst niedrig gewählt hat.
Nowak verweist auf Malta und Spanien. Malta hat als einziges europäisches Land ein ebenso niedriges Schutzalter wie der Vatikan. Spanien hatte noch bis vor sieben Jahren die gleiche Regelung, mittlerweile wurde die Altersgrenze auf 13 Jahre erhöht. Kein Land in Europa ist so stark katholisch geprägt wie Malta und Spanien – und der Vatikan.
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Mittwoch, März 31, 2010
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Tages Anzeiger Online 30.03.2010
Kultur
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Es ist der Traum vieler religiöser Menschen: endlich die vielen Zweifel am Glauben loszuwerden. Die Sozialphilosophen Peter L. Berger und Anton Zijderveld räumen mit dieser Hoffnung auf.
Das Buch
Peter L. Berger/Anton Zijderveld: «Lob des Zweifels», Kreuz Verlag, 179 Seiten, 29,50 Franken.
In ihrem Buch «Lob des Zweifels» erklären sie, weshalb ein allzu sicherer Glaube für das Zusammenleben der Menschen sogar gefährlich werden kann. Leicht hat man es heute nicht mit seinem Glauben, das geben die Autoren zu.
Egal mit wem man redet oder was man liest - überall trifft man auf Überzeugungen, die so gar nicht in das eigene Weltbild passen wollen. Unwillkürlich beginnt man zu überlegen, wer denn wohl recht hat? Da ist zum Beispiel der Christ, der mit dem Glauben seines muslimischen Arbeitskollegen konfrontiert wird. Oder der Herr, der einer Dame aus Höflichkeit den Vortritt lassen .....
Tages Anzeiger Online 30.03.2010
Kultur
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Es ist der Traum vieler religiöser Menschen: endlich die vielen Zweifel am Glauben loszuwerden. Die Sozialphilosophen Peter L. Berger und Anton Zijderveld räumen mit dieser Hoffnung auf.
Das Buch
Peter L. Berger/Anton Zijderveld: «Lob des Zweifels», Kreuz Verlag, 179 Seiten, 29,50 Franken.
In ihrem Buch «Lob des Zweifels» erklären sie, weshalb ein allzu sicherer Glaube für das Zusammenleben der Menschen sogar gefährlich werden kann. Leicht hat man es heute nicht mit seinem Glauben, das geben die Autoren zu.
Egal mit wem man redet oder was man liest - überall trifft man auf Überzeugungen, die so gar nicht in das eigene Weltbild passen wollen. Unwillkürlich beginnt man zu überlegen, wer denn wohl recht hat? Da ist zum Beispiel der Christ, der mit dem Glauben seines muslimischen Arbeitskollegen konfrontiert wird. Oder der Herr, der einer Dame aus Höflichkeit den Vortritt lassen will, aber von einer emanzipierten Frau brüsk zurückgewiesen wird. Ständig müssen Menschen ihre Meinungen und Verhaltensweisen überdenken, schreiben Berger und Zijderveld.
Gefahr einfacher Wahrheiten
«Man könnte ohne grosse Übertreibung sagen, dass die Moderne unter einer Übersättigung an Selbstreflexion leidet. Kein Wunder, dass so viele Menschen heute ständig nervös und mit den Nerven am Ende sind», heisst es in ihrem Buch. Die fast schon logische Folge ist eine Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten.
Und diese Sehnsucht endet leicht im Fanatismus, denn wer fanatisch eine bestimmte Weltanschauung vertritt, muss nicht mehr zweifeln, schreiben die Autoren. «Fanatiker sind tatsächlich mehr mit sich im Frieden.» Sie sehen sich als «wahre Gläubige», weil sie frei von Zweifeln sind.
Berger und Zijderveld machen zwei Positionen aus, in die sich irritierte Gläubige flüchten können: Die eine ist der Relativismus, für den es keine objektive Wahrheit gibt. Die andere ist der Fundamentalismus, der sich in vormoderne Traditionen flüchtet.
«Klima gesunden Zweifels»
Für das praktische Leben hat beides fatale Auswirkungen, betonen den Autoren: Im Relativismus ist das Interesse eines Vergewaltigers ebenso legitim wie das seines Opfers. Der Fundamentalismus würde hingegen nicht akzeptieren, dass ein Muslim in einem christlichen Land seinen Glauben praktiziert. Keine dieser Positionen kann Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in einer modernen Gesellschaft sein. Folglich ist der Zweifel eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliches Miteinander.
«Aufrichtiger und konsistenter Zweifel ist die Quelle der Toleranz», wie es im Buch heisst. Allerdings: Übertriebener Zweifel führt zu Verzagtheit. Es braucht also ein Gleichgewicht zwischen Gewissheit und Zweifel, ein «Klima gesunden Zweifels».
Auf hohem Niveau zweifeln
Sein ganzes Leben lang hat sich der heute 81-jährige Religionssoziologe Berger mit der Frage beschäftigt, wie sich der Verlust von Gewissheiten auf die Beziehungen zwischen Menschen und Völkern auswirkt. Dafür bekommt er im Mai den Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen verliehen. Mit dem «Lob des Zweifels» hat er seine Erkenntnisse nun leicht verständlich für ein breites Publikum aufbereitet, ohne dabei oberflächlich zu werden.
Amüsant ist die Lektüre noch dazu, denn wo immer möglich veranschaulichen Berger und Zijderveld ihre Gedankengänge an herrlich pointierten Alltags-Situationen. Nach der Lektüre zweifelt man zumindest auf hohem Niveau. (rb/sda)
Kultur
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Es ist der Traum vieler religiöser Menschen: endlich die vielen Zweifel am Glauben loszuwerden. Die Sozialphilosophen Peter L. Berger und Anton Zijderveld räumen mit dieser Hoffnung auf.
Das Buch
Peter L. Berger/Anton Zijderveld: «Lob des Zweifels», Kreuz Verlag, 179 Seiten, 29,50 Franken.
In ihrem Buch «Lob des Zweifels» erklären sie, weshalb ein allzu sicherer Glaube für das Zusammenleben der Menschen sogar gefährlich werden kann. Leicht hat man es heute nicht mit seinem Glauben, das geben die Autoren zu.
Egal mit wem man redet oder was man liest - überall trifft man auf Überzeugungen, die so gar nicht in das eigene Weltbild passen wollen. Unwillkürlich beginnt man zu überlegen, wer denn wohl recht hat? Da ist zum Beispiel der Christ, der mit dem Glauben seines muslimischen Arbeitskollegen konfrontiert wird. Oder der Herr, der einer Dame aus Höflichkeit den Vortritt lassen .....
Tages Anzeiger Online 30.03.2010
Kultur
Weshalb Gläubige zweifeln sollen
Es ist der Traum vieler religiöser Menschen: endlich die vielen Zweifel am Glauben loszuwerden. Die Sozialphilosophen Peter L. Berger und Anton Zijderveld räumen mit dieser Hoffnung auf.
Das Buch
Peter L. Berger/Anton Zijderveld: «Lob des Zweifels», Kreuz Verlag, 179 Seiten, 29,50 Franken.
In ihrem Buch «Lob des Zweifels» erklären sie, weshalb ein allzu sicherer Glaube für das Zusammenleben der Menschen sogar gefährlich werden kann. Leicht hat man es heute nicht mit seinem Glauben, das geben die Autoren zu.
Egal mit wem man redet oder was man liest - überall trifft man auf Überzeugungen, die so gar nicht in das eigene Weltbild passen wollen. Unwillkürlich beginnt man zu überlegen, wer denn wohl recht hat? Da ist zum Beispiel der Christ, der mit dem Glauben seines muslimischen Arbeitskollegen konfrontiert wird. Oder der Herr, der einer Dame aus Höflichkeit den Vortritt lassen will, aber von einer emanzipierten Frau brüsk zurückgewiesen wird. Ständig müssen Menschen ihre Meinungen und Verhaltensweisen überdenken, schreiben Berger und Zijderveld.
Gefahr einfacher Wahrheiten
«Man könnte ohne grosse Übertreibung sagen, dass die Moderne unter einer Übersättigung an Selbstreflexion leidet. Kein Wunder, dass so viele Menschen heute ständig nervös und mit den Nerven am Ende sind», heisst es in ihrem Buch. Die fast schon logische Folge ist eine Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten.
Und diese Sehnsucht endet leicht im Fanatismus, denn wer fanatisch eine bestimmte Weltanschauung vertritt, muss nicht mehr zweifeln, schreiben die Autoren. «Fanatiker sind tatsächlich mehr mit sich im Frieden.» Sie sehen sich als «wahre Gläubige», weil sie frei von Zweifeln sind.
Berger und Zijderveld machen zwei Positionen aus, in die sich irritierte Gläubige flüchten können: Die eine ist der Relativismus, für den es keine objektive Wahrheit gibt. Die andere ist der Fundamentalismus, der sich in vormoderne Traditionen flüchtet.
«Klima gesunden Zweifels»
Für das praktische Leben hat beides fatale Auswirkungen, betonen den Autoren: Im Relativismus ist das Interesse eines Vergewaltigers ebenso legitim wie das seines Opfers. Der Fundamentalismus würde hingegen nicht akzeptieren, dass ein Muslim in einem christlichen Land seinen Glauben praktiziert. Keine dieser Positionen kann Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in einer modernen Gesellschaft sein. Folglich ist der Zweifel eine Grundvoraussetzung für gesellschaftliches Miteinander.
«Aufrichtiger und konsistenter Zweifel ist die Quelle der Toleranz», wie es im Buch heisst. Allerdings: Übertriebener Zweifel führt zu Verzagtheit. Es braucht also ein Gleichgewicht zwischen Gewissheit und Zweifel, ein «Klima gesunden Zweifels».
Auf hohem Niveau zweifeln
Sein ganzes Leben lang hat sich der heute 81-jährige Religionssoziologe Berger mit der Frage beschäftigt, wie sich der Verlust von Gewissheiten auf die Beziehungen zwischen Menschen und Völkern auswirkt. Dafür bekommt er im Mai den Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen verliehen. Mit dem «Lob des Zweifels» hat er seine Erkenntnisse nun leicht verständlich für ein breites Publikum aufbereitet, ohne dabei oberflächlich zu werden.
Amüsant ist die Lektüre noch dazu, denn wo immer möglich veranschaulichen Berger und Zijderveld ihre Gedankengänge an herrlich pointierten Alltags-Situationen. Nach der Lektüre zweifelt man zumindest auf hohem Niveau. (rb/sda)
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Freitag, Februar 19, 2010
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Tages-Anzeiger Online
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Interview: Reto Knobel
Google verwöhnt, verführt und umgarnt seine Mitarbeiter wie kein anderes Unternehmen. Experte Hugo Stamm weiss, für wen der Konzern ein Religionsersatz ist.
Wer bei Google arbeiten darf, hat es geschafft: Diesen Eindruck bekommt, wer die Bilder des Innenlebens der Niederlassung in Zürich betrachtet. Googler können gratis essen und trinken, Sport treiben, gamen, flippern und sogar schlafen – alles während der Arbeitszeit (siehe Bildstrecke oben).
Vielen Kommentatoren kommt diese Wohlfühlkultur allerdings komisch vor. Von «Hundezwinger» ist die Rede, oder sogar von «sektiererischen Verhältnissen». Der erste Kritiker, der den Milliardenkonzern mit einer IT-Sekte verglich, war der streitbare Google-Kritiker und Buchautor Gerard Reischl («Die Google-Falle»). Google, ein sektenmässig organisiertes Unternehmen mitten in Zürich? «Tages-Anzeiger»-Redaktor und Sektenexperte Hugo Stamm (60) will den Ball flach halten: «So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.»
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Bilder der Google-Büros in Zürich sehen?
Toll, wenn ich auch in einem solchen Ambiente arbeiten könnte! Es erinnert mich an eine Kreuzfahrt auf einem Luxusschiff. (Ich würde zwar nie solche Ferien machen.) Die Bilder machen uns aber skeptisch. Was will der Arbeitgeber von mir, wenn er mich mit solchen Wellnessangeboten ködert? Will er mich verführen? Mit Haut und Haaren ans Unternehmen binden? Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeitswelt aufheben? Klare Antworten gibt es nicht.
Eine Kommentatorin fühlt sich an das «Umfeld einer Sekte» erinnert. Dieser Vergleich fällt im Internet immer wieder.
Die Arbeitswelt wirkt paradiesisch, riecht förmlich nach Verführung. Da denken wir an Sekten. Ich sehe allerdings keine Vereinnahmung der Mitarbeiter: Es ist nicht bekannt, dass bei Google religiöse Doktrinen herrschen, Zwänge bestehen, Mobbing betrieben wird oder Repression ausgeübt. Deshalb....
Tages-Anzeiger Online
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Interview: Reto Knobel
Google verwöhnt, verführt und umgarnt seine Mitarbeiter wie kein anderes Unternehmen. Experte Hugo Stamm weiss, für wen der Konzern ein Religionsersatz ist.
Wer bei Google arbeiten darf, hat es geschafft: Diesen Eindruck bekommt, wer die Bilder des Innenlebens der Niederlassung in Zürich betrachtet. Googler können gratis essen und trinken, Sport treiben, gamen, flippern und sogar schlafen – alles während der Arbeitszeit (siehe Bildstrecke oben).
Vielen Kommentatoren kommt diese Wohlfühlkultur allerdings komisch vor. Von «Hundezwinger» ist die Rede, oder sogar von «sektiererischen Verhältnissen». Der erste Kritiker, der den Milliardenkonzern mit einer IT-Sekte verglich, war der streitbare Google-Kritiker und Buchautor Gerard Reischl («Die Google-Falle»). Google, ein sektenmässig organisiertes Unternehmen mitten in Zürich? «Tages-Anzeiger»-Redaktor und Sektenexperte Hugo Stamm (60) will den Ball flach halten: «So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.»
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Bilder der Google-Büros in Zürich sehen?
Toll, wenn ich auch in einem solchen Ambiente arbeiten könnte! Es erinnert mich an eine Kreuzfahrt auf einem Luxusschiff. (Ich würde zwar nie solche Ferien machen.) Die Bilder machen uns aber skeptisch. Was will der Arbeitgeber von mir, wenn er mich mit solchen Wellnessangeboten ködert? Will er mich verführen? Mit Haut und Haaren ans Unternehmen binden? Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeitswelt aufheben? Klare Antworten gibt es nicht.
Eine Kommentatorin fühlt sich an das «Umfeld einer Sekte» erinnert. Dieser Vergleich fällt im Internet immer wieder.
Die Arbeitswelt wirkt paradiesisch, riecht förmlich nach Verführung. Da denken wir an Sekten. Ich sehe allerdings keine Vereinnahmung der Mitarbeiter: Es ist nicht bekannt, dass bei Google religiöse Doktrinen herrschen, Zwänge bestehen, Mobbing betrieben wird oder Repression ausgeübt. Deshalb gehe ich davon aus, dass das Unternehmen die Mitarbeiter mit dem tollen Ambiente zu Höchstleistungen verführen will. Nach dem Motto: Wer glücklich und relaxed ist, wird kreativer.
Wann trägt ein Unternehmen sektiererische Züge?
Wenn es Einfluss auf die ideologischen, spirituellen oder religiösen Neigungen seiner Mitarbeiter nimmt. Wenn zum Beispiel an der Arbeit gebetet werden muss oder sich die Mitarbeiter genötigt fühlen, an Ritualen oder religiösen Veranstaltungen teilzunehmen. Sektenhaft wird es auch, wenn die Vorgesetzten das Verhalten der Mitarbeiter im Privatleben beeinflussen. Indoktrination in Betrieben ist vor allem dort zu beobachten, wo der Inhaber selbst Anhänger einer Sekte ist. Scientologische Chefs neigen dazu. Beispiele sind aber auch aus dem Bereich der Freikirchen bekannt.
Google macht alles für die Mitarbeiter: Kann man sich auch zu stark um das Wohl der Angestellten kümmern?
So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.
Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten rund um die Uhr, Gratisverpflegung, Erholungsräume: Besteht nicht die Gefahr, dass Mitarbeiter (vielleicht unbewusst) von der Firma total vereinnahmt werden und ihr soziales Umfeld vernachlässigen?
Man kann die Politik vielleicht als Verführung zur Arbeit bezeichnen. Auf der anderen Seite: Weshalb soll ich 1000 Franken für ein Fitnessabo zahlen, wenn ich die Geräte gratis im Betrieb habe und nach der Arbeit gleich dort trainiere? Weshalb soll ich in eine Sauna gehen, wenn ich den Schwitzraum neben dem Büro habe? Wer nicht auch noch mit den Arbeitskollegen schwitzen will, kann immer noch auswärts gehen.
Google sieht sich als Unternehmen mit einer Mission - ist das nicht schon sektiererisch?
Ich habe den Eindruck, dass der Machtanspruch des Kaders einen leicht sektiererischen Anstrich hat. Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen und die Mission auf der ganzen Welt voranzutreiben, hat schon fast etwas Religiöses. Google als Religionsersatz: Das betrifft aber die Manager und nicht die Mitarbeiter.
Mein Eindruck: Google-Manager können es nicht nachvollziehen, wenn man ihre Firma nicht gut findet. Indirekt wird einem vorgeworfen: «Was hast du eigentlich gegen uns, wir tun doch nur Gutes.»
Wenn Google bei der Verwöhnung der Mitarbeiter keine schlechten Absichten hat, verstehe ich die Reaktion der Google-Leute. Sie bieten hervorragende Arbeitsbedingungen und werden dafür kritisiert. Das wäre tatsächlich unfair und sieht nach Neid der Kritiker aus. Denn in den meisten Betrieben werden die Arbeitsbedingungen immer härter: Arbeitsplätze werden zusammengepfercht, der Arbeitsdruck erhöht, die Sozialleistungen abgebaut. Ein herber Kontrast zur Google-Welt.
Das Firmenmotto lautet «Don't be evil». Kritiker finden: Nur Unternehmen, die etwas zu verbergen haben, brauchen so ein Mantra.
Für mich ein seltsames Motto. Doch man sollte ein Unternehmen an seinen Taten messen. In vielen Firmen werden die Mitarbeiter zu Nummern und Kostenfaktoren degradiert. Bei Google erfahren sie Wertschätzung. Bei allem Machtstreben sollte man die positiven Aspekte nicht vergessen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 17.02.2010, 10:33 Uhr
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Interview: Reto Knobel
Google verwöhnt, verführt und umgarnt seine Mitarbeiter wie kein anderes Unternehmen. Experte Hugo Stamm weiss, für wen der Konzern ein Religionsersatz ist.
Wer bei Google arbeiten darf, hat es geschafft: Diesen Eindruck bekommt, wer die Bilder des Innenlebens der Niederlassung in Zürich betrachtet. Googler können gratis essen und trinken, Sport treiben, gamen, flippern und sogar schlafen – alles während der Arbeitszeit (siehe Bildstrecke oben).
Vielen Kommentatoren kommt diese Wohlfühlkultur allerdings komisch vor. Von «Hundezwinger» ist die Rede, oder sogar von «sektiererischen Verhältnissen». Der erste Kritiker, der den Milliardenkonzern mit einer IT-Sekte verglich, war der streitbare Google-Kritiker und Buchautor Gerard Reischl («Die Google-Falle»). Google, ein sektenmässig organisiertes Unternehmen mitten in Zürich? «Tages-Anzeiger»-Redaktor und Sektenexperte Hugo Stamm (60) will den Ball flach halten: «So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.»
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Bilder der Google-Büros in Zürich sehen?
Toll, wenn ich auch in einem solchen Ambiente arbeiten könnte! Es erinnert mich an eine Kreuzfahrt auf einem Luxusschiff. (Ich würde zwar nie solche Ferien machen.) Die Bilder machen uns aber skeptisch. Was will der Arbeitgeber von mir, wenn er mich mit solchen Wellnessangeboten ködert? Will er mich verführen? Mit Haut und Haaren ans Unternehmen binden? Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeitswelt aufheben? Klare Antworten gibt es nicht.
Eine Kommentatorin fühlt sich an das «Umfeld einer Sekte» erinnert. Dieser Vergleich fällt im Internet immer wieder.
Die Arbeitswelt wirkt paradiesisch, riecht förmlich nach Verführung. Da denken wir an Sekten. Ich sehe allerdings keine Vereinnahmung der Mitarbeiter: Es ist nicht bekannt, dass bei Google religiöse Doktrinen herrschen, Zwänge bestehen, Mobbing betrieben wird oder Repression ausgeübt. Deshalb....
Tages-Anzeiger Online
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Interview: Reto Knobel
Google verwöhnt, verführt und umgarnt seine Mitarbeiter wie kein anderes Unternehmen. Experte Hugo Stamm weiss, für wen der Konzern ein Religionsersatz ist.
Wer bei Google arbeiten darf, hat es geschafft: Diesen Eindruck bekommt, wer die Bilder des Innenlebens der Niederlassung in Zürich betrachtet. Googler können gratis essen und trinken, Sport treiben, gamen, flippern und sogar schlafen – alles während der Arbeitszeit (siehe Bildstrecke oben).
Vielen Kommentatoren kommt diese Wohlfühlkultur allerdings komisch vor. Von «Hundezwinger» ist die Rede, oder sogar von «sektiererischen Verhältnissen». Der erste Kritiker, der den Milliardenkonzern mit einer IT-Sekte verglich, war der streitbare Google-Kritiker und Buchautor Gerard Reischl («Die Google-Falle»). Google, ein sektenmässig organisiertes Unternehmen mitten in Zürich? «Tages-Anzeiger»-Redaktor und Sektenexperte Hugo Stamm (60) will den Ball flach halten: «So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.»
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Bilder der Google-Büros in Zürich sehen?
Toll, wenn ich auch in einem solchen Ambiente arbeiten könnte! Es erinnert mich an eine Kreuzfahrt auf einem Luxusschiff. (Ich würde zwar nie solche Ferien machen.) Die Bilder machen uns aber skeptisch. Was will der Arbeitgeber von mir, wenn er mich mit solchen Wellnessangeboten ködert? Will er mich verführen? Mit Haut und Haaren ans Unternehmen binden? Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeitswelt aufheben? Klare Antworten gibt es nicht.
Eine Kommentatorin fühlt sich an das «Umfeld einer Sekte» erinnert. Dieser Vergleich fällt im Internet immer wieder.
Die Arbeitswelt wirkt paradiesisch, riecht förmlich nach Verführung. Da denken wir an Sekten. Ich sehe allerdings keine Vereinnahmung der Mitarbeiter: Es ist nicht bekannt, dass bei Google religiöse Doktrinen herrschen, Zwänge bestehen, Mobbing betrieben wird oder Repression ausgeübt. Deshalb gehe ich davon aus, dass das Unternehmen die Mitarbeiter mit dem tollen Ambiente zu Höchstleistungen verführen will. Nach dem Motto: Wer glücklich und relaxed ist, wird kreativer.
Wann trägt ein Unternehmen sektiererische Züge?
Wenn es Einfluss auf die ideologischen, spirituellen oder religiösen Neigungen seiner Mitarbeiter nimmt. Wenn zum Beispiel an der Arbeit gebetet werden muss oder sich die Mitarbeiter genötigt fühlen, an Ritualen oder religiösen Veranstaltungen teilzunehmen. Sektenhaft wird es auch, wenn die Vorgesetzten das Verhalten der Mitarbeiter im Privatleben beeinflussen. Indoktrination in Betrieben ist vor allem dort zu beobachten, wo der Inhaber selbst Anhänger einer Sekte ist. Scientologische Chefs neigen dazu. Beispiele sind aber auch aus dem Bereich der Freikirchen bekannt.
Google macht alles für die Mitarbeiter: Kann man sich auch zu stark um das Wohl der Angestellten kümmern?
So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.
Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten rund um die Uhr, Gratisverpflegung, Erholungsräume: Besteht nicht die Gefahr, dass Mitarbeiter (vielleicht unbewusst) von der Firma total vereinnahmt werden und ihr soziales Umfeld vernachlässigen?
Man kann die Politik vielleicht als Verführung zur Arbeit bezeichnen. Auf der anderen Seite: Weshalb soll ich 1000 Franken für ein Fitnessabo zahlen, wenn ich die Geräte gratis im Betrieb habe und nach der Arbeit gleich dort trainiere? Weshalb soll ich in eine Sauna gehen, wenn ich den Schwitzraum neben dem Büro habe? Wer nicht auch noch mit den Arbeitskollegen schwitzen will, kann immer noch auswärts gehen.
Google sieht sich als Unternehmen mit einer Mission - ist das nicht schon sektiererisch?
Ich habe den Eindruck, dass der Machtanspruch des Kaders einen leicht sektiererischen Anstrich hat. Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen und die Mission auf der ganzen Welt voranzutreiben, hat schon fast etwas Religiöses. Google als Religionsersatz: Das betrifft aber die Manager und nicht die Mitarbeiter.
Mein Eindruck: Google-Manager können es nicht nachvollziehen, wenn man ihre Firma nicht gut findet. Indirekt wird einem vorgeworfen: «Was hast du eigentlich gegen uns, wir tun doch nur Gutes.»
Wenn Google bei der Verwöhnung der Mitarbeiter keine schlechten Absichten hat, verstehe ich die Reaktion der Google-Leute. Sie bieten hervorragende Arbeitsbedingungen und werden dafür kritisiert. Das wäre tatsächlich unfair und sieht nach Neid der Kritiker aus. Denn in den meisten Betrieben werden die Arbeitsbedingungen immer härter: Arbeitsplätze werden zusammengepfercht, der Arbeitsdruck erhöht, die Sozialleistungen abgebaut. Ein herber Kontrast zur Google-Welt.
Das Firmenmotto lautet «Don't be evil». Kritiker finden: Nur Unternehmen, die etwas zu verbergen haben, brauchen so ein Mantra.
Für mich ein seltsames Motto. Doch man sollte ein Unternehmen an seinen Taten messen. In vielen Firmen werden die Mitarbeiter zu Nummern und Kostenfaktoren degradiert. Bei Google erfahren sie Wertschätzung. Bei allem Machtstreben sollte man die positiven Aspekte nicht vergessen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 17.02.2010, 10:33 Uhr
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Sonntag, Januar 24, 2010
Atheist Ireland Publishes 25 Blasphemous Quotes
Atheist Ireland Publishes 25 Blasphemous Quotes
Filed under: Atheist Ireland, Campaign, Freedom of Speech, Is this Blasphemy?, Quotes — Michael Nugent @ 12:33 am
From today, 1 January 2010, the new Irish blasphemy law becomes operational, and we begin our campaign to have it repealed. Blasphemy is now a crime punishable by a €25,000 fine. The new law defines blasphemy as publishing or uttering matter that is grossly abusive or insulting in relation to matters held sacred by any religion, thereby intentionally causing outrage among a substantial number of adherents of that religion, with some defences permitted.
This new law is both silly and dangerous. It is silly because medieval religious laws have no place in a modern secular republic, where the criminal law should protect people and not ideas. And it is dangerous because it incentivises religious outrage, and because Islamic States led by Pakistan are already using the wording of this Irish law to promote new blasphemy laws at UN level.
We believe in the golden rule: that we have a right to be treated justly, and that we have a responsibility to treat other people justly. Blasphemy laws are unjust: they silence people in order to protect ideas. In a civilised society, people have a right to to express and to hear ideas about religion even if other people find those ideas to be outrageous.
Publication of 25 blasphemous quotes
In this context we now publish a list of 25 blasphemous quotes, which have previously been published by or uttered by or attributed to Jesus Christ, Muhammad, Mark Twain, Tom Lehrer, Randy Newman, James Kirkup, Monty Python, Rev Ian Paisley, Conor Cruise O’Brien, Frank Zappa, Salman Rushdie, Bjork, Amanda Donohoe, George Carlin, Paul Woodfull, Jerry Springer the Opera, Tim Minchin, Richard Dawkins, Pope Benedict XVI, Christopher Hitchens, PZ Myers, Ian O’Doherty, Cardinal Cormac Murphy-O’Connor and Dermot Ahern.
Despite these quotes being abusive and insulting in relation to matters held sacred by various religions, we unreservedly support the right of these people to have published or uttered them, and we unreservedly support the right of any Irish citizen to make comparable statements about matters held sacred by any religion without fear of being criminalised, and without having to prove to a court that a reasonable person would find any particular value in the statement.
Campaign begins to repeal the Irish blasphemy law
We ask Fianna Fail and the Green Party to repeal their anachronistic blasphemy law, as part of the revision of the Defamation Act that is included within the Act. We ask them to hold a referendum to remove the reference to blasphemy from the Irish Constitution.
We also ask all TDs and Senators to support a referendum to remove references to God from the Irish Constitution, including the clauses that prevent atheists from being appointed as President of Ireland or as a Judge without swearing a religious oath asking God to direct them in their work.
If you run a website, blog or other media publication, please feel free to republish this statement and the list of quotes yourself, in order to show your support for the campaign to repeal the Irish blasphemy law and to promote a rational, ethical, secular Ireland.
List of 25 Blasphemous Quotes Published by Atheist Ireland.....
List of 25 Blasphemous Quotes Published by Atheist Ireland
1. Jesus Christ, when asked if he was the son of God, in Matthew 26:64: “Thou hast said: nevertheless I say unto you, Hereafter shall ye see the Son of man sitting on the right hand of power, and coming in the clouds of heaven.” According to the Christian Bible, the Jewish chief priests and elders and council deemed this statement by Jesus to be blasphemous, and they sentenced Jesus to death for saying it.
2. Jesus Christ, talking to Jews about their God, in John 8:44: “Ye are of your father the devil, and the lusts of your father ye will do. He was a murderer from the beginning, and abode not in the truth, because there is no truth in him.” This is one of several chapters in the Christian Bible that can give a scriptural foundation to Christian anti-Semitism. The first part of John 8, the story of “whoever is without sin cast the first stone”, was not in the original version, but was added centuries later. The original John 8 is a debate between Jesus and some Jews. In brief, Jesus calls the Jews who disbelieve him sons of the Devil, the Jews try to stone him, and Jesus runs away and hides.
3. Muhammad, quoted in Hadith of Bukhari, Vol 1 Book 8 Hadith 427: “May Allah curse the Jews and Christians for they built the places of worship at the graves of their prophets.” This quote is attributed to Muhammad on his death-bed as a warning to Muslims not to copy this practice of the Jews and Christians. It is one of several passages in the Koran and in Hadith that can give a scriptural foundation to Islamic anti-Semitism, including the assertion in Sura 5:60 that Allah cursed Jews and turned some of them into apes and swine.
4. Mark Twain, describing the Christian Bible in Letters from the Earth, 1909: “Also it has another name – The Word of God. For the Christian thinks every word of it was dictated by God. It is full of interest. It has noble poetry in it; and some clever fables; and some blood-drenched history; and some good morals; and a wealth of obscenity; and upwards of a thousand lies… But you notice that when the Lord God of Heaven and Earth, adored Father of Man, goes to war, there is no limit. He is totally without mercy – he, who is called the Fountain of Mercy. He slays, slays, slays! All the men, all the beasts, all the boys, all the babies; also all the women and all the girls, except those that have not been deflowered. He makes no distinction between innocent and guilty… What the insane Father required was blood and misery; he was indifferent as to who furnished it.” Twain’s book was published posthumously in 1939. His daughter, Clara Clemens, at first objected to it being published, but later changed her mind in 1960 when she believed that public opinion had grown more tolerant of the expression of such ideas. That was half a century before Fianna Fail and the Green Party imposed a new blasphemy law on the people of Ireland.
5. Tom Lehrer, The Vatican Rag, 1963: “Get in line in that processional, step into that small confessional. There, the guy who’s got religion’ll tell you if your sin’s original. If it is, try playing it safer, drink the wine and chew the wafer. Two, four, six, eight, time to transubstantiate!”
6. Randy Newman, God’s Song, 1972: “And the Lord said: I burn down your cities – how blind you must be. I take from you your children, and you say how blessed are we. You all must be crazy to put your faith in me. That’s why I love mankind.”
7. James Kirkup, The Love That Dares to Speak its Name, 1976: “While they prepared the tomb I kept guard over him. His mother and the Magdalen had gone to fetch clean linen to shroud his nakedness. I was alone with him… I laid my lips around the tip of that great cock, the instrument of our salvation, our eternal joy. The shaft, still throbbed, anointed with death’s final ejaculation.” This extract is from a poem that led to the last successful blasphemy prosecution in Britain, when Denis Lemon was given a suspended prison sentence after he published it in the now-defunct magazine Gay News. In 2002, a public reading of the poem, on the steps of St. Martin-in-the-Fields church in Trafalgar Square, failed to lead to any prosecution. In 2008, the British Parliament abolished the common law offences of blasphemy and blasphemous libel.
8. Matthias, son of Deuteronomy of Gath, in Monty Python’s Life of Brian, 1979: “Look, I had a lovely supper, and all I said to my wife was that piece of halibut was good enough for Jehovah.”
9. Rev Ian Paisley MEP to the Pope in the European Parliament, 1988: “I denounce you as the Antichrist.” Paisley’s website describes the Antichrist as being “a liar, the true son of the father of lies, the original liar from the beginning… he will imitate Christ, a diabolical imitation, Satan transformed into an angel of light, which will deceive the world.”
10. Conor Cruise O’Brien, 1989: “In the last century the Arab thinker Jamal al-Afghani wrote: ‘Every Muslim is sick and his only remedy is in the Koran.’ Unfortunately the sickness gets worse the more the remedy is taken.”
11. Frank Zappa, 1989: “If you want to get together in any exclusive situation and have people love you, fine – but to hang all this desperate sociology on the idea of The Cloud-Guy who has The Big Book, who knows if you’ve been bad or good – and cares about any of it – to hang it all on that, folks, is the chimpanzee part of the brain working.”
12. Salman Rushdie, 1990: “The idea of the sacred is quite simply one of the most conservative notions in any culture, because it seeks to turn other ideas – uncertainty, progress, change – into crimes.” In 1989, Ayatollah Khomeini of Iran issued a fatwa ordering Muslims to kill Rushdie because of blasphemous passages in Rushdie’s novel The Satanic Verses.
13. Bjork, 1995: “I do not believe in religion, but if I had to choose one it would be Buddhism. It seems more livable, closer to men… I’ve been reading about reincarnation, and the Buddhists say we come back as animals and they refer to them as lesser beings. Well, animals aren’t lesser beings, they’re just like us. So I say fuck the Buddhists.”
14. Amanda Donohoe on her role in the Ken Russell movie Lair of the White Worm, 1995: “Spitting on Christ was a great deal of fun. I can’t embrace a male god who has persecuted female sexuality throughout the ages, and that persecution still goes on today all over the world.”
15. George Carlin, 1999: “Religion easily has the greatest bullshit story ever told. Think about it. Religion has actually convinced people that there’s an invisible man living in the sky who watches everything you do, every minute of every day. And the invisible man has a special list of ten things he does not want you to do. And if you do any of these ten things, he has a special place, full of fire and smoke and burning and torture and anguish, where he will send you to live and suffer and burn and choke and scream and cry forever and ever ’til the end of time! But He loves you. He loves you, and He needs money! He always needs money! He’s all-powerful, all-perfect, all-knowing, and all-wise, somehow just can’t handle money! Religion takes in billions of dollars, they pay no taxes, and they always need a little more. Now, talk about a good bullshit story. Holy Shit!”
16. Paul Woodfull as Ding Dong Denny O’Reilly, The Ballad of Jaysus Christ, 2000: “He said me ma’s a virgin and sure no one disagreed, Cause they knew a lad who walks on water’s handy with his feet… Jaysus oh Jaysus, as cool as bleedin’ ice, With all the scrubbers in Israel he could not be enticed, Jaysus oh Jaysus, it’s funny you never rode, Cause it’s you I do be shoutin’ for each time I shoot me load.”
17. Jesus Christ, in Jerry Springer The Opera, 2003: “Actually, I’m a bit gay.” In 2005, the Christian Institute tried to bring a prosecution against the BBC for screening Jerry Springer the Opera, but the UK courts refused to issue a summons.
18. Tim Minchin, Ten-foot Cock and a Few Hundred Virgins, 2005: “So you’re gonna live in paradise, With a ten-foot cock and a few hundred virgins, So you’re gonna sacrifice your life, For a shot at the greener grass, And when the Lord comes down with his shiny rod of judgment, He’s gonna kick my heathen ass.”
19. Richard Dawkins in The God Delusion, 2006: “The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it; a petty, unjust, unforgiving control-freak; a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser; a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.” In 2007 Turkish publisher Erol Karaaslan was charged with the crime of insulting believers for publishing a Turkish translation of The God Delusion. He was acquitted in 2008, but another charge was brought in 2009. Karaaslan told the court that “it is a right to criticise religions and beliefs as part of the freedom of thought and expression.”
20. Pope Benedict XVI quoting a 14th century Byzantine emperor, 2006: “Show me just what Muhammad brought that was new and there you will find things only evil and inhuman, such as his command to spread by the sword the faith he preached.” This statement has already led to both outrage and condemnation of the outrage. The Organisation of the Islamic Conference, the world’s largest Muslim body, said it was a “character assassination of the prophet Muhammad”. The Malaysian Prime Minister said that “the Pope must not take lightly the spread of outrage that has been created.” Pakistan’s foreign Ministry spokesperson said that “anyone who describes Islam as a religion as intolerant encourages violence”. The European Commission said that “reactions which are disproportionate and which are tantamount to rejecting freedom of speech are unacceptable.”
21. Christopher Hitchens in God is not Great, 2007: “There is some question as to whether Islam is a separate religion at all… Islam when examined is not much more than a rather obvious and ill-arranged set of plagiarisms, helping itself from earlier books and traditions as occasion appeared to require… It makes immense claims for itself, invokes prostrate submission or ‘surrender’ as a maxim to its adherents, and demands deference and respect from nonbelievers into the bargain. There is nothing-absolutely nothing-in its teachings that can even begin to justify such arrogance and presumption.”
22. PZ Myers, on the Roman Catholic communion host, 2008: “You would not believe how many people are writing to me, insisting that these horrible little crackers (they look like flattened bits of styrofoam) are literally pieces of their god, and that this omnipotent being who created the universe can actually be seriously harmed by some third-rate liberal intellectual at a third-rate university… However, inspired by an old woodcut of Jews stabbing the host, I thought of a simple, quick thing to do: I pierced it with a rusty nail (I hope Jesus’s tetanus shots are up to date). And then I simply threw it in the trash, followed by the classic, decorative items of trash cans everywhere, old coffeegrounds and a banana peel.”
23. Ian O’Doherty, 2009: “(If defamation of religion was illegal) it would be a crime for me to say that the notion of transubstantiation is so ridiculous that even a small child should be able to see the insanity and utter physical impossibility of a piece of bread and some wine somehow taking on corporeal form. It would be a crime for me to say that Islam is a backward desert superstition that has no place in modern, enlightened Europe and it would be a crime to point out that Jewish settlers in Israel who believe they have a God given right to take the land are, frankly, mad. All the above assertions will, no doubt, offend someone or other.”
24. Cardinal Cormac Murphy-O’Connor, 2009: “Whether a person is atheist or any other, there is in fact in my view something not totally human if they leave out the transcendent… we call it God… I think that if you leave that out you are not fully human.” Because atheism is not a religion, the Irish blasphemy law does not protect atheists from abusive and insulting statements about their fundamental beliefs. While atheists are not seeking such protection, we include the statement here to point out that it is discriminatory that this law does not hold all citizens equal.
25. Dermot Ahern, Irish Minister for Justice, introducing his blasphemy law at an Oireachtas Justice Committee meeting, 2009, and referring to comments made about him personally: “They are blasphemous.” Deputy Pat Rabbitte replied: “Given the Minister’s self-image, it could very well be that we are blaspheming,” and Minister Ahern replied: “Deputy Rabbitte says that I am close to the baby Jesus, I am so pure.” So here we have an Irish Justice Minister joking about himself being blasphemed, at a parliamentary Justice Committee discussing his own blasphemy law, that could make his own jokes illegal.
Finally, as a bonus, Micheal Martin, Irish Minister for Foreign Affairs, opposing attempts by Islamic States to make defamation of religion a crime at UN level, 2009: “We believe that the concept of defamation of religion is not consistent with the promotion and protection of human rights. It can be used to justify arbitrary limitations on, or the denial of, freedom of expression. Indeed, Ireland considers that freedom of expression is a key and inherent element in the manifestation of freedom of thought and conscience and as such is complementary to freedom of religion or belief.” Just months after Minister Martin made this comment, his colleague Dermot Ahern introduced Ireland’s new blasphemy law.
Filed under: Atheist Ireland, Campaign, Freedom of Speech, Is this Blasphemy?, Quotes — Michael Nugent @ 12:33 am
From today, 1 January 2010, the new Irish blasphemy law becomes operational, and we begin our campaign to have it repealed. Blasphemy is now a crime punishable by a €25,000 fine. The new law defines blasphemy as publishing or uttering matter that is grossly abusive or insulting in relation to matters held sacred by any religion, thereby intentionally causing outrage among a substantial number of adherents of that religion, with some defences permitted.
This new law is both silly and dangerous. It is silly because medieval religious laws have no place in a modern secular republic, where the criminal law should protect people and not ideas. And it is dangerous because it incentivises religious outrage, and because Islamic States led by Pakistan are already using the wording of this Irish law to promote new blasphemy laws at UN level.
We believe in the golden rule: that we have a right to be treated justly, and that we have a responsibility to treat other people justly. Blasphemy laws are unjust: they silence people in order to protect ideas. In a civilised society, people have a right to to express and to hear ideas about religion even if other people find those ideas to be outrageous.
Publication of 25 blasphemous quotes
In this context we now publish a list of 25 blasphemous quotes, which have previously been published by or uttered by or attributed to Jesus Christ, Muhammad, Mark Twain, Tom Lehrer, Randy Newman, James Kirkup, Monty Python, Rev Ian Paisley, Conor Cruise O’Brien, Frank Zappa, Salman Rushdie, Bjork, Amanda Donohoe, George Carlin, Paul Woodfull, Jerry Springer the Opera, Tim Minchin, Richard Dawkins, Pope Benedict XVI, Christopher Hitchens, PZ Myers, Ian O’Doherty, Cardinal Cormac Murphy-O’Connor and Dermot Ahern.
Despite these quotes being abusive and insulting in relation to matters held sacred by various religions, we unreservedly support the right of these people to have published or uttered them, and we unreservedly support the right of any Irish citizen to make comparable statements about matters held sacred by any religion without fear of being criminalised, and without having to prove to a court that a reasonable person would find any particular value in the statement.
Campaign begins to repeal the Irish blasphemy law
We ask Fianna Fail and the Green Party to repeal their anachronistic blasphemy law, as part of the revision of the Defamation Act that is included within the Act. We ask them to hold a referendum to remove the reference to blasphemy from the Irish Constitution.
We also ask all TDs and Senators to support a referendum to remove references to God from the Irish Constitution, including the clauses that prevent atheists from being appointed as President of Ireland or as a Judge without swearing a religious oath asking God to direct them in their work.
If you run a website, blog or other media publication, please feel free to republish this statement and the list of quotes yourself, in order to show your support for the campaign to repeal the Irish blasphemy law and to promote a rational, ethical, secular Ireland.
List of 25 Blasphemous Quotes Published by Atheist Ireland.....
List of 25 Blasphemous Quotes Published by Atheist Ireland
1. Jesus Christ, when asked if he was the son of God, in Matthew 26:64: “Thou hast said: nevertheless I say unto you, Hereafter shall ye see the Son of man sitting on the right hand of power, and coming in the clouds of heaven.” According to the Christian Bible, the Jewish chief priests and elders and council deemed this statement by Jesus to be blasphemous, and they sentenced Jesus to death for saying it.
2. Jesus Christ, talking to Jews about their God, in John 8:44: “Ye are of your father the devil, and the lusts of your father ye will do. He was a murderer from the beginning, and abode not in the truth, because there is no truth in him.” This is one of several chapters in the Christian Bible that can give a scriptural foundation to Christian anti-Semitism. The first part of John 8, the story of “whoever is without sin cast the first stone”, was not in the original version, but was added centuries later. The original John 8 is a debate between Jesus and some Jews. In brief, Jesus calls the Jews who disbelieve him sons of the Devil, the Jews try to stone him, and Jesus runs away and hides.
3. Muhammad, quoted in Hadith of Bukhari, Vol 1 Book 8 Hadith 427: “May Allah curse the Jews and Christians for they built the places of worship at the graves of their prophets.” This quote is attributed to Muhammad on his death-bed as a warning to Muslims not to copy this practice of the Jews and Christians. It is one of several passages in the Koran and in Hadith that can give a scriptural foundation to Islamic anti-Semitism, including the assertion in Sura 5:60 that Allah cursed Jews and turned some of them into apes and swine.
4. Mark Twain, describing the Christian Bible in Letters from the Earth, 1909: “Also it has another name – The Word of God. For the Christian thinks every word of it was dictated by God. It is full of interest. It has noble poetry in it; and some clever fables; and some blood-drenched history; and some good morals; and a wealth of obscenity; and upwards of a thousand lies… But you notice that when the Lord God of Heaven and Earth, adored Father of Man, goes to war, there is no limit. He is totally without mercy – he, who is called the Fountain of Mercy. He slays, slays, slays! All the men, all the beasts, all the boys, all the babies; also all the women and all the girls, except those that have not been deflowered. He makes no distinction between innocent and guilty… What the insane Father required was blood and misery; he was indifferent as to who furnished it.” Twain’s book was published posthumously in 1939. His daughter, Clara Clemens, at first objected to it being published, but later changed her mind in 1960 when she believed that public opinion had grown more tolerant of the expression of such ideas. That was half a century before Fianna Fail and the Green Party imposed a new blasphemy law on the people of Ireland.
5. Tom Lehrer, The Vatican Rag, 1963: “Get in line in that processional, step into that small confessional. There, the guy who’s got religion’ll tell you if your sin’s original. If it is, try playing it safer, drink the wine and chew the wafer. Two, four, six, eight, time to transubstantiate!”
6. Randy Newman, God’s Song, 1972: “And the Lord said: I burn down your cities – how blind you must be. I take from you your children, and you say how blessed are we. You all must be crazy to put your faith in me. That’s why I love mankind.”
7. James Kirkup, The Love That Dares to Speak its Name, 1976: “While they prepared the tomb I kept guard over him. His mother and the Magdalen had gone to fetch clean linen to shroud his nakedness. I was alone with him… I laid my lips around the tip of that great cock, the instrument of our salvation, our eternal joy. The shaft, still throbbed, anointed with death’s final ejaculation.” This extract is from a poem that led to the last successful blasphemy prosecution in Britain, when Denis Lemon was given a suspended prison sentence after he published it in the now-defunct magazine Gay News. In 2002, a public reading of the poem, on the steps of St. Martin-in-the-Fields church in Trafalgar Square, failed to lead to any prosecution. In 2008, the British Parliament abolished the common law offences of blasphemy and blasphemous libel.
8. Matthias, son of Deuteronomy of Gath, in Monty Python’s Life of Brian, 1979: “Look, I had a lovely supper, and all I said to my wife was that piece of halibut was good enough for Jehovah.”
9. Rev Ian Paisley MEP to the Pope in the European Parliament, 1988: “I denounce you as the Antichrist.” Paisley’s website describes the Antichrist as being “a liar, the true son of the father of lies, the original liar from the beginning… he will imitate Christ, a diabolical imitation, Satan transformed into an angel of light, which will deceive the world.”
10. Conor Cruise O’Brien, 1989: “In the last century the Arab thinker Jamal al-Afghani wrote: ‘Every Muslim is sick and his only remedy is in the Koran.’ Unfortunately the sickness gets worse the more the remedy is taken.”
11. Frank Zappa, 1989: “If you want to get together in any exclusive situation and have people love you, fine – but to hang all this desperate sociology on the idea of The Cloud-Guy who has The Big Book, who knows if you’ve been bad or good – and cares about any of it – to hang it all on that, folks, is the chimpanzee part of the brain working.”
12. Salman Rushdie, 1990: “The idea of the sacred is quite simply one of the most conservative notions in any culture, because it seeks to turn other ideas – uncertainty, progress, change – into crimes.” In 1989, Ayatollah Khomeini of Iran issued a fatwa ordering Muslims to kill Rushdie because of blasphemous passages in Rushdie’s novel The Satanic Verses.
13. Bjork, 1995: “I do not believe in religion, but if I had to choose one it would be Buddhism. It seems more livable, closer to men… I’ve been reading about reincarnation, and the Buddhists say we come back as animals and they refer to them as lesser beings. Well, animals aren’t lesser beings, they’re just like us. So I say fuck the Buddhists.”
14. Amanda Donohoe on her role in the Ken Russell movie Lair of the White Worm, 1995: “Spitting on Christ was a great deal of fun. I can’t embrace a male god who has persecuted female sexuality throughout the ages, and that persecution still goes on today all over the world.”
15. George Carlin, 1999: “Religion easily has the greatest bullshit story ever told. Think about it. Religion has actually convinced people that there’s an invisible man living in the sky who watches everything you do, every minute of every day. And the invisible man has a special list of ten things he does not want you to do. And if you do any of these ten things, he has a special place, full of fire and smoke and burning and torture and anguish, where he will send you to live and suffer and burn and choke and scream and cry forever and ever ’til the end of time! But He loves you. He loves you, and He needs money! He always needs money! He’s all-powerful, all-perfect, all-knowing, and all-wise, somehow just can’t handle money! Religion takes in billions of dollars, they pay no taxes, and they always need a little more. Now, talk about a good bullshit story. Holy Shit!”
16. Paul Woodfull as Ding Dong Denny O’Reilly, The Ballad of Jaysus Christ, 2000: “He said me ma’s a virgin and sure no one disagreed, Cause they knew a lad who walks on water’s handy with his feet… Jaysus oh Jaysus, as cool as bleedin’ ice, With all the scrubbers in Israel he could not be enticed, Jaysus oh Jaysus, it’s funny you never rode, Cause it’s you I do be shoutin’ for each time I shoot me load.”
17. Jesus Christ, in Jerry Springer The Opera, 2003: “Actually, I’m a bit gay.” In 2005, the Christian Institute tried to bring a prosecution against the BBC for screening Jerry Springer the Opera, but the UK courts refused to issue a summons.
18. Tim Minchin, Ten-foot Cock and a Few Hundred Virgins, 2005: “So you’re gonna live in paradise, With a ten-foot cock and a few hundred virgins, So you’re gonna sacrifice your life, For a shot at the greener grass, And when the Lord comes down with his shiny rod of judgment, He’s gonna kick my heathen ass.”
19. Richard Dawkins in The God Delusion, 2006: “The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it; a petty, unjust, unforgiving control-freak; a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser; a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.” In 2007 Turkish publisher Erol Karaaslan was charged with the crime of insulting believers for publishing a Turkish translation of The God Delusion. He was acquitted in 2008, but another charge was brought in 2009. Karaaslan told the court that “it is a right to criticise religions and beliefs as part of the freedom of thought and expression.”
20. Pope Benedict XVI quoting a 14th century Byzantine emperor, 2006: “Show me just what Muhammad brought that was new and there you will find things only evil and inhuman, such as his command to spread by the sword the faith he preached.” This statement has already led to both outrage and condemnation of the outrage. The Organisation of the Islamic Conference, the world’s largest Muslim body, said it was a “character assassination of the prophet Muhammad”. The Malaysian Prime Minister said that “the Pope must not take lightly the spread of outrage that has been created.” Pakistan’s foreign Ministry spokesperson said that “anyone who describes Islam as a religion as intolerant encourages violence”. The European Commission said that “reactions which are disproportionate and which are tantamount to rejecting freedom of speech are unacceptable.”
21. Christopher Hitchens in God is not Great, 2007: “There is some question as to whether Islam is a separate religion at all… Islam when examined is not much more than a rather obvious and ill-arranged set of plagiarisms, helping itself from earlier books and traditions as occasion appeared to require… It makes immense claims for itself, invokes prostrate submission or ‘surrender’ as a maxim to its adherents, and demands deference and respect from nonbelievers into the bargain. There is nothing-absolutely nothing-in its teachings that can even begin to justify such arrogance and presumption.”
22. PZ Myers, on the Roman Catholic communion host, 2008: “You would not believe how many people are writing to me, insisting that these horrible little crackers (they look like flattened bits of styrofoam) are literally pieces of their god, and that this omnipotent being who created the universe can actually be seriously harmed by some third-rate liberal intellectual at a third-rate university… However, inspired by an old woodcut of Jews stabbing the host, I thought of a simple, quick thing to do: I pierced it with a rusty nail (I hope Jesus’s tetanus shots are up to date). And then I simply threw it in the trash, followed by the classic, decorative items of trash cans everywhere, old coffeegrounds and a banana peel.”
23. Ian O’Doherty, 2009: “(If defamation of religion was illegal) it would be a crime for me to say that the notion of transubstantiation is so ridiculous that even a small child should be able to see the insanity and utter physical impossibility of a piece of bread and some wine somehow taking on corporeal form. It would be a crime for me to say that Islam is a backward desert superstition that has no place in modern, enlightened Europe and it would be a crime to point out that Jewish settlers in Israel who believe they have a God given right to take the land are, frankly, mad. All the above assertions will, no doubt, offend someone or other.”
24. Cardinal Cormac Murphy-O’Connor, 2009: “Whether a person is atheist or any other, there is in fact in my view something not totally human if they leave out the transcendent… we call it God… I think that if you leave that out you are not fully human.” Because atheism is not a religion, the Irish blasphemy law does not protect atheists from abusive and insulting statements about their fundamental beliefs. While atheists are not seeking such protection, we include the statement here to point out that it is discriminatory that this law does not hold all citizens equal.
25. Dermot Ahern, Irish Minister for Justice, introducing his blasphemy law at an Oireachtas Justice Committee meeting, 2009, and referring to comments made about him personally: “They are blasphemous.” Deputy Pat Rabbitte replied: “Given the Minister’s self-image, it could very well be that we are blaspheming,” and Minister Ahern replied: “Deputy Rabbitte says that I am close to the baby Jesus, I am so pure.” So here we have an Irish Justice Minister joking about himself being blasphemed, at a parliamentary Justice Committee discussing his own blasphemy law, that could make his own jokes illegal.
Finally, as a bonus, Micheal Martin, Irish Minister for Foreign Affairs, opposing attempts by Islamic States to make defamation of religion a crime at UN level, 2009: “We believe that the concept of defamation of religion is not consistent with the promotion and protection of human rights. It can be used to justify arbitrary limitations on, or the denial of, freedom of expression. Indeed, Ireland considers that freedom of expression is a key and inherent element in the manifestation of freedom of thought and conscience and as such is complementary to freedom of religion or belief.” Just months after Minister Martin made this comment, his colleague Dermot Ahern introduced Ireland’s new blasphemy law.
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Mittwoch, Dezember 09, 2009
NZZ: Aufklärer, Schönredner und Prediger
8. Dezember 2009,
Neue Zürcher Zeitung
Aufklärer, Schönredner und Prediger
Die Islam-Debatte rückt auch die Rolle der Journalisten in den Blickpunkt
Die überraschende Zustimmung zur Minarett-Initiative hat auch eine Diskussion um die Rolle der Journalisten ausgelöst. Haben sie ihre Informationspflicht erfüllt? Der folgende Beitrag beleuchtet das Thema aus deutscher Sicht.
Heribert Seifert
Unter der etwas irritierenden Überschrift «Verweigerte Bildung – Drei Zuwandererkinder haben den Aufstieg geschafft» berichtete vor kurzem die «WAZ», Deutschlands auflagenstärkste Abonnentenzeitung aus dem Ruhrgebiet, über das Scheitern einer jungen Türkin auf ihrem Weg zur Lehrerin. Sie erzählte, wie übel man ihr im Institut für Lehrerbildung mitgespielt habe. Im Text galt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffene. Bei ihren Ausbildern nachzufragen, kam den Reportern nicht in den Sinn.
Parteilich
In ähnlicher Weise ignorierte jüngst die Gerichtsreporterin des «Spiegels» Berufsregeln, als sie über den Prozess gegen den Mörder einer Ägypterin in Dresden berichtete. Sie steigerte sich dem Angeklagten gegenüber in eine parteiische Rage hinein, die jede Distanz vermissen liess. Blätter wie die....
8. Dezember 2009,
Neue Zürcher Zeitung
Aufklärer, Schönredner und Prediger
Die Islam-Debatte rückt auch die Rolle der Journalisten in den Blickpunkt
Die überraschende Zustimmung zur Minarett-Initiative hat auch eine Diskussion um die Rolle der Journalisten ausgelöst. Haben sie ihre Informationspflicht erfüllt? Der folgende Beitrag beleuchtet das Thema aus deutscher Sicht.
Heribert Seifert
Unter der etwas irritierenden Überschrift «Verweigerte Bildung – Drei Zuwandererkinder haben den Aufstieg geschafft» berichtete vor kurzem die «WAZ», Deutschlands auflagenstärkste Abonnentenzeitung aus dem Ruhrgebiet, über das Scheitern einer jungen Türkin auf ihrem Weg zur Lehrerin. Sie erzählte, wie übel man ihr im Institut für Lehrerbildung mitgespielt habe. Im Text galt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffene. Bei ihren Ausbildern nachzufragen, kam den Reportern nicht in den Sinn.
Parteilich
In ähnlicher Weise ignorierte jüngst die Gerichtsreporterin des «Spiegels» Berufsregeln, als sie über den Prozess gegen den Mörder einer Ägypterin in Dresden berichtete. Sie steigerte sich dem Angeklagten gegenüber in eine parteiische Rage hinein, die jede Distanz vermissen liess. Blätter wie die «Zeit» und der «Tagesspiegel» verurteilten in steilen Kommentaren die mangelnde Empörung der Öffentlichkeit über diesen Mordfall als Indiz für die verborgene Islamfeindschaft der deutschen Mehrheit, ungeachtet der Tatsache, dass der Täter selber ein Einwanderer war.
Die beiden Beispiele sind typisch für eine seit langem dominierende Berichterstattung deutscher Leitmedien über Probleme der Einwanderungsgesellschaft. Diese Probleme provozieren offenbar in besonderem Masse das Selbstverständnis deutscher Journalisten, in dem der Journalist als «Agent der Aufklärung» (Lutz Hachmeister) als weithin akzeptiertes Rollenmodell gilt.
Der publizistische Umgang mit der Einwanderung von Muslimen stellt dieses Selbstverständnis allerdings auf eine harte Probe, findet sich hier doch eine schwer zu durchschauende Gemengelage von Fakten und Fiktionen, von Einstellungen und Gefühlen. Es geht dabei um den Alltag und die ganz trivialen Lebensverhältnisse der Beteiligten, aber auch um Fragen nach der künftigen institutionellen Verfassung des Staates und nach den Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Minderheitenschutz im Widerspruch zu den Interessen der Mehrheit, die Rolle ethnokultureller Eigenarten, die Zukunft eines Sozialstaats, der zum Ziel von Einwanderern geworden ist, ein verschärfter Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten, die künftige Gestalt von Städten mit ethnisch segregierten Vierteln und das Spannungsverhältnis zwischen einem Integrations-Minimum und dem Recht auf Leben in soziokulturellen Eigenwelten sind nur einige der Probleme, vor die dieser grosse soziale Feldversuch in einem global vernetzten sozialen Wandel Bürger und Medien gleichermassen stellt.
Pädagogische Perspektive
Bei der publizistischen Begleitung dieses Prozesses, der viel Angst und Ressentiment freisetzt, herrscht ein erstaunliches Einverständnis über eine moralisch grundierte volkspädagogische Perspektive, die bei der Berichterstattung einzuhalten sei. Dass Medien als Transmissionsriemen einer nur diffus umrissenen «Integration» zu funktionieren haben, gilt vielerorts als Leitlinie redaktioneller Praxis.
Diese pädagogische Botschaft behandelt die Leser, Hörer und Zuschauer als Objekte eines strengen Erziehungsprojekts. Sie «müssen» lernen, den Einwanderer in seiner Besonderheit zu verstehen und zu schätzen. Vor allem das Fernsehen schwelgt in Bildern, die das schöne Fremde zur Schau stellen. Geschichte wird dabei gern geglättet, so dass die islamische Welt der Vergangenheit primär als Hort kultureller Blüte und gesellschaftlicher Toleranz erscheint. Aus der Gegenwart sind biografische Erfolgsgeschichten beliebt.
An den Rändern des publizistischen Spektrums wird nicht bloss das einfühlende Verstehen verlangt, sondern, wie vor kurzem in der Berliner «TAZ», sogar die Fremdenliebe. Die spezifisch moderne Gleichgültigkeit des metropolitanen Lebens reicht im Umgang mit Einwanderern offenbar nicht aus, könnte sich doch dahinter mentale Feindschaft verbergen.
Rücken Probleme und Konflikte ins Blickfeld, begegnen wir Muslimen in der Doppelrolle als Opfer und Unterprivilegierte: Deutsche «Fremdenfeindlichkeit» und «Islamophobie» grenzen sie angeblich aus und verwehren ihnen den Zutritt zu Wohnungen und Arbeitsplätzen. Es gilt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffenen.
Jeder Konflikt zwischen einem eingesessenen Deutschen und einem muslimischen Einwanderer kann in der Medienwahrnehmung blitzartig als Fall von Rassismus inszeniert werden. Starre Wahrnehmungs- und Urteilsschablonen führen zu reflexartigen Skandalisierungen, die in den letzten Jahren zwar häufig nach wenigen Tagen aufgegeben werden mussten, ohne dass jedoch in den Redaktionen fürs nächste Mal etwas gelernt worden wäre.
Camouflagen
Treten muslimische Einwanderer unübersehbar nicht als Opfer, sondern als Täter auf, wird gern relativiert oder gar camoufliert. Der endlose Streit, ob Medien die ethnische Herkunft von Straftätern nennen dürfen, produziert dabei groteske Blüten. In Einzelfällen sind Zeitungen dazu übergegangen, den Verdächtigen deutsche Namen zu geben, um auf keinen Fall Vorurteilen Vorschub zu leisten. Solche Zurückhaltung gilt auch dann, wenn die Straftaten durchaus ethnospezifische Muster aufweisen, also die Information über das Tätermilieu zum Verständnis des Verbrechens dient.
Während gewalttätige Übergriffe auf Muslime medial in der Regel als Exempel einer latent verbreiteten deutschen Neigung zu einem «Hassverbrechen» interpretiert werden, gilt der Angriff eines Türken auf einen Deutschen auch dann als Einzelfall üblicher Kriminalität, wenn der Angreifer «Scheissdeutscher!» brüllt.
Die Sorge, durch realitätstüchtige Berichterstattung negative Affekte auszulösen, ist zur Obsession vieler deutscher Medien geworden. Offenkundig wirkt hier die nationalsozialistische Geschichte nach und führt zu einer spezifischen Verzerrung bei der Wahrnehmung des Integrationsproblems: Integration erscheint in dieser Betrachtung als Modernisierungsproblem der Einheimischen.
Die deutsche Volksseele gilt in vielen Redaktionen als immer noch unheilbar vom Ungeist des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit kontaminiert. Solcher Generalverdacht wird regelmässig durch wissenschaftliche Studien genährt, deren luftige Empirie im Takt der Jahreszeiten Anlass zu neuen Schreckensnachrichten liefert.
Auch wird moniert, dass in den politischen Teilen der Presse sowie in der Auslandberichterstattung von Radio und Fernsehen jene Formen von Gewalt und Barbarei präsent sind, die nur zu oft das politische und gesellschaftliche Leben islamischer Staaten prägen. Die «diskursanalytisch» operierenden Kritiker erklären die Präsenz solcher negativen Berichte zu Indizien einer Islamfeindschaft und blenden systematisch aus, dass solche Berichte etwas mit einer düsteren Wirklichkeit zu tun haben, von der sie erzählen.
Das ist zwar ein medienkritischer Rosstäuschertrick, hat aber Wirkung, wenn man die Reaktionen der journalistischen Berufsverbände und die Verunsicherung der Journalisten sieht. Die Versuche der EU, unter Berufung auf den Kampf gegen Diskriminierung die Kritik an ethnischen und religiösen Minderheiten strafrechtlich zu sanktionieren, verstärken die Einschüchterung.
Dennoch erodiert dieses Muster der Berichterstattung. Der penetrant vormundschaftliche Auftritt, das unsichere Schwanken zwischen offener Information und schönfärbender Camouflage haben beim Publikum zu lebhaftem Widerspruch geführt. Die Leserkommentare auf den Websites der Zeitungen dokumentieren dies.
«Rechtes» auch bei Linken
Neu ist dabei, dass diese Differenz jetzt auch bei linken Medien auftritt: «TAZ»-Leser stimmten der Kritik des Bundesbankers Thilo Sarrazin an Teilen des türkisch-arabischen Einwanderermilieus von Berlin lebhaft zu und widersprachen den Leitartiklern des eigenen Blatts. Und die Schweizer Volksabstimmung über die Minarett-Initiative fand sehr verständnisvolle Worte im Blog eines Vorstandsmitglieds der Piratenpartei, die eher zur links-alternativen Seite des politischen Spektrums gehört.
In dem Masse, in dem die problematischen Folgen der Einwanderung von Muslimen auch die Wohnbezirke erreichen, in denen die Wähler der Grünen zu Hause sind und in denen sie ihre Kinder zur Schule schicken, kippt die Begeisterung fürs Multikulturelle um.
Riskant an dieser Entwicklung ist, dass sich dem grobschlächtig-pauschalen Positivkult um das Fremde und die Fremden nun eine ebenso grobschlächtig pauschale Ablehnung entgegenstellen kann. Wie die Schweizer Abstimmung zeigt, kann das dazu führen, dass sich diffuser Zorn auf einem sachlich denkbar ungeeigneten Feld entlädt.
Medien sind mitschuldig daran, mit ihrer Vorliebe für den Predigerton des Leitartiklers, der vor allem Haltung und Gesinnung produziert und sich dabei um die vielfältigen Unterscheidungen in der komplexen sozialen Wirklichkeit nicht schert. Dabei ist Genauigkeit bei diesem Thema die höchste Tugend.
Es gibt wunderbare Erfolgsgeschichten auch unter diesen Zuwanderern, aber auch deprimierende Beispiele von Verwahrlosung und Festhalten an atavistischen Mentalitäten und Praktiken. In ähnlicher Weise muss zwischen Religion und ethnokulturell überformter Religionspraxis unterschieden werden, wobei freilich auch fragwürdige Elemente der religiösen Überlieferung zur kritischen Erörterung freigegeben sein müssen.
Zum ganzen Bild, das Medien zu liefern haben, gehören beide Seiten. Paternalistischer Minderheitenschutz durch selektive Berichterstattung hilft gerade den Minderheiten nicht. Wenn man die Mehrheit für einen sozial verträglichen Integrationsprozess gewinnen will, wird man auch ihre Interessen als legitim anerkennen müssen und ihre Sorgen und Ängste nicht als blosse Affekte von Modernisierungsverlierern abqualifizieren dürfen.
Ermutigende Beispiele
Mittlerweile mehren sich die ermutigenden Beispiele für einen ebenso neugierigen wie unerschrockenen Journalismus: Die «WAZ» lässt ihre Reporter berichten, wie deutsche Anwohner die Umwandlung ihres Viertels in einer westfälischen Kleinstadt in eine türkisch-islamisch geprägte Zone erleben. Die «Welt» beleuchtet die Binnendiskussion in den türkischen Gemeinden, die sich auf die Wahlen zu den Ausländerbeiräten in Rheinland-Pfalz vorbereiten, und die «FAZ» lieferte nüchterne Sozialreportagen aus Berliner Problemkreisen. Selbst die «Süddeutsche Zeitung» glaubt mittlerweile, dass in Neukölln Einwanderer zu einem erheblichen Teil für die desolaten Verhältnisse verantwortlich sind. Nur durch solche realitätstüchtige Berichte kann liberale Publizistik, die ein kluger «Zeit»-Blogger gegenwärtig bedroht sieht, ihren Rang zurückgewinnen.
Neue Zürcher Zeitung
Aufklärer, Schönredner und Prediger
Die Islam-Debatte rückt auch die Rolle der Journalisten in den Blickpunkt
Die überraschende Zustimmung zur Minarett-Initiative hat auch eine Diskussion um die Rolle der Journalisten ausgelöst. Haben sie ihre Informationspflicht erfüllt? Der folgende Beitrag beleuchtet das Thema aus deutscher Sicht.
Heribert Seifert
Unter der etwas irritierenden Überschrift «Verweigerte Bildung – Drei Zuwandererkinder haben den Aufstieg geschafft» berichtete vor kurzem die «WAZ», Deutschlands auflagenstärkste Abonnentenzeitung aus dem Ruhrgebiet, über das Scheitern einer jungen Türkin auf ihrem Weg zur Lehrerin. Sie erzählte, wie übel man ihr im Institut für Lehrerbildung mitgespielt habe. Im Text galt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffene. Bei ihren Ausbildern nachzufragen, kam den Reportern nicht in den Sinn.
Parteilich
In ähnlicher Weise ignorierte jüngst die Gerichtsreporterin des «Spiegels» Berufsregeln, als sie über den Prozess gegen den Mörder einer Ägypterin in Dresden berichtete. Sie steigerte sich dem Angeklagten gegenüber in eine parteiische Rage hinein, die jede Distanz vermissen liess. Blätter wie die....
8. Dezember 2009,
Neue Zürcher Zeitung
Aufklärer, Schönredner und Prediger
Die Islam-Debatte rückt auch die Rolle der Journalisten in den Blickpunkt
Die überraschende Zustimmung zur Minarett-Initiative hat auch eine Diskussion um die Rolle der Journalisten ausgelöst. Haben sie ihre Informationspflicht erfüllt? Der folgende Beitrag beleuchtet das Thema aus deutscher Sicht.
Heribert Seifert
Unter der etwas irritierenden Überschrift «Verweigerte Bildung – Drei Zuwandererkinder haben den Aufstieg geschafft» berichtete vor kurzem die «WAZ», Deutschlands auflagenstärkste Abonnentenzeitung aus dem Ruhrgebiet, über das Scheitern einer jungen Türkin auf ihrem Weg zur Lehrerin. Sie erzählte, wie übel man ihr im Institut für Lehrerbildung mitgespielt habe. Im Text galt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffene. Bei ihren Ausbildern nachzufragen, kam den Reportern nicht in den Sinn.
Parteilich
In ähnlicher Weise ignorierte jüngst die Gerichtsreporterin des «Spiegels» Berufsregeln, als sie über den Prozess gegen den Mörder einer Ägypterin in Dresden berichtete. Sie steigerte sich dem Angeklagten gegenüber in eine parteiische Rage hinein, die jede Distanz vermissen liess. Blätter wie die «Zeit» und der «Tagesspiegel» verurteilten in steilen Kommentaren die mangelnde Empörung der Öffentlichkeit über diesen Mordfall als Indiz für die verborgene Islamfeindschaft der deutschen Mehrheit, ungeachtet der Tatsache, dass der Täter selber ein Einwanderer war.
Die beiden Beispiele sind typisch für eine seit langem dominierende Berichterstattung deutscher Leitmedien über Probleme der Einwanderungsgesellschaft. Diese Probleme provozieren offenbar in besonderem Masse das Selbstverständnis deutscher Journalisten, in dem der Journalist als «Agent der Aufklärung» (Lutz Hachmeister) als weithin akzeptiertes Rollenmodell gilt.
Der publizistische Umgang mit der Einwanderung von Muslimen stellt dieses Selbstverständnis allerdings auf eine harte Probe, findet sich hier doch eine schwer zu durchschauende Gemengelage von Fakten und Fiktionen, von Einstellungen und Gefühlen. Es geht dabei um den Alltag und die ganz trivialen Lebensverhältnisse der Beteiligten, aber auch um Fragen nach der künftigen institutionellen Verfassung des Staates und nach den Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Minderheitenschutz im Widerspruch zu den Interessen der Mehrheit, die Rolle ethnokultureller Eigenarten, die Zukunft eines Sozialstaats, der zum Ziel von Einwanderern geworden ist, ein verschärfter Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten, die künftige Gestalt von Städten mit ethnisch segregierten Vierteln und das Spannungsverhältnis zwischen einem Integrations-Minimum und dem Recht auf Leben in soziokulturellen Eigenwelten sind nur einige der Probleme, vor die dieser grosse soziale Feldversuch in einem global vernetzten sozialen Wandel Bürger und Medien gleichermassen stellt.
Pädagogische Perspektive
Bei der publizistischen Begleitung dieses Prozesses, der viel Angst und Ressentiment freisetzt, herrscht ein erstaunliches Einverständnis über eine moralisch grundierte volkspädagogische Perspektive, die bei der Berichterstattung einzuhalten sei. Dass Medien als Transmissionsriemen einer nur diffus umrissenen «Integration» zu funktionieren haben, gilt vielerorts als Leitlinie redaktioneller Praxis.
Diese pädagogische Botschaft behandelt die Leser, Hörer und Zuschauer als Objekte eines strengen Erziehungsprojekts. Sie «müssen» lernen, den Einwanderer in seiner Besonderheit zu verstehen und zu schätzen. Vor allem das Fernsehen schwelgt in Bildern, die das schöne Fremde zur Schau stellen. Geschichte wird dabei gern geglättet, so dass die islamische Welt der Vergangenheit primär als Hort kultureller Blüte und gesellschaftlicher Toleranz erscheint. Aus der Gegenwart sind biografische Erfolgsgeschichten beliebt.
An den Rändern des publizistischen Spektrums wird nicht bloss das einfühlende Verstehen verlangt, sondern, wie vor kurzem in der Berliner «TAZ», sogar die Fremdenliebe. Die spezifisch moderne Gleichgültigkeit des metropolitanen Lebens reicht im Umgang mit Einwanderern offenbar nicht aus, könnte sich doch dahinter mentale Feindschaft verbergen.
Rücken Probleme und Konflikte ins Blickfeld, begegnen wir Muslimen in der Doppelrolle als Opfer und Unterprivilegierte: Deutsche «Fremdenfeindlichkeit» und «Islamophobie» grenzen sie angeblich aus und verwehren ihnen den Zutritt zu Wohnungen und Arbeitsplätzen. Es gilt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffenen.
Jeder Konflikt zwischen einem eingesessenen Deutschen und einem muslimischen Einwanderer kann in der Medienwahrnehmung blitzartig als Fall von Rassismus inszeniert werden. Starre Wahrnehmungs- und Urteilsschablonen führen zu reflexartigen Skandalisierungen, die in den letzten Jahren zwar häufig nach wenigen Tagen aufgegeben werden mussten, ohne dass jedoch in den Redaktionen fürs nächste Mal etwas gelernt worden wäre.
Camouflagen
Treten muslimische Einwanderer unübersehbar nicht als Opfer, sondern als Täter auf, wird gern relativiert oder gar camoufliert. Der endlose Streit, ob Medien die ethnische Herkunft von Straftätern nennen dürfen, produziert dabei groteske Blüten. In Einzelfällen sind Zeitungen dazu übergegangen, den Verdächtigen deutsche Namen zu geben, um auf keinen Fall Vorurteilen Vorschub zu leisten. Solche Zurückhaltung gilt auch dann, wenn die Straftaten durchaus ethnospezifische Muster aufweisen, also die Information über das Tätermilieu zum Verständnis des Verbrechens dient.
Während gewalttätige Übergriffe auf Muslime medial in der Regel als Exempel einer latent verbreiteten deutschen Neigung zu einem «Hassverbrechen» interpretiert werden, gilt der Angriff eines Türken auf einen Deutschen auch dann als Einzelfall üblicher Kriminalität, wenn der Angreifer «Scheissdeutscher!» brüllt.
Die Sorge, durch realitätstüchtige Berichterstattung negative Affekte auszulösen, ist zur Obsession vieler deutscher Medien geworden. Offenkundig wirkt hier die nationalsozialistische Geschichte nach und führt zu einer spezifischen Verzerrung bei der Wahrnehmung des Integrationsproblems: Integration erscheint in dieser Betrachtung als Modernisierungsproblem der Einheimischen.
Die deutsche Volksseele gilt in vielen Redaktionen als immer noch unheilbar vom Ungeist des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit kontaminiert. Solcher Generalverdacht wird regelmässig durch wissenschaftliche Studien genährt, deren luftige Empirie im Takt der Jahreszeiten Anlass zu neuen Schreckensnachrichten liefert.
Auch wird moniert, dass in den politischen Teilen der Presse sowie in der Auslandberichterstattung von Radio und Fernsehen jene Formen von Gewalt und Barbarei präsent sind, die nur zu oft das politische und gesellschaftliche Leben islamischer Staaten prägen. Die «diskursanalytisch» operierenden Kritiker erklären die Präsenz solcher negativen Berichte zu Indizien einer Islamfeindschaft und blenden systematisch aus, dass solche Berichte etwas mit einer düsteren Wirklichkeit zu tun haben, von der sie erzählen.
Das ist zwar ein medienkritischer Rosstäuschertrick, hat aber Wirkung, wenn man die Reaktionen der journalistischen Berufsverbände und die Verunsicherung der Journalisten sieht. Die Versuche der EU, unter Berufung auf den Kampf gegen Diskriminierung die Kritik an ethnischen und religiösen Minderheiten strafrechtlich zu sanktionieren, verstärken die Einschüchterung.
Dennoch erodiert dieses Muster der Berichterstattung. Der penetrant vormundschaftliche Auftritt, das unsichere Schwanken zwischen offener Information und schönfärbender Camouflage haben beim Publikum zu lebhaftem Widerspruch geführt. Die Leserkommentare auf den Websites der Zeitungen dokumentieren dies.
«Rechtes» auch bei Linken
Neu ist dabei, dass diese Differenz jetzt auch bei linken Medien auftritt: «TAZ»-Leser stimmten der Kritik des Bundesbankers Thilo Sarrazin an Teilen des türkisch-arabischen Einwanderermilieus von Berlin lebhaft zu und widersprachen den Leitartiklern des eigenen Blatts. Und die Schweizer Volksabstimmung über die Minarett-Initiative fand sehr verständnisvolle Worte im Blog eines Vorstandsmitglieds der Piratenpartei, die eher zur links-alternativen Seite des politischen Spektrums gehört.
In dem Masse, in dem die problematischen Folgen der Einwanderung von Muslimen auch die Wohnbezirke erreichen, in denen die Wähler der Grünen zu Hause sind und in denen sie ihre Kinder zur Schule schicken, kippt die Begeisterung fürs Multikulturelle um.
Riskant an dieser Entwicklung ist, dass sich dem grobschlächtig-pauschalen Positivkult um das Fremde und die Fremden nun eine ebenso grobschlächtig pauschale Ablehnung entgegenstellen kann. Wie die Schweizer Abstimmung zeigt, kann das dazu führen, dass sich diffuser Zorn auf einem sachlich denkbar ungeeigneten Feld entlädt.
Medien sind mitschuldig daran, mit ihrer Vorliebe für den Predigerton des Leitartiklers, der vor allem Haltung und Gesinnung produziert und sich dabei um die vielfältigen Unterscheidungen in der komplexen sozialen Wirklichkeit nicht schert. Dabei ist Genauigkeit bei diesem Thema die höchste Tugend.
Es gibt wunderbare Erfolgsgeschichten auch unter diesen Zuwanderern, aber auch deprimierende Beispiele von Verwahrlosung und Festhalten an atavistischen Mentalitäten und Praktiken. In ähnlicher Weise muss zwischen Religion und ethnokulturell überformter Religionspraxis unterschieden werden, wobei freilich auch fragwürdige Elemente der religiösen Überlieferung zur kritischen Erörterung freigegeben sein müssen.
Zum ganzen Bild, das Medien zu liefern haben, gehören beide Seiten. Paternalistischer Minderheitenschutz durch selektive Berichterstattung hilft gerade den Minderheiten nicht. Wenn man die Mehrheit für einen sozial verträglichen Integrationsprozess gewinnen will, wird man auch ihre Interessen als legitim anerkennen müssen und ihre Sorgen und Ängste nicht als blosse Affekte von Modernisierungsverlierern abqualifizieren dürfen.
Ermutigende Beispiele
Mittlerweile mehren sich die ermutigenden Beispiele für einen ebenso neugierigen wie unerschrockenen Journalismus: Die «WAZ» lässt ihre Reporter berichten, wie deutsche Anwohner die Umwandlung ihres Viertels in einer westfälischen Kleinstadt in eine türkisch-islamisch geprägte Zone erleben. Die «Welt» beleuchtet die Binnendiskussion in den türkischen Gemeinden, die sich auf die Wahlen zu den Ausländerbeiräten in Rheinland-Pfalz vorbereiten, und die «FAZ» lieferte nüchterne Sozialreportagen aus Berliner Problemkreisen. Selbst die «Süddeutsche Zeitung» glaubt mittlerweile, dass in Neukölln Einwanderer zu einem erheblichen Teil für die desolaten Verhältnisse verantwortlich sind. Nur durch solche realitätstüchtige Berichte kann liberale Publizistik, die ein kluger «Zeit»-Blogger gegenwärtig bedroht sieht, ihren Rang zurückgewinnen.
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Montag, Dezember 07, 2009
TA Lewinsky: «Jetzt müssen wir sogar Köppels triumphierende Ironie schlucken»
«Jetzt müssen wir sogar Köppels triumphierende Ironie schlucken»
Von Charles Lewinsky.
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky äussert sich in einem Essay über das Minarettverbot, den ewigen Populismus und Roger Köppel.
Alle Macht geht vom Stammtisch aus.
Der Schweizer Autor wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Regieassistent (bei Fritz Kortner), Bühnenregisseur und als Redaktor und Ressortleiter für das Schweizer Fernsehen. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Autor der Sitcoms «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Er schrieb auch das Drehbuch zum Kinofilm «Ein ganz gewöhnlicher Jude» und Hunderte von Chansons. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 2006 mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz». Es folgten «Zehnundeine Nacht» und, gerade ausgeliefert, der Fortsetzungsroman «Doppelpass». Lewinsky lebt in Frankreich und Zürich. (TA)
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus...
«Jetzt müssen wir sogar Köppels triumphierende Ironie schlucken»
Von Charles Lewinsky.
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky äussert sich in einem Essay über das Minarettverbot, den ewigen Populismus und Roger Köppel.
Alle Macht geht vom Stammtisch aus.
Der Schweizer Autor wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Regieassistent (bei Fritz Kortner), Bühnenregisseur und als Redaktor und Ressortleiter für das Schweizer Fernsehen. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Autor der Sitcoms «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Er schrieb auch das Drehbuch zum Kinofilm «Ein ganz gewöhnlicher Jude» und Hunderte von Chansons. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 2006 mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz». Es folgten «Zehnundeine Nacht» und, gerade ausgeliefert, der Fortsetzungsroman «Doppelpass». Lewinsky lebt in Frankreich und Zürich. (TA)
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus verinnerlicht hat: Das einfache Argument schlägt jederzeit das richtige. Diffamieren geht über Studieren.
Eidenbenz.
Ich habe ihn in einen Fortsetzungsroman für die «Weltwoche» gepackt, weil die «Weltwoche» das Lieblingsblatt aller Eidenbenze ist. Der eine oder andere Leser, habe ich mir gedacht, würde vielleicht durch diese übertriebene Figur und ihre verquere Denkweise ein bisschen in seinen vorgefassten Meinungen erschüttert. Weil Lächerlichkeit, so dachte ich, doch töten kann.
Es war eine falsche Überlegung. In einer literarischen Satire entsteht Lächerlichkeit aus dem Kontrast zwischen Erfindung und Realität. Und hier gab es diesen Kontrast nicht. Eidenbenz ist die Realität. Er hat die Mehrheit in der Schweiz. 57,47 Prozent.
Unser Land ist dabei, sich zu eidenbenzisieren.
Im Lauf des Abstimmungskampfes haben wir viele Argumente gehört, die nur ein Eidenbenz (oder sein PR-Spezialist) erfunden haben konnte. «Ich bin gegen Minarette, weil ich mich für Frauenrechte einsetze.» Einleuchtend. Weil Frauenrechte und Minarette ja dasselbe sind. So wie Fahrräder und Bratwürste. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil man in Saudiarabien keine Kirchen bauen darf.» Klar. Man beweist seine moralische Überlegenheit am besten, indem man das, was man verurteilt, selber tut. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil die Schweiz sonst islamisiert wird.» Natürlich, die verdammten Ausländer wollen unser Land übernehmen. Die U-17-Nationalmannschaft haben sie schon unterwandert. Und im Zürcher Tram werden die Stationen auch schon hochdeutsch angesagt. Wehret den Anfängen.
Wir haben den Kampf gegen diesen eidenbenzischen Pseudodenk nie wirklich aufgenommen, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass eine Mehrheit solche logischen Bocksprünge mithüpfen würde. Wir sind unterlegen, weil wir uns so überlegen glaubten. Weil uns das selbstgefällige Gefühl, Recht zu haben, wichtiger war als die Anstrengung, Recht zu bekommen. Wie Tom Lehrer einmal gesungen hat: «They won all the battles, but we had all the good songs.»
Und wir haben uns auf die Umfragen verlassen. Nicht bedenkend, dass man nicht jeden neugierigen Frager an seinen Stammtisch einlädt. Was dort besprochen wird, verrät man keinem Aussenseiter. Schon gar nicht, wenn er Claude Longchamp heisst.
Wir sind selber schuld. Wir haben nichts gelernt. Nicht aus den eigenen Erfahrungen und nicht aus der Schweizer Geschichte.
Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Eidenbenz sich durchgesetzt hat. Schon im Jahr 1893 hat er gewonnen. Damals hiess er Dürrenmatt, Ulrich Dürrenmatt, war Chefredaktor der «Volkszeitung» und Mitbegründer der Berner Volkspartei. Es gab zu seiner Zeit noch keine Muslime in der Schweiz, auf die er hätte einschlagen können, und so ging er halt auf die Juden los. Die Volksinitiative war gerade als neues In-strument in die Verfassung aufgenommen worden, und nun wurde sie zum allerersten Mal eingesetzt. Es war ein Abstimmungskampf mit heftigen antisemitischen Parolen, und am Schluss war das Schächtverbot in die Bundesverfassung aufgenommen. Mit 60,11 Prozent Ja-Stimmen. Eidenbenz' Wählerschaft scheint stabil zu sein. Von der ersten Volksinitiative bis zur jüngsten.
1893 war das. Soll einer sagen, dass in unserem Land die Traditionen nicht gepflegt werden.
1893. Damals war die Familie Schlüer noch nicht einmal eingebürgert.
Aber Sarkasmus hilft nicht weiter. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir in einem Land leben, in dem die 1.-August-Reden immer weniger mit der Realität zu tun haben. Die weltoffene, tolerante, alle Religionen gleich behandelnde Schweiz wird zwar noch lang in den Ansprachen verkündet werden, aber die schönen Worte gelten eben nur, solange die Höhenfeuer glühen und der Duft der Festbratwürste in der Luft hängt. Im Alltag müssen wir es hinnehmen, dass uns die Le Pens und die Wilders zu Vorbildern erklären, wir müssen damit leben, dass uns die FPÖ und die Dänische Volkspartei Komplimente machen. Wir können uns noch nicht einmal dagegen wehren, wenn Libyen – ausgerechnet Libyen, dieser von einem mafiösen Familienclan beherrschte Unrechtsstaat – von einer «religiös-rassistischen Aktion» spricht. Genau das war es ja.
Wir müssen es sogar schlucken, wenn jetzt Roger Köppel mit der triumphierenden Ironie des Siegers hämisch kommentiert: «In der Welt geht offensichtlich ein Gespenst um. Es heisst Demokratie.» Weil es nichts mehr am Abstimmungsergebnis ändert, wenn wir ihm post festum antworten: «Nein, Herr Köppel, das Gespenst heisst nicht Demokratie. Es heisst Populismus.» Das Gespenst heisst Eidenbenz.
Auch Klagen bis zum Europäischen Gerichtshof werden nichts an der Tatsache ändern, dass wir in souveräner Volksentscheidung beschlossen haben, unsere Verfassung gleichzeitig zu ändern und zu brechen. Wir müssen akzeptieren, dass die Verfassung der Schweiz am letzten Sonntag schlechter geworden ist. In jedem Sinn des Wortes.
Und wie soll es weitergehen?
Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, uns darauf herauszureden, wir persönlich hätten nichts damit zu tun, denn wir hätten ja ein Nein in die Urne gelegt. Das rituelle Sich-für-unser-Land-Schämen, das in den letzten Tagen Mode geworden ist, bringt erst recht nichts. Wenn wir uns für etwas schämen müssen, dann für das Versäumnis, gegen die Eidenbenze und ihre Initiative nicht so gekämpft zu haben, wie das nötig gewesen wäre. Stehen wir nicht hochmütig beiseite, sondern bringen wir uns ein!
Wer unsere Demokratie ernst nimmt, ernster als die Leute, die jetzt schon damit liebäugeln, zur Verteidigung ihres Absolutheitsanspruchs auch noch die Menschenrechtskonvention aufzukündigen, der muss sich eingestehen: Nicht «die andern» haben das Minarettverbot angenommen, sondern wir. Wir, die Stimmbürger.
Nichts wäre falscher, als uns jetzt von den Befürwortern abgrenzen zu wollen. Kurt Tucholsky hat einmal, als in den Zwanzigerjahren die fremdenfeindliche Propaganda im Freistaat immer mehr zunahm, die Parole ausgegeben: «Reisende, meidet Bayern!» Sollen wir es ihm nachmachen und die Forderung aufstellen: «Reisende, meidet Innerrhoden?» Nur weil man sich im Halbkanton, wo es kaum Muslime gibt, so eindeutig gegen deren freie Religionsausübung entschieden hat? Dann bekommt die nächste entsprechende Initiative dort nicht nur 71 Prozent der Stimmen, sondern noch ein paar mehr.
Eidenbenz als Vorbild
Wenn wir nicht zulassen wollen, dass die Schweiz von ihren Populisten immer weiter haiderisiert wird, wenn unser Land nicht noch den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und Ansehen in der Welt verlieren soll, dann müssen wir von den Eidenbenzen lernen. Müssen lernen, so populär zu argumentieren wie sie. Das Gespräch auf allen Ebenen zu suchen wie sie. Uns für unsere Überzeugungen einzusetzen wie sie.
«Am besten, man geht überhaupt nicht mehr abstimmen», habe ich in den letzten Tagen ein paar Mal gehört. Aber wir dürfen jetzt nicht mit angeekelter Miene abseitsstehen. Es bringt nichts, wenn wir unsere intellektuelle Entrüstung so stolz und so wirkungslos zur Schau stellen wie früher einmal das Mao-Zitat auf dem T-Shirt. Wir müssen uns einsetzen. Die Kleinarbeit nicht scheuen. In Parteien eintreten. Wenn Christoph Blocher sich neuerdings den Vietcong zum Vorbild nimmt, dann können wir auch etwas von der Protestbewegung in der DDR lernen: Wir sind das Volk. Und das Volk – ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass Bertolt Brecht mit seiner Formulierung Recht hatte –, das Volk ist nicht tümlich. Der Schweizer ist nicht an sich spiessig, fremdenfeindlich oder reaktionär. Eigentlich nicht. Ausser wenn es sich den Eidenbenzen dieser Welt ausliefert.
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden, um über ihn zu lachen. Aber jetzt ist nicht die Zeit zum Lachen. Jetzt ist die Zeit, sich gegen ihn zu wehren.
(Tages-Anzeiger)
Von Charles Lewinsky.
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky äussert sich in einem Essay über das Minarettverbot, den ewigen Populismus und Roger Köppel.
Alle Macht geht vom Stammtisch aus.
Der Schweizer Autor wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Regieassistent (bei Fritz Kortner), Bühnenregisseur und als Redaktor und Ressortleiter für das Schweizer Fernsehen. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Autor der Sitcoms «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Er schrieb auch das Drehbuch zum Kinofilm «Ein ganz gewöhnlicher Jude» und Hunderte von Chansons. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 2006 mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz». Es folgten «Zehnundeine Nacht» und, gerade ausgeliefert, der Fortsetzungsroman «Doppelpass». Lewinsky lebt in Frankreich und Zürich. (TA)
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus...
«Jetzt müssen wir sogar Köppels triumphierende Ironie schlucken»
Von Charles Lewinsky.
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky äussert sich in einem Essay über das Minarettverbot, den ewigen Populismus und Roger Köppel.
Alle Macht geht vom Stammtisch aus.
Der Schweizer Autor wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Regieassistent (bei Fritz Kortner), Bühnenregisseur und als Redaktor und Ressortleiter für das Schweizer Fernsehen. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Autor der Sitcoms «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Er schrieb auch das Drehbuch zum Kinofilm «Ein ganz gewöhnlicher Jude» und Hunderte von Chansons. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 2006 mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz». Es folgten «Zehnundeine Nacht» und, gerade ausgeliefert, der Fortsetzungsroman «Doppelpass». Lewinsky lebt in Frankreich und Zürich. (TA)
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus verinnerlicht hat: Das einfache Argument schlägt jederzeit das richtige. Diffamieren geht über Studieren.
Eidenbenz.
Ich habe ihn in einen Fortsetzungsroman für die «Weltwoche» gepackt, weil die «Weltwoche» das Lieblingsblatt aller Eidenbenze ist. Der eine oder andere Leser, habe ich mir gedacht, würde vielleicht durch diese übertriebene Figur und ihre verquere Denkweise ein bisschen in seinen vorgefassten Meinungen erschüttert. Weil Lächerlichkeit, so dachte ich, doch töten kann.
Es war eine falsche Überlegung. In einer literarischen Satire entsteht Lächerlichkeit aus dem Kontrast zwischen Erfindung und Realität. Und hier gab es diesen Kontrast nicht. Eidenbenz ist die Realität. Er hat die Mehrheit in der Schweiz. 57,47 Prozent.
Unser Land ist dabei, sich zu eidenbenzisieren.
Im Lauf des Abstimmungskampfes haben wir viele Argumente gehört, die nur ein Eidenbenz (oder sein PR-Spezialist) erfunden haben konnte. «Ich bin gegen Minarette, weil ich mich für Frauenrechte einsetze.» Einleuchtend. Weil Frauenrechte und Minarette ja dasselbe sind. So wie Fahrräder und Bratwürste. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil man in Saudiarabien keine Kirchen bauen darf.» Klar. Man beweist seine moralische Überlegenheit am besten, indem man das, was man verurteilt, selber tut. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil die Schweiz sonst islamisiert wird.» Natürlich, die verdammten Ausländer wollen unser Land übernehmen. Die U-17-Nationalmannschaft haben sie schon unterwandert. Und im Zürcher Tram werden die Stationen auch schon hochdeutsch angesagt. Wehret den Anfängen.
Wir haben den Kampf gegen diesen eidenbenzischen Pseudodenk nie wirklich aufgenommen, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass eine Mehrheit solche logischen Bocksprünge mithüpfen würde. Wir sind unterlegen, weil wir uns so überlegen glaubten. Weil uns das selbstgefällige Gefühl, Recht zu haben, wichtiger war als die Anstrengung, Recht zu bekommen. Wie Tom Lehrer einmal gesungen hat: «They won all the battles, but we had all the good songs.»
Und wir haben uns auf die Umfragen verlassen. Nicht bedenkend, dass man nicht jeden neugierigen Frager an seinen Stammtisch einlädt. Was dort besprochen wird, verrät man keinem Aussenseiter. Schon gar nicht, wenn er Claude Longchamp heisst.
Wir sind selber schuld. Wir haben nichts gelernt. Nicht aus den eigenen Erfahrungen und nicht aus der Schweizer Geschichte.
Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Eidenbenz sich durchgesetzt hat. Schon im Jahr 1893 hat er gewonnen. Damals hiess er Dürrenmatt, Ulrich Dürrenmatt, war Chefredaktor der «Volkszeitung» und Mitbegründer der Berner Volkspartei. Es gab zu seiner Zeit noch keine Muslime in der Schweiz, auf die er hätte einschlagen können, und so ging er halt auf die Juden los. Die Volksinitiative war gerade als neues In-strument in die Verfassung aufgenommen worden, und nun wurde sie zum allerersten Mal eingesetzt. Es war ein Abstimmungskampf mit heftigen antisemitischen Parolen, und am Schluss war das Schächtverbot in die Bundesverfassung aufgenommen. Mit 60,11 Prozent Ja-Stimmen. Eidenbenz' Wählerschaft scheint stabil zu sein. Von der ersten Volksinitiative bis zur jüngsten.
1893 war das. Soll einer sagen, dass in unserem Land die Traditionen nicht gepflegt werden.
1893. Damals war die Familie Schlüer noch nicht einmal eingebürgert.
Aber Sarkasmus hilft nicht weiter. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir in einem Land leben, in dem die 1.-August-Reden immer weniger mit der Realität zu tun haben. Die weltoffene, tolerante, alle Religionen gleich behandelnde Schweiz wird zwar noch lang in den Ansprachen verkündet werden, aber die schönen Worte gelten eben nur, solange die Höhenfeuer glühen und der Duft der Festbratwürste in der Luft hängt. Im Alltag müssen wir es hinnehmen, dass uns die Le Pens und die Wilders zu Vorbildern erklären, wir müssen damit leben, dass uns die FPÖ und die Dänische Volkspartei Komplimente machen. Wir können uns noch nicht einmal dagegen wehren, wenn Libyen – ausgerechnet Libyen, dieser von einem mafiösen Familienclan beherrschte Unrechtsstaat – von einer «religiös-rassistischen Aktion» spricht. Genau das war es ja.
Wir müssen es sogar schlucken, wenn jetzt Roger Köppel mit der triumphierenden Ironie des Siegers hämisch kommentiert: «In der Welt geht offensichtlich ein Gespenst um. Es heisst Demokratie.» Weil es nichts mehr am Abstimmungsergebnis ändert, wenn wir ihm post festum antworten: «Nein, Herr Köppel, das Gespenst heisst nicht Demokratie. Es heisst Populismus.» Das Gespenst heisst Eidenbenz.
Auch Klagen bis zum Europäischen Gerichtshof werden nichts an der Tatsache ändern, dass wir in souveräner Volksentscheidung beschlossen haben, unsere Verfassung gleichzeitig zu ändern und zu brechen. Wir müssen akzeptieren, dass die Verfassung der Schweiz am letzten Sonntag schlechter geworden ist. In jedem Sinn des Wortes.
Und wie soll es weitergehen?
Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, uns darauf herauszureden, wir persönlich hätten nichts damit zu tun, denn wir hätten ja ein Nein in die Urne gelegt. Das rituelle Sich-für-unser-Land-Schämen, das in den letzten Tagen Mode geworden ist, bringt erst recht nichts. Wenn wir uns für etwas schämen müssen, dann für das Versäumnis, gegen die Eidenbenze und ihre Initiative nicht so gekämpft zu haben, wie das nötig gewesen wäre. Stehen wir nicht hochmütig beiseite, sondern bringen wir uns ein!
Wer unsere Demokratie ernst nimmt, ernster als die Leute, die jetzt schon damit liebäugeln, zur Verteidigung ihres Absolutheitsanspruchs auch noch die Menschenrechtskonvention aufzukündigen, der muss sich eingestehen: Nicht «die andern» haben das Minarettverbot angenommen, sondern wir. Wir, die Stimmbürger.
Nichts wäre falscher, als uns jetzt von den Befürwortern abgrenzen zu wollen. Kurt Tucholsky hat einmal, als in den Zwanzigerjahren die fremdenfeindliche Propaganda im Freistaat immer mehr zunahm, die Parole ausgegeben: «Reisende, meidet Bayern!» Sollen wir es ihm nachmachen und die Forderung aufstellen: «Reisende, meidet Innerrhoden?» Nur weil man sich im Halbkanton, wo es kaum Muslime gibt, so eindeutig gegen deren freie Religionsausübung entschieden hat? Dann bekommt die nächste entsprechende Initiative dort nicht nur 71 Prozent der Stimmen, sondern noch ein paar mehr.
Eidenbenz als Vorbild
Wenn wir nicht zulassen wollen, dass die Schweiz von ihren Populisten immer weiter haiderisiert wird, wenn unser Land nicht noch den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und Ansehen in der Welt verlieren soll, dann müssen wir von den Eidenbenzen lernen. Müssen lernen, so populär zu argumentieren wie sie. Das Gespräch auf allen Ebenen zu suchen wie sie. Uns für unsere Überzeugungen einzusetzen wie sie.
«Am besten, man geht überhaupt nicht mehr abstimmen», habe ich in den letzten Tagen ein paar Mal gehört. Aber wir dürfen jetzt nicht mit angeekelter Miene abseitsstehen. Es bringt nichts, wenn wir unsere intellektuelle Entrüstung so stolz und so wirkungslos zur Schau stellen wie früher einmal das Mao-Zitat auf dem T-Shirt. Wir müssen uns einsetzen. Die Kleinarbeit nicht scheuen. In Parteien eintreten. Wenn Christoph Blocher sich neuerdings den Vietcong zum Vorbild nimmt, dann können wir auch etwas von der Protestbewegung in der DDR lernen: Wir sind das Volk. Und das Volk – ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass Bertolt Brecht mit seiner Formulierung Recht hatte –, das Volk ist nicht tümlich. Der Schweizer ist nicht an sich spiessig, fremdenfeindlich oder reaktionär. Eigentlich nicht. Ausser wenn es sich den Eidenbenzen dieser Welt ausliefert.
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden, um über ihn zu lachen. Aber jetzt ist nicht die Zeit zum Lachen. Jetzt ist die Zeit, sich gegen ihn zu wehren.
(Tages-Anzeiger)
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Sonntag, Dezember 06, 2009
NZZ: Vom Glauben zum Wissen
3. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Vom Glauben zum Wissen
Wie findet der Islam zur Moderne? Bis heute sind Versuche von religiösen Reformen am Fels der Orthodoxie gescheitert
Wie die Schweizer Abstimmung über die Minarette mit zeigt, wird der Islam in weiten Teilen Europas nicht nur als Religion, sondern als politische Ideologie wahrgenommen, deren ungebrochener Herrschaftsanspruch sich auf den Koran stützt. Versuche von Reformen sind an der Allmacht des heiligen Buches gescheitert.
Hamed Abdel-Samad
Seit Generationen empfindet die islamische Welt ein Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung gegenüber Europa. Als Napoleon im Jahre 1798 mit seiner Flotte in Alexandrien anlegte, gab es eine asymmetrische Begegnung zwischen einer technisch überlegenen europäischen Macht und einer in der Tradition verhafteten islamischen Kultur. Erst das Auftauchen des «Anderen» machte die Muslime auf die eigene Schwäche und Rückständigkeit aufmerksam. Danach folgten traumatische Erfahrungen mit Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung, die im Kollektivgedächtnis aller Muslime fest eingraviert sind. Das Ergebnis davon war....
3. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Vom Glauben zum Wissen
Wie findet der Islam zur Moderne? Bis heute sind Versuche von religiösen Reformen am Fels der Orthodoxie gescheitert
Wie die Schweizer Abstimmung über die Minarette mit zeigt, wird der Islam in weiten Teilen Europas nicht nur als Religion, sondern als politische Ideologie wahrgenommen, deren ungebrochener Herrschaftsanspruch sich auf den Koran stützt. Versuche von Reformen sind an der Allmacht des heiligen Buches gescheitert.
Hamed Abdel-Samad
Seit Generationen empfindet die islamische Welt ein Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung gegenüber Europa. Als Napoleon im Jahre 1798 mit seiner Flotte in Alexandrien anlegte, gab es eine asymmetrische Begegnung zwischen einer technisch überlegenen europäischen Macht und einer in der Tradition verhafteten islamischen Kultur. Erst das Auftauchen des «Anderen» machte die Muslime auf die eigene Schwäche und Rückständigkeit aufmerksam. Danach folgten traumatische Erfahrungen mit Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung, die im Kollektivgedächtnis aller Muslime fest eingraviert sind. Das Ergebnis davon war eine «anthropologische Wunde», wie es der syrische Philosoph Georg Tarabishi nennt; eine chronische Kränkung, die bis heute andauert.
Das Feld der Orthodoxie
Trotz wiederholten Modernisierungsversuchen schaffte es die islamische Welt nicht, den Anschluss an Europa zu finden, da sie sich mit dem Geist der Moderne weder versöhnen konnte noch wollte. Hadatha, der arabische Begriff für Moderne, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, impliziert den Beginn eines neuen Zeitalters. Er ist sprachlich verwandt mit dem Begriff muhdatha, «etwas Neues», was im orthodoxen Islam sehr negativ gesehen wird. Der Prophet Mohammed soll gesagt haben: «Jedes muhdatha ist eine Erfindung, und jede Erfindung führt zur Verwirrung, und jede Verwirrung landet in der Hölle.» Vergleicht man den arabischen mit dem japanischen Begriff für Moderne, sieht man den Unterschied in der Geisteshaltung gegenüber dem Neuen. Der japanische Begriff, der ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts entstand, lautet bunmei kaika, «Öffnung der Zivilisation».
Schon im «goldenen Zeitalter» des Islam, als arabische Wissenschaft und Philosophie florierten, gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen rationalem Denken und buchstabentreuer Lebensweise, die mit dem Sieg der Traditionalisten, für die Kontinuität wichtiger war als Erneuerung, endete. Seitdem gab es in der muslimischen Welt keinen Prozess mehr, den man Reform nennen könnte, sondern nur kurze, gutgemeinte Erneuerungswellen, die immer am Fels der Orthodoxie brachen. Es waren kleine vereinzelte Flüsse, die im Sand verliefen und es nie schafften, sich zu einem grossen Strom zu entwickeln, der alles mit sich reissen und einen unumkehrbaren Prozess namens Aufklärung in Gang setzen konnte.
Auch die europäischen Kolonialmächte waren an einer Modernisierung der von ihnen besetzten islamischen Länder kaum interessiert. Durch ihr aggressives und arrogantes Auftreten konnten sie nicht als Vorbild für Muslime dienen. Aber auch Jahrzehnte nach Ende des Kolonialismus gilt vielen in der islamischen Welt eine umfassende Modernisierung als Erniedrigung gegenüber dem Westen. Sicherlich spielt die Machtpolitik des Westens eine wichtige Rolle für diese Wahrnehmung. Auch die vielen ungelösten Konflikte in der islamischen Welt von Tschetschenien bis zum Nahen Osten sind nicht ausser acht zu lassen.
Dennoch sehe ich entscheidendere Gründe für das chronische Beleidigtsein der Muslime. Im Kern ist ihr Selbstbild dafür verantwortlich. Die Muslime sehen sich immer noch als Träger einer Hochkultur und können sich nicht damit abfinden, dass sie die führende Rolle in der Welt längst verloren haben. «Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet», so bringt es der tunesisch-französische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb auf den Punkt. Eine archaische Kultur der Ehre und des Widerstandes verhindert deshalb eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Westen, den man immer noch als Feind betrachtet.
Unter diesem Ressentiment isolieren sich weite Teile der islamischen Welt und verbarrikadieren sich hinter einer defensiven, exklusiven und reaktionären Identität. Ihre technologisch-materielle Unterlegenheit versuchen die Muslime durch eine moralische Überlegenheit gegenüber dem Westen auszugleichen. Die Isolation und das chronische Misstrauen führen dazu, dass jede Äusserung und jede Geste, die aus dem Westen kommt, entweder falsch oder überinterpretiert wird. Auch Kritik wird deshalb oft als Kriegserklärung verstanden. Die Geschichte wird als Kontinuum gelesen, und so sieht man die Mohammed-Karikaturen, die Papst-Rede in Regensburg und die Schweizer Minarettinitiative als Fortsetzung einer historischen westlichen Feindseligkeit gegenüber dem Islam, die man aus den Kreuzzügen und aus der Kolonialgeschichte zu kennen meint.
Die Wut und die Empörung haben aber andere Gründe. In den meisten islamischen Ländern sind die Menschen mit der wirtschaftlichen und politischen Lage höchst unzufrieden und dabei unfähig, die Probleme aus eigener Kraft zu lösen. Sowohl die Machthaber als auch die Bevölkerung suchen deshalb nach Sündenböcken für das eigene Elend. Politisch gesteuerte Proteste und Wutausbrüche gegen Dänemark, Deutschland oder die USA schaffen ein willkommenes Ventil. Dabei ist die Verkrampfung auch darauf zurückzuführen, dass im Laufe der Jahrhunderte keine Alternative zur Religion als identitätsstiftendem Element entwickelt wurde. Alle aus dem Westen importierten Systeme scheiterten, weil man wohl deren Instrumente, aber nicht den Geist dahinter nutzte. Deshalb meint man, den eigenen Glauben als letzten Anker bedingungslos verteidigen zu müssen.
Zeit für Häretiker
Auch die sogenannten Islam-Reformer waren über ein Jahrhundert lang nicht imstande, die nötigen Reformen durchzusetzen. Ihre Bestrebungen beschränken sich meist darauf, die Fassade eines Hauses, das im Begriff ist, in sich zusammenzufallen, mit neuer Farbe zu streichen. Die Unantastbarkeit der Religion stand den Reformern immer im Weg und liess ihre Bemühungen im Sande verlaufen. Kommt hinzu, dass sie wie die religiösen Fundamentalisten selbst vom Text des Korans besessen sind. Während die Terroristen darin Rechtfertigung für Gewalt suchen und finden, stöbern Liberale nach friedfertigen Passagen, die das Zusammenleben ermöglichen. Beide stärken damit die Autorität eines Buches, das für die Bedürfnisse einer vormodernen Gemeinde im 7. Jahrhundert entstanden war und im 21. Jahrhundert historisiert gehört. Den Reformern fehlen die letzte Konsequenz und der Mut, dafür zu plädieren, den Koran politisch zu neutralisieren und aus dem politischen Diskurs zu verbannen.
Für eine zeitgemässe Interpretation des Korans und eine Annäherung an die Moderne sprechen sich die Reformer aus und betonen im gleichen Atemzug, die eigene Tradition und kulturelle Eigenständigkeit nicht opfern zu dürfen. Ebendies tat auch Usama bin Ladin. Er löste sich von der überkommenen Interpretation des Korans, die eine Rebellion gegen den Herrscher verbietet. Durch seine Auslegung des Korans gelang es ihm, den jihad zu privatisieren und den Massenmord an Zivilisten zu rechtfertigen. Auch er nährt sich an der Moderne und bedient sich modernster westlicher Technik, ohne sich das aufgeklärte Gedankengut, das in dieser steckt, zu eigen zu machen.
Ich halte die Versöhnung des Islam mit dem Atheismus für die letzte bleibende Chance. Es ist Zeit für Häretiker, die Allmacht des Korans zu bestreiten und eine neue Geisteshaltung einzuführen. Diesen Prozess nenne ich nicht «Reform», sondern «geregelte Insolvenz». Erst wenn sich muslimische Kultur innerlich von diesem Buch löst, kann sie einen Neuanfang wagen. Insolvenz bedeutet, dass sich die muslimische Kultur von manchen schweren Koffern trennen muss, will sie den Weg in die Zukunft beschreiten. Sie muss sich von vielen Bildern verabschieden, insbesondere aber vom Bild eines erhabenen, unberechenbaren Gottes, der nur diktiert, aber nicht verhandelt. Dieses schadet der muslimischen Welt sehr und leistet einen erheblichen Beitrag zur Festigung der Macht von Tyrannen. Die gängige Geschlechter-Apartheid wiederum hemmt die Kreativität und schnürt die schöpferische Kraft der Hälfte der Gesellschaft ab.
Feindbilder haben die Opferrolle bei Muslimen zementiert und sie immer wieder daran gehindert, die Lösung der eigenen Probleme selbst in die Hand zu nehmen. Es gilt, das Selbstbild zu überdenken und nach Antworten jenseits von Wutausbrüchen und Verschwörungstheorien zu suchen. Europa seinerseits sollte seine unheiligen Allianzen mit den Diktatoren des Nahen Ostens beenden und nach neuen Verbündeten suchen. Islamkritik sollte von den Europäern ohne Rücksicht auf fundamentalistische Bedrohungen und ohne politisch korrekte Denkfaulheit vorangetrieben werden. Diese Kritik darf hart sein, sollte jedoch ohne Polemik und Ressentiment daherkommen. Und wenn den Muslimen diese Kritik von aussen unerträglich erscheint, sollten sie das Heft in die Hand nehmen und diese Kritik selbst üben.
Hamed Abdel-Samad, 1972 in Giza, Ägypten, geboren, ist Politikwissenschafter und Historiker an der Universität München und Verfasser des autobiografischen Buches «Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland» (2009, Fackelträger-Verlag). Seine Missbrauchs- und Ablösungsgeschichte wurde zuerst in Ägypten veröffentlicht, wo sie eine breite und kontroverse Debatte auslöste.
Vom Glauben zum Wissen
Wie findet der Islam zur Moderne? Bis heute sind Versuche von religiösen Reformen am Fels der Orthodoxie gescheitert
Wie die Schweizer Abstimmung über die Minarette mit zeigt, wird der Islam in weiten Teilen Europas nicht nur als Religion, sondern als politische Ideologie wahrgenommen, deren ungebrochener Herrschaftsanspruch sich auf den Koran stützt. Versuche von Reformen sind an der Allmacht des heiligen Buches gescheitert.
Hamed Abdel-Samad
Seit Generationen empfindet die islamische Welt ein Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung gegenüber Europa. Als Napoleon im Jahre 1798 mit seiner Flotte in Alexandrien anlegte, gab es eine asymmetrische Begegnung zwischen einer technisch überlegenen europäischen Macht und einer in der Tradition verhafteten islamischen Kultur. Erst das Auftauchen des «Anderen» machte die Muslime auf die eigene Schwäche und Rückständigkeit aufmerksam. Danach folgten traumatische Erfahrungen mit Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung, die im Kollektivgedächtnis aller Muslime fest eingraviert sind. Das Ergebnis davon war....
3. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Vom Glauben zum Wissen
Wie findet der Islam zur Moderne? Bis heute sind Versuche von religiösen Reformen am Fels der Orthodoxie gescheitert
Wie die Schweizer Abstimmung über die Minarette mit zeigt, wird der Islam in weiten Teilen Europas nicht nur als Religion, sondern als politische Ideologie wahrgenommen, deren ungebrochener Herrschaftsanspruch sich auf den Koran stützt. Versuche von Reformen sind an der Allmacht des heiligen Buches gescheitert.
Hamed Abdel-Samad
Seit Generationen empfindet die islamische Welt ein Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung gegenüber Europa. Als Napoleon im Jahre 1798 mit seiner Flotte in Alexandrien anlegte, gab es eine asymmetrische Begegnung zwischen einer technisch überlegenen europäischen Macht und einer in der Tradition verhafteten islamischen Kultur. Erst das Auftauchen des «Anderen» machte die Muslime auf die eigene Schwäche und Rückständigkeit aufmerksam. Danach folgten traumatische Erfahrungen mit Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung, die im Kollektivgedächtnis aller Muslime fest eingraviert sind. Das Ergebnis davon war eine «anthropologische Wunde», wie es der syrische Philosoph Georg Tarabishi nennt; eine chronische Kränkung, die bis heute andauert.
Das Feld der Orthodoxie
Trotz wiederholten Modernisierungsversuchen schaffte es die islamische Welt nicht, den Anschluss an Europa zu finden, da sie sich mit dem Geist der Moderne weder versöhnen konnte noch wollte. Hadatha, der arabische Begriff für Moderne, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, impliziert den Beginn eines neuen Zeitalters. Er ist sprachlich verwandt mit dem Begriff muhdatha, «etwas Neues», was im orthodoxen Islam sehr negativ gesehen wird. Der Prophet Mohammed soll gesagt haben: «Jedes muhdatha ist eine Erfindung, und jede Erfindung führt zur Verwirrung, und jede Verwirrung landet in der Hölle.» Vergleicht man den arabischen mit dem japanischen Begriff für Moderne, sieht man den Unterschied in der Geisteshaltung gegenüber dem Neuen. Der japanische Begriff, der ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts entstand, lautet bunmei kaika, «Öffnung der Zivilisation».
Schon im «goldenen Zeitalter» des Islam, als arabische Wissenschaft und Philosophie florierten, gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen rationalem Denken und buchstabentreuer Lebensweise, die mit dem Sieg der Traditionalisten, für die Kontinuität wichtiger war als Erneuerung, endete. Seitdem gab es in der muslimischen Welt keinen Prozess mehr, den man Reform nennen könnte, sondern nur kurze, gutgemeinte Erneuerungswellen, die immer am Fels der Orthodoxie brachen. Es waren kleine vereinzelte Flüsse, die im Sand verliefen und es nie schafften, sich zu einem grossen Strom zu entwickeln, der alles mit sich reissen und einen unumkehrbaren Prozess namens Aufklärung in Gang setzen konnte.
Auch die europäischen Kolonialmächte waren an einer Modernisierung der von ihnen besetzten islamischen Länder kaum interessiert. Durch ihr aggressives und arrogantes Auftreten konnten sie nicht als Vorbild für Muslime dienen. Aber auch Jahrzehnte nach Ende des Kolonialismus gilt vielen in der islamischen Welt eine umfassende Modernisierung als Erniedrigung gegenüber dem Westen. Sicherlich spielt die Machtpolitik des Westens eine wichtige Rolle für diese Wahrnehmung. Auch die vielen ungelösten Konflikte in der islamischen Welt von Tschetschenien bis zum Nahen Osten sind nicht ausser acht zu lassen.
Dennoch sehe ich entscheidendere Gründe für das chronische Beleidigtsein der Muslime. Im Kern ist ihr Selbstbild dafür verantwortlich. Die Muslime sehen sich immer noch als Träger einer Hochkultur und können sich nicht damit abfinden, dass sie die führende Rolle in der Welt längst verloren haben. «Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet», so bringt es der tunesisch-französische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb auf den Punkt. Eine archaische Kultur der Ehre und des Widerstandes verhindert deshalb eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Westen, den man immer noch als Feind betrachtet.
Unter diesem Ressentiment isolieren sich weite Teile der islamischen Welt und verbarrikadieren sich hinter einer defensiven, exklusiven und reaktionären Identität. Ihre technologisch-materielle Unterlegenheit versuchen die Muslime durch eine moralische Überlegenheit gegenüber dem Westen auszugleichen. Die Isolation und das chronische Misstrauen führen dazu, dass jede Äusserung und jede Geste, die aus dem Westen kommt, entweder falsch oder überinterpretiert wird. Auch Kritik wird deshalb oft als Kriegserklärung verstanden. Die Geschichte wird als Kontinuum gelesen, und so sieht man die Mohammed-Karikaturen, die Papst-Rede in Regensburg und die Schweizer Minarettinitiative als Fortsetzung einer historischen westlichen Feindseligkeit gegenüber dem Islam, die man aus den Kreuzzügen und aus der Kolonialgeschichte zu kennen meint.
Die Wut und die Empörung haben aber andere Gründe. In den meisten islamischen Ländern sind die Menschen mit der wirtschaftlichen und politischen Lage höchst unzufrieden und dabei unfähig, die Probleme aus eigener Kraft zu lösen. Sowohl die Machthaber als auch die Bevölkerung suchen deshalb nach Sündenböcken für das eigene Elend. Politisch gesteuerte Proteste und Wutausbrüche gegen Dänemark, Deutschland oder die USA schaffen ein willkommenes Ventil. Dabei ist die Verkrampfung auch darauf zurückzuführen, dass im Laufe der Jahrhunderte keine Alternative zur Religion als identitätsstiftendem Element entwickelt wurde. Alle aus dem Westen importierten Systeme scheiterten, weil man wohl deren Instrumente, aber nicht den Geist dahinter nutzte. Deshalb meint man, den eigenen Glauben als letzten Anker bedingungslos verteidigen zu müssen.
Zeit für Häretiker
Auch die sogenannten Islam-Reformer waren über ein Jahrhundert lang nicht imstande, die nötigen Reformen durchzusetzen. Ihre Bestrebungen beschränken sich meist darauf, die Fassade eines Hauses, das im Begriff ist, in sich zusammenzufallen, mit neuer Farbe zu streichen. Die Unantastbarkeit der Religion stand den Reformern immer im Weg und liess ihre Bemühungen im Sande verlaufen. Kommt hinzu, dass sie wie die religiösen Fundamentalisten selbst vom Text des Korans besessen sind. Während die Terroristen darin Rechtfertigung für Gewalt suchen und finden, stöbern Liberale nach friedfertigen Passagen, die das Zusammenleben ermöglichen. Beide stärken damit die Autorität eines Buches, das für die Bedürfnisse einer vormodernen Gemeinde im 7. Jahrhundert entstanden war und im 21. Jahrhundert historisiert gehört. Den Reformern fehlen die letzte Konsequenz und der Mut, dafür zu plädieren, den Koran politisch zu neutralisieren und aus dem politischen Diskurs zu verbannen.
Für eine zeitgemässe Interpretation des Korans und eine Annäherung an die Moderne sprechen sich die Reformer aus und betonen im gleichen Atemzug, die eigene Tradition und kulturelle Eigenständigkeit nicht opfern zu dürfen. Ebendies tat auch Usama bin Ladin. Er löste sich von der überkommenen Interpretation des Korans, die eine Rebellion gegen den Herrscher verbietet. Durch seine Auslegung des Korans gelang es ihm, den jihad zu privatisieren und den Massenmord an Zivilisten zu rechtfertigen. Auch er nährt sich an der Moderne und bedient sich modernster westlicher Technik, ohne sich das aufgeklärte Gedankengut, das in dieser steckt, zu eigen zu machen.
Ich halte die Versöhnung des Islam mit dem Atheismus für die letzte bleibende Chance. Es ist Zeit für Häretiker, die Allmacht des Korans zu bestreiten und eine neue Geisteshaltung einzuführen. Diesen Prozess nenne ich nicht «Reform», sondern «geregelte Insolvenz». Erst wenn sich muslimische Kultur innerlich von diesem Buch löst, kann sie einen Neuanfang wagen. Insolvenz bedeutet, dass sich die muslimische Kultur von manchen schweren Koffern trennen muss, will sie den Weg in die Zukunft beschreiten. Sie muss sich von vielen Bildern verabschieden, insbesondere aber vom Bild eines erhabenen, unberechenbaren Gottes, der nur diktiert, aber nicht verhandelt. Dieses schadet der muslimischen Welt sehr und leistet einen erheblichen Beitrag zur Festigung der Macht von Tyrannen. Die gängige Geschlechter-Apartheid wiederum hemmt die Kreativität und schnürt die schöpferische Kraft der Hälfte der Gesellschaft ab.
Feindbilder haben die Opferrolle bei Muslimen zementiert und sie immer wieder daran gehindert, die Lösung der eigenen Probleme selbst in die Hand zu nehmen. Es gilt, das Selbstbild zu überdenken und nach Antworten jenseits von Wutausbrüchen und Verschwörungstheorien zu suchen. Europa seinerseits sollte seine unheiligen Allianzen mit den Diktatoren des Nahen Ostens beenden und nach neuen Verbündeten suchen. Islamkritik sollte von den Europäern ohne Rücksicht auf fundamentalistische Bedrohungen und ohne politisch korrekte Denkfaulheit vorangetrieben werden. Diese Kritik darf hart sein, sollte jedoch ohne Polemik und Ressentiment daherkommen. Und wenn den Muslimen diese Kritik von aussen unerträglich erscheint, sollten sie das Heft in die Hand nehmen und diese Kritik selbst üben.
Hamed Abdel-Samad, 1972 in Giza, Ägypten, geboren, ist Politikwissenschafter und Historiker an der Universität München und Verfasser des autobiografischen Buches «Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland» (2009, Fackelträger-Verlag). Seine Missbrauchs- und Ablösungsgeschichte wurde zuerst in Ägypten veröffentlicht, wo sie eine breite und kontroverse Debatte auslöste.
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