Tages Anzeiger Online 23.06.09
Kriegstreiber Bush und Blair auf der Anklagebank
Von Martin Kilian, Washington.
Die Vorgeschichte des Irakkriegs wird im britischen Parlament für rote Köpfe sorgen. Ein Thema ist das brisante Memorandum eines Beraters des damaligen Ministerpräsidenten Tony Blair.
Morgen wird das Parlament in London inmitten von geplanten Protesten von Kriegsgegnern beraten, ob die offizielle Untersuchung der Hintergründe der britischen Teilnahme an George W. Bushs Einmarsch im Irak öffentlich oder hinter verschlossenen Türen stattfinden soll.
Die Vorgänge in London werden sehr aufmerksam in Washington....
Tages Anzeiger Online 23.06.09
Kriegstreiber Bush und Blair auf der Anklagebank
Von Martin Kilian, Washington.
Die Vorgeschichte des Irakkriegs wird im britischen Parlament für rote Köpfe sorgen. Ein Thema ist das brisante Memorandum eines Beraters des damaligen Ministerpräsidenten Tony Blair.
Morgen wird das Parlament in London inmitten von geplanten Protesten von Kriegsgegnern beraten, ob die offizielle Untersuchung der Hintergründe der britischen Teilnahme an George W. Bushs Einmarsch im Irak öffentlich oder hinter verschlossenen Türen stattfinden soll.
Die Vorgänge in London werden sehr aufmerksam in Washington verfolgt werden: Während in der amerikanischen Hauptstadt eine umfassende Abrechnung mit dem Krieg auf Grund politischen Widerstands kaum zu erwarten ist, könnte in London die schmutzige Wäsche des Kriegs im Irak vor aller Augen gewaschen werden.
Zwar hatte sich Premier Gordon Brown auf Druck seines Vorgängers Tony Blair zunächst gegen eine öffentliche Untersuchung gesperrt, doch will Brown nach scharfen Protesten einlenken. George W. Bush und präsidialen Mitarbeiter wie der damaligen Sicherheitsberaterin Condolezza Rice könnte die Ausleuchtung des britischen Kriegseintritts einmal mehr politische Peinlichkeiten bescheren.
Unter anderem wird sich die Londoner Untersuchung mit einem brisanten Memorandum befassen, das beim Besuch Blairs im Weissen Haus am 31. Januar 2003 entstand – knapp zwei Monate vor Beginn des Kriegs also.
Das 2006 erstmals in Grossbritannien publizierte Memorandum basiert auf den Notizen von Blairs aussenpolitischem Berater David Manning, der den Gesprächen zwischen Bush und Blair an jenem Januartag beiwohnte. Ein öffentliche Prüfung dieses Memorandums dürfte in Washington neuerliche Forderungen nach einer umfassenden Aufarbeitung der Vorgeschichte des Einmarschs im Irak auslösen.
Das Memorandum, dessen Authentizität weder in London noch in Washington bestritten wurde, belegt unter anderem, dass die Entscheidung zum Krieg im Januar 2003 bereits gefallen war, obwohl Bush wie Blair beteuerten, man werde der Diplomatie bei den Vereinten Nationen eine letzte Chance geben.
Saddam Hussein provozieren
Da die Uno-Inspekteure zu diesem Zeitpunkt noch immer keine Spur der vermeintlichen irakischen Massenvernichtungswaffen gefunden hatten, schlug Bush bei der Begegnung mit Blair vor, Saddam Hussein zu provozieren und dadurch einen Vorwand für eine Intervention zu erhalten.
Bush wollte den Aufzeichnungen Mannings zu Folge ein amerikanisches U2-Aufklärungsflugzeug in den Farben der Uno in den irakischen Luftraum entsenden. Falls Saddam das Flugzeug angreife, verletze er Uno-Resolutionen und liefere den Anlass zum Krieg, so Bush.
Auf Blairs Verlangen nach einer zweiten Uno-Resolution, die einen Einmarsch legitimieren sollte, antwortete Bush laut dem Memorandum, die Vereinigten Staaten würden «ihr gesamtes Gewicht für eine zweite Resolution verwenden» und widerstrebenden Nationen notfalls «drohen».
Tatsächlich ordnete das Weisse Haus noch am selben Tag die elektronischen Spione der «National Security Agency» in Fort Meade nahe Washington an, die Telefone und Emails von Uno-Delegationen auszuspähen, die sich im Sicherheitsrat einem Krieg widersetzten.
Ein anderer Plan, der in Mannings Memorandum indes nicht erwähnt wird, sah vor, irakische Oppositionelle aus ihrem Exil mit Helikoptern in den Süden des Irak zu fliegen, wo sie auf einem Militärstützpunkt nahe der Grenze zu Saudiarabien einen Aufstand gegen Saddam ausrufen sollten. Ein irakischer Gegenangriff, so die Schlussfolgerung des Weissen Hauses, brächte den Diktator automatisch mit Uno-Resolutionen in Konflikt und lieferte mithin einen Kriegsgrund. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 23.06.2009, 07:37 Uhr
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Mittwoch, Juni 24, 2009
Montag, Juni 22, 2009
NZZ Folio: Männer und Frauen - Das Experiment - Eine genetische Vorliebe für Polizeiautos
NZZ Folio 10/08 - Das Experiment - Eine genetische Vorliebe für Polizeiautos
Welche Eigenschaft macht das Spielzeugauto für männliche Affen so anziehend?
1992 testete die Psychologin Melissa Hines die Neigung männlicher und weiblicher Affen, mit Puppen, Bällen und Spielzeugautos zu spielen. Das Resultat: Affen spielen politisch nicht korrekt.
Von Reto U. Schneider
Vor jedem Geburtstag stehen aufgeschlossene Eltern vor demselben Problem: Sollen sie ihrem Sohn....
NZZ Folio 10/08 - Das Experiment - Eine genetische Vorliebe für Polizeiautos
Welche Eigenschaft macht das Spielzeugauto für männliche Affen so anziehend?
1992 testete die Psychologin Melissa Hines die Neigung männlicher und weiblicher Affen, mit Puppen, Bällen und Spielzeugautos zu spielen. Das Resultat: Affen spielen politisch nicht korrekt.
Von Reto U. Schneider
Vor jedem Geburtstag stehen aufgeschlossene Eltern vor demselben Problem: Sollen sie ihrem Sohn den Betonmischer mit Profilreifen, Wassertank und Auslaufblechen kaufen, obwohl er eben erst den Kippsattelzug mit Zwillingsbereifung bekommen hat? Wäre es nicht an der Zeit, seine Fürsorge weg vom Hubstapler in Richtung Puppe zu lenken? Und das Mädchen? Sollte man ihm nicht den «Bob der Baumann»-Werkzeugkasten beliebt machen statt das dritte Fashion-Fever-Abendkleid für Barbie?
Wenig ist in einem Kinderleben so stabil wie die Vorlieben der Geschlechter für bestimmte Spielsachen. Lange Zeit vermutete man dahinter ausschliesslich die Sozialisation. Knaben imitieren Männer, Mädchen Frauen, die Werbung tut den Rest, so dass kein Knabe in der Nähe eines rosaroten Plüschponys gesehen werden will. Doch kann das die ganze Erklärung sein? Die Psychologin Melissa Hines zweifelte daran.
Als sie in den 1990er Jahren an der University of California in Los Angeles tätig war, zeigten Hines Studien, dass Mädchen, die wegen einer Störung vor der Geburt zu viel des männlichen Sexualhormons Testosteron produziert hatten, später eine Vorliebe für Helikopter und Feuerwehrautos entwickelten.
Doch gegen die Idee, Spielzeugvorlieben bei Kindern könnten auch hormonell bedingt sein, erwuchs erheblicher Widerstand. Einerseits war unklar, warum diese Vorlieben hätten angeboren sein sollen, andererseits war die Sache politisch: Viele Frauen unterstrichen die Forderung nach Gleichberechtigung mit dem Argument, typisch männliche oder weibliche Verhaltensweisen seien ausschliesslich das Resultat gesellschaftlicher Einflüsse. Da wäre es politisch äusserst unkorrekt gewesen, wenn sich Frauen schon als kleine Mädchen genetisch zum Kochherd hingezogen gefühlt hätten.
Es war Hines Kollegin Margaret Kemeny, die sie auf die entscheidende Idee brachte, wie sich die Sache klären liesse: Warum die Vorlieben für Spielzeug nicht dort messen, wo jeder Einfluss konservativer Eltern und knalliger Werbung ausgeschlossen werden kann – bei Affen? Also entwarfen Hines und ihre Mitarbeiterin Gerianne M. Alexander ein Experiment, das sie 1992 auf der Affenstation der Universität in Sepulveda durchführten: Sie präsentierten 88 Gelbgrünen Meerkatzen – 44 Weibchen und 44 Männchen – in Gruppen nacheinander sechs verschiedene Spielsachen und beobachteten, mit welchen sie am längsten spielten. Die Beliebtheit der Spielsachen war in früheren Studien bestimmt worden. Es waren zwei typisch männliche – ein Ball und ein Polizeiauto –, zwei typisch weibliche – eine Puppe und ein Kochtopf – und zwei neutrale – ein Bilderbuch und ein Plüschhund.
Die Resultate waren klar: Die männlichen Affen spielten doppelt so lange mit dem Ball und dem Polizeiauto wie die weiblichen, diese wiederum doppelt so lange mit der Puppe und dem Kochtopf wie die männlichen. Bilderbuch und Plüschhund waren ähnlich beliebt. Bis auf kleine Unterschiede zeigten die Affen also ähnliches Verhalten wie Menschenkinder. Wie Knaben spielten männliche Affen grundsätzlich häufiger mit Objekten als Mädchen und Weibchen.
Was das alles zu bedeuten hat, ist noch unklar, zumal die Forscher bei den Affen nicht dieselbe Methode anwenden konnten wie bei Kindern, die bei solchen Tests jeweils alleine sind und denen zwei Spielzeuge gleichzeitig zur Auswahl angeboten werden. Sicher scheint, dass die Vorliebe der Geschlechter für unterschiedliches Spielzeug nicht nur von Eltern und Fernsehspots bestimmt wird, sondern auch einen biologischen Anteil hat. Wie unpopulär diese Erkenntnis ist, erfuhren Hines und Alexander, als sie das Ergebnis publizieren wollten: Zehn Jahre dauerte es, bis sie eine Fachzeitschrift fanden, die ihren Artikel 2002 druckte. Sechs Jahre später wiesen andere Forscher bei männlichen Rhesusaffen eine Vorliebe für Spielzeug mit Rädern und eine Abneigung gegen Plüschtiere nach.
Die grosse Frage bleibt: Woher kommen diese unterschiedlichen Vorlieben? Wie konnte sich das männliche und das weibliche Gehirn dahin entwickeln, Dinge zu mögen, die es noch gar nicht gab, als dieses Gehirn von den Kräften der Evolution geformt wurde? Welche Eigenschaft eines Tiefladers macht ihn für ein männliches Gehirn attraktiv? Darüber wird im Moment eifrig spekuliert. Sind es die beweglichen Teile? Oder ist es gar nicht das Spielzeug selbst, sondern, was man damit tun kann? Mit einer Puppe kann man nicht am Boden herumfahren.
In der Wissenschaft sind es fast nur Frauen, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Ihre früheren Schulkollegen konstruieren derweil wohl Autos oder spielen Fussball.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Welche Eigenschaft macht das Spielzeugauto für männliche Affen so anziehend?
1992 testete die Psychologin Melissa Hines die Neigung männlicher und weiblicher Affen, mit Puppen, Bällen und Spielzeugautos zu spielen. Das Resultat: Affen spielen politisch nicht korrekt.
Von Reto U. Schneider
Vor jedem Geburtstag stehen aufgeschlossene Eltern vor demselben Problem: Sollen sie ihrem Sohn....
NZZ Folio 10/08 - Das Experiment - Eine genetische Vorliebe für Polizeiautos
Welche Eigenschaft macht das Spielzeugauto für männliche Affen so anziehend?
1992 testete die Psychologin Melissa Hines die Neigung männlicher und weiblicher Affen, mit Puppen, Bällen und Spielzeugautos zu spielen. Das Resultat: Affen spielen politisch nicht korrekt.
Von Reto U. Schneider
Vor jedem Geburtstag stehen aufgeschlossene Eltern vor demselben Problem: Sollen sie ihrem Sohn den Betonmischer mit Profilreifen, Wassertank und Auslaufblechen kaufen, obwohl er eben erst den Kippsattelzug mit Zwillingsbereifung bekommen hat? Wäre es nicht an der Zeit, seine Fürsorge weg vom Hubstapler in Richtung Puppe zu lenken? Und das Mädchen? Sollte man ihm nicht den «Bob der Baumann»-Werkzeugkasten beliebt machen statt das dritte Fashion-Fever-Abendkleid für Barbie?
Wenig ist in einem Kinderleben so stabil wie die Vorlieben der Geschlechter für bestimmte Spielsachen. Lange Zeit vermutete man dahinter ausschliesslich die Sozialisation. Knaben imitieren Männer, Mädchen Frauen, die Werbung tut den Rest, so dass kein Knabe in der Nähe eines rosaroten Plüschponys gesehen werden will. Doch kann das die ganze Erklärung sein? Die Psychologin Melissa Hines zweifelte daran.
Als sie in den 1990er Jahren an der University of California in Los Angeles tätig war, zeigten Hines Studien, dass Mädchen, die wegen einer Störung vor der Geburt zu viel des männlichen Sexualhormons Testosteron produziert hatten, später eine Vorliebe für Helikopter und Feuerwehrautos entwickelten.
Doch gegen die Idee, Spielzeugvorlieben bei Kindern könnten auch hormonell bedingt sein, erwuchs erheblicher Widerstand. Einerseits war unklar, warum diese Vorlieben hätten angeboren sein sollen, andererseits war die Sache politisch: Viele Frauen unterstrichen die Forderung nach Gleichberechtigung mit dem Argument, typisch männliche oder weibliche Verhaltensweisen seien ausschliesslich das Resultat gesellschaftlicher Einflüsse. Da wäre es politisch äusserst unkorrekt gewesen, wenn sich Frauen schon als kleine Mädchen genetisch zum Kochherd hingezogen gefühlt hätten.
Es war Hines Kollegin Margaret Kemeny, die sie auf die entscheidende Idee brachte, wie sich die Sache klären liesse: Warum die Vorlieben für Spielzeug nicht dort messen, wo jeder Einfluss konservativer Eltern und knalliger Werbung ausgeschlossen werden kann – bei Affen? Also entwarfen Hines und ihre Mitarbeiterin Gerianne M. Alexander ein Experiment, das sie 1992 auf der Affenstation der Universität in Sepulveda durchführten: Sie präsentierten 88 Gelbgrünen Meerkatzen – 44 Weibchen und 44 Männchen – in Gruppen nacheinander sechs verschiedene Spielsachen und beobachteten, mit welchen sie am längsten spielten. Die Beliebtheit der Spielsachen war in früheren Studien bestimmt worden. Es waren zwei typisch männliche – ein Ball und ein Polizeiauto –, zwei typisch weibliche – eine Puppe und ein Kochtopf – und zwei neutrale – ein Bilderbuch und ein Plüschhund.
Die Resultate waren klar: Die männlichen Affen spielten doppelt so lange mit dem Ball und dem Polizeiauto wie die weiblichen, diese wiederum doppelt so lange mit der Puppe und dem Kochtopf wie die männlichen. Bilderbuch und Plüschhund waren ähnlich beliebt. Bis auf kleine Unterschiede zeigten die Affen also ähnliches Verhalten wie Menschenkinder. Wie Knaben spielten männliche Affen grundsätzlich häufiger mit Objekten als Mädchen und Weibchen.
Was das alles zu bedeuten hat, ist noch unklar, zumal die Forscher bei den Affen nicht dieselbe Methode anwenden konnten wie bei Kindern, die bei solchen Tests jeweils alleine sind und denen zwei Spielzeuge gleichzeitig zur Auswahl angeboten werden. Sicher scheint, dass die Vorliebe der Geschlechter für unterschiedliches Spielzeug nicht nur von Eltern und Fernsehspots bestimmt wird, sondern auch einen biologischen Anteil hat. Wie unpopulär diese Erkenntnis ist, erfuhren Hines und Alexander, als sie das Ergebnis publizieren wollten: Zehn Jahre dauerte es, bis sie eine Fachzeitschrift fanden, die ihren Artikel 2002 druckte. Sechs Jahre später wiesen andere Forscher bei männlichen Rhesusaffen eine Vorliebe für Spielzeug mit Rädern und eine Abneigung gegen Plüschtiere nach.
Die grosse Frage bleibt: Woher kommen diese unterschiedlichen Vorlieben? Wie konnte sich das männliche und das weibliche Gehirn dahin entwickeln, Dinge zu mögen, die es noch gar nicht gab, als dieses Gehirn von den Kräften der Evolution geformt wurde? Welche Eigenschaft eines Tiefladers macht ihn für ein männliches Gehirn attraktiv? Darüber wird im Moment eifrig spekuliert. Sind es die beweglichen Teile? Oder ist es gar nicht das Spielzeug selbst, sondern, was man damit tun kann? Mit einer Puppe kann man nicht am Boden herumfahren.
In der Wissenschaft sind es fast nur Frauen, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Ihre früheren Schulkollegen konstruieren derweil wohl Autos oder spielen Fussball.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Sonntag, Juni 21, 2009
NZZ: Arnold Hottinger - «Die Iraner brauchen einen Führer»
NZZ Online: 16.06.2009
«Die Iraner brauchen einen Führer»
Arnold Hottinger über die äusserst fragile Lage in Iran
Für eine Öffnung in Iran ist es noch zu früh, sagt der frühere Nahostkorrespondent der NZZ. Im Gespräch erläutert er, weshalb die Iraner einen Führer brauchen und weshalb der unterlegene Kandidat Moussavi nicht das Zeug dafür hat.
Der Wächterrat hat den Wahlsieg Ahmadinejads nur wenige Stunden nach Urnenschluss veröffentlicht. Ist das in einem Staat mit über 60 Millionen Einwohnern überhaupt möglich?
16. Juni 2009, 16:36, NZZ Online
«Die Iraner brauchen einen Führer»
Arnold Hottinger über die äusserst fragile Lage in Iran
Für eine Öffnung in Iran ist es noch zu früh, sagt der frühere Nahostkorrespondent der NZZ. Im Gespräch erläutert er, weshalb die Iraner einen Führer brauchen und weshalb der unterlegene Kandidat Moussavi nicht das Zeug dafür hat.
Der Wächterrat hat den Wahlsieg Ahmadinejads nur wenige Stunden nach Urnenschluss veröffentlicht. Ist das in einem Staat mit über 60 Millionen Einwohnern überhaupt möglich?
Die ganze Auszählung war höchst verdächtig. Man hat auch den Eindruck, es ist etwas geregelt worden. Nicht nur, dass es so schnell ging, sondern auch, dass die Resultate überall gleich sind. Ich kann mir beispielsweise nicht erklären, wie Kandidat Rezai bloss ein Prozent der Stimmen erhalten konnte. Der gleiche Kandidat kam bei früheren Wahlen immerhin auf 17 Prozent.
Warum sind bis heute keine Wahlresultate aus den Bezirken und Städten veröffentlicht worden?
Eben, die ganze Geschichte ist zweifellos überhastet gemacht worden. Und das muss einen Grund haben. Offenbar wurde ein Befehl gegeben, ein bestimmtes Resultat zu erreichen.
Was könnte denn dieser Grund gewesen sein?
Die Revolutionswächter hören auf Khamenei. Und Khamenei wollte offensichtlich Ahmadinejad noch einmal haben. Das ist keine Frage. Er hat sich schon im Vorfeld der Wahlen deutlich für Ahmadinejad geäussert. Warum er ihn nochmals wollte, ist wahrscheinlich innenpolitischer Natur. Er hat Angst vor Lockerungen des politischen Systems. Moussavi ist zwar kein eigentlicher Reformer. Aber er wäre eben doch eine Art Alternative zu Ahamdinejad gewesen. Und all diese Leute, die eine Alternative wollten, haben sich hinter Moussavi gestellt. Das genügte schon, um Khamenei Angst einzujagen. Man muss bedenken, dass die Studentenunruhen von 1999 ein schwerer Schlag gegen das Regime waren. Da hat es mal richtig gewackelt. Und zwar viel mehr, als es im Ausland wahrgenommen wurde. Das Regime hat danach beschlossen, dass es nie mehr soweit kommen dürfe. Denn jede Öffnung würde gleich weiter ausgehöhlt.
Es ist ja kein Geheimnis, dass Moussavi kein richtiger Reformer ist. Er hatte während seiner Zeit als Ministerpräsident mehrere umstrittene Gesetze verabschiedet.
Es gibt aber sehr viele Politiker des zweiten und dritten Rangs, die damals noch ungeheuer gläubige Revolutionäre waren. Doch haben sie in der Zwischenzeit ihre Haltung revidiert. Der bekannteste unter ihnen ist zweifellos Ayatollah
Muntazeri, einst Stellvertreter Khomeinis, der heute ein klarer Opponent des Systems ist und daher völlig isoliert lebt. Auch er war damals ein Mitläufer, der das tat, was Khamenei wollte. Moussavi hatte aber stets eine Linkstendenz, auch als Ministerpräsident. Er wird auch erkannt haben, dass es ein Mitspracherechts des Volks braucht.
Ali Khamenei hat die Überprüfung des Wahlresultats angeordnet. Was bedeutet die konkret?
Ich fürchte, das ist bloss ein taktisches Manöver. Denn der Wächterrat, der die Überprüfung nun durchführen muss, wird von Khamenei an der kurzen Leine geführt. Das ganze dient bloss zur Beruhigung der Leute, nach dem Motto: «Wenn ihr alle reklamiert, dann leiten wir eine Untersuchung ein.» Mit dem Resultat, dass es dann heisst, alles sei in Ordnung gewesen. Das ist aber eine persönliche Einschätzung. Ob es tatsächlich so herauskommt, weiss ich nicht.
Wird es den geistlichen Führern gelingen, die Proteste gegen das Regime einzudämmen?
Das halte ich für wahrscheinlich, weil die Revolutionswächter alles daran setzen werden, dass Ruhe einkehrt. Ihre Macht im Staate kommt einem Imperium gleich. Sie bilden eine aufsteigende Linie im politischen System. Sie sind nicht bloss eine militärisch-politische Macht, sondern bauen auch an einem wirtschaftlichen Sonderimperium. Die Front heisst Khamenei plus Revolutionswächter gegen die politischen Ayatollahs, die einsehen, dass es mit Ahmedinejad kein Weiterkommen gibt. Es wird aber eine gewaltsame Ruhe sein, die den Leuten aufgedrängt wird.
Gibt es Parallelen zur Islamischen Revolution von 1979?
Der grosse Unterschied zu 1979 besteht darin, dass es heute keinen Führer gibt. Moussavi ist ein Anlass gewesen, sich Gehör zu verschaffen. Aber er ist zweifellos nicht der begeisternde Führer, wie es damals Khomeini gewesen ist. Die Revolutionswächter und Khamenei wissen sehr genau, dass sie einen potenziellen Führer vermeiden müssen. Wo immer sich einer zeigt, der zum Führer oder zum Sprecher einer ganzen Bevölkerungsgruppe werden könnte, wird er sofort eingesperrt.
Haben die jungen Iranerinnen und Iraner nicht genug von diesem totalitären Regime?
Man hat zweifellos gesehen, dass die junge Generation genug davon hat. Jene Leute, die das nicht mehr wollen, sind diese, die sich hinter Moussavi gestellt haben. Aber ob sie damit durchkommen, ist die grosse Frage. Sie brauchen einen Chef, einen Führer, der sie begeistert und hinter den sie sich aufreihen können. Als Khomeini frisch an der Macht war, fragte ich einen persischen Archäologen: «Jetzt habt ihr doch gerade erst den Schah vertrieben, und schon schafft ihr euch mit Khomeini einen neuen Führer.» So seien die Perser halt, lautete seine Antwort kurz und knapp. Das ist in der Tradition des Landes. Aber bei Moussavi sind solche Führertendenzen nicht auszumachen. Diesen Gefahren möchte er sich kaum aussetzen.
Dann ist das erst der Beginn eines Wandels, der Zeit braucht...
Manche sagen, es gebe immer noch viele Leute, die den Wandel von 1979 erlebt haben zu Skeptikern wurden. Sie sagen, sie wollen nicht noch eine weitere Revolution. Erst wenn die junge Generation zu jener wird, die in der Mehrzahl ist und die die Revolution Geschichte ist, dann kann ein neuer Schub eintreten. Zentral dabei bleibt, wie schnell sich ein neuer Führer findet. Anders ist es, wenn Khamenei stirbt. Er ist auf Lebzeiten Irans Oberhaupt. Der Kampf um seine Nachfolge könnte dannmal eine Öffnung mit sich bringen. Doch wir müssen uns auf einen langen und sehr komplexen Prozess einstellen.
Das Gespräch mit Arnold Hottinger führte Andrea Hohendahl.
«Die Iraner brauchen einen Führer»
Arnold Hottinger über die äusserst fragile Lage in Iran
Für eine Öffnung in Iran ist es noch zu früh, sagt der frühere Nahostkorrespondent der NZZ. Im Gespräch erläutert er, weshalb die Iraner einen Führer brauchen und weshalb der unterlegene Kandidat Moussavi nicht das Zeug dafür hat.
Der Wächterrat hat den Wahlsieg Ahmadinejads nur wenige Stunden nach Urnenschluss veröffentlicht. Ist das in einem Staat mit über 60 Millionen Einwohnern überhaupt möglich?
16. Juni 2009, 16:36, NZZ Online
«Die Iraner brauchen einen Führer»
Arnold Hottinger über die äusserst fragile Lage in Iran
Für eine Öffnung in Iran ist es noch zu früh, sagt der frühere Nahostkorrespondent der NZZ. Im Gespräch erläutert er, weshalb die Iraner einen Führer brauchen und weshalb der unterlegene Kandidat Moussavi nicht das Zeug dafür hat.
Der Wächterrat hat den Wahlsieg Ahmadinejads nur wenige Stunden nach Urnenschluss veröffentlicht. Ist das in einem Staat mit über 60 Millionen Einwohnern überhaupt möglich?
Die ganze Auszählung war höchst verdächtig. Man hat auch den Eindruck, es ist etwas geregelt worden. Nicht nur, dass es so schnell ging, sondern auch, dass die Resultate überall gleich sind. Ich kann mir beispielsweise nicht erklären, wie Kandidat Rezai bloss ein Prozent der Stimmen erhalten konnte. Der gleiche Kandidat kam bei früheren Wahlen immerhin auf 17 Prozent.
Warum sind bis heute keine Wahlresultate aus den Bezirken und Städten veröffentlicht worden?
Eben, die ganze Geschichte ist zweifellos überhastet gemacht worden. Und das muss einen Grund haben. Offenbar wurde ein Befehl gegeben, ein bestimmtes Resultat zu erreichen.
Was könnte denn dieser Grund gewesen sein?
Die Revolutionswächter hören auf Khamenei. Und Khamenei wollte offensichtlich Ahmadinejad noch einmal haben. Das ist keine Frage. Er hat sich schon im Vorfeld der Wahlen deutlich für Ahmadinejad geäussert. Warum er ihn nochmals wollte, ist wahrscheinlich innenpolitischer Natur. Er hat Angst vor Lockerungen des politischen Systems. Moussavi ist zwar kein eigentlicher Reformer. Aber er wäre eben doch eine Art Alternative zu Ahamdinejad gewesen. Und all diese Leute, die eine Alternative wollten, haben sich hinter Moussavi gestellt. Das genügte schon, um Khamenei Angst einzujagen. Man muss bedenken, dass die Studentenunruhen von 1999 ein schwerer Schlag gegen das Regime waren. Da hat es mal richtig gewackelt. Und zwar viel mehr, als es im Ausland wahrgenommen wurde. Das Regime hat danach beschlossen, dass es nie mehr soweit kommen dürfe. Denn jede Öffnung würde gleich weiter ausgehöhlt.
Es ist ja kein Geheimnis, dass Moussavi kein richtiger Reformer ist. Er hatte während seiner Zeit als Ministerpräsident mehrere umstrittene Gesetze verabschiedet.
Es gibt aber sehr viele Politiker des zweiten und dritten Rangs, die damals noch ungeheuer gläubige Revolutionäre waren. Doch haben sie in der Zwischenzeit ihre Haltung revidiert. Der bekannteste unter ihnen ist zweifellos Ayatollah
Muntazeri, einst Stellvertreter Khomeinis, der heute ein klarer Opponent des Systems ist und daher völlig isoliert lebt. Auch er war damals ein Mitläufer, der das tat, was Khamenei wollte. Moussavi hatte aber stets eine Linkstendenz, auch als Ministerpräsident. Er wird auch erkannt haben, dass es ein Mitspracherechts des Volks braucht.
Ali Khamenei hat die Überprüfung des Wahlresultats angeordnet. Was bedeutet die konkret?
Ich fürchte, das ist bloss ein taktisches Manöver. Denn der Wächterrat, der die Überprüfung nun durchführen muss, wird von Khamenei an der kurzen Leine geführt. Das ganze dient bloss zur Beruhigung der Leute, nach dem Motto: «Wenn ihr alle reklamiert, dann leiten wir eine Untersuchung ein.» Mit dem Resultat, dass es dann heisst, alles sei in Ordnung gewesen. Das ist aber eine persönliche Einschätzung. Ob es tatsächlich so herauskommt, weiss ich nicht.
Wird es den geistlichen Führern gelingen, die Proteste gegen das Regime einzudämmen?
Das halte ich für wahrscheinlich, weil die Revolutionswächter alles daran setzen werden, dass Ruhe einkehrt. Ihre Macht im Staate kommt einem Imperium gleich. Sie bilden eine aufsteigende Linie im politischen System. Sie sind nicht bloss eine militärisch-politische Macht, sondern bauen auch an einem wirtschaftlichen Sonderimperium. Die Front heisst Khamenei plus Revolutionswächter gegen die politischen Ayatollahs, die einsehen, dass es mit Ahmedinejad kein Weiterkommen gibt. Es wird aber eine gewaltsame Ruhe sein, die den Leuten aufgedrängt wird.
Gibt es Parallelen zur Islamischen Revolution von 1979?
Der grosse Unterschied zu 1979 besteht darin, dass es heute keinen Führer gibt. Moussavi ist ein Anlass gewesen, sich Gehör zu verschaffen. Aber er ist zweifellos nicht der begeisternde Führer, wie es damals Khomeini gewesen ist. Die Revolutionswächter und Khamenei wissen sehr genau, dass sie einen potenziellen Führer vermeiden müssen. Wo immer sich einer zeigt, der zum Führer oder zum Sprecher einer ganzen Bevölkerungsgruppe werden könnte, wird er sofort eingesperrt.
Haben die jungen Iranerinnen und Iraner nicht genug von diesem totalitären Regime?
Man hat zweifellos gesehen, dass die junge Generation genug davon hat. Jene Leute, die das nicht mehr wollen, sind diese, die sich hinter Moussavi gestellt haben. Aber ob sie damit durchkommen, ist die grosse Frage. Sie brauchen einen Chef, einen Führer, der sie begeistert und hinter den sie sich aufreihen können. Als Khomeini frisch an der Macht war, fragte ich einen persischen Archäologen: «Jetzt habt ihr doch gerade erst den Schah vertrieben, und schon schafft ihr euch mit Khomeini einen neuen Führer.» So seien die Perser halt, lautete seine Antwort kurz und knapp. Das ist in der Tradition des Landes. Aber bei Moussavi sind solche Führertendenzen nicht auszumachen. Diesen Gefahren möchte er sich kaum aussetzen.
Dann ist das erst der Beginn eines Wandels, der Zeit braucht...
Manche sagen, es gebe immer noch viele Leute, die den Wandel von 1979 erlebt haben zu Skeptikern wurden. Sie sagen, sie wollen nicht noch eine weitere Revolution. Erst wenn die junge Generation zu jener wird, die in der Mehrzahl ist und die die Revolution Geschichte ist, dann kann ein neuer Schub eintreten. Zentral dabei bleibt, wie schnell sich ein neuer Führer findet. Anders ist es, wenn Khamenei stirbt. Er ist auf Lebzeiten Irans Oberhaupt. Der Kampf um seine Nachfolge könnte dannmal eine Öffnung mit sich bringen. Doch wir müssen uns auf einen langen und sehr komplexen Prozess einstellen.
Das Gespräch mit Arnold Hottinger führte Andrea Hohendahl.
Samstag, Juni 20, 2009
Donnerstag, Juni 18, 2009
Spiegel Online: Deutschland - Zwangsarbeit in den 50er Jahre - Misshandelte Heimkinder fordern 25 Milliarden Euro Entschädigung
SPIEGEL ONLINE
13. Juni 2009, 12:57 Uhr
ZWANGSARBEIT IN FÜNFZIGER JAHREN
Misshandelte Heimkinder fordern 25 Milliarden Euro Entschädigung
Sie wurden erniedrigt, geschlagen und zu Schwerstarbeit gezwungen - und das vor allem in kirchlichen Einrichtungen im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre. Jetzt fordern die Mitglieder des Vereins ehemaliger Heimkinder ein Entschädigung von 25 Milliarden Euro.
München - Am Montag und Dienstag soll die Forderung....
SPIEGEL ONLINE
13. Juni 2009, 12:57 Uhr
ZWANGSARBEIT IN FÜNFZIGER JAHREN
Misshandelte Heimkinder fordern 25 Milliarden Euro Entschädigung
Sie wurden erniedrigt, geschlagen und zu Schwerstarbeit gezwungen - und das vor allem in kirchlichen Einrichtungen im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre. Jetzt fordern die Mitglieder des Vereins ehemaliger Heimkinder ein Entschädigung von 25 Milliarden Euro.
München - Am Montag und Dienstag soll die Forderung der ehemaligen Heimkinder bei der dritten Sitzung des Runden Tischs Heimerziehung vorgetragen werden. Die Einrichtung dieses Gremiums unter Leitung der früheren Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer war vom Bundestag Ende 2008 beschlossen worden, nachdem das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen sichtbar geworden war. Viele Heimkinder wurden in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem in kirchlichen Heimen geschlagen, erniedrigt und zu Schwerstarbeit gezwungen wurden. Im Februar hatten sich zur ersten Sitzung des Runden Tischs Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz für die Auswüchse entschuldigt.
Doch der Verein ehemaliger Heimkinder (VEH) will, dass darüber hinaus ein Entschädigungsfonds über 25 Milliarden Euro eingerichtet wird. "Auch wenn die Forderung auf den ersten Blick hoch erscheint, ist sie angesichts der großen Zahl der Betroffenen und der Schwere des erlittenen Unrechts, das ganze Biografien zerstört hat, maßvoll", erklärte VEH-Anwalt Gerrit Wilmans. "Auch im internationalen Vergleich liegt die Forderung bezogen auf den Einzelfall absolut im Schnitt." Die VEH-Vorsitzende Monika Tschapek-Güntner erklärte: "Jede dieser Taten ist eines zivilisierten Staates unwürdig und ist gleichermaßen zu entschädigen, unabhängig davon, wo sie geschehen ist."
Die Entschädigung soll dem VEH zufolge nicht vorwiegend vom Steuerzahler getragen werden. Verantwortlich seien in erster Linie die meist kirchlichen Heimträger sowie die beteiligten Betriebe, die von der Zwangsarbeit profitiert hätten.
Der VEH fordert neben der Entschädigung auch einen rentenversicherungsrechtlichen Ausgleich für die Zwangsarbeit sowie sofortige Verbesserungen der Rahmenbedingungen für die Behandlung der Traumata, unter denen viele ehemalige Heimkinder leiden. Der VEH verweist darauf, dass in Irland und Kanada Klagen von Heimkindern bereits zu Zahlungen in Milliardenhöhe geführt haben.
Vertreter der Heimkinder hatten von Kirche und Staat bereits im Februar bei der ersten Sitzung des Runden Tischs eine Entschädigung, worauf Vollmer allerdings zurückhaltend reagiert hatte.
ase/AP
13. Juni 2009, 12:57 Uhr
ZWANGSARBEIT IN FÜNFZIGER JAHREN
Misshandelte Heimkinder fordern 25 Milliarden Euro Entschädigung
Sie wurden erniedrigt, geschlagen und zu Schwerstarbeit gezwungen - und das vor allem in kirchlichen Einrichtungen im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre. Jetzt fordern die Mitglieder des Vereins ehemaliger Heimkinder ein Entschädigung von 25 Milliarden Euro.
München - Am Montag und Dienstag soll die Forderung....
SPIEGEL ONLINE
13. Juni 2009, 12:57 Uhr
ZWANGSARBEIT IN FÜNFZIGER JAHREN
Misshandelte Heimkinder fordern 25 Milliarden Euro Entschädigung
Sie wurden erniedrigt, geschlagen und zu Schwerstarbeit gezwungen - und das vor allem in kirchlichen Einrichtungen im Deutschland der fünfziger und sechziger Jahre. Jetzt fordern die Mitglieder des Vereins ehemaliger Heimkinder ein Entschädigung von 25 Milliarden Euro.
München - Am Montag und Dienstag soll die Forderung der ehemaligen Heimkinder bei der dritten Sitzung des Runden Tischs Heimerziehung vorgetragen werden. Die Einrichtung dieses Gremiums unter Leitung der früheren Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer war vom Bundestag Ende 2008 beschlossen worden, nachdem das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen sichtbar geworden war. Viele Heimkinder wurden in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem in kirchlichen Heimen geschlagen, erniedrigt und zu Schwerstarbeit gezwungen wurden. Im Februar hatten sich zur ersten Sitzung des Runden Tischs Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Deutschen Bischofskonferenz für die Auswüchse entschuldigt.
Doch der Verein ehemaliger Heimkinder (VEH) will, dass darüber hinaus ein Entschädigungsfonds über 25 Milliarden Euro eingerichtet wird. "Auch wenn die Forderung auf den ersten Blick hoch erscheint, ist sie angesichts der großen Zahl der Betroffenen und der Schwere des erlittenen Unrechts, das ganze Biografien zerstört hat, maßvoll", erklärte VEH-Anwalt Gerrit Wilmans. "Auch im internationalen Vergleich liegt die Forderung bezogen auf den Einzelfall absolut im Schnitt." Die VEH-Vorsitzende Monika Tschapek-Güntner erklärte: "Jede dieser Taten ist eines zivilisierten Staates unwürdig und ist gleichermaßen zu entschädigen, unabhängig davon, wo sie geschehen ist."
Die Entschädigung soll dem VEH zufolge nicht vorwiegend vom Steuerzahler getragen werden. Verantwortlich seien in erster Linie die meist kirchlichen Heimträger sowie die beteiligten Betriebe, die von der Zwangsarbeit profitiert hätten.
Der VEH fordert neben der Entschädigung auch einen rentenversicherungsrechtlichen Ausgleich für die Zwangsarbeit sowie sofortige Verbesserungen der Rahmenbedingungen für die Behandlung der Traumata, unter denen viele ehemalige Heimkinder leiden. Der VEH verweist darauf, dass in Irland und Kanada Klagen von Heimkindern bereits zu Zahlungen in Milliardenhöhe geführt haben.
Vertreter der Heimkinder hatten von Kirche und Staat bereits im Februar bei der ersten Sitzung des Runden Tischs eine Entschädigung, worauf Vollmer allerdings zurückhaltend reagiert hatte.
ase/AP
Mittwoch, Juni 17, 2009
NZZ: Die Früchte des Zorns - Wenn der Wirtschaftsboom endet, brechen für China politisch raue Zeiten an
15. Juni 2009, Neue Zürcher Zeitung
Die Früchte des Zorns
Wenn der Wirtschaftsboom endet, brechen für China politisch raue Zeiten an
Während der Stern Amerikas sinkt, wird China als neue Weltmacht gehandelt. Ein Interview mit dem chinesischen Schriftsteller Yu Hua über die Folgen des Tiananmen-Massakers von 1989 zeigt, dass der wirtschaftliche Boom durch Geschichtsleugnung und Korruption erkauft und die Stabilität des Landes fragil ist. Mit Yu Hua sprach Andreas Breitenstein.
15. Juni 2009, Neue Zürcher Zeitung
Die Früchte des Zorns
Wenn der Wirtschaftsboom endet, brechen für China politisch raue Zeiten an
Während der Stern Amerikas sinkt, wird China als neue Weltmacht gehandelt. Ein Interview mit dem chinesischen Schriftsteller Yu Hua über die Folgen des Tiananmen-Massakers von 1989 zeigt, dass der wirtschaftliche Boom durch Geschichtsleugnung und Korruption erkauft und die Stabilität des Landes fragil ist. Mit Yu Hua sprach Andreas Breitenstein.
Es jährt sich dieser Tage der 20. Jahrestag des Studentenmassakers auf dem Tiananmenplatz in Peking. Was bedeutet Ihnen dieses Datum heute?
Yu Hua: Für Chinesen sind solche runden Jubiläen von einiger Bedeutung. Deswegen habe ich auch im April schon einen Aufsatz zum Jahrestag verfasst. In den zwanzig Jahren, die seit 1989 vergangen sind, hatte ich eigentlich nichts in dieser Hinsicht geleistet. Die Niederschrift war für mich erlösend. Es war mir allerdings die ganze Zeit klar, dass der Artikel in China nicht würde erscheinen können. Es war das erste Mal, dass ich etwas Derartiges zu Papier gebracht habe. Aber ich denke, irgendwann wird es so weit sein, dass solches publiziert werden kann. Die Ereignisse vom 4. Juni waren ein Wendepunkt in der chinesischen Geschichte. China war ja ein sozialistisches Land, und sozialistische Länder haben die Besonderheit, dass die Menschen stark an der Politik Anteil nehmen. Natürlich nur in der Richtung, die von der Regierung vorgegeben ist. Diese Anteilnahme ist damals konzentriert zum Ausbruch gekommen, und zwar in einer Weise, die den Vorgaben der Herrschenden diametral zuwiderlief. In gewisser Weise war es eine politische Begeisterung, die aus der Zeit der Kulturrevolution stammte. Es war wie eine innere Befreiung. Seither allerdings ist es gründlich vorbei mit dem politischen Enthusiasmus.
Verändertes Wertesystem
Was waren die Folgen der Niederschlagung der studentischen Demokratiebewegung?
Das gesamte Wertesystem der Chinesen hat sich verändert. Es gibt heute keine anderen Ziele mehr neben dem, reich zu werden. Der idealistische Wahn der Kulturrevolution ist also umgeschlagen in die Manie des Geldverdienens. Der wirtschaftliche Aufschwung, den China seit den neunziger Jahren genommen hat, war die logische Folge dieses verrückten Strebens nach Reichtum. Ein anderes kommt dazu: Da der 4. Juni 1989 in China seit zwanzig Jahren totgeschwiegen wird, wissen die jüngeren Menschen gar nicht, was damals passiert ist. Die Eltern, die damals womöglich mit dabei waren, haben kein Interesse daran, den Kindern etwas zu erzählen. Zum einen, weil sie selbst starkem Druck ausgesetzt waren, zum andern, weil sie meinen, es könnte für die Kinder sogar schädlich sein, davon zu wissen. Das war auch der Grund, warum ich diesen Artikel geschrieben habe, der mittlerweile (am 31. Mai) in der «New York Times» erschienen ist und viel Zustimmung erfahren hat. Ich wollte mich an die jüngere Generation wenden.
Waren Sie auf dem Tiananmenplatz mit dabei?
Ja sicher, ich habe in Peking an vielen Demonstrationen teilgenommen, allerdings nicht an der vom 3./4. Juni, die mit Gewalt beendet wurde. Damals war ich in einer Familienangelegenheit im Süden unterwegs. Auf dem Rückweg nach Peking habe ich in den frühen Morgenstunden über den Zugfunk die Nachricht von der Niederschlagung des «konterrevolutionären Aufstands» erfahren, wie das damals genannt wurde.
Hatte die 89er Demokratiebewegung überhaupt eine Chance?
Es war von Anfang an klar, dass diese Bewegung nicht erfolgreich sein würde. 1989 war das elfte Jahr der Reform- und Öffnungspolitik von Deng Xiaoping. Damals waren die Bauern die Hauptnutzniesser. Und die Arbeiter, die erst im Lauf der neunziger Jahre wegen des massenhaften Bankrotts der grossen Staatsbetriebe arbeitslos wurden, waren noch nicht Opfer der neuen Politik. Mit andern Worten waren die gesellschaftlichen Widersprüche noch nicht so zugespitzt. Den Zorn, der heute in der chinesischen Gesellschaft nistet, gab es damals noch gar nicht, sondern lediglich ein Gefühl der Unzufriedenheit. Die Losung, unter der sich viele Bürger damals der Studentenbewegung anschlossen, war keineswegs Demokratie. Man wandte sich vielmehr gegen Korruption und Nepotismus. Anfang April war der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Hu Ya Bang, der wegen seiner Demokratisierungsbemühungen beliebt war, gestorben. In der Halle des Volkes gab es eine offizielle Trauerfeier, bei der Deng Xiaoping und die kommunistische Führung anwesend waren. Auf dem Tiananmenplatz vor dem Gebäude hatten sich mehrere zehntausend trauernde Studenten versammelt und eine Petition abgefasst, die sie dem Ministerpräsidenten Li Peng überreichen wollten. Drei Studentenvertreter knieten stundenlang vor der grossen Halle des Volkes, doch es fand sich niemand, der die Petition entgegengenommen hätte. Viele Studenten, die dieser Szene beiwohnten, brachen in Tränen aus, viele andere, darunter auch Pekinger Bürger, machte die arrogante Haltung der Regierenden zornig. Es kam dann zu Auseinandersetzungen zwischen zwei Faktionen innerhalb der KP. Auf der einen Seite der Generalsekretär Zhao Ziyang, der einen gemässigten Kurs verfolgte, auf der anderen die Hardliner. Zhao Ziyangs Staatsbesuch in Korea bot ihnen die Gelegenheit, diesen abzusetzen. Im offiziellen Parteiorgan erschien ein scharfer Leitartikel, der die Studentenaktion als konterrevolutionär geisselte. Noch einmal stieg der Zorn, doch noch wäre die Sache friedlich zu regeln gewesen. Als dann aber im Mai der Ausnahmezustand verhängt wurde, war die Chance vertan. Dabei hat keiner der auf dem Tiananmenplatz Versammelten je damit gerechnet, dass die Soldaten tatsächlich das Feuer eröffnen würden. Die Demonstrationen wurden zunächst als geplante konterrevolutionäre Provokation hingestellt. Ein paar Monate später sprach man nur noch von einem politischen Sturm, danach war von den blutigen Ereignissen überhaupt keine Rede mehr. Seither ist in China eine ganze Generation in Unwissenheit über dieses geschichtliche Ereignis aufgewachsen.
Die KP Chinas hat damals jene Legitimität verloren, die sie seither verzweifelt durch eine boomende Wirtschaft zurückzugewinnen sucht.
Das kann man so sagen, denn auf den Juni 1989 folgte Chinas rasanter wirtschaftlicher Aufstieg, und alle Menschen, ob Linke oder Rechte, vergassen darüber alles andere. Damals waren die Studenten ja ausgezogen, um gegen die Korruption zu protestieren. Dabei war die damalige Korruption nichts im Vergleich zu dem, was heute abläuft. Zwar wird in China Korruption allgemein verabscheut, doch haben die Leute gut damit leben gelernt. Denn die Wirtschaft wächst ständig, seit dreissig Jahren um jährlich mehr als neun Prozent. Gegenüber diesem rasanten Fortschritt erscheint alles andere als «Peanuts». Allerdings kann es nicht ewig so weitergehen mit dem Wirtschaftswunder. Es kommt der Tag, wo es schwindet, wir sind inzwischen so weit. Und genau dies ist die Zeit, in der das Verleugnete und Vernachlässigte wieder in den Mittelpunkt rückt. Heute sind die Empfindlichkeiten anders als 1989: Man darf nicht vergessen, dass die freiheitlich gesinnten Studenten der achtziger Jahre alle die Katastrophe der Kulturrevolution erlebt hatten. Sie wussten, was ein Leben in Armut bedeutet, und sie erkannten, dass die Unfreiheit, in der sie leben mussten, der Grund für diese Armut war. Die heutige Studentengeneration ist aufgewachsen in einer Zeit des Aufschwungs. Sie hat keine Ahnung von Armut, sie erfreut sich absoluter persönlicher Freiheit. Die Jungen können alles machen, solange sie nicht die Partei direkt angreifen oder ihre Herrschaft in Frage stellen. China ist schon ein seltsames Land: Auf der einen Seite leben wir immer noch unter der Diktatur einer Partei, die mit administrativen Massnahmen alles bestimmen kann, auf der anderen Seite aber sind wir viel freier als im Westen. So können wir andere nach Herzenslust verleumden, ohne dass wir zur Verantwortung gezogen werden. Nur die Regierung kritisieren geht nicht. Nun aber stagniert die Wirtschaft, so dass viele Wanderarbeiter nach Hause geschickt werden. Doch auch viele Uni-Absolventen finden keine Arbeit. Es gibt im Moment rund sieben Millionen arbeitslose Hochschulabsolventen. Und Ende Juni kommen weitere sechs Millionen auf den Arbeitsmarkt. Für viele Kinder aus armen Familien ist das Hochschulstudium der einzige Weg des Aufstiegs. Inzwischen wollen viele von ihnen gar nicht mehr an der Zulassungsprüfung teilnehmen.
Wirtschaftswunder und Gewalt
Heisst das, dass sich etwas zusammenbraut?
Das ist schwer vorauszusagen. Aber wenn diese Hochschulabsolventen ein paar harte Jahre durchgemacht haben, werden sie sich in ihrem Denken jenem der 89er Generation annähern.
Viele Länder Ostasiens haben in jüngster Zeit den Weg einer rasenden Modernisierung eingeschlagen. Einen traumatisierten politischen Willen zum Vergessen hat es dazu gar nicht gebraucht.
Es gibt einen wesentlichen Unterschied zu Japan, Südkorea oder Taiwan. Die Entwicklungen dort finden unter den Bedingungen politischer Transparenz statt. In China jedoch herrscht das Gegenteil. Nehmen Sie etwa die Bautätigkeit: Wenn man ein altes städtisches Wohngebiet abreissen und etwas Neues bauen möchte, ist das in Südkorea gar nicht so einfach. Wenn die Eigentümer oder Mieter nicht zustimmen, sind den Behörden die Hände gebunden. Ganz anders in China, da entscheidet die Regierung, dass abgerissen wird. Und dann wird abgerissen! Setzt sich jemand zur Wehr, kommt die Polizei, und kaum ist die Verhaftung erfolgt, sind auch schon die Bagger da. In unserem Wirtschaftswunder steckt eine Menge Gewalt.
Vielleicht sind die meisten Leute, die da umgesiedelt werden, gar nicht so unglücklich. Ihr Lebensstandard erhöht sich sprunghaft in den modernen Überbauungen, in die sie umgesiedelt werden.
Gewiss, es ist wohl sogar die Mehrheit, die ganz gern in modernen Wohnungen lebt. Aber China ist eine Gesellschaft, wo das Gute und das Schlechte untrennbar miteinander verbunden sind. Auf der einen Seite bewirkt der zentralistische Dirigismus der Regierung, dass der wirtschaftliche Fortschritt ungeahnt schnell ist. Auf der anderen Seite kommt es aber auch zu einer ungeahnten Zuspitzung ökonomischer Widersprüche. Jetzt, wo Sand im Getriebe der Wirtschaft ist, werden viele soziale Probleme zum Ausbruch kommen.
Ist Chinas Grundübel nicht die Wurzellosigkeit? Die Kulturrevolution hat das Land brutal von der konfuzianischen Tradition abgeschnitten und eine haltlose Gesellschaft hinterlassen. Heute sucht man im Nationalismus einen Anker. Wie kann China zu seinen Wurzeln zurückfinden?
Am Anfang der Öffnungspolitik hat Deng Xiaoping einen berühmten Satz gesagt: «Wir müssen für unseren Weg über den Fluss die Stellen aussuchen, wo wir Steine finden, auf die wir treten können.» Und so, wie das in den letzten dreissig Jahren gegangen ist, sind wir ständig auf der Suche nach solchen Trittsteinen gewesen. Wir haben nie gewusst, wo der nächste Stein ist, wo wir Halt finden. Es ist schon erstaunlich, dass in dieser Zeit nicht viel mehr Leute ertrunken sind. Und wir wissen auch nicht, ob sich bald vor uns ein Abgrund auftut, in den wir hineinstürzen werden. Das hat insgesamt zu einer dramatischen Sicht auf die Dinge geführt: Die Regierung erzählt immer etwas von grossen Zielen, aber in Wirklichkeit tasten wir uns im Ungewissen voran. Es gibt ja noch einen anderen bekannten Satz von Deng nach dem Ende der Kulturrevolution: «Es ist ganz gleich, ob eine Katze schwarz oder weiss ist. Solange sie Mäuse fängt, ist sie eine gute Katze.» Was heisst: Ob man es nun Sozialismus oder Kapitalismus nennt, Hauptsache, es bringt Geld. Deswegen ist das System, mit dem wir es zurzeit in China zu tun haben, weder Sozialismus noch Kapitalismus. Oder anders gesagt: Es ist beides, Kapitalismus und Sozialismus.
Was ist denn das Kommunistische an der KP heutzutage? Die Ideologie ist doch längst implodiert.
Niemand redet mehr vom Kommunismus. Nur unsere Funktionäre noch. Doch auch sie glauben nicht mehr daran. In der Schule wird der Kommunismus nach aussen hin weiter propagiert. Aber die Kinder hören gar nicht zu. Sie leben ja in einer Umgebung, die solche Lehren auf Schritt und Tritt ad absurdum führt.
Keine alternative Kraft
Es gibt ja noch ein anderes China – Taiwan, das sich aus diktatorischen Verhältnissen herausgearbeitet hat. Und auch Südkorea hat eine Militärdiktatur abgeworfen. Es gibt Modelle dafür, eine Tyrannei friedlich zu überwinden.
Sicher gibt es das. Aber ich sehe für China keinen gangbaren Weg. Die Kommunistische Partei übt nach wie vor die absolute Kontrolle aus. Und es gibt keine Kraft, welche sie als Führungskraft ersetzen könnte. Sobald sich eine solche zeigen würde, würde sie sofort liquidiert werden.
Können Sie sich ein demokratisches China überhaupt vorstellen? China hat ja so gut wie keine demokratische Tradition.
Es kommt darauf an, was man unter Demokratie versteht. Für die absolute Mehrheit der chinesischen Bevölkerung ist die Freiheit, die sie heute geniesst, genug. Ihr Massstab ist die Kulturrevolution, nicht der Westen. Ich halte es nicht für sehr realistisch, für China ein westliches Demokratiemodell zu postulieren. Das liegt daran, dass die Vergangenheit Chinas und die Vergangenheit des Westens eben doch zu unterschiedlich sind. Auch gibt es grosse Unterschiede zwischen orientalischer Demokratie und okzidentaler Demokratie. Nehmen wir Indien und Pakistan, die ja als Demokratien gelten. Da liegt die Macht mehr oder minder in den Händen bestimmter Familien.
Ist China als Land nicht einfach zu gross? Braucht es eine Zentralgewalt, damit es nicht zerfällt?
Wir brauchen gar nicht so weit in der Geschichte zurückzugehen. Wir hatten nach dem Untergang des chinesischen Kaiserreichs 1911 eine Periode, wo das Land nach aussen hin, als Republik China, noch einheitlich war, aber in Wirklichkeit zerfiel es in die Einflussbereiche von «Warlords», die in ihrer jeweiligen Machtsphäre mehr oder weniger uneingeschränkt herrschten. Erst 1949 gelang es Mao Zedong, China wieder unter einheitliche Kontrolle zu bringen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in China 56 verschiedene Nationalitäten gibt, unter denen die Han-Chinesen nur die grösste sind. Ohne eine starke Zentralregierung wird immer die Gefahr bestehen, dass sich das Land spaltet. Ich halte eine autoritäre Zentralmacht immer noch für das kleinere Übel als einen blutigen inneren Zerfall.
Vor dem Mao-Mausoleum auf dem Tiananmenplatz stehen täglich lange Besucherschlangen. Wer pilgert denn heute noch zum «roten Kaiser»?
Sie müssen wissen, dass sich in China viele Leute nach Mao zurücksehnen. Viele sind dem Tempo der Entwicklung einfach nicht gewachsen. Ich bemühe nochmals das Sprichwort: Zwischen zwei Übeln wählt man das kleinere. Selbst in der Kulturrevolution verlief das Leben der Menschen in ruhigen Bahnen, es gab damals keinerlei Konkurrenz. Heute hingegen ist die chinesische Gesellschaft absolut kompetitiv. Wer auf der Strecke bleibt, wünscht sich die alten Zeiten zurück.
Ein literarischer Star Chinas
A. Bn. Yu Hua ist nicht nur ein freidenkender Intellektueller, sondern vor allem auch ein grosser Dichter, wovon sein grandioser Roman «Brüder» zeugt, der diesen August in deutscher Übersetzung bei S. Fischer erscheint. 1960 in der ostchinesischen Provinz Zhejiang geboren, hat Yu Hua als Zahnarzt praktiziert, bevor er Schriftsteller wurde. Er lebt heute in Peking. Sein Roman «Leben!» wurde von Zhang Yimou verfilmt, der damit in Cannes 1994 den Grossen Preis der Regie gewann. Während Teile des Buches in China Schullektüre sind, ist der Film bis heute verboten. In zwei Bänden erschienen, wurde «Brüder» in China ein 1,5-Millionen-Bestseller. Warum der Roman, der als magisch-realistisches Welttheater den Bogen schlägt von der Kulturrevolution bis zum Wirtschaftsboom und mit beidem ebenso witzig wie böse abrechnet, die Zensur passieren konnte, bleibt dem westlichen Leser ein Rätsel. Gemäss Yu Hua gibt es unterschiedliche Zensurbehörden und keine einheitlichen Massstäbe. Die literarische Zensur obliege den Verlagen selbst, doch da sich diese unter starkem Erfolgsdruck bewegten, seien sie geneigt, ein politisches Risiko einzugehen. China sei eben «ein seltsames Land».
Die Früchte des Zorns
Wenn der Wirtschaftsboom endet, brechen für China politisch raue Zeiten an
Während der Stern Amerikas sinkt, wird China als neue Weltmacht gehandelt. Ein Interview mit dem chinesischen Schriftsteller Yu Hua über die Folgen des Tiananmen-Massakers von 1989 zeigt, dass der wirtschaftliche Boom durch Geschichtsleugnung und Korruption erkauft und die Stabilität des Landes fragil ist. Mit Yu Hua sprach Andreas Breitenstein.
15. Juni 2009, Neue Zürcher Zeitung
Die Früchte des Zorns
Wenn der Wirtschaftsboom endet, brechen für China politisch raue Zeiten an
Während der Stern Amerikas sinkt, wird China als neue Weltmacht gehandelt. Ein Interview mit dem chinesischen Schriftsteller Yu Hua über die Folgen des Tiananmen-Massakers von 1989 zeigt, dass der wirtschaftliche Boom durch Geschichtsleugnung und Korruption erkauft und die Stabilität des Landes fragil ist. Mit Yu Hua sprach Andreas Breitenstein.
Es jährt sich dieser Tage der 20. Jahrestag des Studentenmassakers auf dem Tiananmenplatz in Peking. Was bedeutet Ihnen dieses Datum heute?
Yu Hua: Für Chinesen sind solche runden Jubiläen von einiger Bedeutung. Deswegen habe ich auch im April schon einen Aufsatz zum Jahrestag verfasst. In den zwanzig Jahren, die seit 1989 vergangen sind, hatte ich eigentlich nichts in dieser Hinsicht geleistet. Die Niederschrift war für mich erlösend. Es war mir allerdings die ganze Zeit klar, dass der Artikel in China nicht würde erscheinen können. Es war das erste Mal, dass ich etwas Derartiges zu Papier gebracht habe. Aber ich denke, irgendwann wird es so weit sein, dass solches publiziert werden kann. Die Ereignisse vom 4. Juni waren ein Wendepunkt in der chinesischen Geschichte. China war ja ein sozialistisches Land, und sozialistische Länder haben die Besonderheit, dass die Menschen stark an der Politik Anteil nehmen. Natürlich nur in der Richtung, die von der Regierung vorgegeben ist. Diese Anteilnahme ist damals konzentriert zum Ausbruch gekommen, und zwar in einer Weise, die den Vorgaben der Herrschenden diametral zuwiderlief. In gewisser Weise war es eine politische Begeisterung, die aus der Zeit der Kulturrevolution stammte. Es war wie eine innere Befreiung. Seither allerdings ist es gründlich vorbei mit dem politischen Enthusiasmus.
Verändertes Wertesystem
Was waren die Folgen der Niederschlagung der studentischen Demokratiebewegung?
Das gesamte Wertesystem der Chinesen hat sich verändert. Es gibt heute keine anderen Ziele mehr neben dem, reich zu werden. Der idealistische Wahn der Kulturrevolution ist also umgeschlagen in die Manie des Geldverdienens. Der wirtschaftliche Aufschwung, den China seit den neunziger Jahren genommen hat, war die logische Folge dieses verrückten Strebens nach Reichtum. Ein anderes kommt dazu: Da der 4. Juni 1989 in China seit zwanzig Jahren totgeschwiegen wird, wissen die jüngeren Menschen gar nicht, was damals passiert ist. Die Eltern, die damals womöglich mit dabei waren, haben kein Interesse daran, den Kindern etwas zu erzählen. Zum einen, weil sie selbst starkem Druck ausgesetzt waren, zum andern, weil sie meinen, es könnte für die Kinder sogar schädlich sein, davon zu wissen. Das war auch der Grund, warum ich diesen Artikel geschrieben habe, der mittlerweile (am 31. Mai) in der «New York Times» erschienen ist und viel Zustimmung erfahren hat. Ich wollte mich an die jüngere Generation wenden.
Waren Sie auf dem Tiananmenplatz mit dabei?
Ja sicher, ich habe in Peking an vielen Demonstrationen teilgenommen, allerdings nicht an der vom 3./4. Juni, die mit Gewalt beendet wurde. Damals war ich in einer Familienangelegenheit im Süden unterwegs. Auf dem Rückweg nach Peking habe ich in den frühen Morgenstunden über den Zugfunk die Nachricht von der Niederschlagung des «konterrevolutionären Aufstands» erfahren, wie das damals genannt wurde.
Hatte die 89er Demokratiebewegung überhaupt eine Chance?
Es war von Anfang an klar, dass diese Bewegung nicht erfolgreich sein würde. 1989 war das elfte Jahr der Reform- und Öffnungspolitik von Deng Xiaoping. Damals waren die Bauern die Hauptnutzniesser. Und die Arbeiter, die erst im Lauf der neunziger Jahre wegen des massenhaften Bankrotts der grossen Staatsbetriebe arbeitslos wurden, waren noch nicht Opfer der neuen Politik. Mit andern Worten waren die gesellschaftlichen Widersprüche noch nicht so zugespitzt. Den Zorn, der heute in der chinesischen Gesellschaft nistet, gab es damals noch gar nicht, sondern lediglich ein Gefühl der Unzufriedenheit. Die Losung, unter der sich viele Bürger damals der Studentenbewegung anschlossen, war keineswegs Demokratie. Man wandte sich vielmehr gegen Korruption und Nepotismus. Anfang April war der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Hu Ya Bang, der wegen seiner Demokratisierungsbemühungen beliebt war, gestorben. In der Halle des Volkes gab es eine offizielle Trauerfeier, bei der Deng Xiaoping und die kommunistische Führung anwesend waren. Auf dem Tiananmenplatz vor dem Gebäude hatten sich mehrere zehntausend trauernde Studenten versammelt und eine Petition abgefasst, die sie dem Ministerpräsidenten Li Peng überreichen wollten. Drei Studentenvertreter knieten stundenlang vor der grossen Halle des Volkes, doch es fand sich niemand, der die Petition entgegengenommen hätte. Viele Studenten, die dieser Szene beiwohnten, brachen in Tränen aus, viele andere, darunter auch Pekinger Bürger, machte die arrogante Haltung der Regierenden zornig. Es kam dann zu Auseinandersetzungen zwischen zwei Faktionen innerhalb der KP. Auf der einen Seite der Generalsekretär Zhao Ziyang, der einen gemässigten Kurs verfolgte, auf der anderen die Hardliner. Zhao Ziyangs Staatsbesuch in Korea bot ihnen die Gelegenheit, diesen abzusetzen. Im offiziellen Parteiorgan erschien ein scharfer Leitartikel, der die Studentenaktion als konterrevolutionär geisselte. Noch einmal stieg der Zorn, doch noch wäre die Sache friedlich zu regeln gewesen. Als dann aber im Mai der Ausnahmezustand verhängt wurde, war die Chance vertan. Dabei hat keiner der auf dem Tiananmenplatz Versammelten je damit gerechnet, dass die Soldaten tatsächlich das Feuer eröffnen würden. Die Demonstrationen wurden zunächst als geplante konterrevolutionäre Provokation hingestellt. Ein paar Monate später sprach man nur noch von einem politischen Sturm, danach war von den blutigen Ereignissen überhaupt keine Rede mehr. Seither ist in China eine ganze Generation in Unwissenheit über dieses geschichtliche Ereignis aufgewachsen.
Die KP Chinas hat damals jene Legitimität verloren, die sie seither verzweifelt durch eine boomende Wirtschaft zurückzugewinnen sucht.
Das kann man so sagen, denn auf den Juni 1989 folgte Chinas rasanter wirtschaftlicher Aufstieg, und alle Menschen, ob Linke oder Rechte, vergassen darüber alles andere. Damals waren die Studenten ja ausgezogen, um gegen die Korruption zu protestieren. Dabei war die damalige Korruption nichts im Vergleich zu dem, was heute abläuft. Zwar wird in China Korruption allgemein verabscheut, doch haben die Leute gut damit leben gelernt. Denn die Wirtschaft wächst ständig, seit dreissig Jahren um jährlich mehr als neun Prozent. Gegenüber diesem rasanten Fortschritt erscheint alles andere als «Peanuts». Allerdings kann es nicht ewig so weitergehen mit dem Wirtschaftswunder. Es kommt der Tag, wo es schwindet, wir sind inzwischen so weit. Und genau dies ist die Zeit, in der das Verleugnete und Vernachlässigte wieder in den Mittelpunkt rückt. Heute sind die Empfindlichkeiten anders als 1989: Man darf nicht vergessen, dass die freiheitlich gesinnten Studenten der achtziger Jahre alle die Katastrophe der Kulturrevolution erlebt hatten. Sie wussten, was ein Leben in Armut bedeutet, und sie erkannten, dass die Unfreiheit, in der sie leben mussten, der Grund für diese Armut war. Die heutige Studentengeneration ist aufgewachsen in einer Zeit des Aufschwungs. Sie hat keine Ahnung von Armut, sie erfreut sich absoluter persönlicher Freiheit. Die Jungen können alles machen, solange sie nicht die Partei direkt angreifen oder ihre Herrschaft in Frage stellen. China ist schon ein seltsames Land: Auf der einen Seite leben wir immer noch unter der Diktatur einer Partei, die mit administrativen Massnahmen alles bestimmen kann, auf der anderen Seite aber sind wir viel freier als im Westen. So können wir andere nach Herzenslust verleumden, ohne dass wir zur Verantwortung gezogen werden. Nur die Regierung kritisieren geht nicht. Nun aber stagniert die Wirtschaft, so dass viele Wanderarbeiter nach Hause geschickt werden. Doch auch viele Uni-Absolventen finden keine Arbeit. Es gibt im Moment rund sieben Millionen arbeitslose Hochschulabsolventen. Und Ende Juni kommen weitere sechs Millionen auf den Arbeitsmarkt. Für viele Kinder aus armen Familien ist das Hochschulstudium der einzige Weg des Aufstiegs. Inzwischen wollen viele von ihnen gar nicht mehr an der Zulassungsprüfung teilnehmen.
Wirtschaftswunder und Gewalt
Heisst das, dass sich etwas zusammenbraut?
Das ist schwer vorauszusagen. Aber wenn diese Hochschulabsolventen ein paar harte Jahre durchgemacht haben, werden sie sich in ihrem Denken jenem der 89er Generation annähern.
Viele Länder Ostasiens haben in jüngster Zeit den Weg einer rasenden Modernisierung eingeschlagen. Einen traumatisierten politischen Willen zum Vergessen hat es dazu gar nicht gebraucht.
Es gibt einen wesentlichen Unterschied zu Japan, Südkorea oder Taiwan. Die Entwicklungen dort finden unter den Bedingungen politischer Transparenz statt. In China jedoch herrscht das Gegenteil. Nehmen Sie etwa die Bautätigkeit: Wenn man ein altes städtisches Wohngebiet abreissen und etwas Neues bauen möchte, ist das in Südkorea gar nicht so einfach. Wenn die Eigentümer oder Mieter nicht zustimmen, sind den Behörden die Hände gebunden. Ganz anders in China, da entscheidet die Regierung, dass abgerissen wird. Und dann wird abgerissen! Setzt sich jemand zur Wehr, kommt die Polizei, und kaum ist die Verhaftung erfolgt, sind auch schon die Bagger da. In unserem Wirtschaftswunder steckt eine Menge Gewalt.
Vielleicht sind die meisten Leute, die da umgesiedelt werden, gar nicht so unglücklich. Ihr Lebensstandard erhöht sich sprunghaft in den modernen Überbauungen, in die sie umgesiedelt werden.
Gewiss, es ist wohl sogar die Mehrheit, die ganz gern in modernen Wohnungen lebt. Aber China ist eine Gesellschaft, wo das Gute und das Schlechte untrennbar miteinander verbunden sind. Auf der einen Seite bewirkt der zentralistische Dirigismus der Regierung, dass der wirtschaftliche Fortschritt ungeahnt schnell ist. Auf der anderen Seite kommt es aber auch zu einer ungeahnten Zuspitzung ökonomischer Widersprüche. Jetzt, wo Sand im Getriebe der Wirtschaft ist, werden viele soziale Probleme zum Ausbruch kommen.
Ist Chinas Grundübel nicht die Wurzellosigkeit? Die Kulturrevolution hat das Land brutal von der konfuzianischen Tradition abgeschnitten und eine haltlose Gesellschaft hinterlassen. Heute sucht man im Nationalismus einen Anker. Wie kann China zu seinen Wurzeln zurückfinden?
Am Anfang der Öffnungspolitik hat Deng Xiaoping einen berühmten Satz gesagt: «Wir müssen für unseren Weg über den Fluss die Stellen aussuchen, wo wir Steine finden, auf die wir treten können.» Und so, wie das in den letzten dreissig Jahren gegangen ist, sind wir ständig auf der Suche nach solchen Trittsteinen gewesen. Wir haben nie gewusst, wo der nächste Stein ist, wo wir Halt finden. Es ist schon erstaunlich, dass in dieser Zeit nicht viel mehr Leute ertrunken sind. Und wir wissen auch nicht, ob sich bald vor uns ein Abgrund auftut, in den wir hineinstürzen werden. Das hat insgesamt zu einer dramatischen Sicht auf die Dinge geführt: Die Regierung erzählt immer etwas von grossen Zielen, aber in Wirklichkeit tasten wir uns im Ungewissen voran. Es gibt ja noch einen anderen bekannten Satz von Deng nach dem Ende der Kulturrevolution: «Es ist ganz gleich, ob eine Katze schwarz oder weiss ist. Solange sie Mäuse fängt, ist sie eine gute Katze.» Was heisst: Ob man es nun Sozialismus oder Kapitalismus nennt, Hauptsache, es bringt Geld. Deswegen ist das System, mit dem wir es zurzeit in China zu tun haben, weder Sozialismus noch Kapitalismus. Oder anders gesagt: Es ist beides, Kapitalismus und Sozialismus.
Was ist denn das Kommunistische an der KP heutzutage? Die Ideologie ist doch längst implodiert.
Niemand redet mehr vom Kommunismus. Nur unsere Funktionäre noch. Doch auch sie glauben nicht mehr daran. In der Schule wird der Kommunismus nach aussen hin weiter propagiert. Aber die Kinder hören gar nicht zu. Sie leben ja in einer Umgebung, die solche Lehren auf Schritt und Tritt ad absurdum führt.
Keine alternative Kraft
Es gibt ja noch ein anderes China – Taiwan, das sich aus diktatorischen Verhältnissen herausgearbeitet hat. Und auch Südkorea hat eine Militärdiktatur abgeworfen. Es gibt Modelle dafür, eine Tyrannei friedlich zu überwinden.
Sicher gibt es das. Aber ich sehe für China keinen gangbaren Weg. Die Kommunistische Partei übt nach wie vor die absolute Kontrolle aus. Und es gibt keine Kraft, welche sie als Führungskraft ersetzen könnte. Sobald sich eine solche zeigen würde, würde sie sofort liquidiert werden.
Können Sie sich ein demokratisches China überhaupt vorstellen? China hat ja so gut wie keine demokratische Tradition.
Es kommt darauf an, was man unter Demokratie versteht. Für die absolute Mehrheit der chinesischen Bevölkerung ist die Freiheit, die sie heute geniesst, genug. Ihr Massstab ist die Kulturrevolution, nicht der Westen. Ich halte es nicht für sehr realistisch, für China ein westliches Demokratiemodell zu postulieren. Das liegt daran, dass die Vergangenheit Chinas und die Vergangenheit des Westens eben doch zu unterschiedlich sind. Auch gibt es grosse Unterschiede zwischen orientalischer Demokratie und okzidentaler Demokratie. Nehmen wir Indien und Pakistan, die ja als Demokratien gelten. Da liegt die Macht mehr oder minder in den Händen bestimmter Familien.
Ist China als Land nicht einfach zu gross? Braucht es eine Zentralgewalt, damit es nicht zerfällt?
Wir brauchen gar nicht so weit in der Geschichte zurückzugehen. Wir hatten nach dem Untergang des chinesischen Kaiserreichs 1911 eine Periode, wo das Land nach aussen hin, als Republik China, noch einheitlich war, aber in Wirklichkeit zerfiel es in die Einflussbereiche von «Warlords», die in ihrer jeweiligen Machtsphäre mehr oder weniger uneingeschränkt herrschten. Erst 1949 gelang es Mao Zedong, China wieder unter einheitliche Kontrolle zu bringen. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in China 56 verschiedene Nationalitäten gibt, unter denen die Han-Chinesen nur die grösste sind. Ohne eine starke Zentralregierung wird immer die Gefahr bestehen, dass sich das Land spaltet. Ich halte eine autoritäre Zentralmacht immer noch für das kleinere Übel als einen blutigen inneren Zerfall.
Vor dem Mao-Mausoleum auf dem Tiananmenplatz stehen täglich lange Besucherschlangen. Wer pilgert denn heute noch zum «roten Kaiser»?
Sie müssen wissen, dass sich in China viele Leute nach Mao zurücksehnen. Viele sind dem Tempo der Entwicklung einfach nicht gewachsen. Ich bemühe nochmals das Sprichwort: Zwischen zwei Übeln wählt man das kleinere. Selbst in der Kulturrevolution verlief das Leben der Menschen in ruhigen Bahnen, es gab damals keinerlei Konkurrenz. Heute hingegen ist die chinesische Gesellschaft absolut kompetitiv. Wer auf der Strecke bleibt, wünscht sich die alten Zeiten zurück.
Ein literarischer Star Chinas
A. Bn. Yu Hua ist nicht nur ein freidenkender Intellektueller, sondern vor allem auch ein grosser Dichter, wovon sein grandioser Roman «Brüder» zeugt, der diesen August in deutscher Übersetzung bei S. Fischer erscheint. 1960 in der ostchinesischen Provinz Zhejiang geboren, hat Yu Hua als Zahnarzt praktiziert, bevor er Schriftsteller wurde. Er lebt heute in Peking. Sein Roman «Leben!» wurde von Zhang Yimou verfilmt, der damit in Cannes 1994 den Grossen Preis der Regie gewann. Während Teile des Buches in China Schullektüre sind, ist der Film bis heute verboten. In zwei Bänden erschienen, wurde «Brüder» in China ein 1,5-Millionen-Bestseller. Warum der Roman, der als magisch-realistisches Welttheater den Bogen schlägt von der Kulturrevolution bis zum Wirtschaftsboom und mit beidem ebenso witzig wie böse abrechnet, die Zensur passieren konnte, bleibt dem westlichen Leser ein Rätsel. Gemäss Yu Hua gibt es unterschiedliche Zensurbehörden und keine einheitlichen Massstäbe. Die literarische Zensur obliege den Verlagen selbst, doch da sich diese unter starkem Erfolgsdruck bewegten, seien sie geneigt, ein politisches Risiko einzugehen. China sei eben «ein seltsames Land».
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Dienstag, Juni 16, 2009
Montag, Juni 15, 2009
Mark Knopfler - Notting Hillbillies
When it comes to you
Feels like going home
Your own sweet way
Water of Love
Feels like going home
Your own sweet way
Water of Love
Sonntag, Juni 14, 2009
Einsteins View of Religion - Einsteins Sicht des Religiösen
The Guardian 13.05.2008
An abridgement of the letter from Albert Einstein to Eric Gutkind from Princeton in January 1954, translated from German by Joan Stambaugh. It will be sold at Bloomsbury auctions on Thursday
... I read a great deal in the last days of your book, and thank you very much for sending it to me. What especially struck me about it was this. With regard to the factual attitude to life and to the human community we have a great deal in common.
... The word God is for me nothing more than the expression and.....
The Guardian 13.05.2008
An abridgement of the letter from Albert Einstein to Eric Gutkind from Princeton in January 1954, translated from German by Joan Stambaugh. It will be sold at Bloomsbury auctions on Thursday
... I read a great deal in the last days of your book, and thank you very much for sending it to me. What especially struck me about it was this. With regard to the factual attitude to life and to the human community we have a great deal in common.
... The word God is for me nothing more than the expression and product of human weaknesses, the Bible a collection of honourable, but still primitive legends which are nevertheless pretty childish. No interpretation no matter how subtle can (for me) change this. These subtilised interpretations are highly manifold according to their nature and have almost nothing to do with the original text. For me the Jewish religion like all other religions is an incarnation of the most childish superstitions. And the Jewish people to whom I gladly belong and with whose mentality I have a deep affinity have no different quality for me than all other people. As far as my experience goes, they are also no better than other human groups, although they are protected from the worst cancers by a lack of power. Otherwise I cannot see anything 'chosen' about them.
In general I find it painful that you claim a privileged position and try to defend it by two walls of pride, an external one as a man and an internal one as a Jew. As a man you claim, so to speak, a dispensation from causality otherwise accepted, as a Jew the priviliege of monotheism. But a limited causality is no longer a causality at all, as our wonderful Spinoza recognized with all incision, probably as the first one. And the animistic interpretations of the religions of nature are in principle not annulled by monopolisation. With such walls we can only attain a certain self-deception, but our moral efforts are not furthered by them. On the contrary.
Now that I have quite openly stated our differences in intellectual convictions it is still clear to me that we are quite close to each other in essential things, ie in our evalutations of human behaviour. What separates us are only intellectual 'props' and 'rationalisation' in Freud's language. Therefore I think that we would understand each other quite well if we talked about concrete things. With friendly thanks and best wishes
Yours, A. Einstein
Einstein's letter: God and superstition
This article was first published on guardian.co.uk at 11.58 BST on Tuesday 13 May 2008. It appeared in the Guardian on Tuesday 13 May 2008 on p3 of the Top stories section. It was last updated at 11.58 BST on Tuesday 13 May 2008.
Latest news on guardian.co.uk
* guardian.co.uk © Guardian News and Media Limited 2009
An abridgement of the letter from Albert Einstein to Eric Gutkind from Princeton in January 1954, translated from German by Joan Stambaugh. It will be sold at Bloomsbury auctions on Thursday
... I read a great deal in the last days of your book, and thank you very much for sending it to me. What especially struck me about it was this. With regard to the factual attitude to life and to the human community we have a great deal in common.
... The word God is for me nothing more than the expression and.....
The Guardian 13.05.2008
An abridgement of the letter from Albert Einstein to Eric Gutkind from Princeton in January 1954, translated from German by Joan Stambaugh. It will be sold at Bloomsbury auctions on Thursday
... I read a great deal in the last days of your book, and thank you very much for sending it to me. What especially struck me about it was this. With regard to the factual attitude to life and to the human community we have a great deal in common.
... The word God is for me nothing more than the expression and product of human weaknesses, the Bible a collection of honourable, but still primitive legends which are nevertheless pretty childish. No interpretation no matter how subtle can (for me) change this. These subtilised interpretations are highly manifold according to their nature and have almost nothing to do with the original text. For me the Jewish religion like all other religions is an incarnation of the most childish superstitions. And the Jewish people to whom I gladly belong and with whose mentality I have a deep affinity have no different quality for me than all other people. As far as my experience goes, they are also no better than other human groups, although they are protected from the worst cancers by a lack of power. Otherwise I cannot see anything 'chosen' about them.
In general I find it painful that you claim a privileged position and try to defend it by two walls of pride, an external one as a man and an internal one as a Jew. As a man you claim, so to speak, a dispensation from causality otherwise accepted, as a Jew the priviliege of monotheism. But a limited causality is no longer a causality at all, as our wonderful Spinoza recognized with all incision, probably as the first one. And the animistic interpretations of the religions of nature are in principle not annulled by monopolisation. With such walls we can only attain a certain self-deception, but our moral efforts are not furthered by them. On the contrary.
Now that I have quite openly stated our differences in intellectual convictions it is still clear to me that we are quite close to each other in essential things, ie in our evalutations of human behaviour. What separates us are only intellectual 'props' and 'rationalisation' in Freud's language. Therefore I think that we would understand each other quite well if we talked about concrete things. With friendly thanks and best wishes
Yours, A. Einstein
Einstein's letter: God and superstition
This article was first published on guardian.co.uk at 11.58 BST on Tuesday 13 May 2008. It appeared in the Guardian on Tuesday 13 May 2008 on p3 of the Top stories section. It was last updated at 11.58 BST on Tuesday 13 May 2008.
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Samstag, Juni 13, 2009
TA- Nicht nur das Elite-Sperma kann denken
Tages Anzeiger Online 10.09.2009
Nicht nur das Elite-Sperma kann denken
Von Philipp Sarasin.
So wird die Chance auf höhere Bildung verbaut: Der Historiker Philipp Sarasin beklagt die planwirtschaftliche Eliteförderung in der Zürcher Bildungspolitik.
Philipp SarasinPhilipp Sarasin ist Professor für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich.
Vor wenigen Tagen konnte man im Tages-Anzeiger und auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz lesen, dass die Zürcher Bildungsdirektion die Gymnasien angewiesen hat, bei den Aufnahmeprüfungen den Notendurchschnitt für den.....
Tages Anzeiger Online 10.09.2009
Nicht nur das Elite-Sperma kann denken
Von Philipp Sarasin.
So wird die Chance auf höhere Bildung verbaut: Der Historiker Philipp Sarasin beklagt die planwirtschaftliche Eliteförderung in der Zürcher Bildungspolitik.
Philipp Sarasin ist Professor für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich.
Vor wenigen Tagen konnte man im Tages-Anzeiger und auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz lesen, dass die Zürcher Bildungsdirektion die Gymnasien angewiesen hat, bei den Aufnahmeprüfungen den Notendurchschnitt für den Deutsch-Aufsatz auf höchstens 3,8 festzulegen: auf «ungenügend». Warum? Es sollten, so sagen die Bildungspolitiker, nicht mehr als 20 Prozent eines Schüler-Jahrgangs die Matura erhalten, weil sonst angeblich das «Gefüge» von Gymnasium, Sekundarschule und Realschule «durcheinandergerate», das Niveau in der Sek-A sinke, und das im Gymi sowieso. Weil aber nicht nur bürgerliche Bildungspolitiker auf diese Weise ans Gymnasium denken, sondern gleichzeitig guten Sozialdemokraten die Sekundarschüler am Herzen liegen, scheint der bildungspolitische Kompromiss unerschütterlich: Gott oder die Regierung bewahre, dass mehr als ein Fünftel die Chance auf eine höhere Bildung erhält.
«Keine Sorge, ihr schafft das schon, schliesslich stammt ihr von Elite-Sperma ab!»
Man fragt sich, was hier eigentlich geschieht. Als Erstes kam mir bei der Lektüre dieser Meldung eine Situation aus meinem Seminar in den Sinn, in dem wir das Thema «Rassenhygiene um 1900» behandelten, und zwar anhand eines Textes des «Vaters» der deutschen Rassenhygiene, Alfred Ploetz, der nicht ganz zufällig in Zürich beim Psychiater und Eugeniker August Forel studiert hatte. Ploetz beschreibt in seinem Buch von 1895, wie der «Kampf ums Dasein» schon im «Vaginalschlauch» beginne, wenn die besten Spermien in einem Wettrennen darum ringen, wer die Eizelle befruchten darf. In der Diskussion sagte ein Student, das erinnere ihn an seinen Klassenlehrer in einem Zürcher Gymnasium, der sie vor den Maturaprüfungen mit den Worten beruhigt habe: «Keine Sorge, ihr schafft das schon, schliesslich stammt ihr von Elite-Sperma ab!»
Nein – ich unterstelle nicht, dass auch nur eine nennenswerte Minderheit von Bildungspolitikern oder Lehrern so biologistisch denkt. Aber es ist in Zürich immerhin möglich, einen solchen Satz zu äussern, und auch wenn man sich nicht auf «gutes» Sperma beziehen möchte, so scheint doch die Regel zu gelten, dass diejenigen, die das Gymnasium mit der Matura in der Hand wieder verlassen, zu einer Elite gehören sollen, die nur dann Elite bleiben kann, wenn man sie künstlich klein hält. Der Zürichberg ist schliesslich auch nicht gross.
Auch fähige Schüler sollen sich nicht für höhere Bildung qualifizieren können
Was geschieht hier? An der Universität Zürich ist es uns Professoren offiziell verboten, bei den Aufnahmeprüfungen für neue Studiengänge im Voraus eine Obergrenze für Zulassungen festzulegen und die Bewertungen nach dieser Grenze auszurichten. Wer sich in unseren Prüfungen qualifiziert, muss in den Studiengang aufgenommen werden. Doch die an der Universität untersagte Form der Limitierung von Bildungschancen ist offizielle Leitlinie für den Zugang zu den Zürcher Gymnasien. Man will, dass die meisten Schüler sich nicht für eine höhere Bildung qualifizieren können, selbst wenn sie dazu befähigt wären. Die Intelligenz-Forschung hat nachgewiesen, dass der IQ im internationalen Durchschnitt stetig ansteigt, und wer Kinder hat, weiss, dass nicht zuletzt ein historisch einzigartiges Medienangebot unseren Kindern schon früh Bildungsinhalte (und auch manches andere) erschliesst. Die Kids werden schlauer, gewitzter, sind gebildeter, können sich geschickter ausdrücken, wissen früh schon mit Hochdeutsch und Englisch umzugehen und sind mediengewandt. Aber das soll ihnen nichts nützen, weil dieser Zustrom von immer mehr jungen Menschen zu den mit einer guten Ausbildung verknüpften gesellschaftlichen Positionen viele konservative Geister auf der Rechten wie der Linken offenbar verunsichert.
Wer das Gymi schaffen könnte, soll lieber Kameraden in der Sek helfen
Daher verbündet sich die unverhohlene Elitebildung mit der anrührenden Sorge ums «Handwerk» und dem Lob auf die «Ehrlichkeit» von «richtiger» Arbeit. Daher auch geht der elitäre Bildungsdünkel Hand in Hand mit der leider nur gut gemeinten Idee, dass die, sagen wir, zusätzlichen 5 oder 10 Prozent, die das Gymi auch schaffen könnten, doch lieber ihren Kameraden in der Sekundarschule helfen sollen, sich nicht so alleine zu fühlen - statt dass man dort kräftig investiert, Schulklassen verkleinert und die Lehrer besser bezahlt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die Formung einer Elite jedenfalls ist ohne Härte nicht zu haben. Ich denke dabei an einen weiss Gott cleveren und überaus fleissigen 13-jährigen Buben aus dem Bekanntenkreis, der von seiner beruflich hochqualifizierten Mutter richtiggehend gecoacht werden musste bei der schwierigen Probezeit im Gymnasium - nach bestandener Aufnahmeprüfung, notabene -, zu deren Beginn den Kindern von ihren Lehrern gesagt wurde: «In einem halben Jahr machts hier mehr Spass, wenn ein Drittel von euch nicht mehr da ist.»
Schön, dass die Mutter ihre freiberufliche Arbeit reduzieren konnte, um ihrem Jungen beizustehen, wenn er in der Mathematikprüfung eine ganze Note Abzug erhielt, weil er vergessen hatte, zwischen zwei (richtigen) Rechnungen einen sauberen Strich zu ziehen. Er hat die Probezeit dann trotzdem bestanden. Erfahren hat er dies in einer dramatischen und tränenreichen Schulstunde, in der die Lehrer ihren 13-jährigen Schutzbefohlenen mitteilten, wer bleiben darf und wen sie nach den Ferien nicht mehr sehen wollen. Auf die Frage eines Schülers, wo er dann in die Schule gehen soll, antwortete der Lehrer: «Das ist nicht mein Problem.»
Die Falle der Bescheidenheit
Was geschieht hier? Welche Vorstellungen von «Elite» und gesellschaftlicher Hierarchie werden hier in blanker Härte und nonchalantem Zynismus an unseren Kindern durchgesetzt? Welche Vorstellungen hat wer vom sogenannten «Volk», das offenbar eine planwirtschaftlich festgelegte 80-Prozent-Mehrheit von Nicht-Maturanden sein soll - in einem Land, in dem immer wieder der «Forschungsplatz Schweiz» und der «Rohstoff Bildung» beschworen werden?
Es liegt mir fern, etwas Schlechtes über das duale System der Berufsbildung zu sagen, und es ist tatsächlich so, dass im Bereich von Diplom-Mittelschulen und mit der Fachmaturität viele Ausbildungs- und Berufschancen etwa im Sozialbereich, in kaufmännischen oder technischen Berufen bestehen. Da ist die Schweiz im internationalen Vergleich sehr gut positioniert. Aber reicht das? Vielleicht ist gerade das gute Angebot im Bereich der Berufsbildung und der Fachhochschulen die Falle, in die unsere Bildungspolitik tappt: die Falle der Bescheidenheit.
Ein Aufenthalt meines Sohnes im Kinderspital hat mir einen kleinen Berufskosmos enthüllt, der vielleicht nicht untypisch ist (ich vereinfache nur leicht): Das Putzpersonal kommt aus Serbien, die Pflegerinnen kommen aus Südeuropa, die Krankenschwestern aus der Schweiz und Deutschland - und die Ärzte aus Deutschland und vielen anderen EU-Ländern. Ich habe den Eindruck, dass das kein Zufall ist. Bekanntlich stammen etwa an der Uni Zürich geschätzte 50 Prozent der Professorinnen und Professoren aus dem Ausland - die meisten wiederum aus Deutschland -, und viele Topkader der Wirtschaft gingen nicht in Zürich ins Gymi (und in Thun in die Offiziersschule), sondern studierten in Berlin, Oxford oder Yale. Man weiss zudem, dass die Industrie unter einem eklatanten Mangel an Ingenieuren und anderen Spezialisten leidet.
Chancen des Schweizer Nachwuchses schwinden
Nun, ich finde es an sich schön, wenn Finnen, Inder und Vietnamesen zu uns kommen, um unsere Computer zu programmieren oder unsere Kinder zu kurieren. Ich selbst arbeite mit so vielen Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland zusammen, dass ich es (fast) nicht mehr merke. Aber wieso sollen die Hürden zur akademischen Ausbildung für unsere eigenen Kinder besonders hoch sein? Warum will man nicht, dass in einer Stadt wie Zürich mit so vielen exzellenten, nicht selten international erfolgreichen Berufstätigen nur ein Fünftel der Jugendlichen überhaupt die Chance erhält, sich für die Universität oder die ETH zu qualifizieren? Es ist erschreckend, was für ein muffig-rückständiges Bild die Schweiz in Gestalt ihrer Bildungspolitik von sich selbst hat: Wir möchten zwar das politische Stammtisch- und «Arena»-Räsonieren ganz für uns selbst behalten, doch das professionelle Denken (dieser kalte Sport, der skeptisch macht und nicht selten von der Heimat entfremdet), das mögen wir Schweizer nicht. Es ist beschämend, dass die hiesige Bildungspolitik sich nicht traut, einen substanziellen Teil der Jugend so zu fördern, wie es ihren Leistungen und ihren Fähigkeiten entsprechen würde.
Vielleicht liegt das daran, dass man im Land der Hirten, Bauern und Banker, der KMU und Berufsschulen nicht wirklich an akademische Bildung glaubt. Und dass man hier von jeher opportunistisch genug war, um die Ressourcen, die man nicht besitzt, und die Luxusgüter, die man haben möchte, auf dem Weltmarkt einzukaufen. Wieso also nicht auch Professoren, Ärzte und CEO? Ich habe kein Problem mit den «globalisierenden» Effekten, die das mit sich bringt. Doch die Globalisierung verstärkt auch den Konkurrenzdruck auf dem Markt für hochqualifizierte Arbeitskräfte. Ich beobachte schon in meinem Umfeld, wie die Chancen des Schweizer Nachwuchses schwinden - andere sind oft gewiefter, schneller, kreativer.
Man muss kein Nationalist sein, um das zu beklagen, und auch nicht, um hier Abhilfe zu fordern. Wir können es uns jedenfalls nicht mehr leisten, dass linke wie rechte Kleingeister das gesellschaftliche «Gefüge» in Gefahr sehen, wenn zu viele Schüler zu gute Aufsätze schreiben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.06.2009, 07:52 Uhr
Nicht nur das Elite-Sperma kann denken
Von Philipp Sarasin.
So wird die Chance auf höhere Bildung verbaut: Der Historiker Philipp Sarasin beklagt die planwirtschaftliche Eliteförderung in der Zürcher Bildungspolitik.
Philipp SarasinPhilipp Sarasin ist Professor für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich.
Vor wenigen Tagen konnte man im Tages-Anzeiger und auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz lesen, dass die Zürcher Bildungsdirektion die Gymnasien angewiesen hat, bei den Aufnahmeprüfungen den Notendurchschnitt für den.....
Tages Anzeiger Online 10.09.2009
Nicht nur das Elite-Sperma kann denken
Von Philipp Sarasin.
So wird die Chance auf höhere Bildung verbaut: Der Historiker Philipp Sarasin beklagt die planwirtschaftliche Eliteförderung in der Zürcher Bildungspolitik.
Philipp Sarasin ist Professor für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich.
Vor wenigen Tagen konnte man im Tages-Anzeiger und auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz lesen, dass die Zürcher Bildungsdirektion die Gymnasien angewiesen hat, bei den Aufnahmeprüfungen den Notendurchschnitt für den Deutsch-Aufsatz auf höchstens 3,8 festzulegen: auf «ungenügend». Warum? Es sollten, so sagen die Bildungspolitiker, nicht mehr als 20 Prozent eines Schüler-Jahrgangs die Matura erhalten, weil sonst angeblich das «Gefüge» von Gymnasium, Sekundarschule und Realschule «durcheinandergerate», das Niveau in der Sek-A sinke, und das im Gymi sowieso. Weil aber nicht nur bürgerliche Bildungspolitiker auf diese Weise ans Gymnasium denken, sondern gleichzeitig guten Sozialdemokraten die Sekundarschüler am Herzen liegen, scheint der bildungspolitische Kompromiss unerschütterlich: Gott oder die Regierung bewahre, dass mehr als ein Fünftel die Chance auf eine höhere Bildung erhält.
«Keine Sorge, ihr schafft das schon, schliesslich stammt ihr von Elite-Sperma ab!»
Man fragt sich, was hier eigentlich geschieht. Als Erstes kam mir bei der Lektüre dieser Meldung eine Situation aus meinem Seminar in den Sinn, in dem wir das Thema «Rassenhygiene um 1900» behandelten, und zwar anhand eines Textes des «Vaters» der deutschen Rassenhygiene, Alfred Ploetz, der nicht ganz zufällig in Zürich beim Psychiater und Eugeniker August Forel studiert hatte. Ploetz beschreibt in seinem Buch von 1895, wie der «Kampf ums Dasein» schon im «Vaginalschlauch» beginne, wenn die besten Spermien in einem Wettrennen darum ringen, wer die Eizelle befruchten darf. In der Diskussion sagte ein Student, das erinnere ihn an seinen Klassenlehrer in einem Zürcher Gymnasium, der sie vor den Maturaprüfungen mit den Worten beruhigt habe: «Keine Sorge, ihr schafft das schon, schliesslich stammt ihr von Elite-Sperma ab!»
Nein – ich unterstelle nicht, dass auch nur eine nennenswerte Minderheit von Bildungspolitikern oder Lehrern so biologistisch denkt. Aber es ist in Zürich immerhin möglich, einen solchen Satz zu äussern, und auch wenn man sich nicht auf «gutes» Sperma beziehen möchte, so scheint doch die Regel zu gelten, dass diejenigen, die das Gymnasium mit der Matura in der Hand wieder verlassen, zu einer Elite gehören sollen, die nur dann Elite bleiben kann, wenn man sie künstlich klein hält. Der Zürichberg ist schliesslich auch nicht gross.
Auch fähige Schüler sollen sich nicht für höhere Bildung qualifizieren können
Was geschieht hier? An der Universität Zürich ist es uns Professoren offiziell verboten, bei den Aufnahmeprüfungen für neue Studiengänge im Voraus eine Obergrenze für Zulassungen festzulegen und die Bewertungen nach dieser Grenze auszurichten. Wer sich in unseren Prüfungen qualifiziert, muss in den Studiengang aufgenommen werden. Doch die an der Universität untersagte Form der Limitierung von Bildungschancen ist offizielle Leitlinie für den Zugang zu den Zürcher Gymnasien. Man will, dass die meisten Schüler sich nicht für eine höhere Bildung qualifizieren können, selbst wenn sie dazu befähigt wären. Die Intelligenz-Forschung hat nachgewiesen, dass der IQ im internationalen Durchschnitt stetig ansteigt, und wer Kinder hat, weiss, dass nicht zuletzt ein historisch einzigartiges Medienangebot unseren Kindern schon früh Bildungsinhalte (und auch manches andere) erschliesst. Die Kids werden schlauer, gewitzter, sind gebildeter, können sich geschickter ausdrücken, wissen früh schon mit Hochdeutsch und Englisch umzugehen und sind mediengewandt. Aber das soll ihnen nichts nützen, weil dieser Zustrom von immer mehr jungen Menschen zu den mit einer guten Ausbildung verknüpften gesellschaftlichen Positionen viele konservative Geister auf der Rechten wie der Linken offenbar verunsichert.
Wer das Gymi schaffen könnte, soll lieber Kameraden in der Sek helfen
Daher verbündet sich die unverhohlene Elitebildung mit der anrührenden Sorge ums «Handwerk» und dem Lob auf die «Ehrlichkeit» von «richtiger» Arbeit. Daher auch geht der elitäre Bildungsdünkel Hand in Hand mit der leider nur gut gemeinten Idee, dass die, sagen wir, zusätzlichen 5 oder 10 Prozent, die das Gymi auch schaffen könnten, doch lieber ihren Kameraden in der Sekundarschule helfen sollen, sich nicht so alleine zu fühlen - statt dass man dort kräftig investiert, Schulklassen verkleinert und die Lehrer besser bezahlt. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die Formung einer Elite jedenfalls ist ohne Härte nicht zu haben. Ich denke dabei an einen weiss Gott cleveren und überaus fleissigen 13-jährigen Buben aus dem Bekanntenkreis, der von seiner beruflich hochqualifizierten Mutter richtiggehend gecoacht werden musste bei der schwierigen Probezeit im Gymnasium - nach bestandener Aufnahmeprüfung, notabene -, zu deren Beginn den Kindern von ihren Lehrern gesagt wurde: «In einem halben Jahr machts hier mehr Spass, wenn ein Drittel von euch nicht mehr da ist.»
Schön, dass die Mutter ihre freiberufliche Arbeit reduzieren konnte, um ihrem Jungen beizustehen, wenn er in der Mathematikprüfung eine ganze Note Abzug erhielt, weil er vergessen hatte, zwischen zwei (richtigen) Rechnungen einen sauberen Strich zu ziehen. Er hat die Probezeit dann trotzdem bestanden. Erfahren hat er dies in einer dramatischen und tränenreichen Schulstunde, in der die Lehrer ihren 13-jährigen Schutzbefohlenen mitteilten, wer bleiben darf und wen sie nach den Ferien nicht mehr sehen wollen. Auf die Frage eines Schülers, wo er dann in die Schule gehen soll, antwortete der Lehrer: «Das ist nicht mein Problem.»
Die Falle der Bescheidenheit
Was geschieht hier? Welche Vorstellungen von «Elite» und gesellschaftlicher Hierarchie werden hier in blanker Härte und nonchalantem Zynismus an unseren Kindern durchgesetzt? Welche Vorstellungen hat wer vom sogenannten «Volk», das offenbar eine planwirtschaftlich festgelegte 80-Prozent-Mehrheit von Nicht-Maturanden sein soll - in einem Land, in dem immer wieder der «Forschungsplatz Schweiz» und der «Rohstoff Bildung» beschworen werden?
Es liegt mir fern, etwas Schlechtes über das duale System der Berufsbildung zu sagen, und es ist tatsächlich so, dass im Bereich von Diplom-Mittelschulen und mit der Fachmaturität viele Ausbildungs- und Berufschancen etwa im Sozialbereich, in kaufmännischen oder technischen Berufen bestehen. Da ist die Schweiz im internationalen Vergleich sehr gut positioniert. Aber reicht das? Vielleicht ist gerade das gute Angebot im Bereich der Berufsbildung und der Fachhochschulen die Falle, in die unsere Bildungspolitik tappt: die Falle der Bescheidenheit.
Ein Aufenthalt meines Sohnes im Kinderspital hat mir einen kleinen Berufskosmos enthüllt, der vielleicht nicht untypisch ist (ich vereinfache nur leicht): Das Putzpersonal kommt aus Serbien, die Pflegerinnen kommen aus Südeuropa, die Krankenschwestern aus der Schweiz und Deutschland - und die Ärzte aus Deutschland und vielen anderen EU-Ländern. Ich habe den Eindruck, dass das kein Zufall ist. Bekanntlich stammen etwa an der Uni Zürich geschätzte 50 Prozent der Professorinnen und Professoren aus dem Ausland - die meisten wiederum aus Deutschland -, und viele Topkader der Wirtschaft gingen nicht in Zürich ins Gymi (und in Thun in die Offiziersschule), sondern studierten in Berlin, Oxford oder Yale. Man weiss zudem, dass die Industrie unter einem eklatanten Mangel an Ingenieuren und anderen Spezialisten leidet.
Chancen des Schweizer Nachwuchses schwinden
Nun, ich finde es an sich schön, wenn Finnen, Inder und Vietnamesen zu uns kommen, um unsere Computer zu programmieren oder unsere Kinder zu kurieren. Ich selbst arbeite mit so vielen Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland zusammen, dass ich es (fast) nicht mehr merke. Aber wieso sollen die Hürden zur akademischen Ausbildung für unsere eigenen Kinder besonders hoch sein? Warum will man nicht, dass in einer Stadt wie Zürich mit so vielen exzellenten, nicht selten international erfolgreichen Berufstätigen nur ein Fünftel der Jugendlichen überhaupt die Chance erhält, sich für die Universität oder die ETH zu qualifizieren? Es ist erschreckend, was für ein muffig-rückständiges Bild die Schweiz in Gestalt ihrer Bildungspolitik von sich selbst hat: Wir möchten zwar das politische Stammtisch- und «Arena»-Räsonieren ganz für uns selbst behalten, doch das professionelle Denken (dieser kalte Sport, der skeptisch macht und nicht selten von der Heimat entfremdet), das mögen wir Schweizer nicht. Es ist beschämend, dass die hiesige Bildungspolitik sich nicht traut, einen substanziellen Teil der Jugend so zu fördern, wie es ihren Leistungen und ihren Fähigkeiten entsprechen würde.
Vielleicht liegt das daran, dass man im Land der Hirten, Bauern und Banker, der KMU und Berufsschulen nicht wirklich an akademische Bildung glaubt. Und dass man hier von jeher opportunistisch genug war, um die Ressourcen, die man nicht besitzt, und die Luxusgüter, die man haben möchte, auf dem Weltmarkt einzukaufen. Wieso also nicht auch Professoren, Ärzte und CEO? Ich habe kein Problem mit den «globalisierenden» Effekten, die das mit sich bringt. Doch die Globalisierung verstärkt auch den Konkurrenzdruck auf dem Markt für hochqualifizierte Arbeitskräfte. Ich beobachte schon in meinem Umfeld, wie die Chancen des Schweizer Nachwuchses schwinden - andere sind oft gewiefter, schneller, kreativer.
Man muss kein Nationalist sein, um das zu beklagen, und auch nicht, um hier Abhilfe zu fordern. Wir können es uns jedenfalls nicht mehr leisten, dass linke wie rechte Kleingeister das gesellschaftliche «Gefüge» in Gefahr sehen, wenn zu viele Schüler zu gute Aufsätze schreiben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.06.2009, 07:52 Uhr
Freitag, Juni 12, 2009
Donnerstag, Juni 11, 2009
Reuters: Iraq agrees to let Britain help protect oil platforms
Iraq agrees to let Britain help protect oil platforms
Tue Jun 2, 2009 3:41pm EDT
BAGHDAD (Reuters) - Iraq and Britain have struck a deal that will allow British troops to remain in the country, helping Iraqi naval forces protect oil platforms beyond a previously agreed withdrawal date, officials said on Tuesday.
Britain's presence in Iraq began with its support of the 2003 U.S. invasion, but was set to conclude at the end of June under a pact signed at the end of last year.
But the two sides agreed to extend the British.....
Iraq agrees to let Britain help protect oil platforms
Tue Jun 2, 2009 3:41pm EDT
BAGHDAD (Reuters) - Iraq and Britain have struck a deal that will allow British troops to remain in the country, helping Iraqi naval forces protect oil platforms beyond a previously agreed withdrawal date, officials said on Tuesday.
Britain's presence in Iraq began with its support of the 2003 U.S. invasion, but was set to conclude at the end of June under a pact signed at the end of last year.
But the two sides agreed to extend the British deployment so that a small number of British troops and up to five naval vessels could help Iraq protect its floating oil terminals against attack, said government spokesman Ali al-Dabbagh.
"The agreement will allow a limited number of not more than 100 British troops, and their civilian support personnel and five navy ships with their crews, to stay in Iraq for one year, after parliament has given its approval," Dabbagh said.
Lieutenant Colonel Sean Armstrong said the British forces would focus on protecting the oil platforms in Iraq's south, through which most of its oil exports are shipped, and on training Iraqi forces.
Iraq has the world's third largest oil reserves and is desperately trying to ramp up production so it can raise the funds it needs to rebuild after years of sanctions and war.
Armstrong said the total British force would not number more than 400.
"It is inappropriate for us to comment further on the Iraqi process while the Council of Representatives is considering the text," he said in an email, referring to Iraq's parliament.
London sent 46,000 troops to the Gulf for the U.S.-led invasion, a war that became deeply unpopular in Britain, and ended up controlling the southern province of Basra where most of Iraq's crude is pumped out of the ground.
By 2007, Britain's remaining 4,000 soldiers had largely withdrawn to Basra airport, leaving security in the provincial capital Basra -- Iraq's second largest city -- in Iraqi hands. The British troops began to pull out for good earlier this year.
(Reporting by Tim Cocks and Wathiq Ibrahim; Writing by Michael Christie; Editing by Jon Hemming)
Tue Jun 2, 2009 3:41pm EDT
BAGHDAD (Reuters) - Iraq and Britain have struck a deal that will allow British troops to remain in the country, helping Iraqi naval forces protect oil platforms beyond a previously agreed withdrawal date, officials said on Tuesday.
Britain's presence in Iraq began with its support of the 2003 U.S. invasion, but was set to conclude at the end of June under a pact signed at the end of last year.
But the two sides agreed to extend the British.....
Iraq agrees to let Britain help protect oil platforms
Tue Jun 2, 2009 3:41pm EDT
BAGHDAD (Reuters) - Iraq and Britain have struck a deal that will allow British troops to remain in the country, helping Iraqi naval forces protect oil platforms beyond a previously agreed withdrawal date, officials said on Tuesday.
Britain's presence in Iraq began with its support of the 2003 U.S. invasion, but was set to conclude at the end of June under a pact signed at the end of last year.
But the two sides agreed to extend the British deployment so that a small number of British troops and up to five naval vessels could help Iraq protect its floating oil terminals against attack, said government spokesman Ali al-Dabbagh.
"The agreement will allow a limited number of not more than 100 British troops, and their civilian support personnel and five navy ships with their crews, to stay in Iraq for one year, after parliament has given its approval," Dabbagh said.
Lieutenant Colonel Sean Armstrong said the British forces would focus on protecting the oil platforms in Iraq's south, through which most of its oil exports are shipped, and on training Iraqi forces.
Iraq has the world's third largest oil reserves and is desperately trying to ramp up production so it can raise the funds it needs to rebuild after years of sanctions and war.
Armstrong said the total British force would not number more than 400.
"It is inappropriate for us to comment further on the Iraqi process while the Council of Representatives is considering the text," he said in an email, referring to Iraq's parliament.
London sent 46,000 troops to the Gulf for the U.S.-led invasion, a war that became deeply unpopular in Britain, and ended up controlling the southern province of Basra where most of Iraq's crude is pumped out of the ground.
By 2007, Britain's remaining 4,000 soldiers had largely withdrawn to Basra airport, leaving security in the provincial capital Basra -- Iraq's second largest city -- in Iraqi hands. The British troops began to pull out for good earlier this year.
(Reporting by Tim Cocks and Wathiq Ibrahim; Writing by Michael Christie; Editing by Jon Hemming)
Mittwoch, Juni 10, 2009
Asia Times: Pipelineistan goes Iran-Pak
Asia Times, 29 May 2009
Asia Times: Pipelineistan goes Iran-Pak
Pepe Escobar
The earth has been shaking for a few days now all across Pipelineistan - with massive repercussions for all the big players in the New Great Game in Eurasia. United States President Barack Obama's AfPak strategists didn't even see it coming.
A silent, reptilian war had been going on for years between the US-favored Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-India (TAPI) pipeline and its rival, the Iran-Pakistan-India (IPI) pipeline, also known as the "peace pipeline". This past weekend, a winner emerged. And it's none of the above: instead, it's the 2,100-kilometer, US$7.5 billion....
Asia Times, 29 May 2009
Pipelineistan goes Iran-Pak
Pepe Escobar
The earth has been shaking for a few days now all across Pipelineistan - with massive repercussions for all the big players in the New Great Game in Eurasia. United States President Barack Obama's AfPak strategists didn't even see it coming.
A silent, reptilian war had been going on for years between the US-favored Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-India (TAPI) pipeline and its rival, the Iran-Pakistan-India (IPI) pipeline, also known as the "peace pipeline". This past weekend, a winner emerged. And it's none of the above: instead, it's the 2,100-kilometer, US$7.5 billion IP (the Iran-Pakistan pipeline), with no India attached. (Please see Pakistan, Iran sign gas pipeline deal, May 27, 2009, Asia Times Online.)
This whole saga started way back in 1995 - about the time California-based Unocal started floating the idea of building a pipeline crossing Afghanistan. Now, Iran and Pakistan finally signed a deal this week in Tehran, by which Iran will sell gas from its mega South Pars fields to Pakistan for the next 25 years.
According to Iranian energy officials speaking to the ISNA news agency, the final deal will be signed in less than three weeks, slightly after the first round of the Iranian presidential election. The last 250 km of a 900-km pipeline stretch in Iran between Asalouyeh and Iranshahr, near the border with Pakistan, still needs to be built. The whole IP pipeline should be operational by 2014.
The fact that Islamabad has finally decided to move on is pregnant with meaning. For the George W Bush administration IPI was simply anathema; imagine India and Pakistan buying gas from "axis of evil" Iran. The only way to go was TAPI - an extension of the childish neo-conservative belief that the Afghanistan war was winnable.
Now, IP reveals Islamabad's own interests seemed to have prevailed against Washington's (unlike the virtually US-imposed Pakistan army offensive against the Taliban in the Swat Valley). The Barack Obama administration has been mum about IP so far. But it will be very enlightening to hear what former Bush pet Afghan Zalmay Khalilzad - who's been infiltrating himself as the next CEO of Afghanistan - has to say about it. (Please see Slouching towards Balkanization, May 22, 2009, Asia Times Online.) Khalilzad's Pipelineistan dream, since the mid-1990s, has always been a trans-Afghan pipeline capable of bypassing both Iran and Russia.
IP, IP, hurrah
India, for a number of reasons (the pricing system, transit fees and above all, security) de facto shelved the IPI idea last year. Had it not been the case, IPI would become a powerful vector in terms of South Asian regional integration - doing more to stabilize India-Pakistan relations than any diplomatic coup. Nevertheless, both Iran and Pakistan still have left an open door to India.
India's (momentary?) loss will be China's gain. Since 2008, with New Delhi having second thoughts, Beijing and Islamabad had set up an agreement - China would import most of this Iranian gas if India dropped out of IPI. China anyway is more than welcome business-wise to both Iran and Pakistan. Only in transit fees, Islamabad could collect as much as $500 million a year.
For Beijing, IP could not be more essential. Iranian gas will flow to the Balochistan province port of Gwadar, in the Arabian Sea (which China itself built, and where it is also building a refinery). And Gwadar is supposed to be connected to a proposed pipeline going north, mostly financed by China, along the Karakoram Highway (which by the way was largely built from the 1960s to the 1980s by Chinese engineers ... ).
Pakistan is the absolutely ideal transit corridor for China to import oil and gas from Iran and the Persian Gulf. With IP in place and with multi-billion-dollar, overlapping Tehran-Beijing gas deals, China can finally afford to import less energy via the Strait of Malacca, which Beijing considers exceedingly dangerous, and subject to Washington's sphere of influence.
With IP, not only China wins; Russia's Gazprom also wins. And by extension, the Shanghai Cooperation Organization (SCO) wins. Russian deputy Energy Minister Anatoly Yankovsky told the Kommersant business daily, "We are ready to join the project as soon as we receive an offer."
The reason is so blatant that Gazprom officials have not even bothered to disguise it. For Russia, IP is a gift-from-above tool in rerouting gas from Iran to South Asia, and away from competing with Russian gas. The big prize, in this case, is the Western European market, dependent almost 30% on Gazprom and the source of 80% of Gazprom's export profits.
The European Union is desperately trying to keep the Nabucco pipeline project - which bypasses Russia - afloat, so it may reduce its dependence on Gazprom. But as anyone in Brussels knows, Nabucco can only work if it is provided enough gas by either Iran or Turkmenistan. The Turkmenistan distribution system is controlled by Russia. And a deal with Iran implies no more US sanctions - still a long way away. With IP in place, Gazprom reasons, Nabucco is deprived of a key supply source.
All eyes on Balochistan
With IP firmly in place, the strategic spotlight focuses even more on Balochistan. (Please see Balochistan is the greatest prize, May 9, 2009, Asia Times Online.) First of all, there's an internal Pakistani question to be settled. An editorial in the Pakistani daily Dawn has stressed how Islamabad must be serious about hiring indigenous Balochi labor and making sure "the gains of the economic activity ... are focused on Balochistan for the benefit of its poverty-stricken people".
The port of Gwadar, in southwest Balochistan, near the Iranian border, is indeed bound to become a new Dubai - but not the way the vice president Dick Cheney and gang in Washington once dreamed of. Gas from the South Pars fields in Iran will definitely flow though it. As for gas from the Daulatabad fields in Turkmenistan, assuming TAPI ever gets built though war-torn Afghanistan, that's much more unlikely.
This all raises the crucial question: how will Islamabad deal with ultra-strategic Balochistan - east of Iran, south of Afghanistan, and boasting three Arabian sea ports, including Gwadar, practically at the mouth of the Strait of Hormuz?
The New Great Game in Eurasia rules that Pakistan is a key pivot to both North Atlantic Treaty Organization (NATO) and the SCO, of which Pakistan is an observer. Balochistan de facto incorporates Pakistan as a key transit corridor to Iranian gas from the monster South Pars fields, and not to a great deal of the Caspian wealth of "gas republic" Turkmenistan. For the Pentagon, the birth of IP is mega bad news. The ideal Pentagon scenario is the US controlling Gwadar - in yet one more prime confluence of Pipelineistan and the US Empire of Bases.
With Gwadar directly linked to Iran and developed virtually as a Chinese warehouse, the Pentagon also loses the mouth-watering opportunity of a long land route across Balochistan into Helmand, Nimruz, Kandahar or, better yet, all of these three provinces in southwest Afghanistan, where soon, not by accident, there will be another US mega-base in the "desert of death". From a Pentagon/NATO perspective, after the "loss" of the Khyber Pass, that would be the ideal supply route for Western troops in the perennial, now rebranded, GWOT ("global war on terror").
Balochis surging
Islamabad has promised an all-parties conference "within days" to seriously deal with Balochistan. No one is holding their breath. Over a year ago, Balochistan was promised greater control over its immense natural resources - the undisputed, number-one Baloch grievance - and a massive aid package. Not much has happened.
Punjabis derisively refer to Balochistan's "backwardness". But the heart of the matter is systematic, hardcore pillage by Islamabad - combined with hardcore repression and serial Latin America-in-the-1970s-style "disappearances" of political activists and senior Baloch nationalists. Not to mention virtually no investment in health, education and job creation. This Third World dictatorship catalogue of disasters fuels Baloch nationalism and separatism.
Islamabad's paranoia is "foreign involvement" in the different strands of Balochistan's nationalist movements. That would be, in fact, the CIA, MI5 and the Israeli Mossad, all engaged in overlapping agendas which manipulate Balochistan for balkanization of Pakistan purposes and/or as a base for the destabilization of neighboring Iran's southeast. While the Taliban, Afghan or Pakistani, can roam free across Balochistan, Baloch nationalists are intimidated, harassed and killed.
Sanaullah Baloch, a secretary of the Balochistan National Party-Mengal, told Dawn how "several Baloch political parties tried to file charges against [former president General Pervez] Musharraf, but the country's institutions lack the will or courage to accept our plea against him." Studies show that rural poverty in Balochistan when Musharraf was in power increased 15% between 1999 and 2005.
Sanaullah Baloch roundly denounces the "civil-military elites" of Pakistan as implicated in the systematic repression going on in Balochistan; "Without their consent, no political regime can undo their policy of continued suppression."
And his analysis of why Islamabad has made a deal with the Taliban in Swat but won't do a deal with Balochis could not be more enlightening: "The establishment in Pakistan has always felt comfortable with religious groups as they do not challenge the centralized authority of the civil-military establishment. The demands of these groups are not political. They don't demand economic parity. They demand centralized religious rule which is philosophically closer to the establishment's version of totalitarianism. Islamabad's elite are stubborn against genuine Baloch demands: governing Balochistan, having ownership of resources, and control over provincial security."
So Islamabad still has all it takes to royally mess up what it has accomplished by approving IP. For the moment, Iran, Pakistan, China and Russia win. The SCO wins. Washington and NATO lose, not to mention Afghanistan (no transit fees). But will Balochistan also win? If not, all hell will break loose, from desperate Balochis sabotaging IP to "foreign interference" manipulating them into creating an even greater, regional, ball of fire.
Pepe Escobar is the author of 'Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War' (Nimble Books, 2007) and 'Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge'. His new book, just out, is 'Obama does Globalistan' (Nimble Books, 2009).
Montag, Juni 08, 2009
TA: Andreas Gross - «Bürger, die nicht wählen, haben nie Recht»
Tages Anzeiger Online 06.06.09
«Bürger, die nicht wählen, haben nie Recht»
Von Luciano Ferrari.
Er ist ein glühender Europäer und vehementer Verteidiger der Demokratie. Doch selbst Andreas Gross verfolgt mit Sorge die Wahlen ins EU-Parlament.
«Wer die Welt schlecht versteht, darf sich nicht wundern, von ihr verlassen zu werden wie die Schweiz»: Andreas Gross.
Tages Anzeiger Online 06.06.09
«Bürger, die nicht wählen, haben nie Recht»
Von Luciano Ferrari.
Er ist ein glühender Europäer und vehementer Verteidiger der Demokratie. Doch selbst Andreas Gross verfolgt mit Sorge die Wahlen ins EU-Parlament.
«Wer die Welt schlecht versteht, darf sich nicht wundern, von ihr verlassen zu werden wie die Schweiz»: Andreas Gross.
Die Bürger wenden sich von Europa ab. Bei den Wahlen zum EU-Parlament am Wochenende wird eine rekordtiefe Beteiligung erwartet. Was läuft schief?
Es kommen derzeit viele Entwicklungen zusammen, die insgesamt für die EU verheerend und für die Europäerinnen und Europäer deprimierend sind: Die Politik ist in einer Krise, die Menschen haben existenzielle Ängste, und das EU-Projekt selbst steckt in einer Reformblockade. Nicht zu reden von den nationalen Politikskandalen, wie in Ungarn oder Grossbritannien, die ein Umfeld schaffen, das die Bürger noch weniger dazu motiviert, wählen zu gehen. Wer es trotzdem tut, wird entweder aus der EU-Wahl eine nationale Protestwahl machen und/oder ganz rechte, das heisst nationalistische Parteien wählen. Das ist kein guter Moment für die europäische Integration.
Wird die EU als Deregulierungsprojekt für die Krise mit verantwortlich gemacht?
Ja, gewiss, die Menschen haben zu Recht den Eindruck, dass die Politik der EU nicht das geliefert hat, was viele sich von ihr erhofft hatten. Die Politik hat ihr Primat gegenüber der Wirtschaft aufgegeben. Die Idee der Demokratie besteht seit der Französischen Revolution darin, dass das Leben nicht einfach Schicksal ist. Heute aber zeigt sich für viele Menschen, dass ihr Leben eben doch fremdbestimmt wurde, nicht von einem König oder Gott, sondern vom Kapital und den Märkten, die man machen liess. Und zwar auch auf der EU-Ebene, wo man sie dazu hätte zwingen können, auf die Menschen und die natürlichen Lebensgrundlagen Rücksicht zu nehmen. Die EU hätte ein wesentlicher Schritt sein können, die grossen Erwartungen an Demokratie und Politik zu realisieren. Sie ist aber gescheitert.
Wann genau ist die EU gescheitert?
1990 hat sie eine grosse Chance verpasst. Mit der Schaffung des Euro hätte man der Gemeinschaft auch eine anständige politische Struktur mit einer eigenen, transnational verfassten starken Demokratie geben können. Heute haben wir eine europäische Zentralbank, eine Einheitswährung, aber keine Basis für eine europäische Wirtschafts- und Sozialpolitik, um die Märkte zu zivilisieren. Das EU-Parlament wird zwar stärker und stärker, aber es ist immer noch kein Parlament, das ein eigenes Initiativrecht hat, um Gesetze anzustossen.
Sie plädieren für einen EU-Staat?
Gewiss, für einen föderalistisch-demokratisch verfassten Bundesstaat! Die EU ist so wichtig, weil sie einen ersten Schritt realisieren muss, hin zu supranationalen institutionellen Strukturen, die auch weltweit nötig sind, um die globalisierten Märkte einzuhegen.
War die EU Anfang der 90er-Jahre nicht in sozialdemokratischer Hand?
Ich gebe selbstkritisch zu, dass die Sozialdemokraten damals das Verfassungsprojekt zu wenig ernst genommen haben.
Weil auch sie sich vom Glanz der Globalisierung blenden liessen?
Man hat nicht erkannt, dass mit der wirtschaftlichen Globalisierung auch die Demokratie hätte globalisiert werden müssen. Zu viele haben à la Tony Blair den Neoliberalismus gefördert und der Schwächung der Politik gegenüber der Ökonomie zu wenig entgegengesetzt. Die Quittung dafür sehen wir heute: Waren damals zwei Drittel der nationalen Regierungen in sozialdemokratischer Hand, ist es heute noch knapp ein Viertel.
Die Krise führt zu einer «Renationalisierung» der Politik in Europa.
Ja, der übliche Reflex. Das Problem ist nur, dass auch die Nationalstaaten selber in einer tiefen Krise stecken. Nicht nur finanz- und steuerpolitisch. Gerade in den neuen EU-Mitgliedsstaaten, die bis vor 20 Jahren unter einem totalitären Regime standen, kann man beobachten, dass die Demokratie alles andere als gefestigt ist. Einige liebäugeln mit autoritären Staatsformen, China wird als «Modell» verstanden. Die Demokratie als vernünftiges humanes Ordnungs- und Lebensprinzip wird infrage gestellt. Das führt zu einer hochgefährlichen Situation. Es gibt wohl keinen ungünstigeren Termin für Europawahlen als den morgigen 7. Juni.
Wäre es besser, die Bürger würden zu Hause bleiben?
Bürger, die nicht wählen, haben nie Recht. Das Problem ist, dass die EU-Wahlen zu nationalen Ersatzwahlen verkommen. Die einzige Chance, über ein anderes, besseres Europa zu debattieren, wird damit verschenkt. Die Bürger müssten auf ihre nationalen Hauptstädte Druck ausüben und ein alternatives europäisches Projekt einfordern.
Das tun sie aber nicht.
Nein, es kommt vielmehr an vielen Orten zu einer nationalistischen Regression. Man erkennt nicht, dass gerade ein Zuviel an falscher Autorität und die enormen wirtschaftlichen und politischen Demokratiedefizite zur aktuellen Krise geführt haben.
Besteht die Gefahr einer autoritären Regression auch in der Schweiz?
Die Schweiz hat eine grosse Stärke: Sie besteht darin, dass der Bürger nicht nur wählen, sondern auch abstimmen kann. Das führt zu einer sehr heilsamen Teilung der Macht, die durch den starken Föderalismus noch verstärkt wird. Das fehlt vielen EU-Staaten, in denen die Macht horizontal und vertikal hoch konzentriert ist. Zudem haben viele kein offenes Proporzwahlrecht. Wenn sie eins haben, dann bestimmen die Parteipräsidien die definitiven Wahllisten, sodass kein Panaschieren und Kumulieren möglich ist. Das führt zu wenig eigenständigen Fraktionen und Parlamenten. Oder nehmen Sie das extreme Mehrheitswahlrecht in Grossbritannien. Es gibt den Menschen das Gefühl, nichts ändern zu können, weil sie nur zwei Parteien zur Auswahl haben. Die Folge sind autoritäre Strukturen, die mündige Bürger enorm frustrieren.
Zeigt der britische Spendenskandal nicht auch, dass die politische Elite - wie die ökonomische - längst als Kaste und «Classe politique» abgehoben hat? Ihnen wird vorgeworfen, Sie seien der grösste Spesenritter im Schweizer Parlament. Was sagen Sie dazu?
Es wäre absurd, das eine mit dem anderen zu vergleichen. Im gleichen Moment, da vielen deutlich wird, wie wenig sich unser Bundesrat in der Welt zu behaupten weiss, werden die wenigen Nationalräte kritisiert, die sich der Welt oder zumindest Europa zuwenden. Wer die Welt so schlecht versteht, muss sich nicht wundern, wenn er von ihr so verlassen wird wie heute die Schweiz. Die Demokratie können wir nicht retten, indem wir uns der Welt einfach verschliessen. Wir müssen sie ganz im Gegenteil auch europäisch und global verankern. Dafür müssen wir etwas tun, nicht nur davon reden.
Haben Ihre Reisen auf Staatskosten den Schweizern konkret etwas gebracht?
So wie ein Journalist ohne Telefon, kann ein Demokrat in Europa ohne Reisen nicht an der Demokratisierung Europas arbeiten. Je besser dies gelingt, desto besser geht es auch den Schweizern, desto weniger Angst müssen sie haben, desto weniger sind sie allein. Die glaubwürdigste Antwort könnten Ihnen viele Bürgerinnen und Bürger Aserbeidschans, Tschetscheniens oder Serbiens geben. Sie haben einen Schweizer am Werk erlebt, der ihnen Hoffnungen zurückgab sowie die Erfahrung, in ihrem Engagement für Demokratie und Menschenrechte nicht allein zu sein. Das hat grossen Respekt bewirkt, der auch der Schweiz zugute kommt.
Was hat die britischen Parlamentarier dazu getrieben, sich so schamlos zu bedienen? Kann man von einer Ökonomisierung der Politik sprechen?
Es gibt eine Krise des Politischen: Vielen ist nicht mehr klar, was der Kern des Politischen - der wesentliche Unterschied zur Wirtschaft - ist. Selbst in der SP: Da sagte doch kürzlich ein Kantonalpräsident, nachdem er die Wahlen verloren hatte, er müsse jetzt populistischer werden, mit mehr Schlagwörtern operieren...
...die Verpackung ändern.
Genau. Doch Bürger und Bürgerinnen sind keine politischen Konsumenten. Eine Partei kann man nicht «verkaufen» wie eine Suppe. Der Ausweg aus der Krise ist deshalb auch kein grösseres «Angebot»: Es ist die Rückkehr zum Kern der Demokratie, zum Prinzip, dass jeder, der von Entscheidungen betroffen ist, auch am Entscheidungsprozess beteiligt werden muss. Der Fehler der letzten 20 Jahre war, dass man gemeint hat, man könne den Staat und den Service public wie ein gut geführtes privatwirtschaftliches Unternehmen organisieren.
Hat dieses Denken die Schweiz in die gegenwärtige Isolation geführt?
Die Schweiz hat viel zu lange gemeint, alles alleine besser machen und die Interessen anderer gar ignorieren zu können. Das führte aber nur dazu, dass man so nicht einmal das eigene Interesse formulieren konnte. Am Ende machte sich der Bundesrat, wie ein Prokurist des Direktoriums, die UBS-Interessen zu eigen...
...auch Ihre eigene Aussenminister Micheline Calmy-Rey...
...sie hat das Bankgeheimnis viel zu lange verteidigt. Nachdem sie festgestellt hatte, dass 15 Prozent der Arbeitsplätze in Genf vom Bankgeheimnis abhängen, machte sie es zu ihrem Anliegen. Sie sollte endlich ein klärendes Wort dazu sprechen. Es ist nicht schlimm, sich zu irren. Schlimm ist es, wenn man einen erkannten Irrtum nicht eingesteht. Entscheidend aber war, dass die Schweiz lange glaubte, die Weltprobleme würden sie nicht betreffen.
Das Sonderfalldenken ist der Schweiz zum Verhängnis geworden?
Jeder Staat ist ein besonderer Fall - und dennoch Teil eines Kontinents und der Welt. Er kann dieses Umfeld nicht ignorieren und muss lernen, sich auch mit den Augen der andern zu sehen. Die Schweiz hatte in den letzten 160 Jahren auch viel Glück. Wir sind nicht versehrt worden von den drei grossen europäischen Kriegen von 1870 bis 1945. Das hat uns zu selbstbezüglich, gar selbstherrlich gemacht. Es brauchte eine Grossmacht wie die USA, um die Diskussion über die Holocaust-Gelder anzustossen, oder jetzt die EU, um die Steuerdebatte zu lancieren.
Wie findet die EU aus dieser Krise?
Die gegenwärtige Unfähigkeit der EU, sich nach innen zu reformieren, stellt ihre grösste Friedensleistung infrage: die Integrationsfähigkeit. Wir müssen wieder darüber reden, was Europa soll, was es will. Die EU braucht neue Impulse. Das Resultat wird sein, dass ein föderalistisches Europa entsteht, das Vielfalt bewahrt und demokratische Einheit ermöglicht, das aber auch auf der transnationalen Ebene die Menschen in wesentliche Entscheidungen mit einbezieht. Ein Europa, in dem der Bürger nicht nur wählen, sondern auch per Referendum die Verfassungsentwicklungen mitbestimmen kann: Das würde auch den geheimsten Wünschen vieler Schweizer entgegenkommen.
Glauben Sie im Ernst, dass sich die EU in diese Richtung entwickelt?
Europa ist nach der Gründerzeit von 1945 bis 1951 nie mehr Gegenstand einer sozialen Bewegung gewesen. Die gegenwärtige Krise könnte aber genau das bewirken. Die Menschen könnten sich Europa zu eigen machen. Denn die Einsicht wächst, dass man die Ursachen der gegenwärtigen Krise nicht national bewältigen kann. Es gibt ein unausgeschöpftes Potenzial in der europäischen Gesellschaft für eine Demokratisierung und Neugestaltung der europäischen Integration. Für eine Politik, die nicht nur ein Untersystem der Wirtschaft ist, sondern eine eigene Kategorie mit eigenen Werten und vor allem der Legitimität, die Wirtschaft zur Rücksichtnahme auf die Menschen und die Natur zu zwingen.
Andreas Gross ist Zürcher SP-Nationalrat, Fraktionspräsident der Sozialdemokraten im Europarat und Leiter des Ateliers für Direkte Demokratie in St-Ursanne. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.06.2009, 13:21 Uhr
«Bürger, die nicht wählen, haben nie Recht»
Von Luciano Ferrari.
Er ist ein glühender Europäer und vehementer Verteidiger der Demokratie. Doch selbst Andreas Gross verfolgt mit Sorge die Wahlen ins EU-Parlament.
«Wer die Welt schlecht versteht, darf sich nicht wundern, von ihr verlassen zu werden wie die Schweiz»: Andreas Gross.
Tages Anzeiger Online 06.06.09
«Bürger, die nicht wählen, haben nie Recht»
Von Luciano Ferrari.
Er ist ein glühender Europäer und vehementer Verteidiger der Demokratie. Doch selbst Andreas Gross verfolgt mit Sorge die Wahlen ins EU-Parlament.
«Wer die Welt schlecht versteht, darf sich nicht wundern, von ihr verlassen zu werden wie die Schweiz»: Andreas Gross.
Die Bürger wenden sich von Europa ab. Bei den Wahlen zum EU-Parlament am Wochenende wird eine rekordtiefe Beteiligung erwartet. Was läuft schief?
Es kommen derzeit viele Entwicklungen zusammen, die insgesamt für die EU verheerend und für die Europäerinnen und Europäer deprimierend sind: Die Politik ist in einer Krise, die Menschen haben existenzielle Ängste, und das EU-Projekt selbst steckt in einer Reformblockade. Nicht zu reden von den nationalen Politikskandalen, wie in Ungarn oder Grossbritannien, die ein Umfeld schaffen, das die Bürger noch weniger dazu motiviert, wählen zu gehen. Wer es trotzdem tut, wird entweder aus der EU-Wahl eine nationale Protestwahl machen und/oder ganz rechte, das heisst nationalistische Parteien wählen. Das ist kein guter Moment für die europäische Integration.
Wird die EU als Deregulierungsprojekt für die Krise mit verantwortlich gemacht?
Ja, gewiss, die Menschen haben zu Recht den Eindruck, dass die Politik der EU nicht das geliefert hat, was viele sich von ihr erhofft hatten. Die Politik hat ihr Primat gegenüber der Wirtschaft aufgegeben. Die Idee der Demokratie besteht seit der Französischen Revolution darin, dass das Leben nicht einfach Schicksal ist. Heute aber zeigt sich für viele Menschen, dass ihr Leben eben doch fremdbestimmt wurde, nicht von einem König oder Gott, sondern vom Kapital und den Märkten, die man machen liess. Und zwar auch auf der EU-Ebene, wo man sie dazu hätte zwingen können, auf die Menschen und die natürlichen Lebensgrundlagen Rücksicht zu nehmen. Die EU hätte ein wesentlicher Schritt sein können, die grossen Erwartungen an Demokratie und Politik zu realisieren. Sie ist aber gescheitert.
Wann genau ist die EU gescheitert?
1990 hat sie eine grosse Chance verpasst. Mit der Schaffung des Euro hätte man der Gemeinschaft auch eine anständige politische Struktur mit einer eigenen, transnational verfassten starken Demokratie geben können. Heute haben wir eine europäische Zentralbank, eine Einheitswährung, aber keine Basis für eine europäische Wirtschafts- und Sozialpolitik, um die Märkte zu zivilisieren. Das EU-Parlament wird zwar stärker und stärker, aber es ist immer noch kein Parlament, das ein eigenes Initiativrecht hat, um Gesetze anzustossen.
Sie plädieren für einen EU-Staat?
Gewiss, für einen föderalistisch-demokratisch verfassten Bundesstaat! Die EU ist so wichtig, weil sie einen ersten Schritt realisieren muss, hin zu supranationalen institutionellen Strukturen, die auch weltweit nötig sind, um die globalisierten Märkte einzuhegen.
War die EU Anfang der 90er-Jahre nicht in sozialdemokratischer Hand?
Ich gebe selbstkritisch zu, dass die Sozialdemokraten damals das Verfassungsprojekt zu wenig ernst genommen haben.
Weil auch sie sich vom Glanz der Globalisierung blenden liessen?
Man hat nicht erkannt, dass mit der wirtschaftlichen Globalisierung auch die Demokratie hätte globalisiert werden müssen. Zu viele haben à la Tony Blair den Neoliberalismus gefördert und der Schwächung der Politik gegenüber der Ökonomie zu wenig entgegengesetzt. Die Quittung dafür sehen wir heute: Waren damals zwei Drittel der nationalen Regierungen in sozialdemokratischer Hand, ist es heute noch knapp ein Viertel.
Die Krise führt zu einer «Renationalisierung» der Politik in Europa.
Ja, der übliche Reflex. Das Problem ist nur, dass auch die Nationalstaaten selber in einer tiefen Krise stecken. Nicht nur finanz- und steuerpolitisch. Gerade in den neuen EU-Mitgliedsstaaten, die bis vor 20 Jahren unter einem totalitären Regime standen, kann man beobachten, dass die Demokratie alles andere als gefestigt ist. Einige liebäugeln mit autoritären Staatsformen, China wird als «Modell» verstanden. Die Demokratie als vernünftiges humanes Ordnungs- und Lebensprinzip wird infrage gestellt. Das führt zu einer hochgefährlichen Situation. Es gibt wohl keinen ungünstigeren Termin für Europawahlen als den morgigen 7. Juni.
Wäre es besser, die Bürger würden zu Hause bleiben?
Bürger, die nicht wählen, haben nie Recht. Das Problem ist, dass die EU-Wahlen zu nationalen Ersatzwahlen verkommen. Die einzige Chance, über ein anderes, besseres Europa zu debattieren, wird damit verschenkt. Die Bürger müssten auf ihre nationalen Hauptstädte Druck ausüben und ein alternatives europäisches Projekt einfordern.
Das tun sie aber nicht.
Nein, es kommt vielmehr an vielen Orten zu einer nationalistischen Regression. Man erkennt nicht, dass gerade ein Zuviel an falscher Autorität und die enormen wirtschaftlichen und politischen Demokratiedefizite zur aktuellen Krise geführt haben.
Besteht die Gefahr einer autoritären Regression auch in der Schweiz?
Die Schweiz hat eine grosse Stärke: Sie besteht darin, dass der Bürger nicht nur wählen, sondern auch abstimmen kann. Das führt zu einer sehr heilsamen Teilung der Macht, die durch den starken Föderalismus noch verstärkt wird. Das fehlt vielen EU-Staaten, in denen die Macht horizontal und vertikal hoch konzentriert ist. Zudem haben viele kein offenes Proporzwahlrecht. Wenn sie eins haben, dann bestimmen die Parteipräsidien die definitiven Wahllisten, sodass kein Panaschieren und Kumulieren möglich ist. Das führt zu wenig eigenständigen Fraktionen und Parlamenten. Oder nehmen Sie das extreme Mehrheitswahlrecht in Grossbritannien. Es gibt den Menschen das Gefühl, nichts ändern zu können, weil sie nur zwei Parteien zur Auswahl haben. Die Folge sind autoritäre Strukturen, die mündige Bürger enorm frustrieren.
Zeigt der britische Spendenskandal nicht auch, dass die politische Elite - wie die ökonomische - längst als Kaste und «Classe politique» abgehoben hat? Ihnen wird vorgeworfen, Sie seien der grösste Spesenritter im Schweizer Parlament. Was sagen Sie dazu?
Es wäre absurd, das eine mit dem anderen zu vergleichen. Im gleichen Moment, da vielen deutlich wird, wie wenig sich unser Bundesrat in der Welt zu behaupten weiss, werden die wenigen Nationalräte kritisiert, die sich der Welt oder zumindest Europa zuwenden. Wer die Welt so schlecht versteht, muss sich nicht wundern, wenn er von ihr so verlassen wird wie heute die Schweiz. Die Demokratie können wir nicht retten, indem wir uns der Welt einfach verschliessen. Wir müssen sie ganz im Gegenteil auch europäisch und global verankern. Dafür müssen wir etwas tun, nicht nur davon reden.
Haben Ihre Reisen auf Staatskosten den Schweizern konkret etwas gebracht?
So wie ein Journalist ohne Telefon, kann ein Demokrat in Europa ohne Reisen nicht an der Demokratisierung Europas arbeiten. Je besser dies gelingt, desto besser geht es auch den Schweizern, desto weniger Angst müssen sie haben, desto weniger sind sie allein. Die glaubwürdigste Antwort könnten Ihnen viele Bürgerinnen und Bürger Aserbeidschans, Tschetscheniens oder Serbiens geben. Sie haben einen Schweizer am Werk erlebt, der ihnen Hoffnungen zurückgab sowie die Erfahrung, in ihrem Engagement für Demokratie und Menschenrechte nicht allein zu sein. Das hat grossen Respekt bewirkt, der auch der Schweiz zugute kommt.
Was hat die britischen Parlamentarier dazu getrieben, sich so schamlos zu bedienen? Kann man von einer Ökonomisierung der Politik sprechen?
Es gibt eine Krise des Politischen: Vielen ist nicht mehr klar, was der Kern des Politischen - der wesentliche Unterschied zur Wirtschaft - ist. Selbst in der SP: Da sagte doch kürzlich ein Kantonalpräsident, nachdem er die Wahlen verloren hatte, er müsse jetzt populistischer werden, mit mehr Schlagwörtern operieren...
...die Verpackung ändern.
Genau. Doch Bürger und Bürgerinnen sind keine politischen Konsumenten. Eine Partei kann man nicht «verkaufen» wie eine Suppe. Der Ausweg aus der Krise ist deshalb auch kein grösseres «Angebot»: Es ist die Rückkehr zum Kern der Demokratie, zum Prinzip, dass jeder, der von Entscheidungen betroffen ist, auch am Entscheidungsprozess beteiligt werden muss. Der Fehler der letzten 20 Jahre war, dass man gemeint hat, man könne den Staat und den Service public wie ein gut geführtes privatwirtschaftliches Unternehmen organisieren.
Hat dieses Denken die Schweiz in die gegenwärtige Isolation geführt?
Die Schweiz hat viel zu lange gemeint, alles alleine besser machen und die Interessen anderer gar ignorieren zu können. Das führte aber nur dazu, dass man so nicht einmal das eigene Interesse formulieren konnte. Am Ende machte sich der Bundesrat, wie ein Prokurist des Direktoriums, die UBS-Interessen zu eigen...
...auch Ihre eigene Aussenminister Micheline Calmy-Rey...
...sie hat das Bankgeheimnis viel zu lange verteidigt. Nachdem sie festgestellt hatte, dass 15 Prozent der Arbeitsplätze in Genf vom Bankgeheimnis abhängen, machte sie es zu ihrem Anliegen. Sie sollte endlich ein klärendes Wort dazu sprechen. Es ist nicht schlimm, sich zu irren. Schlimm ist es, wenn man einen erkannten Irrtum nicht eingesteht. Entscheidend aber war, dass die Schweiz lange glaubte, die Weltprobleme würden sie nicht betreffen.
Das Sonderfalldenken ist der Schweiz zum Verhängnis geworden?
Jeder Staat ist ein besonderer Fall - und dennoch Teil eines Kontinents und der Welt. Er kann dieses Umfeld nicht ignorieren und muss lernen, sich auch mit den Augen der andern zu sehen. Die Schweiz hatte in den letzten 160 Jahren auch viel Glück. Wir sind nicht versehrt worden von den drei grossen europäischen Kriegen von 1870 bis 1945. Das hat uns zu selbstbezüglich, gar selbstherrlich gemacht. Es brauchte eine Grossmacht wie die USA, um die Diskussion über die Holocaust-Gelder anzustossen, oder jetzt die EU, um die Steuerdebatte zu lancieren.
Wie findet die EU aus dieser Krise?
Die gegenwärtige Unfähigkeit der EU, sich nach innen zu reformieren, stellt ihre grösste Friedensleistung infrage: die Integrationsfähigkeit. Wir müssen wieder darüber reden, was Europa soll, was es will. Die EU braucht neue Impulse. Das Resultat wird sein, dass ein föderalistisches Europa entsteht, das Vielfalt bewahrt und demokratische Einheit ermöglicht, das aber auch auf der transnationalen Ebene die Menschen in wesentliche Entscheidungen mit einbezieht. Ein Europa, in dem der Bürger nicht nur wählen, sondern auch per Referendum die Verfassungsentwicklungen mitbestimmen kann: Das würde auch den geheimsten Wünschen vieler Schweizer entgegenkommen.
Glauben Sie im Ernst, dass sich die EU in diese Richtung entwickelt?
Europa ist nach der Gründerzeit von 1945 bis 1951 nie mehr Gegenstand einer sozialen Bewegung gewesen. Die gegenwärtige Krise könnte aber genau das bewirken. Die Menschen könnten sich Europa zu eigen machen. Denn die Einsicht wächst, dass man die Ursachen der gegenwärtigen Krise nicht national bewältigen kann. Es gibt ein unausgeschöpftes Potenzial in der europäischen Gesellschaft für eine Demokratisierung und Neugestaltung der europäischen Integration. Für eine Politik, die nicht nur ein Untersystem der Wirtschaft ist, sondern eine eigene Kategorie mit eigenen Werten und vor allem der Legitimität, die Wirtschaft zur Rücksichtnahme auf die Menschen und die Natur zu zwingen.
Andreas Gross ist Zürcher SP-Nationalrat, Fraktionspräsident der Sozialdemokraten im Europarat und Leiter des Ateliers für Direkte Demokratie in St-Ursanne. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.06.2009, 13:21 Uhr
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Schweiz
Sonntag, Juni 07, 2009
Strukturiertes Produkt der römisch katholischen Kirche
“„Ablaß ist der Nachlaß zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet.“
Codex Iuris Canonici 1983
Codex Iuris Canonici 1983
Samstag, Juni 06, 2009
Monty Python - The Life of Brian 1/9
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Freitag, Juni 05, 2009
Financial Times: Saudia Arabia - Oil could go beyond 150 $ within 3 Years
The Financial Times Online
By Giulia Segreti and agencies in Rome
Published: May 25 2009 18:59 | Last updated: May 25 2009 18:59
Saudi Arabia warned oil prices could spike to beyond the near $150 record high of 2008 within three years as it joined other energy leaders on Monday to call for more investment to boost production over the long term.
Energy ministers and officials at the Group of Eight energy summit wrapped up the two-day meeting by urging the industry to pump money into projects to expand capacity despite the credit crisis, which has put the brakes on investment.
Saudi Arabian Oil Minister Ali Naimi said the world was heading.....
Saudi warns of $150 oil within three years
The Financial Times Online
By Giulia Segreti and agencies in Rome
Published: May 25 2009 18:59 | Last updated: May 25 2009 18:59
Saudi Arabia warned oil prices could spike to beyond the near $150 record high of 2008 within three years as it joined other energy leaders on Monday to call for more investment to boost production over the long term.
Energy ministers and officials at the Group of Eight energy summit wrapped up the two-day meeting by urging the industry to pump money into projects to expand capacity despite the credit crisis, which has put the brakes on investment.
Saudi Arabian Oil Minister Ali Naimi said the world was heading for a fresh spike after the current phase of faltering demand and lower prices, which he said reflected the economic downturn rather than being an indicator of things to come.
”We are maintaining our long-term focus rather than being swayed by the volatility of short-term conditions,” he said in prepared remarks at the summit.
”However, if others do not begin to invest similarly in new capacity expansion projects, we could see within two-to-three years another price spike similar to or worse than what we witnessed in 2008.
Mr Naimi painted a bleak picture of the investment scenario, saying low prices, weak demand, high costs, tight credit markets and energy policies focused on alternative fuel sources had all combined to hurt spending on new projects. He has been warning about the drop in investment in oil over the last few months.
The meeting came as oil prices have recovered from a low of $30 a barrell to a six-month high of over $60, but producers fret that it remains below the $75 level needed to spur investment while consumer nations fear further rise in prices could hurt global economic prospects.
The recent rally in prices is expected to have eased OPEC concerns about high inventories and weak demand, and Opec officials have suggested an output cut is unlikely at a Thursday meeting, though Libya says that possibility still exists.
“Opec will not want to take decisions which will harm the first signals of economic recovery”, said Chakib Khelil, president of Opec.
The International Energy Agency also expressed some concern regarding the impact the financial and economic crisis might have on global energy investment.
“Supply and demand side investments are being affected in the face of a tougher financing environment. Global upstream oil and gas investment budgets for 2009 have been estimated to be cut by around 21 per cent compared with 2008”, said Nobuo Tanaka, executive director of the IEA.
The capital intensive renewable sector could suffer from a drop in investments “by as much as 38 per cent although stimulus provided by government fiscal packages can probably offset a small proportion of this decline”, the IEA said.
Both Fulvio Conti, CEO of Enel, and Roberto Poli, President of Eni, denied this, reassuring that investments are still being made. “Enel, present in 22 countries, is investing more than €6bn in new projects”, said Mr. Conti during a press conference.
Copyright The Financial Times Limited 2009
By Giulia Segreti and agencies in Rome
Published: May 25 2009 18:59 | Last updated: May 25 2009 18:59
Saudi Arabia warned oil prices could spike to beyond the near $150 record high of 2008 within three years as it joined other energy leaders on Monday to call for more investment to boost production over the long term.
Energy ministers and officials at the Group of Eight energy summit wrapped up the two-day meeting by urging the industry to pump money into projects to expand capacity despite the credit crisis, which has put the brakes on investment.
Saudi Arabian Oil Minister Ali Naimi said the world was heading.....
Saudi warns of $150 oil within three years
The Financial Times Online
By Giulia Segreti and agencies in Rome
Published: May 25 2009 18:59 | Last updated: May 25 2009 18:59
Saudi Arabia warned oil prices could spike to beyond the near $150 record high of 2008 within three years as it joined other energy leaders on Monday to call for more investment to boost production over the long term.
Energy ministers and officials at the Group of Eight energy summit wrapped up the two-day meeting by urging the industry to pump money into projects to expand capacity despite the credit crisis, which has put the brakes on investment.
Saudi Arabian Oil Minister Ali Naimi said the world was heading for a fresh spike after the current phase of faltering demand and lower prices, which he said reflected the economic downturn rather than being an indicator of things to come.
”We are maintaining our long-term focus rather than being swayed by the volatility of short-term conditions,” he said in prepared remarks at the summit.
”However, if others do not begin to invest similarly in new capacity expansion projects, we could see within two-to-three years another price spike similar to or worse than what we witnessed in 2008.
Mr Naimi painted a bleak picture of the investment scenario, saying low prices, weak demand, high costs, tight credit markets and energy policies focused on alternative fuel sources had all combined to hurt spending on new projects. He has been warning about the drop in investment in oil over the last few months.
The meeting came as oil prices have recovered from a low of $30 a barrell to a six-month high of over $60, but producers fret that it remains below the $75 level needed to spur investment while consumer nations fear further rise in prices could hurt global economic prospects.
The recent rally in prices is expected to have eased OPEC concerns about high inventories and weak demand, and Opec officials have suggested an output cut is unlikely at a Thursday meeting, though Libya says that possibility still exists.
“Opec will not want to take decisions which will harm the first signals of economic recovery”, said Chakib Khelil, president of Opec.
The International Energy Agency also expressed some concern regarding the impact the financial and economic crisis might have on global energy investment.
“Supply and demand side investments are being affected in the face of a tougher financing environment. Global upstream oil and gas investment budgets for 2009 have been estimated to be cut by around 21 per cent compared with 2008”, said Nobuo Tanaka, executive director of the IEA.
The capital intensive renewable sector could suffer from a drop in investments “by as much as 38 per cent although stimulus provided by government fiscal packages can probably offset a small proportion of this decline”, the IEA said.
Both Fulvio Conti, CEO of Enel, and Roberto Poli, President of Eni, denied this, reassuring that investments are still being made. “Enel, present in 22 countries, is investing more than €6bn in new projects”, said Mr. Conti during a press conference.
Copyright The Financial Times Limited 2009
Donnerstag, Juni 04, 2009
Guardian: Global energy demand seen up 44 pct by 2030-EIA
guardian.co.uk home
Global energy demand seen up 44 pct by 2030-EIA
* Reuters, Wednesday May 27 2009
By Tom Doggett and Ayesha Rascoe
WASHINGTON, May 27 (Reuters) - Global energy demand is expected to soar 44 percent over the next two decades with most of the demand coming from developing countries such as China and Russia, the U.S. government's top energy forecasting agency said on Wednesday.
The worldwide economic downturn has hit energy consumption, but an expected recovery next year could respark demand and boost prices, the Energy Information Administration said in its new forecast.
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Global energy demand seen up 44 pct by 2030-EIA
* Reuters, Wednesday May 27 2009
By Tom Doggett and Ayesha Rascoe
WASHINGTON, May 27 (Reuters) - Global energy demand is expected to soar 44 percent over the next two decades with most of the demand coming from developing countries such as China and Russia, the U.S. government's top energy forecasting agency said on Wednesday.
The worldwide economic downturn has hit energy consumption, but an expected recovery next year could respark demand and boost prices, the Energy Information Administration said in its new forecast.
U.S. oil prices are forecast to rise from an average $61 barrel this year to $110 in 2015 and $130 in 2030.
Oil prices "begin to rise in 2010-2011 period as the economy rebounds and global demand once again grows more rapidly than non-OPEC liquid supply," EIA acting administrator Howard Gruenspecht told a news conference.
Global oil demand is expected to rise to 107 million barrels per day over the next two decades from nearly 84 million bpd this year. Oil will account for 32 percent of the world's energy supply by 2030 from about 36 percent in 2006.
Almost 75 percent of the rise in global energy demand through 2030 will occur in developing countries, particularly China, India, Russia and Brazil, the agency said.
The Organization of Petroleum Exporting Countries will continue to provide 40 percent of the world's oil supplies during the period.
Renewable energy, like wind and solar power, will be the fastest growing energy source, making up 11 percent of global supplies. Biofuels, including ethanol and biodiesel, are expected to reach 5.9 million bpd by 2030.
The EIA said its long-term forecast does not reflect efforts the United States may take to cut greenhouse gas emissions or an expected international agreement to curb greenhouse gases.
Gruenspecht said the agency will analyze the possible impact of climate change legislation approved last week by the U.S. House of Representatives Energy and Commerce Committee.
But he said the bill may not change energy use initially, citing carbon dioxide emission limits and the allowed transfer of carbon cuts to developing countries.
"One could imagine that one could comply at least with the 2020 part of this proposal calling for a 17 percent reduction (from 2005 levels) just using the offsets and not having a significant change in our consumption or the way we use energy at all," Gruenspecht said.
If global climate change laws and policies don't change, world energy-related carbon dioxide emissions will rise by a third to 40 billion metric tons a year, the agency said.
The EIA's report also found that global natural gas demand will increase by almost 50 percent to 153 trillion cubic feet. The agency said that unconventional natural gas production, particularly from gas shale, will make the United States "virtually self sufficient in natural gas supply in 2030."
To see the forecast growth for OPEC oil production, please click here: http://graphics.thomsonreuters.com/059/CMD_OPECGR0509.jpg
The EIA's forecast also predicts that in 2030:
* World production of unconventional petroleum resources, including oil sands, extra-heavy oil and coal-to-liquids, will quadruple to 13.4 million bpd, representing 13 percent of total global petroleum supplies.
* Iraq's crude oil production will jump from 2 million bpd to 5 million bpd.
* China's electricity generation from coal-fired power plants will triple. (Editing by Russell Blinch, Neil Stempleman and David Gregorio)
* guardian.co.uk © Guardian News and Media Limited 2009
Global energy demand seen up 44 pct by 2030-EIA
* Reuters, Wednesday May 27 2009
By Tom Doggett and Ayesha Rascoe
WASHINGTON, May 27 (Reuters) - Global energy demand is expected to soar 44 percent over the next two decades with most of the demand coming from developing countries such as China and Russia, the U.S. government's top energy forecasting agency said on Wednesday.
The worldwide economic downturn has hit energy consumption, but an expected recovery next year could respark demand and boost prices, the Energy Information Administration said in its new forecast.
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Global energy demand seen up 44 pct by 2030-EIA
* Reuters, Wednesday May 27 2009
By Tom Doggett and Ayesha Rascoe
WASHINGTON, May 27 (Reuters) - Global energy demand is expected to soar 44 percent over the next two decades with most of the demand coming from developing countries such as China and Russia, the U.S. government's top energy forecasting agency said on Wednesday.
The worldwide economic downturn has hit energy consumption, but an expected recovery next year could respark demand and boost prices, the Energy Information Administration said in its new forecast.
U.S. oil prices are forecast to rise from an average $61 barrel this year to $110 in 2015 and $130 in 2030.
Oil prices "begin to rise in 2010-2011 period as the economy rebounds and global demand once again grows more rapidly than non-OPEC liquid supply," EIA acting administrator Howard Gruenspecht told a news conference.
Global oil demand is expected to rise to 107 million barrels per day over the next two decades from nearly 84 million bpd this year. Oil will account for 32 percent of the world's energy supply by 2030 from about 36 percent in 2006.
Almost 75 percent of the rise in global energy demand through 2030 will occur in developing countries, particularly China, India, Russia and Brazil, the agency said.
The Organization of Petroleum Exporting Countries will continue to provide 40 percent of the world's oil supplies during the period.
Renewable energy, like wind and solar power, will be the fastest growing energy source, making up 11 percent of global supplies. Biofuels, including ethanol and biodiesel, are expected to reach 5.9 million bpd by 2030.
The EIA said its long-term forecast does not reflect efforts the United States may take to cut greenhouse gas emissions or an expected international agreement to curb greenhouse gases.
Gruenspecht said the agency will analyze the possible impact of climate change legislation approved last week by the U.S. House of Representatives Energy and Commerce Committee.
But he said the bill may not change energy use initially, citing carbon dioxide emission limits and the allowed transfer of carbon cuts to developing countries.
"One could imagine that one could comply at least with the 2020 part of this proposal calling for a 17 percent reduction (from 2005 levels) just using the offsets and not having a significant change in our consumption or the way we use energy at all," Gruenspecht said.
If global climate change laws and policies don't change, world energy-related carbon dioxide emissions will rise by a third to 40 billion metric tons a year, the agency said.
The EIA's report also found that global natural gas demand will increase by almost 50 percent to 153 trillion cubic feet. The agency said that unconventional natural gas production, particularly from gas shale, will make the United States "virtually self sufficient in natural gas supply in 2030."
To see the forecast growth for OPEC oil production, please click here: http://graphics.thomsonreuters.com/059/CMD_OPECGR0509.jpg
The EIA's forecast also predicts that in 2030:
* World production of unconventional petroleum resources, including oil sands, extra-heavy oil and coal-to-liquids, will quadruple to 13.4 million bpd, representing 13 percent of total global petroleum supplies.
* Iraq's crude oil production will jump from 2 million bpd to 5 million bpd.
* China's electricity generation from coal-fired power plants will triple. (Editing by Russell Blinch, Neil Stempleman and David Gregorio)
* guardian.co.uk © Guardian News and Media Limited 2009
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Mittwoch, Juni 03, 2009
TA: Der Boden unter Megastädten sinkt bedrohlich ab
Tages Anzeiger Online 02.06.2009
Von Axel Bojanowski.
Gasreservoire und Grundwasser werden derart ausgebeutet, dass viele Metropolen dramatisch schnell absinken.
Höhere Deiche sollen die Niederlande gegen einen steigenden Meeresspiegel wappnen. Doch dem Küstenschutz wird regelrecht der Boden entzogen. Der Nordosten der Niederlande an der Grenze zu Niedersachsen sinkt dramatisch ab, und damit sinken auch die Deiche. Schuld ist die Gasförderung, sie höhlt den Boden förmlich aus.
Eine neue Studie sagt nun voraus, dass die Region um Groningen....
Der Boden unter Megastädten sinkt bedrohlich ab
Tages Anzeiger Online 02.06.2009
Von Axel Bojanowski.
Gasreservoire und Grundwasser werden derart ausgebeutet, dass viele Metropolen dramatisch schnell absinken.
Höhere Deiche sollen die Niederlande gegen einen steigenden Meeresspiegel wappnen. Doch dem Küstenschutz wird regelrecht der Boden entzogen. Der Nordosten der Niederlande an der Grenze zu Niedersachsen sinkt dramatisch ab, und damit sinken auch die Deiche. Schuld ist die Gasförderung, sie höhlt den Boden förmlich aus.
Eine neue Studie sagt nun voraus, dass die Region um Groningen bis Mitte des Jahrhunderts um 1 Meter tiefer liegen wird als 1970, berichten Geoforscher um Karin Thienen-Visser vom Geologischen Dienst TNO in einem Gutachten für die niederländische Regierung. Die Folgen für Küstenorte und Wattenmeer seien «Besorgnis erregend», warnen die TNO-Forscher. Auch anderswo kämpfen Grossstädte gegen die teilweise dramatische Absenkung des Bodens. Mit Radarsatelliten kommen Wissenschaftler in Dutzenden Städten der heimtückischen Gefahr auf die Spur.
Böden sacken in sich zusammen
Im Nordosten der Niederlande liegt nahe Groningen neben kleineren Gasfeldern eines der grössten Erdgasreservoire Europas. Seit 1959 pumpen Firmen dort Gas aus dem Untergrund. Die entleerten Gesteinsporen halten dem Druck des auflastenden Bodens nicht stand, sie sacken in sich zusammen – der Boden gibt allmählich nach, seit den 70er-Jahren um bis zu 30 Zentimeter.
Ein Ende des «Abwärtstrends» ist nicht in Sicht. In den nächsten 40 Jahren könnte sich der Boden nahe Groningen sogar um weitere 70 Zentimeter setzen, prophezeien nun Karin Thienen-Visser und ihre Kollegen. Ob die neue Prognose der TNO-Experten zu Beschränkungen der Gasproduktion führen wird, ist unklar. Die Niederlande würden üblicherweise «hochsensibel» auf Bodenbewegungen reagieren, sagt Robert Sedlacek vom niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie LBEG. «Dort zählt jeder Zentimeter.»
Ein Fünftel nach Deutschland
Die Erschliessung mehrerer Gasfelder im Wattenmeer sei bereits untersagt worden, um Setzungen zu verhindern. Bisher jedenfalls war geplant, die Gasförderung bei Groningen noch Jahrzehnte aufrechtzuerhalten. Das Reservoir deckt schliesslich einen Gutteil des Energiebedarfs der Niederlande. Etwa ein Fünftel des niederländischen Erdgases wird nach Deutschland exportiert.
Auch im benachbarten Niedersachsen hat sich der Boden nach jahrzehntelanger Gasförderung um einige Zentimeter abgesenkt. Genaue Messungen lägen den Behörden allerdings nicht vor, sagt Klaus Söntgerath vom LBEG. Probleme für den Küstenschutz oder Gebäudeschäden seien hierzulande aber nicht zu befürchten – die Gasfelder in Niedersachsen seien 100-mal kleiner als die bei Groningen.
«Das Wasser drückt in die Stadt»
Welche dramatischen Auswirkungen Bodensetzungen haben können, zeigt sich jedoch in der indonesischen Hafenstadt Semarang. Die Millionenstadt kippt regelrecht ins Meer. Bis zu 15 Zentimeter pro Jahr senken sich küstennahe Stadtviertel, berichten Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR in Hannover. «Das Wasser drückt in die Stadt», sagt Friedrich Kühn von der BGR. Es verursache «enorme wirtschaftliche Schäden».
Manche Strassenzüge der Millionenstadt sind bereits im Meer versunken. Ganze Wohngebiete und Industrieanlagen werden im Zuge der Gezeiten täglich geflutet. Die Anwohner legen Ziegelsteine auf die Strasse, um trockenen Fusses voranzukommen. Meist jedoch müssen drastischere Massnahmen ergriffen werden, um der Wassermassen Herr zu werden. Strassen werden mit Erde und Schutt stetig erhöht, um sie über dem Meeresspiegel zu halten. An manchen Orten ragen nur noch die Häusergiebel über den Strassenrand.
Ursache des Desasters sei «die unkontrollierte Förderung von Grundwasser», berichtet Friedrich Kühn. Die Entleerung der Bodenschichten lasse den Untergrund absacken. Die Wasserentnahme führe zudem dazu, dass Tonschichten austrocknen. Dadurch schrumpfe das Erdreich.
Lissabon, Athen, Bangkok sacken ein
Mit den Radarsatelliten ERS-1 und ERS-2 der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) hatten Wissenschaftler erkundet, warum sich der Boden absenkt. Sie verglichen 35 Aufnahmen, die die Satelliten zwischen 2002 und 2006 von Semarang machten. Die Radare senden elektromagnetische Strahlen zur Erde. Senkt sich der Boden, sind die Strahlen länger unterwegs. In Semarang haben die Forscher auf diese Weise die Veränderung von knapp 47'000 Punkten am Boden vermessen.
Auch andere Metropolen wurden im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts «Terrafirma» mit den Radarsatelliten vermessen – mit teilweise dramatischem Ergebnis. So zeigte sich, dass auch Lissabon, Bangkok, Jakarta und Athen wegen Grundwasserentnahmen einsacken. Shanghai senkt sich pro Monat um 1 Millimeter. Die grösste Stadt Chinas – ihr Name bedeutet «über dem Meer» – kommt dem Meeresspiegel vielerorts bereits gefährlich nahe.
U-Bahn-Trassen verformen sich, Gebäude zeigen Risse
Die Last Tausender Hochhäuser beschleunigt den Niedergang; der weiche Marschboden unter Shanghai sackt zusammen. Der Finanzdistrikt, wo die meisten Wolkenkratzer stehen, sinkt drei- bis sechsmal schneller ein als andere Bezirke. Die Folgen sind vielerorts sichtbar: U-Bahn-Trassen verformen sich, Gebäude zeigen Risse.
Das Einsinken von Sankt Petersburg führen Forscher ebenfalls auf die Last der Gebäude zurück. In Istanbul indes standen die Experten lange vor einem Rätsel. Über die Stadt verteilt, entdeckten sie auf ihren Satellitenbildern Dutzende Areale, die mit bedrohlicher Geschwindigkeit absanken. Erst Recherchen an Ort und Stelle brachten die Erklärung. An Hängen kriechen Böden abwärts. So könnten ganze Wohngebiete unter sich begraben werden.
Gas-Notreserve unter Berlin
Doch nicht mit allen Städten geht es abwärts. In Berlin etwa registrierten die Satelliten, dass sich der Boden unter dem Olympiastadion seit den 90er-Jahren um 6 Zentimeter gehoben hat. Eine Nachfrage beim örtlichen Gasversorger brachte die Erklärung für die Geoforscher: In Sandsteinschichten unter dem Stadion wurden Anfang der 90er grosse Mengen Erdgas gepresst, es soll als Notreserve dienen. Wie auf einem Luftkissen wurde das Olympiastadion in die Höhe gehoben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.06.2009, 23:22 Uhr
Von Axel Bojanowski.
Gasreservoire und Grundwasser werden derart ausgebeutet, dass viele Metropolen dramatisch schnell absinken.
Höhere Deiche sollen die Niederlande gegen einen steigenden Meeresspiegel wappnen. Doch dem Küstenschutz wird regelrecht der Boden entzogen. Der Nordosten der Niederlande an der Grenze zu Niedersachsen sinkt dramatisch ab, und damit sinken auch die Deiche. Schuld ist die Gasförderung, sie höhlt den Boden förmlich aus.
Eine neue Studie sagt nun voraus, dass die Region um Groningen....
Der Boden unter Megastädten sinkt bedrohlich ab
Tages Anzeiger Online 02.06.2009
Von Axel Bojanowski.
Gasreservoire und Grundwasser werden derart ausgebeutet, dass viele Metropolen dramatisch schnell absinken.
Höhere Deiche sollen die Niederlande gegen einen steigenden Meeresspiegel wappnen. Doch dem Küstenschutz wird regelrecht der Boden entzogen. Der Nordosten der Niederlande an der Grenze zu Niedersachsen sinkt dramatisch ab, und damit sinken auch die Deiche. Schuld ist die Gasförderung, sie höhlt den Boden förmlich aus.
Eine neue Studie sagt nun voraus, dass die Region um Groningen bis Mitte des Jahrhunderts um 1 Meter tiefer liegen wird als 1970, berichten Geoforscher um Karin Thienen-Visser vom Geologischen Dienst TNO in einem Gutachten für die niederländische Regierung. Die Folgen für Küstenorte und Wattenmeer seien «Besorgnis erregend», warnen die TNO-Forscher. Auch anderswo kämpfen Grossstädte gegen die teilweise dramatische Absenkung des Bodens. Mit Radarsatelliten kommen Wissenschaftler in Dutzenden Städten der heimtückischen Gefahr auf die Spur.
Böden sacken in sich zusammen
Im Nordosten der Niederlande liegt nahe Groningen neben kleineren Gasfeldern eines der grössten Erdgasreservoire Europas. Seit 1959 pumpen Firmen dort Gas aus dem Untergrund. Die entleerten Gesteinsporen halten dem Druck des auflastenden Bodens nicht stand, sie sacken in sich zusammen – der Boden gibt allmählich nach, seit den 70er-Jahren um bis zu 30 Zentimeter.
Ein Ende des «Abwärtstrends» ist nicht in Sicht. In den nächsten 40 Jahren könnte sich der Boden nahe Groningen sogar um weitere 70 Zentimeter setzen, prophezeien nun Karin Thienen-Visser und ihre Kollegen. Ob die neue Prognose der TNO-Experten zu Beschränkungen der Gasproduktion führen wird, ist unklar. Die Niederlande würden üblicherweise «hochsensibel» auf Bodenbewegungen reagieren, sagt Robert Sedlacek vom niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie LBEG. «Dort zählt jeder Zentimeter.»
Ein Fünftel nach Deutschland
Die Erschliessung mehrerer Gasfelder im Wattenmeer sei bereits untersagt worden, um Setzungen zu verhindern. Bisher jedenfalls war geplant, die Gasförderung bei Groningen noch Jahrzehnte aufrechtzuerhalten. Das Reservoir deckt schliesslich einen Gutteil des Energiebedarfs der Niederlande. Etwa ein Fünftel des niederländischen Erdgases wird nach Deutschland exportiert.
Auch im benachbarten Niedersachsen hat sich der Boden nach jahrzehntelanger Gasförderung um einige Zentimeter abgesenkt. Genaue Messungen lägen den Behörden allerdings nicht vor, sagt Klaus Söntgerath vom LBEG. Probleme für den Küstenschutz oder Gebäudeschäden seien hierzulande aber nicht zu befürchten – die Gasfelder in Niedersachsen seien 100-mal kleiner als die bei Groningen.
«Das Wasser drückt in die Stadt»
Welche dramatischen Auswirkungen Bodensetzungen haben können, zeigt sich jedoch in der indonesischen Hafenstadt Semarang. Die Millionenstadt kippt regelrecht ins Meer. Bis zu 15 Zentimeter pro Jahr senken sich küstennahe Stadtviertel, berichten Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR in Hannover. «Das Wasser drückt in die Stadt», sagt Friedrich Kühn von der BGR. Es verursache «enorme wirtschaftliche Schäden».
Manche Strassenzüge der Millionenstadt sind bereits im Meer versunken. Ganze Wohngebiete und Industrieanlagen werden im Zuge der Gezeiten täglich geflutet. Die Anwohner legen Ziegelsteine auf die Strasse, um trockenen Fusses voranzukommen. Meist jedoch müssen drastischere Massnahmen ergriffen werden, um der Wassermassen Herr zu werden. Strassen werden mit Erde und Schutt stetig erhöht, um sie über dem Meeresspiegel zu halten. An manchen Orten ragen nur noch die Häusergiebel über den Strassenrand.
Ursache des Desasters sei «die unkontrollierte Förderung von Grundwasser», berichtet Friedrich Kühn. Die Entleerung der Bodenschichten lasse den Untergrund absacken. Die Wasserentnahme führe zudem dazu, dass Tonschichten austrocknen. Dadurch schrumpfe das Erdreich.
Lissabon, Athen, Bangkok sacken ein
Mit den Radarsatelliten ERS-1 und ERS-2 der Europäischen Weltraumorganisation (Esa) hatten Wissenschaftler erkundet, warum sich der Boden absenkt. Sie verglichen 35 Aufnahmen, die die Satelliten zwischen 2002 und 2006 von Semarang machten. Die Radare senden elektromagnetische Strahlen zur Erde. Senkt sich der Boden, sind die Strahlen länger unterwegs. In Semarang haben die Forscher auf diese Weise die Veränderung von knapp 47'000 Punkten am Boden vermessen.
Auch andere Metropolen wurden im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts «Terrafirma» mit den Radarsatelliten vermessen – mit teilweise dramatischem Ergebnis. So zeigte sich, dass auch Lissabon, Bangkok, Jakarta und Athen wegen Grundwasserentnahmen einsacken. Shanghai senkt sich pro Monat um 1 Millimeter. Die grösste Stadt Chinas – ihr Name bedeutet «über dem Meer» – kommt dem Meeresspiegel vielerorts bereits gefährlich nahe.
U-Bahn-Trassen verformen sich, Gebäude zeigen Risse
Die Last Tausender Hochhäuser beschleunigt den Niedergang; der weiche Marschboden unter Shanghai sackt zusammen. Der Finanzdistrikt, wo die meisten Wolkenkratzer stehen, sinkt drei- bis sechsmal schneller ein als andere Bezirke. Die Folgen sind vielerorts sichtbar: U-Bahn-Trassen verformen sich, Gebäude zeigen Risse.
Das Einsinken von Sankt Petersburg führen Forscher ebenfalls auf die Last der Gebäude zurück. In Istanbul indes standen die Experten lange vor einem Rätsel. Über die Stadt verteilt, entdeckten sie auf ihren Satellitenbildern Dutzende Areale, die mit bedrohlicher Geschwindigkeit absanken. Erst Recherchen an Ort und Stelle brachten die Erklärung. An Hängen kriechen Böden abwärts. So könnten ganze Wohngebiete unter sich begraben werden.
Gas-Notreserve unter Berlin
Doch nicht mit allen Städten geht es abwärts. In Berlin etwa registrierten die Satelliten, dass sich der Boden unter dem Olympiastadion seit den 90er-Jahren um 6 Zentimeter gehoben hat. Eine Nachfrage beim örtlichen Gasversorger brachte die Erklärung für die Geoforscher: In Sandsteinschichten unter dem Stadion wurden Anfang der 90er grosse Mengen Erdgas gepresst, es soll als Notreserve dienen. Wie auf einem Luftkissen wurde das Olympiastadion in die Höhe gehoben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.06.2009, 23:22 Uhr
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