21. November 2009, Neue Zürcher Zeitung
Der Klimawandel wird Indien teuer zu stehen kommen
Dem Subkontinent drohen durch die Veränderung des Monsuns mehr Dürren und Flutkatastrophen
Auf dem indischen Subkontinent dürfte sich der Klimawandel vor allem durch eine Veränderung des Sommermonsuns bemerkbar machen. Experten erwarten, dass Dürren und Flutkatastrophen in den nächsten fünfzig Jahren deutlich zunehmen werden.
Andrea Spalinger, Delhi
In Indien hat dieses Jahr der Sommermonsun – der in der Regel von Juni bis September dauert – zwei Monate zu spät eingesetzt. Er brachte ein paar sehr heftige Regenschauer und war dann auch schon wieder vorbei. Für die Landwirtschaft hatte dies katastrophale Folgen, denn nur ein kleiner Teil des Ackerlandes auf dem Subkontinent ist bewässert, und die grosse Mehrheit der Bauern ist vom Regen abhängig, das heisst hauptsächlich vom Monsun, der rund 80 Prozent des jährlichen Niederschlages bringt.
Ein schlechter Monsun trifft vor allem jene zwei Drittel des Milliardenvolkes hart, deren Einkommen direkt von der Landwirtschaft abhängt. Er hat aber auch negativen Einfluss auf die städtische Bevölkerung, weil er zu Wasserknappheit und....
21. November 2009, Neue Zürcher Zeitung
Der Klimawandel wird Indien teuer zu stehen kommen
Dem Subkontinent drohen durch die Veränderung des Monsuns mehr Dürren und Flutkatastrophen
Auf dem indischen Subkontinent dürfte sich der Klimawandel vor allem durch eine Veränderung des Sommermonsuns bemerkbar machen. Experten erwarten, dass Dürren und Flutkatastrophen in den nächsten fünfzig Jahren deutlich zunehmen werden.
Andrea Spalinger, Delhi
In Indien hat dieses Jahr der Sommermonsun – der in der Regel von Juni bis September dauert – zwei Monate zu spät eingesetzt. Er brachte ein paar sehr heftige Regenschauer und war dann auch schon wieder vorbei. Für die Landwirtschaft hatte dies katastrophale Folgen, denn nur ein kleiner Teil des Ackerlandes auf dem Subkontinent ist bewässert, und die grosse Mehrheit der Bauern ist vom Regen abhängig, das heisst hauptsächlich vom Monsun, der rund 80 Prozent des jährlichen Niederschlages bringt.
Ein schlechter Monsun trifft vor allem jene zwei Drittel des Milliardenvolkes hart, deren Einkommen direkt von der Landwirtschaft abhängt. Er hat aber auch negativen Einfluss auf die städtische Bevölkerung, weil er zu Wasserknappheit und zu einem deutlichen Anstieg der Nahrungsmittelpreise führt.
Alarmierende Anzeichen
Rund die Hälfte der über 600 Distrikte Indiens leiden derzeit unter einer der schlimmsten Dürren seit Jahrzehnten. Im bevölkerungsreichsten Gliedstaat, Uttar Pradesh im Norden, rechnet man damit, dass die Reisernte im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent schlechter ausfallen dürfte. Die Zuckerrohrbauern im westlichen Maharashtra leiden ebenfalls schwer unter dem Ausbleiben des Regens, und selbst die Aussichten für die winterliche Weizenernte in der nördlichen Kornkammer Punjab sind angesichts der halbvollen Wasserreservoire düster. Während weite Teile des Landes unter Trockenheit leiden, führten heftige Regenfälle in den südlichen Gliedstaaten Karnataka und Andhra Pradesh in den letzten Wochen zu Überschwemmungen, was für das Ackerland genauso verheerend war.
Indische Wissenschafter sind angesichts der extremen Witterung alarmiert. Einige wenige sprechen zwar noch immer von normalen zyklischen Bewegungen, die grosse Mehrheit von ihnen ist heute aber überzeugt, dass diese mit dem Klimawandel zusammenhängt. Die globale Erwärmung habe bereits Auswirkungen auf den Wetterzyklus auf dem Subkontinent, sagt Anumita Roychowdhury vom Centre for Science and Environment in Delhi. Indien habe zwar schon immer unter Dürren und Überschwemmungen gelitten, doch Statistiken zeigten ganz klar, dass sich diese häuften und an Intensität gewännen. Unter anderen hat auch das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) in seinem letzten Bericht eine deutliche Veränderung des indischen Monsuns festgestellt.
Mehr Regen in weniger Tagen
Meteorologische Daten zeigen, dass sich die durchschnittlichen Temperaturen Indiens in den letzten hundert Jahren um 0,4 Grad erhöht haben. Der Sommermonsun blieb in der Zeitspanne insgesamt zwar relativ stabil, doch sind auffällige regionale Veränderungen festzustellen. So nahmen entlang der Nordwestküste wie auch im Norden von Andhra Pradesh die Niederschläge um etwa 12 Prozent zu, während sie im Nordosten, in Madhya Pradesh und in Kerala um 6 bis 8 Prozent zurückgingen.
Angesichts der enormen Grösse und der klimatischen Diversität Indiens ist es schwierig, allgemeingültige Prognosen zu erstellen. Die Temperaturerhöhung wird sich in den einzelnen Regionen ganz unterschiedlich auswirken. Sämtliche wissenschaftlichen Studien der letzten Jahre gehen jedoch davon aus, dass die Temperaturen auf dem Subkontinent in den nächsten hundert Jahren deutlich steigen und die Niederschläge zunehmen werden. Bezüglich der exakten Zahlen gehen die Einschätzungen zum Teil weit auseinander, je nachdem, welche Daten verwendet wurden und ob die Wissenschafter ein eher optimistisches oder pessimistisches Szenario für den künftigen Treibhausgasausstoss verwendeten. Dramatisch sind die Prognosen aber in allen Fällen.
Die Regierung hat in einer Dokumentation zuhanden der Uno-Klimarahmenkonvention verschiedene globale und regionale Klimamodelle ausgewertet und einen Trend herauszuarbeiten versucht. Der Bericht prognostiziert bis 2050 eine deutliche Erhöhung sowohl der durchschnittlichen Maximal- als auch der Minimaltemperaturen. Für Südindien wird eine Erhöhung der maximalen Temperatur zwischen 2 und 4 Grad erwartet, für den Norden sogar über 4 Grad. Gleichzeitig dürften die minimalen Temperaturen landesweit um mindestens 4 Grad steigen. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel, die Erhöhung würde aber dazu reichen, den Ertrag von traditionell in Indien angebautem Saatgut deutlich zu vermindern und den Schädlingsbefall zu erhöhen.
In Bezug auf die Regenmenge stellt der Regierungsbericht bis 2050 insgesamt eine leichte Zunahme in Aussicht. Die Zahl der Regentage dürfte in weiten Teilen des Landes allerdings deutlich zurückgehen und die Intensität der Niederschläge zunehmen. «Die Lage wird sich überall zuspitzen», sagt Suruchi Bhadwal von The Energy and Resources Institute (Teri), einem der renommiertesten wissenschaftlichen Institute in Delhi. «Trockene Regionen werden noch trockener werden, Gebiete, die unter flutartigen Regen leiden, noch häufiger überschwemmt werden.»
Wassermangel und Missernten
Wenn Niederschläge stärker, aber seltener werden, hat das auch Einfluss auf den Grundwasserspiegel und den Wasserhaushalt des Landes, da bei flutartigem Regen ein grosser Teil des Wassers nicht langsam in der Erde versickert, sondern wegfliesst. Bereits heute leidet Indien unter Wasserknappheit. Bis 2050 dürfte laut dem IPCC das pro Kopf zur Verfügung stehende Wasser jedoch nochmals deutlich zurückgehen.
In den letzten 50 Jahren litt Indien unter 15 schweren Dürren, die sich verheerend auf die Nahrungsmittelproduktion auswirkten. «Der Wassermangel und die höheren Temperaturen werden einen negativen Einfluss auf die Erträge der wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte wie Reis, Weizen und Zuckerrohr haben», sagt Bhadwal. «Da die indische Bevölkerung bis 2050 auf etwa 1,6 Milliarden anwachsen wird, müssen wir uns ernsthafte Sorgen um unsere Nahrungsmittelsicherheit machen.»
Eine kürzlich publizierte Studie über die Kosten des Klimawandels, die von der Swiss Re mitfinanziert wurde, stellt fest, dass die Zunahme von Dürren beträchtliche Kosten verursachen wird. Als Fallbeispiel wird in dem Bericht der westliche Gliedstaat Maharashtra erwähnt, der überdurchschnittlich dürreanfällig ist (in 23 der 35 Distrikte fiel in den letzten 100 Jahren durchschnittlich weniger als ein Meter Regen pro Jahr). Laut der Studie dürfte sich die Lage in Maharashtra in den nächsten 20 Jahren verschärfen. Der jährliche Niederschlag könnte demnach in dieser Zeitspanne um 8 Prozent zurückgehen. Schwere Dürren, die momentan etwa alle 10 Jahre verzeichnet werden, werden laut der Prognose bis 2030 im Abstand von nur noch 3 Jahren auftreten.
Die landwirtschaftliche Produktion in den dürregeplagten Gebieten Maharashtras hatte 2008 etwa einen Wert von 7,7 Milliarden Dollar. Wegen Wasserknappheit hatten die Bauern allerdings einen Ernteausfall in der Höhe von rund 240 Millionen Dollar zu verzeichnen – und das in einem Jahr mit einem guten Monsun. Die Studie geht davon aus, dass sich die Verluste wegen des Klimawandels bis 2030 bei einem optimistischen Szenario um 10 Prozent, bei einem pessimistischen Szenario um bis zu 50 Prozent erhöhen könnten.
Auch die Weltbank stellte in einem Bericht 2008 fest, dass die klimatischen Veränderungen Indien teuer zu stehen kommen werden. Das Land habe in den letzten Jahrzehnten zwar eines der effizientesten Nothilfesysteme entwickelt. Die meisten Gliedstaaten gäben heute aber mehr Geld für Nothilfe aus als für die Förderung der Landwirtschaft und für die dringend nötige Strukturanpassung in diesem Sektor. In Maharashtra hat laut der Weltbank allein die Nothilfe nach der Dürre 2003 und der Flutkatastrophe 2005 mehr Geld verschlungen, als das Gesamtbudget für die Landwirtschaft des Staates von 2002 bis 2007 betrug. Die Weltbank-Experten wiesen warnend darauf hin, dass, wenn sich extreme klimatische Ereignisse häuften, die für Indien so wichtige ländliche Entwicklung ernsthaft gefährdet sei.
«Nicht nur die wirtschaftlichen, auch die sozialen Kosten des Klimawandels werden enorm sein», sagt die Wissenschafterin Anumita Roychowdhury. In der Tat braucht es nicht viel Phantasie, um sich die menschlichen Tragödien auszumalen, die ein Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion mit sich bringen wird. Die Mehrheit der Bauern lebt unter der Armutsgrenze und wird auch von kleinen Einkommenseinbussen schwer getroffen. Schlechte Ernten oder Naturkatastrophen enden meist in einer verhängnisvollen Schuldenspirale. Wenn die ländliche Armut in den nächsten Jahrzehnten weiter zunimmt, wird dies Indien in seiner Entwicklung immens zurückwerfen.
Die Regierung ist aufgewacht
Die Katastrophenszenarien haben auch die Politiker aufgeschreckt. Lange habe die Regierung wenig Interesse am Thema Klimawandel gezeigt, sagt Suruchi Bhadwal von Teri. Doch im letzten Jahr habe ein bemerkenswerter Meinungsumschwung stattgefunden. Mitte 2008 hat ein von Premierminister Singh ernannter Council on Climate Change einen Aktionsplan mit verbindlichen Vorgaben für eine Anpassung an die erwarteten Veränderungen vorgelegt. Durch besseres Wasser-Management (vor allem durch Bewässerungssysteme und effizienteres Speichern von Regenwasser) und eine Anpassung des Saatgutes an die veränderten Bedingungen sollen die negativen Auswirkungen auf die Landwirtschaft abgefedert werden.
Gleichzeitig hat sich Delhi in dem Aktionsplan auch das Ziel gesetzt, den Ausstoss von Treibhausgasen durch die Förderung von erneuerbaren Energien, durch energiesparende Technologien in verschiedensten Bereichen und durch Aufforstung zu reduzieren. Allerdings hält die Regierung an ihrer alten Maxime fest, dass sie das Wirtschaftswachstum um keinen Preis bremsen will. Die offizielle Position Indiens an der Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember dürfte entsprechend hart bleiben.
Laut Umweltminister Jairam Ramesh will Delhi künftig zwar mehr als bisher für den Klimaschutz tun. Indien will aber eigene gesetzliche Massnahmen zur Verringerung des CO 2 -Ausstosses treffen und sich nicht – wie von der EU gefordert – verbindlichen Zielen eines internationalen Abkommens unterwerfen. «Wir handeln nicht auf Druck des Auslands, sondern im Interesse unserer Bürger, die zunehmend unter dem Klimawandel leiden», meinte der Minister jüngst in einem Interview mit einem indischen Fernsehsender.
Indien liegt auf der Rangliste der grössten Emittenten mit einem Kohlendioxidausstoss von 1,5 Milliarden Tonnen im Jahr noch deutlich hinter den USA und China auf Platz fünf. Der Ausstoss des Schwellenlandes dürfte sich angesichts des hohen Wachstums in den nächsten 20 Jahren aber vervielfachen. Die Regierung verweist darauf, dass die westliche Welt die Hauptverantwortung für die bisherige Veränderung der Erdatmosphäre trägt und dass die Inder auch heute noch nur einen Fünftel so viel Kohlendioxid pro Kopf verursachen wie die Amerikaner. Delhi fordert deshalb, dass die reichen Länder stärker in die Pflicht genommen werden und die USA und die EU ihre Emissionen im nächsten Jahrzehnt um 40 Prozent verringern. Ein Kompromiss in dieser Frage ist nicht absehbar. Der indische Umweltminister sagt denn auch unumwunden, in Kopenhagen werde man sich kaum auf ein Abkommen einigen können.
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Mittwoch, Dezember 16, 2009
Dienstag, Dezember 15, 2009
Das traurige Leben der Guerillera Miriam
Tages Anzeiger 14.12.2009
Das traurige Leben der Guerillera Miriam
Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 14.12.2009
18 Jahre lang war Zenaida Rueda alias Miriam bei der kolumbianischen Rebellentruppe Farc. Nun hat sie ein Buch geschrieben und erzählt von Drill, Märschen, Gefechten und Zwangsabtreibungen im Dschungel.
Zenaida Rueda war 17 Jahre alt, als die Farc ihrer Familie die übliche Quote abverlangte – üblich zumindest in der ländlichen Gegend, in der das Bauernmädchen aufgewachsen war. Ein Familienmitglied habe in den Reihen der Rebellenarmee gegen die kapitalistische Oligarchie und für den Kommunismus zu kämpfen, lautete die Forderung – entweder sie oder ihr Bruder....
Ausland
Tages Anzeiger 14.12.2009
Das traurige Leben der Guerillera Miriam
Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 14.12.2009
18 Jahre lang war Zenaida Rueda alias Miriam bei der kolumbianischen Rebellentruppe Farc. Nun hat sie ein Buch geschrieben und erzählt von Drill, Märschen, Gefechten und Zwangsabtreibungen im Dschungel.
Zenaida Rueda war 17 Jahre alt, als die Farc ihrer Familie die übliche Quote abverlangte – üblich zumindest in der ländlichen Gegend, in der das Bauernmädchen aufgewachsen war. Ein Familienmitglied habe in den Reihen der Rebellenarmee gegen die kapitalistische Oligarchie und für den Kommunismus zu kämpfen, lautete die Forderung – entweder sie oder ihr Bruder.
18 Jahre im Dienste der Farc
Dieses Schicksal wollte Zenaida ihrem Bruder ersparen. 18 Jahre lang trug sie deshalb die Uniform der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc), der grössten Guerilla der Welt. Im Januar 2009 desertierte sie, und jetzt ist in Kolumbien ihr Buch «Confesiones de una Guerrillera» («Geständnisse einer Guerillera») erschienen.
Es ist ein Bericht in einfacher Sprache, ohne Ansprüche, die Farc politisch einzuordnen oder die Motive ihrer Mitglieder psychologisch zu deuten. Auch eigene Gefühle beschreibt Rueda wortkarg, doch gerade dies verleiht ihren Geständnissen eine besondere Prägnanz. Sie schildert, was sie sieht und was sie erlebt, und stets ist dabei ein wenig die seelische Hornhaut zu spüren, die sie einer unerbittlichen Realität gegenüber schützen soll.
Drill, Märsche, Gefechte
Nachdem sich Zenaida Rueda der Farc angeschlossen hat, erhält sie den Kampfnamen Miriam. Das Leben als Revolutionärin ist eine einzige Plackerei, eine endlose Abfolge von Märschen, Gefechten und militärischen Übungen. «An einem normalen Tag steht ein Guerillero um 4.30 Uhr auf, bringt sein Schlaflager in Ordnung, geht auf die Latrine, putzt sich die Zähne. Ich gewöhnte mich nie daran, mit den anderen auf die Latrine zu gehen. Manchmal bestand sie lediglich aus einer breiten Grube, in die alle gleichzeitig defäkierten. Sie zu benutzen, war eine Tortur, weil alles voller Stechmücken war.»
Um 5 Uhr erhalten die Rebellen Kaffee und Frühstück – fast immer Reis mit Bohnen. Um 6.40 wird das Lager gesäubert, um 7.10 beginnen die Drillübungen, um 11 Uhr gibt es Mittagessen. Um 15 Uhr haben die Guerilleros 5 Minuten, um sich zu duschen, 2 Stunden später essen sie zu Abend; bei Einbruch der Dunkelheit gehen sie schlafen. Besonders öde findet Zenaida die Sitzungen, an denen Vorgesetzte aus den Schriften des Farc-Chefs Manuel Marulanda vorlesen oder Reden über Karl Marx halten.
Zwang zur Abtreibung
Miriam wird zur Funkerin ausgebildet, so bleibt ihr die Teilnahme an militärischen Gefechten meist erspart. Zweimal verliebt sie sich in einen Mitkämpfer, zweimal wird sie schwanger. Sie verheimlicht ihren Zustand, solange es geht, denn bei der Farc werden Föten selbst im siebten Monat noch abgetrieben. Nach der Geburt muss sie ihre Kinder in der Obhut von Bauernfamilien lassen. Der Kommandant ihrer Einheit heisst Victor Julio Suárez alias Mono Jojoy, der Affe Jojoy. Er gehört zum Sekretariat der Rebellenarmee und ist einer der bekanntesten Farc-Exponenten. Persönlich begegnet ihm Miriam viermal. Eines dieser Treffen ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. «Der Alte sass auf einem Plastikstuhl, in Strandlatschen, ohne Hemd. In Wirklichkeit war er gar nicht so alt, aber wer bei der Guerilla über 35 oder 40 ist, den hat das harte Leben im Dschungel gezeichnet.»
Kurz zuvor wurde ein Kämpfer verhaftet, weil man ihn beschuldigte zu spionieren. Die Vorstellung, dass «Infiltrierte» die Farc unterwandern und den Standort einzelner Einheiten an die Armee verraten, ist für die Kommandanten Obsession und Disziplinierungsmittel zugleich. Wer als einfacher Soldat aufmuckt, muss stets damit rechnen, vor einen «Kriegsrat» gestellt zu werden. Dabei dürfen die anderen Guerilleros im Prinzip über das Schicksal des Angeklagten abstimmen. Wenn sie sich aber weigern, per Handaufheben in seine Erschiessung einzuwilligen, geraten sie oft selbst in Verdacht, Infiltrierte zu sein. «Jojoy sagte, wir sollten uns nicht als Weicheier zeigen, wenn es darum gehe, für die Hinrichtung zu stimmen. Ich beobachtete meine Gefährten aus den Augenwinkeln. Einer nach dem anderen hob die Hand, und ich dachte: Ich muss mich anschliessen, sonst verhaften sie mich und behaupten, ich sei ebenfalls eine Infiltrierte.»
In Zenaida Ruedas Buch tritt auch eine Figur auf, von der man bisher nichts wusste. «Nie zuvor in meinem Leben hatte ich einen Zwerg gesehen. Rigo besass eine Uniform und eine kleine Beretta-Pistole; er hatte grotesk krumme Beine und einen riesigen Hintern.» Der Kleinwüchsige darf sich so gut wie alles herausnehmen, denn er ist ein Sohn von Manuel Marulanda – des legendären Farc-Begründers und Oberguerillero, der im vergangenen März einem Herzinfarkt erlag. «Wenn uns Helikopter oder Bodentruppen angriffen, mussten wir uns zuerst um den Zwerg kümmern. Er hatte eine Vorliebe für grosse, schöne Guerilleras, und er bekam sie, weil er Marulandas Sohn war.» Einmal beobachtet Miriam ein Treffen zwischen den beiden. In der Ferne erscheint eine Wagenkolonne, nähert sich. «Der Konvoi stoppte, Marulanda liess das Fenster hinunter. Wir alle nahmen Achtungstellung an. Als er den Zwerg kommen sah, öffnete er die Türe. «Hallo, Vater», sagte Rigo. «Hallo, mein Sohn», antwortete Marulanda. Mehr sagten sie nicht.»
Zermürbende Bombardements
Im Jahr 2002 hebt die kolumbianische Regierung die «entmilitarisierte Zone» auf – jenes Gebiet von der Grösse der Schweiz, das sie der Farc zuvor überlassen hatte. Da die Friedensverhandlungen gescheitert sind, startet die reguläre Armee eine gross angelegte Offensive. Die Schilderungen, wie die ständigen Bombardements die Rebellen zermürben und reihenweise desertieren lassen, gehören zum Eindrücklichsten in Ruedas Buch. Die vergebliche Sehnsucht, ihre Kinder, Eltern und Geschwister wiederzusehen, lässt sie in Groll und später Apathie versinken. Zur Strafe wird sie abkommandiert, eine Gruppe von Geiseln zu bewachen.
Darunter befindet sich der 37-jährige Ingenieur Juan Fernando Samudio, den die Farc eineinhalb Jahre zuvor entführt hat, um Lösegeld zu erpressen. Miriam überredet ihn zur Flucht. Eines Nachts nähert sich die Armee dem Camp. Bei einem Angriff wäre Miriam laut den Gesetzen der Farc verpflichtet, sämtliche Geiseln zu erschiessen. Stattdessen schleicht sie sich mit Samudio aus dem Lager und stellt sich der Armee.
Heute lebt Zenaida Rueda zurückgezogen in Bogotá. Die Regierung hat ihr eine Belohnung ausbezahlt und einen Leibwächter zur Verfügung gestellt, denn Deserteuren verzeiht die Farc nie. Im Vorwort zu ihrem Buch schreibt die ehemalige Geisel Samudio: «Dies ist die Geschichte einer Frau, für die das Leben nach 18 Jahren im Dschungel jeden Wert verloren hatte. Dennoch gelang es ihr, zu fliehen und ihre Familie wiederzusehen. Sie hat dabei ihr Leben riskiert, um ein anderes zu retten.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.12.2009, 04:00 Uhr
Das traurige Leben der Guerillera Miriam
Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 14.12.2009
18 Jahre lang war Zenaida Rueda alias Miriam bei der kolumbianischen Rebellentruppe Farc. Nun hat sie ein Buch geschrieben und erzählt von Drill, Märschen, Gefechten und Zwangsabtreibungen im Dschungel.
Zenaida Rueda war 17 Jahre alt, als die Farc ihrer Familie die übliche Quote abverlangte – üblich zumindest in der ländlichen Gegend, in der das Bauernmädchen aufgewachsen war. Ein Familienmitglied habe in den Reihen der Rebellenarmee gegen die kapitalistische Oligarchie und für den Kommunismus zu kämpfen, lautete die Forderung – entweder sie oder ihr Bruder....
Ausland
Tages Anzeiger 14.12.2009
Das traurige Leben der Guerillera Miriam
Von Sandro Benini, Mexico City. Aktualisiert am 14.12.2009
18 Jahre lang war Zenaida Rueda alias Miriam bei der kolumbianischen Rebellentruppe Farc. Nun hat sie ein Buch geschrieben und erzählt von Drill, Märschen, Gefechten und Zwangsabtreibungen im Dschungel.
Zenaida Rueda war 17 Jahre alt, als die Farc ihrer Familie die übliche Quote abverlangte – üblich zumindest in der ländlichen Gegend, in der das Bauernmädchen aufgewachsen war. Ein Familienmitglied habe in den Reihen der Rebellenarmee gegen die kapitalistische Oligarchie und für den Kommunismus zu kämpfen, lautete die Forderung – entweder sie oder ihr Bruder.
18 Jahre im Dienste der Farc
Dieses Schicksal wollte Zenaida ihrem Bruder ersparen. 18 Jahre lang trug sie deshalb die Uniform der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc), der grössten Guerilla der Welt. Im Januar 2009 desertierte sie, und jetzt ist in Kolumbien ihr Buch «Confesiones de una Guerrillera» («Geständnisse einer Guerillera») erschienen.
Es ist ein Bericht in einfacher Sprache, ohne Ansprüche, die Farc politisch einzuordnen oder die Motive ihrer Mitglieder psychologisch zu deuten. Auch eigene Gefühle beschreibt Rueda wortkarg, doch gerade dies verleiht ihren Geständnissen eine besondere Prägnanz. Sie schildert, was sie sieht und was sie erlebt, und stets ist dabei ein wenig die seelische Hornhaut zu spüren, die sie einer unerbittlichen Realität gegenüber schützen soll.
Drill, Märsche, Gefechte
Nachdem sich Zenaida Rueda der Farc angeschlossen hat, erhält sie den Kampfnamen Miriam. Das Leben als Revolutionärin ist eine einzige Plackerei, eine endlose Abfolge von Märschen, Gefechten und militärischen Übungen. «An einem normalen Tag steht ein Guerillero um 4.30 Uhr auf, bringt sein Schlaflager in Ordnung, geht auf die Latrine, putzt sich die Zähne. Ich gewöhnte mich nie daran, mit den anderen auf die Latrine zu gehen. Manchmal bestand sie lediglich aus einer breiten Grube, in die alle gleichzeitig defäkierten. Sie zu benutzen, war eine Tortur, weil alles voller Stechmücken war.»
Um 5 Uhr erhalten die Rebellen Kaffee und Frühstück – fast immer Reis mit Bohnen. Um 6.40 wird das Lager gesäubert, um 7.10 beginnen die Drillübungen, um 11 Uhr gibt es Mittagessen. Um 15 Uhr haben die Guerilleros 5 Minuten, um sich zu duschen, 2 Stunden später essen sie zu Abend; bei Einbruch der Dunkelheit gehen sie schlafen. Besonders öde findet Zenaida die Sitzungen, an denen Vorgesetzte aus den Schriften des Farc-Chefs Manuel Marulanda vorlesen oder Reden über Karl Marx halten.
Zwang zur Abtreibung
Miriam wird zur Funkerin ausgebildet, so bleibt ihr die Teilnahme an militärischen Gefechten meist erspart. Zweimal verliebt sie sich in einen Mitkämpfer, zweimal wird sie schwanger. Sie verheimlicht ihren Zustand, solange es geht, denn bei der Farc werden Föten selbst im siebten Monat noch abgetrieben. Nach der Geburt muss sie ihre Kinder in der Obhut von Bauernfamilien lassen. Der Kommandant ihrer Einheit heisst Victor Julio Suárez alias Mono Jojoy, der Affe Jojoy. Er gehört zum Sekretariat der Rebellenarmee und ist einer der bekanntesten Farc-Exponenten. Persönlich begegnet ihm Miriam viermal. Eines dieser Treffen ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. «Der Alte sass auf einem Plastikstuhl, in Strandlatschen, ohne Hemd. In Wirklichkeit war er gar nicht so alt, aber wer bei der Guerilla über 35 oder 40 ist, den hat das harte Leben im Dschungel gezeichnet.»
Kurz zuvor wurde ein Kämpfer verhaftet, weil man ihn beschuldigte zu spionieren. Die Vorstellung, dass «Infiltrierte» die Farc unterwandern und den Standort einzelner Einheiten an die Armee verraten, ist für die Kommandanten Obsession und Disziplinierungsmittel zugleich. Wer als einfacher Soldat aufmuckt, muss stets damit rechnen, vor einen «Kriegsrat» gestellt zu werden. Dabei dürfen die anderen Guerilleros im Prinzip über das Schicksal des Angeklagten abstimmen. Wenn sie sich aber weigern, per Handaufheben in seine Erschiessung einzuwilligen, geraten sie oft selbst in Verdacht, Infiltrierte zu sein. «Jojoy sagte, wir sollten uns nicht als Weicheier zeigen, wenn es darum gehe, für die Hinrichtung zu stimmen. Ich beobachtete meine Gefährten aus den Augenwinkeln. Einer nach dem anderen hob die Hand, und ich dachte: Ich muss mich anschliessen, sonst verhaften sie mich und behaupten, ich sei ebenfalls eine Infiltrierte.»
In Zenaida Ruedas Buch tritt auch eine Figur auf, von der man bisher nichts wusste. «Nie zuvor in meinem Leben hatte ich einen Zwerg gesehen. Rigo besass eine Uniform und eine kleine Beretta-Pistole; er hatte grotesk krumme Beine und einen riesigen Hintern.» Der Kleinwüchsige darf sich so gut wie alles herausnehmen, denn er ist ein Sohn von Manuel Marulanda – des legendären Farc-Begründers und Oberguerillero, der im vergangenen März einem Herzinfarkt erlag. «Wenn uns Helikopter oder Bodentruppen angriffen, mussten wir uns zuerst um den Zwerg kümmern. Er hatte eine Vorliebe für grosse, schöne Guerilleras, und er bekam sie, weil er Marulandas Sohn war.» Einmal beobachtet Miriam ein Treffen zwischen den beiden. In der Ferne erscheint eine Wagenkolonne, nähert sich. «Der Konvoi stoppte, Marulanda liess das Fenster hinunter. Wir alle nahmen Achtungstellung an. Als er den Zwerg kommen sah, öffnete er die Türe. «Hallo, Vater», sagte Rigo. «Hallo, mein Sohn», antwortete Marulanda. Mehr sagten sie nicht.»
Zermürbende Bombardements
Im Jahr 2002 hebt die kolumbianische Regierung die «entmilitarisierte Zone» auf – jenes Gebiet von der Grösse der Schweiz, das sie der Farc zuvor überlassen hatte. Da die Friedensverhandlungen gescheitert sind, startet die reguläre Armee eine gross angelegte Offensive. Die Schilderungen, wie die ständigen Bombardements die Rebellen zermürben und reihenweise desertieren lassen, gehören zum Eindrücklichsten in Ruedas Buch. Die vergebliche Sehnsucht, ihre Kinder, Eltern und Geschwister wiederzusehen, lässt sie in Groll und später Apathie versinken. Zur Strafe wird sie abkommandiert, eine Gruppe von Geiseln zu bewachen.
Darunter befindet sich der 37-jährige Ingenieur Juan Fernando Samudio, den die Farc eineinhalb Jahre zuvor entführt hat, um Lösegeld zu erpressen. Miriam überredet ihn zur Flucht. Eines Nachts nähert sich die Armee dem Camp. Bei einem Angriff wäre Miriam laut den Gesetzen der Farc verpflichtet, sämtliche Geiseln zu erschiessen. Stattdessen schleicht sie sich mit Samudio aus dem Lager und stellt sich der Armee.
Heute lebt Zenaida Rueda zurückgezogen in Bogotá. Die Regierung hat ihr eine Belohnung ausbezahlt und einen Leibwächter zur Verfügung gestellt, denn Deserteuren verzeiht die Farc nie. Im Vorwort zu ihrem Buch schreibt die ehemalige Geisel Samudio: «Dies ist die Geschichte einer Frau, für die das Leben nach 18 Jahren im Dschungel jeden Wert verloren hatte. Dennoch gelang es ihr, zu fliehen und ihre Familie wiederzusehen. Sie hat dabei ihr Leben riskiert, um ein anderes zu retten.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.12.2009, 04:00 Uhr
Sonntag, Dezember 13, 2009
NZZ: Wer arbeitet, ist gut – wer viel arbeitet, ist besser
9. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Wer arbeitet, ist gut – wer viel arbeitet, ist besser
Arbeitssüchtige lassen sich von Therapeuten nur schwer erreichen
Workaholics, die ihre Anstellung verlieren, fallen ins Bodenlose – oder stürzen sich ohne Atempause in die nächste Aufgabe. Manchen aber gelingt der Absprung in ein Leben, das nach und nach wieder ins Lot kommt.
Vera Sohmer
Einfach dasitzen und nichts tun. Keine Kunst, möchte man meinen – und ein besonderes Verdienst wohl auch nicht. Doch dem widerspricht Sybille Marti* vehement. Für einen Arbeitssüchtigen sei es ein ziemlich grosser Schritt, sich klarzumachen: Du darfst auch einmal ruhen. Die 37-Jährige kann es mittlerweile – und sie fühlt sich gut dabei. Aber der Weg dahin war ein langwieriger und schmerzhafter Prozess, an dessen Anfang sie ihren Job aufgeben musste, weil sie vor Erschöpfung nicht mehr konnte. Erst das habe sie dazu bewogen, ihr Leben neu auszurichten, sich nicht mehr nur über die Arbeit zu definieren.
9. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Wer arbeitet, ist gut – wer viel arbeitet, ist besser
Arbeitssüchtige lassen sich von Therapeuten nur schwer erreichen
Workaholics, die ihre Anstellung verlieren, fallen ins Bodenlose – oder stürzen sich ohne Atempause in die nächste Aufgabe. Manchen aber gelingt der Absprung in ein Leben, das nach und nach wieder ins Lot kommt.
Vera Sohmer
Einfach dasitzen und nichts tun. Keine Kunst, möchte man meinen – und ein besonderes Verdienst wohl auch nicht. Doch dem widerspricht Sybille Marti* vehement. Für einen Arbeitssüchtigen sei es ein ziemlich grosser Schritt, sich klarzumachen: Du darfst auch einmal ruhen. Die 37-Jährige kann es mittlerweile – und sie fühlt sich gut dabei. Aber der Weg dahin war ein langwieriger und schmerzhafter Prozess, an dessen Anfang sie ihren Job aufgeben musste, weil sie vor Erschöpfung nicht mehr konnte. Erst das habe sie dazu bewogen, ihr Leben neu auszurichten, sich nicht mehr nur über die Arbeit zu definieren.
Auf einen Schlag ist alles weg
Verstanden hat Sybille Marti dies alles erst im Nachhinein. Heute weiss sie: Wer süchtig ist nach Arbeit und plötzlich seinen Job verliert, kann nichts anfangen mit Ratschlägen wie «Nutze die Krise doch als Chance für einen Neuanfang oder für einen Perspektivenwechsel». Keine Arbeit zu haben, sei für jeden Menschen hart. Aber der Arbeitssüchtige verliere die Daseinsberechtigung: Auf einen Schlag ist alles weg, was Anerkennung, Bestätigung und Wertschätzung brachte – und nichts mehr ist davon übrig, was bisher das Selbstwertgefühl genährt hat. Eine bittere Erkenntnis. Und eine beschämende dazu, wenn man sich wie Sybille Marti auserwählt fühlte, als Exponentin im sozialen Bereich das Elend der ganzen Welt zu schultern und zu lindern. Jahrelang habe man ihr für Einsatz und Engagement auf die Schultern geklopft. Dann plötzlich: Bedeutungslosigkeit – ein bedauernswerter Tropf ohne Ansehen, ohne Wert, ohne Nutzen. «Viele Menschen fallen in derartigen Momenten in schwere Depressionen», weiss sie. Und die Leistungsgesellschaft macht sich einen zynischen Reim darauf: Wieder jemand, der sich aufgeopfert hat, um einer höheren Sache zu dienen. Ein Workaholic habe fatalerweise ja auch etwas Heldenhaftes, sagt der Psychiater Andreas Canziani. Diese Märtyrerrolle könne bis zum Suizid führen.
Wer arbeitet, ist gut; wer viel arbeitet, ist besser. Dieser Grundsatz werde hochgehalten, sagt der Wirtschafts- und Arbeitspsychologe Stefan Poppelreuter. Daran hätten auch die Wirtschaftskrise und die Kritik an Wachstum und Gewinnmaximierung nichts geändert. Seinen Beobachtungen nach ist Arbeitssucht die einzige Suchterkrankung, zu der sich viele offen bekennen. Hart arbeiten sei schliesslich schiere Notwendigkeit, um sich und seine Familie zu ernähren: Überlebenskampf in einem Wirtschaftsumfeld, wo die Angst um den Job zu mehr Leistung antreibt. Wer schaffe und schufte, präsentiere sich als wertvolles Mitglied einer Gesellschaft, die Arbeitsethos über alles stellt, sagt Poppelreuter. Warum also sollten Arbeitssüchtige freiwillig damit aufhören, sich im Hamsterrad die Lunge aus dem Leib zu hecheln? Zumal sie im Strudel wirbelnd oft gar nicht realisieren, dass sie ein Problem haben – und somit resistent sind gegen gutgemeinte Ratschläge.
Parallelen zum Burnout
Wer zugibt, dass er leidet oder nicht mehr kann, gesteht sich und anderen ein, dass er versagt hat. Deshalb, sagen Therapeuten, sei es so schwer, Arbeitssüchtige präventiv zu erreichen. Sie halten lieber durch – trotz unübersehbaren Symptomen. Zum Innehalten brauchen sie meist ein einschneidendes Erlebnis: eine Kündigung etwa oder massive gesundheitliche Probleme. Die Parallelen zum Burnout seien frappant, sagt Poppelreuter. Manchmal aber reichen selbst der Herzinfarkt oder der Kreislaufkollaps und die damit verbundene Zwangspause nicht aus, um ein gesundes Verhältnis zur Arbeit zu entwickeln. Wer arbeitssüchtig ist, sucht oft panisch die nächste Aufgabe – um dort im gleichen Muster weiter zu krampfen.
Doch was treibt den Arbeitssüchtigen, als wäre er ein Junkie auf der Suche nach Stoff? Der hohe Stellenwert der Arbeit in unserer Gesellschaft sei nur eine Komponente, betont Poppelreuter. Noch stärker wiege die persönliche Disposition. Sich in eine Sucht zu flüchten, diene oft dazu, Angst zu reduzieren. Die Angst vor Demaskierung zum Beispiel: Beim nächsten Mal kommt heraus, dass ich gar nichts draufhabe; es wird offensichtlich, dass ich es nicht kann.» Solche Gedanken treiben selbst die erfolgreichsten Menschen um. Also reagieren sie darauf mit mehr von dem, was sie ohnehin schon geben – noch mehr Anstrengung, noch mehr Leistung. «Es ist, als würden sie permanent mit dem Kopf gegen die Wand rennen, statt einen Schritt zur Seite zu gehen, dorthin, wo sich die Tür befindet», sagt Poppelreuter. Manchmal sei es auch die Furcht davor, mit den eigenen Fehlern und Unzulänglichkeiten konfrontiert zu werden. Oder die Angst vor der inneren Leere. Um sich diesen Gefühlen nicht stellen zu müssen, flüchten viele Menschen in Arbeit. Das Fatale: Es geht nicht mehr um Genugtuung und Erfüllung, wie dies bei jemandem der Fall ist, der ein gutes Mass gefunden hat zwischen Engagement und der Sorge zu sich selbst. Der Arbeitssüchtige missbraucht die Arbeit für einen anderen Zweck – als Suchtmittel. Canziani beobachtet oft, dass Arbeitssüchtige auch sonst zu exzessivem Verhalten neigen. «Wenn ich empfehle, gehen Sie doch einem Hobby nach, entscheiden sich viele für Fitness.» Weil man sich dort messen könne. Ruhe und Erholung würden dann mit Alkohol oder Tranquilizern erzwungen. Eine selbstzerstörerische Spirale.
Canziani will aber nicht schwarz- malen: Aus einer derartigen Krise herauszufinden, sei möglich. Und zwar am ehesten dann, wenn man stärkt, was noch intakt ist, und vermeidet, in die nächste Mühle hinzugeraten – Opferrolle und Selbstmitleid. «Ein Arbeitssüchtiger, der seinen Job verliert, ist nicht automatisch verloren», sagt auch die Therapeutin Djurdja Petrina Bucher. Wichtig sei, seine Ressourcen zu aktivieren und zu nutzen: das soziale Umfeld; Hobbys, die Halt geben und Sinn stiften. Dazu gehöre aber auch die nüchterne Analyse, wie es zur Arbeitssucht kommen konnte – sich also zu fragen, was einem wirklich fehlt im Leben. Und man müsse lernen, konsequent zu sein, auch im Kleinen. Einen guten Job machen, keine Frage. Aber pünktlich gehen und zur Kenntnis nehmen, dass der Laden auch ohne einen läuft.
Bei der Arbeit entspannen
Auch Sybille Marti hat die Konsequenzen gezogen. Sie wird ihren Lebensstandard herunterfahren und weniger Geld verdienen: der Teilausstieg aus einer arbeitsverrückten Welt. Ihr Verhältnis zur Arbeit hat sich radikal geändert – zum Guten, wie sie sagt. Neben der Erkenntnis, auch einmal nichts tun zu dürfen und trotzdem ein vollwertiger Mensch zu sein, hat sie etwas verinnerlicht, was auf den ersten Blick unlogisch erscheinen mag: Sie entspannt sich bei der Arbeit. Indem sie einen guten Rhythmus entwickelt hat zwischen Aktivität und Ruhe. Und Rücksicht nimmt, wenn Körper und Kopf nach Pausen verlangen. Und sie hat sich verabschiedet vom Glauben, es liege im Wesen der Arbeit, so viel Energie zu absorbieren, dass zum Leben keine mehr übrig bleibt.
Vera Sohmer ist freie Journalistin
* Name von der Redaktion geändert.
Wer arbeitet, ist gut – wer viel arbeitet, ist besser
Arbeitssüchtige lassen sich von Therapeuten nur schwer erreichen
Workaholics, die ihre Anstellung verlieren, fallen ins Bodenlose – oder stürzen sich ohne Atempause in die nächste Aufgabe. Manchen aber gelingt der Absprung in ein Leben, das nach und nach wieder ins Lot kommt.
Vera Sohmer
Einfach dasitzen und nichts tun. Keine Kunst, möchte man meinen – und ein besonderes Verdienst wohl auch nicht. Doch dem widerspricht Sybille Marti* vehement. Für einen Arbeitssüchtigen sei es ein ziemlich grosser Schritt, sich klarzumachen: Du darfst auch einmal ruhen. Die 37-Jährige kann es mittlerweile – und sie fühlt sich gut dabei. Aber der Weg dahin war ein langwieriger und schmerzhafter Prozess, an dessen Anfang sie ihren Job aufgeben musste, weil sie vor Erschöpfung nicht mehr konnte. Erst das habe sie dazu bewogen, ihr Leben neu auszurichten, sich nicht mehr nur über die Arbeit zu definieren.
9. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Wer arbeitet, ist gut – wer viel arbeitet, ist besser
Arbeitssüchtige lassen sich von Therapeuten nur schwer erreichen
Workaholics, die ihre Anstellung verlieren, fallen ins Bodenlose – oder stürzen sich ohne Atempause in die nächste Aufgabe. Manchen aber gelingt der Absprung in ein Leben, das nach und nach wieder ins Lot kommt.
Vera Sohmer
Einfach dasitzen und nichts tun. Keine Kunst, möchte man meinen – und ein besonderes Verdienst wohl auch nicht. Doch dem widerspricht Sybille Marti* vehement. Für einen Arbeitssüchtigen sei es ein ziemlich grosser Schritt, sich klarzumachen: Du darfst auch einmal ruhen. Die 37-Jährige kann es mittlerweile – und sie fühlt sich gut dabei. Aber der Weg dahin war ein langwieriger und schmerzhafter Prozess, an dessen Anfang sie ihren Job aufgeben musste, weil sie vor Erschöpfung nicht mehr konnte. Erst das habe sie dazu bewogen, ihr Leben neu auszurichten, sich nicht mehr nur über die Arbeit zu definieren.
Auf einen Schlag ist alles weg
Verstanden hat Sybille Marti dies alles erst im Nachhinein. Heute weiss sie: Wer süchtig ist nach Arbeit und plötzlich seinen Job verliert, kann nichts anfangen mit Ratschlägen wie «Nutze die Krise doch als Chance für einen Neuanfang oder für einen Perspektivenwechsel». Keine Arbeit zu haben, sei für jeden Menschen hart. Aber der Arbeitssüchtige verliere die Daseinsberechtigung: Auf einen Schlag ist alles weg, was Anerkennung, Bestätigung und Wertschätzung brachte – und nichts mehr ist davon übrig, was bisher das Selbstwertgefühl genährt hat. Eine bittere Erkenntnis. Und eine beschämende dazu, wenn man sich wie Sybille Marti auserwählt fühlte, als Exponentin im sozialen Bereich das Elend der ganzen Welt zu schultern und zu lindern. Jahrelang habe man ihr für Einsatz und Engagement auf die Schultern geklopft. Dann plötzlich: Bedeutungslosigkeit – ein bedauernswerter Tropf ohne Ansehen, ohne Wert, ohne Nutzen. «Viele Menschen fallen in derartigen Momenten in schwere Depressionen», weiss sie. Und die Leistungsgesellschaft macht sich einen zynischen Reim darauf: Wieder jemand, der sich aufgeopfert hat, um einer höheren Sache zu dienen. Ein Workaholic habe fatalerweise ja auch etwas Heldenhaftes, sagt der Psychiater Andreas Canziani. Diese Märtyrerrolle könne bis zum Suizid führen.
Wer arbeitet, ist gut; wer viel arbeitet, ist besser. Dieser Grundsatz werde hochgehalten, sagt der Wirtschafts- und Arbeitspsychologe Stefan Poppelreuter. Daran hätten auch die Wirtschaftskrise und die Kritik an Wachstum und Gewinnmaximierung nichts geändert. Seinen Beobachtungen nach ist Arbeitssucht die einzige Suchterkrankung, zu der sich viele offen bekennen. Hart arbeiten sei schliesslich schiere Notwendigkeit, um sich und seine Familie zu ernähren: Überlebenskampf in einem Wirtschaftsumfeld, wo die Angst um den Job zu mehr Leistung antreibt. Wer schaffe und schufte, präsentiere sich als wertvolles Mitglied einer Gesellschaft, die Arbeitsethos über alles stellt, sagt Poppelreuter. Warum also sollten Arbeitssüchtige freiwillig damit aufhören, sich im Hamsterrad die Lunge aus dem Leib zu hecheln? Zumal sie im Strudel wirbelnd oft gar nicht realisieren, dass sie ein Problem haben – und somit resistent sind gegen gutgemeinte Ratschläge.
Parallelen zum Burnout
Wer zugibt, dass er leidet oder nicht mehr kann, gesteht sich und anderen ein, dass er versagt hat. Deshalb, sagen Therapeuten, sei es so schwer, Arbeitssüchtige präventiv zu erreichen. Sie halten lieber durch – trotz unübersehbaren Symptomen. Zum Innehalten brauchen sie meist ein einschneidendes Erlebnis: eine Kündigung etwa oder massive gesundheitliche Probleme. Die Parallelen zum Burnout seien frappant, sagt Poppelreuter. Manchmal aber reichen selbst der Herzinfarkt oder der Kreislaufkollaps und die damit verbundene Zwangspause nicht aus, um ein gesundes Verhältnis zur Arbeit zu entwickeln. Wer arbeitssüchtig ist, sucht oft panisch die nächste Aufgabe – um dort im gleichen Muster weiter zu krampfen.
Doch was treibt den Arbeitssüchtigen, als wäre er ein Junkie auf der Suche nach Stoff? Der hohe Stellenwert der Arbeit in unserer Gesellschaft sei nur eine Komponente, betont Poppelreuter. Noch stärker wiege die persönliche Disposition. Sich in eine Sucht zu flüchten, diene oft dazu, Angst zu reduzieren. Die Angst vor Demaskierung zum Beispiel: Beim nächsten Mal kommt heraus, dass ich gar nichts draufhabe; es wird offensichtlich, dass ich es nicht kann.» Solche Gedanken treiben selbst die erfolgreichsten Menschen um. Also reagieren sie darauf mit mehr von dem, was sie ohnehin schon geben – noch mehr Anstrengung, noch mehr Leistung. «Es ist, als würden sie permanent mit dem Kopf gegen die Wand rennen, statt einen Schritt zur Seite zu gehen, dorthin, wo sich die Tür befindet», sagt Poppelreuter. Manchmal sei es auch die Furcht davor, mit den eigenen Fehlern und Unzulänglichkeiten konfrontiert zu werden. Oder die Angst vor der inneren Leere. Um sich diesen Gefühlen nicht stellen zu müssen, flüchten viele Menschen in Arbeit. Das Fatale: Es geht nicht mehr um Genugtuung und Erfüllung, wie dies bei jemandem der Fall ist, der ein gutes Mass gefunden hat zwischen Engagement und der Sorge zu sich selbst. Der Arbeitssüchtige missbraucht die Arbeit für einen anderen Zweck – als Suchtmittel. Canziani beobachtet oft, dass Arbeitssüchtige auch sonst zu exzessivem Verhalten neigen. «Wenn ich empfehle, gehen Sie doch einem Hobby nach, entscheiden sich viele für Fitness.» Weil man sich dort messen könne. Ruhe und Erholung würden dann mit Alkohol oder Tranquilizern erzwungen. Eine selbstzerstörerische Spirale.
Canziani will aber nicht schwarz- malen: Aus einer derartigen Krise herauszufinden, sei möglich. Und zwar am ehesten dann, wenn man stärkt, was noch intakt ist, und vermeidet, in die nächste Mühle hinzugeraten – Opferrolle und Selbstmitleid. «Ein Arbeitssüchtiger, der seinen Job verliert, ist nicht automatisch verloren», sagt auch die Therapeutin Djurdja Petrina Bucher. Wichtig sei, seine Ressourcen zu aktivieren und zu nutzen: das soziale Umfeld; Hobbys, die Halt geben und Sinn stiften. Dazu gehöre aber auch die nüchterne Analyse, wie es zur Arbeitssucht kommen konnte – sich also zu fragen, was einem wirklich fehlt im Leben. Und man müsse lernen, konsequent zu sein, auch im Kleinen. Einen guten Job machen, keine Frage. Aber pünktlich gehen und zur Kenntnis nehmen, dass der Laden auch ohne einen läuft.
Bei der Arbeit entspannen
Auch Sybille Marti hat die Konsequenzen gezogen. Sie wird ihren Lebensstandard herunterfahren und weniger Geld verdienen: der Teilausstieg aus einer arbeitsverrückten Welt. Ihr Verhältnis zur Arbeit hat sich radikal geändert – zum Guten, wie sie sagt. Neben der Erkenntnis, auch einmal nichts tun zu dürfen und trotzdem ein vollwertiger Mensch zu sein, hat sie etwas verinnerlicht, was auf den ersten Blick unlogisch erscheinen mag: Sie entspannt sich bei der Arbeit. Indem sie einen guten Rhythmus entwickelt hat zwischen Aktivität und Ruhe. Und Rücksicht nimmt, wenn Körper und Kopf nach Pausen verlangen. Und sie hat sich verabschiedet vom Glauben, es liege im Wesen der Arbeit, so viel Energie zu absorbieren, dass zum Leben keine mehr übrig bleibt.
Vera Sohmer ist freie Journalistin
* Name von der Redaktion geändert.
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Samstag, Dezember 12, 2009
Freitag, Dezember 11, 2009
NZZ: Den Tag ins Zimmer holen
9. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Den Tag ins Zimmer holen
Biologisch wirksame Beleuchtungskonzepte zur Unterstützung der inneren Uhr
Blaues Licht ist ein wichtiger Bestandteil des Sonnenlichts und der zentrale Taktgeber der inneren Uhr. Mit neuen Lichtkonzepten simuliert man nun in Innenräumen das Tageslicht.
Hanna Wick
Der Mensch ist ein tagaktives Wesen. Er wacht am Tag und schläft in der Nacht. Zumindest war das vor Urzeiten einmal so. Heute sind wir daran gewöhnt, den Tag durch künstliches Licht zu verlängern, auch weit bis nach Mitternacht. Und viele Menschen verbringen die meiste Zeit nicht mehr unter freiem Himmel, sondern in Innenräumen. Diese sind zwar gut genug beleuchtet, um eine Arbeit auszuführen, nie aber so hell wie das Tageslicht.
9. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Den Tag ins Zimmer holen
Biologisch wirksame Beleuchtungskonzepte zur Unterstützung der inneren Uhr
Blaues Licht ist ein wichtiger Bestandteil des Sonnenlichts und der zentrale Taktgeber der inneren Uhr. Mit neuen Lichtkonzepten simuliert man nun in Innenräumen das Tageslicht.
Hanna Wick
Der Mensch ist ein tagaktives Wesen. Er wacht am Tag und schläft in der Nacht. Zumindest war das vor Urzeiten einmal so. Heute sind wir daran gewöhnt, den Tag durch künstliches Licht zu verlängern, auch weit bis nach Mitternacht. Und viele Menschen verbringen die meiste Zeit nicht mehr unter freiem Himmel, sondern in Innenräumen. Diese sind zwar gut genug beleuchtet, um eine Arbeit auszuführen, nie aber so hell wie das Tageslicht.
Gesundheitliche Folgen
So ist der moderne Mensch ganz anderen Lichtsituationen ausgesetzt als seine Urahnen, und das kann gesundheitliche Folgen haben: Zu wenig oder zu viel Licht zur falschen Zeit bringt nämlich die innere Uhr aus dem Takt. Besonders hart betroffen sind Abend- und Nachtschichtarbeiter, zu denen in der EU etwa 20 Prozent der Beschäftigten gehören. Sie leiden oft an Schlaf- und Konzentrationsstörungen und müssen auch mit langfristigen Folgen rechnen. So haben Frauen, die nachts arbeiten, laut heutigem Wissensstand ein höheres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Eine Ursache könnte ein Mangel des Hormons Melatonin sein; es ist bekannt dafür, den schädlichen oxidativen Stress in den Zellen zu vermindern.
Seit zwei Jahren stuft die WHO Nachtarbeit deshalb als «wahrscheinlich krebserregend» ein. Aufgrund dessen hat Dänemark im Frühling dieses Jahres als erstes Land weltweit damit begonnen, ehemalige Schichtarbeiterinnen mit Brustkrebs finanziell zu entschädigen. Und zahlreiche Länder prüfen, wie sich die negativen Folgen der Nachtarbeit mindern liessen. Zu den diskutierten Massnahmen gehört eine Lichtplanung, die den Tag-Nacht-Rhythmus der Schichtarbeiter möglichst wenig stört.
Ein wichtiger Impuls für diese Anstrengungen war die überraschende Entdeckung eines neuen Rezeptors in der Netzhaut im Jahr 2002. Der Lichtrezeptor spielt eine zentrale Rolle bei der Synchronisation der inneren Uhr mit dem «externen» Tagesverlauf und reagiert vor allem auf kurzwelliges, blaues Licht (siehe Kasten). Hier reichen schon sehr geringe Lichtstärken aus, um den Schlaf-Wach-Rhythmus von Probanden aus dem Takt zu bringen. So konnte Christian Cajochen von der Universität Basel nachweisen, dass schon eine 30-minütige Bestrahlung mit Blaulicht von nur 5 Lux am Abend die subjektive Aufmerksamkeit von Versuchspersonen in der Nacht erhöht und die Tiefschlafphasen verkürzt – verglichen mit einer Bestrahlung durch grünes Licht. Ausserdem sank der Melatonin-Spiegel deutlich ab.
Bei weissem Licht braucht es höhere Beleuchtungsstärken von 1000 bis 10 000 Lux, um ähnlich starke Effekte hervorzurufen. (Zum Vergleich: Ein heller Sonnentag kann bis zu 100 000 Lux erreichen.) Blaues Licht beeinflusst die innere Uhr also besonders stark. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass der Blaulicht-Anteil des Tageslichts vom Morgen an stetig zunimmt, um mittags, in der Phase stärkster Wachheit, sein Maximum zu erreichen.
Vielleicht liessen sich die schädlichen Auswirkungen der Nachtarbeit also mindern, wenn in der Nacht möglichst auf «weckendes» Blaulicht verzichtet würde. Dies müsste allerdings geschehen, ohne die Konzentration und Aufmerksamkeit bei der Arbeit zu verringern – ein (noch) unlösbares Problem. Eine andere Strategie wird in der neugestalteten Gotthard-Autobahnraststätte im Kanton Uri verfolgt: Dort erleben die pausierenden Gäste – viele sind Lastwagenfahrer – keine normale, immergleiche Beleuchtung. Stattdessen läuft ein Programm, bei dem die Farbe und Stärke des Lichts dem Tagesverlauf nachempfunden ist – und zwar nachts dasselbe wie am Tag. Abends um sechs geht die Sonne also quasi ein zweites Mal auf. Um Mitternacht ist das Licht dann hell und kühl, so wie am Mittag. Ob dies bei den Kunden tatsächlich einen positiven Effekt hat, wurde bisher aber offenbar nicht untersucht.
Licht – ein Medikament?
Nicht nur Schichtarbeiter leiden unter schlechten Lichtbedingungen, sondern auch die Bewohner von Altersheimen. Sie sind häufig immobil und verlassen die Gebäude nur selten. Diese aber sind aus Spargründen oft nur schwach beleuchtet – obwohl gerade alte Menschen aufgrund getrübter Linsen mehr Licht brauchen als junge. Ausserdem hat das Licht in den Heimen den ganzen Tag dieselbe Einstellung. Die Folgen dieser schlechten Lichtverhältnisse sind häufige Nickerchen am Tag und Schlafstörungen in der Nacht, aber auch depressive Verstimmungen.
Da liegt die Idee nahe, die Aktivität der Patienten am Tag mit Licht zu steigern. Bereits sind dazu einige Studien publiziert worden, vor allem mit Demenzkranken. So hat etwa eine niederländische Gruppe vergangenes Jahr gezeigt, dass helles weisses Licht die Gemütslage, den Schlaf sowie die kognitiven und motorischen Fähigkeiten von Demenzpatienten verbessert. In einem Projekt der österreichischen Lichtfirma Zumtobel in Wien wiederum gelang es, durch helles Licht die Kommunikation der Bewohner mit dem Pflegepersonal zu steigern. Zudem beteiligten sie sich mehr an sozialen Aktivitäten als früher. Dabei spielte es eine untergeordnete Rolle, ob das helle Licht warmweiss eingestellt war oder kaltweiss wie das Tageslicht. In einer Folgestudie soll nun untersucht werden, ob sich mit dem neuen Licht auch das Schlafverhalten verbessern und der Medikamentenverbrauch senken lässt.
Ein anderer Anwendungsbereich für neue Lichtkonzepte sind Schulen. Denn Kinder leiden am Morgen oft an Lichtmangel – gerade im Winter, wenn es auf dem Schulweg noch stockfinster ist. Deshalb sind sie in der Schule nicht optimal aufnahmefähig. Ausreichend Licht, ob künstlich oder natürlich, könnte das Problem beheben.
Aufsehen erregte Anfang Jahr eine Studie aus Hamburg, wo einige Primarschulzimmer mit dynamischem Licht ausgestattet wurden. Morgens tauchte man die Schüler in helles, blauweisses Licht. Wurden die Schüler zu aktiv, konnten die Lehrer auf beruhigendes warmes Licht umschalten. Während eines Jahres untersuchten Forscher der Universitätsklinik Eppendorf, was dies bei den Kindern bewirkte. Das Resultat: Im Vergleich zu normal beleuchteten Kindern machten sie weniger Fehler und konnten besser lesen. Ausserdem verringerte sich die motorische Unruhe. Unter Fachleuten ist allerdings umstritten, ob diese Effekte tatsächlich nur auf das neue Licht zurückzuführen sind.
Positive Effekte erhofft man sich auch von besserem Licht am Arbeitsplatz. Ob diese Hoffnung berechtigt ist, haben Forscher der Universität Surrey vergangenes Jahr in einem Bürogebäude in England untersucht. Sie bestrahlten je ein Stockwerk zuerst vier Wochen mit weissem Licht und dann vier Wochen mit blau angereichertem Licht oder umgekehrt. Sowohl Aufmerksamkeit als auch Gemütslage, Leistung, Konzentration und Sehkomfort waren beim blauweissen Licht signifikant verbessert. Auch konnten die Probanden in der Nacht besser schlafen. Ein Schwachpunkt der Studie ist allerdings, dass die subjektiven Messgrössen nicht durch objektive Messungen – etwa des Melatonin-Spiegels – ergänzt wurden.
Wichtige Lichtquellen im Büro sind nicht nur Lampen, sondern auch die Bildschirme. Biologisch besonders aktiv sind wahrscheinlich Modelle der neusten Generation mit Leuchtdioden, denn sie emittieren stark im blauen Wellenlängenbereich. Diese Hypothese hat Cajochen von der Universität Basel in einer Studie untersucht; die Ergebnisse deuten in die vermutete Richtung, sind aber noch nicht fertig ausgewertet.
All diese Resultate zeigen, dass die Forschungsaktivität im Gebiet der biologisch wirksamen Beleuchtung derzeit sehr rege ist; tagtäglich kommen neue Erkenntnisse hinzu. Noch sind allerdings längst nicht alle Fragen geklärt. So ist beispielsweise unklar, wie die Beleuchtung zeitlich optimal zu regeln ist. Nicht alle Menschen haben denselben Chronotyp: Die einen sind Abend-, die anderen Morgenmenschen. Kopfzerbrechen bereitet den Forschern auch, dass nicht jeder gleich stark auf blaues Licht reagiert. Studien zeigten, dass sich bei Personen, die meist draussen oder meist drinnen arbeiteten, die Sensitivität der Netzhaut langfristig verändere, erklärt Mirjam Münch von der ETH Lausanne. Es finde also ein Anpassungsprozess statt. Ausserdem gibt es wahrscheinlich genetische Unterschiede in der Lichtsensitivität.
Vorsicht bei Blaulicht-Doping
Die wohl umstrittenste Frage ist, ob mehr Blaulicht zu mehr Augenerkrankungen führt. Denn blaues Licht ist energieintensiver als gelbes oder rotes. Ein Hinweis darauf ist, dass sich die Linse mit dem Alter gelb färbt; das wird von Augenärzten als Schutz des Auges vor Blaulicht interpretiert. Auch vermutet man, dass eine hohe Lichtexposition die Entwicklung von altersabhängiger Makuladegeneration begünstigen könnte, wie Martin Schmid von der Augenklinik des Luzerner Kantonsspitals erklärt. Die Krankheit ist heute in der Schweiz einer der wichtigsten Gründe für Erblindung.
Die Sachlage ist allerdings alles andere als klar: Implantiert man Patienten mit grauem Star eine neue Linse, kommt es bei diesen laut neusten Erkenntnissen nicht zu mehr Fällen von Makuladegeneration, obwohl die Linse nun wieder mehr blaues Licht durchlässt. Noch könne man also nicht abschliessend beurteilen, ob blaues Licht für die Netzhaut besonders schädlich sei oder nicht, sagt Schmid. Er plädiert dafür, allfällige Probleme zu bedenken, bevor man Menschen plötzlich extrem mit Blaulicht beleuchtet.
Die praktische Anwendung aber schreitet voran: Die Industrie hat das neue Betätigungsfeld der biologisch wirksamen, dynamischen Beleuchtung sehr schnell erkannt und für sich erobert. Die beiden Marktführer Philips und Osram – aber auch zahlreiche kleinere Firmen – bieten bereits entsprechende Konzepte auf dem Markt an. Oft basieren diese auf herkömmlichen Leuchtstoffröhren in verschiedenen Lichtfarben, die hinter einer milchigen Deckenverkleidung aus Kunststoff angebracht sind und zwischen denen man hin und her schaltet. Auch Leuchtdioden werden eingesetzt. Sie haben den Vorteil, dass man die Farbe während des Betriebs kontinuierlich verändern kann.
Normierungsbestrebungen
Die neuen Beleuchtungskonzepte erregen die Aufmerksamkeit der Kunden: Immer öfter sind Lichtplaner mit dem Wunsch nach dynamischer Beleuchtung konfrontiert. Davon profitieren auch Trittbrettfahrer. Im Internet sind bereits Lampen erhältlich, deren Nutzen schlecht oder gar nicht untermauert ist. Deshalb drängt die Lichtindustrie darauf, gewisse Standards einzuführen.
Vorreiter dieser Entwicklung ist das Deutsche Institut für Normung (DIN). Es hat bereits eine erste Vornorm erstellt, die wichtige Begriffe zur zirkadianen, nichtvisuellen Wirkung von Licht auf den Menschen klärt (DIN V 5031-100). «Nun arbeiten wir an einer weiteren Vornorm», sagt Christoph Schierz von der Technischen Universität Ilmenau. «Sie soll aufzeigen, wann und wie biologisch wirksame Beleuchtung einzusetzen ist und wie viel wirksamer sie ist als normales Licht.»
Viele Forscher glauben allerdings, dass es für eine solche Richtlinie noch zu früh ist. Noch seien zu viele Fragen offen, und es mangle an Studienergebnissen, um sich derart festzulegen, meint etwa Münch. Der Lichtexperte Mark Rea vom Rensselaer Polytechnic Institute in den USA hingegen begrüsst die Entwicklung. Es gebe genügend Anhaltspunkte, sich hinter gewisse Anwendungen von biodynamischer Beleuchtung bei Senioren und Kindern zu stellen; skeptischer ist er dagegen bei neuen Bürobeleuchtungen. Auch Cajochen findet es positiv, dass neben den visuellen Aspekten nun vermehrt die Wirkungen des Lichts auf die innere Uhr berücksichtigt werden. Denn Licht sei mehr als «nur» Sehen.
H. W. ⋅ Im menschlichen Körper ticken unzählige Uhren – zum Beispiel in den Zellen der Leber, der Nieren, der Lungen oder des Herzens. Sie folgen einem Rhythmus von ungefähr 24 Stunden (zirkadian = zirka ein Tag). Dirigiert werden diese Uhren von einer winzigen Hirnregion hinter dem Sehnerv, dem suprachiasmatischen Kern. Er gilt als Haupt-Schrittmacher für den zirkadianen Rhythmus des Menschen.
Sein starker Takt bleibt auch ohne Tageslicht bestehen. Das haben Experimente gezeigt, bei denen Probanden mehrere Wochen in Höhlen oder Bunkern verbrachten. Die Menschen folgten auch im dämmrigen Licht einer klaren Schlaf-Wach-Rhythmik. Der «Tag», den ihnen der suprachiasmatische Kern vorgab, dauerte allerdings immer etwas länger als 24 Stunden – und verschob sich deshalb mehr und mehr gegenüber der realen Ortszeit. Bei der Rückkehr ans Tageslicht äusserte sich das in einer Art Jetlag.
Um dieses «Freilaufen» der inneren Uhr zu verhindern, braucht es Licht von aussen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei ein neu entdeckter Lichtrezeptor in der Netzhaut. Er basiert auf dem lichtsensiblen Molekül Melanopsin und hat eine direkte Verbindung zum suprachiasmatischen Kern. Meldet er diesem den Zustand «hell», so wird in der Zirbeldrüse nachts die Produktion des «Dunkelhormons» Melatonin unterdrückt. Erst wenn kein Licht mehr aufs Auge fällt, wird die Melatonin-Produktion nicht mehr zurückgehalten. Die Körpertemperatur sinkt, der Schlaf setzt ein.
So eicht der neue Rezeptor die innere Uhr des Menschen auf den Sonnenlauf. Er reagiert besonders empfindlich auf blaues Licht mit einer Wellenlänge von 460 bis 480 Nanometern. Die Stäbchen und Zapfen in der Netzhaut dagegen, mit denen wir sehen, sind am empfindlichsten im Grünbereich, bei rund 500 beziehungsweise 550 Nanometern.
Den Tag ins Zimmer holen
Biologisch wirksame Beleuchtungskonzepte zur Unterstützung der inneren Uhr
Blaues Licht ist ein wichtiger Bestandteil des Sonnenlichts und der zentrale Taktgeber der inneren Uhr. Mit neuen Lichtkonzepten simuliert man nun in Innenräumen das Tageslicht.
Hanna Wick
Der Mensch ist ein tagaktives Wesen. Er wacht am Tag und schläft in der Nacht. Zumindest war das vor Urzeiten einmal so. Heute sind wir daran gewöhnt, den Tag durch künstliches Licht zu verlängern, auch weit bis nach Mitternacht. Und viele Menschen verbringen die meiste Zeit nicht mehr unter freiem Himmel, sondern in Innenräumen. Diese sind zwar gut genug beleuchtet, um eine Arbeit auszuführen, nie aber so hell wie das Tageslicht.
9. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Den Tag ins Zimmer holen
Biologisch wirksame Beleuchtungskonzepte zur Unterstützung der inneren Uhr
Blaues Licht ist ein wichtiger Bestandteil des Sonnenlichts und der zentrale Taktgeber der inneren Uhr. Mit neuen Lichtkonzepten simuliert man nun in Innenräumen das Tageslicht.
Hanna Wick
Der Mensch ist ein tagaktives Wesen. Er wacht am Tag und schläft in der Nacht. Zumindest war das vor Urzeiten einmal so. Heute sind wir daran gewöhnt, den Tag durch künstliches Licht zu verlängern, auch weit bis nach Mitternacht. Und viele Menschen verbringen die meiste Zeit nicht mehr unter freiem Himmel, sondern in Innenräumen. Diese sind zwar gut genug beleuchtet, um eine Arbeit auszuführen, nie aber so hell wie das Tageslicht.
Gesundheitliche Folgen
So ist der moderne Mensch ganz anderen Lichtsituationen ausgesetzt als seine Urahnen, und das kann gesundheitliche Folgen haben: Zu wenig oder zu viel Licht zur falschen Zeit bringt nämlich die innere Uhr aus dem Takt. Besonders hart betroffen sind Abend- und Nachtschichtarbeiter, zu denen in der EU etwa 20 Prozent der Beschäftigten gehören. Sie leiden oft an Schlaf- und Konzentrationsstörungen und müssen auch mit langfristigen Folgen rechnen. So haben Frauen, die nachts arbeiten, laut heutigem Wissensstand ein höheres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Eine Ursache könnte ein Mangel des Hormons Melatonin sein; es ist bekannt dafür, den schädlichen oxidativen Stress in den Zellen zu vermindern.
Seit zwei Jahren stuft die WHO Nachtarbeit deshalb als «wahrscheinlich krebserregend» ein. Aufgrund dessen hat Dänemark im Frühling dieses Jahres als erstes Land weltweit damit begonnen, ehemalige Schichtarbeiterinnen mit Brustkrebs finanziell zu entschädigen. Und zahlreiche Länder prüfen, wie sich die negativen Folgen der Nachtarbeit mindern liessen. Zu den diskutierten Massnahmen gehört eine Lichtplanung, die den Tag-Nacht-Rhythmus der Schichtarbeiter möglichst wenig stört.
Ein wichtiger Impuls für diese Anstrengungen war die überraschende Entdeckung eines neuen Rezeptors in der Netzhaut im Jahr 2002. Der Lichtrezeptor spielt eine zentrale Rolle bei der Synchronisation der inneren Uhr mit dem «externen» Tagesverlauf und reagiert vor allem auf kurzwelliges, blaues Licht (siehe Kasten). Hier reichen schon sehr geringe Lichtstärken aus, um den Schlaf-Wach-Rhythmus von Probanden aus dem Takt zu bringen. So konnte Christian Cajochen von der Universität Basel nachweisen, dass schon eine 30-minütige Bestrahlung mit Blaulicht von nur 5 Lux am Abend die subjektive Aufmerksamkeit von Versuchspersonen in der Nacht erhöht und die Tiefschlafphasen verkürzt – verglichen mit einer Bestrahlung durch grünes Licht. Ausserdem sank der Melatonin-Spiegel deutlich ab.
Bei weissem Licht braucht es höhere Beleuchtungsstärken von 1000 bis 10 000 Lux, um ähnlich starke Effekte hervorzurufen. (Zum Vergleich: Ein heller Sonnentag kann bis zu 100 000 Lux erreichen.) Blaues Licht beeinflusst die innere Uhr also besonders stark. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass der Blaulicht-Anteil des Tageslichts vom Morgen an stetig zunimmt, um mittags, in der Phase stärkster Wachheit, sein Maximum zu erreichen.
Vielleicht liessen sich die schädlichen Auswirkungen der Nachtarbeit also mindern, wenn in der Nacht möglichst auf «weckendes» Blaulicht verzichtet würde. Dies müsste allerdings geschehen, ohne die Konzentration und Aufmerksamkeit bei der Arbeit zu verringern – ein (noch) unlösbares Problem. Eine andere Strategie wird in der neugestalteten Gotthard-Autobahnraststätte im Kanton Uri verfolgt: Dort erleben die pausierenden Gäste – viele sind Lastwagenfahrer – keine normale, immergleiche Beleuchtung. Stattdessen läuft ein Programm, bei dem die Farbe und Stärke des Lichts dem Tagesverlauf nachempfunden ist – und zwar nachts dasselbe wie am Tag. Abends um sechs geht die Sonne also quasi ein zweites Mal auf. Um Mitternacht ist das Licht dann hell und kühl, so wie am Mittag. Ob dies bei den Kunden tatsächlich einen positiven Effekt hat, wurde bisher aber offenbar nicht untersucht.
Licht – ein Medikament?
Nicht nur Schichtarbeiter leiden unter schlechten Lichtbedingungen, sondern auch die Bewohner von Altersheimen. Sie sind häufig immobil und verlassen die Gebäude nur selten. Diese aber sind aus Spargründen oft nur schwach beleuchtet – obwohl gerade alte Menschen aufgrund getrübter Linsen mehr Licht brauchen als junge. Ausserdem hat das Licht in den Heimen den ganzen Tag dieselbe Einstellung. Die Folgen dieser schlechten Lichtverhältnisse sind häufige Nickerchen am Tag und Schlafstörungen in der Nacht, aber auch depressive Verstimmungen.
Da liegt die Idee nahe, die Aktivität der Patienten am Tag mit Licht zu steigern. Bereits sind dazu einige Studien publiziert worden, vor allem mit Demenzkranken. So hat etwa eine niederländische Gruppe vergangenes Jahr gezeigt, dass helles weisses Licht die Gemütslage, den Schlaf sowie die kognitiven und motorischen Fähigkeiten von Demenzpatienten verbessert. In einem Projekt der österreichischen Lichtfirma Zumtobel in Wien wiederum gelang es, durch helles Licht die Kommunikation der Bewohner mit dem Pflegepersonal zu steigern. Zudem beteiligten sie sich mehr an sozialen Aktivitäten als früher. Dabei spielte es eine untergeordnete Rolle, ob das helle Licht warmweiss eingestellt war oder kaltweiss wie das Tageslicht. In einer Folgestudie soll nun untersucht werden, ob sich mit dem neuen Licht auch das Schlafverhalten verbessern und der Medikamentenverbrauch senken lässt.
Ein anderer Anwendungsbereich für neue Lichtkonzepte sind Schulen. Denn Kinder leiden am Morgen oft an Lichtmangel – gerade im Winter, wenn es auf dem Schulweg noch stockfinster ist. Deshalb sind sie in der Schule nicht optimal aufnahmefähig. Ausreichend Licht, ob künstlich oder natürlich, könnte das Problem beheben.
Aufsehen erregte Anfang Jahr eine Studie aus Hamburg, wo einige Primarschulzimmer mit dynamischem Licht ausgestattet wurden. Morgens tauchte man die Schüler in helles, blauweisses Licht. Wurden die Schüler zu aktiv, konnten die Lehrer auf beruhigendes warmes Licht umschalten. Während eines Jahres untersuchten Forscher der Universitätsklinik Eppendorf, was dies bei den Kindern bewirkte. Das Resultat: Im Vergleich zu normal beleuchteten Kindern machten sie weniger Fehler und konnten besser lesen. Ausserdem verringerte sich die motorische Unruhe. Unter Fachleuten ist allerdings umstritten, ob diese Effekte tatsächlich nur auf das neue Licht zurückzuführen sind.
Positive Effekte erhofft man sich auch von besserem Licht am Arbeitsplatz. Ob diese Hoffnung berechtigt ist, haben Forscher der Universität Surrey vergangenes Jahr in einem Bürogebäude in England untersucht. Sie bestrahlten je ein Stockwerk zuerst vier Wochen mit weissem Licht und dann vier Wochen mit blau angereichertem Licht oder umgekehrt. Sowohl Aufmerksamkeit als auch Gemütslage, Leistung, Konzentration und Sehkomfort waren beim blauweissen Licht signifikant verbessert. Auch konnten die Probanden in der Nacht besser schlafen. Ein Schwachpunkt der Studie ist allerdings, dass die subjektiven Messgrössen nicht durch objektive Messungen – etwa des Melatonin-Spiegels – ergänzt wurden.
Wichtige Lichtquellen im Büro sind nicht nur Lampen, sondern auch die Bildschirme. Biologisch besonders aktiv sind wahrscheinlich Modelle der neusten Generation mit Leuchtdioden, denn sie emittieren stark im blauen Wellenlängenbereich. Diese Hypothese hat Cajochen von der Universität Basel in einer Studie untersucht; die Ergebnisse deuten in die vermutete Richtung, sind aber noch nicht fertig ausgewertet.
All diese Resultate zeigen, dass die Forschungsaktivität im Gebiet der biologisch wirksamen Beleuchtung derzeit sehr rege ist; tagtäglich kommen neue Erkenntnisse hinzu. Noch sind allerdings längst nicht alle Fragen geklärt. So ist beispielsweise unklar, wie die Beleuchtung zeitlich optimal zu regeln ist. Nicht alle Menschen haben denselben Chronotyp: Die einen sind Abend-, die anderen Morgenmenschen. Kopfzerbrechen bereitet den Forschern auch, dass nicht jeder gleich stark auf blaues Licht reagiert. Studien zeigten, dass sich bei Personen, die meist draussen oder meist drinnen arbeiteten, die Sensitivität der Netzhaut langfristig verändere, erklärt Mirjam Münch von der ETH Lausanne. Es finde also ein Anpassungsprozess statt. Ausserdem gibt es wahrscheinlich genetische Unterschiede in der Lichtsensitivität.
Vorsicht bei Blaulicht-Doping
Die wohl umstrittenste Frage ist, ob mehr Blaulicht zu mehr Augenerkrankungen führt. Denn blaues Licht ist energieintensiver als gelbes oder rotes. Ein Hinweis darauf ist, dass sich die Linse mit dem Alter gelb färbt; das wird von Augenärzten als Schutz des Auges vor Blaulicht interpretiert. Auch vermutet man, dass eine hohe Lichtexposition die Entwicklung von altersabhängiger Makuladegeneration begünstigen könnte, wie Martin Schmid von der Augenklinik des Luzerner Kantonsspitals erklärt. Die Krankheit ist heute in der Schweiz einer der wichtigsten Gründe für Erblindung.
Die Sachlage ist allerdings alles andere als klar: Implantiert man Patienten mit grauem Star eine neue Linse, kommt es bei diesen laut neusten Erkenntnissen nicht zu mehr Fällen von Makuladegeneration, obwohl die Linse nun wieder mehr blaues Licht durchlässt. Noch könne man also nicht abschliessend beurteilen, ob blaues Licht für die Netzhaut besonders schädlich sei oder nicht, sagt Schmid. Er plädiert dafür, allfällige Probleme zu bedenken, bevor man Menschen plötzlich extrem mit Blaulicht beleuchtet.
Die praktische Anwendung aber schreitet voran: Die Industrie hat das neue Betätigungsfeld der biologisch wirksamen, dynamischen Beleuchtung sehr schnell erkannt und für sich erobert. Die beiden Marktführer Philips und Osram – aber auch zahlreiche kleinere Firmen – bieten bereits entsprechende Konzepte auf dem Markt an. Oft basieren diese auf herkömmlichen Leuchtstoffröhren in verschiedenen Lichtfarben, die hinter einer milchigen Deckenverkleidung aus Kunststoff angebracht sind und zwischen denen man hin und her schaltet. Auch Leuchtdioden werden eingesetzt. Sie haben den Vorteil, dass man die Farbe während des Betriebs kontinuierlich verändern kann.
Normierungsbestrebungen
Die neuen Beleuchtungskonzepte erregen die Aufmerksamkeit der Kunden: Immer öfter sind Lichtplaner mit dem Wunsch nach dynamischer Beleuchtung konfrontiert. Davon profitieren auch Trittbrettfahrer. Im Internet sind bereits Lampen erhältlich, deren Nutzen schlecht oder gar nicht untermauert ist. Deshalb drängt die Lichtindustrie darauf, gewisse Standards einzuführen.
Vorreiter dieser Entwicklung ist das Deutsche Institut für Normung (DIN). Es hat bereits eine erste Vornorm erstellt, die wichtige Begriffe zur zirkadianen, nichtvisuellen Wirkung von Licht auf den Menschen klärt (DIN V 5031-100). «Nun arbeiten wir an einer weiteren Vornorm», sagt Christoph Schierz von der Technischen Universität Ilmenau. «Sie soll aufzeigen, wann und wie biologisch wirksame Beleuchtung einzusetzen ist und wie viel wirksamer sie ist als normales Licht.»
Viele Forscher glauben allerdings, dass es für eine solche Richtlinie noch zu früh ist. Noch seien zu viele Fragen offen, und es mangle an Studienergebnissen, um sich derart festzulegen, meint etwa Münch. Der Lichtexperte Mark Rea vom Rensselaer Polytechnic Institute in den USA hingegen begrüsst die Entwicklung. Es gebe genügend Anhaltspunkte, sich hinter gewisse Anwendungen von biodynamischer Beleuchtung bei Senioren und Kindern zu stellen; skeptischer ist er dagegen bei neuen Bürobeleuchtungen. Auch Cajochen findet es positiv, dass neben den visuellen Aspekten nun vermehrt die Wirkungen des Lichts auf die innere Uhr berücksichtigt werden. Denn Licht sei mehr als «nur» Sehen.
H. W. ⋅ Im menschlichen Körper ticken unzählige Uhren – zum Beispiel in den Zellen der Leber, der Nieren, der Lungen oder des Herzens. Sie folgen einem Rhythmus von ungefähr 24 Stunden (zirkadian = zirka ein Tag). Dirigiert werden diese Uhren von einer winzigen Hirnregion hinter dem Sehnerv, dem suprachiasmatischen Kern. Er gilt als Haupt-Schrittmacher für den zirkadianen Rhythmus des Menschen.
Sein starker Takt bleibt auch ohne Tageslicht bestehen. Das haben Experimente gezeigt, bei denen Probanden mehrere Wochen in Höhlen oder Bunkern verbrachten. Die Menschen folgten auch im dämmrigen Licht einer klaren Schlaf-Wach-Rhythmik. Der «Tag», den ihnen der suprachiasmatische Kern vorgab, dauerte allerdings immer etwas länger als 24 Stunden – und verschob sich deshalb mehr und mehr gegenüber der realen Ortszeit. Bei der Rückkehr ans Tageslicht äusserte sich das in einer Art Jetlag.
Um dieses «Freilaufen» der inneren Uhr zu verhindern, braucht es Licht von aussen. Eine wesentliche Rolle spielt dabei ein neu entdeckter Lichtrezeptor in der Netzhaut. Er basiert auf dem lichtsensiblen Molekül Melanopsin und hat eine direkte Verbindung zum suprachiasmatischen Kern. Meldet er diesem den Zustand «hell», so wird in der Zirbeldrüse nachts die Produktion des «Dunkelhormons» Melatonin unterdrückt. Erst wenn kein Licht mehr aufs Auge fällt, wird die Melatonin-Produktion nicht mehr zurückgehalten. Die Körpertemperatur sinkt, der Schlaf setzt ein.
So eicht der neue Rezeptor die innere Uhr des Menschen auf den Sonnenlauf. Er reagiert besonders empfindlich auf blaues Licht mit einer Wellenlänge von 460 bis 480 Nanometern. Die Stäbchen und Zapfen in der Netzhaut dagegen, mit denen wir sehen, sind am empfindlichsten im Grünbereich, bei rund 500 beziehungsweise 550 Nanometern.
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Donnerstag, Dezember 10, 2009
Mittwoch, Dezember 09, 2009
NZZ: Aufklärer, Schönredner und Prediger
8. Dezember 2009,
Neue Zürcher Zeitung
Aufklärer, Schönredner und Prediger
Die Islam-Debatte rückt auch die Rolle der Journalisten in den Blickpunkt
Die überraschende Zustimmung zur Minarett-Initiative hat auch eine Diskussion um die Rolle der Journalisten ausgelöst. Haben sie ihre Informationspflicht erfüllt? Der folgende Beitrag beleuchtet das Thema aus deutscher Sicht.
Heribert Seifert
Unter der etwas irritierenden Überschrift «Verweigerte Bildung – Drei Zuwandererkinder haben den Aufstieg geschafft» berichtete vor kurzem die «WAZ», Deutschlands auflagenstärkste Abonnentenzeitung aus dem Ruhrgebiet, über das Scheitern einer jungen Türkin auf ihrem Weg zur Lehrerin. Sie erzählte, wie übel man ihr im Institut für Lehrerbildung mitgespielt habe. Im Text galt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffene. Bei ihren Ausbildern nachzufragen, kam den Reportern nicht in den Sinn.
Parteilich
In ähnlicher Weise ignorierte jüngst die Gerichtsreporterin des «Spiegels» Berufsregeln, als sie über den Prozess gegen den Mörder einer Ägypterin in Dresden berichtete. Sie steigerte sich dem Angeklagten gegenüber in eine parteiische Rage hinein, die jede Distanz vermissen liess. Blätter wie die....
8. Dezember 2009,
Neue Zürcher Zeitung
Aufklärer, Schönredner und Prediger
Die Islam-Debatte rückt auch die Rolle der Journalisten in den Blickpunkt
Die überraschende Zustimmung zur Minarett-Initiative hat auch eine Diskussion um die Rolle der Journalisten ausgelöst. Haben sie ihre Informationspflicht erfüllt? Der folgende Beitrag beleuchtet das Thema aus deutscher Sicht.
Heribert Seifert
Unter der etwas irritierenden Überschrift «Verweigerte Bildung – Drei Zuwandererkinder haben den Aufstieg geschafft» berichtete vor kurzem die «WAZ», Deutschlands auflagenstärkste Abonnentenzeitung aus dem Ruhrgebiet, über das Scheitern einer jungen Türkin auf ihrem Weg zur Lehrerin. Sie erzählte, wie übel man ihr im Institut für Lehrerbildung mitgespielt habe. Im Text galt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffene. Bei ihren Ausbildern nachzufragen, kam den Reportern nicht in den Sinn.
Parteilich
In ähnlicher Weise ignorierte jüngst die Gerichtsreporterin des «Spiegels» Berufsregeln, als sie über den Prozess gegen den Mörder einer Ägypterin in Dresden berichtete. Sie steigerte sich dem Angeklagten gegenüber in eine parteiische Rage hinein, die jede Distanz vermissen liess. Blätter wie die «Zeit» und der «Tagesspiegel» verurteilten in steilen Kommentaren die mangelnde Empörung der Öffentlichkeit über diesen Mordfall als Indiz für die verborgene Islamfeindschaft der deutschen Mehrheit, ungeachtet der Tatsache, dass der Täter selber ein Einwanderer war.
Die beiden Beispiele sind typisch für eine seit langem dominierende Berichterstattung deutscher Leitmedien über Probleme der Einwanderungsgesellschaft. Diese Probleme provozieren offenbar in besonderem Masse das Selbstverständnis deutscher Journalisten, in dem der Journalist als «Agent der Aufklärung» (Lutz Hachmeister) als weithin akzeptiertes Rollenmodell gilt.
Der publizistische Umgang mit der Einwanderung von Muslimen stellt dieses Selbstverständnis allerdings auf eine harte Probe, findet sich hier doch eine schwer zu durchschauende Gemengelage von Fakten und Fiktionen, von Einstellungen und Gefühlen. Es geht dabei um den Alltag und die ganz trivialen Lebensverhältnisse der Beteiligten, aber auch um Fragen nach der künftigen institutionellen Verfassung des Staates und nach den Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Minderheitenschutz im Widerspruch zu den Interessen der Mehrheit, die Rolle ethnokultureller Eigenarten, die Zukunft eines Sozialstaats, der zum Ziel von Einwanderern geworden ist, ein verschärfter Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten, die künftige Gestalt von Städten mit ethnisch segregierten Vierteln und das Spannungsverhältnis zwischen einem Integrations-Minimum und dem Recht auf Leben in soziokulturellen Eigenwelten sind nur einige der Probleme, vor die dieser grosse soziale Feldversuch in einem global vernetzten sozialen Wandel Bürger und Medien gleichermassen stellt.
Pädagogische Perspektive
Bei der publizistischen Begleitung dieses Prozesses, der viel Angst und Ressentiment freisetzt, herrscht ein erstaunliches Einverständnis über eine moralisch grundierte volkspädagogische Perspektive, die bei der Berichterstattung einzuhalten sei. Dass Medien als Transmissionsriemen einer nur diffus umrissenen «Integration» zu funktionieren haben, gilt vielerorts als Leitlinie redaktioneller Praxis.
Diese pädagogische Botschaft behandelt die Leser, Hörer und Zuschauer als Objekte eines strengen Erziehungsprojekts. Sie «müssen» lernen, den Einwanderer in seiner Besonderheit zu verstehen und zu schätzen. Vor allem das Fernsehen schwelgt in Bildern, die das schöne Fremde zur Schau stellen. Geschichte wird dabei gern geglättet, so dass die islamische Welt der Vergangenheit primär als Hort kultureller Blüte und gesellschaftlicher Toleranz erscheint. Aus der Gegenwart sind biografische Erfolgsgeschichten beliebt.
An den Rändern des publizistischen Spektrums wird nicht bloss das einfühlende Verstehen verlangt, sondern, wie vor kurzem in der Berliner «TAZ», sogar die Fremdenliebe. Die spezifisch moderne Gleichgültigkeit des metropolitanen Lebens reicht im Umgang mit Einwanderern offenbar nicht aus, könnte sich doch dahinter mentale Feindschaft verbergen.
Rücken Probleme und Konflikte ins Blickfeld, begegnen wir Muslimen in der Doppelrolle als Opfer und Unterprivilegierte: Deutsche «Fremdenfeindlichkeit» und «Islamophobie» grenzen sie angeblich aus und verwehren ihnen den Zutritt zu Wohnungen und Arbeitsplätzen. Es gilt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffenen.
Jeder Konflikt zwischen einem eingesessenen Deutschen und einem muslimischen Einwanderer kann in der Medienwahrnehmung blitzartig als Fall von Rassismus inszeniert werden. Starre Wahrnehmungs- und Urteilsschablonen führen zu reflexartigen Skandalisierungen, die in den letzten Jahren zwar häufig nach wenigen Tagen aufgegeben werden mussten, ohne dass jedoch in den Redaktionen fürs nächste Mal etwas gelernt worden wäre.
Camouflagen
Treten muslimische Einwanderer unübersehbar nicht als Opfer, sondern als Täter auf, wird gern relativiert oder gar camoufliert. Der endlose Streit, ob Medien die ethnische Herkunft von Straftätern nennen dürfen, produziert dabei groteske Blüten. In Einzelfällen sind Zeitungen dazu übergegangen, den Verdächtigen deutsche Namen zu geben, um auf keinen Fall Vorurteilen Vorschub zu leisten. Solche Zurückhaltung gilt auch dann, wenn die Straftaten durchaus ethnospezifische Muster aufweisen, also die Information über das Tätermilieu zum Verständnis des Verbrechens dient.
Während gewalttätige Übergriffe auf Muslime medial in der Regel als Exempel einer latent verbreiteten deutschen Neigung zu einem «Hassverbrechen» interpretiert werden, gilt der Angriff eines Türken auf einen Deutschen auch dann als Einzelfall üblicher Kriminalität, wenn der Angreifer «Scheissdeutscher!» brüllt.
Die Sorge, durch realitätstüchtige Berichterstattung negative Affekte auszulösen, ist zur Obsession vieler deutscher Medien geworden. Offenkundig wirkt hier die nationalsozialistische Geschichte nach und führt zu einer spezifischen Verzerrung bei der Wahrnehmung des Integrationsproblems: Integration erscheint in dieser Betrachtung als Modernisierungsproblem der Einheimischen.
Die deutsche Volksseele gilt in vielen Redaktionen als immer noch unheilbar vom Ungeist des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit kontaminiert. Solcher Generalverdacht wird regelmässig durch wissenschaftliche Studien genährt, deren luftige Empirie im Takt der Jahreszeiten Anlass zu neuen Schreckensnachrichten liefert.
Auch wird moniert, dass in den politischen Teilen der Presse sowie in der Auslandberichterstattung von Radio und Fernsehen jene Formen von Gewalt und Barbarei präsent sind, die nur zu oft das politische und gesellschaftliche Leben islamischer Staaten prägen. Die «diskursanalytisch» operierenden Kritiker erklären die Präsenz solcher negativen Berichte zu Indizien einer Islamfeindschaft und blenden systematisch aus, dass solche Berichte etwas mit einer düsteren Wirklichkeit zu tun haben, von der sie erzählen.
Das ist zwar ein medienkritischer Rosstäuschertrick, hat aber Wirkung, wenn man die Reaktionen der journalistischen Berufsverbände und die Verunsicherung der Journalisten sieht. Die Versuche der EU, unter Berufung auf den Kampf gegen Diskriminierung die Kritik an ethnischen und religiösen Minderheiten strafrechtlich zu sanktionieren, verstärken die Einschüchterung.
Dennoch erodiert dieses Muster der Berichterstattung. Der penetrant vormundschaftliche Auftritt, das unsichere Schwanken zwischen offener Information und schönfärbender Camouflage haben beim Publikum zu lebhaftem Widerspruch geführt. Die Leserkommentare auf den Websites der Zeitungen dokumentieren dies.
«Rechtes» auch bei Linken
Neu ist dabei, dass diese Differenz jetzt auch bei linken Medien auftritt: «TAZ»-Leser stimmten der Kritik des Bundesbankers Thilo Sarrazin an Teilen des türkisch-arabischen Einwanderermilieus von Berlin lebhaft zu und widersprachen den Leitartiklern des eigenen Blatts. Und die Schweizer Volksabstimmung über die Minarett-Initiative fand sehr verständnisvolle Worte im Blog eines Vorstandsmitglieds der Piratenpartei, die eher zur links-alternativen Seite des politischen Spektrums gehört.
In dem Masse, in dem die problematischen Folgen der Einwanderung von Muslimen auch die Wohnbezirke erreichen, in denen die Wähler der Grünen zu Hause sind und in denen sie ihre Kinder zur Schule schicken, kippt die Begeisterung fürs Multikulturelle um.
Riskant an dieser Entwicklung ist, dass sich dem grobschlächtig-pauschalen Positivkult um das Fremde und die Fremden nun eine ebenso grobschlächtig pauschale Ablehnung entgegenstellen kann. Wie die Schweizer Abstimmung zeigt, kann das dazu führen, dass sich diffuser Zorn auf einem sachlich denkbar ungeeigneten Feld entlädt.
Medien sind mitschuldig daran, mit ihrer Vorliebe für den Predigerton des Leitartiklers, der vor allem Haltung und Gesinnung produziert und sich dabei um die vielfältigen Unterscheidungen in der komplexen sozialen Wirklichkeit nicht schert. Dabei ist Genauigkeit bei diesem Thema die höchste Tugend.
Es gibt wunderbare Erfolgsgeschichten auch unter diesen Zuwanderern, aber auch deprimierende Beispiele von Verwahrlosung und Festhalten an atavistischen Mentalitäten und Praktiken. In ähnlicher Weise muss zwischen Religion und ethnokulturell überformter Religionspraxis unterschieden werden, wobei freilich auch fragwürdige Elemente der religiösen Überlieferung zur kritischen Erörterung freigegeben sein müssen.
Zum ganzen Bild, das Medien zu liefern haben, gehören beide Seiten. Paternalistischer Minderheitenschutz durch selektive Berichterstattung hilft gerade den Minderheiten nicht. Wenn man die Mehrheit für einen sozial verträglichen Integrationsprozess gewinnen will, wird man auch ihre Interessen als legitim anerkennen müssen und ihre Sorgen und Ängste nicht als blosse Affekte von Modernisierungsverlierern abqualifizieren dürfen.
Ermutigende Beispiele
Mittlerweile mehren sich die ermutigenden Beispiele für einen ebenso neugierigen wie unerschrockenen Journalismus: Die «WAZ» lässt ihre Reporter berichten, wie deutsche Anwohner die Umwandlung ihres Viertels in einer westfälischen Kleinstadt in eine türkisch-islamisch geprägte Zone erleben. Die «Welt» beleuchtet die Binnendiskussion in den türkischen Gemeinden, die sich auf die Wahlen zu den Ausländerbeiräten in Rheinland-Pfalz vorbereiten, und die «FAZ» lieferte nüchterne Sozialreportagen aus Berliner Problemkreisen. Selbst die «Süddeutsche Zeitung» glaubt mittlerweile, dass in Neukölln Einwanderer zu einem erheblichen Teil für die desolaten Verhältnisse verantwortlich sind. Nur durch solche realitätstüchtige Berichte kann liberale Publizistik, die ein kluger «Zeit»-Blogger gegenwärtig bedroht sieht, ihren Rang zurückgewinnen.
Neue Zürcher Zeitung
Aufklärer, Schönredner und Prediger
Die Islam-Debatte rückt auch die Rolle der Journalisten in den Blickpunkt
Die überraschende Zustimmung zur Minarett-Initiative hat auch eine Diskussion um die Rolle der Journalisten ausgelöst. Haben sie ihre Informationspflicht erfüllt? Der folgende Beitrag beleuchtet das Thema aus deutscher Sicht.
Heribert Seifert
Unter der etwas irritierenden Überschrift «Verweigerte Bildung – Drei Zuwandererkinder haben den Aufstieg geschafft» berichtete vor kurzem die «WAZ», Deutschlands auflagenstärkste Abonnentenzeitung aus dem Ruhrgebiet, über das Scheitern einer jungen Türkin auf ihrem Weg zur Lehrerin. Sie erzählte, wie übel man ihr im Institut für Lehrerbildung mitgespielt habe. Im Text galt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffene. Bei ihren Ausbildern nachzufragen, kam den Reportern nicht in den Sinn.
Parteilich
In ähnlicher Weise ignorierte jüngst die Gerichtsreporterin des «Spiegels» Berufsregeln, als sie über den Prozess gegen den Mörder einer Ägypterin in Dresden berichtete. Sie steigerte sich dem Angeklagten gegenüber in eine parteiische Rage hinein, die jede Distanz vermissen liess. Blätter wie die....
8. Dezember 2009,
Neue Zürcher Zeitung
Aufklärer, Schönredner und Prediger
Die Islam-Debatte rückt auch die Rolle der Journalisten in den Blickpunkt
Die überraschende Zustimmung zur Minarett-Initiative hat auch eine Diskussion um die Rolle der Journalisten ausgelöst. Haben sie ihre Informationspflicht erfüllt? Der folgende Beitrag beleuchtet das Thema aus deutscher Sicht.
Heribert Seifert
Unter der etwas irritierenden Überschrift «Verweigerte Bildung – Drei Zuwandererkinder haben den Aufstieg geschafft» berichtete vor kurzem die «WAZ», Deutschlands auflagenstärkste Abonnentenzeitung aus dem Ruhrgebiet, über das Scheitern einer jungen Türkin auf ihrem Weg zur Lehrerin. Sie erzählte, wie übel man ihr im Institut für Lehrerbildung mitgespielt habe. Im Text galt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffene. Bei ihren Ausbildern nachzufragen, kam den Reportern nicht in den Sinn.
Parteilich
In ähnlicher Weise ignorierte jüngst die Gerichtsreporterin des «Spiegels» Berufsregeln, als sie über den Prozess gegen den Mörder einer Ägypterin in Dresden berichtete. Sie steigerte sich dem Angeklagten gegenüber in eine parteiische Rage hinein, die jede Distanz vermissen liess. Blätter wie die «Zeit» und der «Tagesspiegel» verurteilten in steilen Kommentaren die mangelnde Empörung der Öffentlichkeit über diesen Mordfall als Indiz für die verborgene Islamfeindschaft der deutschen Mehrheit, ungeachtet der Tatsache, dass der Täter selber ein Einwanderer war.
Die beiden Beispiele sind typisch für eine seit langem dominierende Berichterstattung deutscher Leitmedien über Probleme der Einwanderungsgesellschaft. Diese Probleme provozieren offenbar in besonderem Masse das Selbstverständnis deutscher Journalisten, in dem der Journalist als «Agent der Aufklärung» (Lutz Hachmeister) als weithin akzeptiertes Rollenmodell gilt.
Der publizistische Umgang mit der Einwanderung von Muslimen stellt dieses Selbstverständnis allerdings auf eine harte Probe, findet sich hier doch eine schwer zu durchschauende Gemengelage von Fakten und Fiktionen, von Einstellungen und Gefühlen. Es geht dabei um den Alltag und die ganz trivialen Lebensverhältnisse der Beteiligten, aber auch um Fragen nach der künftigen institutionellen Verfassung des Staates und nach den Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.
Minderheitenschutz im Widerspruch zu den Interessen der Mehrheit, die Rolle ethnokultureller Eigenarten, die Zukunft eines Sozialstaats, der zum Ziel von Einwanderern geworden ist, ein verschärfter Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten, die künftige Gestalt von Städten mit ethnisch segregierten Vierteln und das Spannungsverhältnis zwischen einem Integrations-Minimum und dem Recht auf Leben in soziokulturellen Eigenwelten sind nur einige der Probleme, vor die dieser grosse soziale Feldversuch in einem global vernetzten sozialen Wandel Bürger und Medien gleichermassen stellt.
Pädagogische Perspektive
Bei der publizistischen Begleitung dieses Prozesses, der viel Angst und Ressentiment freisetzt, herrscht ein erstaunliches Einverständnis über eine moralisch grundierte volkspädagogische Perspektive, die bei der Berichterstattung einzuhalten sei. Dass Medien als Transmissionsriemen einer nur diffus umrissenen «Integration» zu funktionieren haben, gilt vielerorts als Leitlinie redaktioneller Praxis.
Diese pädagogische Botschaft behandelt die Leser, Hörer und Zuschauer als Objekte eines strengen Erziehungsprojekts. Sie «müssen» lernen, den Einwanderer in seiner Besonderheit zu verstehen und zu schätzen. Vor allem das Fernsehen schwelgt in Bildern, die das schöne Fremde zur Schau stellen. Geschichte wird dabei gern geglättet, so dass die islamische Welt der Vergangenheit primär als Hort kultureller Blüte und gesellschaftlicher Toleranz erscheint. Aus der Gegenwart sind biografische Erfolgsgeschichten beliebt.
An den Rändern des publizistischen Spektrums wird nicht bloss das einfühlende Verstehen verlangt, sondern, wie vor kurzem in der Berliner «TAZ», sogar die Fremdenliebe. Die spezifisch moderne Gleichgültigkeit des metropolitanen Lebens reicht im Umgang mit Einwanderern offenbar nicht aus, könnte sich doch dahinter mentale Feindschaft verbergen.
Rücken Probleme und Konflikte ins Blickfeld, begegnen wir Muslimen in der Doppelrolle als Opfer und Unterprivilegierte: Deutsche «Fremdenfeindlichkeit» und «Islamophobie» grenzen sie angeblich aus und verwehren ihnen den Zutritt zu Wohnungen und Arbeitsplätzen. Es gilt die bedingungslose Parteinahme für die Betroffenen.
Jeder Konflikt zwischen einem eingesessenen Deutschen und einem muslimischen Einwanderer kann in der Medienwahrnehmung blitzartig als Fall von Rassismus inszeniert werden. Starre Wahrnehmungs- und Urteilsschablonen führen zu reflexartigen Skandalisierungen, die in den letzten Jahren zwar häufig nach wenigen Tagen aufgegeben werden mussten, ohne dass jedoch in den Redaktionen fürs nächste Mal etwas gelernt worden wäre.
Camouflagen
Treten muslimische Einwanderer unübersehbar nicht als Opfer, sondern als Täter auf, wird gern relativiert oder gar camoufliert. Der endlose Streit, ob Medien die ethnische Herkunft von Straftätern nennen dürfen, produziert dabei groteske Blüten. In Einzelfällen sind Zeitungen dazu übergegangen, den Verdächtigen deutsche Namen zu geben, um auf keinen Fall Vorurteilen Vorschub zu leisten. Solche Zurückhaltung gilt auch dann, wenn die Straftaten durchaus ethnospezifische Muster aufweisen, also die Information über das Tätermilieu zum Verständnis des Verbrechens dient.
Während gewalttätige Übergriffe auf Muslime medial in der Regel als Exempel einer latent verbreiteten deutschen Neigung zu einem «Hassverbrechen» interpretiert werden, gilt der Angriff eines Türken auf einen Deutschen auch dann als Einzelfall üblicher Kriminalität, wenn der Angreifer «Scheissdeutscher!» brüllt.
Die Sorge, durch realitätstüchtige Berichterstattung negative Affekte auszulösen, ist zur Obsession vieler deutscher Medien geworden. Offenkundig wirkt hier die nationalsozialistische Geschichte nach und führt zu einer spezifischen Verzerrung bei der Wahrnehmung des Integrationsproblems: Integration erscheint in dieser Betrachtung als Modernisierungsproblem der Einheimischen.
Die deutsche Volksseele gilt in vielen Redaktionen als immer noch unheilbar vom Ungeist des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit kontaminiert. Solcher Generalverdacht wird regelmässig durch wissenschaftliche Studien genährt, deren luftige Empirie im Takt der Jahreszeiten Anlass zu neuen Schreckensnachrichten liefert.
Auch wird moniert, dass in den politischen Teilen der Presse sowie in der Auslandberichterstattung von Radio und Fernsehen jene Formen von Gewalt und Barbarei präsent sind, die nur zu oft das politische und gesellschaftliche Leben islamischer Staaten prägen. Die «diskursanalytisch» operierenden Kritiker erklären die Präsenz solcher negativen Berichte zu Indizien einer Islamfeindschaft und blenden systematisch aus, dass solche Berichte etwas mit einer düsteren Wirklichkeit zu tun haben, von der sie erzählen.
Das ist zwar ein medienkritischer Rosstäuschertrick, hat aber Wirkung, wenn man die Reaktionen der journalistischen Berufsverbände und die Verunsicherung der Journalisten sieht. Die Versuche der EU, unter Berufung auf den Kampf gegen Diskriminierung die Kritik an ethnischen und religiösen Minderheiten strafrechtlich zu sanktionieren, verstärken die Einschüchterung.
Dennoch erodiert dieses Muster der Berichterstattung. Der penetrant vormundschaftliche Auftritt, das unsichere Schwanken zwischen offener Information und schönfärbender Camouflage haben beim Publikum zu lebhaftem Widerspruch geführt. Die Leserkommentare auf den Websites der Zeitungen dokumentieren dies.
«Rechtes» auch bei Linken
Neu ist dabei, dass diese Differenz jetzt auch bei linken Medien auftritt: «TAZ»-Leser stimmten der Kritik des Bundesbankers Thilo Sarrazin an Teilen des türkisch-arabischen Einwanderermilieus von Berlin lebhaft zu und widersprachen den Leitartiklern des eigenen Blatts. Und die Schweizer Volksabstimmung über die Minarett-Initiative fand sehr verständnisvolle Worte im Blog eines Vorstandsmitglieds der Piratenpartei, die eher zur links-alternativen Seite des politischen Spektrums gehört.
In dem Masse, in dem die problematischen Folgen der Einwanderung von Muslimen auch die Wohnbezirke erreichen, in denen die Wähler der Grünen zu Hause sind und in denen sie ihre Kinder zur Schule schicken, kippt die Begeisterung fürs Multikulturelle um.
Riskant an dieser Entwicklung ist, dass sich dem grobschlächtig-pauschalen Positivkult um das Fremde und die Fremden nun eine ebenso grobschlächtig pauschale Ablehnung entgegenstellen kann. Wie die Schweizer Abstimmung zeigt, kann das dazu führen, dass sich diffuser Zorn auf einem sachlich denkbar ungeeigneten Feld entlädt.
Medien sind mitschuldig daran, mit ihrer Vorliebe für den Predigerton des Leitartiklers, der vor allem Haltung und Gesinnung produziert und sich dabei um die vielfältigen Unterscheidungen in der komplexen sozialen Wirklichkeit nicht schert. Dabei ist Genauigkeit bei diesem Thema die höchste Tugend.
Es gibt wunderbare Erfolgsgeschichten auch unter diesen Zuwanderern, aber auch deprimierende Beispiele von Verwahrlosung und Festhalten an atavistischen Mentalitäten und Praktiken. In ähnlicher Weise muss zwischen Religion und ethnokulturell überformter Religionspraxis unterschieden werden, wobei freilich auch fragwürdige Elemente der religiösen Überlieferung zur kritischen Erörterung freigegeben sein müssen.
Zum ganzen Bild, das Medien zu liefern haben, gehören beide Seiten. Paternalistischer Minderheitenschutz durch selektive Berichterstattung hilft gerade den Minderheiten nicht. Wenn man die Mehrheit für einen sozial verträglichen Integrationsprozess gewinnen will, wird man auch ihre Interessen als legitim anerkennen müssen und ihre Sorgen und Ängste nicht als blosse Affekte von Modernisierungsverlierern abqualifizieren dürfen.
Ermutigende Beispiele
Mittlerweile mehren sich die ermutigenden Beispiele für einen ebenso neugierigen wie unerschrockenen Journalismus: Die «WAZ» lässt ihre Reporter berichten, wie deutsche Anwohner die Umwandlung ihres Viertels in einer westfälischen Kleinstadt in eine türkisch-islamisch geprägte Zone erleben. Die «Welt» beleuchtet die Binnendiskussion in den türkischen Gemeinden, die sich auf die Wahlen zu den Ausländerbeiräten in Rheinland-Pfalz vorbereiten, und die «FAZ» lieferte nüchterne Sozialreportagen aus Berliner Problemkreisen. Selbst die «Süddeutsche Zeitung» glaubt mittlerweile, dass in Neukölln Einwanderer zu einem erheblichen Teil für die desolaten Verhältnisse verantwortlich sind. Nur durch solche realitätstüchtige Berichte kann liberale Publizistik, die ein kluger «Zeit»-Blogger gegenwärtig bedroht sieht, ihren Rang zurückgewinnen.
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Dienstag, Dezember 08, 2009
Montag, Dezember 07, 2009
TA Lewinsky: «Jetzt müssen wir sogar Köppels triumphierende Ironie schlucken»
«Jetzt müssen wir sogar Köppels triumphierende Ironie schlucken»
Von Charles Lewinsky.
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky äussert sich in einem Essay über das Minarettverbot, den ewigen Populismus und Roger Köppel.
Alle Macht geht vom Stammtisch aus.
Der Schweizer Autor wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Regieassistent (bei Fritz Kortner), Bühnenregisseur und als Redaktor und Ressortleiter für das Schweizer Fernsehen. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Autor der Sitcoms «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Er schrieb auch das Drehbuch zum Kinofilm «Ein ganz gewöhnlicher Jude» und Hunderte von Chansons. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 2006 mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz». Es folgten «Zehnundeine Nacht» und, gerade ausgeliefert, der Fortsetzungsroman «Doppelpass». Lewinsky lebt in Frankreich und Zürich. (TA)
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus...
«Jetzt müssen wir sogar Köppels triumphierende Ironie schlucken»
Von Charles Lewinsky.
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky äussert sich in einem Essay über das Minarettverbot, den ewigen Populismus und Roger Köppel.
Alle Macht geht vom Stammtisch aus.
Der Schweizer Autor wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Regieassistent (bei Fritz Kortner), Bühnenregisseur und als Redaktor und Ressortleiter für das Schweizer Fernsehen. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Autor der Sitcoms «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Er schrieb auch das Drehbuch zum Kinofilm «Ein ganz gewöhnlicher Jude» und Hunderte von Chansons. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 2006 mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz». Es folgten «Zehnundeine Nacht» und, gerade ausgeliefert, der Fortsetzungsroman «Doppelpass». Lewinsky lebt in Frankreich und Zürich. (TA)
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus verinnerlicht hat: Das einfache Argument schlägt jederzeit das richtige. Diffamieren geht über Studieren.
Eidenbenz.
Ich habe ihn in einen Fortsetzungsroman für die «Weltwoche» gepackt, weil die «Weltwoche» das Lieblingsblatt aller Eidenbenze ist. Der eine oder andere Leser, habe ich mir gedacht, würde vielleicht durch diese übertriebene Figur und ihre verquere Denkweise ein bisschen in seinen vorgefassten Meinungen erschüttert. Weil Lächerlichkeit, so dachte ich, doch töten kann.
Es war eine falsche Überlegung. In einer literarischen Satire entsteht Lächerlichkeit aus dem Kontrast zwischen Erfindung und Realität. Und hier gab es diesen Kontrast nicht. Eidenbenz ist die Realität. Er hat die Mehrheit in der Schweiz. 57,47 Prozent.
Unser Land ist dabei, sich zu eidenbenzisieren.
Im Lauf des Abstimmungskampfes haben wir viele Argumente gehört, die nur ein Eidenbenz (oder sein PR-Spezialist) erfunden haben konnte. «Ich bin gegen Minarette, weil ich mich für Frauenrechte einsetze.» Einleuchtend. Weil Frauenrechte und Minarette ja dasselbe sind. So wie Fahrräder und Bratwürste. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil man in Saudiarabien keine Kirchen bauen darf.» Klar. Man beweist seine moralische Überlegenheit am besten, indem man das, was man verurteilt, selber tut. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil die Schweiz sonst islamisiert wird.» Natürlich, die verdammten Ausländer wollen unser Land übernehmen. Die U-17-Nationalmannschaft haben sie schon unterwandert. Und im Zürcher Tram werden die Stationen auch schon hochdeutsch angesagt. Wehret den Anfängen.
Wir haben den Kampf gegen diesen eidenbenzischen Pseudodenk nie wirklich aufgenommen, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass eine Mehrheit solche logischen Bocksprünge mithüpfen würde. Wir sind unterlegen, weil wir uns so überlegen glaubten. Weil uns das selbstgefällige Gefühl, Recht zu haben, wichtiger war als die Anstrengung, Recht zu bekommen. Wie Tom Lehrer einmal gesungen hat: «They won all the battles, but we had all the good songs.»
Und wir haben uns auf die Umfragen verlassen. Nicht bedenkend, dass man nicht jeden neugierigen Frager an seinen Stammtisch einlädt. Was dort besprochen wird, verrät man keinem Aussenseiter. Schon gar nicht, wenn er Claude Longchamp heisst.
Wir sind selber schuld. Wir haben nichts gelernt. Nicht aus den eigenen Erfahrungen und nicht aus der Schweizer Geschichte.
Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Eidenbenz sich durchgesetzt hat. Schon im Jahr 1893 hat er gewonnen. Damals hiess er Dürrenmatt, Ulrich Dürrenmatt, war Chefredaktor der «Volkszeitung» und Mitbegründer der Berner Volkspartei. Es gab zu seiner Zeit noch keine Muslime in der Schweiz, auf die er hätte einschlagen können, und so ging er halt auf die Juden los. Die Volksinitiative war gerade als neues In-strument in die Verfassung aufgenommen worden, und nun wurde sie zum allerersten Mal eingesetzt. Es war ein Abstimmungskampf mit heftigen antisemitischen Parolen, und am Schluss war das Schächtverbot in die Bundesverfassung aufgenommen. Mit 60,11 Prozent Ja-Stimmen. Eidenbenz' Wählerschaft scheint stabil zu sein. Von der ersten Volksinitiative bis zur jüngsten.
1893 war das. Soll einer sagen, dass in unserem Land die Traditionen nicht gepflegt werden.
1893. Damals war die Familie Schlüer noch nicht einmal eingebürgert.
Aber Sarkasmus hilft nicht weiter. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir in einem Land leben, in dem die 1.-August-Reden immer weniger mit der Realität zu tun haben. Die weltoffene, tolerante, alle Religionen gleich behandelnde Schweiz wird zwar noch lang in den Ansprachen verkündet werden, aber die schönen Worte gelten eben nur, solange die Höhenfeuer glühen und der Duft der Festbratwürste in der Luft hängt. Im Alltag müssen wir es hinnehmen, dass uns die Le Pens und die Wilders zu Vorbildern erklären, wir müssen damit leben, dass uns die FPÖ und die Dänische Volkspartei Komplimente machen. Wir können uns noch nicht einmal dagegen wehren, wenn Libyen – ausgerechnet Libyen, dieser von einem mafiösen Familienclan beherrschte Unrechtsstaat – von einer «religiös-rassistischen Aktion» spricht. Genau das war es ja.
Wir müssen es sogar schlucken, wenn jetzt Roger Köppel mit der triumphierenden Ironie des Siegers hämisch kommentiert: «In der Welt geht offensichtlich ein Gespenst um. Es heisst Demokratie.» Weil es nichts mehr am Abstimmungsergebnis ändert, wenn wir ihm post festum antworten: «Nein, Herr Köppel, das Gespenst heisst nicht Demokratie. Es heisst Populismus.» Das Gespenst heisst Eidenbenz.
Auch Klagen bis zum Europäischen Gerichtshof werden nichts an der Tatsache ändern, dass wir in souveräner Volksentscheidung beschlossen haben, unsere Verfassung gleichzeitig zu ändern und zu brechen. Wir müssen akzeptieren, dass die Verfassung der Schweiz am letzten Sonntag schlechter geworden ist. In jedem Sinn des Wortes.
Und wie soll es weitergehen?
Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, uns darauf herauszureden, wir persönlich hätten nichts damit zu tun, denn wir hätten ja ein Nein in die Urne gelegt. Das rituelle Sich-für-unser-Land-Schämen, das in den letzten Tagen Mode geworden ist, bringt erst recht nichts. Wenn wir uns für etwas schämen müssen, dann für das Versäumnis, gegen die Eidenbenze und ihre Initiative nicht so gekämpft zu haben, wie das nötig gewesen wäre. Stehen wir nicht hochmütig beiseite, sondern bringen wir uns ein!
Wer unsere Demokratie ernst nimmt, ernster als die Leute, die jetzt schon damit liebäugeln, zur Verteidigung ihres Absolutheitsanspruchs auch noch die Menschenrechtskonvention aufzukündigen, der muss sich eingestehen: Nicht «die andern» haben das Minarettverbot angenommen, sondern wir. Wir, die Stimmbürger.
Nichts wäre falscher, als uns jetzt von den Befürwortern abgrenzen zu wollen. Kurt Tucholsky hat einmal, als in den Zwanzigerjahren die fremdenfeindliche Propaganda im Freistaat immer mehr zunahm, die Parole ausgegeben: «Reisende, meidet Bayern!» Sollen wir es ihm nachmachen und die Forderung aufstellen: «Reisende, meidet Innerrhoden?» Nur weil man sich im Halbkanton, wo es kaum Muslime gibt, so eindeutig gegen deren freie Religionsausübung entschieden hat? Dann bekommt die nächste entsprechende Initiative dort nicht nur 71 Prozent der Stimmen, sondern noch ein paar mehr.
Eidenbenz als Vorbild
Wenn wir nicht zulassen wollen, dass die Schweiz von ihren Populisten immer weiter haiderisiert wird, wenn unser Land nicht noch den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und Ansehen in der Welt verlieren soll, dann müssen wir von den Eidenbenzen lernen. Müssen lernen, so populär zu argumentieren wie sie. Das Gespräch auf allen Ebenen zu suchen wie sie. Uns für unsere Überzeugungen einzusetzen wie sie.
«Am besten, man geht überhaupt nicht mehr abstimmen», habe ich in den letzten Tagen ein paar Mal gehört. Aber wir dürfen jetzt nicht mit angeekelter Miene abseitsstehen. Es bringt nichts, wenn wir unsere intellektuelle Entrüstung so stolz und so wirkungslos zur Schau stellen wie früher einmal das Mao-Zitat auf dem T-Shirt. Wir müssen uns einsetzen. Die Kleinarbeit nicht scheuen. In Parteien eintreten. Wenn Christoph Blocher sich neuerdings den Vietcong zum Vorbild nimmt, dann können wir auch etwas von der Protestbewegung in der DDR lernen: Wir sind das Volk. Und das Volk – ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass Bertolt Brecht mit seiner Formulierung Recht hatte –, das Volk ist nicht tümlich. Der Schweizer ist nicht an sich spiessig, fremdenfeindlich oder reaktionär. Eigentlich nicht. Ausser wenn es sich den Eidenbenzen dieser Welt ausliefert.
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden, um über ihn zu lachen. Aber jetzt ist nicht die Zeit zum Lachen. Jetzt ist die Zeit, sich gegen ihn zu wehren.
(Tages-Anzeiger)
Von Charles Lewinsky.
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky äussert sich in einem Essay über das Minarettverbot, den ewigen Populismus und Roger Köppel.
Alle Macht geht vom Stammtisch aus.
Der Schweizer Autor wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Regieassistent (bei Fritz Kortner), Bühnenregisseur und als Redaktor und Ressortleiter für das Schweizer Fernsehen. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Autor der Sitcoms «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Er schrieb auch das Drehbuch zum Kinofilm «Ein ganz gewöhnlicher Jude» und Hunderte von Chansons. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 2006 mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz». Es folgten «Zehnundeine Nacht» und, gerade ausgeliefert, der Fortsetzungsroman «Doppelpass». Lewinsky lebt in Frankreich und Zürich. (TA)
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus...
«Jetzt müssen wir sogar Köppels triumphierende Ironie schlucken»
Von Charles Lewinsky.
Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky äussert sich in einem Essay über das Minarettverbot, den ewigen Populismus und Roger Köppel.
Alle Macht geht vom Stammtisch aus.
Der Schweizer Autor wurde 1946 in Zürich geboren. Er arbeitete als Regieassistent (bei Fritz Kortner), Bühnenregisseur und als Redaktor und Ressortleiter für das Schweizer Fernsehen. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Autor der Sitcoms «Fascht e Familie» und «Fertig lustig». Er schrieb auch das Drehbuch zum Kinofilm «Ein ganz gewöhnlicher Jude» und Hunderte von Chansons. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 2006 mit der jüdischen Familiensaga «Melnitz». Es folgten «Zehnundeine Nacht» und, gerade ausgeliefert, der Fortsetzungsroman «Doppelpass». Lewinsky lebt in Frankreich und Zürich. (TA)
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus verinnerlicht hat: Das einfache Argument schlägt jederzeit das richtige. Diffamieren geht über Studieren.
Eidenbenz.
Ich habe ihn in einen Fortsetzungsroman für die «Weltwoche» gepackt, weil die «Weltwoche» das Lieblingsblatt aller Eidenbenze ist. Der eine oder andere Leser, habe ich mir gedacht, würde vielleicht durch diese übertriebene Figur und ihre verquere Denkweise ein bisschen in seinen vorgefassten Meinungen erschüttert. Weil Lächerlichkeit, so dachte ich, doch töten kann.
Es war eine falsche Überlegung. In einer literarischen Satire entsteht Lächerlichkeit aus dem Kontrast zwischen Erfindung und Realität. Und hier gab es diesen Kontrast nicht. Eidenbenz ist die Realität. Er hat die Mehrheit in der Schweiz. 57,47 Prozent.
Unser Land ist dabei, sich zu eidenbenzisieren.
Im Lauf des Abstimmungskampfes haben wir viele Argumente gehört, die nur ein Eidenbenz (oder sein PR-Spezialist) erfunden haben konnte. «Ich bin gegen Minarette, weil ich mich für Frauenrechte einsetze.» Einleuchtend. Weil Frauenrechte und Minarette ja dasselbe sind. So wie Fahrräder und Bratwürste. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil man in Saudiarabien keine Kirchen bauen darf.» Klar. Man beweist seine moralische Überlegenheit am besten, indem man das, was man verurteilt, selber tut. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil die Schweiz sonst islamisiert wird.» Natürlich, die verdammten Ausländer wollen unser Land übernehmen. Die U-17-Nationalmannschaft haben sie schon unterwandert. Und im Zürcher Tram werden die Stationen auch schon hochdeutsch angesagt. Wehret den Anfängen.
Wir haben den Kampf gegen diesen eidenbenzischen Pseudodenk nie wirklich aufgenommen, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass eine Mehrheit solche logischen Bocksprünge mithüpfen würde. Wir sind unterlegen, weil wir uns so überlegen glaubten. Weil uns das selbstgefällige Gefühl, Recht zu haben, wichtiger war als die Anstrengung, Recht zu bekommen. Wie Tom Lehrer einmal gesungen hat: «They won all the battles, but we had all the good songs.»
Und wir haben uns auf die Umfragen verlassen. Nicht bedenkend, dass man nicht jeden neugierigen Frager an seinen Stammtisch einlädt. Was dort besprochen wird, verrät man keinem Aussenseiter. Schon gar nicht, wenn er Claude Longchamp heisst.
Wir sind selber schuld. Wir haben nichts gelernt. Nicht aus den eigenen Erfahrungen und nicht aus der Schweizer Geschichte.
Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Eidenbenz sich durchgesetzt hat. Schon im Jahr 1893 hat er gewonnen. Damals hiess er Dürrenmatt, Ulrich Dürrenmatt, war Chefredaktor der «Volkszeitung» und Mitbegründer der Berner Volkspartei. Es gab zu seiner Zeit noch keine Muslime in der Schweiz, auf die er hätte einschlagen können, und so ging er halt auf die Juden los. Die Volksinitiative war gerade als neues In-strument in die Verfassung aufgenommen worden, und nun wurde sie zum allerersten Mal eingesetzt. Es war ein Abstimmungskampf mit heftigen antisemitischen Parolen, und am Schluss war das Schächtverbot in die Bundesverfassung aufgenommen. Mit 60,11 Prozent Ja-Stimmen. Eidenbenz' Wählerschaft scheint stabil zu sein. Von der ersten Volksinitiative bis zur jüngsten.
1893 war das. Soll einer sagen, dass in unserem Land die Traditionen nicht gepflegt werden.
1893. Damals war die Familie Schlüer noch nicht einmal eingebürgert.
Aber Sarkasmus hilft nicht weiter. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir in einem Land leben, in dem die 1.-August-Reden immer weniger mit der Realität zu tun haben. Die weltoffene, tolerante, alle Religionen gleich behandelnde Schweiz wird zwar noch lang in den Ansprachen verkündet werden, aber die schönen Worte gelten eben nur, solange die Höhenfeuer glühen und der Duft der Festbratwürste in der Luft hängt. Im Alltag müssen wir es hinnehmen, dass uns die Le Pens und die Wilders zu Vorbildern erklären, wir müssen damit leben, dass uns die FPÖ und die Dänische Volkspartei Komplimente machen. Wir können uns noch nicht einmal dagegen wehren, wenn Libyen – ausgerechnet Libyen, dieser von einem mafiösen Familienclan beherrschte Unrechtsstaat – von einer «religiös-rassistischen Aktion» spricht. Genau das war es ja.
Wir müssen es sogar schlucken, wenn jetzt Roger Köppel mit der triumphierenden Ironie des Siegers hämisch kommentiert: «In der Welt geht offensichtlich ein Gespenst um. Es heisst Demokratie.» Weil es nichts mehr am Abstimmungsergebnis ändert, wenn wir ihm post festum antworten: «Nein, Herr Köppel, das Gespenst heisst nicht Demokratie. Es heisst Populismus.» Das Gespenst heisst Eidenbenz.
Auch Klagen bis zum Europäischen Gerichtshof werden nichts an der Tatsache ändern, dass wir in souveräner Volksentscheidung beschlossen haben, unsere Verfassung gleichzeitig zu ändern und zu brechen. Wir müssen akzeptieren, dass die Verfassung der Schweiz am letzten Sonntag schlechter geworden ist. In jedem Sinn des Wortes.
Und wie soll es weitergehen?
Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, uns darauf herauszureden, wir persönlich hätten nichts damit zu tun, denn wir hätten ja ein Nein in die Urne gelegt. Das rituelle Sich-für-unser-Land-Schämen, das in den letzten Tagen Mode geworden ist, bringt erst recht nichts. Wenn wir uns für etwas schämen müssen, dann für das Versäumnis, gegen die Eidenbenze und ihre Initiative nicht so gekämpft zu haben, wie das nötig gewesen wäre. Stehen wir nicht hochmütig beiseite, sondern bringen wir uns ein!
Wer unsere Demokratie ernst nimmt, ernster als die Leute, die jetzt schon damit liebäugeln, zur Verteidigung ihres Absolutheitsanspruchs auch noch die Menschenrechtskonvention aufzukündigen, der muss sich eingestehen: Nicht «die andern» haben das Minarettverbot angenommen, sondern wir. Wir, die Stimmbürger.
Nichts wäre falscher, als uns jetzt von den Befürwortern abgrenzen zu wollen. Kurt Tucholsky hat einmal, als in den Zwanzigerjahren die fremdenfeindliche Propaganda im Freistaat immer mehr zunahm, die Parole ausgegeben: «Reisende, meidet Bayern!» Sollen wir es ihm nachmachen und die Forderung aufstellen: «Reisende, meidet Innerrhoden?» Nur weil man sich im Halbkanton, wo es kaum Muslime gibt, so eindeutig gegen deren freie Religionsausübung entschieden hat? Dann bekommt die nächste entsprechende Initiative dort nicht nur 71 Prozent der Stimmen, sondern noch ein paar mehr.
Eidenbenz als Vorbild
Wenn wir nicht zulassen wollen, dass die Schweiz von ihren Populisten immer weiter haiderisiert wird, wenn unser Land nicht noch den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und Ansehen in der Welt verlieren soll, dann müssen wir von den Eidenbenzen lernen. Müssen lernen, so populär zu argumentieren wie sie. Das Gespräch auf allen Ebenen zu suchen wie sie. Uns für unsere Überzeugungen einzusetzen wie sie.
«Am besten, man geht überhaupt nicht mehr abstimmen», habe ich in den letzten Tagen ein paar Mal gehört. Aber wir dürfen jetzt nicht mit angeekelter Miene abseitsstehen. Es bringt nichts, wenn wir unsere intellektuelle Entrüstung so stolz und so wirkungslos zur Schau stellen wie früher einmal das Mao-Zitat auf dem T-Shirt. Wir müssen uns einsetzen. Die Kleinarbeit nicht scheuen. In Parteien eintreten. Wenn Christoph Blocher sich neuerdings den Vietcong zum Vorbild nimmt, dann können wir auch etwas von der Protestbewegung in der DDR lernen: Wir sind das Volk. Und das Volk – ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass Bertolt Brecht mit seiner Formulierung Recht hatte –, das Volk ist nicht tümlich. Der Schweizer ist nicht an sich spiessig, fremdenfeindlich oder reaktionär. Eigentlich nicht. Ausser wenn es sich den Eidenbenzen dieser Welt ausliefert.
Eidenbenz.
Ich habe ihn erfunden, um über ihn zu lachen. Aber jetzt ist nicht die Zeit zum Lachen. Jetzt ist die Zeit, sich gegen ihn zu wehren.
(Tages-Anzeiger)
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Sonntag, Dezember 06, 2009
NZZ: Vom Glauben zum Wissen
3. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Vom Glauben zum Wissen
Wie findet der Islam zur Moderne? Bis heute sind Versuche von religiösen Reformen am Fels der Orthodoxie gescheitert
Wie die Schweizer Abstimmung über die Minarette mit zeigt, wird der Islam in weiten Teilen Europas nicht nur als Religion, sondern als politische Ideologie wahrgenommen, deren ungebrochener Herrschaftsanspruch sich auf den Koran stützt. Versuche von Reformen sind an der Allmacht des heiligen Buches gescheitert.
Hamed Abdel-Samad
Seit Generationen empfindet die islamische Welt ein Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung gegenüber Europa. Als Napoleon im Jahre 1798 mit seiner Flotte in Alexandrien anlegte, gab es eine asymmetrische Begegnung zwischen einer technisch überlegenen europäischen Macht und einer in der Tradition verhafteten islamischen Kultur. Erst das Auftauchen des «Anderen» machte die Muslime auf die eigene Schwäche und Rückständigkeit aufmerksam. Danach folgten traumatische Erfahrungen mit Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung, die im Kollektivgedächtnis aller Muslime fest eingraviert sind. Das Ergebnis davon war....
3. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Vom Glauben zum Wissen
Wie findet der Islam zur Moderne? Bis heute sind Versuche von religiösen Reformen am Fels der Orthodoxie gescheitert
Wie die Schweizer Abstimmung über die Minarette mit zeigt, wird der Islam in weiten Teilen Europas nicht nur als Religion, sondern als politische Ideologie wahrgenommen, deren ungebrochener Herrschaftsanspruch sich auf den Koran stützt. Versuche von Reformen sind an der Allmacht des heiligen Buches gescheitert.
Hamed Abdel-Samad
Seit Generationen empfindet die islamische Welt ein Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung gegenüber Europa. Als Napoleon im Jahre 1798 mit seiner Flotte in Alexandrien anlegte, gab es eine asymmetrische Begegnung zwischen einer technisch überlegenen europäischen Macht und einer in der Tradition verhafteten islamischen Kultur. Erst das Auftauchen des «Anderen» machte die Muslime auf die eigene Schwäche und Rückständigkeit aufmerksam. Danach folgten traumatische Erfahrungen mit Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung, die im Kollektivgedächtnis aller Muslime fest eingraviert sind. Das Ergebnis davon war eine «anthropologische Wunde», wie es der syrische Philosoph Georg Tarabishi nennt; eine chronische Kränkung, die bis heute andauert.
Das Feld der Orthodoxie
Trotz wiederholten Modernisierungsversuchen schaffte es die islamische Welt nicht, den Anschluss an Europa zu finden, da sie sich mit dem Geist der Moderne weder versöhnen konnte noch wollte. Hadatha, der arabische Begriff für Moderne, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, impliziert den Beginn eines neuen Zeitalters. Er ist sprachlich verwandt mit dem Begriff muhdatha, «etwas Neues», was im orthodoxen Islam sehr negativ gesehen wird. Der Prophet Mohammed soll gesagt haben: «Jedes muhdatha ist eine Erfindung, und jede Erfindung führt zur Verwirrung, und jede Verwirrung landet in der Hölle.» Vergleicht man den arabischen mit dem japanischen Begriff für Moderne, sieht man den Unterschied in der Geisteshaltung gegenüber dem Neuen. Der japanische Begriff, der ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts entstand, lautet bunmei kaika, «Öffnung der Zivilisation».
Schon im «goldenen Zeitalter» des Islam, als arabische Wissenschaft und Philosophie florierten, gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen rationalem Denken und buchstabentreuer Lebensweise, die mit dem Sieg der Traditionalisten, für die Kontinuität wichtiger war als Erneuerung, endete. Seitdem gab es in der muslimischen Welt keinen Prozess mehr, den man Reform nennen könnte, sondern nur kurze, gutgemeinte Erneuerungswellen, die immer am Fels der Orthodoxie brachen. Es waren kleine vereinzelte Flüsse, die im Sand verliefen und es nie schafften, sich zu einem grossen Strom zu entwickeln, der alles mit sich reissen und einen unumkehrbaren Prozess namens Aufklärung in Gang setzen konnte.
Auch die europäischen Kolonialmächte waren an einer Modernisierung der von ihnen besetzten islamischen Länder kaum interessiert. Durch ihr aggressives und arrogantes Auftreten konnten sie nicht als Vorbild für Muslime dienen. Aber auch Jahrzehnte nach Ende des Kolonialismus gilt vielen in der islamischen Welt eine umfassende Modernisierung als Erniedrigung gegenüber dem Westen. Sicherlich spielt die Machtpolitik des Westens eine wichtige Rolle für diese Wahrnehmung. Auch die vielen ungelösten Konflikte in der islamischen Welt von Tschetschenien bis zum Nahen Osten sind nicht ausser acht zu lassen.
Dennoch sehe ich entscheidendere Gründe für das chronische Beleidigtsein der Muslime. Im Kern ist ihr Selbstbild dafür verantwortlich. Die Muslime sehen sich immer noch als Träger einer Hochkultur und können sich nicht damit abfinden, dass sie die führende Rolle in der Welt längst verloren haben. «Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet», so bringt es der tunesisch-französische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb auf den Punkt. Eine archaische Kultur der Ehre und des Widerstandes verhindert deshalb eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Westen, den man immer noch als Feind betrachtet.
Unter diesem Ressentiment isolieren sich weite Teile der islamischen Welt und verbarrikadieren sich hinter einer defensiven, exklusiven und reaktionären Identität. Ihre technologisch-materielle Unterlegenheit versuchen die Muslime durch eine moralische Überlegenheit gegenüber dem Westen auszugleichen. Die Isolation und das chronische Misstrauen führen dazu, dass jede Äusserung und jede Geste, die aus dem Westen kommt, entweder falsch oder überinterpretiert wird. Auch Kritik wird deshalb oft als Kriegserklärung verstanden. Die Geschichte wird als Kontinuum gelesen, und so sieht man die Mohammed-Karikaturen, die Papst-Rede in Regensburg und die Schweizer Minarettinitiative als Fortsetzung einer historischen westlichen Feindseligkeit gegenüber dem Islam, die man aus den Kreuzzügen und aus der Kolonialgeschichte zu kennen meint.
Die Wut und die Empörung haben aber andere Gründe. In den meisten islamischen Ländern sind die Menschen mit der wirtschaftlichen und politischen Lage höchst unzufrieden und dabei unfähig, die Probleme aus eigener Kraft zu lösen. Sowohl die Machthaber als auch die Bevölkerung suchen deshalb nach Sündenböcken für das eigene Elend. Politisch gesteuerte Proteste und Wutausbrüche gegen Dänemark, Deutschland oder die USA schaffen ein willkommenes Ventil. Dabei ist die Verkrampfung auch darauf zurückzuführen, dass im Laufe der Jahrhunderte keine Alternative zur Religion als identitätsstiftendem Element entwickelt wurde. Alle aus dem Westen importierten Systeme scheiterten, weil man wohl deren Instrumente, aber nicht den Geist dahinter nutzte. Deshalb meint man, den eigenen Glauben als letzten Anker bedingungslos verteidigen zu müssen.
Zeit für Häretiker
Auch die sogenannten Islam-Reformer waren über ein Jahrhundert lang nicht imstande, die nötigen Reformen durchzusetzen. Ihre Bestrebungen beschränken sich meist darauf, die Fassade eines Hauses, das im Begriff ist, in sich zusammenzufallen, mit neuer Farbe zu streichen. Die Unantastbarkeit der Religion stand den Reformern immer im Weg und liess ihre Bemühungen im Sande verlaufen. Kommt hinzu, dass sie wie die religiösen Fundamentalisten selbst vom Text des Korans besessen sind. Während die Terroristen darin Rechtfertigung für Gewalt suchen und finden, stöbern Liberale nach friedfertigen Passagen, die das Zusammenleben ermöglichen. Beide stärken damit die Autorität eines Buches, das für die Bedürfnisse einer vormodernen Gemeinde im 7. Jahrhundert entstanden war und im 21. Jahrhundert historisiert gehört. Den Reformern fehlen die letzte Konsequenz und der Mut, dafür zu plädieren, den Koran politisch zu neutralisieren und aus dem politischen Diskurs zu verbannen.
Für eine zeitgemässe Interpretation des Korans und eine Annäherung an die Moderne sprechen sich die Reformer aus und betonen im gleichen Atemzug, die eigene Tradition und kulturelle Eigenständigkeit nicht opfern zu dürfen. Ebendies tat auch Usama bin Ladin. Er löste sich von der überkommenen Interpretation des Korans, die eine Rebellion gegen den Herrscher verbietet. Durch seine Auslegung des Korans gelang es ihm, den jihad zu privatisieren und den Massenmord an Zivilisten zu rechtfertigen. Auch er nährt sich an der Moderne und bedient sich modernster westlicher Technik, ohne sich das aufgeklärte Gedankengut, das in dieser steckt, zu eigen zu machen.
Ich halte die Versöhnung des Islam mit dem Atheismus für die letzte bleibende Chance. Es ist Zeit für Häretiker, die Allmacht des Korans zu bestreiten und eine neue Geisteshaltung einzuführen. Diesen Prozess nenne ich nicht «Reform», sondern «geregelte Insolvenz». Erst wenn sich muslimische Kultur innerlich von diesem Buch löst, kann sie einen Neuanfang wagen. Insolvenz bedeutet, dass sich die muslimische Kultur von manchen schweren Koffern trennen muss, will sie den Weg in die Zukunft beschreiten. Sie muss sich von vielen Bildern verabschieden, insbesondere aber vom Bild eines erhabenen, unberechenbaren Gottes, der nur diktiert, aber nicht verhandelt. Dieses schadet der muslimischen Welt sehr und leistet einen erheblichen Beitrag zur Festigung der Macht von Tyrannen. Die gängige Geschlechter-Apartheid wiederum hemmt die Kreativität und schnürt die schöpferische Kraft der Hälfte der Gesellschaft ab.
Feindbilder haben die Opferrolle bei Muslimen zementiert und sie immer wieder daran gehindert, die Lösung der eigenen Probleme selbst in die Hand zu nehmen. Es gilt, das Selbstbild zu überdenken und nach Antworten jenseits von Wutausbrüchen und Verschwörungstheorien zu suchen. Europa seinerseits sollte seine unheiligen Allianzen mit den Diktatoren des Nahen Ostens beenden und nach neuen Verbündeten suchen. Islamkritik sollte von den Europäern ohne Rücksicht auf fundamentalistische Bedrohungen und ohne politisch korrekte Denkfaulheit vorangetrieben werden. Diese Kritik darf hart sein, sollte jedoch ohne Polemik und Ressentiment daherkommen. Und wenn den Muslimen diese Kritik von aussen unerträglich erscheint, sollten sie das Heft in die Hand nehmen und diese Kritik selbst üben.
Hamed Abdel-Samad, 1972 in Giza, Ägypten, geboren, ist Politikwissenschafter und Historiker an der Universität München und Verfasser des autobiografischen Buches «Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland» (2009, Fackelträger-Verlag). Seine Missbrauchs- und Ablösungsgeschichte wurde zuerst in Ägypten veröffentlicht, wo sie eine breite und kontroverse Debatte auslöste.
Vom Glauben zum Wissen
Wie findet der Islam zur Moderne? Bis heute sind Versuche von religiösen Reformen am Fels der Orthodoxie gescheitert
Wie die Schweizer Abstimmung über die Minarette mit zeigt, wird der Islam in weiten Teilen Europas nicht nur als Religion, sondern als politische Ideologie wahrgenommen, deren ungebrochener Herrschaftsanspruch sich auf den Koran stützt. Versuche von Reformen sind an der Allmacht des heiligen Buches gescheitert.
Hamed Abdel-Samad
Seit Generationen empfindet die islamische Welt ein Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung gegenüber Europa. Als Napoleon im Jahre 1798 mit seiner Flotte in Alexandrien anlegte, gab es eine asymmetrische Begegnung zwischen einer technisch überlegenen europäischen Macht und einer in der Tradition verhafteten islamischen Kultur. Erst das Auftauchen des «Anderen» machte die Muslime auf die eigene Schwäche und Rückständigkeit aufmerksam. Danach folgten traumatische Erfahrungen mit Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung, die im Kollektivgedächtnis aller Muslime fest eingraviert sind. Das Ergebnis davon war....
3. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Vom Glauben zum Wissen
Wie findet der Islam zur Moderne? Bis heute sind Versuche von religiösen Reformen am Fels der Orthodoxie gescheitert
Wie die Schweizer Abstimmung über die Minarette mit zeigt, wird der Islam in weiten Teilen Europas nicht nur als Religion, sondern als politische Ideologie wahrgenommen, deren ungebrochener Herrschaftsanspruch sich auf den Koran stützt. Versuche von Reformen sind an der Allmacht des heiligen Buches gescheitert.
Hamed Abdel-Samad
Seit Generationen empfindet die islamische Welt ein Gefühl der Ohnmacht und der Demütigung gegenüber Europa. Als Napoleon im Jahre 1798 mit seiner Flotte in Alexandrien anlegte, gab es eine asymmetrische Begegnung zwischen einer technisch überlegenen europäischen Macht und einer in der Tradition verhafteten islamischen Kultur. Erst das Auftauchen des «Anderen» machte die Muslime auf die eigene Schwäche und Rückständigkeit aufmerksam. Danach folgten traumatische Erfahrungen mit Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung, die im Kollektivgedächtnis aller Muslime fest eingraviert sind. Das Ergebnis davon war eine «anthropologische Wunde», wie es der syrische Philosoph Georg Tarabishi nennt; eine chronische Kränkung, die bis heute andauert.
Das Feld der Orthodoxie
Trotz wiederholten Modernisierungsversuchen schaffte es die islamische Welt nicht, den Anschluss an Europa zu finden, da sie sich mit dem Geist der Moderne weder versöhnen konnte noch wollte. Hadatha, der arabische Begriff für Moderne, der aus dem 19. Jahrhundert stammt, impliziert den Beginn eines neuen Zeitalters. Er ist sprachlich verwandt mit dem Begriff muhdatha, «etwas Neues», was im orthodoxen Islam sehr negativ gesehen wird. Der Prophet Mohammed soll gesagt haben: «Jedes muhdatha ist eine Erfindung, und jede Erfindung führt zur Verwirrung, und jede Verwirrung landet in der Hölle.» Vergleicht man den arabischen mit dem japanischen Begriff für Moderne, sieht man den Unterschied in der Geisteshaltung gegenüber dem Neuen. Der japanische Begriff, der ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts entstand, lautet bunmei kaika, «Öffnung der Zivilisation».
Schon im «goldenen Zeitalter» des Islam, als arabische Wissenschaft und Philosophie florierten, gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen rationalem Denken und buchstabentreuer Lebensweise, die mit dem Sieg der Traditionalisten, für die Kontinuität wichtiger war als Erneuerung, endete. Seitdem gab es in der muslimischen Welt keinen Prozess mehr, den man Reform nennen könnte, sondern nur kurze, gutgemeinte Erneuerungswellen, die immer am Fels der Orthodoxie brachen. Es waren kleine vereinzelte Flüsse, die im Sand verliefen und es nie schafften, sich zu einem grossen Strom zu entwickeln, der alles mit sich reissen und einen unumkehrbaren Prozess namens Aufklärung in Gang setzen konnte.
Auch die europäischen Kolonialmächte waren an einer Modernisierung der von ihnen besetzten islamischen Länder kaum interessiert. Durch ihr aggressives und arrogantes Auftreten konnten sie nicht als Vorbild für Muslime dienen. Aber auch Jahrzehnte nach Ende des Kolonialismus gilt vielen in der islamischen Welt eine umfassende Modernisierung als Erniedrigung gegenüber dem Westen. Sicherlich spielt die Machtpolitik des Westens eine wichtige Rolle für diese Wahrnehmung. Auch die vielen ungelösten Konflikte in der islamischen Welt von Tschetschenien bis zum Nahen Osten sind nicht ausser acht zu lassen.
Dennoch sehe ich entscheidendere Gründe für das chronische Beleidigtsein der Muslime. Im Kern ist ihr Selbstbild dafür verantwortlich. Die Muslime sehen sich immer noch als Träger einer Hochkultur und können sich nicht damit abfinden, dass sie die führende Rolle in der Welt längst verloren haben. «Der Islam hat den Machtverlust nicht verkraftet», so bringt es der tunesisch-französische Schriftsteller Abdelwahab Meddeb auf den Punkt. Eine archaische Kultur der Ehre und des Widerstandes verhindert deshalb eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Westen, den man immer noch als Feind betrachtet.
Unter diesem Ressentiment isolieren sich weite Teile der islamischen Welt und verbarrikadieren sich hinter einer defensiven, exklusiven und reaktionären Identität. Ihre technologisch-materielle Unterlegenheit versuchen die Muslime durch eine moralische Überlegenheit gegenüber dem Westen auszugleichen. Die Isolation und das chronische Misstrauen führen dazu, dass jede Äusserung und jede Geste, die aus dem Westen kommt, entweder falsch oder überinterpretiert wird. Auch Kritik wird deshalb oft als Kriegserklärung verstanden. Die Geschichte wird als Kontinuum gelesen, und so sieht man die Mohammed-Karikaturen, die Papst-Rede in Regensburg und die Schweizer Minarettinitiative als Fortsetzung einer historischen westlichen Feindseligkeit gegenüber dem Islam, die man aus den Kreuzzügen und aus der Kolonialgeschichte zu kennen meint.
Die Wut und die Empörung haben aber andere Gründe. In den meisten islamischen Ländern sind die Menschen mit der wirtschaftlichen und politischen Lage höchst unzufrieden und dabei unfähig, die Probleme aus eigener Kraft zu lösen. Sowohl die Machthaber als auch die Bevölkerung suchen deshalb nach Sündenböcken für das eigene Elend. Politisch gesteuerte Proteste und Wutausbrüche gegen Dänemark, Deutschland oder die USA schaffen ein willkommenes Ventil. Dabei ist die Verkrampfung auch darauf zurückzuführen, dass im Laufe der Jahrhunderte keine Alternative zur Religion als identitätsstiftendem Element entwickelt wurde. Alle aus dem Westen importierten Systeme scheiterten, weil man wohl deren Instrumente, aber nicht den Geist dahinter nutzte. Deshalb meint man, den eigenen Glauben als letzten Anker bedingungslos verteidigen zu müssen.
Zeit für Häretiker
Auch die sogenannten Islam-Reformer waren über ein Jahrhundert lang nicht imstande, die nötigen Reformen durchzusetzen. Ihre Bestrebungen beschränken sich meist darauf, die Fassade eines Hauses, das im Begriff ist, in sich zusammenzufallen, mit neuer Farbe zu streichen. Die Unantastbarkeit der Religion stand den Reformern immer im Weg und liess ihre Bemühungen im Sande verlaufen. Kommt hinzu, dass sie wie die religiösen Fundamentalisten selbst vom Text des Korans besessen sind. Während die Terroristen darin Rechtfertigung für Gewalt suchen und finden, stöbern Liberale nach friedfertigen Passagen, die das Zusammenleben ermöglichen. Beide stärken damit die Autorität eines Buches, das für die Bedürfnisse einer vormodernen Gemeinde im 7. Jahrhundert entstanden war und im 21. Jahrhundert historisiert gehört. Den Reformern fehlen die letzte Konsequenz und der Mut, dafür zu plädieren, den Koran politisch zu neutralisieren und aus dem politischen Diskurs zu verbannen.
Für eine zeitgemässe Interpretation des Korans und eine Annäherung an die Moderne sprechen sich die Reformer aus und betonen im gleichen Atemzug, die eigene Tradition und kulturelle Eigenständigkeit nicht opfern zu dürfen. Ebendies tat auch Usama bin Ladin. Er löste sich von der überkommenen Interpretation des Korans, die eine Rebellion gegen den Herrscher verbietet. Durch seine Auslegung des Korans gelang es ihm, den jihad zu privatisieren und den Massenmord an Zivilisten zu rechtfertigen. Auch er nährt sich an der Moderne und bedient sich modernster westlicher Technik, ohne sich das aufgeklärte Gedankengut, das in dieser steckt, zu eigen zu machen.
Ich halte die Versöhnung des Islam mit dem Atheismus für die letzte bleibende Chance. Es ist Zeit für Häretiker, die Allmacht des Korans zu bestreiten und eine neue Geisteshaltung einzuführen. Diesen Prozess nenne ich nicht «Reform», sondern «geregelte Insolvenz». Erst wenn sich muslimische Kultur innerlich von diesem Buch löst, kann sie einen Neuanfang wagen. Insolvenz bedeutet, dass sich die muslimische Kultur von manchen schweren Koffern trennen muss, will sie den Weg in die Zukunft beschreiten. Sie muss sich von vielen Bildern verabschieden, insbesondere aber vom Bild eines erhabenen, unberechenbaren Gottes, der nur diktiert, aber nicht verhandelt. Dieses schadet der muslimischen Welt sehr und leistet einen erheblichen Beitrag zur Festigung der Macht von Tyrannen. Die gängige Geschlechter-Apartheid wiederum hemmt die Kreativität und schnürt die schöpferische Kraft der Hälfte der Gesellschaft ab.
Feindbilder haben die Opferrolle bei Muslimen zementiert und sie immer wieder daran gehindert, die Lösung der eigenen Probleme selbst in die Hand zu nehmen. Es gilt, das Selbstbild zu überdenken und nach Antworten jenseits von Wutausbrüchen und Verschwörungstheorien zu suchen. Europa seinerseits sollte seine unheiligen Allianzen mit den Diktatoren des Nahen Ostens beenden und nach neuen Verbündeten suchen. Islamkritik sollte von den Europäern ohne Rücksicht auf fundamentalistische Bedrohungen und ohne politisch korrekte Denkfaulheit vorangetrieben werden. Diese Kritik darf hart sein, sollte jedoch ohne Polemik und Ressentiment daherkommen. Und wenn den Muslimen diese Kritik von aussen unerträglich erscheint, sollten sie das Heft in die Hand nehmen und diese Kritik selbst üben.
Hamed Abdel-Samad, 1972 in Giza, Ägypten, geboren, ist Politikwissenschafter und Historiker an der Universität München und Verfasser des autobiografischen Buches «Mein Abschied vom Himmel. Aus dem Leben eines Muslims in Deutschland» (2009, Fackelträger-Verlag). Seine Missbrauchs- und Ablösungsgeschichte wurde zuerst in Ägypten veröffentlicht, wo sie eine breite und kontroverse Debatte auslöste.
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Samstag, Dezember 05, 2009
TA: Die Ölvorräte versiegen noch schneller
Tages Anzeiger Online
Die Ölvorräte versiegen noch schneller
Die Zahlen über die weltweiten Ölvorräte sind geschönt, sagt ein Insider. Dabei gebe es klare Indizien aus Saudiarabien.
Die Berichte der Internationalen Energie-Agentur (IEA) in Paris dienen Regierungen als Grundlage für die Energie- und Klimapolitik sowie den Unternehmen für ihre Geschäftspläne. Gemäss den letzten veröffentlichten Prognosen der IEA wird die weltweite Ölförderung mindestens bis 2030 steigen - auf 120 Millionen Barrel pro Tag (ein Barrel entspricht 159 Liter). Erst danach sei mit einem Rückgang der Fördermengen zu rechnen, liess die IEA verlauten.
Diesen Prognosen widerspricht ein Insider, wie die britische Zeitung «The Guardian» schreibt. Beim Informanten soll es sich um einen hohen Beamten....
Tages Anzeiger Online
Die Ölvorräte versiegen noch schneller
Die Zahlen über die weltweiten Ölvorräte sind geschönt, sagt ein Insider. Dabei gebe es klare Indizien aus Saudiarabien.
Die Berichte der Internationalen Energie-Agentur (IEA) in Paris dienen Regierungen als Grundlage für die Energie- und Klimapolitik sowie den Unternehmen für ihre Geschäftspläne. Gemäss den letzten veröffentlichten Prognosen der IEA wird die weltweite Ölförderung mindestens bis 2030 steigen - auf 120 Millionen Barrel pro Tag (ein Barrel entspricht 159 Liter). Erst danach sei mit einem Rückgang der Fördermengen zu rechnen, liess die IEA verlauten.
Diesen Prognosen widerspricht ein Insider, wie die britische Zeitung «The Guardian» schreibt. Beim Informanten soll es sich um einen hohen Beamten der IEA handeln. «Innerhalb der IEA glauben viele, dass es sogar unmöglich ist, die Öllieferungen bei 90 bis 95 Millionen Barrel täglich zu halten», wird der Insider zitiert. Auf Druck der USA sollen die weltweiten Ölvorräte höher dargestellt worden sein, als sie es tatsächlich sind. Die Amerikaner fürchteten das Ende der Ölhoheit, denn es würde ihre Macht bedrohen, schreibt «The Guardian» weiter. Die Statistiken der IEA seien aber auch absichtlich geschönt worden, weil es Befürchtungen gebe, dass sich an den internationalen Finanzmärkten Panik ausbreiten könnte.
«Peak Oil» ist bereits erreicht
Ein anderer Informant aus der IEA wird mit der Aussage zitiert, dass es innerhalb der Organisation eine Richtlinie gebe, die USA nicht zu verärgern. Die Tatsache, dass es weltweit weniger Ölvorräte gebe als bisher bekannt, werde nicht bestritten. Das Maximum der Fördermenge - der so genannte «Peak Oil» - sei erreicht. «Ich denke, dass die Situation wirklich schlecht ist», sagt der Insider weiter.
Die Experten streiten bereits seit Jahren über die Frage, wann die Vorräte des begehrten Rohstoffs aufgebraucht sein werden. Laut Matthew Simmons, amerikanischer Investmentbanker und früherer Berater von US-Präsident George W. Bush, wurde «Peak Oil» bereits überschritten. Er stützt sich dabei auf die Beobachtung, dass die Super-Ölfelder der Welt wie das saudi-arabische Ghawar erste Anzeichen des Versiegens zeigen. Andere Experten prophezeien «Peak Oil» für das Jahr 2020, weitere wiederum frühestens für 2040.
Neue Funde dank neuer Fördermethoden
Die Optimisten unter den Experten argumentieren, dass durch den technischen Fortschritt immer wieder neue Ölvorkommen erschlossen werden könnten. In der Tat: Heute kann man weitaus tiefer bohren als noch vor 20, 30 Jahren und Quellen anzapfen, von denen man früher nicht zu träumen wagte. Fest steht allerdings, dass in der westlichen Welt die konventionellen Reserven zur Neige gehen. Die Ölstaaten der industrialisierten Welt - etwa USA, Mexiko und Norwegen - fördern immer weniger. Damit nimmt das Gewicht der Opec-Staaten zu, vor allem der des Nahen Ostens, wo drei Viertel der weltweiten konventionellen Reserven vermutet werden.
Wie gross diese Reserven sind, kann kaum verlässlich eingeschätzt werden. Viele Opec-Mitglieder lassen unabhängige Experten gar nicht ins Land. Es sind ihre Regierungen und ihre Ölgesellschaften, die Informationen über ihre Vorräte verbreiten. Wie gross die weltweiten Reserven sind, ist entscheidend für die Entwicklung des Ölpreises. (vin)
Die Ölvorräte versiegen noch schneller
Die Zahlen über die weltweiten Ölvorräte sind geschönt, sagt ein Insider. Dabei gebe es klare Indizien aus Saudiarabien.
Die Berichte der Internationalen Energie-Agentur (IEA) in Paris dienen Regierungen als Grundlage für die Energie- und Klimapolitik sowie den Unternehmen für ihre Geschäftspläne. Gemäss den letzten veröffentlichten Prognosen der IEA wird die weltweite Ölförderung mindestens bis 2030 steigen - auf 120 Millionen Barrel pro Tag (ein Barrel entspricht 159 Liter). Erst danach sei mit einem Rückgang der Fördermengen zu rechnen, liess die IEA verlauten.
Diesen Prognosen widerspricht ein Insider, wie die britische Zeitung «The Guardian» schreibt. Beim Informanten soll es sich um einen hohen Beamten....
Tages Anzeiger Online
Die Ölvorräte versiegen noch schneller
Die Zahlen über die weltweiten Ölvorräte sind geschönt, sagt ein Insider. Dabei gebe es klare Indizien aus Saudiarabien.
Die Berichte der Internationalen Energie-Agentur (IEA) in Paris dienen Regierungen als Grundlage für die Energie- und Klimapolitik sowie den Unternehmen für ihre Geschäftspläne. Gemäss den letzten veröffentlichten Prognosen der IEA wird die weltweite Ölförderung mindestens bis 2030 steigen - auf 120 Millionen Barrel pro Tag (ein Barrel entspricht 159 Liter). Erst danach sei mit einem Rückgang der Fördermengen zu rechnen, liess die IEA verlauten.
Diesen Prognosen widerspricht ein Insider, wie die britische Zeitung «The Guardian» schreibt. Beim Informanten soll es sich um einen hohen Beamten der IEA handeln. «Innerhalb der IEA glauben viele, dass es sogar unmöglich ist, die Öllieferungen bei 90 bis 95 Millionen Barrel täglich zu halten», wird der Insider zitiert. Auf Druck der USA sollen die weltweiten Ölvorräte höher dargestellt worden sein, als sie es tatsächlich sind. Die Amerikaner fürchteten das Ende der Ölhoheit, denn es würde ihre Macht bedrohen, schreibt «The Guardian» weiter. Die Statistiken der IEA seien aber auch absichtlich geschönt worden, weil es Befürchtungen gebe, dass sich an den internationalen Finanzmärkten Panik ausbreiten könnte.
«Peak Oil» ist bereits erreicht
Ein anderer Informant aus der IEA wird mit der Aussage zitiert, dass es innerhalb der Organisation eine Richtlinie gebe, die USA nicht zu verärgern. Die Tatsache, dass es weltweit weniger Ölvorräte gebe als bisher bekannt, werde nicht bestritten. Das Maximum der Fördermenge - der so genannte «Peak Oil» - sei erreicht. «Ich denke, dass die Situation wirklich schlecht ist», sagt der Insider weiter.
Die Experten streiten bereits seit Jahren über die Frage, wann die Vorräte des begehrten Rohstoffs aufgebraucht sein werden. Laut Matthew Simmons, amerikanischer Investmentbanker und früherer Berater von US-Präsident George W. Bush, wurde «Peak Oil» bereits überschritten. Er stützt sich dabei auf die Beobachtung, dass die Super-Ölfelder der Welt wie das saudi-arabische Ghawar erste Anzeichen des Versiegens zeigen. Andere Experten prophezeien «Peak Oil» für das Jahr 2020, weitere wiederum frühestens für 2040.
Neue Funde dank neuer Fördermethoden
Die Optimisten unter den Experten argumentieren, dass durch den technischen Fortschritt immer wieder neue Ölvorkommen erschlossen werden könnten. In der Tat: Heute kann man weitaus tiefer bohren als noch vor 20, 30 Jahren und Quellen anzapfen, von denen man früher nicht zu träumen wagte. Fest steht allerdings, dass in der westlichen Welt die konventionellen Reserven zur Neige gehen. Die Ölstaaten der industrialisierten Welt - etwa USA, Mexiko und Norwegen - fördern immer weniger. Damit nimmt das Gewicht der Opec-Staaten zu, vor allem der des Nahen Ostens, wo drei Viertel der weltweiten konventionellen Reserven vermutet werden.
Wie gross diese Reserven sind, kann kaum verlässlich eingeschätzt werden. Viele Opec-Mitglieder lassen unabhängige Experten gar nicht ins Land. Es sind ihre Regierungen und ihre Ölgesellschaften, die Informationen über ihre Vorräte verbreiten. Wie gross die weltweiten Reserven sind, ist entscheidend für die Entwicklung des Ölpreises. (vin)
Freitag, Dezember 04, 2009
TA: Bushs Leute sind wieder im Irak
Tages Anzeiger Online
Bushs Leute sind wieder im Irak
Aktualisiert am 10.11.2009
Im Irak engagieren sich Leute aus der vergangenen US-Administration. Das nährt das Misstrauen über die wahren Kriegsgründe.
Einst führende Vertreter der Bush-Adminstration, die im Irak tätig waren, versuchen in diesem Land wirtschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Die «Financial Times» nennt Zalmay Khalilzad, der unter Bush als Botschafter der USA in Baghdad stationiert war und den pensionierten General Jay Garner. Letzterer war als erster US-Zivilverwalter des Irak praktisch Gouverneur des Landes.
Das Unternehmen «Khalilzad Associates» des einstigen US-Botschafters hat im laufenden Jahr bereits Büros in Baghdad und in....
Tages Anzeiger Online
Bushs Leute sind wieder im Irak
Aktualisiert am 10.11.2009
Im Irak engagieren sich Leute aus der vergangenen US-Administration. Das nährt das Misstrauen über die wahren Kriegsgründe.
Einst führende Vertreter der Bush-Adminstration, die im Irak tätig waren, versuchen in diesem Land wirtschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Die «Financial Times» nennt Zalmay Khalilzad, der unter Bush als Botschafter der USA in Baghdad stationiert war und den pensionierten General Jay Garner. Letzterer war als erster US-Zivilverwalter des Irak praktisch Gouverneur des Landes.
Das Unternehmen «Khalilzad Associates» des einstigen US-Botschafters hat im laufenden Jahr bereits Büros in Baghdad und in der kurdischen Stadt Erbil im Norden des Irak eröffnet. Jay Garner sass vor zwei Jahren im Verwaltungsrat der kanadischen Ölfrima «Vast Exploration», als diese sich einen Anteil von 37 Prozent an einer kurdischen Ölförderanlage sicherte. Auch heute steht Garner dem Unternehmen noch als Berater zur Seite.
Einst grosse Macht ausgeübt
Wie die «Financial Times» schreibt, sind die beiden nur die bekanntesten Beispiele. Auch eine ganze Reihe weiterer einstiger Militärs oder Diplomaten aus der Zeit des Krieges im Irak sind gemäss dem Bericht entweder mit einem eigenen Business oder als Berater internationaler Konzerne in diesem Land.
Dieses Engagement ist nicht unproblematisch. Vor allem in der arabischen Welt sind noch immer viele überzeugt, der Bush-Administration sei es mit dem Krieg vor allem darum gegangen, der US-Wirtschaft die Kontrolle über die irakischen Ölvorkommen zu sichern. Immerhin würden nun ausgerechnet jene im Irak ins Business einsteigen, die in diesem Land einst grosse Macht ausgeübt haben. Das kritisierte die Leiterin einer US-Nichtregierungsorganisation gegenüber der britischen Finanzzeitung. Das sorge an sich für Misstrauen, selbst wenn es nicht gerechtfertigt wäre. (mdm)
Bushs Leute sind wieder im Irak
Aktualisiert am 10.11.2009
Im Irak engagieren sich Leute aus der vergangenen US-Administration. Das nährt das Misstrauen über die wahren Kriegsgründe.
Einst führende Vertreter der Bush-Adminstration, die im Irak tätig waren, versuchen in diesem Land wirtschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Die «Financial Times» nennt Zalmay Khalilzad, der unter Bush als Botschafter der USA in Baghdad stationiert war und den pensionierten General Jay Garner. Letzterer war als erster US-Zivilverwalter des Irak praktisch Gouverneur des Landes.
Das Unternehmen «Khalilzad Associates» des einstigen US-Botschafters hat im laufenden Jahr bereits Büros in Baghdad und in....
Tages Anzeiger Online
Bushs Leute sind wieder im Irak
Aktualisiert am 10.11.2009
Im Irak engagieren sich Leute aus der vergangenen US-Administration. Das nährt das Misstrauen über die wahren Kriegsgründe.
Einst führende Vertreter der Bush-Adminstration, die im Irak tätig waren, versuchen in diesem Land wirtschaftlichen Einfluss zu gewinnen. Die «Financial Times» nennt Zalmay Khalilzad, der unter Bush als Botschafter der USA in Baghdad stationiert war und den pensionierten General Jay Garner. Letzterer war als erster US-Zivilverwalter des Irak praktisch Gouverneur des Landes.
Das Unternehmen «Khalilzad Associates» des einstigen US-Botschafters hat im laufenden Jahr bereits Büros in Baghdad und in der kurdischen Stadt Erbil im Norden des Irak eröffnet. Jay Garner sass vor zwei Jahren im Verwaltungsrat der kanadischen Ölfrima «Vast Exploration», als diese sich einen Anteil von 37 Prozent an einer kurdischen Ölförderanlage sicherte. Auch heute steht Garner dem Unternehmen noch als Berater zur Seite.
Einst grosse Macht ausgeübt
Wie die «Financial Times» schreibt, sind die beiden nur die bekanntesten Beispiele. Auch eine ganze Reihe weiterer einstiger Militärs oder Diplomaten aus der Zeit des Krieges im Irak sind gemäss dem Bericht entweder mit einem eigenen Business oder als Berater internationaler Konzerne in diesem Land.
Dieses Engagement ist nicht unproblematisch. Vor allem in der arabischen Welt sind noch immer viele überzeugt, der Bush-Administration sei es mit dem Krieg vor allem darum gegangen, der US-Wirtschaft die Kontrolle über die irakischen Ölvorkommen zu sichern. Immerhin würden nun ausgerechnet jene im Irak ins Business einsteigen, die in diesem Land einst grosse Macht ausgeübt haben. Das kritisierte die Leiterin einer US-Nichtregierungsorganisation gegenüber der britischen Finanzzeitung. Das sorge an sich für Misstrauen, selbst wenn es nicht gerechtfertigt wäre. (mdm)
Donnerstag, Dezember 03, 2009
NZZ: 26 Billionen Dollar zur Stillung des Energiehungers
NZZ
10. November 2009, 14:18, NZZ Online
26 Billionen Dollar zur Stillung des Energiehungers
Wegen der Wirtschaftskrise ist der Energieverbrauch weltweit zurückgegangen. In Zukunft wird er aber wieder stark zunehmen, wenn nicht radikale Gegenmassnahmen ergriffen werden. Diese werden von der Internationalen Energieagentur IEA wegen des Klimawandels als extrem dringlich bezeichnet.
Zum ersten Mal seit dem Jahr 1981 ist der Energieverbrauch weltweit innerhalb eines Jahres zurückgegangen, und zwar um etwa 2 Prozent. Dies schreibt die Internationale Energieagentur IEA in ihrem diesjährigen «World Energy Outlook». Die globale Wirtschaftskrise hat die Nebenwirkung, den Anstieg des Verbrauchs vor allem der fossilen Energieträger vorübergehend zu stoppen.
Der nächste Wirtschaftsaufschwung werde aber unweigerlich dazu führen,.....
NZZ
10. November 2009, 14:18, NZZ Online
26 Billionen Dollar zur Stillung des Energiehungers
Wegen der Wirtschaftskrise ist der Energieverbrauch weltweit zurückgegangen. In Zukunft wird er aber wieder stark zunehmen, wenn nicht radikale Gegenmassnahmen ergriffen werden. Diese werden von der Internationalen Energieagentur IEA wegen des Klimawandels als extrem dringlich bezeichnet.
Zum ersten Mal seit dem Jahr 1981 ist der Energieverbrauch weltweit innerhalb eines Jahres zurückgegangen, und zwar um etwa 2 Prozent. Dies schreibt die Internationale Energieagentur IEA in ihrem diesjährigen «World Energy Outlook». Die globale Wirtschaftskrise hat die Nebenwirkung, den Anstieg des Verbrauchs vor allem der fossilen Energieträger vorübergehend zu stoppen.
Der nächste Wirtschaftsaufschwung werde aber unweigerlich dazu führen, dass der Hunger nach Energie wieder zunehmen wird: Die IEA geht dabei davon aus, dass allein in den kommenden fünf Jahren mit einem Anstieg des Verbrauchs von 2,5 Prozent pro Jahr zu rechnen sein wird, wenn die bestehende Energiepolitik nicht starke bis radikale Veränderungen erfährt.
Falls nicht, könnte dies dazu führen, dass sich die Industriestaaten in den kommenden 20 Jahren auf eine Verdoppelung der Energieausgaben einstellen müssten. Denn zusätzlich werden nach Ansicht der IEA auch noch die Folgekosten der Klimaerwärmung zu berappen sein, wenn es nicht gelinge, vom teuren und umweltschädlichen Erdöl wegzukommen.
Ölverbrauch steigt noch bis 2030
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt rechnet die IEA mit einer Zunahme des Ölverbrauchs noch bis zum Jahre 2030 auf dann 105 Millionen Barrel pro Tag (zum Vergleich: 2008 waren es 85 Millionen Barrel). Diese Zahl ist nach Ansicht von Experten aber höher als die dann überhaupt noch mögliche Produktion, was allein den Druck auf eine Senkung der Öl-Nachfrage stark erhöhen wird.
Verdoppelung der Energieausgaben
Was den Ölpreis angeht, wird mit einem Anstieg auf 100 Dollar pro Fass bis 2015 gerechnet, bis 2030 wird dann ein Anstieg auf sogar 190 Dollar prognostiziert. Dies würde allein in der EU bedeuten, dass sich die Energieausgaben in den nächsten 20 Jahren verdoppeln werden. Im Sommer 2008 war der Fass-Preis auf den bisherigen Rekordstand von über 147 Dollar gestiegen. Gegenwärtig wird das Fass auf den Rohwarenmärkten für rund 75 Dollar gehandelt.
China wird zum grössten Verbraucher
Die Experten der IEA sagen auch eine stärkere Bedeutung des Energieträgers Gas voraus.Trotz den gegenwärtigen Überkapazitäten und dem weiteren Ausbau der Erdgas-Förderung werde es aber in der Zukunft zu Engpässen kommen. Die Welt würde bis 2030 im Prinzip «vier neue Russlands» benötigen, um den Bedarf zu decken. Der grösste Energieverbraucher bleiben gemäss IEA zunächst die USA, diese werden aber bis 2025 von China abgelöst. Die heutige zweitgrösste Wirtschaftsmacht Japan dürfte bereits 2020 von Indien überholt werden.
Enorme Herausforderung
Umfang und Ausmass der Herausforderung durch den Energiehunger der Welt seien enorm und wesentlich grösser als den meisten Menschen bewusst, schreibt die IEA. Indem die Rezession den Anstieg der Treibhausemissionen bremste, biete sie eine einmalige Chance, Massnahmen gegen den weiteren Anstieg des CO2-Ausstosses zu ergreifen. Andererseits seien aber wegen der Krise die Investitionen im Energiesektor um fast 20 Prozent eingebrochen, was dieses Ziel umgekehrt wieder gefährde.
Riesiger Investitionsbedarf
Um den Bedarf an Energie weltweit zu decken, seien bis 2030 aber Investitionen in der Höhe von nicht weniger als 26 Billionen Dollar vonnöten. Sollte sich die Staaten am Weltklimagipfel in Kopenhagen zu dem Ziel verpflichten, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf 450 Teile pro Million CO2-Äquivalente zu begrenzen («450-Szenario»), wären noch einmal 10,5 Billionen Dollar nötig. Nur damit sei ein Anstieg der globalen Temperatur auf 2 Grad zu begrenzen. An die Adresse der westlichen Industriestaaten ergeht die Aufforderung, den Entwicklungsländern dafür zusätzliche finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen.
Besonders stark steigen werde im kommenden Wirtschaftsaufschwung der Energieverbrauch ausserhalb der traditionellen Industriestaaten, nämlich in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens. Bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen Energiekurses würde dabei die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern noch zunehmen. Die IEA ruft deshalb alle Staaten und Regierung dazu auf, den Umbau des Energiesektors im Interesse des ganzen Planeten voranzutreiben.
10. November 2009, 14:18, NZZ Online
26 Billionen Dollar zur Stillung des Energiehungers
Wegen der Wirtschaftskrise ist der Energieverbrauch weltweit zurückgegangen. In Zukunft wird er aber wieder stark zunehmen, wenn nicht radikale Gegenmassnahmen ergriffen werden. Diese werden von der Internationalen Energieagentur IEA wegen des Klimawandels als extrem dringlich bezeichnet.
Zum ersten Mal seit dem Jahr 1981 ist der Energieverbrauch weltweit innerhalb eines Jahres zurückgegangen, und zwar um etwa 2 Prozent. Dies schreibt die Internationale Energieagentur IEA in ihrem diesjährigen «World Energy Outlook». Die globale Wirtschaftskrise hat die Nebenwirkung, den Anstieg des Verbrauchs vor allem der fossilen Energieträger vorübergehend zu stoppen.
Der nächste Wirtschaftsaufschwung werde aber unweigerlich dazu führen,.....
NZZ
10. November 2009, 14:18, NZZ Online
26 Billionen Dollar zur Stillung des Energiehungers
Wegen der Wirtschaftskrise ist der Energieverbrauch weltweit zurückgegangen. In Zukunft wird er aber wieder stark zunehmen, wenn nicht radikale Gegenmassnahmen ergriffen werden. Diese werden von der Internationalen Energieagentur IEA wegen des Klimawandels als extrem dringlich bezeichnet.
Zum ersten Mal seit dem Jahr 1981 ist der Energieverbrauch weltweit innerhalb eines Jahres zurückgegangen, und zwar um etwa 2 Prozent. Dies schreibt die Internationale Energieagentur IEA in ihrem diesjährigen «World Energy Outlook». Die globale Wirtschaftskrise hat die Nebenwirkung, den Anstieg des Verbrauchs vor allem der fossilen Energieträger vorübergehend zu stoppen.
Der nächste Wirtschaftsaufschwung werde aber unweigerlich dazu führen, dass der Hunger nach Energie wieder zunehmen wird: Die IEA geht dabei davon aus, dass allein in den kommenden fünf Jahren mit einem Anstieg des Verbrauchs von 2,5 Prozent pro Jahr zu rechnen sein wird, wenn die bestehende Energiepolitik nicht starke bis radikale Veränderungen erfährt.
Falls nicht, könnte dies dazu führen, dass sich die Industriestaaten in den kommenden 20 Jahren auf eine Verdoppelung der Energieausgaben einstellen müssten. Denn zusätzlich werden nach Ansicht der IEA auch noch die Folgekosten der Klimaerwärmung zu berappen sein, wenn es nicht gelinge, vom teuren und umweltschädlichen Erdöl wegzukommen.
Ölverbrauch steigt noch bis 2030
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt rechnet die IEA mit einer Zunahme des Ölverbrauchs noch bis zum Jahre 2030 auf dann 105 Millionen Barrel pro Tag (zum Vergleich: 2008 waren es 85 Millionen Barrel). Diese Zahl ist nach Ansicht von Experten aber höher als die dann überhaupt noch mögliche Produktion, was allein den Druck auf eine Senkung der Öl-Nachfrage stark erhöhen wird.
Verdoppelung der Energieausgaben
Was den Ölpreis angeht, wird mit einem Anstieg auf 100 Dollar pro Fass bis 2015 gerechnet, bis 2030 wird dann ein Anstieg auf sogar 190 Dollar prognostiziert. Dies würde allein in der EU bedeuten, dass sich die Energieausgaben in den nächsten 20 Jahren verdoppeln werden. Im Sommer 2008 war der Fass-Preis auf den bisherigen Rekordstand von über 147 Dollar gestiegen. Gegenwärtig wird das Fass auf den Rohwarenmärkten für rund 75 Dollar gehandelt.
China wird zum grössten Verbraucher
Die Experten der IEA sagen auch eine stärkere Bedeutung des Energieträgers Gas voraus.Trotz den gegenwärtigen Überkapazitäten und dem weiteren Ausbau der Erdgas-Förderung werde es aber in der Zukunft zu Engpässen kommen. Die Welt würde bis 2030 im Prinzip «vier neue Russlands» benötigen, um den Bedarf zu decken. Der grösste Energieverbraucher bleiben gemäss IEA zunächst die USA, diese werden aber bis 2025 von China abgelöst. Die heutige zweitgrösste Wirtschaftsmacht Japan dürfte bereits 2020 von Indien überholt werden.
Enorme Herausforderung
Umfang und Ausmass der Herausforderung durch den Energiehunger der Welt seien enorm und wesentlich grösser als den meisten Menschen bewusst, schreibt die IEA. Indem die Rezession den Anstieg der Treibhausemissionen bremste, biete sie eine einmalige Chance, Massnahmen gegen den weiteren Anstieg des CO2-Ausstosses zu ergreifen. Andererseits seien aber wegen der Krise die Investitionen im Energiesektor um fast 20 Prozent eingebrochen, was dieses Ziel umgekehrt wieder gefährde.
Riesiger Investitionsbedarf
Um den Bedarf an Energie weltweit zu decken, seien bis 2030 aber Investitionen in der Höhe von nicht weniger als 26 Billionen Dollar vonnöten. Sollte sich die Staaten am Weltklimagipfel in Kopenhagen zu dem Ziel verpflichten, die CO2-Konzentration in der Atmosphäre auf 450 Teile pro Million CO2-Äquivalente zu begrenzen («450-Szenario»), wären noch einmal 10,5 Billionen Dollar nötig. Nur damit sei ein Anstieg der globalen Temperatur auf 2 Grad zu begrenzen. An die Adresse der westlichen Industriestaaten ergeht die Aufforderung, den Entwicklungsländern dafür zusätzliche finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen.
Besonders stark steigen werde im kommenden Wirtschaftsaufschwung der Energieverbrauch ausserhalb der traditionellen Industriestaaten, nämlich in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens. Bei einer Fortsetzung der gegenwärtigen Energiekurses würde dabei die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern noch zunehmen. Die IEA ruft deshalb alle Staaten und Regierung dazu auf, den Umbau des Energiesektors im Interesse des ganzen Planeten voranzutreiben.
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Dienstag, November 03, 2009
NZZ: Drogenkrieg in Mexico - «Fürchte den Tod nicht»
2. November 2009, Neue Zürcher Zeitung
«Fürchte den Tod nicht»
Der «Drogenkrieg» in Mexiko wird befeuert durch eine Kultur des schnellen Geldes und des Draufgängertums
Der «Drogenkrieg», der in Mexiko seit einigen Jahren tobt, ist mehr als ein Kräftemessen zwischen dem Staat und den Kartellen. Er ist Blüte einer Kultur der Aussenseiter und Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Krise.
Alex Gertschen berichtet für die NZZ regelmässig aus Mexiko.
Apatzingán ist eine mexikanische Kleinstadt wie viele andere. Das Leben gehorcht dem trägen Rhythmus, den die brennende Sonne zulässt. Selbst in der zu Ende gehenden Regenzeit kühlt sich die Luft tagsüber nur unmerklich ab, weshalb das Gebiet, dessen Zentrum Apatzingán ist, Tierra Caliente genannt wird: heisses Land. Erst die frische, von der Sierra Madre hinunter wehende Abendluft bringt Leben ins Städtchen. Protzige amerikanische Grossraumwagen halten Einzug und drehen um den Hauptplatz herum gemächlich ihre Runden. Glänzend polierte Pick-ups folgen, aus deren aufgepflanzten Lautsprechern «música norteña» schallt. Apatzingán, im Gliedstaat Michoacán gelegen, gehört nicht zum Norden Mexikos, doch der...
2. November 2009, Neue Zürcher Zeitung
«Fürchte den Tod nicht»
Der «Drogenkrieg» in Mexiko wird befeuert durch eine Kultur des schnellen Geldes und des Draufgängertums
Der «Drogenkrieg», der in Mexiko seit einigen Jahren tobt, ist mehr als ein Kräftemessen zwischen dem Staat und den Kartellen. Er ist Blüte einer Kultur der Aussenseiter und Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Krise.
Alex Gertschen berichtet für die NZZ regelmässig aus Mexiko.
Apatzingán ist eine mexikanische Kleinstadt wie viele andere. Das Leben gehorcht dem trägen Rhythmus, den die brennende Sonne zulässt. Selbst in der zu Ende gehenden Regenzeit kühlt sich die Luft tagsüber nur unmerklich ab, weshalb das Gebiet, dessen Zentrum Apatzingán ist, Tierra Caliente genannt wird: heisses Land. Erst die frische, von der Sierra Madre hinunter wehende Abendluft bringt Leben ins Städtchen. Protzige amerikanische Grossraumwagen halten Einzug und drehen um den Hauptplatz herum gemächlich ihre Runden. Glänzend polierte Pick-ups folgen, aus deren aufgepflanzten Lautsprechern «música norteña» schallt. Apatzingán, im Gliedstaat Michoacán gelegen, gehört nicht zum Norden Mexikos, doch der dort geborene Musikstil ist im ganzen Land beliebt, insbesondere in Milieus, wo auch der Drogenhandel beheimatet ist.
Die Mädchen wollen einen «narco»
Drogenhandel heisst auf Spanisch «narcotráfico». Ein «narco» ist ein Mann, der im weitesten Sinne mit Drogen Geld verdient – ein Schmuggler, ein Berufsmörder, ein Informant, ein korrupter Polizist in Diensten eines Kartells. Frauen tauchen in der machistischen Welt des Drogenhandels selten auf. Im Gegensatz zu den Konsumländern, wo das «Drogenmilieu» sich auf die Verbraucher bezieht, sind in Mexiko die Träger der «narcocultura» und die Helden des «narcocorrido» (Drogenballade) auf der anderen Seite der Produktionskette zu finden. Während in Europa oder den USA die Drogenkultur negativ konnotiert ist, sind die «narcos» in gewissen Teilen Mexikos zu gesellschaftlichen Idolen geworden.
Am Autokorso in Apatzingán lässt sich unschwer erkennen, weshalb dem so ist. Nur ein «narco» kann sich eine dieser Nobelkarossen leisten, die im ärmlichen Nest wie von einem anderen Stern wirken. Pfarrer Andrés Larios sagt, noch vor fünfzehn Jahren sei es beschämend gewesen, wenn der eigene Vater sein Geld mit Drogen verdient habe. «Heute erfüllt es die Kinder mit Stolz. Und die Mädchen wollen natürlich mit einem Burschen aus einer-Familie ausgehen, weil der viel Geld hat.» Der 34-jährige Larios stammt aus dem nahe gelegenen Dorf Tepacaltepec. Jedes Kind der Tierra Caliente wächst wenn nicht im, so neben dem Drogenhandel auf. Marihuana wird in der abgeschiedenen Gegend seit Jahrzehnten angebaut.
Der Anthropologe Carlos Tapia sagt, der Drogenhandel sei historisch die zweite Antwort auf die bittere Armut in der Region gewesen. In den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts hätten die ersten grossen Auswanderungen in die USA stattgefunden. Zurückgeflossen seien nicht nur Rimessen, sondern auch das Wissen von der dortigen Drogennachfrage. Neben Migrations- hätten sich Drogenhandels-Netzwerke etabliert. «Eine Frage von Recht und Unrecht war der Drogenhandel jedoch nie», sagt Tapia. Er sei eine Frage des Überlebens gewesen.
Einen auf dicke Hose machen
Eine Frage des Überlebens ist das Geschäft auch heute noch. Als Präsident Calderón im Dezember 2006 die Bekämpfung der sieben grossen Kartelle aufnahm, setzte er zugleich zwischen und innerhalb von diesen einen Konflikt um die nun in Bewegung geratene Transitlandschaft frei. Wurde ein Capo festgenommen, witterten eine Vielzahl von Untergebenen ihre Chance auf den Platz an der Sonne, ganz zu schweigen von den rivalisierenden Kartellen. Seither ergiesst sich eine Kaskade von Mord und Totschlag über Mexiko, die über 12 000 Menschenleben mit sich gerissen hat. Im Rückblick waren die ersten Enthauptungen und andere Verstümmelungen im Sommer und Herbst 2006 blosse Vorboten der Gewaltorgie.
Pfarrer Larios schüttelt den Kopf und sagt mit traurigen Augen, der Mord an einem Menschen empöre niemanden mehr. «Wir haben uns ans Blut gewöhnt. Menschen werden wie Tiere geschlachtet.» Die Leichtigkeit des Tötens und Sterbens besingt die Band Los Tucanes de Tijuana in einer ihrer Drogenballaden: «Fürchte den Tod nicht // Er ist nichts als natürlich // Wir werden geboren, um zu sterben // Und auch um zu töten // Sagt bloss nicht // Ihr hättet noch nie ein Tier getötet.»
Isaac Reyes arbeitet seit über zwanzig Jahren als Journalist in Michoacán. Er beschreibt die Tierra Caliente als raue Gegend, in der ein Menschenleben schon immer unsicher gewesen, der Finger stets rasch am Abzug ist. Eine Waffe trägt hier jeder, der sich als ganzer Mann sieht. Nur wenn es darum gehe, die Waffe ins Festzelt zu schmuggeln, werde sie kurz der weiblichen Begleitung abgegeben, sagt Reyes. Denn wie beim Autokorso geht es im Festzelt ums Prahlen, sei es mit dem brillantbestückten Revolver (den haben nur die ganz grossen «Arschlöcher», wie sie in der Tierra Caliente anerkennend gerufen werden), sei es mit der schweren goldenen Halskette oder der hübschen jungen Dame an der Seite.
Auch Mörder haben Werte
Diese Kultur der Aufschneider ist eine Kultur der schnellen Aufsteiger. In seiner wissenschaftlichen Arbeit über die Institutionalisierung der «narcocultura» im Gliedstaat Sinaloa beschreibt Alan Sánchez, wie diese Kultur in einer marginalisierten ländlichen Gegend entstanden und von den verwahrlosten Massen in den Städten angenommen worden ist. Als die neureichen Landeier, und das waren die «narcos» bis dahin fast ausschliesslich, in den siebziger Jahren in der Hauptstadt Culiacán aufgetaucht seien, habe die breite Bevölkerung sie wie «Heilande» wahrgenommen. Indem die «einfachen Leute» Werte und Bräuche der «narcos» übernahmen, befreiten sie sich zumindest symbolisch von ihrem trostlosen Schicksal.
Die Idee, dass der Drogenhandel eine soziale Verpflichtung hat, ist seither integraler Bestandteil der «narcocultura» geworden. Aus diesem Antrieb und aus kaltem Kalkül sind Drogengelder in den Bau von Strassen, Schulen oder Bewässerungsanlagen geflossen; für die berüchtigten Spenden an die Kirche hat sich der sonderbare Begriff der «narcolimosnas» (Drogenalmosen) eingebürgert. Als Andrés Larios in seiner ersten Pfarrei unweit von Apatzingán eines Sonntags den Drogenhandel geisselte, mahnten ihn einige Kirchengänger nach der Messe, er solle über alles Mögliche, nur nicht darüber sprechen. «Das ganze Dorf ist im Geschäft. Wir geben den Leuten Arbeit», sagten sie stolz. Wegen massiver Drohungen verliess Larios schliesslich die Pfarrei.
Der «Drogenkrieg» ist also nicht Abbild einer entmenschlichten oder nihilistischen Welt. Der Boden, auf dem er tobt, ist durchtränkt von Werten. Apatzingán ist die Hochburg eines Kartells, das sich «La Familia Michoacana» nennt. Einer seiner zwei Capos hat für seine Anhänger eine religiöse Heilsschrift verfasst, die auf Kongressen oder in Drogenentzugskliniken verbreitet wird. Seither behaupten die Mörder der Familia auf beschrifteten Leinentüchern, die sie neben ihren geköpften Opfern hinterlassen, ihr Werk diene der «göttlichen Gerechtigkeit».
Der Intellektuelle Sealtiel Alatriste, Kulturbeauftragter der Nationalen Autonomen Universität, spricht von einer Perversion der Werte, deren Ausgangspunkt sei, dass niemand das Geschäft lebend verlassen könne. «Der betet zu seinem Schutzheiligen, damit er ihm und nicht dem Feind beisteht. Denn entweder stirbt jener oder er.» Weshalb sich aber dem tödlichen Spiel überhaupt aussetzen? Alatriste sagt, in Mexiko werde wie in der übrigen Welt das Materielle zunehmend über alle anderen Werte erhöht. Obwohl in der Tierra Caliente niemand an Hunger stirbt, hat Pfarrer Larios beobachtet, «dass die Menschen heute mehr Angst vor der Armut als vor dem Tod haben». Die «narcos» lebten lieber ein Jahr in Saus und Braus als mit dreissig, vierzig in der Misere.
Der teuflische Pakt
Diese Logik treibt den mörderischen Wettbewerb an, der Mexiko seit fast drei Jahren in Atem hält. Präsident Calderón hat ihn nur auf den ersten Blick in Gang gesetzt. Seine Vorgänger hatten den Drogenhandel verwaltet. Indem sie den Kartellen bestimmte Territorien zuteilten, konnten diese unter Wahrung der öffentlichen Ordnung ihren Geschäften nachgehen. Weil der Partido Revolucionario Institucional (PRI) während seiner sieben Jahrzehnte dauernden Herrschaft zu ihrem blossem Instrument degeneriert war, fiel es ihm nicht schwer, das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit dem teuflischen Pakt zu opfern. Solange in Mexiko die Demokratie nichts weiter als eine schöne Idee war, blieb der PRI im Gewande des Staates am längeren Hebel, konnte er den Luzifer in Schach halten.
In den neunziger Jahren begannen sich die Gewichte zu verschieben. Die parteipolitische Pluralisierung brach die Alleinherrschaft des PRI und damit das Rückgrat des an sich schwachen Staates. Der Kokainhandel fiel in mexikanische Hände, weil die Kartelle aus Medellín und Cali unter dem Sperrfeuer der Regierungen Kolumbiens und Amerikas zusammenbrachen. Während die fragile mexikanische Demokratie erste Wurzeln schlug, erwuchs ihr ein Feind, der sich an den Milliarden des wachsenden Drogengeschäfts nährte und in den benachbarten USA mit furchterregendem Kriegsmaterial eindeckte. Als Calderón den «Drogenkrieg» ausrief, hatte der Staat die Kontrolle über das organisierte Verbrechen längst verloren.
Für Herminio Sánchez de la Barquera ist der «Drogenkrieg» Ausdruck einer Krise, die über das Kräftemessen zwischen Staat und Kartellen hinausgeht. Der in Heidelberg promovierte und an der Universität Vasco de Quiroga in Michoacán lehrende Politologe fasst den Konflikt als «Lektion» auf. «Wir erleben, was passieren kann, wenn ein Volk zu einer funktionierenden Gesellschaft unfähig ist.» Der in Puebla und Mexiko-Stadt wirkende Bischof Juan de Palafox y Mendoza habe im 17. Jahrhundert festgestellt, dass sich der Mexikaner zuerst um seine eigene Person, dann um seine Familie und gegebenenfalls um seine Freunde kümmere. Das sei heute noch genau gleich, ereifert sich der sonst zurückhaltende, feingliedrige Sánchez de la Barquera.
Der Umwelt verschlossen
Von der Schwierigkeit seiner Landsleute, nicht nur eine Ansammlung von Individuen, sondern eine lebendige (Bürger-)Gesellschaft zu sein, schrieb der Literaturnobelpreisträger Octavio Paz 1950 in seinem Essay «Das Labyrinth der Einsamkeit». Der Mexikaner lasse sich im Zweifel in die Knie zwingen und demütigen, aber er lasse keinen Blick in sein Inneres zu. Er sei verschlossen, um sich vor seiner Umwelt zu schützen, die er instinktiv als gefährlich wahrnehme. Angesichts der Geschichte und der «Gesellschaft, die wir geschaffen haben», sei dies auch legitim.
In der starken Hand eines Kartells oder eines autoritären Staates, und ein solcher war der mexikanische bis vor kurzem, wird ein Kollektiv von misstrauischen, sich einkapselnden Individuen zur fügsamen Masse. Was dem Staat der Nationalismus, ist dem Drogenhandel die «narcocultura», ein Mittel zur Herrschaftslegitimierung. Doch weil der mexikanische Nationalismus sich über die Kultur definiert, haben die Mexikaner kein Problem, ihren zuweilen überbordenden Nationalstolz und ihre tiefe Verachtung für alle Staatlichkeit in Einklang zu bringen. Der mexikanische Rechtsstaat steht im Ruf, ein Unrechtsstaat zu sein.
Die «narcos» haben sich dessen immer wieder geschickt bedient. Ein Teil ihrer Popularität beruht geradezu auf dem Widerstand gegen den Staat. Der Bauer Jesús Malverde, der um die vorletzte Jahrhundertwende in Sinaloa lebte, erlangte Berühmtheit und Beliebtheit, weil er von den Reichen gestohlen und den Armen gegeben haben soll. Nachdem er 1909 auf Anordnung des Gouverneurs gehängt worden war, wurde er zum «Heiligen der Armen». Die von der Sierra hinabgestiegenen Drogenbosse errichteten ihm 1979 in Culiacán eine Kapelle und erhoben ihn zu ihrem eigenen Schutzheiligen.
Katz und Maus
Die Lebenswelt Malverdes, in welcher dem Staat die Rolle des fremdelnden Bösewichts zukommt, findet sich in Apatzingán wieder. Während des Autokorsos lassen sich nur Gemeindepolizisten blicken. Die sind sowieso gekauft oder ausreichend eingeschüchtert. Armee und Bundespolizei haben ihre Lager vor der Stadt aufgeschlagen. Bleibt die Katz vor dem Haus, tanzt die Maus. Anfang August betrat die Bundespolizei «das Haus». Während einer Messe stürmte sie die Kapelle Perpetuo Socorro und nahm mehrere Mitglieder der Familia Michoacana fest. Pfarrer Larios hätte die Messe halten sollen, steckte aber unterwegs fest. Ihn traf fast der Schlag, als er von der Stürmung vernahm. «Niemand darf bewaffnet einen geweihten Ort betreten. Das war ein Sakrileg», sagt er empört.
Jeder Mexikaner, der wie Larios noch nicht dem Zynismus anheimgefallen ist, verspricht dem Land eine bessere Zukunft. Wann wird sie eintreten? Dies hänge nicht nur von Mexiko ab, findet Sealtiel Alatriste. Der «Drogenkrieg» sei Folge globaler Probleme wie der Drogennachfrage, des Angebots an Waffen oder der schwindenden Aussicht auf einen ehrenwerten Broterwerb. Herminio Sánchez de la Barquera stimmt zu und wendet ein, genau deshalb müsse Mexiko seine politische Kultur ändern. Die Bildung von Bürgersinn und Eigenverantwortung werde Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Pfarrer Andrés Larios macht einen Anfang und redet auch am folgenden Sonntag gegen den Drogenhandel an. Er weiss, dass ihn dies das Leben kosten könnte.
«Fürchte den Tod nicht»
Der «Drogenkrieg» in Mexiko wird befeuert durch eine Kultur des schnellen Geldes und des Draufgängertums
Der «Drogenkrieg», der in Mexiko seit einigen Jahren tobt, ist mehr als ein Kräftemessen zwischen dem Staat und den Kartellen. Er ist Blüte einer Kultur der Aussenseiter und Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Krise.
Alex Gertschen berichtet für die NZZ regelmässig aus Mexiko.
Apatzingán ist eine mexikanische Kleinstadt wie viele andere. Das Leben gehorcht dem trägen Rhythmus, den die brennende Sonne zulässt. Selbst in der zu Ende gehenden Regenzeit kühlt sich die Luft tagsüber nur unmerklich ab, weshalb das Gebiet, dessen Zentrum Apatzingán ist, Tierra Caliente genannt wird: heisses Land. Erst die frische, von der Sierra Madre hinunter wehende Abendluft bringt Leben ins Städtchen. Protzige amerikanische Grossraumwagen halten Einzug und drehen um den Hauptplatz herum gemächlich ihre Runden. Glänzend polierte Pick-ups folgen, aus deren aufgepflanzten Lautsprechern «música norteña» schallt. Apatzingán, im Gliedstaat Michoacán gelegen, gehört nicht zum Norden Mexikos, doch der...
2. November 2009, Neue Zürcher Zeitung
«Fürchte den Tod nicht»
Der «Drogenkrieg» in Mexiko wird befeuert durch eine Kultur des schnellen Geldes und des Draufgängertums
Der «Drogenkrieg», der in Mexiko seit einigen Jahren tobt, ist mehr als ein Kräftemessen zwischen dem Staat und den Kartellen. Er ist Blüte einer Kultur der Aussenseiter und Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Krise.
Alex Gertschen berichtet für die NZZ regelmässig aus Mexiko.
Apatzingán ist eine mexikanische Kleinstadt wie viele andere. Das Leben gehorcht dem trägen Rhythmus, den die brennende Sonne zulässt. Selbst in der zu Ende gehenden Regenzeit kühlt sich die Luft tagsüber nur unmerklich ab, weshalb das Gebiet, dessen Zentrum Apatzingán ist, Tierra Caliente genannt wird: heisses Land. Erst die frische, von der Sierra Madre hinunter wehende Abendluft bringt Leben ins Städtchen. Protzige amerikanische Grossraumwagen halten Einzug und drehen um den Hauptplatz herum gemächlich ihre Runden. Glänzend polierte Pick-ups folgen, aus deren aufgepflanzten Lautsprechern «música norteña» schallt. Apatzingán, im Gliedstaat Michoacán gelegen, gehört nicht zum Norden Mexikos, doch der dort geborene Musikstil ist im ganzen Land beliebt, insbesondere in Milieus, wo auch der Drogenhandel beheimatet ist.
Die Mädchen wollen einen «narco»
Drogenhandel heisst auf Spanisch «narcotráfico». Ein «narco» ist ein Mann, der im weitesten Sinne mit Drogen Geld verdient – ein Schmuggler, ein Berufsmörder, ein Informant, ein korrupter Polizist in Diensten eines Kartells. Frauen tauchen in der machistischen Welt des Drogenhandels selten auf. Im Gegensatz zu den Konsumländern, wo das «Drogenmilieu» sich auf die Verbraucher bezieht, sind in Mexiko die Träger der «narcocultura» und die Helden des «narcocorrido» (Drogenballade) auf der anderen Seite der Produktionskette zu finden. Während in Europa oder den USA die Drogenkultur negativ konnotiert ist, sind die «narcos» in gewissen Teilen Mexikos zu gesellschaftlichen Idolen geworden.
Am Autokorso in Apatzingán lässt sich unschwer erkennen, weshalb dem so ist. Nur ein «narco» kann sich eine dieser Nobelkarossen leisten, die im ärmlichen Nest wie von einem anderen Stern wirken. Pfarrer Andrés Larios sagt, noch vor fünfzehn Jahren sei es beschämend gewesen, wenn der eigene Vater sein Geld mit Drogen verdient habe. «Heute erfüllt es die Kinder mit Stolz. Und die Mädchen wollen natürlich mit einem Burschen aus einer
Der Anthropologe Carlos Tapia sagt, der Drogenhandel sei historisch die zweite Antwort auf die bittere Armut in der Region gewesen. In den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts hätten die ersten grossen Auswanderungen in die USA stattgefunden. Zurückgeflossen seien nicht nur Rimessen, sondern auch das Wissen von der dortigen Drogennachfrage. Neben Migrations- hätten sich Drogenhandels-Netzwerke etabliert. «Eine Frage von Recht und Unrecht war der Drogenhandel jedoch nie», sagt Tapia. Er sei eine Frage des Überlebens gewesen.
Einen auf dicke Hose machen
Eine Frage des Überlebens ist das Geschäft auch heute noch. Als Präsident Calderón im Dezember 2006 die Bekämpfung der sieben grossen Kartelle aufnahm, setzte er zugleich zwischen und innerhalb von diesen einen Konflikt um die nun in Bewegung geratene Transitlandschaft frei. Wurde ein Capo festgenommen, witterten eine Vielzahl von Untergebenen ihre Chance auf den Platz an der Sonne, ganz zu schweigen von den rivalisierenden Kartellen. Seither ergiesst sich eine Kaskade von Mord und Totschlag über Mexiko, die über 12 000 Menschenleben mit sich gerissen hat. Im Rückblick waren die ersten Enthauptungen und andere Verstümmelungen im Sommer und Herbst 2006 blosse Vorboten der Gewaltorgie.
Pfarrer Larios schüttelt den Kopf und sagt mit traurigen Augen, der Mord an einem Menschen empöre niemanden mehr. «Wir haben uns ans Blut gewöhnt. Menschen werden wie Tiere geschlachtet.» Die Leichtigkeit des Tötens und Sterbens besingt die Band Los Tucanes de Tijuana in einer ihrer Drogenballaden: «Fürchte den Tod nicht // Er ist nichts als natürlich // Wir werden geboren, um zu sterben // Und auch um zu töten // Sagt bloss nicht // Ihr hättet noch nie ein Tier getötet.»
Isaac Reyes arbeitet seit über zwanzig Jahren als Journalist in Michoacán. Er beschreibt die Tierra Caliente als raue Gegend, in der ein Menschenleben schon immer unsicher gewesen, der Finger stets rasch am Abzug ist. Eine Waffe trägt hier jeder, der sich als ganzer Mann sieht. Nur wenn es darum gehe, die Waffe ins Festzelt zu schmuggeln, werde sie kurz der weiblichen Begleitung abgegeben, sagt Reyes. Denn wie beim Autokorso geht es im Festzelt ums Prahlen, sei es mit dem brillantbestückten Revolver (den haben nur die ganz grossen «Arschlöcher», wie sie in der Tierra Caliente anerkennend gerufen werden), sei es mit der schweren goldenen Halskette oder der hübschen jungen Dame an der Seite.
Auch Mörder haben Werte
Diese Kultur der Aufschneider ist eine Kultur der schnellen Aufsteiger. In seiner wissenschaftlichen Arbeit über die Institutionalisierung der «narcocultura» im Gliedstaat Sinaloa beschreibt Alan Sánchez, wie diese Kultur in einer marginalisierten ländlichen Gegend entstanden und von den verwahrlosten Massen in den Städten angenommen worden ist. Als die neureichen Landeier, und das waren die «narcos» bis dahin fast ausschliesslich, in den siebziger Jahren in der Hauptstadt Culiacán aufgetaucht seien, habe die breite Bevölkerung sie wie «Heilande» wahrgenommen. Indem die «einfachen Leute» Werte und Bräuche der «narcos» übernahmen, befreiten sie sich zumindest symbolisch von ihrem trostlosen Schicksal.
Die Idee, dass der Drogenhandel eine soziale Verpflichtung hat, ist seither integraler Bestandteil der «narcocultura» geworden. Aus diesem Antrieb und aus kaltem Kalkül sind Drogengelder in den Bau von Strassen, Schulen oder Bewässerungsanlagen geflossen; für die berüchtigten Spenden an die Kirche hat sich der sonderbare Begriff der «narcolimosnas» (Drogenalmosen) eingebürgert. Als Andrés Larios in seiner ersten Pfarrei unweit von Apatzingán eines Sonntags den Drogenhandel geisselte, mahnten ihn einige Kirchengänger nach der Messe, er solle über alles Mögliche, nur nicht darüber sprechen. «Das ganze Dorf ist im Geschäft. Wir geben den Leuten Arbeit», sagten sie stolz. Wegen massiver Drohungen verliess Larios schliesslich die Pfarrei.
Der «Drogenkrieg» ist also nicht Abbild einer entmenschlichten oder nihilistischen Welt. Der Boden, auf dem er tobt, ist durchtränkt von Werten. Apatzingán ist die Hochburg eines Kartells, das sich «La Familia Michoacana» nennt. Einer seiner zwei Capos hat für seine Anhänger eine religiöse Heilsschrift verfasst, die auf Kongressen oder in Drogenentzugskliniken verbreitet wird. Seither behaupten die Mörder der Familia auf beschrifteten Leinentüchern, die sie neben ihren geköpften Opfern hinterlassen, ihr Werk diene der «göttlichen Gerechtigkeit».
Der Intellektuelle Sealtiel Alatriste, Kulturbeauftragter der Nationalen Autonomen Universität, spricht von einer Perversion der Werte, deren Ausgangspunkt sei, dass niemand das Geschäft lebend verlassen könne. «Der
Der teuflische Pakt
Diese Logik treibt den mörderischen Wettbewerb an, der Mexiko seit fast drei Jahren in Atem hält. Präsident Calderón hat ihn nur auf den ersten Blick in Gang gesetzt. Seine Vorgänger hatten den Drogenhandel verwaltet. Indem sie den Kartellen bestimmte Territorien zuteilten, konnten diese unter Wahrung der öffentlichen Ordnung ihren Geschäften nachgehen. Weil der Partido Revolucionario Institucional (PRI) während seiner sieben Jahrzehnte dauernden Herrschaft zu ihrem blossem Instrument degeneriert war, fiel es ihm nicht schwer, das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit dem teuflischen Pakt zu opfern. Solange in Mexiko die Demokratie nichts weiter als eine schöne Idee war, blieb der PRI im Gewande des Staates am längeren Hebel, konnte er den Luzifer in Schach halten.
In den neunziger Jahren begannen sich die Gewichte zu verschieben. Die parteipolitische Pluralisierung brach die Alleinherrschaft des PRI und damit das Rückgrat des an sich schwachen Staates. Der Kokainhandel fiel in mexikanische Hände, weil die Kartelle aus Medellín und Cali unter dem Sperrfeuer der Regierungen Kolumbiens und Amerikas zusammenbrachen. Während die fragile mexikanische Demokratie erste Wurzeln schlug, erwuchs ihr ein Feind, der sich an den Milliarden des wachsenden Drogengeschäfts nährte und in den benachbarten USA mit furchterregendem Kriegsmaterial eindeckte. Als Calderón den «Drogenkrieg» ausrief, hatte der Staat die Kontrolle über das organisierte Verbrechen längst verloren.
Für Herminio Sánchez de la Barquera ist der «Drogenkrieg» Ausdruck einer Krise, die über das Kräftemessen zwischen Staat und Kartellen hinausgeht. Der in Heidelberg promovierte und an der Universität Vasco de Quiroga in Michoacán lehrende Politologe fasst den Konflikt als «Lektion» auf. «Wir erleben, was passieren kann, wenn ein Volk zu einer funktionierenden Gesellschaft unfähig ist.» Der in Puebla und Mexiko-Stadt wirkende Bischof Juan de Palafox y Mendoza habe im 17. Jahrhundert festgestellt, dass sich der Mexikaner zuerst um seine eigene Person, dann um seine Familie und gegebenenfalls um seine Freunde kümmere. Das sei heute noch genau gleich, ereifert sich der sonst zurückhaltende, feingliedrige Sánchez de la Barquera.
Der Umwelt verschlossen
Von der Schwierigkeit seiner Landsleute, nicht nur eine Ansammlung von Individuen, sondern eine lebendige (Bürger-)Gesellschaft zu sein, schrieb der Literaturnobelpreisträger Octavio Paz 1950 in seinem Essay «Das Labyrinth der Einsamkeit». Der Mexikaner lasse sich im Zweifel in die Knie zwingen und demütigen, aber er lasse keinen Blick in sein Inneres zu. Er sei verschlossen, um sich vor seiner Umwelt zu schützen, die er instinktiv als gefährlich wahrnehme. Angesichts der Geschichte und der «Gesellschaft, die wir geschaffen haben», sei dies auch legitim.
In der starken Hand eines Kartells oder eines autoritären Staates, und ein solcher war der mexikanische bis vor kurzem, wird ein Kollektiv von misstrauischen, sich einkapselnden Individuen zur fügsamen Masse. Was dem Staat der Nationalismus, ist dem Drogenhandel die «narcocultura», ein Mittel zur Herrschaftslegitimierung. Doch weil der mexikanische Nationalismus sich über die Kultur definiert, haben die Mexikaner kein Problem, ihren zuweilen überbordenden Nationalstolz und ihre tiefe Verachtung für alle Staatlichkeit in Einklang zu bringen. Der mexikanische Rechtsstaat steht im Ruf, ein Unrechtsstaat zu sein.
Die «narcos» haben sich dessen immer wieder geschickt bedient. Ein Teil ihrer Popularität beruht geradezu auf dem Widerstand gegen den Staat. Der Bauer Jesús Malverde, der um die vorletzte Jahrhundertwende in Sinaloa lebte, erlangte Berühmtheit und Beliebtheit, weil er von den Reichen gestohlen und den Armen gegeben haben soll. Nachdem er 1909 auf Anordnung des Gouverneurs gehängt worden war, wurde er zum «Heiligen der Armen». Die von der Sierra hinabgestiegenen Drogenbosse errichteten ihm 1979 in Culiacán eine Kapelle und erhoben ihn zu ihrem eigenen Schutzheiligen.
Katz und Maus
Die Lebenswelt Malverdes, in welcher dem Staat die Rolle des fremdelnden Bösewichts zukommt, findet sich in Apatzingán wieder. Während des Autokorsos lassen sich nur Gemeindepolizisten blicken. Die sind sowieso gekauft oder ausreichend eingeschüchtert. Armee und Bundespolizei haben ihre Lager vor der Stadt aufgeschlagen. Bleibt die Katz vor dem Haus, tanzt die Maus. Anfang August betrat die Bundespolizei «das Haus». Während einer Messe stürmte sie die Kapelle Perpetuo Socorro und nahm mehrere Mitglieder der Familia Michoacana fest. Pfarrer Larios hätte die Messe halten sollen, steckte aber unterwegs fest. Ihn traf fast der Schlag, als er von der Stürmung vernahm. «Niemand darf bewaffnet einen geweihten Ort betreten. Das war ein Sakrileg», sagt er empört.
Jeder Mexikaner, der wie Larios noch nicht dem Zynismus anheimgefallen ist, verspricht dem Land eine bessere Zukunft. Wann wird sie eintreten? Dies hänge nicht nur von Mexiko ab, findet Sealtiel Alatriste. Der «Drogenkrieg» sei Folge globaler Probleme wie der Drogennachfrage, des Angebots an Waffen oder der schwindenden Aussicht auf einen ehrenwerten Broterwerb. Herminio Sánchez de la Barquera stimmt zu und wendet ein, genau deshalb müsse Mexiko seine politische Kultur ändern. Die Bildung von Bürgersinn und Eigenverantwortung werde Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Pfarrer Andrés Larios macht einen Anfang und redet auch am folgenden Sonntag gegen den Drogenhandel an. Er weiss, dass ihn dies das Leben kosten könnte.
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