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Freitag, August 03, 2012

Auch kleine Banken sind gefährlich - to central to fail

Artikel zum Thema: http://ursusch.blogspot.ch/2011/11/wenn-147-konzerne-die-ganze-wirtschaft.html

Warum auch die Kleinen gefährlich sein können
Tages Anzeiger  02.08.2012
Je grösser eine Bank, desto verheerender ist ihr Scheitern für das Finanzsystem, so die gängige Meinung. Laut Forschern der ETH können Banken aber nicht nur «too big», sondern auch «too central to fail» sein.
Gefahr geht nicht nur von den grossen Finanzinstituten aus: Der Paradeplatz in Zürich, wo die UBS und die 

Forscher der ETH Zürich sind der Ansicht, dass «too big to fail» als Faktor zur Beurteilung der Systemrelevanz einer Bank zu kurz greift. Sie schlagen stattdessen vor, auch genau hinzuschauen, wie eng die Verflechtung der Bank mit anderen Finanzinstituten ist.
Denn selbst kleine Banken können für ein ganzes Finanzsystem ein Risiko darstellen, wenn sie stark mit anderen Finanzinstituten vernetzt und damit quasi «too central to fail» sind. Zu diesem Schluss kommt ein Team um Stefano Battiston von der Professur für Systemgestaltung der ETH Zürich, nachdem es während der Finanzkrise gesammelte Daten mit einer neu entwickelten Methode analysierte.

Verbindung zwischen den Banken ist relevant
Mit einer mathematischen Formel, dem so genannten Debt-Rank-Algorithmus, ermittelten sie eine Liste von systemrelevanten Banken. Diese weicht zwar nicht stark von den Ergebnissen früherer Analysen ab. Doch hätten die systemrelevanten Banken mit ihrer Methode schon früher ermittelt werden können, wie die Forscher am Donnerstag im Wissenschaftsmagazin «Nature» berichten.
Für den Debt-Rank-Algorithmus griffen die Wissenschaftler auf Vorgehensweisen und Erkenntnisse der Netzwerkforschung zurück. Diese kombinierten sie mit einer Formel, die ähnlich funktioniert wie jene der Internetsuchmaschine Google. Während der nach Google-Gründer Larry Page benannte Page-Rank-Algorithmus eine Menge von Dokumente anhand ihrer Verlinkung gewichtet, werden mit der Debt-Rank-Formel die Verbindungen zwischen den Banken untersucht.
Als Datengrundlage für die Untersuchung dienten Daten aus den Jahren 2007 bis 2010, welche die US-Notenbank (Fed) im Rahmen ihres milliardenschweren Bankenhilfsprogramms während der Finanzkrise sammelte und verwendete. Die Daten beinhalten insbesondere Angaben zur Kapitalisierung und ausstehenden Schulden der über 400 Banken, die beim Höhepunkt der Finanzkrise von der Fed nicht weniger als 1,2 Billionen Dollar an Hilfskrediten beansprucht hatten. (fko/sda)

Freitag, Mai 25, 2012

Modernes Leben - Modern Times

Hat sich auch nicht viel geändert:

Samstag, März 24, 2012

Schauspiel und Mehr : Jens Nielsen

  • Als Däne geboren. In der Schweiz aufgewachsen
  • Schauspielausbildung an der Schauspiel Schule Zürich
  • Gründung der Theatergruppe DIE ENGELMASCHINE mit Aglaja Veteranyi
  • Gemeinsame Auftritte mit Theater Projekten und Performances 1996 – 2001
  • Lebt als freier Schauspieler Sprecher und Autor in Zürich
  • Seit 2007 Autor der Theaterformation Trainingslager 
http://www.jens-nielsen.ch/

Montag, Dezember 26, 2011

Christoph Blocher – der Profi

Tages Anzeiger
Christoph Blocher – der Profi
Von Von Constantin Seibt. 24.12.2011

Der kühnste Coup des Wirtschaftsjahres 2011 war Blochers Tarnkonstrukt bei der «Basler Zeitung». Hier handelte jemand mit Erfahrung.

Der Wirtschaftsanwalt lächelte kurz und böse über die Lüge. Aber als Profi freute er sich über die Eleganz der Tarnkonstruktion. «Was Herr Blocher in Basel gemacht hat, hatte Klasse», sagte er mit ehrlicher Begeisterung.

Besonders wenn man bedenkt, wie wenig Zeit Christoph Blocher hatte. Als der Tessiner Financier Tito Tettamanti vor einem Jahr bei der «Basler Zeitung» (BaZ) absprang, blieben dem Besitzer Blocher nur wenige Tage, sein Eigentum zu tarnen. Er entwarf einen, wie der Anwalt sagte, «genial eleganten» Vertrag mit Put- und Call-Optionen mit seinem Strohmann Moritz Suter: Dieser konnte die Zeitungsaktien jederzeit der Familie Blocher verkaufen; die Blochers ebenfalls schnell zurückkaufen. So bekam jeder, was er am meisten wollte: Suter ein Maximum an Sicherheit, bei Ärger jederzeit fliehen zu können, Familie Blocher das Maximum an Kontrolle.


Improvisationstalent

Und sie taten noch etwas Cleveres. Der Öffentlichkeit genügte Suter als angeblicher Besitzer; doch den Banken nicht. «Banken sind nicht blöd. Sie wissen, wer Geld hat und wer nicht», grinste der Anwalt: «Suter hatte zu wenig. Damit war es ein Geniestreich, bei den Banken den Ex-UBS-Chef Marcel Ospel vorzuschieben – der war anrüchig und solvent. Also als Besitzer sehr glaubhaft.»

Selbst als das Vehikel platzte – Suter hatte Angst vor den finanziellen Löchern bei der BaZ bekommen und genug vom Blocher-Biografen Markus Somm als Chefredaktor –, war nicht Blocher, sondern dessen Tochter Rahel die Besitzerin. Auf diese Art konnte Blocher behaupten, er habe nicht gelogen, als er sagte, er sei nicht an der BaZ beteiligt.

«Nun, das war etwas plump. Aber Herr Blocher hat sehr schnell geschaltet und Financier Tito Tettamanti wieder installiert», lächelte der Anwalt. «Die BaZ-Konstruktion zeigt juristische Eleganz, Kaltblütigkeit, Schnelligkeit und Improvisationstalent – sie ist das Werk eines echten Profis.»


Der wahre Sohn

Christoph Blocher ist als Politiker so unübersehbar, dass man vergisst, dass er auch berühmt wäre, wenn er nie einen Satz zur Politik gesagt hätte: Als Pionier veränderte er die Wirtschaft der Schweiz für immer. Mit Überraschungsangriffen, Belagerungen, Monsterlöhnen und exotischen Finanzinstrumenten.

Schon sein erster Auftritt auf der Bühne war ein Coup, wie man ihn so noch nie zuvor gesehen hatte. Blocher, der mausarme Pfarrerssohn, begann seine Karriere als Milliardär mit Nachhilfestunden – für den Sohn des Ems-Chemie-Besitzers Werner Oswald. Schon nach kurzer Zeit....

Donnerstag, September 29, 2011

«Das sind Heuchler, Egoisten und Nostalgiker»

Tages Anzeiger 28.09.2011
Kultur
«Das sind Heuchler, Egoisten und Nostalgiker»
Von Philippe Zweifel.
Der Journalist und Autor Gerhard Matzig hat ein Buch über Menschen geschrieben, die «einfach nur dagegen» sind - und so eine Gefahr für die Zukunft darstellten.
Harmlose Ewiggestrige oder Gefahr für die Zukunft? Windenergie-Gegner in Deutschland.
Gerhard Matzig, geboren 1963, hat Politische Wissenschaften und Architektur in Passau und München studiert. Nach einer Tätigkeit als freier Autor wurde er 1997 Redakteur im Feuilleton der «Süddeutschen Zeitung», seit 2009 leitet er das Ressort «SZ Wochenende». Für seine journalistische Tätigkeit in den Bereichen Architektur und Design wurde er mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Gerhard Matzig ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt am Rand von München. (Bild: Goldmann Verlag/Peter von Felbert)
Bedenken haben derzeit Konjunktur, «Wutbürger» wurde in Deutschland zum «Wort des Jahres». Die Zukunftslust ist uns offenbar vergangen. Fortschritt ist mittlerweile ein Wort, das Allergien auslöst, Technik ein Feindbild - so lautet die Diagnose von Gerhard Matzig. In seinem Buch «Einfach nur dagegen» untersucht er auf unterhaltsame Art, wie dieser Wille zum Stillstand entstand und warum Utopien heute in solch schlechtem Ruf stehen. Matzig zeigt, wie der grassierende Egoismus unseren Kindern die Zukunft verbaut, und entwirft Szenarien einer neuen Moderne in Politik, Wirtschaft und Technik. Gerhard Matzig: Einfach nur dagegen. Wie wir unseren Kindern die Zukunft verbauen. Goldmann Verlag. ISBN: 978-3-442-31273-3. Das Buch erscheint am 12. Oktober.
Sie fürchten in Ihrem Buch um die Zukunft Ihrer Kinder. Wie ernst ist die Lage wirklich?
Den Teufel an die Wand zu malen: Das überlasse ich gerne den amtierenden Wutbürgern. Insofern ist die Lage zwar ernst, aber nicht hoffnungslos. Richtig ist aber, dass gerade in Deutschland eine tendenziell überalterte Gesellschaftsschicht dominiert, der die Belange der nachfolgenden Generationen im Grunde egal sind.
Ihrer Meinung nach liegt das Problem in einer Angst vor der Zukunft, die sich in einem Wutbürgertum ausdrückt. Wer sind die Wutbürger? Ist der «klassische» Wutbürger soziodemografisch kategorisierbar? Ist er politisch kategorisierbar?
Interessant ist hier die Studie des Göttinger Politikwissenschaftlers Franz Walter, die kürzlich vorgestellt wurde. Demnach rekrutiert sich das Wutbürgertum vor allem aus älteren, akademisch gebildeten und wohlhabenden Menschen, die aber keineswegs uneigennützig sind. Vielmehr haben sie egoistische Motive. Sie sind mehrheitlich Grundstückseigentümer, die um den Wert ihrer Immobilien fürchten. Es ist also logisch, dass sie sowohl gegen infrastrukturelle, langfristige Vorhaben wie Bahnhöfe wettern – aber auch gegen Windkraftanlagen vor der eigenen Tür.
Sehnen sich solche Menschen nicht einfach nach den guten alten Zeiten?
Ja, sie flüchten vor den Herausforderungen einer schwierigen Gegenwart und ungewissen Zukunft in die neobiedermeierliche Vorstellung einer vermeintlich besseren Vergangenheit. Das nimmt bisweilen sogar reaktionäre Züge an. Einerseits also dürfte der Wutbürger ein Relikt der links sozialisierten, grün angehauchten 68er-Bewegung darstellen, erfahren in der Protestkultur; andererseits trifft man ihn auch in rechten Zirkeln an. Letztlich sind sie vor allem eines: gefährlich. Mit den Worten Bernard Shaws: «Alte Männer sind gefährlich, denn ihnen ist die Zukunft egal.»
Wenn der Wutbürger politisch nicht klar definierbar ist – wie steht es eigentlich mit dem Begriff «Innovation»: Ist das ein rechter oder linker Begriff?
Weder noch. Früher, in fortschrittsfreundlicheren Zeiten, war der Begriff positiv besetzt, das Neue war oft ein Versprechen auf eine bessere Welt, links wie rechts – heute wird die Innovation oft als Neuerungssucht geschmäht. Dagegen hat das Alte Konjunktur. Denken Sie an die Rückkehr zum Griechisch-Unterricht, an die Renaissance von Benimmkursen – bis hin zu den Retrowellen in der Automobil- oder Mode-Branche. Womit wir wieder bei der wohlhabenden

Dienstag, September 06, 2011

«Vermögen werden sich in Luft auflösen»

«Vermögen werden sich in Luft auflösen»

Laut Ex-UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff werden die Auswirkungen der Wirtschaftskrise unterschätzt. Viele Sparer würden in Zukunft Geld verlieren. Besonders ältere Menschen treffe es hart.
«Die Inflation würde genau jene treffen, die heute schon unter der Krise leiden: Pensionäre, Mieter und Lohnabhängige», sagt Klaus Wellershoff.
«Die Inflation würde genau jene treffen, die heute schon unter der Krise leiden: Pensionäre, Mieter und Lohnabhängige», sagt Klaus Wellershoff.
Bild: Christian Grund (13 Photo)

Klaus Wellershoff

Der 47-Jährige ist Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen und Partner einer auf Makroökonomie und Finanzmärkte spezialisierten Beratungsfirma in Zürich. Davor war er zwölf Jahre Chefökonom der UBS. Das Gespräch fand im Rahmen des 15. Zermatter Symposiums von Avenir Suisse statt. (rs)
[Alt-Text]
Sie sind Ökonom, Ihr Bruder Psychoanalytiker. Legen wir für einmal die Wirtschaft auf die Couch. Was ist die Diagnose?
Es wird wahnsinnig viel verdrängt. Man glaubt, alles gehe so weiter wie bisher. Dabei stehen mit der EU, den USA und Japan die Nummern 1, 2 und 4 der Weltwirtschaft vor Problemen, die zu einem massiven Umbau ihrer Gesellschaft führen werden. Es geht längst nicht mehr darum, ob diese Länder ein halbes Prozent mehr oder weniger Wachstum haben.
Geben Sie uns einen Einblick in das Unbewusste.
Niemand weiss, wie die Sozialversicherungen und Krankensysteme in Zukunft finanziert werden können. Die USA und einige EU-Staaten sind faktisch zahlungsunfähig. Viele Vermögen werden sich in Luft auflösen. Reicht das fürs Erste?
Was sind die Folgen?
Wenn Staatsschulden nicht mehr bedient werden können, wird auf Gläubigerseite Vermögen vernichtet. Zudem stehen die grossen Banken vor Herausforderungen, die nochmals zu einem grossen Umbau führen werden. Die UBSetwa hat heute rund 24'000 Beschäftigte in der Schweiz. Durchaus möglich, dass sich diese Zahl drastisch weiter reduzieren wird. Ich bin überzeugt: Diese Krise wird zu einem grundsätzlichen Umdenken führen.
Inwiefern?
Man wird neu definieren, was wir für den Staat tun und was der Staat für uns tut: innere und äussere Sicherheit, Strassen, soziale Sicherung, Schulen. Es stellt sich die Frage, was der hoch verschuldete Staat künftig noch wird leisten können.
Der Staat soll bei höheren Kosten weniger tun – das wird wenig Begeisterung auslösen.
So kann man es sagen. Gleichzeitig wissen wir, dass viele, die sich heute für vermögend halten, das in wenigen Jahren nicht mehr sein werden. Das betrifft alle, die für ihre Pension gespart haben. Viele, die jetzt vorschlagen, dass Griechenland ein Teil der Schulden gestrichen werden, bedenken nicht, dass damit per Definition auch Vermögen gestrichen wird. Jeder Schuld steht schliesslich eine Forderung gegenüber. Den Staatsschulden stehen Vermögensansprüche der Pensionskassen und Lebensversicherungen gegenüber, zu einem weniger grossen Teil der Banken. Wenn die gestrichen werden, wird es viele Ältere hart treffen, weil die nichts mehr dazuverdienen können.
Erklärt das die Tendenz der älteren Generation, Bewegungen wie die Tea Party oder die SVP zu unterstützen? Und die hohe Zeit des sogenannten Wutbürgers?
Wieweit ein Zusammenhang besteht, wäre ein spannendes Forschungsprojekt.
Bleiben wir bei Ihren Themen. Sie stellen als Ökonom ein paar vermeintliche Gewissheiten infrage: etwa jene, dass die Stärke oder Schwäche einer Währung von der Staatsverschuldung abhängt.
Allein schon ein Blick auf Japan widerlegt das: Dieser Staat ist immens verschuldet und hat trotzdem eine starke Währung. Es gibt so gesehen auch keine Eurokrise. Viele Eurostaaten sind zwar hoch verschuldet, aber der Euro hat seit seiner Einführung 1999 gegenüber den Währungen der Handelspartner nicht an Wert verloren. Das meinen wir nur in der Schweiz. Was wir erleben, ist.........

Samstag, August 13, 2011

Was hat Blocher gegen seine Klasse?

Was hat Blocher gegen seine Klasse?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 18.05.2011
Können Sie mir bitte erklären, wie ein Mensch dazu kommt, seine eigene Klassenzugehörigkeit fortlaufend zu verunglimpfen? Ich spreche von Herrn Blocher, der doch permanent über die «Classe politique» und die «Elite» herzieht. Meines Erachtens gehört er doch zu beiden. Oder irre ich mich? G.H.

Liebe Frau H.
Sie irren sich nicht. Aber Sie liegen falsch, wenn Sie meinen, dieser Selbstwiderspruch könnte sich als Argument gegen die SVP verwerten lassen. Er ist vielmehr das Erfolgsgeheimnis von Blocher und seiner SVP: Logische Konsistenz ist etwas für Verlierer. Man muss diese Inkonsistenz allerdings auch souverän zelebrieren. Einfach nur in CVPManier die Positionen wechseln wie ein aufgescheuchtes Huhn macht den Wählern keinen Eindruck. Die UBS zerschlagen und dann als Holding wieder zusammenbauen? So wächst zusammen, was zusammengehört. Protektionistische Landwirtschaftssubventionen und neoliberale Wirtschaftspolitik – was dagegen? Ein Milliardär als Anwalt des kleinen Mannes – wer sonst? Bildung ist die wichtigste Ressource unserer rohstoffarmen Schweiz: Ergo brauchen wir mehr Leute wie Paul Accola im Nationalrat. Minarette sind gefährlicher als Atomkraftwerke – warum eigentlich nicht? Ist doch mal ein origineller Ansatz. Aber weniger Atomkraft durch weniger Zuwanderung ist auch lustig. Schluss mit der Abzockerei einheimischer KMU durch polnische und rumänische Billigarbeiter!

Unlogisch? Ach ja? Dann heul doch! Souverän ist, wer sich um sein Geschwätz von gestern nicht kümmern muss. Und um Argumente erst recht nicht. Was kümmert mich der «zwanglose Zwang des besseren Arguments» ( Jürgen Habermas), wenn ich mir richtige Propaganda leisten kann?
Die Kaderpartei SVP hat das erreicht, wovon die kulturrevolutionäre Fraktion der Achtundsechziger nur träumen konnte: die Massen. Was aus dem Munde linksradikaler Studenten, die vor den Werkstoren langfädige Flugblätter verteilten, nicht sehr überzeugend klang, wird zur faszinierenden Heilsbotschaft, wenn es der Fabrikbesitzer selbst verkündet: die Abschaffung des Staates. Jetzt sind es die linke Elite, die «Classe politique», die Intellektuellen, kurz: die alten Staatsfeinde, die den Staat gegen seinen Verächter verteidigen. Kein Wunder, denn die hängen ja alle an seinem Tropf. Diese Rhetorik gehört zum eisernen Bestand des Rechtspopulismus. Offenkundig ist das Volk der Meinung, dass die Anarchie in den Händen der Mächtigen am besten aufgehoben ist.

Samstag, August 06, 2011

Der rechte Abschied von der Politik

Der rechte Abschied von der Politik

Mit bisher unbekannter Radikalität bewirtschaftet in den USA eine neue Rechte die Krise, die sie selbst zu verantworten hat. Das stösst auch altgediente Konservative ab, für die Reagan ein Idol war. Ein Kommentar.


Charles Moore ist Konservativer bis in die Knochen. Er war 20 Jahre lang Chefredakteur strenger und konservativer Zeitungen, zuletzt des «Telegraph». Er konvertierte zum Katholizismus, ist ein beliebter Gast des Papstes und der offizielle Biograf von Margaret Thatcher. Vorletzte Woche schrieb Moore eine Kolumne, die sein ganzes Leben in Frage stellt. Ihr Titel lautet: «Ich fange an zu denken, dass die Linke vielleicht doch Recht hat».
Moore schreibt: «Ich habe mehr als 30 Jahre gebraucht, um mir diese Frage zu stellen. Aber heute muss ich es tun: Hat die Linke doch Recht?» Und fährt fort: «Die Reichen werden reicher, aber die Löhne sinken. Die Freiheit, die dadurch entsteht, ist allein ihre Freiheit. Fast alle arbeiten heute härter, leben unsicherer, damit wenige im Reichtum schwimmen. Die Demokratie, die den Leuten dienen sollte, füllt die Taschen von Bankern, Zeitungsbaronen und anderen Milliardären.»
Dann blendet Moore zurück zu seinen Anfängen als Journalist. Damals, in den 80er-Jahren, entfesselte Thatcher die Finanzmärkte und zerschlug die Gewerkschaften. Moore unterstützte beides. Nun schreibt er: «Die Kreditkrise hat gezeigt, wie diese Freiheit gekidnappt wird. Die Banken sind ein Spielfeld für Abenteurer, die reich werden, auch wenn sie Milliarden verfeuern. Die Rolle aller anderen ist, ihre Rechnung zu zahlen.»
Und zum damaligen Verbündeten von Thatcher, dem Verleger Rupert Murdoch, schreibt er: «Murdoch argumentierte immer mit dem Recht der Leser. Aber seine Zeitungen informieren erbärmlich. Sie verschafften ihm persönlich Macht, nicht seinen Lesern.»
Moore beschreibt die «schrille» Kompromisslosigkeit der Republikaner in den USA. Und bemerkt: «Die westliche Demokratie fängt an, wie ein aussterbender Luxus auszusehen. Klar können wir Fähnchen mit dem Aufdruck ‹Freiheit› schwingen. Aber auf ihnen steht, kleingedruckt, ‹Made in China›.»
Und er endet: «Das alles ist eine schreckliche Enttäuschung für uns, die wir an freie Märkte glaubten, weil sie freie Menschen hervorbringen würden...» 

Reinheit statt Politik
Gleichzeitig verzweifelte auf der anderen Seite des Atlantiks ein anderer konservativer Kolumnist. David Brooks, überzeugter Republikaner, schrieb in der «New York Times», über seine eigene Partei: «Die Mitglieder dieser Bewegung akzeptieren die Logik des Kompromisses nicht, egal wie gut die Offerten sind. Sie akzeptieren nicht die Legitimität von Wissenschaftlern. Tausend Experten können ihnen sagen, dass ein Staatsbankrott furchtbare Effekte nach sich zieht, die schlimmer als eine kleine Steuererhöhung sind. Aber sie hören sie nicht.»
Was Brooks entsetzte, war, dass die Republikaner einen gigantischen Sieg aus der Hand gaben. Sie lehnten einen fast selbstmörderischen Vorschlag Präsident Obamas ab, das Defizit durch brutale Einsparungen zu reduzieren. Und zwar, weil dabei auch Steuerlöcher gestopft werden sollten. Es war ein Vorschlag, der ihnen alles schenkte: einen Sieg ihrer Sparpolitik plus eine Spaltung der gegnerischen Partei. Stattdessen riskierten sie den Bankrott des eigenen Landes.
Warum? Weil, so Brooks, Politik nicht mehr ihr Ziel ist. «Ihr Geschäft sind Radio-Shows, nicht Gesetze», schrieb er. Und um das Publikum nicht zu irritieren, bewegten...

Sonntag, Juli 10, 2011

«Unsere unzerstörbare ländliche Seele zerstört das Land»

Tages Anzeiger 09.07.2011
«Unsere unzerstörbare ländliche Seele zerstört das Land»
Von Res Strehle und Caspar Schärer.

Die Architekten Jacques Herzog und Marcel Meili sind besorgt über die planlose Zersiedelung der Landschaft. Im Sekundenrhythmus wird ein Quadratmeter neu überbaut, das Land verliert seinen Reiz.


Vor fünf Jahren haben Sie den Mahnfinger gereckt und gesagt, es drohe der Schweiz ein unförmiger Siedlungsbrei zwischen Boden- und Genfersee. Hat sich seither etwas bewegt?
Jacques Herzog: Das Thema steht jetzt wenigstens auf der Agenda, und einige unserer Begriffe, wie etwa «Alpine Brachen» oder «Metropolitanregionen», sind in den Schweizer Medien wie der nationalen Raumordnungspolitik Allgemeingut geworden. Aber in der Sache selber sind wir noch keinen Schritt weiter: Wir schaffen es nicht, die Agglomerationen städtischer und dichter zu gestalten, damit sie nicht weiter in die Landschaft ausufern und die Qualität des Ländlichen zerstören.
Marcel Meili: Es ist paradox: Es ist gerade die unzerstörbare ländliche Seele der Schweizer, die das Land zerstört. Auch unter grossem Druck wollen wir keine Städter werden. Wir wollen nicht zusammenrücken.

Der wachsende Graben zwischen Stadt und Land, wie er sich in den jüngsten Abstimmungsergebnissen zeigte, könnte da eine Chance sein: Es scheint sich auch in der Schweiz eine Seele des Städters zu bilden, global orientiert, daneben bleibt die Bevölkerung in der Agglomeration davon unberührt.
Herzog: Das halten wir für einen Trugschluss. Alle reden von Stadt und Land als einem Gegensatzpaar. Die SVP und die Grünen unterstützen diese Sichtweise, weil sie ihr konservatives Weltbild bestätigt. Das ist aber ein falsches Bild aus vergangenen Zeiten. Es ist vor allem ein gefährliches Bild, weil es die Schweiz, die ja von allen Parteien so geliebt wird, zunehmend zerstört. Wieso wird diese Tatsache nicht von den anderen

Freitag, Juli 01, 2011

10 Strategien der Manipulation - Gehirnwäsche nach Noam Chomsky

10 Strategien der Manipulation - Gehirnwäsche nach Noam Chomsky


Der prominente Linguist und Intellektuelle Noam Chomsky zeigt in seinem Text „10 Strategien der Manipulation“ auf satirische Weise, wie eine Gesellschaft manipuliert werden kann, ohne dass eine kritische Masse an Menschen in dieser Gesellschaft dies realisiert.

In einer Zeit in der viele Bürger von der „plötzlich“ anwachsenden Brisanz politischer und wirtschaftlicher Verwerfungen überrascht sind, ist es besonders wertvoll, Chomskys Einsichten zu verinnerlichen.

Chomsky zeigt auf, wie das System beeinflusst wird und welche Informationen wir für relevant halten. Da Information immer zu Wahrnehmung führt und Wahrnehmung die Grundlage jeden Handelns ist, begründet Information letztendlich auch die soziale Realität. Ebenso den Wandel dieser.

1. Kehre die Aufmerksamkeit um

Das Schlüsselelement zur Kontrolle der Gesellschaft ist es, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf unwesentliche Ereignisse umzulenken, um sie von wichtigen Informationen über tatsächliche Änderungen durch die politischen und wirtschaftlichen Führungsorgane abzulenken. Jene Strategie ist der Grundstein, der das Basisinteresse an den Bereichen Bildung, Wirtschaft, Psychologie, Neurobiologie und Kybernetik verhindert. Somit kehrt die öffentliche Meinung dem wirklichen gesellschaftlichen Problemen den Rücken zu, berieselt und abgelenkt durch unwichtige Angelegenheiten. Schaffe es, dass die Gesellschaft beschäftigt ist, beschäftige sie, beschäftige sie so, damit sie keine Zeit hat über etwas nachzudenken, entsprechend dem Level eines Tieres.

2. Erzeuge Probleme und liefere die Lösung

Diese Methode wird die „Problem-Reaktion-Lösung“ genannt. Es wird ein Problem bzw. eine Situation geschaffen, um eine Reaktion bei den Empfängern auszulösen, die danach eine präventive Vorgehensweise erwarten. Verbreite Gewalt oder zettle blutige Angriffe an, damit die Gesellschaft eine

Sonntag, Mai 22, 2011

Zügeln leicht gemacht - www.moverich.ch

Zuegeln? Viele gute Freunde die helfen wollen, und doch soll ein Profi die Zügel in der Hand halten? Dann gibt es nur einen:
http://www.moverich.ch

Montag, Januar 24, 2011

Atemmasken gegen die Krise

WOZ vom 20.01.2011 - Ressort Schweiz
Atemmasken gegen die Krise
Von Rachel Vogt

Der Zürcher Psychiater und Philosoph Daniel Strassberg über Exzesse und Lust in der Politik, die Über­nahme linker Debatten durch die Rechten sowie über Joggen und schreiende Kinder.

WOZ: Plötzlich sprechen alle vom sogenannten Wutbürger. Sind wir getrieben von Wut?
Daniel Strassberg: Nein, von Ressentiments. Wut kann eine kreative Emotion sein, weil sie auf Veränderung zielt. Ressentiments wollen nichts verändern. Man will nur die vermeintlich Schuldigen für das eigene Unglück bestrafen. 

Woher kommt das?
Ressentiments entstehen aus dem Gefühl, machtlos zu sein. Wenn ich jemandem eins auf die Nuss gebe, gewinne ich ein Gefühl von Macht, ohne wirklich etwas verändern zu müssen. Eine Art machtlose Macht. 

Wer kriegt eins auf die Nuss?
Die Ressentiments von rechts richten sich gegen Menschen, die selbst keine Macht haben, etwa Ausländer – weil die nicht zurückschlagen können. Das Kind lässt seine Wut auch nicht am Vater aus, sondern am kleinen Geschwister. Die Steuerinitiative der SP dagegen scheiterte, weil die Leute glaubten: Wenn ich meine Ressentiments gegen Mächtige richte, bekomme ich die Strafe in Form höherer Steuern zu spüren. 

Warum nimmt das Gefühl der Machtlosigkeit denn zu?
Die Globalisierung hat die Wahrnehmung von Macht verändert. In der 68er-Bewegung fass­te man die Macht als eine vertikale Sa­che auf: Die oben üben Macht gegen unten aus, die unten müssen sich wehren. Die Globali­sierung hat diesen Diskurs um neunzig Grad verschoben, in die Horizontale. Heute herrscht ein Infiltrations- oder Infektionsdiskurs vor: Die Gefahr kommt nicht mehr von oben, sondern von aussen, ob es nun Bakterien, Strahlen oder Ausländer sind. 

Die Folge?
Die Gesellschaft ist hypochondrisch geworden. Jedes Jahr kommt eine Epidemie – die Vogelgrippe, die Schweinegrippe. Sie kommt von irgendwo her. Alle Grenzen werden durchlässig, selbst die Gattungsgrenzen, denn das Virus wird von Tieren auf Menschen übertragen. Man kämpft nicht mehr gegen oben, sondern errichtet Grenzen gegen aussen. Der Diskurs läuft zwischen....

Samstag, Dezember 25, 2010

Religion im 21. Jahrhundert

WOZ vom 23.12.2010
Religion im 21. Jahrhundert
«Diese Leute begegnen Jesus, Allah oder irgendeinem Guru»
Von Yves Wegelin

«Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen» heisst das neuste Buch des bekannten französischen Religionssoziologen Olivier Roy. Ein Gespräch über Religionen ohne Kultur, muslimische Konvertiten und säkularisierte Weihnachtsfeste.

WOZ: Herr Roy, vor wenigen Tagen habe ich eine evangelikale Rockband im Bahnhof spielen hören, heute las ich in einer Zeitung über muslimische Konvertiten – und Sie behaupten, der Westen erlebe keine Rückkehr der Religion?

Olivier Roy: Ja, schauen Sie sich die Sta­tis­ti­ken in Europa und in den USA an: Sie belegen eine stetige Abnahme der religiösen Praxis.

Praxis?
Das Gebet, der Besuch der Kirche, der Moschee. Es gibt zwar eine Zunahme von Moscheen – aber nur, weil es vorher fast keine gab. Es gibt auch eine Abnahme des Einflusses der katholischen Kirche, der grossen protestantischen Kirchen Deutschlands sowie der Staatskirchen in Skandinavien. Und: Die Menschen wissen immer weniger über Religion. Ein Umfrageinstitut hat den Menschen in den USA verschiedene Fragen gestellt: Was ist die Dreifaltigkeit? Was ist die Kommu­nion? Die besten Antworten kamen von den Atheisten, die Gläubigen kennen die Religion nicht mehr – das beweist meine These.

Ihre These?
Der Säkularisierungsprozess, der im 18. Jahrhundert begann, hat sich im Westen durchgesetzt. Die Religion hat im Westen ihre gesellschaftliche Selbstverständlichkeit verloren, bis sie im alltäglichen Leben unwichtig wurde – abgesehen von ihren säkularisierten Formen wie dem heutigen Weihnachtsfest.

Und weshalb sprechen andere von einer Rückkehr?
Die Säkularisierung hat die Religionen isoliert und sie paradoxerweise sichtbarer gemacht: Auf der einen Seite hat unsere Kultur ihre religiösen Referenzen verloren, und andererseits konstruiert sich die Religion heute gegen diese Kultur. Da religiös sein keine Selbstverständlichkeit....

Mittwoch, Dezember 08, 2010

Samichlaus - Müslüm

Montag, Dezember 06, 2010

TAZ - Linke Lebenslügen

04.12.2010
Aus der Deutschland-taz
Linke Lebenslügen

Die drei dogmatischen Mythen der deutschen Linken in Sachen Einwanderung und Integration. VON NORBERT BOLZ

Nicht alle Probleme, die unser Land bewegen, sind heillos komplex. Manchmal würden schon ein wenig historische Bildung und gesunder Menschenverstand genügen, um sie zu lösen. Das zeigt sich vor allem in der Integrationsdebatte. Dass es hier keine Fortschritte gibt, liegt nicht an den Dummen und Ewig-Gestrigen, die man an den Stammtischen vermutet, sondern an den Linken. Das ist erstaunlich, denn Linke sind in der Regel intelligent und gebildet. Was ihr Denken blockiert, lässt sich aber sehr genau bestimmen. Es sind drei dogmatische Mythen, die wir hier kurz skizzieren wollen.

Erstens: der Mythos der Ausländerfeindlichkeit. Kranke Hirne unter Glatzen, Springerstiefel und Kampfhunde gibt es überall in der Welt. Aber diese Verrückten, für die wir in Deutschland aus historischen Gründen natürlich besonders sensibel sind, sollten doch nicht den Blick dafür trüben, dass wir in einem der ausländerfreundlichsten Länder leben. Das wahre Problem, das der Mythos von der Ausländerfeindlichkeit verschleiert, hat der türkische Ministerpräsident Erdogan im Februar auf eine prägnante Formel gebracht: "Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

So lange diese Anti-Assimilationspolitik gilt, gibt es das Integrationsproblem. Erdogan verkörpert ein Roll-back des heroischen Projekts von Kemal Atatürk, die Türkei....

Sonntag, November 28, 2010

Vom Weltbürger zum Wutbürger

Tages Anzeiger Online 27.11.2010
Vom Weltbürger zum Wutbürger
Von Guido Kalberer

Ein neuer Begriff macht die Runde: Der Wutbürger. Was hat es damit auf sich? Betrachtungen zur Stimmungslage der Bürger in unserer beschleunigten Gesellschaft.

Verbreitete sich in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts Optimismus und Zukunftsfreude, so prägt kollektive Wut und Empörung die gegenwärtige Stimmung. Vieles macht viele wütend: die hohen Löhne und Boni in einzelnen renditeträchtigen Branchen, die unterschiedliche Steuerbelastung in den Kantonen und die Ausländer, auch wenn sie nicht kriminell sind.

Wenn Wut zum Lebensstil wird

Es handelt sich um ein Amalgam von Negativreizen, die aus dem stolzen Bürger von einst einen nörgelnden Kleinbürger machen. Getrieben von der Angst, unbedeutender und weniger kaufkräftig zu werden, pflegt und kultiviert er seine Wut und seinen Zorn als neue Lebenshaltung.

Die Wut ist nicht das Problem, der Adressat hingegen schon. Das erkannte schon Aristoteles, als er schrieb: «Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Mass, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.» Da es das Schwere im Allgemeinen schwerer hat, sich durchzusetzen, hat die um sich greifende Wut weder ein klares Ziel noch eine klare Richtung. Der Wutbürger, diese jüngste Sprachschöpfung des «Spiegels», fühlt sich benachteiligt, übervorteilt und in die Enge getrieben von einer Macht, die nicht seine ist. Und er sieht sich als einen überflüssigen Bürger, mit dem der Staat nicht mehr rechnet. Wieso sollte er auch staatstragend sein, wenn der Staat ihn nicht mehr tragen will?

Früher war alles besser

Früher, so glaubt er, war alles besser; heute dagegen hat sich alles zu seinen Ungunsten verschoben. Da immer mehr immer wütender werden, ist die Versuchung gross, der wachsenden Schar der Neinsager beizutreten.Der Wutbürger, ob politisch links oder rechts stehend, glaubt sich mit seiner Meinung in der Mehrheit: Er ist wild entschlossen, aber....

Donnerstag, November 04, 2010

Hauseigentum formt Spiesser, die an Verlustangst leiden

Tages Anzeiger Online 02.11.2010
Hauseigentum formt Spiesser, die an Verlustangst leiden
Von Benedikt Loderer

Alle träumen vom Eigenheim. Doch mit einem Hüsli wird man nicht freier. Eine Polemik von Benedikt Loderer.

Ich schreibe hier über das Wichtigste überhaupt: über das Eigentum. Damit Sie es bequemer haben, wird mein Artikel von einem Gerüst von zehn starken Sätzen gestützt. Meilensteine und Verschnaufpausen im Lesefluss.

Die Hüslipest

Seit der Finanzkrise fühle ich mich glänzend bestätigt. Denn die Wahrheit meines ersten starken Satzes ist durch den Beinahezusammenbruch des internationalen Finanzsystems glänzend bestätigt worden: Das Hüsli ist die Krankheit des Landes. Das Einfamilienhaus steht hier stellvertretend für die auch vom Hauseigentümerverband vertretene Meinung, dass das Mehren der Zahl der Eigentümer die Schweiz verbessere. Je mehr Eigentümer, desto besser funktioniert der Staat, wie in Italien zum Beispiel, wo der Anteil der Eigentümer so viel höher ist als hierzulande.

Doch dachte ich als «petit Suisse» nur an mein eigenes Vaterland, an die Zersiedelung, die wie ein Geschwür das Land überzieht und mit der Hüslipest vergiftet, an die aufgeblasene Infrastruktur, die zu unterhalten uns immer schwerer fällt, an die externen Kosten, kurz, an den schweizerischen Zustand. Doch das war viel zu kurz gedacht.

Denn nicht das Schwyzerhüsli war die bedrohliche Krankheit, sondern sein amerikanisches Schwesterchen hatte die Schwindsucht. Viel ist darüber gestritten worden, wie die Banken dieses Desaster verursacht haben, wenig aber darüber, dass es sich hier um eine besondere Art der Eigentumsförderung gehandelt hat. Auch wer nicht kreditwürdig ist, hat ein Recht auf das Hüsli. Und schon sind wir am entscheidenden Punkt angelangt: Eigentumsförderung ist Ermunterung zum Leben auf Pump. Das ist bereits der zweite starke Satz, und er ist der wahre Kern der Subprime-Krise.

Ein Wellental der Zinskurve

Selbstverständlich ist in der Schweiz alles viel besser, weil wir solid sind. Betrachte ich allerdings die heutigen Zinssätze und das darin stillschweigend enthaltene Versprechen, sie blieben auch in Zukunft so tief, so wird mir unbehaglich zumute. Denn die Tiefzinsphase ist....

Samstag, Oktober 23, 2010

Ein «Grüzzi, grüzzi» verbitten wir uns

Tages Anzeiger Online 22.10.2010
Ein «Grüzzi, grüzzi» verbitten wir uns
Von Sandro Benini

Denkt eigentlich bei der Mundartdebatte, die Peter von Matt kürzlich mit seinem im «Tages-Anzeiger» erschienenen Artikel provoziert hat, auch jemand an die tragische Situation der hierzulande lebenden Deutschen? Wie immer sie sich nämlich durch das Minenfeld von Dialekt und Hochsprache bewegen: Es ist fast unvermeidlich, dass es irgendwann knallt.

Schrotflinte mit Ladehemmung

Die erste und naheliegendste Strategie besteht für Deutsche darin, Schriftdeutsch zu verwenden und dies auch vom Schweizer Gesprächspartner zu erwarten. Das ist insofern schlecht, als sie ihn sprachlich in die Defensive drängen – ohne böse Absicht zwar, aber sie tun es. Denn was Schnelligkeit, Geschliffenheit und Wortgewandtheit betrifft, steht den Deutschen in einer Hochdeutsch geführten Diskussion eine Artillerie zur Verfügung, während die Mehrheit der Schweizer an einer Schrotflinte mit Ladehemmung hantiert.

Trotzdem behauptet von Matt, des Schweizers Muttersprache sei «Deutsch in zwei Gestalten», nämlich Dialekt und Hochdeutsch. Falls er recht hat, umso schlimmer. Wer mit einer Französin Französisch oder einem Italiener Italienisch redet, muss sich nicht dafür schämen, sprachlich am kürzeren Hebel zu sitzen. Aber eine Gestalt der eigenen Muttersprache zu sprechen und dann – wie einem in Deutschland tätigen Schweizer Journalisten einst geschehen – ausgelacht zu werden, weil man sagt: «Ich mache noch schnell ein Telefon» – das ist bitter. Kommt hinzu, dass die Deutschen den Akzent eines Hochdeutsch sprechenden Schweizers...

Mittwoch, Oktober 20, 2010

Hors-sol-Kinder

23. August 2010, Neue Zürcher Zeitung
Hors-sol-Kinder
Der Strassenverkehr setzt den Kindern zu


Mit den zunehmenden Gefahren im Verkehr dürfen sich jüngere Kinder kaum noch unbegleitet auf der Strasse aufhalten. Die Folgen sind Übergewicht, weniger Sozialkompetenz und fehlende Kenntnis der Umwelt.

Marco Hüttenmoser

Beatrice kann unbegleitet im Freien spielen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts hat sie ein detailreiches, buntes Bild ihres Wohnumfeldes gemalt (siehe Abbildung). Die gleichaltrige Claire kann hingegen nicht allein ins Freie. Das Wohnumfeld in ihrer Zeichnung besteht aus einer grauen Fläche. Beim Malen beklagte sich Claire: «Vor dem Haus hat es eine Strasse und etwa 200 Meter entfernt einen Spielplatz, zu dem ich nicht allein gehen kann.» Insgesamt haben 173 Kinder der ersten Primarklassen der Stadt Basel ihr Wohnumfeld gezeichnet. Die Unterschiede zwischen den Zeichnungen von Kindern, die unbegleitet im Freien spielen können, und jenen von Kindern, die dies nicht können, sind frappant. Erstere zeichneten durchschnittlich 16 Objekte (Kinder, Spielgeräte, Pflanzen und Tiere), letztere noch deren 2. Auch die soziale Situation ist völlig verschieden: Erstere haben durchschnittlich 12 Spielkameraden, letztere 2.

Die Kinderzeichnungen offenbaren zwei völlig verschiedene Welten. Vertieft analysiert wurden diese in einer Intensivuntersuchung bei 20 Familien mit fünfjährigen Kindern der Stadt Zürich: Wer in einem Wohnumfeld aufwächst, das kein....

Sonntag, Oktober 17, 2010

Der Dialekt als Sprache des Herzens? Pardon, das ist Kitsch!

Tages Anzeiger Online 16.10.2010

Der Dialekt als Sprache des Herzens? Pardon, das ist Kitsch!
Von Peter von Matt.

Peter von Matt äussert sich über Dialektwahn und die gefährliche Abwertung des Hochdeutschen.


Alles, was in der deutschen Schweiz geschrieben und gelesen wird, ist Hochdeutsch oder Standardsprache. Standardsprache ist ein so hässliches Wort, dass man seinen Erfinder aus der Sprachgemeinschaft ausschliessen sollte; ich verwende es an dieser Stelle nur, um öffentlich zu erklären, dass ich es nie mehr verwenden werde. Auch wenn viele Leute ihre SMS im Dialekt schreiben oder in irgendeinem Mundartgewurstel, gilt die Regel: Geschrieben und gelesen wird in der deutschen Schweiz das Hochdeutsche mit seinen schweizerhochdeutschen Eigenheiten, also eben etwa den Spargeln, den Türfallen und den Unterbrüchen.

Nun hat sich aber in diesem Lande seit einiger Zeit der Wahn ausgebreitet, der Schweizer Dialekt sei die Muttersprache der Schweizer und das Hochdeutsche die erste Fremdsprache. Das ist Unsinn, führt aber zu einer chronischen Einschüchterung der Deutschen in der Schweiz, denen man unterstellt, dass sie «unsere Sprache» nicht beherrschten. In Wahrheit ist in der Schweiz der Dialekt nur für Analphabeten die ausschliessliche Muttersprache.

Denkschwach und sentimental

Unsere Muttersprache ist Deutsch in zwei Gestalten: Dialekt und Hochdeutsch, und zwar so selbstverständlich und von früher Kindheit an, wie das Fahrrad zwei Räder hat. Wir wachsen mit beiden Gestalten unserer Muttersprache auf, erfahren und erweitern unsere Welt in beiden Gestalten ein Leben lang, und unsere Autorinnen und Autoren schreiben, wenn sie etwas taugen, ein Hochdeutsch, das dem ....