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Mittwoch, März 16, 2011

«Allen Krisen ist gemein, dass sie als kaum vorstellbar galten»

Tages Anzeiger Online 16.03.2011

«Allen Krisen ist gemein, dass sie als kaum vorstellbar galten»
Von Andreas Zielcke.

Ulrich Beck, der Theoretiker der «Risikogesellschaft», analysiert die Katastrophe in Japan. Was bedeutet sie für unseren Umgang mit Gefahren – und was für unser Verständnis von Verantwortung?

Vor 25 Jahren explodierte das Atomkraftwerk in Tschernobyl, zum selben Zeitpunkt kam Ihre «Risikogesellschaft» heraus. Jetzt haben wir eine vergleichbare Katastrophe in Japan. Haben wir nichts gelernt?
In der Tat, die grossen Krisen seit Tschernobyl schienen weitgehend dem Drehbuch der «Risikogesellschaft» zu folgen. Die herausragenden Beispiele sind der Tsunami in Indonesien, die Katrina-Überflutung von New Orleans, aber auch der Rinderwahnsinn, die Schweinegrippe; selbst die Finanzkrise von 2008 gehört dazu. Allen Krisen war gemeinsam, dass sie vorher als kaum vorstellbar galten. Jedes Mal wurde der bisherige Erwartungsrahmen überholt. Das Makabre der jetzigen Katastrophe ist, dass sie sich in einem grusligen Wettbewerb der Grossrisiken ereignet. Viele glaubten ja, dass sich das Risiko des Klimawandels durch vermehrten Einsatz umweltfreundlicher Kernenergie mindern lässt.

Welchen soziologischen Begriff muss man sich von einem Super-GAU machen?
Ein GAU bewegt sich noch im Rahmen der vorhandenen Ressourcen und Gefahrenszenarien der Nuklearenergietechnik. Der Super-GAU stellt genau diese Voraussetzungen infrage.

Inwiefern unterscheiden sich die Voraussetzungen von Fukushima und Tschernobyl?
Die geradezu geniale Antwort von Franz-Josef Strauss war damals, Tschernobyl als «kommunistische» Katastrophe auszugrenzen – mit der Unterstellung, dass der hoch entwickelte kapitalistische Westen über sichere Atomkraftwerke verfüge. Nun ist die Havarie in Japan passiert, das als das bestmöglich ausgestattete und auf Sicherheit hin organisierte Hightechland der Welt gilt. Die Fiktion, dass man sich im Westen in Sicherheit wiegen kann, ist dahin.

Ist im Vergleich zu Tschernobyl nicht zwischen natürlicher und technischer Katastrophe zuunterscheiden?
Die Kategorie «Naturkatastrophe» signalisiert, dass sie nicht von Menschen verursacht und daher auch nicht von Menschen zu verantworten ist. Das ist aber die Sicht eines vergangenen Jahrhunderts. Der Begriff......

Samstag, November 20, 2010

Nichts ist ohne Alternative – auch nicht der Kapitalismus

Tages-Anzeiger Online 18.11.2010

Nichts ist ohne Alternative – auch nicht der Kapitalismus

Von Lukas Bärfuss.
Es stehe kein anderer Weg zur Verfügung als die Marktwirtschaft und die Globalisierung, heisst es. Das ist blosse Ideologie, meint der Schriftsteller Lukas Bärfuss.
Mord und Vertreibung sind nicht kompliziert: Flüchtlinge im Kongo, wo das grösste Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg stattfindet.
Mord und Vertreibung sind nicht kompliziert: Flüchtlinge im Kongo, wo das grösste Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg stattfindet.
Lukas Bärfuss, 38, lebt als Schriftsteller in Zürich. Er schreibt Theaterstücke («Die sexuellen Neurosen unserer Eltern», «Der Bus», «Malaga») und Prosa, zuletzt den Roman «Hundert Tage» über die Verstrickung der Schweiz in den Völkermord in Ruanda. Der vorliegende Text ist eine Rede, die Bärfuss am 15. November, dem «Writers-in-Prison-Day», im Literaturhaus Zürich gehalten hat, im Beisein des Journalisten Déo Namujimbo,der über die Ausbeutung des Kongo berichtete und deshalb mit dem Tode bedroht wird. Der «Writers-in-Prison-Day» erinnert alljährlich an Schriftsteller, die wegen ihrer Ansichten oder Schriften verfolgt werden.

Über den Begriff «Freiheit» nachzudenken, dazu öffentlich und in Gegenwart eines Autors wie Déo Namujimbo, der in seiner Heimat Kongo verfolgt und mit dem Tod bedroht wird, muss einen Schweizer Schriftsteller in Verlegenheit stürzen, und das hat einen bestimmten Grund.
Vor zwanzig Jahren befand sich Friedrich Dürrenmatt in einer vergleichbaren Situation, als er seine berühmteste Rede hielt, die Rede zur Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises an den tschechischen Schriftsteller und Staatspräsidenten Vaclav Havel. Bei jener Gelegenheit formulierte Dürrenmatt eine Metapher, die die Diskussion über Freiheit...

Freitag, November 12, 2010

Peak Oil liegt hinter uns

TELEPOLIS


Peak Oil liegt hinter uns

Craig Morris 11.11.2010

Jetzt ist es wohl offiziell - die Internationale Energieagentur (IEA) hat selbst zugegeben, dass die Förderung höchstens für einige Jahre stabil bleiben kann, bevor sie endgültig abrutscht

Vor wenigen Jahren war Peak Oil ein Thema für Skeptiker und Außenseiter. Auch wenn einige wenige prominente Insider die Alarmglocken mit geläutet haben (z.B. Matthew Simmons, s. Peak oil: Steigende Preise, sinkende Förderung (1)) , behaupteten BP, die IEA, und andere Industrieorganisationen immer brav und beruhigend, der Peak komme wohl erst in ein paar Jahrzehnten. Zum Beispiel meinte (2) die IEA erst 2009, dass Peak Oil frühestens 2020 erreicht werde.

Am Dienstag schlug die IEA im World Energy Outlook 2010 (3) jedoch überraschend einen neuen Ton an. Nun spricht die Organisation nicht nur offen von Peak Oil (die IEA nahm bisher den Begriff ungern in den Mund), sondern liefert gleich eine Grafik mit, die es in sich hat.

Peak-Oil. Grafik: IEA
Man sieht deutlich, dass das Fördervolumen leicht gesunken ist; die Ökonomen würden wohl auf den gesunkenen Verbrauch während der Wirtschaftskrise verweisen. Die Grafik zeigt aber etwas Beunruhigendes: Die Förderung wird offenbar nicht mehr leicht über das Niveau von 2003-2007 steigen, sondern sogar bald steil absinken. Nur wenn "noch nicht entwickelte Felder" bereits jetzt die Arbeit aufnehmen, können wir grob das heutige, leicht abgesunkene Niveau stabil halten - und das nur bis etwa 2015. Dann müssen "noch nicht gefundene Felder" hinzukommen. Sonst haben wir circa eine Generation später vielleicht nur die Hälfte der heutigen Produktion.
Für die Energy Watch Group aus Berlin, die auch seit Jahren vor Peak Oil warnt (4), gehen klare Handlungsempfehlungen aus der IEA-Studie hervor:
Sogar eine Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien ist innerhalb weniger Jahrzehnte möglich und insgesamt kostengünstiger als der weitere Verbrauch von Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran.
Recht haben sie – allerdings lehnen sich manche Befürworter der erneuerbaren Energien zu weit aus dem Fenster, wenn sie (wie die EWG) andeuten, die Erneuerbaren könnten das Erdöl ersetzen. Richtig ist, dass alle erneuerbaren Strom erzeugen, keinen flüssigen Treibstoff, bis auf die Biomasse, und es darf bezweifelt werden, dass so viel Biotreibstoff nachhaltig produziert werden kann, wie wir jetzt Erdöl verbrauchen. Auch die Atomkraft stellt deswegen keinen Ersatz dar. Es gab einfach keinen Ersatz für Öl als Treibstoff.
Das heißt, dass wir bald mit weniger Heizöl auskommen müssen, aber das geht ja - besser isolierte Gebäude, passive Wärme, Pelletöfen u.ä., und schließlich zur Not Elektroheizungen. Wärme ist nicht das Problem. Aber die Elektromobilität wird anders aussehen als unsere heutigen Autos, die quasi eine unbegrenzte Reichweite haben und innerhalb weniger Minuten vollgetankt werden können. Eine Fahrt von Berlin aus an die Atlantikküste bei Bordeaux mit Zelt und Familie im Kombi wird zunehmend schwierig.
Noch schwieriger wird die Schifffahrt. Und fast unmöglich der Luftverkehr. Dort sind keine Alternativen zum flüssigen, fossilen Treibstoff in Sicht. Machen Sie sich also auf stark steigende Ölpreise zu Ihren Lebzeiten gefasst.

Links

(1) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19966/1.html
(2) http://www.heise.de/tp/blogs/2/146734
(3) http://www.iea.org/w/bookshop/add.aspx?id=422
(4) http://www.energywatchgroup.org/Mitteilungen.26.0.html

Donnerstag, Oktober 07, 2010

U.S. Military Orders Less Dependence on Fossil Fuels

New York Times
October 4, 2010
U.S. Military Orders Less Dependence on Fossil Fuels
By ELISABETH ROSENTHAL

With insurgents increasingly attacking the American fuel supply convoys that lumber across the Khyber Pass into Afghanistan, the military is pushing aggressively to develop, test and deploy renewable energy to decrease its need to transport fossil fuels.

Last week, a Marine company from California arrived in the rugged outback of Helmand Province bearing novel equipment: portable solar panels that fold up into boxes; energy-conserving lights; solar tent shields that provide shade and electricity; solar chargers for computers and communications equipment.

The 150 Marines of Company I, Third Battalion, Fifth Marines, will be the first to take renewable technology into a battle zone, where the new equipment will replace diesel and kerosene-based fuels that would ordinarily generate power to run their encampment.

Even as Congress has struggled unsuccessfully to pass an energy bill and many states have put renewable energy on hold because of the recession, the military this year has pushed rapidly forward. After a decade of waging wars....

Freitag, Juli 23, 2010

Drohen uns «Klimakriege»?

22. Juli 2010
Neue Zürcher Zeitung
Drohen uns «Klimakriege»?
Verminderte natürliche Ressourcen als mögliche wichtige Quelle von bewaffneten Konflikten

Laut Experten könnten der Klimawandel und seine Folgen eine Rolle bei der Verschärfung internationaler Konflikte spielen. Die Ressourcenknappheit in der Region südlich des Mittelmeers wird sich noch akzentuieren.

Vicken Cheterian

Im Jahr 2003 haben die Autoren eines vom amerikanischen Verteidigungsministerium in Auftrag gegebenen Berichts den Begriff des «Klimakriegs» geprägt. Sie zeigten darin mögliche Szenarien eines abrupten Klimawandels mitsamt den Auswirkungen auf die nationale Sicherheit der USA auf und sorgten damit für Aufregung. Unter dem Leitgedanken, sich das Undenkbare – einen relativ abrupten Wandel anstelle der zumeist prognostizierten graduellen Klimaveränderung – vorzustellen, zeichneten sie das düstere Bild einer Zukunft, beherrscht von Chaos, Millionen von «Umweltflüchtlingen» und durch die globale Erwärmung verursachten bewaffneten Konflikten. Als ersten «Klimakrieg», dem weitere folgen würden, nannten die Autoren den Konflikt um Darfur. Auch der Uno-Generalsekretär Ban nannte 2007 die Auswirkungen des Klimawandels als eine Ursache der Krise in Darfur.

Gewachsenes Interesse

In den letzten Jahren hat sich eine Vielzahl von Gremien und Berichten mit der Frage nach dem Klimawandel als einer wichtigen Ursache von Konflikten im 21. Jahrhundert befasst. Im vergangenen September verabschiedete die Uno-Generalversammlung eine Resolution.....

Mittwoch, April 14, 2010

Russland: Alles haben, ohne irgendetwas zu tun

Alles haben, ohne irgendetwas zu tun
Von Natalja Kljutscharjowa.

Der Materialismus zerstört Russlands Wesen. Einfacher Wohlstand ist nicht mehr erstrebenswert, alle wollen den märchenhaften, irrealen Reichtum wie Oligarchen und Popstars. Eine Russin erzählt.

Natalja Kljutscharjowa wurde 1981 in Perm (West-Ural) geboren. Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule von Jaroslawl und arbeitete als Nachrichtenredaktorin am russischen Fernsehen. Derzeit ist sie Mitarbeiterin der Moskauer Zeitschrift «Erster September». 2006 erschienen ihr erster Gedichtband und ihr Roman «Endstation Russland», der bei Suhrkamp auf Deutsch erhältlich ist (187 S., ca. 18 Fr.). Unser Text ist die stark gekürzte Fassung eines Vortrags, den sie auf der Leipziger Buchmesse für das Autorenspecial des Literarischen Colloquiums Berlin gehalten hat. Er wird vollständig in der Zeitschrift «Sprache im technischen Zeitalter» erscheinen.

Alle wichtigen Ideen, die das nationale Bewusstsein und den Gang der Geschichte in unserem Land bestimmt haben, hat Russland von aussen übernommen. Doch einmal auf russischen Boden gelangt, verloren die philosophischen Konzeptionen den Charakter abstrakter Ideen und wurden (von den Führern, der Intelligenz oder dem ganzen Volk) als direkte Anleitung zum Handeln begriffen. Darin liegt etwas Religiöses, selbst wenn diese Ideen an sich antireligiös waren, wie der Marxismus......


Alles haben, ohne irgendetwas zu tun
Von Natalja Kljutscharjowa.


Der Materialismus zerstört Russlands Wesen. Einfacher Wohlstand ist nicht mehr erstrebenswert, alle wollen den märchenhaften, irrealen Reichtum wie Oligarchen und Popstars. Eine Russin erzählt.

Alle wichtigen Ideen, die das nationale Bewusstsein und den Gang der Geschichte in unserem Land bestimmt haben, hat Russland von aussen übernommen. Doch einmal auf russischen Boden gelangt, verloren die philosophischen Konzeptionen den Charakter abstrakter Ideen und wurden (von den Führern, der Intelligenz oder dem ganzen Volk) als direkte Anleitung zum Handeln begriffen. Darin liegt etwas Religiöses, selbst wenn diese Ideen an sich antireligiös waren, wie der Marxismus.

Materieller Wohlstand als Idol

Die letzte Idee, die wir nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vom Westen übernommen haben, ist die Konsum-«Philosophie», die den materiellen Wohlstand zu einem unumstösslichen Wert des Seins erklärt. Auf russischen Boden gelangt, wurde diese Idee sofort zum Idol, verwandelte sich vom eigentlich normalen menschlichen Wunsch nach einem Leben in Komfort in einen Kult des Geldes, des Reichtums und des schnellen Profits.

Für die meisten Menschen im heutigen Russland bemisst sich der Sinn des Lebens in Dollar. Im Westen, scheint mir, ist die Konsumgesellschaft aus der protestantischen Ethik der Arbeit hervorgegangen, wo Verdienst und Arbeit in unmittelbarem Bezug zueinander stehen. In Russland dagegen traf die Ideologie des materiellen Wohlstands auf die in der Sowjetgesellschaft entstandene Abneigung gegen jegliche Arbeit, ja, deren Verachtung.

Verblendet von der Gier

Der Geisteszustand der postsowjetischen Gesellschaft lässt sich mit dem unübersetzbaren Ausdruck «chaljawa» definieren, was so viel heisst wie «alles haben, ohne irgendetwas zu tun». Die Helden des Massenbewusstseins sind Oligarchen und Diebe, die sich nur durch das Ausmass ihres Diebstahls voneinander unterscheiden. Fernsehen, Werbung, Popmusik und Boulevardpresse (für die überwiegende Mehrheit die einzige Lektüre) hypnotisieren das Bewusstsein rund um die Uhr mit Beispielen schicken Lebens. Die Massenmedien reichen überall hin, darum sind die Menschen überall verblendet von der Gier nach Reichtum – in Moskau ebenso wie im entlegensten Dorf.

Die Eltern vermitteln ihren Kindern keinerlei andere Werte mehr. Nach der Schule wollen fast alle Volks- oder Betriebswirt werden. Letztes Jahr gab das Bildungsministerium sogar eine offizielle Erklärung heraus: Besinnt euch, so viele Manager braucht das Land nicht! Doch das hat nicht geholfen.

Auf den Arbeitsmarkt drängen jedes Jahr Armeen geldgieriger junger Menschen mit grossem Appetit, gigantischer Faulheit und minimalen moralischen Hemmungen.

Eine Vielzahl bezahlter Nichtstuer

Relativ lange, fast zehn Jahre lang, passte sich die Wirtschaft – vermutlich dank Öl und Gas – dieser Lawine an. Und Menschen in der vollen Blüte ihrer geistigen und körperlichen Kräfte bekamen Geld dafür, dass sie tagelang in Büros herumsassen, Computerspiele spielten, in Chatrooms mit gleichgesinnten «Schwerarbeitern» plauderten und nur hin und wieder mal einen Bericht verfassten, um den Anschein von Arbeit zu erwecken. Real gearbeitet, also Häuser gebaut, die Strassen gekehrt usw., haben, so schien es, in dieser Zeit nur illegale Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, die am helllichten Tag auf offener Strasse von Neonazis erschlagen wurden. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Krise hat also vor allem das Kartenhaus des Büro-Müssiggangs einstürzen lassen. Ich finde, das war nützlich. Nicht nur, weil eine Vielzahl bezahlter Nichtstuer eine Art Krebsgeschwür der Wirtschaft sind.

Die Überproduktion von Managern hat noch einen weiteren Aspekt. Wer sein Leben nach dem Diktat gesellschaftlicher Klischees und Moden ausrichtet (der Managerberuf ist heutzutage Mode, im Gegensatz zum Arzt- oder Lehrerberuf), büsst die Fähigkeit zu selbstständigem Denken ein. Der übernimmt, ohne zu überlegen, eine von aussen aufgezwungene Lebensstrategie, ob sie ihm gefällt oder nicht, ob er für diese Tätigkeit geeignet ist oder nicht.

Wichtig ist nur eines: Geld zu verdienen

Etwas zu tun, was man liebt, Nutzen zu bringen, sein Talent zu realisieren, Freude und Befriedigung bei der Arbeit zu empfinden – das alles sind für die meisten meiner Landsleute altmodische Anachronismen. Das alles ist unwichtig. Wichtig ist nur eines: Geld zu verdienen.

Jede Idee, zum Absoluten erklärt, wird zum Gift, das sowohl die Menschheit wie auch jeden einzelnen Menschen vergiftet. Und die Konsumidee ist da keine Ausnahme.

Das russische Bewusstsein ist von seinem Wesen her radikal und utopisch. Darum streben die Menschen bei uns nicht einfach nach Wohlstand, sondern nach märchenhaftem, irrealem Reichtum. Das ist das Bild des Glücks, das die Massenmedien vermitteln. Die Regenbogenpresse wetteifert in der Beschreibung der Häuser von Popstars mit goldenen Klos und speziellen Autolifts, eigens dafür gedacht, dass man mit dem Auto bis ans Bett fahren kann.

Wer nicht über die unermesslichen Schätze verfügt, die für das Glück unabdingbar sind, fühlt sich natürlich unglücklich. Obwohl es der Mehrheit bei uns, wie gesagt, heute weit besser geht als früher. Doch das reicht den Menschen nicht. Die Werbung weckt unersättliche Gier, zieht die Menschen in die üble Unendlichkeit des Konsums.

Ein ungesundes Klima als Resultat

Das alles schafft ein ungesundes psychologisches Klima. Die Passanten auf der Strasse sind aggressiv, unfreundlich, düster, stets auf Konflikt aus. Zurückzustecken, wenn es irgendwie um Geld geht, und sei es eine noch so lächerliche Summe, ist absolut ausgeschlossen.

Ich werde nie vergessen, wie eine dicke, vor Sattheit strotzende Schaffnerin in einem Überlandbus eine alte Frau, die um eine kostenlose Fahrt zum Krankenhaus bat, mit saftigen obszönen Flüchen beschimpfte. Eine Fahrkarte kostete 20 Rubel (70 Rappen). Doch die Frau glaubte allen Ernstes, dass der erträumte Palast mit den goldenen Kloschüsseln in noch weitere Ferne rücken würde, wenn sie jetzt Barmherzigkeit zeigte. Die ganze Fahrt über schrie sie, als ginge es um Leben und Tod.

Dabei leben alte Menschen in Russland, besonders auf dem Land, in der Regel unterhalb der Armutsgrenze. Der Staat zahlt ihnen so geringe Renten, dass es nicht einmal für das Lebensnotwendigste reicht. Und für die Grossmutter, die um eine kostenlose Fahrt zum Krankenhaus bat, waren 20 Rubel eine unerschwingliche Summe.

Reichtum statt Barmherzigkeit

Dass der Staat so etwas zulässt, ist leider nicht neu. Doch eigentlich war das Volk in Russland immer barmherziger als der Staat. Heute aber droht der Kult des Reichtums in den Herzen der Menschen die Barmherzigkeit zu übertönen, die sie selbst während des stalinschen Terrors bewahrt hatten.

Ich lebe in einem Dorf bei Moskau. Laut Gesetz müssen die Fahrer von Minibussen alte Menschen zum halben Preis befördern. Um sich davor zu drücken und 10 Rubel zu sparen (35 Rappen), haben alle Fahrer die unterste Einstiegsstufe abgebrochen, und nun können nur noch junge, gesunde Menschen den Bus benutzen, denen man keinen Preisnachlass gewähren muss.

In Moskau arbeitet die Ärztin Jelisaweta Glinka, Doktor Lisa, wie sie genannt wird. Sie fährt jede Woche auf den Bahnhof, um Obdachlose medizinisch zu versorgen. Anders als in Europa ist das Sozialsystem in Russland erst in einem embryonalen Zustand. Möglich, dass Obdachlosen laut Gesetz eine medizinische Versorgung zusteht, real aber ist es für diese Menschen unmöglich, in ein Krankenhaus zu kommen. Also geht Doktor Lisa zu ihnen, um zu helfen. Freiwillig. Weil sie nicht anders kann.

Oligarchen wecken keinen Hass

Und dafür trifft sie ungebremster Hass. Natürlich nicht vonseiten der Obdachlosen. Sondern vonseiten gutsituierter Bürger, die in der Zeitung von Doktor Lisa lesen und ihre Ruhe einbüssen. Weil ihnen hier ein ganz anderes Verhaltensmodell gezeigt wird, eines, das nicht auf Nehmen gerichtet ist, sondern auf Geben. Und das ist für viele eine unerhörte Provokation, gegen die sie sich mit aller Kraft schützen, bewahren wollen. Doktor Lisa bekommt jeden Tag anonyme SMS mit Drohungen und Beschimpfungen. Obwohl sie ihr Verhalten nicht propagiert, niemandem Vorwürfe macht, nicht dazu aufruft, ihr zu folgen, sondern einfach nur tut, was sie tut.

Oligarchen hingegen, von denen jeder Dorftrunkenbold weiss, dass sie ihren Reichtum auf unredliche Weise erworben haben, wecken bei niemandem Hass. Sie werden bewundert, bestaunt, ja, sogar verehrt. Der Kult des Geldes verwischt die Hierarchie der moralischen Werte, Reichtum macht den Menschen zum unantastbaren Himmelsbewohner, für den allgemeine Normen von Recht und Gewissen nicht gelten.

Kaum jemand in Russland fühlt sich verantwortlich für das, was im Land vorgeht. Schuld sind immer andere: die Regierung, die Abgeordneten, die Amerikaner, die illegalen Migranten, die Nachbarn, die eigene Familie. Im Massenbewusstsein wirkt noch immer die von der sowjetischen Ideologie in Gang gesetzte Mechanik der Suche nach einem äusseren Feind fort. Es fehlt die Erkenntnis, dass man selbst versuchen kann, eine Situation, die einem nicht gefällt, zu ändern. Andererseits ist in Russland alles auf die Unterdrückung privater Initiativen gerichtet. Deshalb geben selbst die wenigen, die aus eigener Kraft etwas unternehmen wollen, oft auf.

Jede Einmischung bleibt nutzlos

Anders als in Europa hat die Presse in Russland keinerlei Einfluss auf das gesellschaftliche Leben. Ein Beamter, der in der Zeitung kritisiert wird, tut trotzdem seelenruhig weiter das, wofür er kritisiert wurde. Darum können Journalisten die Vernichtung privater Initiativen lediglich konstatieren, sie aber nicht stoppen. Auch direkte Einmischung bleibt nutzlos: offizielle Anfragen, Proteste, Briefe an den Präsidenten mit Hunderten oder Tausenden Unterschriften. Sämtliche europäischen Mechanismen der Einflussnahme der Zivilgesellschaft auf den Staat sind in Russland wirkungslos.

Die Krise der Verantwortung, von der ich bereits sprach, betrifft natürlich auch die Staatsmacht. Menschen, die in die führende Klasse hinauf streben, begreifen die Macht als Freipass, als ein «Alles ist erlaubt», als einen Garant für Ruhm und unbegrenzten Zugang zu Finanzströmen.

Nehmen wir einen Teilaspekt. Das Verhältnis zu den nationalen Ressourcen. Es ist ganz offensichtlich, dass parallel zur Ausbeute die Erforschung neuer Lagerstätten erfolgen muss. Doch laut Aussagen von Geologen aus meinem Freundeskreis wird schon seit einigen Jahren in Russland nur ausgebeutet. Das einzige Unternehmen, das auch geologische Erkundungen betrieb, war Michail Chodorkowskis Jukos. Es hat den Anschein, als wollten alle übrigen einfach nicht lange in diesem Land bleiben, weshalb es sie kein bisschen kümmert, was wird, wenn die jetzigen Lagerstätten erschöpft sind. Hauptsache, für sie reicht es. (Tages-Anzeiger)

Sonntag, März 14, 2010

Exponential Funktion erklärt / exponential function explained parts 4 / 6 / 7 / 8

Energy consumption and population growth explained!

Parts One / Two / three
click here

Part four of 8


Part five of 8



Part six of 8



Part seven of 8



Part eight of 8

Donnerstag, März 11, 2010

Exponential Funktion erklärt / exponential function explained

Energy consumption and population growth explained!
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Part Two of 8


Part Three of 8


Parts 4 / 5 / 6 / 7 / 8
follow this coming Sunday.

Montag, Februar 22, 2010

Oil may be there, but bringing it to market is another matter

The Times
February 18, 2010
Oil may be there, but bringing it to market is another matter
Robin Pagnamenta: analysis

Billions of barrels of oil may lie trapped in the rocks deep beneath the ocean floor of the South Atlantic, but finding them and bringing them to market is likely to be a big struggle — vastly expensive and fraught with political complications.

A study by the British Geological Society suggested that the region could contain up to 60 billion barrels of oil — a similar-sized deposit to the North Sea. But such figures may give little sense of how much is recoverable using existing technology.

No drilling has been carried out in the Falklands since 1998, when Shell and Lasmo drilled six wells in an area to the north of the islands, not far from where the current drilling programme is set to start next week. Traces of crude were discovered in all but one of the wells — where gas was found instead — but the following year the global price of oil fell to $10 per barrel, ending the commercial logic of further exploration.

Since then there has been much speculation about the prospects of oil in the Falklands but little real activity on the ground — that is until last year when Desire Petroleum, a small, independent oil explorer, announced that it had contracted a rig and planned to tow it to the Falklands from the North Sea for a drilling campaign this year. Three other similar-sized companies are planning to share the £250 million costs of the campaign, which is due to start in a few day’s time.

The drilling site lies in relatively shallow waters about 400 metres (1,300ft) deep and between 30 and 60 miles north of the islands.

Two of the other companies, Falkland Oil and Gas and Borders & Southern, are prospecting in another region that lies to the south of the islands in deeper and more challenging waters up to 1,200m (3,900ft) deep. There is a reasonable chance that at least one of....


The Times
February 18, 2010
Oil may be there, but bringing it to market is another matter
Robin Pagnamenta: analysis

Billions of barrels of oil may lie trapped in the rocks deep beneath the ocean floor of the South Atlantic, but finding them and bringing them to market is likely to be a big struggle — vastly expensive and fraught with political complications.

A study by the British Geological Society suggested that the region could contain up to 60 billion barrels of oil — a similar-sized deposit to the North Sea. But such figures may give little sense of how much is recoverable using existing technology.

No drilling has been carried out in the Falklands since 1998, when Shell and Lasmo drilled six wells in an area to the north of the islands, not far from where the current drilling programme is set to start next week. Traces of crude were discovered in all but one of the wells — where gas was found instead — but the following year the global price of oil fell to $10 per barrel, ending the commercial logic of further exploration.

Since then there has been much speculation about the prospects of oil in the Falklands but little real activity on the ground — that is until last year when Desire Petroleum, a small, independent oil explorer, announced that it had contracted a rig and planned to tow it to the Falklands from the North Sea for a drilling campaign this year. Three other similar-sized companies are planning to share the £250 million costs of the campaign, which is due to start in a few day’s time.

The drilling site lies in relatively shallow waters about 400 metres (1,300ft) deep and between 30 and 60 miles north of the islands.

Two of the other companies, Falkland Oil and Gas and Borders & Southern, are prospecting in another region that lies to the south of the islands in deeper and more challenging waters up to 1,200m (3,900ft) deep. There is a reasonable chance that at least one of the companies will find oil — but whether it is found in commercial quantities is less clear.

The Falklands are so remote that any oil discovery would need to be large to justify the multibillion- pound costs of building pipelines, export terminals and other infrastructure. Then there are the political obstacles with Argentina, which are likely to deter industry giants such as BP, Shell and Exxon. Until a resolution with Argentina can be reached over who owns the oil, they are likely to remain sceptical.

In the meantime, Desire claims to have been unaffected by Argentina’s sabre-rattling. It shipped a full set of spares and replacement parts to the Falklands before drilling begins to minimise any delays in the event of technical or political problems.

Mittwoch, Februar 17, 2010

BBC: Oil Crunch just five years away

BBC Online
By Shanaz Musafer
Business reporter, BBC News

Business leaders, including Sir Richard Branson, have criticised ministers for not doing enough to avoid a potential oil crunch and are calling on the next government to take action.

"Governments need to urgently, urgently wake up," insists Sir Richard in an interview with the BBC News website.

His Virgin Group is one of six companies that have formed a coalition called the UK Industry Taskforce on Peak Oil and Energy Security.

The taskforce - made up of engineering group Arup, architects Foster and Partners, Scottish and Southern Energy, Solar Century and Stagecoach, as well as Virgin - has launched its second report looking at the oil crunch, just months before the next general election.

It warns that Britain is unprepared for the oil shortages and price volatility that it predicts will become a reality in the next five years.

As a result, British businesses and consumers will face higher travel costs, increased food prices and higher utility bills.

Targets

The taskforce hopes that the new government will heed its warnings and seek to reduce the UK's dependence on oil.

"If somebody had been able to warn the world.....


Oil crunch 'just five years away'
BBC Online
By Shanaz Musafer
Business reporter, BBC News

Business leaders, including Sir Richard Branson, have criticised ministers for not doing enough to avoid a potential oil crunch and are calling on the next government to take action.

"Governments need to urgently, urgently wake up," insists Sir Richard in an interview with the BBC News website.

His Virgin Group is one of six companies that have formed a coalition called the UK Industry Taskforce on Peak Oil and Energy Security.

The taskforce - made up of engineering group Arup, architects Foster and Partners, Scottish and Southern Energy, Solar Century and Stagecoach, as well as Virgin - has launched its second report looking at the oil crunch, just months before the next general election.

It warns that Britain is unprepared for the oil shortages and price volatility that it predicts will become a reality in the next five years.

As a result, British businesses and consumers will face higher travel costs, increased food prices and higher utility bills.

Targets

The taskforce hopes that the new government will heed its warnings and seek to reduce the UK's dependence on oil.

"If somebody had been able to warn the world five years before the credit crunch, the credit crunch could have been avoided. The same thing could be said for the oil crunch," says Sir Richard, whose airline and train companies are affected by volatility in the oil price.

"We suggest there should be a workforce for government and industry to work [together] on addressing this problem.

"We have to move from coal and oil to gas and nuclear. We need to move our cars from oil-consuming cars to electric cars and clean-fuel cars."

He even suggests that targets should be set for the car industry: "The government should say, 'For 2020 there should be no more oil cars running in this country and for 2015 no new cars can be sold using oil,' just to force people to move over to clean energy."

'Peak oil'

The group believes that "peak oil" - the point where global oil production reaches its highest practicable rate - will occur in the next decade, potentially by 2015, with production levels of 95 million barrels per day. In 2008, 85 million barrels per day were produced.

Once peak oil is reached, experts are divided as to whether oil production will then plateau or decline. The taskforce believes it will decline and with demand for oil in developing countries increasing, that would lead to potential shortages in supply and thus rising prices.

Oil is currently trading at about $75 a barrel but is predicted to rise above $100 by 2014-15.

"The days of cheap and easy oil in the quantities that the world needs it are over," warns Ian Marchant, chief executive of Scottish and Southern Energy.

But how much sway does the group have? Mr Marchant admits that the response it got to its first report, released in October 2008, was "lukewarm at best".

That was largely because its release coincided with the credit crunch, says Arup chairman Philip Dilley. "I think because of that [the report] got lost a little bit," he says.

'Breathing space'

But the drop in demand for oil, in the West at least, brought on by the credit crunch, pushed back the group's forecast for when peak oil will occur.

"The recession bought us two years of time. So it bought us a little breathing space," Mr Dilley says.

However, even if demand in the West falls, the real concern is about increased demand in developing countries.

If the economies of emerging countries continue to grow at the rate they are, demand for oil will far outstrip supply.

Mitigating risks

The government has denied that it is ignoring the issue but said it was unsure as to when peak oil may occur.

"We don't have a firm view on what the future holds for oil supply and demand but we do recognise the risks," Chris Barton from the Department of Energy and Climate Change (DECC) responded.

"We are taking action to mitigate those risks and we plan to do more."

But one member of the taskforce at least would like to see more.

One of the things highlighted in the report is the fact that a rising oil price would lead to higher transport costs, food prices and energy bills, and the poorest in society would be the ones who feel it the most.

Brian Souter, chief executive of Stagecoach, says: "I think we could do with a more radical approach to this from all the political parties. I think we should take the poor out of the lower rate of [income] tax altogether and move to a carbon tax."

The report was welcomed by Friends of the Earth.

"Ministers must take this warning seriously and wean the UK off its addiction to oil - because ordinary people will experience the withdrawal symptoms when the wells run dry," the organisation's executive director Andy Atkins said.

"The government has been dithering for too long. We need bold political action to rapidly build a safe, clean and prosperous future for us all."

One thing is for sure - whoever emerges triumphant from this year's general election will be under pressure to address the issue of oil supply.
Story from BBC NEWS:

Published: 2010/02/11 00:02:00 GMT

© BBC MMX

Donnerstag, Februar 04, 2010

Russia comes to the rescue as Norwegian gas supplies to Britain falter

Russia comes to the rescue as Norwegian gas supplies to Britain falter

Energy users' watchdog says UK lucky to escape gas shortages

Russia rescued British energy consumers by ensuring a steady flow of gas into the power network as supplies from Norway faltered during the cold weather, industry customers users said today.

As the National Grid warned of a "high" possibility of shortages in the north-east and south-west owing to another cold snap, the Major Energy Users' Council said Britain had been lucky to survive without shortages. Eddie Proffitt, chairman of the council's gas group, said: "The [British] gas industry has coped very well but we have been lucky. It would have been desperate if we had seen the kind of disputes between Russia and Ukraine that have reduced gas flows on the continent in the past two or three Januaries."

Politicians said four "gas balancing alerts" – warnings of pending shortages – in the space of a week meant it was time Britain reviewed its whole energy policy.

"This winter has shown the system we have devised does not....



Russia comes to the rescue as Norwegian gas supplies to Britain falter

Energy users' watchdog says UK lucky to escape gas shortages

Russia rescued British energy consumers by ensuring a steady flow of gas into the power network as supplies from Norway faltered during the cold weather, industry customers users said today.

As the National Grid warned of a "high" possibility of shortages in the north-east and south-west owing to another cold snap, the Major Energy Users' Council said Britain had been lucky to survive without shortages. Eddie Proffitt, chairman of the council's gas group, said: "The [British] gas industry has coped very well but we have been lucky. It would have been desperate if we had seen the kind of disputes between Russia and Ukraine that have reduced gas flows on the continent in the past two or three Januaries."

Politicians said four "gas balancing alerts" – warnings of pending shortages – in the space of a week meant it was time Britain reviewed its whole energy policy.

"This winter has shown the system we have devised does not have the resilience it should have. It runs on a 'just-in-time' principle which has economic benefits when it works but risks ending up in a 'just-too-late' if all goes wrong," said John Hemming, MP for Birmingham Yardley.

"If the Russians had hit the kind of problems with its neighbours seen in previous years then we would have toppled off the knife edge we have been sitting on with our gas supplies."

The disruptions to supplies from Norway – normally seen as highly reliable – left Britain importing gas through the interconnector pipeline which runs from Zeebrugge in Belgium to Bacton in north Norfolk. In previous years shortages from Siberia have led German and Dutch suppliers to halt gas exports to Britain.

The National Grid admitted that much of the stress in the gas supply system had been caused by technical problems on Norwegian fields such as Ormen Lange and Troll but said everything was back to normal. A Grid spokeswoman insisted the gas alerts had worked as they were expected to: drawing new supplies from other sources, such as liquefied natural gas on board vessels and the continent. She declined to comment on what would have happened if Russian gas had not been flowing normally.

The Major Energy Users' Council also had serious concerns that changes to the regulatory regime next year could make the situation worse. Proffitt said there were 1,250 customers around Britain on "interruptible" gas contracts, but this number would fall to 27 by October 2011 when new Ofgem regulations come into force. "Some of our members are very concerned about this because they fear a supply shortage could lead to demands that sites lose their gas. Many of those who choose to have interruptible contracts have back-up power sources such as diesel-fired generators," he said.

Nearly 100 customers had their power cut at one stage last week, including the Vauxhall car plant at Ellesmere Port on Merseyside. National Grid said none were cut off today though its website earlier in the day had said that there was a high risk of interruptions in the north-east and south-west. This eased off later.

http://www.guardian.co.uk/business/2010/jan/13/russia-aids-gas-uk-gas-supply

Mittwoch, Februar 03, 2010

Peaking Oil Supply - Quotes

Peak Oil Quotes
Statements by key individuals


2010

Thierry Desmarest, Chairman of the Board at Total SA, January 28th, 2010 - "The problem of peak oil remains. We have always been relatively prudent in our assessment of a peak oil date in Total between, I would say, the International Energy Agency which was extremely optimistic a few years ago - a bit less today - and some so called experts who were announcing that the peak oil has already taken place. In our opinion it will be very difficult to raise the oil production above 95 million barrels/day, which is something like 10% above today's level - so its not enormous. Its not that we lack reserves, there are plenty of oil to produced but a lot of it is difficult to be produced. Huge resources like the Athabasca oil sands for instance - when you look to the newsflow of the last 2 or 3 years you have just seen a lot of postponements of projects, not that much because of lack of profitability of projects but also with environmental concerns, as an example among others. So I think we must keep in mind that in a few years from now the market may be in a relatively difficult position in, the energy security concerning oil (because I think for gas we have certainly more time), will be a big problem."

2009

Andrew Sentance, member of the Bank of England's Monetary Policy Committee, September 2009 - "On the energy front, I can see substantial upside risks to prices over the coming recovery as demand picks up across the global economy and Asia plays a leading role in the growth of the world economy. Against the background of supply constraints, this creates the potential for continuing price volatility. I do not see supply developments and environmental policy moves changing the energy price environment which became established in the mid-2000s until much later in the next decade."

Iain Reid, Head of European Oil and Gas research at Macquarie Bank, September 2009 - “This is our view – capacity has pretty much peaked in the sense that declines equal new resources,”

Christophe de Margerie, CEO of Total, September 2009 - "We are running the risk of another oil crisis when demand outstrips supply around 2014 or 2015. There won’t be enough oil and gas by the middle of the next decade."

Fatih Birol, Chief Economist of the International Energy Agency, August 2009 - "Many governments now are more and more aware that at least the day of cheap and easy oil is over... [however] I'm not very optimistic about governments being aware of the difficulties we may face in the oil supply,"

Vince Cable, Lib Dem Shadow Chancellor of the Exchequer, June 2009 - "Long-term thinking is difficult in the current political crisis, when most politicians are obsessed by tomorrow's headlines,...but our future as a country depends much more on our ability to plan ahead for the next oil shock and the post-oil world."

Andris Piebalgs, EU Energy Commissioner, May 2009 "The current relatively low oil prices give a respite to prepare for the coming new oil crisis. We have to reduce our dependency in all those areas in which black gold is not indispensable... And in all sectors, we have to accelerate our efficiency being aware that every barrel of oil that we are using is one of the last."

Christophe de Margerie , CEO Total, February 2009 The world will never be able to produce more than 89m barrels a day of oil, the head of Europe's third-largest energy group has warned, citing high costs in areas such as Canada and political restrictions in countries such as Iran and Iraq. Christophe de Margerie, chief executive of Total, the French oil and gas company, said he had revised his forecast for 2015 oil production downward by at least 4m barrels a day because of the current economic crisis and the collapse in oil prices.

2008

Katsuaki Watanabe, President, Toyota– June 2008 "Our view is that oil production will peak in the near future. We need to develop power train(s) for alternative energy sources."

T. Boone Pickens, Chair BP Capital Management hedge fund – 17th June 2008 "I do believe we have peaked out at 85 million barrels a day globally,"

Shokri Ghanem – head of Libya's National Oil Corporation, 8th June 2008 “The easy, cheap oil is over. Peak oil is looming”

Jeroen van de Veer – CEO of Shell, 22nd January 2008 “Shell estimates that after 2015 supplies of easy-to-access oil and gas will no longer keep up with demand.”

Rick Wagoner - ex GM Chairman and Chief Exec, at the Detroit Motor Show, 13th January, 2008 "There is no doubt demand for oil is outpacing supply at a rapid pace, and has been for some time now,...As a business necessity and an obligation to society we need to develop alternative sources of propulsion."

Dave O’Reilly - Chevron, 15th February 2008, "We're seeing the beginnings of a bidding war for Middle Eastern oil between east and west,"

Fatih Birol - IEA, writing in The Independent 2nd March 2008 – “We are on the brink of a new energy order. Over the next few decades, our reserves of oil will start to run out and it is imperative that governments in both producing and consuming nations prepare now for that time. We should not cling to crude down to the last drop – we should leave oil before it leaves us. That means new approaches must be found soon..... The really important thing is that even though we are not yet running out of oil, we are running out of time.”

George W. Bush, March 5th 2008 "We gotta get off oil, American has got to change its habits,".. "It should be obvious to all, demand has outstripped supply, which makes prices go up."

James W. Buckee -Retired President and CEO of Talisman Energy Inc., 29th January 2008. "If you think that at the moment the world is consuming 30-plus billion barrels a year of oil and is finding seven or eight billion barrels a year, and this state of affairs has been going on now for 20 or more years. "It's obviously unsustainable and the world is increasingly drawing on the bigger, older fields. You couple that notion with the irreversibility of decline and you've got a very alarming picture."

Jeremy Leggett and Shell - Advertisement appeared in Time Europe Edition, one of the CNN Principal Voices series, 31st March 2008 “A premature topping point in global oil production would wipe out economic plans currently on offer in boardrooms and finance ministries around the world. This is because such plans assume growing supplies of affordable oil for several decades to come.“

2007

Sadad al-Huseini - former head of exploration and production at Saudi Aramco, 31st October, 2007 “The evidence is that in spite of the increases - very large increases - in oil prices over the last four years, we haven't been able to match that with increasing capacity. So, essentially, we are on a plateau.”

Christophe de Margerie - CEO Total, 30/31st October 2007. "100m barrels per day is now in my view an optimistic case…"

Fatih Birol - IEA, interviewed in Le Monde, June 2007 “From now to 2015, the market and the oil industry will be severely tested. In the next five to ten years, oil production from non-OPEC producers will reach a peak before starting to decline, for lack of sufficient reserves. As each day passes, new evidence of this fact appears. At the same time the peak of the economic expansion phase of China will take place. The two events will coincide: the explosion of the growth of the Chinese demand, and the fall in production of non-OPEC oil. Will our oil system be it able to answer this challenge, that is the question.” “If production does not increase in Iraq in an exponential way between now and 2015, we have a very big problem, even if Saudi Arabia meets its obligations. The figures are very simple, you do not need to be an expert. It is enough to know how to do a subtraction. China will grow very quickly, India also, and even Saudi Arabia projections of the 3 Mb/day will not be enough to meet the rise of Chinese demand.”

Lord Oxburgh- former CEO of Shell, September 2007 “...you’ve got three main variables: rising world demand, and it’s a bit hard to predict exactly how fast that is going to rise; how much oil is going to be available; and how fast substitutes for oil come to market (synthetic fuels can be made in quite a number of ways). But all of that said I don’t think this is going to happen in the next five years, and I would be surprised if the difficulties ahead had not really emerged within the next twenty.”

“The message in short is that we are just about to enter hot water, quite serious hot water. And the danger is that we sit there blissfully like the frog in the pan of water gently heating on the stove until – as the Irish would say – it wakes up to find itself dead. In other words we may be sleepwalking into a problem which is actually going to be very serious and that it may be too late to do anything about it by the time we are fully aware.”

2005

Dr. James Schlesinger - former US Energy Secretary, 16th November 2005 “In the longer run, unless we take serious steps to prepare for the day that we can no longer increase production of conventional oil, we are faced with the possibility of a major economic shock—and the political unrest that would ensue.”

Dave O’Reilly - CEO, Chevron in their Real Issues Ad, 12th July 2005 “Energy will be one of the defining issues of this century. One thing is clear: the era of easy oil is over. What we all do next will determine How well we meet the energy needs of the entire world in this century and beyond.” “It took us 125 years to use the first trillion barrels of oil. We’ll use the next trillion in 30.“

References from the press

2008

The Independent Lead Article, 28th April 2008 “In the broader context, this crisis must be seen as part of the global energy squeeze. It has been clear for some time that global demand for oil has been outstripping supply. That is what is pushing up prices around the world. That a relatively minor industrial dispute such as this can have such a knock-on effect demonstrates how dependent Britain is on a relatively small number of supply outlets. The Grangemouth dispute will eventually, no doubt, be settled, but the chronic crisis of our economy's total reliance on environmentally damaging and dwindling oil supplies will continue.”

Financial Times Lead Article, 17th April 2008 “Preparing for the age of peak oil - Russia's vast oil and gas reserves were seen not so long ago as the best hope of meeting growing world energy demand. No more. This week a top Russian oil executive echoed earlier official warnings that oil production could fall for the first time in a decade.”

2007


Independent, 17th September 2007 “Oil Industry ‘Sleepwalking into crisis’ - Former Shell chairman says that diminishing resources could push price of crude to $150 a barrel’

CNNMoney.com – 7th August 2007 “Why oil won't hit $100 - New production, new energy sources and some conservation could push down prices by 2010 - but don't expect $20 a barrel anytime soon.”

William Rees Mogg, The Times, 16th July 2007 “Oil ruled the 20th century; the shortage of oil will rule the 21st. There is now no doubt about the rising trend of oil prices.”

Financial Times, 10th July 2007 “World will face oil crunch in five years – IEA says supply falling faster than expected.”

Quelle: http://odac-info.org/peak-oil-quotes

Dienstag, Januar 26, 2010

Oel: Am Kaspischen Meer kämpft jeder gegen jeden

23. Januar 2010, Neue Zürcher Zeitung
Am Kaspischen Meer kämpft jeder gegen jeden

Aserbeidschan spielt eine neue Runde des «Great Game» um die Bodenschätze zwischen Europa und Asien

Um das Kaspische Becken und dessen Bodenschätze haben lange die USA und Russland gerungen. Die Konfrontation der zwei ist unterdessen einem Durcheinander gewichen, in dem alle ihren Vorteil suchen.

Eric Gujer, Baku

Im Sonnenlicht glänzen die Schiffe und ihre Aufbauten draussen auf dem Meer vor Istanbul: die roten und grünen Container der Frachtschiffe, die mächtigen Rümpfe der Tanker, dazwischen flinke Fischerboote und Fähren. Der Bosporus ist eine der am meisten befahrenen Meerengen der Welt und ein geopolitischer Vorteil der Türkei. Das Land kontrolliert den Zugang zum Schwarzen Meer, in seinem Mittelmeerhafen bei Ceyhan endet eine wichtige Pipeline. Was eine günstige Lage wert ist, erkennt man drei Flugstunden weiter östlich, wenn man das karge Hochland Anatoliens und die Ausläufer des Kaukasus überquert hat. Aserbeidschan besitzt Öl und Gas im Überfluss, aber es liegt gefangen im Kaspischen Becken, ein Binnenland, das für den Transport seiner Bodenschätze auf....

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23. Januar 2010, Neue Zürcher Zeitung
Am Kaspischen Meer kämpft jeder gegen jeden

Aserbeidschan spielt eine neue Runde des «Great Game» um die Bodenschätze zwischen Europa und Asien

Um das Kaspische Becken und dessen Bodenschätze haben lange die USA und Russland gerungen. Die Konfrontation der zwei ist unterdessen einem Durcheinander gewichen, in dem alle ihren Vorteil suchen.

Eric Gujer, Baku

Im Sonnenlicht glänzen die Schiffe und ihre Aufbauten draussen auf dem Meer vor Istanbul: die roten und grünen Container der Frachtschiffe, die mächtigen Rümpfe der Tanker, dazwischen flinke Fischerboote und Fähren. Der Bosporus ist eine der am meisten befahrenen Meerengen der Welt und ein geopolitischer Vorteil der Türkei. Das Land kontrolliert den Zugang zum Schwarzen Meer, in seinem Mittelmeerhafen bei Ceyhan endet eine wichtige Pipeline. Was eine günstige Lage wert ist, erkennt man drei Flugstunden weiter östlich, wenn man das karge Hochland Anatoliens und die Ausläufer des Kaukasus überquert hat. Aserbeidschan besitzt Öl und Gas im Überfluss, aber es liegt gefangen im Kaspischen Becken, ein Binnenland, das für den Transport seiner Bodenschätze auf den Goodwill der Nachbarn angewiesen ist.

Geopolitischer Balanceakt

Rund ums Kaspische Meer wird die zweite Runde des grossen Spiels ausgetragen, das bereits in den neunziger Jahren die Phantasie der Strategen in Washington und Moskau erhitzte. Damals mussten die in der Sowjetunion vernachlässigten Vorkommen erforscht, neue Förderanlagen errichtet und der Reichtum zwischen Aserbeidschan und den internationalen Energiekonzernen verteilt werden. Inzwischen ist die Ölproduktion von 180 000 Fass am Tag im Jahr 1997 auf knapp 900 000 Fass gestiegen. Die nachgewiesenen Reserven betragen 7 Milliarden Fass – und noch einmal 1,2 Billionen Kubikmeter Erdgas. In der Hauptstadt Baku haben Hochhäuser mit viel Marmor die heruntergekommenen Backsteinbauten der Sowjetzeit verdrängt; statt einer Schlaglochpiste führt eine sechsspurige Autobahn vom Flughafen ins Zentrum.

Die Basis für den Boom ist gelegt, doch jetzt wird erneut darum gerungen, wer die Ressourcen und damit Aserbeidschan künftig kontrolliert. Die Regierung des langjährigen Präsidenten Haidar Alijew hatte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion aus dem Schatten Moskaus gelöst und – gestützt auf den Ölreichtum – eine geschickte Schaukelpolitik zwischen West und Ost betrieben. Alijew verdarb es sich mit Moskau nicht, aber er lehnte sich zugleich an die Türkei und die USA an. Während die kaukasischen Nachbarn Georgien und Armenien zu Hinterhöfen Amerikas und Russlands herabsanken, wahrte Aserbeidschan seine Selbständigkeit.

Orientalische «Monarchie»

Unterdessen ist die Macht, einer orientalischen Erbmonarchie nicht unähnlich, auf Alijews Sohn Ilham übergegangen, und neue Allianzen oder mindestens taktische Bündnisse zeichnen sich ab. Denn ausgerechnet das Verhältnis zur ethnisch und sprachlich verwandten Türkei, die sich als Schutzmacht Bakus sieht, ist merklich abgekühlt.

Ankara, das in den neunziger Jahren damit gescheitert war, sich als Führungsmacht der turksprachigen Staaten Zentralasiens zu etablieren, konzentriert sich nun auf seine engere Nachbarschaft. Das Land, das selbst nicht über Energievorräte verfügt, will zur unangefochtenen Transport-Drehscheibe für die Bodenschätze des Kaspischen Beckens aufsteigen. Durch den Bosporus wird schon kasachisches und aserbeidschanisches Öl verschifft, das in Pipelines bis zum Schwarzen Meer fliesst. Neben der bestehenden Ölleitung von Aserbeidschan in den türkischen Mittelmeerhafen bei Ceyhan wird zudem eine Gaspipeline gebaut. Weitere Leitungen sind in Planung, und Ankara nutzt diese neuerdings als Druckmittel gegen Baku. So verzögert die Türkei ein Transitabkommen für die künftige Nabucco-Pipeline, die aserbeidschanisches Gas in die EU leiten soll.

Baku reagiert darauf, indem es mit Moskau zusammenspannt. Aserbeidschan liefert ab nächstem Jahr Gas nach Russland und plant zu diesem Zweck, alte sowjetische Pipelines nachzurüsten. Dies ist eine Kehrtwende gegenüber den neunziger Jahren, als Aserbeidschan noch mit Hilfe Washingtons alles unternahm, um sich durch den Bau neuer Leitungen durch Georgien und die Türkei aus der Abhängigkeit vom Kreml zu befreien. Russland, das lange als Hegemon der Region beargwöhnt wurde, löst heute weniger Berührungsängste aus. So hat Moskau den Dialog mit den Anrainern des Kaspischen Meeres intensiviert und führt Gespräche über eine Zusammenarbeit in Bereichen wie Grenzsicherheit.

Russland kooperiert beim Pipelinebau auch mit der Türkei, getrieben von dem Ziel, den Transport aller Energieträger aus Kasachstan und den anderen zentralasiatischen Staaten am Ostufer des Kaspischen Meeres zu kontrollieren. Zugleich versucht Moskau, Ankara politisch stärker an sich zu binden, um so den amerikanischen Einfluss im Kaukasus zu verringern. Ausserdem will der Kreml Georgien als bisher wichtigstes Transitland isolieren, indem er durch neue Leitungen möglichst viel Öl und Gas an Georgien vorbeilenkt. Iran und neuerdings China, das sich nachdrücklich Zugang zum zentralasiatischen Gas zu verschaffen sucht, gehören zu den weiteren Akteuren in diesem «Great Game». Die klare Schlachtordnung des vorigen Jahrzehnts, als es hauptsächlich darum ging, Alternativen zum russischen Leitungsnetz zu schaffen, ist längst einem Durcheinander gewichen, in dem jeder seinen Vorteil sucht. Öl und Gas bedeuten Macht – und Pipelines. Wer an diesem eurasischen Schachbrett, wie es der frühere amerikanische Sicherheitsberater Zbignew Brzezinski genannt hat, als Sieger hervorgeht, ist noch nicht ausgemacht. Die Europäer werden es vermutlich nicht sein, denn sie verfolgen divergierende energiepolitische Interessen und Pipelineprojekte. Der Einfluss der USA in der Region ist seit der Niederlage ihres Schützlings Georgien im Krieg gegen Russland ebenfalls zurückgegangen, zudem hat Washington noch keine Antwort auf die neuen Allianzen am Kaspischen Meer. Moskau macht auf Kosten Amerikas Boden gut.

Auch Aserbeidschans Position ist noch nicht gefestigt. Der politische Analyst und Autor Tabib Huseynov warnt Baku davor, zu hoch zu pokern. Denn die Türkei bleibe die wichtigste Transitroute für Aserbeidschan und letztlich auch ein zuverlässigerer Partner als Russland. Die Regierung in Baku strotzt indessen vor Selbstbewusstsein. Westliche Diplomaten beklagen, dass das Alijew-Regime immer weniger zugänglich sei beispielsweise für Ermahnungen wegen der zahlreichen Menschenrechtsverstösse.

Die Zeit der Ungewissheit nach dem Untergang der Sowjetunion, als die junge Republik eine neue Orientierung suchte, ist jedenfalls vorbei. Vor der Finanzkrise war Aserbeidschan mit einer Rate von mehr als 30 Prozent die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt. Der markante Rückgang des Ölpreises im Gefolge der globalen Rezession hat dem extremen Höhenflug zwar ein Ende gesetzt, aber die Öl- und Gasreserven spülen auch bei niedrigeren Erlösen gewaltige Summen in den Staatshaushalt.

Petro-Pfründen

Aserbeidschan ist das klassische Beispiel für den «Fluch des Öls», also die Abhängigkeit einer Volkswirtschaft von Bodenschätzen. Die hohen Wachstumsraten gehen ausschliesslich auf die Einnahmen für Öl und Gas zurück, während andere Industriezweige im Schatten der Petro-Profite verkümmern. Das leicht verdiente Geld führt bei schwachen staatlichen Institutionen auch zu einer endemischen Korruption. Wer in Baku ein Auto einlösen möchte, muss auf der Zulassungsstelle nacheinander bei 13 Beamten vorsprechen. Und alle erwarten einen Obolus. Sie kopieren damit nur, was sich an der Spitze des Gemeinwesens abspielt, denn die wichtigsten Unternehmen und die lukrativsten Immobilien befinden sich in der Hand weniger einflussreicher Familien.

Wenn der Wohlstand nur aus einer einzigen Quelle sprudelt, dann ist die Versuchung für die Herrschenden gross, nach totaler Kontrolle zu streben. Der Alijew-Clan verfügt dank der staatlichen Ölgesellschaft und einem vom Präsidenten beaufsichtigten Ölfonds nach Gutdünken über die Rohstoff-Einnahmen. Auch die politische Macht unterliegt in Petro-Staaten ohne gefestigte Demokratie oft einem Konzentrationsprozess. «Während der Vater Alijew in den neunziger Jahren noch eine schwache Opposition zuliess, hat sein Sohn Ilham diese Kräfte völlig marginalisiert», sagt die regimekritische Journalistin Khadija Ismayilova. Vor kurzem wurden zwei Blogger zu Haftstrafen verurteilt – angeblich wegen Körperverletzung und Rowdytum, in Wirklichkeit aber, weil sie die politische Elite mit Eseln verglichen hatten.

Bewegungsspielraum


Ernsthafte Kritik aus dem Ausland muss die Regierung nicht fürchten, denn Aserbeidschan bleibt ein wirtschaftlich interessanter Partner. Auch der Balanceakt zwischen Ost und West verschafft Baku in einer Region, in der sonst Klientelstaaten Moskaus oder Washingtons vorherrschen, einen zusätzlichen Bewegungsspielraum – zumal die politischen Verhältnisse rund ums Kaspische Meer in Bewegung geraten sind. Manche Konstanten zeigen allerdings erhebliche Beharrungskraft. So blockiert Moskau seit den neunziger Jahren die Verhandlungen über den rechtlichen Status des Binnenmeeres. Ohne eine Einigung können am Meeresboden zwischen Aserbeidschan und Zentralasien keine Leitungen gebaut werden, mit denen sich Russland umgehen liesse. Letztlich dreht sich in dieser Region eben alles um die Frage, wie Öl und Gas aus diesem von Politik und Geografie bedrängten Becken zu den Kunden gebracht werden können.

Am Hafen von Baku mit seinem ausgedehnten Park hat sich vieles verändert. Wo früher eine kaukasische Schaschlik-Bude stand, wartet nun ein blitzblankes, rundum verglastes Karussell auf die Kinder der neuen Mittelschicht. Auf Englisch preist ein Stand Zuckerwatte und andere Süssigkeiten an. Nur das Kaspische Meer hat sich nicht verändert: Die grauen Wogen, die an die Mole schlagen, sehen aus wie Meereswellen; die salzige Luft schmeckt nach grenzenloser Weite – aber eigentlich ist es nur ein von der eurasischen Landmasse umgebener See.

Montag, Dezember 21, 2009

Iran: Warum Atomkraftwerke?

Geht Iran das Öl aus?

Wolf-Dieter Roth 26.12.2006
Studie einer US-Universität legt nahe, dass Irans Griff nach dem Atom keinesfalls nur militärische Gründe haben könnte
Der sich ausweitende Konflikt zwischen den USA und dem Iran geht auch von der Annahme aus, dass das Land keine Atomkraftwerke benötige und dies nur eine Ausrede sei, um sich damit nuklear aufrüsten zu können. Nach einer Studie könnten die iranischen Ölexporte aber in den nächsten 10 Jahren komplett zusammenbrechen – und damit auch die Deviseneinnahmen, auf die das Land angewiesen ist.

Interessanterweise nicht in einer politischen Zeitschrift, sondern ganz unauffällig in den Proceedings of the National Academy of Sciences ( PNAS (1)) ist eine politisch durchaus brisante Untersuchung.....


Geht Iran das Öl aus?

Wolf-Dieter Roth 26.12.2006
Studie einer US-Universität legt nahe, dass Irans Griff nach dem Atom keinesfalls nur militärische Gründe haben könnte
Der sich ausweitende Konflikt zwischen den USA und dem Iran geht auch von der Annahme aus, dass das Land keine Atomkraftwerke benötige und dies nur eine Ausrede sei, um sich damit nuklear aufrüsten zu können. Nach einer Studie könnten die iranischen Ölexporte aber in den nächsten 10 Jahren komplett zusammenbrechen – und damit auch die Deviseneinnahmen, auf die das Land angewiesen ist.

Interessanterweise nicht in einer politischen Zeitschrift, sondern ganz unauffällig in den Proceedings of the National Academy of Sciences ( PNAS (1)) ist eine politisch durchaus brisante Untersuchung der Fakultät für geographische und Umwelt-Ingenieurwissenschaften der Johns Hopkins University (2), Baltimore, erschienen. In dieser geht es darum, wie sich die zukünftigen Ölexporte des Iran entwickeln könnten. Erdöl ist bisher praktisch der einzige Exportartikel des Landes, auf dem die gesamte Ökonomie aufbaut – und damit auch die politische Stabilität.

Zwar hat das Land durchaus nennenswerte Erdölvorkommen, doch wird gegenwärtig kaum etwas in deren Erschließung sowie in die Wartung und Modernisierung der vorhandenen Förderanlagen investiert. Gleichzeitig steigt mit der Industrialisierung im Land der Eigenbedarf an Erdöl und Erdgas. Wie Roger Stern in The Iranian petroleum crisis and United States national security (3) darlegt, ist einigen Analysten der Öl- und Gasindustrie bereits seit geraumer Zeit aufgefallen, dass sich hier ein Problem zusammenbraut: Wenn man den gegenwärtigen Trend fortrechnet, dürften die Erdölexporte des Iran in den nächsten Jahren jeweils um 10 bis 12% sinken, was in fünf Jahren bereits zu einer Reduzierung auf 50% bis hinunter auf 40% führen könnte, wenn wenigstens halbwegs vernünftig in die Wartung und Weiterentwicklung der Anlagen investiert wird.

In weniger als 10 Jahren keine iranischen Ölexporte mehr?

Läuft es dagegen politisch so weiter wie im Moment, könnte der Export in fünf Jahren bereits auf ein Drittel des heutigen Werts gesunken sein – um 2014, 2015 herum wären die Ölexporte schließlich auf Null, alles geförderte Öl würde im Lande selbst gebraucht. In diesem Moment wären auch die Deviseneinnahmen praktisch auf Null, wenn das Land keinen ähnlich attraktiven Exportartikel wie Erdöl finden sollte.



Die Entwicklung des Ölverbrauchs im Lande (gelb), der Ölexporte (blau) und der Förderung plus Ölimporte (grün) in Iran in den letzten 25 Jahren. Bild: Stern/PNAS

Der Iran sagt, dass er Atomkraftwerke bauen will, um den Strombedarf im Land abzudecken und Erdöl und Erdgas stattdessen zum devisenbringenden Export aufzusparen. Dabei sollen die Erdgasvorräte des Landes die zweitgrößten der Welt sein und alleine die Gasmengen, die jedes Jahr im Iran bei der Erdölförderung nutzlos abgefackelt werden, sollten ausreichen, um den Strom von vier Atommeilern des iranischen Typs Bushehr (4) zu erzeugen. So klingt es danach, dass der Wunsch nach Atomkraft nur eine faule Ausrede ist, um Atomtechnik ins Land zu holen und damit Atombomben bauen zu können.

Auch Analysen der früheren Mitarbeitern der National Iranian Oil Company ( NIOC (5)) gehen davon aus, dass die Ölexporte des Landes innerhalb der nächsten 12 bis 19 Jahre auf Null zurückgehen.

Das Problem ist, dass Öl im Land subventioniert und somit unrealistisch preiswert ist. Seit 1980 liegt infolgedessen die Zunahme des Energiebedarfs mit 6,4% über dem Zuwachs der Förderung (5,6%). Hinzu kommen speziell im Iran hohe und weiter zunehmende Verluste in Raffinerien infolge mangelnder Wartung.

Es geht hierbei wohlgemerkt nicht um die Erschöpfung der Vorräte ( "Peak Oil" (6)), sondern schlichtweg um steigenden Verbrauch bei gleichbleibender beziehungsweise leicht sinkender Förderung, was dazu führt, dass innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre kein Öl zum Export mehr übrig bleibt. In dem Moment, wo dieser Punkt erreicht ist, wird die Wirtschaft des Iran instabil und das Regime gefährdet.

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist die Weiterentwicklung der Ölförderanlagen im Iran völlig desorganisiert. So soll die NIOC 2009 eine Erweiterung der Anlage in Ahvaz bauen, hat jedoch seit der Revolution von 1978 kein einziges größeres Projekt mehr geleitet, sodass kaum anzunehmen ist, dass diese Erweiterung im geplanten Zeitrahmen über die Bühne geht. Die meisten Anlagen sind sogar noch vor der iranischen Revolution gebaut worden.

Ölförderanlagen und Raffinierien sind über 30 Jahre alt

Während in anderen ölexportierenden Ländern ausländische Investoren die Anlagen bauen, finanzieren und warten und dabei natürlich auch an den Gewinnen direkt beteiligt werden, ist dies im Iran verboten, weil es als ausländischer Besitz gewertet wird. Die stattdessen angesetzte Alternativlösung, so genannte "Buyback"-Verträge, ist wiederum für Investoren nicht attraktiv. Selbst wenn sich ein ausländischer Investor Mühe gibt, in ein Auswahlverfahren für einen solchen Vertrag aufgenommen zu werden, werden die Verfahren aufgrund antiwestlicher Vorbehalte Jahre bis Jahrzehnte verzögert.

Ein japanisches Konsortium hat beispielsweise um einen Buyback-Vertrag für das Azadegan-Feld sieben Jahre ohne Ergebnis verhandelt. Andere Investoren ziehen sich aufgrund der unsicheren politischen Situation zurück. Die Folge ist, dass ein Gaserschließungsvertrag sogar aus lauter Verzweiflung an die Revolutionären Garden vergeben wurde. Während die Investitionen schon im Zeitraum 1998 bis 2004 unzureichend waren, um die Produktionsrückgänge auszugleichen, dürften sie zukünftig gegen Null gehen.

Ein weiteres Problem ist der neben dem Ölverbrauch ebenfalls steigende Gasverbrauch im Land. Wie in Venezuela (7) bleibt dann nicht genügend Gas, um es in die Ölfelder zurück zu pumpen und damit den Druck in diesen aufrecht zu erhalten, was zu einem vorzeitigen Versiegen der Ölquellen führt. Gleichzeitig wird allerdings – ebenfalls aus Devisengründen – versucht, den Gasexport zu erhöhen.

Benzin wird importiert und zu Dumpingpreisen verkauft

Zudem wird auch noch Benzin importiert, weil es bei den bezuschussten Preisen im Land (Benzin kostet in Iran nur 8 US-Cent!) und den maroden Raffinerien unrentabel ist, eigenes Benzin herzustellen. Es gehen in den iranischen Raffinerien bereits 6% der gesamten Ölproduktion verloren und versickern im Boden, verdunsten oder verbrennen, weil es sich bei den nicht marktgerecht niedrig festgelegten Verkaufspreisen im Land schlichtweg nicht lohnt, eine Raffinerie zu reparieren, die sowieso nur Verluste bringen würde. Tatsächlich beruht der iranische Wohlfahrtsstaat auf dem gescheiterten Modell der Sowjetunion mit staatlichen Fünf-Jahres-Plänen, so Stern.

Es erscheint zwar absurd und geradezu lebensgefährlich, in einem solchen Land unter diesen Umständen auch noch in Atomtechnik zu investieren. Doch hierzu ist Russland bereit, während sich für die Gas- und Öltechnik keine Investoren mehr finden lassen. Also wird Iran versuchen, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen, vermutet Stern. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Nutzung der Atomenergie dann tatsächlich rein zivil bliebe, jene Bedenken sind durchaus nicht hinfällig.

Das eigentliche Problem ist jedoch das Ölkartell der OPEC in Kombination mit dem Subventionssystem im Land, das zu diesen unrentablen Verhältnissen führt. Hinzu kommt in den USA und im Nahen Osten das Fehlen eines preisstabilisierenden und sparsame Motoren fördernden Steuersystems wie in Europa. Wenn benzinsparende Techniken flächendeckend durchgesetzt würden, dann würde sich aufgrund der verringerten Nachfrage auch die Lage sowohl im Iran wie in anderen ölfördernden Ländern entspannen, so die ökonomisch begründeten Thesen von Stern. Die Einnahmeverluste durch den selbst verschuldeten Wegfall der Ölexporte dürfte das Land weit schwerer treffen als jede Sanktion, die die USA oder die UN verhängen könnten. Roger Stern hält Sanktionen, wie sie gerade beschlossen wurden, für wirkungslos. Nach seiner Ansicht könnten sie gerade den Protest der Bevölkerung gegen die ausländischen Mächte schüren und so eher zur Verfestigung des Irrwegs führen.
Links

(1) http://www.pnas.org
(2) http://www.jhu.edu
(3) http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.0603903104
(4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22029/1.html
(5) http://www.nioc.com
(6) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20727/1.html
(7) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23739/1.html

Freitag, September 18, 2009

Lorenz Hilty: «Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»

Tages Anzeiger 17.09.2009
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr

Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.

Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.

Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.


Tages Anzeiger 17.09.2009
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr

Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.

Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.

Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.

Dennis Meadows sagt, es bräuchte mindestens zwei Erden, wenn alle Menschen unseren Lebensstandard leben wollten. Ist das Alarmismus des ewigen Wachstumskritikers?
Überhaupt nicht. Er ist ja nicht allein mit seiner Meinung. Auch der renommierte Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker sagt das. Wir haben 1980 40 Milliarden Tonnen fossile Brennstoffe, Metallerze, Baumaterialien und Biomasse verbraucht. Nach Uno-Schätzungen sind wir auf dem Weg zu einer Verdoppelung dieses jährlichen Materialflusses bis 2020. Wir leben heute schon über unsere Verhältnisse. Das werden die nächsten Generationen spüren.

Vermutlich haben wir bereits den Ölpeak erreicht. Wie steht es mit anderen bedeutenden Rohstoffen wie etwa den Metallen?
Es gibt Metalle, die seltener als zum Beispiel Kupfer vorkommen und deren Bedarf durch den technischen Fortschritt enorm gestiegen ist. Zum Beispiel Tantal. Ohne dieses Metall für die Elektronik gäbe es kein Handy. Indium braucht man, um Flachbildschirme zu produzieren.

Würden diese beiden Metalle ausgehen, hätten wir also ein Problem mit der Telekommunikation?
Nach dem heutigen technischen Stand ja. Es gibt allerdings kein plötzliches Ende solcher Ressourcen, sondern der Abbau wird einfach aufwändiger, wenn man zu weniger günstigen Lagerstätten übergeht. Mit höherem Energieaufwand kann man auch diese abbauen. Das ist aber paradox, weil wir vor dem Hintergrund des Klimaschutzes ja den Energieverbrauch reduzieren sollten. Energie- und Ressourcenmanagement hängen eng zusammen. Aus energetischen Gründen können wir uns auch keinen beliebig grossen Aufwand beim Recycling leisten.

Ist Indium nicht auch ein wichtiges Metall bei der Produktion von Solarzellen?
Ja. Aber die Hälfte der Jahresförderung wird heute für die Produktion von Computer- und Fernsehbildschirmen verwendet. Vielleicht werden wir das eines Tages bedauern, wenn wir viel mehr Indium nutzen wollen, um Strom aus Sonnenlicht zu gewinnen.

Trotz der Verknappung - warum sind die Preise für Indium und andere seltene Metalle nicht höher?
Der Markt nimmt nur wahr, was gehandelt wird. Dass dabei die Reserven kontinuierlich kleiner werden, ist nicht Teil des ökonomischen Systems. In den Kostenberechnungen sind die schlechten Arbeitsbedingungen in den Erzminen, die enorme Umweltverschmutzung und die sozialen Kosten nicht enthalten. Tantal zum Beispiel ist in Verruf geraten, weil man im Kongo mit den Einnahmen aus dem Tantalhandel den Bürgerkrieg finanziert hatte.

Die Rohstoffe sind also viel zu billig?
Auf jeden Fall. Wenn der Markt die physikalische Knappheit wahrnehmen würde, dann würde der Preis für die Rohstoffe deutlicher ansteigen, und der Anreiz für neue Innovationen, zum Beispiel für effizientere Technologien mit weniger Materialeinsatz, wäre bedeutend grösser.

Mit Recycling könnte man doch einen grossen Teil des Rohstoffes zurückgewinnen.
Recycling ist eine gute Option. Wir arbeiten im Elektronikschrottrecycling mit Schwellenländern in Asien, Afrika und Lateinamerika zusammen, um gute Lösungen zu entwickeln. Allerdings werden derzeit die sogenannten Gewürzmetalle, die nur in kleinen Mengen benötigt werden wie Indium, nicht rezykliert.

Der deutsche Umweltchemiker Michael Braungart sagt, die Industrie sei für Produkte verantwortlich, die 1:1 rezyklierbar sind. Dann hätten wir kein Ressourcenproblem.
In der Tat sollten wir keinen Unterschied machen zwischen Rohstoff und Abfall. Das Material eines Produkts hätte am Ende des Produktlebens einen bedeutend geringeren Wertverlust, wenn es leichter rezyklierbar wäre und so wieder zum Rohstoff würde. Wenn der Produzent die alten Geräte direkt wieder zurücknehmen müsste, dann wäre er interessiert an der Werterhaltung des Materials.

Ist Braungarts Forderung vom vollständig rezyklierbaren Design nicht eine Utopie?
Das Problem hat physikalische Gründe. Je mehr verschiedene Materialien der Hersteller vermischt, desto mehr Energie muss man aufwenden, um die Bestandteile des Produkts wieder zu trennen. Das ist ein Naturgesetz. Das heisst, man muss künftig die Materialvielfalt reduzieren und die einzelnen Bestandteile so verbinden, dass sie mit wenig energetischem Aufwand wieder getrennt werden können. Aber ich möchte nicht nur über Recycling sprechen, intelligente Kommunikationssysteme sind genau so effektiv, um Ressourcen zu sparen.

Zum Beispiel?
Die klassische Werbung ist doch ein Energieverschleiss. Unmengen von Plakaten und Massenversand braucht es, damit ein Produkt in der Fülle der Informationen auffällt. Google zum Beispiel macht gezieltere, energetisch günstigere Werbung. Wenn etwa ein User nach dem Stichwort «Versicherung» sucht, werben auf der Ergebnisseite einzelne Versicherungen. Der Punkt ist, dass mich Google nur dann mit Werbung eindeckt, wenn ich spezifisch daran interessiert bin. Ein anderes Beispiel: Hörsäle sind geheizt, auch wenn wochenlang keine Vorlesung stattfindet. Wieso wird nicht die elektronische Agenda für die Raumbelegung mit dem Informationssystem der Heizung gekoppelt? Wir haben viel zu viele Inselsysteme, die keine Informationen austauschen, obwohl man auf diese Weise viel Energie sparen könnte. Die Ressourcen, die man für besser integrierte Informations- und Kommunikationssysteme braucht, wären gut investiert.

Bleibt noch der Konsument, der sich ändern kann und Produkte länger behält.
Wir sind Vorbilder, gerade für den armen Teil der Weltbevölkerung. Wir sollten sparsamer und genügsamer leben. Ich fahre kein Auto und lebe in dieser Hinsicht bewusst. Leider nützt das aber nicht viel. Denn wer Rohstoffe abbaut, der will sie loswerden. Wenn die Nachfrage zurückgeht, drückt das auf die Preise. Ein gutes Beispiel ist das Papierrecycling. Mit dem Aufkommen des Recyclings fiel bei den Frischfaserlieferanten der Umsatz. Die Konsequenz: Die Preise sind heute tief, und Frischfasern werden insgesamt mehr verbraucht als vor dem flächendeckenden Recycling.

Das klingt nicht sehr vielversprechend für die Zukunft.

Eine mögliche Lösung wäre ein anderes Steuersystem. Es braucht keine Ökosteuer. Heute zahlen wir Mehrwertsteuer für die Wertschöpfung, die bei der Umwandlung eines Rohstoffes in ein Produkt stattfindet. Das ist der falsche Ansatz. Statt der Wertschöpfung am Ende der Produktionskette sollte man den Abbau von Rohstoffen am Anfang der Kette besteuern. Dann würde sich die Welt schlagartig ändern, es würden Innovationen gefördert, die viel weniger Material verschleissen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2009, 10:24 Uhr

Dienstag, September 15, 2009

NZZ: China lässt die Muskeln spielen

13. September 2009, NZZ am Sonntag
China lässt die Muskeln spielen

Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken

Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.

Daniel Puntas Bernet

Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen....


13. September 2009, NZZ am Sonntag
China lässt die Muskeln spielen

Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken

Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.

Daniel Puntas Bernet

Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen hat Wang Caifeng, Rohstoff-Direktor des chinesischen Industrieministerium, einen Satz geäussert, der Firmenchefs auf der ganzen Welt in Aufregung versetzte: «Es könnte sein, dass wir künftig diese Rohstoffe nicht ausreichend liefern können.» Eine weiche Formulierung für eine gleichzeitig angekündigte massive Exportbeschränkung.

Die Aufregung ist durchaus berechtigt. China förderte letztes Jahr 124 000 Tonnen REE, 95% dessen, was weltweit verwendet wird. Auch wenn die Menge im Verhältnis zu Eisenerz, Kupfer oder Aluminium fast verschwindend klein ist: Bei keinem anderen Rohstoff ist die Abhängigkeit von einem einzigen Land grösser als bei den seltenen Metallen, die in fast allen modernen technischen Geräten vorhanden sind. «Die Welt kann ohne Mobiltelefone, Autos und Fernseher nicht mehr sein. Ausserdem spielen die Metalle eine entscheidende Rolle bei der Herstellung grüner Technologien», sagte Wang Caifeng gegenüber chinesischen Medien, für den Fall, dass die Bedeutung der angekündigten Massnahmen nicht deutlich genug zu Tage getreten wäre.

Kein Prius ohne Lanthan

Vor allem für die Herstellung der globalen Hoffnungsträger im Kampf gegen CO 2 -Emissionen sind Chinas Rohstoffe zentrale Zutaten – eine Verknappung käme einer starken Einschränkung bei der Entwicklung alternativer Energien gleich. Beschichtungen von Solarzellen enthalten ebenso seltene Substanzen wie Katalysatoren oder Elektromotoren. In jedem Hybridmotor von Toyota stecken 1 Kilogramm Neodym und 15 Kilogramm Lanthan, und sobald die nächste Generation auf den Markt kommt, gar doppelt so viel. Die Generatoren von Windturbinen wiederum enthalten mehrere hundert Kilo Dysprosium. «Diese Stoffe ermöglichen eine maximale magnetische Wirkung in Kombination mit hoher Korrosionsbeständigkeit», sagt Christoph Bolliger von der Zürcher Firma Bomatec, Zulieferer für Windturbinen-Generatoren. «Ohne die Metalle wäre die derzeitige Energieeffizienz von Wind oder Hybridmotoren nicht zu haben.» Von den Ausfuhrrestriktionen ist Bomatec nicht betroffen, die Firma bezieht die fertigen Magnete aus China – was ganz im Sinn der chinesischen Industriepolitik ist, die darauf abzielt, die Wertschöpfungskette weitgehend im eigenen Land zu behalten.

Anders bei der Firma Vacuumschmelze aus Hanau bei Frankfurt, dem einzigen Hersteller von Magneten in Europa und Importeur von REE. «Die chinesische Ankündigung könnten auch marketingtechnische Gründe haben. Weil der Absatz dieses Jahr wegen der Krise ins Stocken kam, versuchen einige der Minengesellschaften, dadurch die Nachfrage zu forcieren», sagt Geschäftsleitungsmitglied Bernd Schleede. Ein Versiegen der Metalleinfuhren aus China hätte für das Frankfurter Unternehmen existenzbedrohende Folgen. Das sieht auch Japan so, wo Wang Caifengs Statement die höchsten Wellen warf. Spitzenreiter im Verbrauch der Metalle ist der Toyota Prius. Angesichts der Pläne von Toyota, ab 2010 den hybrid betriebenen Prius weltweit jährlich eine Million Mal zu verkaufen, hat die Sicherstellung der Metalle strategische Bedeutung erlangt.

Mitsubishi und Toyota schlossen kürzlich Joint Ventures mit brasilianischen und kanadischen Firmen ab, und ein nationales Forschungsteam lässt Satelliten über Botswana kreisen, wo nach Vorkommen Ausschau gehalten wird. Denn im Gegensatz zum Namen kommen die Metalle der seltenen Erden auf der ganzen Welt häufig vor, nur haben es andere Länder unterlassen, in ihre Förderung zu investieren, was der hauptsächliche Grund für Chinas Quasimonopol ist.

Alles andere als grün


Erst seit die Chinesen nämlich mit viel billigeren Fördermethoden die Preise für REE in den Keller drückten (Neodym notierte beispielsweise Anfang der neunziger Jahre noch bei 50 $ pro Kilogramm, bevor es auf 5 $ einbrach), mussten weltweit andere Minengesellschaften den Betrieb einstellen, weil die Produktion unprofitabel wurde. Die Fördermethoden des unentberlichen Metalls grüner Technologien sind zudem alles andere als grün: Um 1 Tonne der Metalle zu gewinnen, kann es vorkommen, dass 2000 Tonnen Erde bewegt werden müssen. Und anders denn als Umweltverschmutzung kann laut vielen Experten die chinesische Billigförderung nicht bezeichnet werden: «Chemie auf den Berg schütten und unten die herausgeschwemmten Metalle auffangen», fasst ein Branchenkenner die ökologisch bedenkliche Methode zusammen. Es könnte sein, dass gerade höhere Umweltstandards in China zum Rückgang der Produktion in diesem Jahr geführt haben.

Der Preis für Neodym liegt wieder bei knapp 20 $, doch die Aussichten auf eine steigende Nachfrage in Verbindung mit den Ausfuhrrestriktionen Chinas lassen die Minen in Kanada und Australien ihre Bagger wieder auffahren. Das US-Unternehmen Molycorp Minerals will in Kalifornien die stillgelegte Mountain Pass Mine wieder in Betrieb nehmen, das grösste bekannte Vorkommen an REE ausserhalb Chinas.

Zu den Gewinnern der Umstände gehört die kanadische Explorationsfirma Avalon. Die Firma besitzt Schürfrechte am Thor Lake im Nordwesten Kanadas – laut Avalon-Geschäftsführer Don Bubar «eine wahre Goldgrube». Ab 2013 werden dort Tantal, Lithium und Niobium gefördert. «Die meisten unterschätzen REE noch – aber das wird sich schnell ändern», warb Bubar im Sommer 2008 auf der Suche nach neuen Investoren. Avalons Aktienkurs hat sich seit letztem Juni und nach Wang Caifengs Rede verfünffacht.

Freitag, September 04, 2009

NZZ: Weltweiter Wettlauf um Agrarland in Drittweltländern

NZZ-13.09.2009
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.

bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise...



NZZ-13.09.2009
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken
haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.

bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise und die Volatilität der Notierungen für Agrarerzeugnisse die Nachfrage nach landwirtschaftlich nutzbaren Böden weltweit angeheizt haben.

Wer kann, greift zu
Das Phänomen massiver friedlicher Landnahme, die kapitalistischen Regeln gehorcht, soll am kommenden Gipfeltreffen der G-8 in Italien zur Debatte stehen. Dem Wildwuchs zweifelhafter Geschäftspraktiken will man mit einer internationalen Übereinkunft Paroli bieten. Weltweit dürften ausländische Investoren in den letzten drei Jahren 15 Mio. bis 20 Mio. ha Ackerland in Entwicklungs- und Schwellenländern unter ihre Kontrolle gebracht haben, eine Fläche, die etwa der gesamten Produktionsfläche Frankreichs entspricht. Dafür seien 20 Mrd. bis 30 Mrd. $ bezahlt oder verpflichtet worden, schätzt das International Food Policy Research Institute (IFPRI), ein unabhängiges Forschungsinstitut in Washington. Zu den wichtigsten Akteuren zählen solvente, häufig durch Petrodollars reich gewordene Regierungen oder Staatsfonds aus Asien und den Golfstaaten, die der Beschaffung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen strategische Bedeutung beimessen. Man misstraut dem globalen Handelssystem mit den zuweilen abrupten Exportverboten in Notzeiten und will sich den ununterbrochenen direkten Zugang zu Nahrungsmitteln oder Bioenergie sichern. Begehrt sind vorab Ländereien im südlichen Afrika und in Asien, in kleinerem Umfang in Lateinamerika. Experten warnen vor der Gefahr der «Enklaven-Wirtschaft» im Stil der früher für Zentralamerika typischen «Bananenrepubliken». Politiker sprechen von «Agrar-Neokolonialismus», und Nichtregierungsorganisationen verteufeln das Phänomen als «land grab», als Landraub, mit desaströsen sozialen und politischen Auswirkungen.

Ordnung muss her
Allein in fünf Ländern Afrikas – Äthiopien, Ghana, Mali, Madagaskar und Sudan – sind laut einer unter der Ägide der Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO publizierten Studie in den letzten fünf Jahren 2,4 Mio. ha Land an ausländische Investoren abgetreten worden, Land, das bis vor kurzem keinerlei Marktwert hatte. Allerdings, so die Verfasser der Studie, seien die jährlichen Pachtzinsen auch im internationalen Vergleich äusserst niedrig; in Äthiopien etwa werden pro Hektare 3$ bis 10$ bezahlt. Ausländisches Kapital dominiert den Markt für grossflächige Agrar- Investitionen, aber vielerorts beteiligen sich bereits die lokalen Eliten am neuen Geschäft. Laut der Studie sind private Kauf- oder Pachtverträge häufiger als bilaterale Regierungsabkommen. Wo ausländische Regierungen intervenieren, werden nicht selten private Investoren vorgeschoben oder unterstützt. Mit ihrer Fallstudie will die FAO mit-helfen, einen Verhaltenskodex für grenzübergreifende Investitionen im Landwirtschaftsbereich und Richtlinien für den Landbesitz aufzustellen. Ähnliches hat diese Woche auch der Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, gefordert.
Er plädiert für multilaterale Regeln, wie sie auch das IFPRI vorschlägt (siehe Kasten).

Schutzmechanismen
Man müsse verhindern, dass Entwicklungsländer sich gegenseitig mit Angeboten zu übertreffen versuchten, um zu unvorteilhaften Bedingungen Direktinvestitionen im Agrarbereich anzuziehen, schreibt De Schutter. Klare Regeln erhöhten gleichzeitig die Rechtssicherheit für den Investor und schützten diesen vor möglichen Reputationsschäden.

Ein besonderes Anliegen ist dem Uno-Berichterstatter die Ernährungssicherheit für die einheimische Bevölkerung. Investitionsabkommen sollen Klauseln enthalten, wonach ein Teil der Ernten auf den lokalen Märkten verkauft werden muss, und dies unter besonderen Bedingungen, falls die Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten bestimmte Limiten überschreiten. Es gilt Konflikten vorzubeugen, die dann entstehen, wenn vor der Nase der hungernden Bevölkerung tonnenweise Lebensmittel ins Ausland abtransportiert werden. Die von der FAO vorgelegten Beispiele aus Afrika lassen erahnen, dass bei Vertragsverhandlungen mit mächtigen Investoren die betroffenen Landbesitzer eins ums andere Mal über den Tisch gezogen werden. Auch wird Korruption in grossem Stil vermutet, dann etwa, wenn Beamte in Äthiopien grosse Landflächen als «unfruchtbar» einstufen, um es so einfacher an Ausländer verschachern zu können. Laut den Experten des IFPRI besitzt die Mehrzahl afrikanischer Kleinbauern keine Landtitel. Respektiere man die überkommenen Rechte nicht, so sei die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen bedroht.

Mehr produzieren
Investoren, die in grossem Stil Ländereien in der Dritten Welt aufkaufen oder unter Pacht nehmen, stellen sich gerne als Wohltäter dar. Um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, muss dringend mehr produziert werden. Dazu sind enorme Kapitalinvestitionen in den Agrarsektor notwendig, die weder die meist armen Länder selber noch die internationale Entwicklungshilfe zu erbringen imstande sind. Gerade in Afrika wurde die Förderung der Landwirtschaft in der jüngsten Vergangenheit sträflich vernachlässigt. Vielerorts erhoffen sich jetzt Regierungen von ausländischen Grossinvestitionen einen eigentlichen Entwicklungsschub. Schon kursiert die Vision des dunklen Kontinents als «Brotkorb der Welt». Mit neuen Technologien sollen Saatgut und Anbaumethoden verbessert und so die Ernteerträge gesteigert werden. Als Nebeneffekt erhofft man sich dank Investitionen in Schulen, Spitälern und Strassen bessere Lebensverhältnisse für die Landbevölkerung. Der neueste Bericht der Uno- Wirtschaftskommission für Afrika liest sich wie ein grosses Lamento über die Rückständigkeit der Landwirtschaft auf dem Schwarzen Kontinent. Hier stehen insgesamt 733 Mio. ha Ackerland zur Verfügung, mehr als in Asien (628 Mio. ha) oder Lateinamerika (570 Mio. ha). Aber lange nicht alles Farmland wird auch tatsächlich bebaut. Die Auswertung von Satellitenaufnahmen hat ergeben, dass in Afrika lediglich ein Drittel für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird. Vor allem in den Ländern südlich der Sahara ist die Produktivität im Vergleich mit anderen Entwicklungsgebieten auf der Welt sehr bescheiden. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind unterkapitalisiert, werfen wenig Ertrag ab und sind in keine Wertschöpfungsketten eingebunden. Bewässert werden im Subsahara- Gebiet lediglich 3,6% der bebaubaren Fläche, Kunstdünger wird nur spärlich verwendet. Deprimierendes Fazit der Uno-Wirtschaftskommission ist: Afrikas Kleinbauern sind seit Jahrzehnten gefangen in einem Zyklus von Armut und Ernährungsunsicherheit.

Ein Kodex für faires Verhalten

bau. Die Experten des Washingtoner Think-Tank IFPRI wünschen sich dringend klare Regeln für Landkäufe in Entwicklungsländern.
Sie schlagen einen Verhaltenskodex vor, an den sich Regierungen in den Zielländern und Investoren aus dem Ausland zu halten haben:
• Verhandlungen sollen transparent sein. Lokale Landbesitzer sind zu informieren und in die Verhandlungen einzubeziehen.
Besondere Anstrengungen sind erforderlich, um indigene Gruppen zu schützen.
• Bestehende Landrechte sind zu respektieren. Dieses Postulat betrifft vor allem Ansprüche, die auf Gewohnheitsrecht oder Gemeinschaftsbesitz
fussen. Wer Land verliert, soll entsprechend entschädigt werden. Ihm ist eine gleichwertige Lebensgrundlage zu erstatten.
• Gewinne sind zu teilen. Die lokale Bevölkerung soll profitieren, nicht Verluste erleiden. Das Verpachten von Land ist dem Verkauf
mit einer einmaligen Abgeltung vorzuziehen, da Pachtzinsen ein regelmässiges Einkommen garantieren. Besser noch sind
Verträge, bei denen Kleinbauern im Auftragsverhältnis auf ihren eigenen Feldern produzieren. Verstösse gegen eingegangene
Verpflichtungen müssen geahndet werden.
• Landbau soll nachhaltig sein. Dazu gehören Massnahmen gegen Übernutzung von Böden, Verlust der Biodiversität, gesteigerten Ausstoss von Treibhausgasen und Vergeudung von Wasser auf Kosten anderer Verwendungszwecke.
• Bestimmungen mit Biss. Der Kodex muss international verankert sein und Recht schaffen, das überall, auch in den Herkunftsländern der Investoren, eingefordert werden kann. Dies betrifft im Besonderen Fälle von Korruption.