Enjoy!
Artikel,Gedanken, Ideen, Links und Kommentare plus etwas Musik sowie ab und an etwas zum Schmunzeln, aber mit einer politischen bzw. geo-politischen Tendenz. Deutsch und Englisch. Kommentare und Artikel von Lesern sind willkommen!
Articles, thoughts, ideas and comments plus some music and the odd joke, though with a political and geo-political bent. German and English. Readers are invited to submit articles and comments!
Posts mit dem Label xmas werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label xmas werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Donnerstag, Dezember 29, 2011
Mittwoch, Dezember 23, 2009
Zu Weihnachten und für - aber nicht nur! - das neue Jahr!
So werden auch Sie zum guten Menschen
Von Theo Schilter. Aktualisiert am 21.12.2009
Moral und Ethik schaffen es zum Jahresende regelmässig in die Zeitungen. Am Alltag der Menschen ändert sich trotz einfacher Verhaltensregeln wenig.
Gemeingefährliche Fundamentalisten rechtfertigen ihr Tun ebenso mit Moral und Ethik wie bedauernswerte Sozialfälle. Despoten tun es und Dumpfbacken auch. Moral und Ethik sind wohlfeil und bergen gleichzeitig die Gefahr von Betrug und Selbstbetrug. Ideologen und religiöse Eiferer setzen die beiden öfter als Herrschaftsinstrumente ein denn als Mittel zur Befreiung. Beladen mit den «Du sollst»und «Du musst»-Vorgaben schleppen wir uns alle schwer über das Alltagspflaster, den Blick nach unten gerichtet statt nach vorn und zur Seite.
Man bekommt den Eindruck, dass Moral und Ethik im Alltag unter dem Strich von zweifelhaftem Nutzen sind und nicht allzu viel taugen. Umso....
So werden auch Sie zum guten Menschen
Von Theo Schilter. Aktualisiert am 21.12.2009
Moral und Ethik schaffen es zum Jahresende regelmässig in die Zeitungen. Am Alltag der Menschen ändert sich trotz einfacher Verhaltensregeln wenig.
Gemeingefährliche Fundamentalisten rechtfertigen ihr Tun ebenso mit Moral und Ethik wie bedauernswerte Sozialfälle. Despoten tun es und Dumpfbacken auch. Moral und Ethik sind wohlfeil und bergen gleichzeitig die Gefahr von Betrug und Selbstbetrug. Ideologen und religiöse Eiferer setzen die beiden öfter als Herrschaftsinstrumente ein denn als Mittel zur Befreiung. Beladen mit den «Du sollst»und «Du musst»-Vorgaben schleppen wir uns alle schwer über das Alltagspflaster, den Blick nach unten gerichtet statt nach vorn und zur Seite.
Man bekommt den Eindruck, dass Moral und Ethik im Alltag unter dem Strich von zweifelhaftem Nutzen sind und nicht allzu viel taugen. Umso erstaunlicher ist, dass es die Alternativen so schwer haben. Dabei gibt es Regeln, welche ihren viel grösseren Nutzen längst bewiesen haben und allseits auf Anhieb verstanden werden. Älter als das Christentum und der Islam, sind sie aus dem Alltag entstanden und haben sich darin unzählige Male bewährt. Diese Regeln sind weder religiös noch ideologisch; sie überbürden weder Schuld noch Scham und lassen die Verantwortung dort, wo sie hingehört: beim Menschen. Gemeint sind die vier Kardinaltugenden:
* Klugheit
*
* Gerechtigkeit
*
* Tapferkeit
*
* Mass halten
*
Wir wissen alle sofort, was gemeint ist. Debatten über Definitionen, Umfang und Interpretationen erübrigen sich weitgehend, Ideologien verpuffen. Die Vier sind das Destillat des riesigen Erfahrungsschatzes der Menschheit, gemeinsamer Nenner von Religionen und Kulturen. Den Praxistest haben sie schon längst bestanden.
Als eine Art Taschenmesser mit vier Werkzeugen kann man damit jederzeit und überall Entscheidungen prüfen. Menschen und Gesellschaften, welche die vier Tugenden beachten, vermeiden vorhersehbare Fehler. Sie verhindern Streit, Verschwendung und Selbstmitleid. Aus Erfahrung, nicht aus Glauben.
Ist das wieder so ein leeres Heilsversprechen? Machen wir das Exempel: Praktisch alle grossen Probleme der Gesellschaften gehen auf die Verletzung mindestens einer der vier Tugenden zurück:
* Armut und Hunger? Schreiende Ungerechtigkeit.
*
* Finanzkrise, Klimaerwärmung? Nicht Mass gehalten.
*
* Swissair, UBS? Dummheit und masslose Gier.
*
* Verzogene Jugend? Mangel an Tapferkeit (der Eltern).
Setzen Sie zum Test weitere Beispiele auf die Liste. Klopfen Sie Ihre privaten Fehler und die gesellschaftlichen Probleme mit den vier Tugenden ab. Die Resultate sind lehrreich.
Mitleid statt Wut
Erstaunlicherweise lösen die vier Kardinaltugenden auch den Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft: Wer sie beachtet, hilft beiden; wer sie verletzt, schädigt sich selbst mehr, als er sich nützt. Das ist kein Wunschdenken, sondern nachweislich: Scharenweise werden Abzocker depressiv, Egoisten einsam, Bequemlinge krank, Jammerer langweilig. Misst man diese Leute an den Tugenden, kommen nicht mehr Wut und Neid auf, sondern Mitleid, schlimmstenfalls Schadenfreude.
Scheinbar sind die vier Kardinaltugenden zu banal und zu praktisch, als dass die Medien sie aufgreifen würden. Aber bekanntlich sind die wirklich guten Dinge immer schlicht und einfach. Und nachdem man sich einige Zeit bemüht hat, sie zu beachten, entfalten sie ihre Vorzüge: Sie befreien von drückenden Vorhaltungen der Religionen und Weltanschauungen und bringen ein unbeschwertes Leben in eigener, überschaubarer Verantwortung. Entscheiden Sie locker aus dem Bauch heraus und machen Sie dann rasch den Vier-Punkte-Check: Wenn ich das jetzt so mache, wie ich möchte, ist das sowohl klug, gerecht und tapfer wie auch massvoll? Falls nicht, fällt es Ihnen meist nicht schwer, es bleiben zu lassen – oder Sie machen den Fehler zumindest kalkuliert.
Ist Ihnen das Ganze zu nüchtern, zu wenig emotional? Riecht das nach Atheismus? Sie werden entdecken, dass die vier Kardinaltugenden zusammen das ergeben, was auch das grösste Anliegen der Religionen ist: die Liebe zu den Menschen und der Welt. Und dass deren Tiefsinn und Weisheit schon Bibliotheken füllen.
Fast so bedeutend wie das, was auf der kurzen Tugendliste steht, ist das, was nicht drauf ist. Viele Anforderungen, die auf uns einprasseln und uns unter Dauerstress setzen, können wir getrost vergessen. Sind Sie feige? Oder schüchtern, ängstlich, humorlos, launisch und was der schlechten Eigenschaften noch sind? Das ist alles nicht so wichtig. Lassen Sie das erleichtert beiseite und konzentrieren Sie ihre Energie auf die Vier, auf die es wirklich ankommt.
Wie können Sie 2010 die vier Tugenden besser beachten? Auf dieselbe Art, wie Sie das Einmaleins gelernt haben: Mit täglichem Üben und täglichen Fehlern im Kleinen wie im Grossen. Sie können nur gewinnen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kardinaltugend#
Von Theo Schilter. Aktualisiert am 21.12.2009
Moral und Ethik schaffen es zum Jahresende regelmässig in die Zeitungen. Am Alltag der Menschen ändert sich trotz einfacher Verhaltensregeln wenig.
Gemeingefährliche Fundamentalisten rechtfertigen ihr Tun ebenso mit Moral und Ethik wie bedauernswerte Sozialfälle. Despoten tun es und Dumpfbacken auch. Moral und Ethik sind wohlfeil und bergen gleichzeitig die Gefahr von Betrug und Selbstbetrug. Ideologen und religiöse Eiferer setzen die beiden öfter als Herrschaftsinstrumente ein denn als Mittel zur Befreiung. Beladen mit den «Du sollst»und «Du musst»-Vorgaben schleppen wir uns alle schwer über das Alltagspflaster, den Blick nach unten gerichtet statt nach vorn und zur Seite.
Man bekommt den Eindruck, dass Moral und Ethik im Alltag unter dem Strich von zweifelhaftem Nutzen sind und nicht allzu viel taugen. Umso....
So werden auch Sie zum guten Menschen
Von Theo Schilter. Aktualisiert am 21.12.2009
Moral und Ethik schaffen es zum Jahresende regelmässig in die Zeitungen. Am Alltag der Menschen ändert sich trotz einfacher Verhaltensregeln wenig.
Gemeingefährliche Fundamentalisten rechtfertigen ihr Tun ebenso mit Moral und Ethik wie bedauernswerte Sozialfälle. Despoten tun es und Dumpfbacken auch. Moral und Ethik sind wohlfeil und bergen gleichzeitig die Gefahr von Betrug und Selbstbetrug. Ideologen und religiöse Eiferer setzen die beiden öfter als Herrschaftsinstrumente ein denn als Mittel zur Befreiung. Beladen mit den «Du sollst»und «Du musst»-Vorgaben schleppen wir uns alle schwer über das Alltagspflaster, den Blick nach unten gerichtet statt nach vorn und zur Seite.
Man bekommt den Eindruck, dass Moral und Ethik im Alltag unter dem Strich von zweifelhaftem Nutzen sind und nicht allzu viel taugen. Umso erstaunlicher ist, dass es die Alternativen so schwer haben. Dabei gibt es Regeln, welche ihren viel grösseren Nutzen längst bewiesen haben und allseits auf Anhieb verstanden werden. Älter als das Christentum und der Islam, sind sie aus dem Alltag entstanden und haben sich darin unzählige Male bewährt. Diese Regeln sind weder religiös noch ideologisch; sie überbürden weder Schuld noch Scham und lassen die Verantwortung dort, wo sie hingehört: beim Menschen. Gemeint sind die vier Kardinaltugenden:
* Klugheit
*
* Gerechtigkeit
*
* Tapferkeit
*
* Mass halten
*
Wir wissen alle sofort, was gemeint ist. Debatten über Definitionen, Umfang und Interpretationen erübrigen sich weitgehend, Ideologien verpuffen. Die Vier sind das Destillat des riesigen Erfahrungsschatzes der Menschheit, gemeinsamer Nenner von Religionen und Kulturen. Den Praxistest haben sie schon längst bestanden.
Als eine Art Taschenmesser mit vier Werkzeugen kann man damit jederzeit und überall Entscheidungen prüfen. Menschen und Gesellschaften, welche die vier Tugenden beachten, vermeiden vorhersehbare Fehler. Sie verhindern Streit, Verschwendung und Selbstmitleid. Aus Erfahrung, nicht aus Glauben.
Ist das wieder so ein leeres Heilsversprechen? Machen wir das Exempel: Praktisch alle grossen Probleme der Gesellschaften gehen auf die Verletzung mindestens einer der vier Tugenden zurück:
* Armut und Hunger? Schreiende Ungerechtigkeit.
*
* Finanzkrise, Klimaerwärmung? Nicht Mass gehalten.
*
* Swissair, UBS? Dummheit und masslose Gier.
*
* Verzogene Jugend? Mangel an Tapferkeit (der Eltern).
Setzen Sie zum Test weitere Beispiele auf die Liste. Klopfen Sie Ihre privaten Fehler und die gesellschaftlichen Probleme mit den vier Tugenden ab. Die Resultate sind lehrreich.
Mitleid statt Wut
Erstaunlicherweise lösen die vier Kardinaltugenden auch den Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft: Wer sie beachtet, hilft beiden; wer sie verletzt, schädigt sich selbst mehr, als er sich nützt. Das ist kein Wunschdenken, sondern nachweislich: Scharenweise werden Abzocker depressiv, Egoisten einsam, Bequemlinge krank, Jammerer langweilig. Misst man diese Leute an den Tugenden, kommen nicht mehr Wut und Neid auf, sondern Mitleid, schlimmstenfalls Schadenfreude.
Scheinbar sind die vier Kardinaltugenden zu banal und zu praktisch, als dass die Medien sie aufgreifen würden. Aber bekanntlich sind die wirklich guten Dinge immer schlicht und einfach. Und nachdem man sich einige Zeit bemüht hat, sie zu beachten, entfalten sie ihre Vorzüge: Sie befreien von drückenden Vorhaltungen der Religionen und Weltanschauungen und bringen ein unbeschwertes Leben in eigener, überschaubarer Verantwortung. Entscheiden Sie locker aus dem Bauch heraus und machen Sie dann rasch den Vier-Punkte-Check: Wenn ich das jetzt so mache, wie ich möchte, ist das sowohl klug, gerecht und tapfer wie auch massvoll? Falls nicht, fällt es Ihnen meist nicht schwer, es bleiben zu lassen – oder Sie machen den Fehler zumindest kalkuliert.
Ist Ihnen das Ganze zu nüchtern, zu wenig emotional? Riecht das nach Atheismus? Sie werden entdecken, dass die vier Kardinaltugenden zusammen das ergeben, was auch das grösste Anliegen der Religionen ist: die Liebe zu den Menschen und der Welt. Und dass deren Tiefsinn und Weisheit schon Bibliotheken füllen.
Fast so bedeutend wie das, was auf der kurzen Tugendliste steht, ist das, was nicht drauf ist. Viele Anforderungen, die auf uns einprasseln und uns unter Dauerstress setzen, können wir getrost vergessen. Sind Sie feige? Oder schüchtern, ängstlich, humorlos, launisch und was der schlechten Eigenschaften noch sind? Das ist alles nicht so wichtig. Lassen Sie das erleichtert beiseite und konzentrieren Sie ihre Energie auf die Vier, auf die es wirklich ankommt.
Wie können Sie 2010 die vier Tugenden besser beachten? Auf dieselbe Art, wie Sie das Einmaleins gelernt haben: Mit täglichem Üben und täglichen Fehlern im Kleinen wie im Grossen. Sie können nur gewinnen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kardinaltugend#
Freitag, Dezember 26, 2008
Tages-Anzeiger.ch : Die Moral ist den Wirtschaftsführern egal
Tages-Anzeiger.ch 24.12.2008
Die Moral ist den Wirtschaftsführern egal
Jetzt haben wir die Bescherung: Konjunktureinbruch, Arbeitslosigkeit, dahinschmelzende Altersvorsorge. Nein, Weihnachten ist nicht nur das Fest der süssen Engelein. Ein Kommentar von «Tages-Anzeiger»-Redaktor Bruno Schletti.
«Alles schon dagewesen», sagt der Esel im Stall.
«So?», fragt der Ochse.
«Harte Arbeit, kärgliche Nahrung und kaum Stroh auf dem nackten Boden. Und nebenan verteilen die Weisen aus dem Morgenland Boni im grossen Stil. Gold, Weihrauch, Myrrhe - es kann nicht genug kosten.»
«Und wir gehen leer aus», pflichtet der Ochse bei. «Wir sind doch immer die Esel.»
Tages-Anzeiger.ch 24.12.2008
Die Moral ist den Wirtschaftsführern egal
Jetzt haben wir die Bescherung: Konjunktureinbruch, Arbeitslosigkeit, dahinschmelzende Altersvorsorge. Nein, Weihnachten ist nicht nur das Fest der süssen Engelein. Ein Kommentar von «Tages-Anzeiger»-Redaktor Bruno Schletti.
«Alles schon dagewesen», sagt der Esel im Stall.
«So?», fragt der Ochse.
«Harte Arbeit, kärgliche Nahrung und kaum Stroh auf dem nackten Boden. Und nebenan verteilen die Weisen aus dem Morgenland Boni im grossen Stil. Gold, Weihrauch, Myrrhe - es kann nicht genug kosten.»
«Und wir gehen leer aus», pflichtet der Ochse bei. «Wir sind doch immer die Esel.»
Boni? Nichts Neues unter der Sonne. Wo also ist das Problem? Die Herrschaften mögen nicht über Moral reden. Alles nur Neid, Emotionen, Populismus, belehren uns die Kritisierten. Und der emeritierte Wirtschaftsprofessor Hans Geiger fragte unlängst in dieser Zeitung: «Ist Moral eine Frage der Einkommenshöhe?»
Nein, ist es nicht. Die Antwort ist klar, die Frage auch nur rhetorisch gestellt. Denn ein paar Zeilen zuvor schon gab Geiger die Antwort: «Ist es nicht gut, wenn man viel verdient? Wem es gutgeht, der kann auch Gutes tun, kann Steuern bezahlen, Kunst fördern, trägt mit seinen Ausgaben zur Wirtschaftsbelebung bei.» Die Gedankenfolge erinnert fatal an den moralischen Ansatz Robin Hoods: Klauen ist erlaubt, sofern man die Armen am Diebesgut teilhaben lässt. Der Zweck heiligt die Mittel.
Moral verkommt zur alten Mode
Doch, wir stellen die Frage nach der Moral. Obwohl sie nicht zeitgemäss scheint. «Heute», klagt Alice Schwarzer, «gilt man ja geradezu als altmodisch, wenn man eine Moral hat.» Unsere Gesellschaft hat sogar sie - die Moral - privatisiert. Und so ist sie einigen abhanden gekommen, wie Hans-Georg Kaiser in Versform zu berichten weiss:
Ochsen sind, das muss man wissen,
nicht verbildet, nicht gerissen.
Und die höhere Moral
ist den Ochsen auch egal.
Aus moralischer Sicht muss es eigentlich niemanden kümmern, wer welch hohe Boni ins Trockene scheffelt. Ob die gestrauchelten Banker mit mehr oder weniger Millionen unglücklich sind, ist einerlei. Denn machen wir uns nichts vor: Sie leiden an denselben Gebresten wie alle andern - im besseren Fall an Hämorrhoiden, im schlechteren an Depressionen.
Nicht die Boni sind das Problem. An ihnen lässt sich aber trefflich beobachten, wo das moralische Defizit eines Teils der Wirtschaftsführer verwurzelt ist: im Unvermögen, politisch denken zu können. Als vor Jahren die Kritik an den überzogenen Entschädigungen einsetzte, versuchten sich die Angesprochenen zunächst zu erklären und die Bezüge zu rechtfertigen. Als die Argumente nicht verfingen, gingen sie zum Gegenangriff über und bezichtigten ihre Kritiker des Neides. Als auch dies die Debatte nicht zum Verstummen brachte, gingen die Grossverdiener auf Tauchstation. Motto: kassieren und abwarten, bis die Angriffe verpuffen.
Nicht im Sinne des Gemeinwohls
Die Rechnung ging nicht auf. Im Gegenteil, die Kritik nahm an Schärfe zu und erfasste immer breitere Kreise. Nicht nur diese Debatte schätzte die Bonusklasse falsch ein. Ob Umgang mit den Holocaust-Opfern, ob Steuerfluchthilfe in den USA, ob artifizielle Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug - Mal für Mal schätzen Banker politische Entwicklungen falsch ein.
Nicht politisch denken heisst im Grunde genommen nichts anderes, als nicht im Sinne der Polis, nicht im Sinne des Gemeinwohls zu denken und zu handeln. Das ist das moralisch Verwerfliche an dem, was uns ein Teil der Wirtschaftselite vorlebt.
Übrigens: Vergessen Sie Esel und Ochse. Die beiden sind reine Fiktion. Lesen Sie, wenn Sie es nicht glauben, die Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium.
Aber halt, vielleicht hat uns der Evangelist einfach etwas Wichtiges unterschlagen. Da ging doch - erzählt die Fabel - ein mit Salz beladener Esel den Bach entlang. Er stolperte und fiel ins Wasser. Er rappelte sich wieder auf und stellte überrascht fest, dass seine Last viel leichter geworden war. Ein Teil des Salzes hatte sich im Wasser aufgelöst. Am nächsten Tag kam er mit Schwämmen beladen des Weges. Dieses Mal liess er sich - gewieft durch die Erfahrung - absichtlich ins Wasser fallen. Statt sich aufzulösen, sogen sich die Schwämme aber mit Wasser voll. Die Last wurde so schwer, dass der Esel nicht mehr aufstehen konnte und schliesslich jämmerlich ertrank.
Und die Moral der Geschichte: Es mag auf dieser Welt an Moral fehlen. An Eseln und Ochsen mangelt es nicht.
Die Moral ist den Wirtschaftsführern egal
Jetzt haben wir die Bescherung: Konjunktureinbruch, Arbeitslosigkeit, dahinschmelzende Altersvorsorge. Nein, Weihnachten ist nicht nur das Fest der süssen Engelein. Ein Kommentar von «Tages-Anzeiger»-Redaktor Bruno Schletti.
«Alles schon dagewesen», sagt der Esel im Stall.
«So?», fragt der Ochse.
«Harte Arbeit, kärgliche Nahrung und kaum Stroh auf dem nackten Boden. Und nebenan verteilen die Weisen aus dem Morgenland Boni im grossen Stil. Gold, Weihrauch, Myrrhe - es kann nicht genug kosten.»
«Und wir gehen leer aus», pflichtet der Ochse bei. «Wir sind doch immer die Esel.»
Tages-Anzeiger.ch 24.12.2008
Die Moral ist den Wirtschaftsführern egal
Jetzt haben wir die Bescherung: Konjunktureinbruch, Arbeitslosigkeit, dahinschmelzende Altersvorsorge. Nein, Weihnachten ist nicht nur das Fest der süssen Engelein. Ein Kommentar von «Tages-Anzeiger»-Redaktor Bruno Schletti.
«Alles schon dagewesen», sagt der Esel im Stall.
«So?», fragt der Ochse.
«Harte Arbeit, kärgliche Nahrung und kaum Stroh auf dem nackten Boden. Und nebenan verteilen die Weisen aus dem Morgenland Boni im grossen Stil. Gold, Weihrauch, Myrrhe - es kann nicht genug kosten.»
«Und wir gehen leer aus», pflichtet der Ochse bei. «Wir sind doch immer die Esel.»
Boni? Nichts Neues unter der Sonne. Wo also ist das Problem? Die Herrschaften mögen nicht über Moral reden. Alles nur Neid, Emotionen, Populismus, belehren uns die Kritisierten. Und der emeritierte Wirtschaftsprofessor Hans Geiger fragte unlängst in dieser Zeitung: «Ist Moral eine Frage der Einkommenshöhe?»
Nein, ist es nicht. Die Antwort ist klar, die Frage auch nur rhetorisch gestellt. Denn ein paar Zeilen zuvor schon gab Geiger die Antwort: «Ist es nicht gut, wenn man viel verdient? Wem es gutgeht, der kann auch Gutes tun, kann Steuern bezahlen, Kunst fördern, trägt mit seinen Ausgaben zur Wirtschaftsbelebung bei.» Die Gedankenfolge erinnert fatal an den moralischen Ansatz Robin Hoods: Klauen ist erlaubt, sofern man die Armen am Diebesgut teilhaben lässt. Der Zweck heiligt die Mittel.
Moral verkommt zur alten Mode
Doch, wir stellen die Frage nach der Moral. Obwohl sie nicht zeitgemäss scheint. «Heute», klagt Alice Schwarzer, «gilt man ja geradezu als altmodisch, wenn man eine Moral hat.» Unsere Gesellschaft hat sogar sie - die Moral - privatisiert. Und so ist sie einigen abhanden gekommen, wie Hans-Georg Kaiser in Versform zu berichten weiss:
Ochsen sind, das muss man wissen,
nicht verbildet, nicht gerissen.
Und die höhere Moral
ist den Ochsen auch egal.
Aus moralischer Sicht muss es eigentlich niemanden kümmern, wer welch hohe Boni ins Trockene scheffelt. Ob die gestrauchelten Banker mit mehr oder weniger Millionen unglücklich sind, ist einerlei. Denn machen wir uns nichts vor: Sie leiden an denselben Gebresten wie alle andern - im besseren Fall an Hämorrhoiden, im schlechteren an Depressionen.
Nicht die Boni sind das Problem. An ihnen lässt sich aber trefflich beobachten, wo das moralische Defizit eines Teils der Wirtschaftsführer verwurzelt ist: im Unvermögen, politisch denken zu können. Als vor Jahren die Kritik an den überzogenen Entschädigungen einsetzte, versuchten sich die Angesprochenen zunächst zu erklären und die Bezüge zu rechtfertigen. Als die Argumente nicht verfingen, gingen sie zum Gegenangriff über und bezichtigten ihre Kritiker des Neides. Als auch dies die Debatte nicht zum Verstummen brachte, gingen die Grossverdiener auf Tauchstation. Motto: kassieren und abwarten, bis die Angriffe verpuffen.
Nicht im Sinne des Gemeinwohls
Die Rechnung ging nicht auf. Im Gegenteil, die Kritik nahm an Schärfe zu und erfasste immer breitere Kreise. Nicht nur diese Debatte schätzte die Bonusklasse falsch ein. Ob Umgang mit den Holocaust-Opfern, ob Steuerfluchthilfe in den USA, ob artifizielle Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug - Mal für Mal schätzen Banker politische Entwicklungen falsch ein.
Nicht politisch denken heisst im Grunde genommen nichts anderes, als nicht im Sinne der Polis, nicht im Sinne des Gemeinwohls zu denken und zu handeln. Das ist das moralisch Verwerfliche an dem, was uns ein Teil der Wirtschaftselite vorlebt.
Übrigens: Vergessen Sie Esel und Ochse. Die beiden sind reine Fiktion. Lesen Sie, wenn Sie es nicht glauben, die Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium.
Aber halt, vielleicht hat uns der Evangelist einfach etwas Wichtiges unterschlagen. Da ging doch - erzählt die Fabel - ein mit Salz beladener Esel den Bach entlang. Er stolperte und fiel ins Wasser. Er rappelte sich wieder auf und stellte überrascht fest, dass seine Last viel leichter geworden war. Ein Teil des Salzes hatte sich im Wasser aufgelöst. Am nächsten Tag kam er mit Schwämmen beladen des Weges. Dieses Mal liess er sich - gewieft durch die Erfahrung - absichtlich ins Wasser fallen. Statt sich aufzulösen, sogen sich die Schwämme aber mit Wasser voll. Die Last wurde so schwer, dass der Esel nicht mehr aufstehen konnte und schliesslich jämmerlich ertrank.
Und die Moral der Geschichte: Es mag auf dieser Welt an Moral fehlen. An Eseln und Ochsen mangelt es nicht.
Sonntag, Januar 06, 2008
Freitag, Dezember 29, 2006
Sonntag, Dezember 24, 2006
Samstag, Dezember 23, 2006
xmas special: Vielleicht ginge es ja doch - wenn sie nur wollten, die Religiösen.
....aber es dauert bei denen halt immer Jahrhunderte. Trotzdem, ein Anfang:
23. Dezember 2006, Neue Zürcher Zeitung
Buddha, Jesus, Mohammed & Co. unter einem Dach
Ein Haus der Religionen - von der Vision zum Vorzeigeobjekt
Einmal mehr geht von Bethlehem eine Idee aus, die immer mehr Leute in ihren Bann zieht. Diesmal ist es allerdings nicht das palästinensische Bethlehem, sondern der gleichnamige Stadtteil von Bern, der bis in die höchsten politischen Kreise der Bundesstadt Furore macht. Lange bevor der sogenannte Kampf der Kulturen den Stammtisch eroberte, wurde im Westen Berns eine Vision entwickelt, die sich schon bald in einem sichtbaren Vorzeigeobjekt mit internationaler Ausstrahlung konkretisieren könnte. Daran glauben immerhin der Berner Stadtpräsident, die Regierung, die Regierungsstatthalterin, das Berner Stadtparlament, ein renommiertes Architekturbüro und auch die Bundeskanzlerin der Eidgenossenschaft, um nur ein paar der bekanntesten Aushängeschilder des Projekts zu nennen. Konkret geht es um ein Haus der Religionen, in dem Muslime, Buddhisten, Hindus, Juden, Christen und andere mehr ihre eigenen Gebetsräume hätten und nebeneinander ihren religiösen Verpflichtungen nachkommen könnten, sich zudem in Konferenz- und Aufenthaltsräumen zum interkulturellen Dialog begegnen und nicht zuletzt auch gemeinsam feiern würden.
Prophetische Initianten
Das Projekt scheint sich perfekt in die heutige Zeit zu fügen und könnte als Antwort auf die gegenwärtige Diskussion um den Bau von Minaretten und Tempeln interpretiert werden. Insofern sind jenen Leuten quasi prophetische Eigenschaften zu attestieren, die vor gut sechs Jahren die Idee aufgenommen und trotz finanziellen Schwierigkeiten weiterverfolgt und schliesslich zu breiter Akzeptanz gebracht haben. Als Promotor der ersten Stunde wirkte der «Runde Tisch der Religionen», der 1993 in Bern gegründet wurde und nicht nur für die Schweiz einmalig ist. Vertreter der reformierten und der katholischen Kirche, der islamischen Gemeinschaften, der jüdischen Gemeinde, der Hindus (vor allem tamilischen Ursprungs) und der buddhistischen Gruppen treffen sich seither regelmässig - nicht zu hochgestochenen theologischen Diskussionen, sondern zur Lösung konkreter Probleme in den Schulen oder bei der Anwendung religiöser Speisevorschriften in Spitälern und Gefängnissen. Am «Runden Tisch der Religionen» wurde auch eine pragmatische Lösung für ein separates Grabfeld für Muslime gefunden, ein Modell, das andere Städte inzwischen kopiert haben. Das Vertrauensverhältnis unter den Teilnehmern des «Runden Tisches» ist so gross, dass der Vertreter der Muslime einmal sagte, die islamischen Anliegen in Bern würden am besten durch die christlichen Kirchen und den Rabbiner vertreten.
Die Idee eines Hauses der Religionen stammt ursprünglich von einem, der sich selber als «spärlichen Kirchgänger» bezeichnet. Christian Jaquet, früherer Studienleiter an der Berner Fachhochschule für Gestaltung, Kunst und Konservierung, verfasste 1998 im Auftrag des Stadtplanungsamts Bern eine Imagestudie zum Stadtteil Bümpliz- Bethlehem und verliebte sich ein bisschen in das Randquartier mit nicht gerade bestem Ruf. Er beschrieb Bern West mit den Hochhäusern und Arbeitersiedlungen als Stück Schweiz, das noch nicht fertig gestaltet sei und deshalb noch Neues ermögliche. Konkret regte er den Bau eines Hauses der Kulturen und Religionen an, wofür die Bundesstadt und namentlich Bethlehem der prädestinierte Standort wäre. Er nannte auch ein mögliches Terrain für den Bau, nämlich das brachliegende stadteigene Land zwischen Bahngleisen und Autobahn, das schon von seinem Namen her zu Höherem bestimmt scheint; es heisst Europaplatz.
Vom Hinterzimmer ins Schaufenster
Der «Runde Tisch der Religionen» nahm die Idee auf und setzte eine Arbeitsgruppe zur Weiterverfolgung des Projekts ein. Die Fäden zog Hartmut Haas von der Herrnhuter Brüdergemeine, einer der Ökumene verpflichteten Gruppe innerhalb der traditionellen Kirchen. Diese hatte eine hauptamtliche Stelle für multikulturelle und interreligiöse Arbeit in Bern West geschaffen und leistete damit einen wesentlichen Beitrag auf dem Weg von der Vision zum konkreten Projekt. Aus der Arbeitsgruppe wurde ein Verein «Haus der Religionen - Dialog der Kulturen», dem ein halbes Dutzend Religionen, gut zwanzig Institutionen sowie ein paar hundert zahlende Mitglieder angehören. Unterstützt wird das Projekt zudem von einem rund 1500 Personen zählenden Freundeskreis. Für das Projekt liess sich schliesslich auch der Architekt Marco Ryter vom Büro Bauart begeistern. Zusammen mit dem Architekturbüro Urbanoffice aus Amsterdam/Zürich und dem Projektleiter Stefan Graf von Bauart erstellte er - notabene auf eigene Kosten - die Pläne für den Neubau am Europaplatz. Auf Antrag der Stadtregierung genehmigte das Stadtparlament die Abgabe des entsprechenden Terrains zu Vorzugsbedingungen, im März dieses Jahres wurde eine Stiftung «Europaplatz - Haus der Religionen» gegründet, die die erforderlichen finanziellen Mittel für das Vorhaben aufbringen soll, und für Anfang 2007 wird mit der Baubewilligung gerechnet.
Innerhalb der letzten zwei Jahre hat das Projekt einen rasanten Weg zurückgelegt: von der Vision in die Realisierungsphase, vom Pfarrhaus ins Regierungsgebäude und vom Kirchenblatt in die Zeitschrift «Geo», die dem inzwischen auf internationale Beachtung stossenden Vorhaben einen längeren Artikel widmete. Interessanterweise haben sich Persönlichkeiten für das Projekt begeistern lassen, die mit Religion nicht viel am Hut haben. Zum Beispiel der Architekt Marco Ryter. Er hat eben den Lehrgang «Moderation und Mediation im interkulturellen und interreligiösen Dialog» abgeschlossen, den die Berner Fachhochschule zusammen mit dem Verein «Haus der Religionen - Dialog der Kulturen» anbietet. Im tabufreien Gespräch zwischen Menschen, die ein Dutzend Nationalitäten und ein halbes Dutzend Religionen repräsentierten, kam es zu Begegnungen, die er sich zuvor nie hätte vorstellen können. Etwa mit dem somalischstämmigen Imam von Bern, den er inzwischen als einen seiner liebsten Freunde bezeichnet und mit dem er sich auch beim Kochen bestens versteht.
Zwischen Stade de Suisse und New York
Auch Christoph Reichenau, der frühere Vizedirektor des Bundesamts für Kultur und heutige Leiter der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern, ist ein überzeugter Anhänger des Projekts und sagt klipp und klar: «Die Stadt will dieses Haus.» Das Haus der Religionen ist offizieller Bestandteil der Kulturförderungsstrategie, und im Budget fürs Jahr 2008 ist bereits ein namhafter Beitrag an den Betrieb vorgesehen. Reichenau, obwohl selber nicht religiös, hat keine Berührungsängste. Für ihn ist die Pflege religiöser Riten und Bräuche ein eminenter Bestandteil der Kultur; zentrale Künste seien schliesslich aus dem Glauben entstanden. Er hebt sich mit dieser Offenheit wohltuend von den momentan hoch im Kurs stehenden staatlichen Integrationsstellen ab, die keine religiösen Projekte finanzieren, obwohl die Kirchen wesentliche Schnittstellen der Ausländerintegration sind. Lieber unterstützt man beispielsweise ein «Ethnopoly» - ein blauäugiges Spiel zwischen verschiedenen Rassen. Immerhin hat der Verein «Haus der Religionen - Dialog der Kulturen» mit dem zweiten Teil seines Namens diese strikte Barriere geknackt, wenn nicht pekuniär, so doch zumindest ideell: Er wurde mit dem Integrationspreis der Stadt Bern ausgezeichnet.
Wie Christoph Reichenau gehört auch Regierungsstatthalterin Regula Mader dem Stiftungsrat «Europaplatz - Haus der Religionen» an. Als Staatsvertreterin liegt ihr an einem partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Kirche und Staat, in dem sowohl Kritik wie auch offene Auseinandersetzung Platz haben. Sie sieht das Projekt «Haus der Religionen» als einen Markstein auf dem Weg zu einer friedlichen Gesellschaft. Präsidiert wird die Stiftung, deren wichtigste Aufgabe es ist, den Bau finanziell sicherzustellen, von Guido Albisetti, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Von Graffenried Holding AG. Er glaubt sowohl an das Projekt wie an den Standort, den er wegen der optimalen Anbindung an Autobahn und öffentlichen Verkehr als genial bezeichnet. Einen Erfolg kann die Stiftung bereits verbuchen: Zuwendungen werden als steuerfrei anerkannt. Neben privaten Mäzenen und Legaten sind auch Beiträge aus dem kantonalen Lotteriefonds sowie aus den Prägegewinnen des Bundes denkbar.
Für den auf insgesamt 60 Millionen Franken veranschlagten Bau ist eine sogenannte Mantelnutzung, ähnlich wie bei den neuen Stadien, vorgesehen. Die Stiftung würde mit rund 6 Millionen Franken Stockwerkeigentümer jenes Gebäudeteils, der als eigentliches Haus der Religionen dienen soll. Laut dem Architekten Marco Ryter sind Investoren bereits in den Startlöchern. So soll beispielsweise die Accor-Gruppe daran interessiert sein, einen Teil des Neubaus als sogenanntes Suite-Hotel zu nutzen für Personen, die sich beruflich mehr als nur gerade eine Nacht in Bern aufhalten. Die Hotelgruppe hat ihr Interesse untermauert, indem sie die Anpassung des Vorprojekts an ihre Bedürfnisse finanzierte. Ein weiterer Partner ist im Bereich betreutes Wohnen in Sicht. Es ginge nicht nur um Betagte, sondern beispielsweise um Wohnungen für Botschaftsangestellte, denen gewisse Dienstleistungen offeriert würden, unter anderem ein Sicherheitsdienst rund um die Uhr. Der ästhetische «Unort» im Fadenkreuz von Autobahn und Bahngleisen, wo immerhin bereits das monumentale Verwaltungsgebäude der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) steht, könnte in den obersten Gefilden mit Sicht auf die Stadt auch für die urbane Generation 50 plus interessant sein, meint der Architekt: ein Wohnfeeling sozusagen wie in New York, und statt im eigenen Gastzimmer würde man Freunde im hauseigenen Hotel unterbringen.
Der Weg ist ein bisschen das Ziel
Während die Politiker das Haus der Religionen bereits als neuen Anziehungspunkt der Bundesstadt sehen, stösst man bei den Initianten der ersten Stunde auf fast überirdische Gelassenheit. Obwohl die Baubewilligung noch aussteht, gibt es für sie das Haus der Religionen bereits als «work in progress». Die Nutzungsvereinbarungen mit den interessierten Religionsgemeinschaften sind unter Dach, und seit vier Monaten leben die verschiedenen Religionen in einer dem Abbruch geweihten Fabrikationshalle mitten in Bern bereits das Haus der Zukunft. Muslime, die sich sonst in einer früheren Autoeinstellhalle zum Gebet versammeln, Hindus, die ihren Tempel unter den Türmen der Kehrichtverbrennungsanlage verstecken mussten, Buddhisten, die in einer ausgedienten Garage meditieren, nisten sich nach und nach in der riesigen Halle ein, die die Stadt dem Verein zur Nutzung überlassen hat, bis das visionäre Haus der Religionen tatsächlich verwirklicht ist. Für Vereinspräsident Hartmut Haas geht es darum, Raum zu schaffen, damit ein vernünftiges Gespräch zwischen Religionen, Kulturen und Gesellschaft möglich wird und die Entstehung religiöser Ghettos verhindert wird. Es handle sich letztlich nicht um ein religiöses, sondern um ein gesellschaftliches Projekt.
Für den Kulturbeauftragten Christoph Reichenau besteht deshalb kein Zweifel, dass das Haus der Religionen auch tatsächlich gebaut und das Projekt realisiert wird - «sonst macht unsere Gesellschaft etwas falsch». Und wenn es trotz den bereits investierten Geldern doch noch schiefgehen sollte? «Dann geht es höchstens so schief wie mit dem Christkind», sagt der Präsident des Vereins «Haus der Religionen - Dialog der Kulturen». «Ein Gott gehört doch nicht in einen Stall und endet dann am Kreuz. Ist da etwas schiefgegangen? Die Idee jedenfalls lebt noch immer.»
Monika Rosenberg
23. Dezember 2006, Neue Zürcher Zeitung
Buddha, Jesus, Mohammed & Co. unter einem Dach
Ein Haus der Religionen - von der Vision zum Vorzeigeobjekt
Einmal mehr geht von Bethlehem eine Idee aus, die immer mehr Leute in ihren Bann zieht. Diesmal ist es allerdings nicht das palästinensische Bethlehem, sondern der gleichnamige Stadtteil von Bern, der bis in die höchsten politischen Kreise der Bundesstadt Furore macht. Lange bevor der sogenannte Kampf der Kulturen den Stammtisch eroberte, wurde im Westen Berns eine Vision entwickelt, die sich schon bald in einem sichtbaren Vorzeigeobjekt mit internationaler Ausstrahlung konkretisieren könnte. Daran glauben immerhin der Berner Stadtpräsident, die Regierung, die Regierungsstatthalterin, das Berner Stadtparlament, ein renommiertes Architekturbüro und auch die Bundeskanzlerin der Eidgenossenschaft, um nur ein paar der bekanntesten Aushängeschilder des Projekts zu nennen. Konkret geht es um ein Haus der Religionen, in dem Muslime, Buddhisten, Hindus, Juden, Christen und andere mehr ihre eigenen Gebetsräume hätten und nebeneinander ihren religiösen Verpflichtungen nachkommen könnten, sich zudem in Konferenz- und Aufenthaltsräumen zum interkulturellen Dialog begegnen und nicht zuletzt auch gemeinsam feiern würden.
Prophetische Initianten
Das Projekt scheint sich perfekt in die heutige Zeit zu fügen und könnte als Antwort auf die gegenwärtige Diskussion um den Bau von Minaretten und Tempeln interpretiert werden. Insofern sind jenen Leuten quasi prophetische Eigenschaften zu attestieren, die vor gut sechs Jahren die Idee aufgenommen und trotz finanziellen Schwierigkeiten weiterverfolgt und schliesslich zu breiter Akzeptanz gebracht haben. Als Promotor der ersten Stunde wirkte der «Runde Tisch der Religionen», der 1993 in Bern gegründet wurde und nicht nur für die Schweiz einmalig ist. Vertreter der reformierten und der katholischen Kirche, der islamischen Gemeinschaften, der jüdischen Gemeinde, der Hindus (vor allem tamilischen Ursprungs) und der buddhistischen Gruppen treffen sich seither regelmässig - nicht zu hochgestochenen theologischen Diskussionen, sondern zur Lösung konkreter Probleme in den Schulen oder bei der Anwendung religiöser Speisevorschriften in Spitälern und Gefängnissen. Am «Runden Tisch der Religionen» wurde auch eine pragmatische Lösung für ein separates Grabfeld für Muslime gefunden, ein Modell, das andere Städte inzwischen kopiert haben. Das Vertrauensverhältnis unter den Teilnehmern des «Runden Tisches» ist so gross, dass der Vertreter der Muslime einmal sagte, die islamischen Anliegen in Bern würden am besten durch die christlichen Kirchen und den Rabbiner vertreten.
Die Idee eines Hauses der Religionen stammt ursprünglich von einem, der sich selber als «spärlichen Kirchgänger» bezeichnet. Christian Jaquet, früherer Studienleiter an der Berner Fachhochschule für Gestaltung, Kunst und Konservierung, verfasste 1998 im Auftrag des Stadtplanungsamts Bern eine Imagestudie zum Stadtteil Bümpliz- Bethlehem und verliebte sich ein bisschen in das Randquartier mit nicht gerade bestem Ruf. Er beschrieb Bern West mit den Hochhäusern und Arbeitersiedlungen als Stück Schweiz, das noch nicht fertig gestaltet sei und deshalb noch Neues ermögliche. Konkret regte er den Bau eines Hauses der Kulturen und Religionen an, wofür die Bundesstadt und namentlich Bethlehem der prädestinierte Standort wäre. Er nannte auch ein mögliches Terrain für den Bau, nämlich das brachliegende stadteigene Land zwischen Bahngleisen und Autobahn, das schon von seinem Namen her zu Höherem bestimmt scheint; es heisst Europaplatz.
Vom Hinterzimmer ins Schaufenster
Der «Runde Tisch der Religionen» nahm die Idee auf und setzte eine Arbeitsgruppe zur Weiterverfolgung des Projekts ein. Die Fäden zog Hartmut Haas von der Herrnhuter Brüdergemeine, einer der Ökumene verpflichteten Gruppe innerhalb der traditionellen Kirchen. Diese hatte eine hauptamtliche Stelle für multikulturelle und interreligiöse Arbeit in Bern West geschaffen und leistete damit einen wesentlichen Beitrag auf dem Weg von der Vision zum konkreten Projekt. Aus der Arbeitsgruppe wurde ein Verein «Haus der Religionen - Dialog der Kulturen», dem ein halbes Dutzend Religionen, gut zwanzig Institutionen sowie ein paar hundert zahlende Mitglieder angehören. Unterstützt wird das Projekt zudem von einem rund 1500 Personen zählenden Freundeskreis. Für das Projekt liess sich schliesslich auch der Architekt Marco Ryter vom Büro Bauart begeistern. Zusammen mit dem Architekturbüro Urbanoffice aus Amsterdam/Zürich und dem Projektleiter Stefan Graf von Bauart erstellte er - notabene auf eigene Kosten - die Pläne für den Neubau am Europaplatz. Auf Antrag der Stadtregierung genehmigte das Stadtparlament die Abgabe des entsprechenden Terrains zu Vorzugsbedingungen, im März dieses Jahres wurde eine Stiftung «Europaplatz - Haus der Religionen» gegründet, die die erforderlichen finanziellen Mittel für das Vorhaben aufbringen soll, und für Anfang 2007 wird mit der Baubewilligung gerechnet.
Innerhalb der letzten zwei Jahre hat das Projekt einen rasanten Weg zurückgelegt: von der Vision in die Realisierungsphase, vom Pfarrhaus ins Regierungsgebäude und vom Kirchenblatt in die Zeitschrift «Geo», die dem inzwischen auf internationale Beachtung stossenden Vorhaben einen längeren Artikel widmete. Interessanterweise haben sich Persönlichkeiten für das Projekt begeistern lassen, die mit Religion nicht viel am Hut haben. Zum Beispiel der Architekt Marco Ryter. Er hat eben den Lehrgang «Moderation und Mediation im interkulturellen und interreligiösen Dialog» abgeschlossen, den die Berner Fachhochschule zusammen mit dem Verein «Haus der Religionen - Dialog der Kulturen» anbietet. Im tabufreien Gespräch zwischen Menschen, die ein Dutzend Nationalitäten und ein halbes Dutzend Religionen repräsentierten, kam es zu Begegnungen, die er sich zuvor nie hätte vorstellen können. Etwa mit dem somalischstämmigen Imam von Bern, den er inzwischen als einen seiner liebsten Freunde bezeichnet und mit dem er sich auch beim Kochen bestens versteht.
Zwischen Stade de Suisse und New York
Auch Christoph Reichenau, der frühere Vizedirektor des Bundesamts für Kultur und heutige Leiter der Abteilung Kulturelles der Stadt Bern, ist ein überzeugter Anhänger des Projekts und sagt klipp und klar: «Die Stadt will dieses Haus.» Das Haus der Religionen ist offizieller Bestandteil der Kulturförderungsstrategie, und im Budget fürs Jahr 2008 ist bereits ein namhafter Beitrag an den Betrieb vorgesehen. Reichenau, obwohl selber nicht religiös, hat keine Berührungsängste. Für ihn ist die Pflege religiöser Riten und Bräuche ein eminenter Bestandteil der Kultur; zentrale Künste seien schliesslich aus dem Glauben entstanden. Er hebt sich mit dieser Offenheit wohltuend von den momentan hoch im Kurs stehenden staatlichen Integrationsstellen ab, die keine religiösen Projekte finanzieren, obwohl die Kirchen wesentliche Schnittstellen der Ausländerintegration sind. Lieber unterstützt man beispielsweise ein «Ethnopoly» - ein blauäugiges Spiel zwischen verschiedenen Rassen. Immerhin hat der Verein «Haus der Religionen - Dialog der Kulturen» mit dem zweiten Teil seines Namens diese strikte Barriere geknackt, wenn nicht pekuniär, so doch zumindest ideell: Er wurde mit dem Integrationspreis der Stadt Bern ausgezeichnet.
Wie Christoph Reichenau gehört auch Regierungsstatthalterin Regula Mader dem Stiftungsrat «Europaplatz - Haus der Religionen» an. Als Staatsvertreterin liegt ihr an einem partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Kirche und Staat, in dem sowohl Kritik wie auch offene Auseinandersetzung Platz haben. Sie sieht das Projekt «Haus der Religionen» als einen Markstein auf dem Weg zu einer friedlichen Gesellschaft. Präsidiert wird die Stiftung, deren wichtigste Aufgabe es ist, den Bau finanziell sicherzustellen, von Guido Albisetti, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Von Graffenried Holding AG. Er glaubt sowohl an das Projekt wie an den Standort, den er wegen der optimalen Anbindung an Autobahn und öffentlichen Verkehr als genial bezeichnet. Einen Erfolg kann die Stiftung bereits verbuchen: Zuwendungen werden als steuerfrei anerkannt. Neben privaten Mäzenen und Legaten sind auch Beiträge aus dem kantonalen Lotteriefonds sowie aus den Prägegewinnen des Bundes denkbar.
Für den auf insgesamt 60 Millionen Franken veranschlagten Bau ist eine sogenannte Mantelnutzung, ähnlich wie bei den neuen Stadien, vorgesehen. Die Stiftung würde mit rund 6 Millionen Franken Stockwerkeigentümer jenes Gebäudeteils, der als eigentliches Haus der Religionen dienen soll. Laut dem Architekten Marco Ryter sind Investoren bereits in den Startlöchern. So soll beispielsweise die Accor-Gruppe daran interessiert sein, einen Teil des Neubaus als sogenanntes Suite-Hotel zu nutzen für Personen, die sich beruflich mehr als nur gerade eine Nacht in Bern aufhalten. Die Hotelgruppe hat ihr Interesse untermauert, indem sie die Anpassung des Vorprojekts an ihre Bedürfnisse finanzierte. Ein weiterer Partner ist im Bereich betreutes Wohnen in Sicht. Es ginge nicht nur um Betagte, sondern beispielsweise um Wohnungen für Botschaftsangestellte, denen gewisse Dienstleistungen offeriert würden, unter anderem ein Sicherheitsdienst rund um die Uhr. Der ästhetische «Unort» im Fadenkreuz von Autobahn und Bahngleisen, wo immerhin bereits das monumentale Verwaltungsgebäude der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) steht, könnte in den obersten Gefilden mit Sicht auf die Stadt auch für die urbane Generation 50 plus interessant sein, meint der Architekt: ein Wohnfeeling sozusagen wie in New York, und statt im eigenen Gastzimmer würde man Freunde im hauseigenen Hotel unterbringen.
Der Weg ist ein bisschen das Ziel
Während die Politiker das Haus der Religionen bereits als neuen Anziehungspunkt der Bundesstadt sehen, stösst man bei den Initianten der ersten Stunde auf fast überirdische Gelassenheit. Obwohl die Baubewilligung noch aussteht, gibt es für sie das Haus der Religionen bereits als «work in progress». Die Nutzungsvereinbarungen mit den interessierten Religionsgemeinschaften sind unter Dach, und seit vier Monaten leben die verschiedenen Religionen in einer dem Abbruch geweihten Fabrikationshalle mitten in Bern bereits das Haus der Zukunft. Muslime, die sich sonst in einer früheren Autoeinstellhalle zum Gebet versammeln, Hindus, die ihren Tempel unter den Türmen der Kehrichtverbrennungsanlage verstecken mussten, Buddhisten, die in einer ausgedienten Garage meditieren, nisten sich nach und nach in der riesigen Halle ein, die die Stadt dem Verein zur Nutzung überlassen hat, bis das visionäre Haus der Religionen tatsächlich verwirklicht ist. Für Vereinspräsident Hartmut Haas geht es darum, Raum zu schaffen, damit ein vernünftiges Gespräch zwischen Religionen, Kulturen und Gesellschaft möglich wird und die Entstehung religiöser Ghettos verhindert wird. Es handle sich letztlich nicht um ein religiöses, sondern um ein gesellschaftliches Projekt.
Für den Kulturbeauftragten Christoph Reichenau besteht deshalb kein Zweifel, dass das Haus der Religionen auch tatsächlich gebaut und das Projekt realisiert wird - «sonst macht unsere Gesellschaft etwas falsch». Und wenn es trotz den bereits investierten Geldern doch noch schiefgehen sollte? «Dann geht es höchstens so schief wie mit dem Christkind», sagt der Präsident des Vereins «Haus der Religionen - Dialog der Kulturen». «Ein Gott gehört doch nicht in einen Stall und endet dann am Kreuz. Ist da etwas schiefgegangen? Die Idee jedenfalls lebt noch immer.»
Monika Rosenberg
Christmas Special With Blackadder (Rowan Atkinson) :-)
Part one
History lesson a la Blackaddaire..... :-)
Part two
History lesson a la Blackaddaire..... :-)
Part two
Abonnieren
Posts (Atom)