2. Januar 2010, Neue Zürcher Zeitung
Naiver Wunderglaube
Der Fall der britischen Pianistin Joyce Hatto.
(siehe dazu auch den untenstehenden Artikel vom 07.01.2010)
Seit den neunziger Jahren sorgte eine Pianistin mit vielfältigen Einspielungen für Furore. Niemand jedoch sah sie in all den Jahren Klavier spielen. Statt argwöhnisch zu werden, zollte man Beifall. Doch die Virtuosität von Joyce Hatto erwies sich als elektronisch unterstützter Schwindel.
Von Alfred Brendel
Eine Frau, Pianistin von Beruf, verblüfft, rührt und entzückt CD-Sammler und Klavierexperten in England und Amerika. Sie ist krebskrank und steht bereits in vorgerücktem Alter. Mit ungeahnten Kräften ausgestattet, gelingt es ihr dennoch, binnen weniger Jahre den grössten Teil der Klavierliteratur aufzunehmen. Sie beherrscht nicht allein sämtliche Sonaten von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert oder Prokofjew, sondern auch, neben ungezählten anderen Werken, Bachs Goldberg- und Brahms' Paganini-Variationen, Liszts Transkriptionen aller Beethoven-Symphonien, Godowskys Bearbeitungen der Etüden Chopins sowie Messiaens «Vingt regards». Über hundert CD kommen zum Vorschein, ohne dass sich darin ein einziges Werk wiederholt. Längst hat sie mit dem Konzertieren aufgehört; ein Liszt gewidmeter Klavierabend in der Londoner Wigmore Hall, in dessen Verlauf sie die Nerven verlor, beendete 1967 diesen Teil ihrer Karriere. Siebenundsiebzigjährig stirbt sie im Jahr 2007. In den Londoner Zeitungen liest man.....
2. Januar 2010, Neue Zürcher Zeitung
Naiver Wunderglaube
Der Fall der britischen Pianistin Joyce Hatto.
Seit den neunziger Jahren sorgte eine Pianistin mit vielfältigen Einspielungen für Furore. Niemand jedoch sah sie in all den Jahren Klavier spielen. Statt argwöhnisch zu werden, zollte man Beifall. Doch die Virtuosität von Joyce Hatto erwies sich als elektronisch unterstützter Schwindel.
Von Alfred Brendel
Eine Frau, Pianistin von Beruf, verblüfft, rührt und entzückt CD-Sammler und Klavierexperten in England und Amerika. Sie ist krebskrank und steht bereits in vorgerücktem Alter. Mit ungeahnten Kräften ausgestattet, gelingt es ihr dennoch, binnen weniger Jahre den grössten Teil der Klavierliteratur aufzunehmen. Sie beherrscht nicht allein sämtliche Sonaten von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert oder Prokofjew, sondern auch, neben ungezählten anderen Werken, Bachs Goldberg- und Brahms' Paganini-Variationen, Liszts Transkriptionen aller Beethoven-Symphonien, Godowskys Bearbeitungen der Etüden Chopins sowie Messiaens «Vingt regards». Über hundert CD kommen zum Vorschein, ohne dass sich darin ein einziges Werk wiederholt. Längst hat sie mit dem Konzertieren aufgehört; ein Liszt gewidmeter Klavierabend in der Londoner Wigmore Hall, in dessen Verlauf sie die Nerven verlor, beendete 1967 diesen Teil ihrer Karriere. Siebenundsiebzigjährig stirbt sie im Jahr 2007. In den Londoner Zeitungen liest man Nachrufe, wie sie interpretierenden Musikern noch kaum zuteil wurden. Wer es noch nicht mit Hilfe des Internets oder aus Schallplattenzeitschriften erfahren hatte, wusste es nun: Joyce Hatto war «ein britisches Nationaljuwel», eine Pianistin, die den grössten Namen der Zunft nicht nachstand.
Erfundene Geschichten
Wie sich seither herausgestellt hat, war die ganze CD-Serie ein grandioser Schwindel. Joyce Hattos Ehemann William Barrington-Coupe hatte ihn, ohne Zweifel im Zusammenwirken mit seiner Ehefrau, allmählich in Szene gesetzt. Bereits seit den sechziger Jahren hatte Barrington-Coupe, ein Tontechniker von virtuosen Graden, als Produzent getan, was damals in England und Amerika gang und gäbe war, nämlich weniger beachtete musikalische Einspielungen zu stark herabgesetzten Preisen wieder in den Handel zu bringen. Es genügte, die Ausführenden umzutaufen. Schon damals machte es Barrington-Coupe Vergnügen, Sänger, Pianisten oder Dirigenten mit fiktiven Namen zu versehen. Eine Sängerin hiess bei ihm Herda Wobbel, einen Dirigenten nannte er Wilhelm Havagesse («have a guess»). 1966 sass er wegen Steuerbetrugs ein Jahr lang im Gefängnis.
Seiner Frau ergeben, beschloss er, sie berühmt zu machen. Die Konzerte, die er für sie einrichtete, führten nicht zum erhofften Erfolg. So verbreitete er die Geschichte einer Leidenden, die, von Schwächeanfällen heimgesucht und durch Schmerzen behindert, in einem Schuppen hinter dem Haus oder in einer nicht existierenden Kirche ihre Aufnahmen machte. In Wirklichkeit wurden Aufzeichnungen zahlreicher anderer Pianisten in Barrington-Coupes eigener Firma Concert Artists unter Joyce Hattos Name herausgebracht. (Eine einzige Aufnahme aus dem Jahr 1970 stammt tatsächlich von ihr, jene der «Symphonic Variations» des selbst in England kaum noch aufgeführten Sir Arnold Bax.) Im Lauf der neunziger Jahre erlaubte es der technologische Fortschritt, fremde Aufnahmen ohne grösseren Aufwand am eigenen Computer aufzubereiten. Zugleich war das Angebot an CD, die man plündern konnte, bis ins Uferlose angewachsen.
Im Internet hatten sich Diskussionsgruppen klavierbegeisterter Sammler herausgebildet, die mit Hilfe von Yahoo oder Usenet/Google ihre Meinungen austauschten. Zu den Mitgliedern dieser Gruppen gehörten auch Neugierige, die versuchten, hinter die Pseudonyme der Billigplatten zu blicken. Barrington-Coupe erwies sich dabei als bereitwilliger Helfer, der auch seltene Plattenexemplare herbeischaffte. Zugleich setzte er Schritt für Schritt den Joyce-Hatto-Mythos in die Welt. Im neuen Jahrtausend war es dann endlich so weit: Eine Handvoll namhafter angloamerikanischer Berufskritiker und Spezialisten hielt dem Sog nicht mehr Stand. Regelmässig und mit Nachdruck erwiesen sie nun dem Strom der Hatto-Aufnahmen ihre Reverenz. Abgesehen von höchster Virtuosität attestierte man Hatto «eine Richtigkeit und Ehrlichkeit» des Musizierens, der man sich getrost überlassen könne.
Inzwischen sind die Spieler der meisten CD identifiziert worden. Nicht weniger als 96 Pianisten bestreiten nach bisheriger Zählung einzelne Werke oder ganze Werkserien, sofern sie nicht eklektisch mit Ausschnitten zum Zug kommen. Die prominentesten Zelebritäten blieben offenbar ausgespart, doch findet man Namen wie Andsnes, Ashkenasy, Bronfman, Hamelin oder Kissin. Ingrid Haeblers alte Philips-Einspielungen der Mozart-Sonaten kamen wieder zu Ehren. Die Identität der Aufnahmen ist elektronisch einwandfrei erwiesen. Barrington-Coupes Beitrag bestand darin, den Klang mancher CD etwas zu verfremden, zyklische Werke aus mehreren Aufnahmen zusammenzustellen sowie manchmal Tempi zu verändern, um die Identifikation zu erschweren, denn es ist neuerdings digitaltechnisch möglich geworden, Musik langsamer oder schneller ablaufen zu lassen, ohne die Tonhöhe anzutasten. Bei Liszts «Feux follets» in beschleunigter Ausfertigung brach den Hörern der kalte Schweiss aus.
Begnadete Schwindler
Die Freude, Kenner zu düpieren, muss beträchtlich gewesen sein. Auch mündlich und schriftlich hat sich Barrington-Coupe als begnadeter Schwindler ausgewiesen, der dem jeweiligen Gesprächspartner mühelos nach dem Mund redete. Einem Korrespondenten, der seine CD direkt bei Barrington-Coupes Firma bezog, vermittelte er über Jahre hinweg den Eindruck, das Unternehmen beschäftige an vier verschiedenen Orten 32 Angestellte. De facto lief alles in Barrington-Coupes Häuschen in Royston, Herfordshire, zusammen. Auch Joyce Hatto, eine Person von konfuser und quirliger Lebendigkeit, scheint im persönlichen Umgang gute Figur gemacht zu haben. Ihre Fähigkeit, aus dem Stegreif prominente Musikernamen ins Gespräch einzuflechten, kannte keine Hemmungen. Clara Haskil habe sie zahlreiche Scarlatti-Sonaten vorgespielt, mit Alfred Cortot sei sie immer wieder in Londons National Gallery gegangen. Als der damalige Chefkritiker des «Boston Globe» das Ehepaar 2005 interviewt hatte, rühmte er nicht nur Hattos Klavierspiel, sondern auch ihren Sinn für Humor. Sie habe, wie er berichtete, eine hohe mädchenhafte Stimme und spreche mit der Geschwindigkeit einer ihrer Liszt-Etüden.
Phantastische Behauptungen
Joyce Hattos Biografie, wie sie von Barrington-Coupe mitgeteilt wurde, wimmelt von Unwahrscheinlichkeiten, die ohne jeden Argwohn in die Nachrufe aufgenommen wurden. Dreimal hatte Joyce Hatto die Aufnahmeprüfung, die Musikern den Zugang zu BBC-Sendungen eröffnet, verfehlt. Kein Londoner Orchester wollte sie engagieren. Dass sie dennoch mit Dirigenten wie de Sabata oder Furtwängler aufgetreten sein sollte, ist ebenso phantastisch wie die Behauptung, Furtwängler habe ihre Hammerklaviersonate gehört und sei davon beeindruckt gewesen, oder die angebliche Eloge Hindemiths. Jeden Morgen, so hiess es, begab sie sich zuallererst vom Bett zum Flügel, um das Finale der b-Moll-Sonate Chopins prestissimo abzuspulen. Noch drei Wochen vor ihrem Tod habe sie, im Rollstuhl sitzend, eine Aufnahme gemacht. Von welchem Werk? Von Beethovens Lebewohl-Sonate natürlich.
Als ein Sammler Barrington-Coupe über den völlig unbekannten und undokumentierten Kapellmeister René Köhler befragte, der, wie es hiess, regelmässig Hattos Orchesteraufnahmen dirigierte, las man alsbald auf der Website der Produktionsfirma einen Lebenslauf, dessen Kühnheit man seinen Respekt nicht versagen kann: Köhler sei in Weimar aufgewachsen, habe bei den Pianisten Stanislav Spinalski und an der Jagellonischen Universität in Krakau studiert, bevor ein junger deutscher Offizier ihm 1940 die linke Hand zerschmettert habe. Dann überlebte er Treblinka, wurde jedoch anschliessend in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert, in dem er bis 1970 blieb. Von zarter Gesundheit, starb er an Prostatakrebs. (Das Pseudonym René Köhler war bereits in den fünfziger Jahren aufgetaucht.)
Abenteuerliche Leichtgläubigkeit
Es gibt mehrere Spielarten, auf die Affäre Joyce Hatto zu reagieren. Da ist zunächst schmunzelnde Bewunderung für die Unverfrorenheit des Ehepaars und für Barrington-Coupes technisches und organisatorisches Geschick, gepaart mit Schadenfreude darüber, dass Fachleuten eins ausgewischt wurde. Ein zweiter Blickwinkel sieht die Angelegenheit von der humanitären Seite. Nicht nur die rührende Vorstellung einer Gattenliebe, die seiner Frau die Beachtung zu vermitteln suchte, welche sie als Pianistin nicht gefunden hatte («Ich tat alles nur für sie»), sondern auch das Bild einer Heroine des Klavierspiels, die sich, in ihrem Leben bedroht und doch mit dem höchsten Anspruch auf Perfektion, ein Virtuosenstück nach dem anderen abtrotzt. Die durch ihr Einstehen für Joyce Hatto Betroffenen argumentieren, es wäre ja geradezu zynisch gewesen, sich nicht dem Mitgefühl zu überlassen. Man sei doch schliesslich ein Mensch. Wo der Zynismus eigentlich zu suchen ist, nämlich in der Mentalität der Schwindler, kommt dabei nicht zur Sprache. Dann ist da noch die Perspektive der vielen bestohlenen Kollegen. (Ich gehöre, nach dem bisherigen Stand der Dinge, nicht dazu.) Eine grössere Anzahl von Aufnahmen, die vorher meist weniger beachtet, wenn nicht geschmäht oder vergessen waren, stand plötzlich unter falschem Namen auf dem höchsten Kothurn. Dieselben Aufführungen von Rachmaninow-Konzerten, denen 15 Jahre früher jedes Gefühl für slawische Melancholie abgesprochen worden war, erschienen nun den Ohren desselben Experten besonders slawisch.
Es ist schwer zu sagen, worüber man mehr staunen sollte: über die Wirklichkeitsferne, die es einer noch dazu kranken Frau zutraute, ein riesiges, auch athletisch höchst anspruchsvolles Repertoire innerhalb eines Jahrzehnts aufzunehmen, ein Repertoire, das kein Übermensch während eines langen gesunden Lebens bewältigen könnte; über die Naivität, mit der man auf die abenteuerlichsten Erklärungen und Erfindungen hereinfiel; über die Sorglosigkeit, mit der ein Klavierspiel akzeptiert wurde, dem seit den siebziger Jahren niemand als Augenzeuge beigewohnt hatte; über die Leichtgläubigkeit, mit der Namen nicht existierender Dirigenten und Orchester hingenommen wurden; über die unglaubliche Tatsache, dass man das Spiel einer Hundertschaft verschiedenster Pianisten für jenes einer einzigen Person hielt («Ihr schöner Klang gehört ihr allein»); über die Vergesslichkeit, mit welcher Aufführungen nun als ideal und herzbewegend hingestellt wurden, die vorher herabsetzend besprochen worden waren; oder über die Voreingenommenheit, die in die Aufnahmen hineintrug, was man in ihnen hören wollte. Das Bedürfnis, an Wunder zu glauben, scheint nicht abhanden gekommen zu sein.
Der Pianist Alfred Brendel, 1931 in Wiesenberg, Nordmähren, geboren, lebt in London.
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Freitag, Januar 08, 2010
Donnerstag, Januar 07, 2010
Die Tatsachen der Lüge
1. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Die Tatsachen der Lüge
Über die Wiederkehr des Hochstaplers in Zeiten der wirtschaftlichen Krise
Wenn Gesellschaften ihre Bodenhaftung verlieren, schlägt die Stunde des Hochstaplers. Die zwanziger Jahre waren ein Zeitalter, in dem das Aufschneidertum grassierte (und seine literarische Spiegelung fand). Heute, nach dem Platzen der New-Economy- und Subprime-Blase, wissen wir, dass wir nicht klüger sind.
Von Evelyne Polt-Heinzl
«Hochstapler gab es immer, Menschen, die unter der Vorspiegelung, mehr zu sein, anderes zu sein, als sie tatsächlich waren, vom Schein lebten.» Mit diesem Satz eröffnet Albert Ehrenstein 1925 sein Vorwort zu Thomas Schrameks authentischer Hochstaplergeschichte «Freiherr von Egloffstein». Sie erschien in der Reihe «Aussenseiter der Gesellschaft – Die Verbrechen der Gegenwart», die Rudolf Leonhard am Ende der turbulenten Inflationsjahre im Verlag «Die Schmiede» startete.
Wenn Gesellschaften radikale Erschütterungen erleben und damit tradierte Sicherheiten wegbrechen, schlägt die Stunde des Hochstaplers. Er profitiert vom Wegfall einigermassen nachprüfbarer Kriterien zur Einschätzung sozialen und ökonomischen Handelns. Das ist nach Kriegen nicht anders als in Phasen entfesselter Wirtschaftsprozesse. Es ist also kein Zufall, dass....
1. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Die Tatsachen der Lüge
Über die Wiederkehr des Hochstaplers in Zeiten der wirtschaftlichen Krise
Wenn Gesellschaften ihre Bodenhaftung verlieren, schlägt die Stunde des Hochstaplers. Die zwanziger Jahre waren ein Zeitalter, in dem das Aufschneidertum grassierte (und seine literarische Spiegelung fand). Heute, nach dem Platzen der New-Economy- und Subprime-Blase, wissen wir, dass wir nicht klüger sind.
Von Evelyne Polt-Heinzl
«Hochstapler gab es immer, Menschen, die unter der Vorspiegelung, mehr zu sein, anderes zu sein, als sie tatsächlich waren, vom Schein lebten.» Mit diesem Satz eröffnet Albert Ehrenstein 1925 sein Vorwort zu Thomas Schrameks authentischer Hochstaplergeschichte «Freiherr von Egloffstein». Sie erschien in der Reihe «Aussenseiter der Gesellschaft – Die Verbrechen der Gegenwart», die Rudolf Leonhard am Ende der turbulenten Inflationsjahre im Verlag «Die Schmiede» startete.
Wenn Gesellschaften radikale Erschütterungen erleben und damit tradierte Sicherheiten wegbrechen, schlägt die Stunde des Hochstaplers. Er profitiert vom Wegfall einigermassen nachprüfbarer Kriterien zur Einschätzung sozialen und ökonomischen Handelns. Das ist nach Kriegen nicht anders als in Phasen entfesselter Wirtschaftsprozesse. Es ist also kein Zufall, dass diese Figur sich just in unseren Tagen auf dem Theater wie in den Medien wieder zu regen beginnt. «Schöner lügen – Hochstapler bekennen», nannte sich eine Textcollage, die Ende 2008 am Wiener Burgtheater gezeigt wurde und vor allem auf Walter Serners «Handbrevier für Hochstapler» zurückgriff, das 2007 neu aufgelegt wurde.
Jung, smart, dynamisch
In der Realität war der Hochstapler schon 2000 im Umfeld der New-Economy-Blase wieder aufgetaucht. Das offensiv vermarktete Erfolgsetikett ihrer Akteure, das im Übrigen erstmals die Inflationsgewinnler der zwanziger Jahre für sich reklamierten, lautete «jung, smart, dynamisch». Einige wenige dieser «schillernden» Figuren, wie sie im Wirtschaftsteil gerne tituliert werden, landeten nach dem Platzen der Blase vor Gericht, der Rest fügte sich ins zunehmend deregulierte Börsenspiel unauffällig ein. Die Literatur hat diese Zusammenhänge klarer erkannt, als die Wirtschaftsforscher sie wahrhaben wollten. Der Ex-Broker in Paul Divjaks Roman «Kinsky» (2007) oder der Börsenguru Max in Marlene Streeruwitz' Roman «Kreuzungen» (2008) sind beide, wie viele der heutigen Profiteure im Dschungel der Derivatgeschäfte, Quereinsteiger von unten. Sie begannen ihre Karrieren als Hochstapler mit zweifelhaften Luftgeschäften im grossen Stil, und es erging ihnen wie in der Realität: Einige können sich wie Max durchsetzen und darauf vertrauen, dass späterhin keiner mehr nach der Herkunft der ersten Million fragt; andere bewältigen den Aufstieg nicht und stürzen rasch wieder ab wie Kinsky.
Das bevorzugte Aktionsfeld des Hochstaplers sind immer Boombranchen, wo das Geschäftsgebaren tendenziell ausser Kontrolle gerät. Das generiert einen Handlungsraum, in dem ohne Fundament agiert werden kann. Wer die Erwartungshaltungen und (Bild-)Vorstellungen dieses Feldes besonders kühn und selbstgewiss bedient, hat gute Chancen auf Erfolg, unabhängig von seinem realen Standing. «Ein phantastischer Lügner ist jener Lügner, dessen Lügen zu den Tatsachen stimmen», sagt Vinzenz in Robert Musils Komödie «Vinzenz oder die Freundin bedeutender Männer» (1924), der mit dem Gestus der Hochstapelei experimentiert. «In dieser wahrhaftig sträflichen Unordnung», so Vinzenz, «lasse einfach auch ich manchmal ein kleines Kügelchen rollen; und das Merkwürdigste ist: in welcher . . . Richtung Du auch eine solche kleine Handlung abgehen lässt, sie kommt immer gut durch die Wirklichkeit durch, als wäre sie dort geradezu erwartet worden.»
Auch der Kulturbetrieb ist ein mögliches Operationsgebiet, das hat Daniel Kehlmann bereits 2003 in seinem Roman «Ich und Kaminski» vorgeführt: Sein Kunstkritiker ist ein «veritabler Hochstapler ohne Bildung und ohne einschlägige Kenntnisse», so formulierte ein Kritiker, allerdings erst im Jahr 2009. Kehlmanns Roman könnte man als Satire abtun, doch es gibt auch gerichtsanhängige Fallgeschichten. Im Frühjahr 2005 tauchte in Österreich ein Mann namens Peter Kafka auf, der sich als deutscher Countertenor ausgab und in Wien als Intendant auftrat: Er plante im Garten des traditionsreichen Wiener Palais Schwarzenberg ein Arien-Potpourri als gigantische Sommeroper aufzuziehen, engagierte den Regisseur Wolfgang Ritzberger, ein Orchester, ein ganzes Schock von Sängern, setzte die Proben in gediegenen Konzertsälen an, bestellte aufwendige Kostüme und ein üppiges Catering. Der Vorverkauf lief an, doch die Premiere kam nicht zustande. Der Intendant entpuppte sich gewissermassen als idealtypischer Quereinsteiger, dessen Qualifikation in einer abgebrochenen Bäckerlehre und einem selbstbewussten Auftreten bestand. Das erfuhr man allerdings erst nach seiner Flucht. Zurück blieben ein düpiertes Ensemble und ein Schaden von 420 000 Euro. Interessanterweise fiel im Jahr 2005 nie der Begriff Hochstapler, wiewohl Peter Kafka idealtypisch diesem Typus entsprach. Man berichtete damals generell nicht allzu ausführlich über den Fall, wohl auch, weil er die Frage nach Praktiken des Kulturbetriebs und seiner Neigung zu «Eventisierung» und Geschäftemacherei mit in den Raum stellte.
Analogien zur Zwischenkriegszeit
Dass der Begriff heute wieder rascher zur Hand ist, hat mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise zu tun, die Analogien zur Zwischenkriegszeit wachrief, und das war eben eine Blütezeit des Hochstaplers. Um das zu recherchieren, kann man die damaligen Zeitungen durchblättern oder die Epochenromane lesen. Eine klassische Fallgeschichte liefert etwa Hermann Broch im dritten Teil seiner «Schlafwandler»-Trilogie mit der Figur des Deserteurs und Luftgeschäftemachers Huguenau. Die dichtesten Epochenporträts stammen mitunter allerdings nicht von den kanonisierten Autoren, was durchaus auch im Sinne einer Kanon-Revision nützliche Folgen haben könnte.
Literarisch ist der Hochstapler jedenfalls organischer Bestandteil im Bild der «Goldenen Zwanziger Jahre». Seine Orte sind die Verkehrsflächen des Luxuskonsums, die immer proportional zur Möglichkeit des «schnellen grossen Geldes» an Bedeutung gewinnen, denn die Befriedigung der Aufgestiegenen liegt im Zurschaustellen ihres neuen Reichtums. Was in unserer Zeit das hochpreisige In-Lokal ist, war damals die Hotelbar. Die Welt der Mondänen im Getriebe der Nobelhotels, hier ist der Hochstapler zu Hause; alle Akteure dieses Biotops haben Geld oder auch nicht, jedenfalls wahren sie den Schein. Wie sie dazu gekommen sind, ja sogar, ob es im Moment des Zusammentreffens überhaupt noch vorhanden ist, kursiert allenfalls als Gerücht. In Maria Peteanis oft verfilmtem Roman «Der Page vom Dalmasse Hotel» (1933) wispern sich die beiden Hochstaplerinnen, die sich als reiche Amerikanerinnen ausgeben und einen soliden preussischen Gutsherrn angeln wollen, einmal ängstlich zu: «Hoffentlich ist er kein Hochstapler.»
«Auf Herkunft kann er sich nicht berufen – wird seine aufgedeckt, verliert er seine soziale Existenz», meinte Helmut Lethen über den Hochstapler der zwanziger Jahre. Das gilt für jenen Sozialtypus, den Thomas Mann mit seinem Felix Krull beschreibt: der ehrgeizige junge Mann aus einer Bankrotteursfamilie, der in dienender Funktion in einem Pariser Hotel landet und sich hier Identität und Vermögen eines Marquis aneignet. Eine bemerkenswerte Adaption des Themas hat 2008 Aravind Adiga mit seinem Indien-Roman «Der weisse Tiger» vorgelegt: Die sozialen Verwerfungen der Globalisierungsprozesse im Schwellenland Indien bieten vielfältige Nischen für Hochstapler und Zwischenexistenzen. Adigas Aufsteiger beginnt als Chauffeur eines Provinzmagnaten, jede Form von Demütigung steckt er weg – aber wie Krull lernt er viel über die Mechanismen der Macht; seinem Karriere-Start muss er freilich auch ein wenig gewaltsam nachhelfen.
Auf Herkunft kann der Hochstapler sich nicht berufen – das ist dort nicht richtig, wo gerade die Herkunft und das mit ihr aufgesogene symbolische Kapital vornehmen bis präpotenten Verhaltens seine operative Basis darstellen, also zum Beispiel bei den 1918 deklassierten Aristokraten. Ihnen war oft wenig geblieben ausser ihrem Namen und ihrem Gehabe, vielleicht das eine oder andere Repräsentationsutensil. Damit ausgestattet bildeten sie ein breites Rekrutierungsfeld für die Hochstapler der Zeit. Das ideale Umfeld schuf die gesellschaftliche Deregulierung, die märchenhafte Aufstiege und ebensolche Abstürze möglich macht und damit die Erkennbarkeit der Sozialcharaktere reduziert. Wer sich gediegen benimmt, kann ein armer Schlucker und Betrüger sein, wer ungehobelt daherkommt, ein Oligarch. Ganz ähnlich hat das jüngst der langjährige Kellner eines Wiener Nobelrestaurants beschrieben.
Diese sozialen Unschärfen, wie sie typisch sind im Gefolge von Kriegen oder Krisen, macht sich der Hochstapler aus einst gutem Hause zunutze. «Es ist wahr, dass unser Nachtpublikum nicht first class ist. Aber – que voulez-vous – nur schlechtes Publikum bringt Geld in die Bude», klagt der Direktor in Vicki Baums «Menschen im Hotel» (1929) ausgerechnet dem Baron Gaigern. Der aber ist ein Hochstapler par excellence: Er sieht prächtig aus, «hat was vom Kintopp», gibt sich je nach Situation sorglos, jovial oder herrisch; sein Herkunftskontext ist sein Kapital, auch wenn ihm die ökonomische Basis weggebrochen ist und er gerade einen Juwelenraub vorbereitet.
Otto Soyka, der zu Unrecht völlig vergessene Autor psychologischer Thriller, analysiert in seinen Romanen der zwanziger Jahre die Verschränkung von wirtschaftlicher Zerrüttung und sozialen Verhaltensweisen wie kaum ein anderer, und er ist ein genauer Beobachter der neuen Ausdrucksformen der (Geld-)Macht. In turbulenten Zeiten, wo Kurseinbrüche über Nacht Existenzen vernichten können, klammern sich die Menschen dankbar an das scheinbar Evidente, eine überzeugend vorgespielte «soziale Geste» wird bereitwillig akzeptiert. Das hat auch mit der flächendeckenden medialen Berichterstattung über die Usancen in der Welt der Reichen und Schönen zu tun.
«Wir leben im Zeitalter der Geste. Der gebildete Mensch von heute hat die Welt nicht erlebt, sondern er hat hauptsächlich von ihr gelesen. Er erwartet Romanszenen von der Wirklichkeit und ist stets bereit, mitzuspielen», heisst es in Soykas Roman «Eva Morsini – die Frau, die war . . .» (1923). Einer der Akteure des Buches kidnappt die zum Tode verurteilte Eva Morsini aus dem Justizpalast, just als sie zur Hinrichtung geführt wird. Das Ganze läuft recht simpel ab: Der Befreier hat sich ein stadtbekanntes Fahrzeug der regierenden Macht besorgt, prescht in den Hof des Justizgebäudes hinein, wedelt mit einem Papier, auf dem nichts steht, und schon geht's mit der Delinquentin an Bord Richtung Regierungspalast bzw. haarscharf dran vorbei und in die Freiheit. Jede der Spielfiguren ist im Rückblick überzeugt, richtig gehandelt zu haben, schliesslich war der fremde Herr eindeutig ein hoher Regierungsvertreter.
Auch die Dichter . . .
Soyka hat auch das Gegenteil eines Hochstaplers durchgespielt, sein «Geldfeind» (1923) ist ein über Nacht zu Reichtum gekommener kleiner Angestellter, der niemandem davon erzählt. Der abgründigste Tiefstapler aber ist der ältliche Liftboy Ignaz mit den «bierhellen Kontrollaugen» in Joseph Roths «Hotel Savoy» (1924). Seine Position als Organisator der hausinternen Mobilität nutzt er schamlos zur Sozialkontrolle über die Lebensumstände der Hotelgäste. Der lebenstüchtige Kroate Zwonimir lehnt Fahrstuhl wie Ignaz kategorisch ab. Beide sind ihm unheimlich, und er geht die Treppen lieber zu Fuss. Zwar bleibt das Fahrstuhlunglück aus, aber Ignaz ist nicht Ignaz, sondern der geheimnisvolle Hotelbesitzer selbst. Im Hotel wie in der Wirtschaftskrise werden die Sozialrollen diffus, wie dem schwebenden Lift fehlt ihnen die Erdung im Alltag.
Eine Erdung in nachprüfbaren Kriterien wird mitunter auch im Literaturbetrieb zum Problem. Deshalb, so Albert Ehrenstein, seien «unter den Dichtern . . . mehr Hochstapler als sonstwo», denen nur «die korrupte Literaturpolizei dieses Adelsprädikat verleiht».
Evelyne Polt-Heinzl lebt und arbeitet als Literaturwissenschafterin sowie als Kuratorin in Wien. Zuletzt erschien im Brandstätter-Verlag der Band «Abenteuer Bibliothek. Ein Ort des Wissens und der Fantasie».
Die Tatsachen der Lüge
Über die Wiederkehr des Hochstaplers in Zeiten der wirtschaftlichen Krise
Wenn Gesellschaften ihre Bodenhaftung verlieren, schlägt die Stunde des Hochstaplers. Die zwanziger Jahre waren ein Zeitalter, in dem das Aufschneidertum grassierte (und seine literarische Spiegelung fand). Heute, nach dem Platzen der New-Economy- und Subprime-Blase, wissen wir, dass wir nicht klüger sind.
Von Evelyne Polt-Heinzl
«Hochstapler gab es immer, Menschen, die unter der Vorspiegelung, mehr zu sein, anderes zu sein, als sie tatsächlich waren, vom Schein lebten.» Mit diesem Satz eröffnet Albert Ehrenstein 1925 sein Vorwort zu Thomas Schrameks authentischer Hochstaplergeschichte «Freiherr von Egloffstein». Sie erschien in der Reihe «Aussenseiter der Gesellschaft – Die Verbrechen der Gegenwart», die Rudolf Leonhard am Ende der turbulenten Inflationsjahre im Verlag «Die Schmiede» startete.
Wenn Gesellschaften radikale Erschütterungen erleben und damit tradierte Sicherheiten wegbrechen, schlägt die Stunde des Hochstaplers. Er profitiert vom Wegfall einigermassen nachprüfbarer Kriterien zur Einschätzung sozialen und ökonomischen Handelns. Das ist nach Kriegen nicht anders als in Phasen entfesselter Wirtschaftsprozesse. Es ist also kein Zufall, dass....
1. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Die Tatsachen der Lüge
Über die Wiederkehr des Hochstaplers in Zeiten der wirtschaftlichen Krise
Wenn Gesellschaften ihre Bodenhaftung verlieren, schlägt die Stunde des Hochstaplers. Die zwanziger Jahre waren ein Zeitalter, in dem das Aufschneidertum grassierte (und seine literarische Spiegelung fand). Heute, nach dem Platzen der New-Economy- und Subprime-Blase, wissen wir, dass wir nicht klüger sind.
Von Evelyne Polt-Heinzl
«Hochstapler gab es immer, Menschen, die unter der Vorspiegelung, mehr zu sein, anderes zu sein, als sie tatsächlich waren, vom Schein lebten.» Mit diesem Satz eröffnet Albert Ehrenstein 1925 sein Vorwort zu Thomas Schrameks authentischer Hochstaplergeschichte «Freiherr von Egloffstein». Sie erschien in der Reihe «Aussenseiter der Gesellschaft – Die Verbrechen der Gegenwart», die Rudolf Leonhard am Ende der turbulenten Inflationsjahre im Verlag «Die Schmiede» startete.
Wenn Gesellschaften radikale Erschütterungen erleben und damit tradierte Sicherheiten wegbrechen, schlägt die Stunde des Hochstaplers. Er profitiert vom Wegfall einigermassen nachprüfbarer Kriterien zur Einschätzung sozialen und ökonomischen Handelns. Das ist nach Kriegen nicht anders als in Phasen entfesselter Wirtschaftsprozesse. Es ist also kein Zufall, dass diese Figur sich just in unseren Tagen auf dem Theater wie in den Medien wieder zu regen beginnt. «Schöner lügen – Hochstapler bekennen», nannte sich eine Textcollage, die Ende 2008 am Wiener Burgtheater gezeigt wurde und vor allem auf Walter Serners «Handbrevier für Hochstapler» zurückgriff, das 2007 neu aufgelegt wurde.
Jung, smart, dynamisch
In der Realität war der Hochstapler schon 2000 im Umfeld der New-Economy-Blase wieder aufgetaucht. Das offensiv vermarktete Erfolgsetikett ihrer Akteure, das im Übrigen erstmals die Inflationsgewinnler der zwanziger Jahre für sich reklamierten, lautete «jung, smart, dynamisch». Einige wenige dieser «schillernden» Figuren, wie sie im Wirtschaftsteil gerne tituliert werden, landeten nach dem Platzen der Blase vor Gericht, der Rest fügte sich ins zunehmend deregulierte Börsenspiel unauffällig ein. Die Literatur hat diese Zusammenhänge klarer erkannt, als die Wirtschaftsforscher sie wahrhaben wollten. Der Ex-Broker in Paul Divjaks Roman «Kinsky» (2007) oder der Börsenguru Max in Marlene Streeruwitz' Roman «Kreuzungen» (2008) sind beide, wie viele der heutigen Profiteure im Dschungel der Derivatgeschäfte, Quereinsteiger von unten. Sie begannen ihre Karrieren als Hochstapler mit zweifelhaften Luftgeschäften im grossen Stil, und es erging ihnen wie in der Realität: Einige können sich wie Max durchsetzen und darauf vertrauen, dass späterhin keiner mehr nach der Herkunft der ersten Million fragt; andere bewältigen den Aufstieg nicht und stürzen rasch wieder ab wie Kinsky.
Das bevorzugte Aktionsfeld des Hochstaplers sind immer Boombranchen, wo das Geschäftsgebaren tendenziell ausser Kontrolle gerät. Das generiert einen Handlungsraum, in dem ohne Fundament agiert werden kann. Wer die Erwartungshaltungen und (Bild-)Vorstellungen dieses Feldes besonders kühn und selbstgewiss bedient, hat gute Chancen auf Erfolg, unabhängig von seinem realen Standing. «Ein phantastischer Lügner ist jener Lügner, dessen Lügen zu den Tatsachen stimmen», sagt Vinzenz in Robert Musils Komödie «Vinzenz oder die Freundin bedeutender Männer» (1924), der mit dem Gestus der Hochstapelei experimentiert. «In dieser wahrhaftig sträflichen Unordnung», so Vinzenz, «lasse einfach auch ich manchmal ein kleines Kügelchen rollen; und das Merkwürdigste ist: in welcher . . . Richtung Du auch eine solche kleine Handlung abgehen lässt, sie kommt immer gut durch die Wirklichkeit durch, als wäre sie dort geradezu erwartet worden.»
Auch der Kulturbetrieb ist ein mögliches Operationsgebiet, das hat Daniel Kehlmann bereits 2003 in seinem Roman «Ich und Kaminski» vorgeführt: Sein Kunstkritiker ist ein «veritabler Hochstapler ohne Bildung und ohne einschlägige Kenntnisse», so formulierte ein Kritiker, allerdings erst im Jahr 2009. Kehlmanns Roman könnte man als Satire abtun, doch es gibt auch gerichtsanhängige Fallgeschichten. Im Frühjahr 2005 tauchte in Österreich ein Mann namens Peter Kafka auf, der sich als deutscher Countertenor ausgab und in Wien als Intendant auftrat: Er plante im Garten des traditionsreichen Wiener Palais Schwarzenberg ein Arien-Potpourri als gigantische Sommeroper aufzuziehen, engagierte den Regisseur Wolfgang Ritzberger, ein Orchester, ein ganzes Schock von Sängern, setzte die Proben in gediegenen Konzertsälen an, bestellte aufwendige Kostüme und ein üppiges Catering. Der Vorverkauf lief an, doch die Premiere kam nicht zustande. Der Intendant entpuppte sich gewissermassen als idealtypischer Quereinsteiger, dessen Qualifikation in einer abgebrochenen Bäckerlehre und einem selbstbewussten Auftreten bestand. Das erfuhr man allerdings erst nach seiner Flucht. Zurück blieben ein düpiertes Ensemble und ein Schaden von 420 000 Euro. Interessanterweise fiel im Jahr 2005 nie der Begriff Hochstapler, wiewohl Peter Kafka idealtypisch diesem Typus entsprach. Man berichtete damals generell nicht allzu ausführlich über den Fall, wohl auch, weil er die Frage nach Praktiken des Kulturbetriebs und seiner Neigung zu «Eventisierung» und Geschäftemacherei mit in den Raum stellte.
Analogien zur Zwischenkriegszeit
Dass der Begriff heute wieder rascher zur Hand ist, hat mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise zu tun, die Analogien zur Zwischenkriegszeit wachrief, und das war eben eine Blütezeit des Hochstaplers. Um das zu recherchieren, kann man die damaligen Zeitungen durchblättern oder die Epochenromane lesen. Eine klassische Fallgeschichte liefert etwa Hermann Broch im dritten Teil seiner «Schlafwandler»-Trilogie mit der Figur des Deserteurs und Luftgeschäftemachers Huguenau. Die dichtesten Epochenporträts stammen mitunter allerdings nicht von den kanonisierten Autoren, was durchaus auch im Sinne einer Kanon-Revision nützliche Folgen haben könnte.
Literarisch ist der Hochstapler jedenfalls organischer Bestandteil im Bild der «Goldenen Zwanziger Jahre». Seine Orte sind die Verkehrsflächen des Luxuskonsums, die immer proportional zur Möglichkeit des «schnellen grossen Geldes» an Bedeutung gewinnen, denn die Befriedigung der Aufgestiegenen liegt im Zurschaustellen ihres neuen Reichtums. Was in unserer Zeit das hochpreisige In-Lokal ist, war damals die Hotelbar. Die Welt der Mondänen im Getriebe der Nobelhotels, hier ist der Hochstapler zu Hause; alle Akteure dieses Biotops haben Geld oder auch nicht, jedenfalls wahren sie den Schein. Wie sie dazu gekommen sind, ja sogar, ob es im Moment des Zusammentreffens überhaupt noch vorhanden ist, kursiert allenfalls als Gerücht. In Maria Peteanis oft verfilmtem Roman «Der Page vom Dalmasse Hotel» (1933) wispern sich die beiden Hochstaplerinnen, die sich als reiche Amerikanerinnen ausgeben und einen soliden preussischen Gutsherrn angeln wollen, einmal ängstlich zu: «Hoffentlich ist er kein Hochstapler.»
«Auf Herkunft kann er sich nicht berufen – wird seine
Auf Herkunft kann der Hochstapler sich nicht berufen – das ist dort nicht richtig, wo gerade die Herkunft und das mit ihr aufgesogene symbolische Kapital vornehmen bis präpotenten Verhaltens seine operative Basis darstellen, also zum Beispiel bei den 1918 deklassierten Aristokraten. Ihnen war oft wenig geblieben ausser ihrem Namen und ihrem Gehabe, vielleicht das eine oder andere Repräsentationsutensil. Damit ausgestattet bildeten sie ein breites Rekrutierungsfeld für die Hochstapler der Zeit. Das ideale Umfeld schuf die gesellschaftliche Deregulierung, die märchenhafte Aufstiege und ebensolche Abstürze möglich macht und damit die Erkennbarkeit der Sozialcharaktere reduziert. Wer sich gediegen benimmt, kann ein armer Schlucker und Betrüger sein, wer ungehobelt daherkommt, ein Oligarch. Ganz ähnlich hat das jüngst der langjährige Kellner eines Wiener Nobelrestaurants beschrieben.
Diese sozialen Unschärfen, wie sie typisch sind im Gefolge von Kriegen oder Krisen, macht sich der Hochstapler aus einst gutem Hause zunutze. «Es ist wahr, dass unser Nachtpublikum nicht first class ist. Aber – que voulez-vous – nur schlechtes Publikum bringt Geld in die Bude», klagt der Direktor in Vicki Baums «Menschen im Hotel» (1929) ausgerechnet dem Baron Gaigern. Der aber ist ein Hochstapler par excellence: Er sieht prächtig aus, «hat was vom Kintopp», gibt sich je nach Situation sorglos, jovial oder herrisch; sein Herkunftskontext ist sein Kapital, auch wenn ihm die ökonomische Basis weggebrochen ist und er gerade einen Juwelenraub vorbereitet.
Otto Soyka, der zu Unrecht völlig vergessene Autor psychologischer Thriller, analysiert in seinen Romanen der zwanziger Jahre die Verschränkung von wirtschaftlicher Zerrüttung und sozialen Verhaltensweisen wie kaum ein anderer, und er ist ein genauer Beobachter der neuen Ausdrucksformen der (Geld-)Macht. In turbulenten Zeiten, wo Kurseinbrüche über Nacht Existenzen vernichten können, klammern sich die Menschen dankbar an das scheinbar Evidente, eine überzeugend vorgespielte «soziale Geste» wird bereitwillig akzeptiert. Das hat auch mit der flächendeckenden medialen Berichterstattung über die Usancen in der Welt der Reichen und Schönen zu tun.
«Wir leben im Zeitalter der Geste. Der gebildete Mensch von heute hat die Welt nicht erlebt, sondern er hat hauptsächlich von ihr gelesen. Er erwartet Romanszenen von der Wirklichkeit und ist stets bereit, mitzuspielen», heisst es in Soykas Roman «Eva Morsini – die Frau, die war . . .» (1923). Einer der Akteure des Buches kidnappt die zum Tode verurteilte Eva Morsini aus dem Justizpalast, just als sie zur Hinrichtung geführt wird. Das Ganze läuft recht simpel ab: Der Befreier hat sich ein stadtbekanntes Fahrzeug der regierenden Macht besorgt, prescht in den Hof des Justizgebäudes hinein, wedelt mit einem Papier, auf dem nichts steht, und schon geht's mit der Delinquentin an Bord Richtung Regierungspalast bzw. haarscharf dran vorbei und in die Freiheit. Jede der Spielfiguren ist im Rückblick überzeugt, richtig gehandelt zu haben, schliesslich war der fremde Herr eindeutig ein hoher Regierungsvertreter.
Auch die Dichter . . .
Soyka hat auch das Gegenteil eines Hochstaplers durchgespielt, sein «Geldfeind» (1923) ist ein über Nacht zu Reichtum gekommener kleiner Angestellter, der niemandem davon erzählt. Der abgründigste Tiefstapler aber ist der ältliche Liftboy Ignaz mit den «bierhellen Kontrollaugen» in Joseph Roths «Hotel Savoy» (1924). Seine Position als Organisator der hausinternen Mobilität nutzt er schamlos zur Sozialkontrolle über die Lebensumstände der Hotelgäste. Der lebenstüchtige Kroate Zwonimir lehnt Fahrstuhl wie Ignaz kategorisch ab. Beide sind ihm unheimlich, und er geht die Treppen lieber zu Fuss. Zwar bleibt das Fahrstuhlunglück aus, aber Ignaz ist nicht Ignaz, sondern der geheimnisvolle Hotelbesitzer selbst. Im Hotel wie in der Wirtschaftskrise werden die Sozialrollen diffus, wie dem schwebenden Lift fehlt ihnen die Erdung im Alltag.
Eine Erdung in nachprüfbaren Kriterien wird mitunter auch im Literaturbetrieb zum Problem. Deshalb, so Albert Ehrenstein, seien «unter den Dichtern . . . mehr Hochstapler als sonstwo», denen nur «die korrupte Literaturpolizei dieses Adelsprädikat verleiht».
Evelyne Polt-Heinzl lebt und arbeitet als Literaturwissenschafterin sowie als Kuratorin in Wien. Zuletzt erschien im Brandstätter-Verlag der Band «Abenteuer Bibliothek. Ein Ort des Wissens und der Fantasie».
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Mittwoch, Januar 06, 2010
Indiens Maoisten profitieren vom Versagen der Politiker
31. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Indiens Maoisten profitieren vom Versagen der Politiker
Der Gliedstaat Jharkhand betreibt Bergbau im grossen Stil, doch der lokalen Bevölkerung hat dies nur Elend und Vertreibung gebracht
Andrea Spalinger, Ranchi
In den letzten Monaten haben maoistische Rebellen in Indien immer wieder mit spektakulären Angriffen auf sich aufmerksam gemacht. In verschiedenen Gliedstaaten griffen die sogenannten Naxaliten Polizeipatrouillen an, sprengten Schulen und andere öffentliche Gebäude in die Luft und entführten Polizisten und Geschäftsleute. In den letzten sechs Monaten allein verübten sie landesweit über 1400 Gewalttaten, die rund 600 Personen das Leben kosteten.
Zunehmende Stärke
Die Naxaliten haben ihren Ursprung in einem Aufstand von Stämmen gegen Landenteignungen 1967 in Naxalbari in Westbengalen. Die Bewegung erreichte 1972 einen ersten Höhepunkt, als sie weite Gebiete von Bihar und Westbengalen wie auch Teile von Uttar Pradesh und Andhra Pradesh unter ihre Kontrolle brachte. Danach verlor sie vorübergehend an Einfluss, bis sich Ende der achtziger Jahre eine Reihe neuer maoistischer Grüppchen bildete, in denen die verbliebenen Naxaliten aufgingen. Starken Auftrieb erhielt die Bewegung 2004 durch den Zusammenschluss dieser Splittergruppen zur Communist Party of India (Maoist).
Seither haben sich die Maoisten in Indien enorm ausgebreitet. Sie sind heute in 20 von 28 Gliedstaaten präsent und verfügen....
31. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Indiens Maoisten profitieren vom Versagen der Politiker
Der Gliedstaat Jharkhand betreibt Bergbau im grossen Stil, doch der lokalen Bevölkerung hat dies nur Elend und Vertreibung gebracht
Andrea Spalinger, Ranchi
In den letzten Monaten haben maoistische Rebellen in Indien immer wieder mit spektakulären Angriffen auf sich aufmerksam gemacht. In verschiedenen Gliedstaaten griffen die sogenannten Naxaliten Polizeipatrouillen an, sprengten Schulen und andere öffentliche Gebäude in die Luft und entführten Polizisten und Geschäftsleute. In den letzten sechs Monaten allein verübten sie landesweit über 1400 Gewalttaten, die rund 600 Personen das Leben kosteten.
Zunehmende Stärke
Die Naxaliten haben ihren Ursprung in einem Aufstand von Stämmen gegen Landenteignungen 1967 in Naxalbari in Westbengalen. Die Bewegung erreichte 1972 einen ersten Höhepunkt, als sie weite Gebiete von Bihar und Westbengalen wie auch Teile von Uttar Pradesh und Andhra Pradesh unter ihre Kontrolle brachte. Danach verlor sie vorübergehend an Einfluss, bis sich Ende der achtziger Jahre eine Reihe neuer maoistischer Grüppchen bildete, in denen die verbliebenen Naxaliten aufgingen. Starken Auftrieb erhielt die Bewegung 2004 durch den Zusammenschluss dieser Splittergruppen zur Communist Party of India (Maoist).
Seither haben sich die Maoisten in Indien enorm ausgebreitet. Sie sind heute in 20 von 28 Gliedstaaten präsent und verfügen je nach Schätzungen über 10 000 bis 20 000 Kämpfer und ein Heer von – freiwilligen oder unfreiwilligen – Helfern in den von ihnen kontrollierten Dörfern. Am stärksten ist ihr Einfluss im «Roten Korridor», einem von Ureinwohnern bewohnten, ressourcenreichen Dschungelgebiet, das sich von der nepalesischen Grenze bis hinunter nach Andhra Pradesh zieht. In ihren Hochburgen Bihar, Westbengalen, Chhattisgarh, Jharkhand und Andhra Pradesh haben sie in einigen Gebieten eine Art Parallelstaat aufgebaut, in anderen sorgen sie mit sporadischen Überfällen und Anschlägen für Angst und Schrecken.
Keine einheitliche Strategie
Premierminister Manmohan Singh bezeichnet die kommunistischen Rebellen heute als die grösste Gefahr für die innere Sicherheit des Landes. In der Tat kommen jährlich viel mehr Bürger bei Angriffen der Maoisten ums Leben als durch die Gewalt islamistischer Extremisten. Laut dem Institute for Conflict Management in Delhi wurden seit 2005 2000 Personen bei Angriffen der Naxaliten getötet. Dennoch vernachlässigte die Zentralregierung die Gefahr bisher sträflich und überliess es den Gliedstaaten, eine Strategie im Kampf gegen die Naxaliten zu entwickeln.
Diese Politik war wenig erfolgreich. Eine Grossoffensive in Andhra Pradesh führte dazu, dass sich die Rebellen in Nachbarstaaten absetzten und das Problem nur verlagert wurde. In Chhattisgarh schickte der Staat eine Bürgermiliz in den Dschungel, die kaum einen Unterschied zwischen Rebellen und der lokalen Stammesbevölkerung machte. Hunderte von Zivilisten kamen ums Leben, Zehntausende wurden vertrieben. Dies verschaffte den Maoisten im Gliedstaat nur mehr Zulauf.
Seit ihrer Wiederwahl im Frühjahr nimmt die Kongressregierung das Thema nun jedoch sehr viel ernster. Der neue Innenminister Chidambaram hat es ganz oben auf seine Traktandenliste gesetzt und für Anfang 2010 eine Grossoffensive gegen die Rebellen angekündigt. Über 75 000 Paramilitärs und Polizisten sollen die von den Maoisten kontrollierten Gebiete zurückerobern.
In Jharkhand, einem der am schwersten betroffenen Gliedstaaten, ist man allerdings skeptisch, dass das Naxaliten-Problem militärisch gelöst werden kann. Die Regierungen in Delhi hätten die von Adivasi (Ureinwohnern) besiedelten Gebiete im Herzen des Subkontinents jahrzehntelang vernachlässigt, sagt Jaideep Deogharia, ein Journalist in Ranchi. Im Dschungel Jharkhands sei der Staat bis heute fast gar nicht präsent. Es gebe dort weder Schulen noch Spitäler noch Gerichte. Dieses Machtvakuum habe den Vormarsch der Maoisten begünstigt und nicht der Hang zu kommunistischer Ideologie, sagt er.
Jharkhand ist in der Tat ein anschauliches Beispiel dafür, dass der wachsende Einfluss der Maoisten in Indien nicht allein ein Sicherheitsproblem darstellt, sondern politische und soziale Wurzeln hat. Der Gliedstaat (der erst seit dem Jahr 2000 existiert und vorher ein Teil Bihars war) ist reich an Bodenschätzen wie Kohle, Eisenerz, Kupfer, Bauxit und Uran. Doch deren Ausbeutung hat den Bewohnern der Region in den sechzig Jahren seit der Unabhängigkeit Indiens ausser Vertreibung und Elend kaum etwas gebracht. Das Geld aus den millionenschweren Bergbau-Kontrakten floss in die Taschen korrupter Politiker und Beamter.
Bitterarm trotz Bergbau
Eine Fahrt durch Hazaribag, einen Distrikt im Norden Jharkhands, führt das Dilemma vor Augen. Der Abbau der Rohstoffvorkommen hat in der einst idyllischen Dschungelregion deutliche Spuren hinterlassen. Eine Kohlegrube reiht sich an die nächste. Einige sind noch in Betrieb. Viele sind bereits ausgebeutet und wieder verlassen. Um sie herum ist das Land unbewohnbar geworden. Kilometerweit reihen sich riesige schwarze Krater und Erdaufschüttungen aneinander.
Laut Faisal Anurag, der seit Jahrzehnten für die Rechte der Adivasi in Jharkhand kämpft, sind in der Region seit der Erlangung der Unabhängigkeit 1947 über 2,5 Millionen Menschen wegen Minenprojekten vertrieben worden. 80 Prozent von ihnen seien Adivasi gewesen, nur 2 Prozent hätten anderswo Land zugesprochen bekommen. Der Rest sei in grossstädtischen Slums gelandet.
Die Regierung in Ranchi hat in den letzten Jahren über hundert Vereinbarungen mit indischen und ausländischen Konzernen über neue Bergbauprojekte getroffen. Doch der Widerstand der Bevölkerung wächst, und erst wenige Gruben konnten mit der Arbeit beginnen. Der Grossteil des Protests sei friedlich, sagt Dayamani Barla, die eine Volksbewegung gegen ein Eisenerzprojekt des Unternehmens ArcelorMittal anführt. Dennoch werde jeder, der sich wehre, als Maoist abgestempelt. Viele Aktivisten seien verhaftet worden, obwohl sie nichts mit den Rebellen am Hut hätten, schimpft Barla.
«Jharkhand ist ein kleiner Staat. Wenn hier über hundert neue Gruben entstehen, bleibt kein Land für die Adivasi übrig», so ereifert sich die quirlige Frau. «Die Stämme leben im Einklang mit der Natur und ernähren sich fast ausschliesslich von Produkten aus dem Dschungel. Wenn man sie von dort vertreibt, verlieren sie ihre Lebensgrundlage und ihre Identität.» Die Adivasi wollten ihr Land deshalb nicht aufgeben, nicht einmal, wenn sie dafür entschädigt würden, sagt Barla. Im Moment bekämen sie jedoch gar nichts. Die Regierung spreche zwar bei jedem Projekt von Kompensation und Rehabilitation, doch dies seien nur leere Worte.
Himmelschreiende Korruption
Eine Reihe von Wirtschaftsexperten hingegen ist der Ansicht, dass die Ausbeutung der Bodenschätze eine Chance darstellt. Wenn das Potenzial genutzt würde, um die Region zu entwickeln, wäre nichts dagegen einzuwenden, meint ein Berater eines multinationalen Bergbauunternehmens, der nicht namentlich genannt werden möchte. Es sei jedoch höchst problematisch, dass der Allgemeinheit von dem vielen Geld, das Firmen in Form von Lizenzen und Steuern bezahlten, kaum etwas zugutekomme.
In den fünf Jahren seit seiner Unabhängigkeit hat sich Jharkhand bereits den Ruf des korruptesten Staates in ganz Indien geschaffen. Wie nirgendwo sonst im Land haben sich die Politiker hier selbst bereichert. Madhu Koda etwa, der zwischen 2006 und 2008 Chefminister war, soll in seiner kurzen Amtszeit nicht weniger als 40 Milliarden Rupien (etwa 900 Millionen Franken) in die Taschen gesteckt haben. Gegen Koda läuft derzeit ein Verfahren, doch viele andere bereichern sich ungehindert weiter.
«Die himmelschreiende Korruption und der rücksichtslose Umgang der Behörden mit den Adivasi haben den Maoisten Zulauf verschafft», sagt Sashi Bushan Pathak, ein Dorflehrer und Sympathisant der Naxaliten in Hazaribag. Die Maoisten versprächen den Stämmen Autonomie und den Schutz ihrer politischen und kulturellen Rechte. Damit hätten sie viele Adivasi für sich gewinnen können.
Politische Lösung nötig
Der Polizeichef von Hazaribag, M. S. Bhatia, stimmt dieser Einschätzung zu. Der aus dem Punjab stammende Sikh ist seit zehn Jahren in Jharkhand stationiert und betrachtet die Naxaliten im Gegensatz zu vielen Militärs und Polizeioffizieren in Delhi nicht nur als ein Problem von Recht und Ordnung. Die Regierung müsse eine politische Lösung suchen, fordert er. Mit militärischen Mitteln allein könnten die Maoisten nicht besiegt werden.
Die Maoisten hätten grossen Einfluss in Hazaribag, gesteht der Polizeichef ein. Sie würden im Distrikt «Steuern» erheben, Volksgerichte abhalten und Leute zwangsrekrutieren. Die Bevölkerung müsse sich mit den Rebellen arrangieren. Kaum jemand kooperiere mit den Sicherheitskräften aus Angst vor Repressionsmassnahmen. Doch nicht nur in abgelegenen Distrikten im Dschungel haben die Maoisten heute das Sagen. Auch in vielen Vierteln der Hauptstadt Ranchi zahlen Ladenbesitzer Abgaben an die Rebellen, und selbst Regierungsbeamte müssen einen Teil ihres Diwali-Geldes (eine Art 13. Monatslohn, den Staatsangestellte zum hinduistischen Feiertag Diwali bekommen) abgeben.
«Alle in Jharkhand tätigen Firmen entrichten Abgaben, in der Regel etwa 10 Prozent des Umsatzes», berichtet der Bergbauunternehmer Deepak Kumar. «Dafür beschützen die Maoisten unsere Gruben und unsere Arbeiter.» Das Wirtschaftsklima in Jharkhand sei eine Katastrophe. Die Regierung vergebe Lizenzen für den Abbau von Rohstoffen, sorge in den Bergbaugebieten aber nicht für Recht und Ordnung. Als Unternehmer müsse man sich irgendwie in das System einfügen, so rechtfertigt Kumar die Tatsache, dass auch er den Rebellen jeden Monat eine Tüte voller Geldscheine übergibt.
Volle Kriegskassen
Der Mittvierziger, dessen Familie seit Generationen im Bergbau tätig ist, weiss, dass mit den Maoisten nicht zu spassen ist. Vor fünf Jahren wurde er entführt, weil eine Zahlung nicht ordnungsgemäss über die Bühne gegangen war. Er habe damals Geld an eine andere kriminelle Gruppe bezahlt, die sich als Maoisten ausgegeben habe, erklärt er. Die Polizei kam den Entführern auf die Spur und umzingelte das Haus, in dem Kumar festgehalten wurde. Während einer mehrstündigen Schiesserei konnte der Unternehmer fliehen, was allerdings nicht bedeutete, dass er damit dem Einflussbereich der Maoisten entkommen wäre. «Natürlich sind sie wiedergekommen, und ich habe für den Vorfall bezahlt. Seither weiss ich genau, wem ich das Geld zu übergeben habe», fügt er hinzu.
Die Führungsriege der Maoisten sei in den letzten Jahren sehr reich geworden, meint der Journalist Jaideep. Viele Kader hätten angefangen, in Ranchi Immobilien zu kaufen und ihre Kinder zur Ausbildung ins Ausland zu schicken. Laut dem Polizeichef Bhatia treiben die Maoisten allein in Jharkhand jährlich etwa eine Milliarde Rupien (umgerechnet 24 Millionen Franken) ein. Damit könnten sie Waffen kaufen und massenweise Kämpfer aus armen Bevölkerungsschichten anheuern.
Innenminister Chidambaram habe das Problem erkannt und wolle es mit einer Offensive lösen, sagt Bhatia. Eine solche birgt seiner Ansicht nach aber einige Gefahren. «Die Infrastruktur hier ist schlecht, unser Informantennetz ebenfalls. Im Dschungelkrieg sind uns die Naxaliten weit überlegen.» Ausserdem sei es schwierig, zwischen Zivilisten und maoistischen Kämpfern zu unterscheiden, und die Gefahr, dass bei einer Offensive viele Unschuldige ums Leben kämen, sei gross. Die Regierung müsse die Region entwickeln, fordert Bhatia. Wenn die Menschen hier Jobs hätten und Schulen für ihre Kinder, würden die Naxaliten schnell an Anziehungskraft verlieren.
Auch Pathak ist überzeugt, dass eine Offensive kontraproduktiv sei, weil sie nur mehr Unterdrückung bringe. Bereits heute kämen in Jharkhand viele unschuldige Dörfler bei Polizeiaktionen ums Leben, kritisiert er. Zudem seien unter fadenscheinigen Begründungen etwa 4000 Zivilisten verhaftet worden.
Fragwürdiges Doppelspiel
Hinter vorgehaltener Hand äussern viele Gesprächspartner in Jharkhand den Verdacht, dass die Regierung in Ranchi gar kein Interesse an einer Lösung des Naxaliten-Problems habe, weil dieses einen willkommenen Vorwand für die Vertreibung der Adivasi aus dem rohstoffreichen Dschungelgebiet liefere. Während man vorgebe, den Kampf gegen die Maoisten zu führen, kümmere man sich hinter den Kulissen darum, die Taschen mit Geld aus Bergbau-Kontrakten zu füllen. Nicht nur Aktivisten, sondern auch Vertreter der Bergbauindustrie sind überzeugt, dass viele Lokalpolitiker mit den Maoisten unter einer Decke stecken. Laut Journalisten in Ranchi kaufen sich die Politiker im Wahlkampf nicht selten sogar die Unterstützung der Naxaliten.
Indiens Maoisten profitieren vom Versagen der Politiker
Der Gliedstaat Jharkhand betreibt Bergbau im grossen Stil, doch der lokalen Bevölkerung hat dies nur Elend und Vertreibung gebracht
Andrea Spalinger, Ranchi
In den letzten Monaten haben maoistische Rebellen in Indien immer wieder mit spektakulären Angriffen auf sich aufmerksam gemacht. In verschiedenen Gliedstaaten griffen die sogenannten Naxaliten Polizeipatrouillen an, sprengten Schulen und andere öffentliche Gebäude in die Luft und entführten Polizisten und Geschäftsleute. In den letzten sechs Monaten allein verübten sie landesweit über 1400 Gewalttaten, die rund 600 Personen das Leben kosteten.
Zunehmende Stärke
Die Naxaliten haben ihren Ursprung in einem Aufstand von Stämmen gegen Landenteignungen 1967 in Naxalbari in Westbengalen. Die Bewegung erreichte 1972 einen ersten Höhepunkt, als sie weite Gebiete von Bihar und Westbengalen wie auch Teile von Uttar Pradesh und Andhra Pradesh unter ihre Kontrolle brachte. Danach verlor sie vorübergehend an Einfluss, bis sich Ende der achtziger Jahre eine Reihe neuer maoistischer Grüppchen bildete, in denen die verbliebenen Naxaliten aufgingen. Starken Auftrieb erhielt die Bewegung 2004 durch den Zusammenschluss dieser Splittergruppen zur Communist Party of India (Maoist).
Seither haben sich die Maoisten in Indien enorm ausgebreitet. Sie sind heute in 20 von 28 Gliedstaaten präsent und verfügen....
31. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Indiens Maoisten profitieren vom Versagen der Politiker
Der Gliedstaat Jharkhand betreibt Bergbau im grossen Stil, doch der lokalen Bevölkerung hat dies nur Elend und Vertreibung gebracht
Andrea Spalinger, Ranchi
In den letzten Monaten haben maoistische Rebellen in Indien immer wieder mit spektakulären Angriffen auf sich aufmerksam gemacht. In verschiedenen Gliedstaaten griffen die sogenannten Naxaliten Polizeipatrouillen an, sprengten Schulen und andere öffentliche Gebäude in die Luft und entführten Polizisten und Geschäftsleute. In den letzten sechs Monaten allein verübten sie landesweit über 1400 Gewalttaten, die rund 600 Personen das Leben kosteten.
Zunehmende Stärke
Die Naxaliten haben ihren Ursprung in einem Aufstand von Stämmen gegen Landenteignungen 1967 in Naxalbari in Westbengalen. Die Bewegung erreichte 1972 einen ersten Höhepunkt, als sie weite Gebiete von Bihar und Westbengalen wie auch Teile von Uttar Pradesh und Andhra Pradesh unter ihre Kontrolle brachte. Danach verlor sie vorübergehend an Einfluss, bis sich Ende der achtziger Jahre eine Reihe neuer maoistischer Grüppchen bildete, in denen die verbliebenen Naxaliten aufgingen. Starken Auftrieb erhielt die Bewegung 2004 durch den Zusammenschluss dieser Splittergruppen zur Communist Party of India (Maoist).
Seither haben sich die Maoisten in Indien enorm ausgebreitet. Sie sind heute in 20 von 28 Gliedstaaten präsent und verfügen je nach Schätzungen über 10 000 bis 20 000 Kämpfer und ein Heer von – freiwilligen oder unfreiwilligen – Helfern in den von ihnen kontrollierten Dörfern. Am stärksten ist ihr Einfluss im «Roten Korridor», einem von Ureinwohnern bewohnten, ressourcenreichen Dschungelgebiet, das sich von der nepalesischen Grenze bis hinunter nach Andhra Pradesh zieht. In ihren Hochburgen Bihar, Westbengalen, Chhattisgarh, Jharkhand und Andhra Pradesh haben sie in einigen Gebieten eine Art Parallelstaat aufgebaut, in anderen sorgen sie mit sporadischen Überfällen und Anschlägen für Angst und Schrecken.
Keine einheitliche Strategie
Premierminister Manmohan Singh bezeichnet die kommunistischen Rebellen heute als die grösste Gefahr für die innere Sicherheit des Landes. In der Tat kommen jährlich viel mehr Bürger bei Angriffen der Maoisten ums Leben als durch die Gewalt islamistischer Extremisten. Laut dem Institute for Conflict Management in Delhi wurden seit 2005 2000 Personen bei Angriffen der Naxaliten getötet. Dennoch vernachlässigte die Zentralregierung die Gefahr bisher sträflich und überliess es den Gliedstaaten, eine Strategie im Kampf gegen die Naxaliten zu entwickeln.
Diese Politik war wenig erfolgreich. Eine Grossoffensive in Andhra Pradesh führte dazu, dass sich die Rebellen in Nachbarstaaten absetzten und das Problem nur verlagert wurde. In Chhattisgarh schickte der Staat eine Bürgermiliz in den Dschungel, die kaum einen Unterschied zwischen Rebellen und der lokalen Stammesbevölkerung machte. Hunderte von Zivilisten kamen ums Leben, Zehntausende wurden vertrieben. Dies verschaffte den Maoisten im Gliedstaat nur mehr Zulauf.
Seit ihrer Wiederwahl im Frühjahr nimmt die Kongressregierung das Thema nun jedoch sehr viel ernster. Der neue Innenminister Chidambaram hat es ganz oben auf seine Traktandenliste gesetzt und für Anfang 2010 eine Grossoffensive gegen die Rebellen angekündigt. Über 75 000 Paramilitärs und Polizisten sollen die von den Maoisten kontrollierten Gebiete zurückerobern.
In Jharkhand, einem der am schwersten betroffenen Gliedstaaten, ist man allerdings skeptisch, dass das Naxaliten-Problem militärisch gelöst werden kann. Die Regierungen in Delhi hätten die von Adivasi (Ureinwohnern) besiedelten Gebiete im Herzen des Subkontinents jahrzehntelang vernachlässigt, sagt Jaideep Deogharia, ein Journalist in Ranchi. Im Dschungel Jharkhands sei der Staat bis heute fast gar nicht präsent. Es gebe dort weder Schulen noch Spitäler noch Gerichte. Dieses Machtvakuum habe den Vormarsch der Maoisten begünstigt und nicht der Hang zu kommunistischer Ideologie, sagt er.
Jharkhand ist in der Tat ein anschauliches Beispiel dafür, dass der wachsende Einfluss der Maoisten in Indien nicht allein ein Sicherheitsproblem darstellt, sondern politische und soziale Wurzeln hat. Der Gliedstaat (der erst seit dem Jahr 2000 existiert und vorher ein Teil Bihars war) ist reich an Bodenschätzen wie Kohle, Eisenerz, Kupfer, Bauxit und Uran. Doch deren Ausbeutung hat den Bewohnern der Region in den sechzig Jahren seit der Unabhängigkeit Indiens ausser Vertreibung und Elend kaum etwas gebracht. Das Geld aus den millionenschweren Bergbau-Kontrakten floss in die Taschen korrupter Politiker und Beamter.
Bitterarm trotz Bergbau
Eine Fahrt durch Hazaribag, einen Distrikt im Norden Jharkhands, führt das Dilemma vor Augen. Der Abbau der Rohstoffvorkommen hat in der einst idyllischen Dschungelregion deutliche Spuren hinterlassen. Eine Kohlegrube reiht sich an die nächste. Einige sind noch in Betrieb. Viele sind bereits ausgebeutet und wieder verlassen. Um sie herum ist das Land unbewohnbar geworden. Kilometerweit reihen sich riesige schwarze Krater und Erdaufschüttungen aneinander.
Laut Faisal Anurag, der seit Jahrzehnten für die Rechte der Adivasi in Jharkhand kämpft, sind in der Region seit der Erlangung der Unabhängigkeit 1947 über 2,5 Millionen Menschen wegen Minenprojekten vertrieben worden. 80 Prozent von ihnen seien Adivasi gewesen, nur 2 Prozent hätten anderswo Land zugesprochen bekommen. Der Rest sei in grossstädtischen Slums gelandet.
Die Regierung in Ranchi hat in den letzten Jahren über hundert Vereinbarungen mit indischen und ausländischen Konzernen über neue Bergbauprojekte getroffen. Doch der Widerstand der Bevölkerung wächst, und erst wenige Gruben konnten mit der Arbeit beginnen. Der Grossteil des Protests sei friedlich, sagt Dayamani Barla, die eine Volksbewegung gegen ein Eisenerzprojekt des Unternehmens ArcelorMittal anführt. Dennoch werde jeder, der sich wehre, als Maoist abgestempelt. Viele Aktivisten seien verhaftet worden, obwohl sie nichts mit den Rebellen am Hut hätten, schimpft Barla.
«Jharkhand ist ein kleiner Staat. Wenn hier über hundert neue Gruben entstehen, bleibt kein Land für die Adivasi übrig», so ereifert sich die quirlige Frau. «Die Stämme leben im Einklang mit der Natur und ernähren sich fast ausschliesslich von Produkten aus dem Dschungel. Wenn man sie von dort vertreibt, verlieren sie ihre Lebensgrundlage und ihre Identität.» Die Adivasi wollten ihr Land deshalb nicht aufgeben, nicht einmal, wenn sie dafür entschädigt würden, sagt Barla. Im Moment bekämen sie jedoch gar nichts. Die Regierung spreche zwar bei jedem Projekt von Kompensation und Rehabilitation, doch dies seien nur leere Worte.
Himmelschreiende Korruption
Eine Reihe von Wirtschaftsexperten hingegen ist der Ansicht, dass die Ausbeutung der Bodenschätze eine Chance darstellt. Wenn das Potenzial genutzt würde, um die Region zu entwickeln, wäre nichts dagegen einzuwenden, meint ein Berater eines multinationalen Bergbauunternehmens, der nicht namentlich genannt werden möchte. Es sei jedoch höchst problematisch, dass der Allgemeinheit von dem vielen Geld, das Firmen in Form von Lizenzen und Steuern bezahlten, kaum etwas zugutekomme.
In den fünf Jahren seit seiner Unabhängigkeit hat sich Jharkhand bereits den Ruf des korruptesten Staates in ganz Indien geschaffen. Wie nirgendwo sonst im Land haben sich die Politiker hier selbst bereichert. Madhu Koda etwa, der zwischen 2006 und 2008 Chefminister war, soll in seiner kurzen Amtszeit nicht weniger als 40 Milliarden Rupien (etwa 900 Millionen Franken) in die Taschen gesteckt haben. Gegen Koda läuft derzeit ein Verfahren, doch viele andere bereichern sich ungehindert weiter.
«Die himmelschreiende Korruption und der rücksichtslose Umgang der Behörden mit den Adivasi haben den Maoisten Zulauf verschafft», sagt Sashi Bushan Pathak, ein Dorflehrer und Sympathisant der Naxaliten in Hazaribag. Die Maoisten versprächen den Stämmen Autonomie und den Schutz ihrer politischen und kulturellen Rechte. Damit hätten sie viele Adivasi für sich gewinnen können.
Politische Lösung nötig
Der Polizeichef von Hazaribag, M. S. Bhatia, stimmt dieser Einschätzung zu. Der aus dem Punjab stammende Sikh ist seit zehn Jahren in Jharkhand stationiert und betrachtet die Naxaliten im Gegensatz zu vielen Militärs und Polizeioffizieren in Delhi nicht nur als ein Problem von Recht und Ordnung. Die Regierung müsse eine politische Lösung suchen, fordert er. Mit militärischen Mitteln allein könnten die Maoisten nicht besiegt werden.
Die Maoisten hätten grossen Einfluss in Hazaribag, gesteht der Polizeichef ein. Sie würden im Distrikt «Steuern» erheben, Volksgerichte abhalten und Leute zwangsrekrutieren. Die Bevölkerung müsse sich mit den Rebellen arrangieren. Kaum jemand kooperiere mit den Sicherheitskräften aus Angst vor Repressionsmassnahmen. Doch nicht nur in abgelegenen Distrikten im Dschungel haben die Maoisten heute das Sagen. Auch in vielen Vierteln der Hauptstadt Ranchi zahlen Ladenbesitzer Abgaben an die Rebellen, und selbst Regierungsbeamte müssen einen Teil ihres Diwali-Geldes (eine Art 13. Monatslohn, den Staatsangestellte zum hinduistischen Feiertag Diwali bekommen) abgeben.
«Alle in Jharkhand tätigen Firmen entrichten Abgaben, in der Regel etwa 10 Prozent des Umsatzes», berichtet der Bergbauunternehmer Deepak Kumar. «Dafür beschützen die Maoisten unsere Gruben und unsere Arbeiter.» Das Wirtschaftsklima in Jharkhand sei eine Katastrophe. Die Regierung vergebe Lizenzen für den Abbau von Rohstoffen, sorge in den Bergbaugebieten aber nicht für Recht und Ordnung. Als Unternehmer müsse man sich irgendwie in das System einfügen, so rechtfertigt Kumar die Tatsache, dass auch er den Rebellen jeden Monat eine Tüte voller Geldscheine übergibt.
Volle Kriegskassen
Der Mittvierziger, dessen Familie seit Generationen im Bergbau tätig ist, weiss, dass mit den Maoisten nicht zu spassen ist. Vor fünf Jahren wurde er entführt, weil eine Zahlung nicht ordnungsgemäss über die Bühne gegangen war. Er habe damals Geld an eine andere kriminelle Gruppe bezahlt, die sich als Maoisten ausgegeben habe, erklärt er. Die Polizei kam den Entführern auf die Spur und umzingelte das Haus, in dem Kumar festgehalten wurde. Während einer mehrstündigen Schiesserei konnte der Unternehmer fliehen, was allerdings nicht bedeutete, dass er damit dem Einflussbereich der Maoisten entkommen wäre. «Natürlich sind sie wiedergekommen, und ich habe für den Vorfall bezahlt. Seither weiss ich genau, wem ich das Geld zu übergeben habe», fügt er hinzu.
Die Führungsriege der Maoisten sei in den letzten Jahren sehr reich geworden, meint der Journalist Jaideep. Viele Kader hätten angefangen, in Ranchi Immobilien zu kaufen und ihre Kinder zur Ausbildung ins Ausland zu schicken. Laut dem Polizeichef Bhatia treiben die Maoisten allein in Jharkhand jährlich etwa eine Milliarde Rupien (umgerechnet 24 Millionen Franken) ein. Damit könnten sie Waffen kaufen und massenweise Kämpfer aus armen Bevölkerungsschichten anheuern.
Innenminister Chidambaram habe das Problem erkannt und wolle es mit einer Offensive lösen, sagt Bhatia. Eine solche birgt seiner Ansicht nach aber einige Gefahren. «Die Infrastruktur hier ist schlecht, unser Informantennetz ebenfalls. Im Dschungelkrieg sind uns die Naxaliten weit überlegen.» Ausserdem sei es schwierig, zwischen Zivilisten und maoistischen Kämpfern zu unterscheiden, und die Gefahr, dass bei einer Offensive viele Unschuldige ums Leben kämen, sei gross. Die Regierung müsse die Region entwickeln, fordert Bhatia. Wenn die Menschen hier Jobs hätten und Schulen für ihre Kinder, würden die Naxaliten schnell an Anziehungskraft verlieren.
Auch Pathak ist überzeugt, dass eine Offensive kontraproduktiv sei, weil sie nur mehr Unterdrückung bringe. Bereits heute kämen in Jharkhand viele unschuldige Dörfler bei Polizeiaktionen ums Leben, kritisiert er. Zudem seien unter fadenscheinigen Begründungen etwa 4000 Zivilisten verhaftet worden.
Fragwürdiges Doppelspiel
Hinter vorgehaltener Hand äussern viele Gesprächspartner in Jharkhand den Verdacht, dass die Regierung in Ranchi gar kein Interesse an einer Lösung des Naxaliten-Problems habe, weil dieses einen willkommenen Vorwand für die Vertreibung der Adivasi aus dem rohstoffreichen Dschungelgebiet liefere. Während man vorgebe, den Kampf gegen die Maoisten zu führen, kümmere man sich hinter den Kulissen darum, die Taschen mit Geld aus Bergbau-Kontrakten zu füllen. Nicht nur Aktivisten, sondern auch Vertreter der Bergbauindustrie sind überzeugt, dass viele Lokalpolitiker mit den Maoisten unter einer Decke stecken. Laut Journalisten in Ranchi kaufen sich die Politiker im Wahlkampf nicht selten sogar die Unterstützung der Naxaliten.
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Sonntag, Januar 03, 2010
Freitag, Januar 01, 2010
Was ist eigentlich normal?
31. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Was ist eigentlich normal?
Wer von einer Krise redet, hat – bewusst oder nicht – eine Vorstellung von dem vor Augen, was Normalität ist
Die Rede von der Krise ist allgegenwärtig. Doch wie erkennt man eine Krise? Eine Krisendiagnose setzt stets eine Vorstellung, eine «Theorie», der Normalität voraus. – Eine kultursoziologische Exkursion in unübersichtlichem Gelände.
Von Gerhard Schulze *
Ohne Normalitätsmodelle gibt es keine Krisen. Das scheint hochtrabend ausgedrückt, wenn die Krise beispielsweise darin besteht, dass der Abfluss verstopft ist. Aber nicht jeder auf der Welt weiss überhaupt, was ein Abfluss ist. Vor einiger Zeit gingen Fotos von Männern eines Naturvolks um die Welt, die in höchster Erregung einen über ihnen kreisenden Helikopter mit Speeren und Pfeilen anzugreifen versuchten. Für uns in den Industrieländern gehört ein Helikopter zum Alltag, für diese Männer bedeutete er Krise, weil ihre Theorie des Normalen keine Helikopter kennt. Sie wissen auch nicht, was ein Abfluss ist und wie er normalerweise zu funktionieren hat. Deshalb bleiben sie gelassen, wenn der Abfluss verstopft ist, während wir die Krise kriegen. Aber was wäre, wenn umgekehrt wir aus den Zonen der Moderne plötzlich in das Urwalddorf versetzt wären? Einerseits....
31. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Was ist eigentlich normal?
Wer von einer Krise redet, hat – bewusst oder nicht – eine Vorstellung von dem vor Augen, was Normalität ist
Die Rede von der Krise ist allgegenwärtig. Doch wie erkennt man eine Krise? Eine Krisendiagnose setzt stets eine Vorstellung, eine «Theorie», der Normalität voraus. – Eine kultursoziologische Exkursion in unübersichtlichem Gelände.
Von Gerhard Schulze *
Ohne Normalitätsmodelle gibt es keine Krisen. Das scheint hochtrabend ausgedrückt, wenn die Krise beispielsweise darin besteht, dass der Abfluss verstopft ist. Aber nicht jeder auf der Welt weiss überhaupt, was ein Abfluss ist. Vor einiger Zeit gingen Fotos von Männern eines Naturvolks um die Welt, die in höchster Erregung einen über ihnen kreisenden Helikopter mit Speeren und Pfeilen anzugreifen versuchten. Für uns in den Industrieländern gehört ein Helikopter zum Alltag, für diese Männer bedeutete er Krise, weil ihre Theorie des Normalen keine Helikopter kennt. Sie wissen auch nicht, was ein Abfluss ist und wie er normalerweise zu funktionieren hat. Deshalb bleiben sie gelassen, wenn der Abfluss verstopft ist, während wir die Krise kriegen. Aber was wäre, wenn umgekehrt wir aus den Zonen der Moderne plötzlich in das Urwalddorf versetzt wären? Einerseits würden wir uns ständig ohne Grund aufregen und andererseits im Krisenfall die Ruhe der Unverständigen an den Tag legen, weil wir nicht wüssten, was normal ist.
Kulturverfall
Aber was ist normal? Die scheinbar simple Denkoperation, das Normale zu erkennen, entpuppt sich schnell als kompliziert und fehleranfällig. Trotzdem findet sie kaum Beachtung. Im Alltag reagieren wir intuitiv, und oft genügt dies. In den grossen Krisendiskursen der Gegenwart, die sich etwa auf Wirtschaft, Bevölkerungsentwicklung, Klima oder Energieversorgung beziehen, genügt Intuition nicht. Noch nie haben so viele Menschen über so viele Krisen nachgedacht, diskutiert, eindringliche Warnungen ausgestossen, aufgerüttelt und auf Abhilfe gesonnen und etwas dagegen getan wie gegenwärtig, und ein Ende ist nicht abzusehen. Aber das intellektuelle Niveau der Debatte ist noch auf dem Stand der Eingeborenen, über deren Dorf ein Helikopter fliegt. Mit «intellektuellem Niveau» meine ich: die Deutlichkeit und Sorgfalt, mit der die Diskussionsteilnehmer über die Qualität der Auseinandersetzung wachen. Kontrollieren sie das zur Begründung herangezogene Wissen? Wie ist es überhaupt entstanden? Welches Wissen wird heimlich und oft unbewusst vorausgesetzt? Wer setzt wen unter Druck? Welche Bedeutung haben sachfremde Motive wie Eitelkeit, Geld, Bequemlichkeit und Feigheit?
Die Krisendiskurse der Gegenwart sind häufiger und intensiver, gleichzeitig dürftiger und dogmatischer geworden. Zu besichtigen ist ein Kulturverfall im Bereich der Argumentation über mehrere Jahrzehnte hinweg. Aber warum ist dies so? Warum stockt methodische Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle, das Kerngeschäft der Moderne, gerade dort, wo es um das tief verwurzelte menschliche Grundanliegen geht, mit Schwierigkeiten und Störungen fertig zu werden? Es liegt vor allem an der Theorie des Normalen, an der keiner vorbeikommt, wenn von Krise die Rede ist.
Das übersehene Selbstverständliche
Das erste Problem mit unseren Theorien des Normalen besteht darin, dass wir sie gar nicht erst zum Thema machen, obwohl nur sie Krisen definieren. So kommt das Wichtigste nicht zur Sprache. Wenn die Theorie schweigt, schläft die Skepsis. Das Normalitätsmodell wird zur Selbstverständlichkeit und entlastet vom Nachdenken. Man benutzt das Selbstverständliche implizit und vergisst es.
Dafür gibt es gewiss gute Gründe: Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren und können uns nicht mit Banalitäten aufhalten. Was etwa unter Gesundheit zu verstehen sei? Das ist doch jedem klar: Schmerzfreiheit, volle Beweglichkeit, Unversehrtheit, Lebensbejahung, Arbeitsfähigkeit, voll funktionierende Organe. Doch zwischen unstrittiger Gesundheit und eindeutiger Krankheit verläuft eine Grauzone. Vieles, was einmal als krank gegolten hat, gehört nach heutigem Verständnis zum Normalbereich, etwa Homosexualität, Linkshändigkeit, Hysterie. Andere Symptome, von denen die frühere Medizin nichts wusste oder die sie nicht interessierten, gelten heute als Krankheitszeichen, etwa allergische Reaktionen, Demenz oder das Burnout-Syndrom.
Ein zu hoher Cholesterinspiegel beispielsweise gilt als Krisenindikator. Er soll Mitverursacher von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein, Anzeichen eines aus dem Ruder gelaufenen Stoffwechsels, Hinweis auf falsche Ernährung und eine belastende Lebensführung. Aber: Wer hat das eigentlich mit welchen Methoden untersucht? Wie klar waren die Ergebnisse? Und wer hat das Intervall abgegrenzt, nach dem der Arzt sich richtet: ab hier zu niedrig, ab dort zu hoch?
Noch komplizierter werden Theorien des Normalen, wenn sie sich nicht auf Organismen beziehen, sondern auf soziale oder psychische Tatbestände. Auch hierbei handelt es sich zwar um Erfahrungstatsachen, aber um solche besonderer Art. Sie verändern sich, sie tauchen auf und verschwinden wieder, sie lassen sich nur über das fehleranfällige Medium der Sprache erschliessen und haben nicht den Charakter von Zuständen, sondern von wiederholten Episoden: Man muss sie als Muster aus einer Mehrzahl von Abläufen herausdestillieren.
Beispiele für die Psychologisierung und Kulturalisierung des Gesundheitsbegriffs stehen regelmässig in der Zeitung: Soundso viel Prozent der Menschen leiden unter «Stress», «Fettsucht», «Borderline-Syndrom», «Abhängigkeit» (von Drogen, Alkohol, Computerspielen, Konsum . . .), «Konzentrationsstörungen» und was die Phantasie sonst noch hergibt an Pathologien, die das gesetzte Normalitätsschema überschreiten und vorwiegend in einem psychosozialen Rahmen definiert sind. Wer hier zu diskutieren anfangen will, stösst schnell auf die eminenten Diskursprobleme kultureller Phänomene, gegen welche der gute alte Blutfettwert mit seiner impliziten Theorie des Normalen wie ein Fels der Begründungssicherheit wirkt.
Krankheit ist nur ein Krisenbeispiel von vielen, und im Vergleich zu anderen versteckten Theorien des Normalen scheint Gesundheit ein Thema zu sein, über das man sich noch ganz gut verständigen könnte, würde man es ernsthaft diskutieren. Die dargestellten Schwierigkeiten treten jedoch bei ausnahmslos allen Krisendiskursen auf, und dies umso schärfer, je weniger das Körpermodell der Krise passt.
Das Körpermodell
Unsere Alltagserfahrung wirkt machtvoll in den Wissenschaftsbetrieb hinein. Krisen, sei es der Wirtschaft, der Bevölkerung, der Kultur oder des Klimas, werden als «Krankheiten» verstanden. Der dabei logisch vorausgesetzte Begriff von Gesundheit ist in die Vorstellung eines pulsierenden und atmenden Organismus gekleidet, der auf jede Irritation eine passende Systemantwort bereithält, seine Stoffwechselvorgänge abwickelt und im Fliessgleichgewicht dahinlebt. Der Erdkörper, der Volkskörper, der Wirtschaftskörper, der Kulturkörper: Darüber beugt sich das Konsilium der Experten, die unter dem Diktat ihres somatischen Deutungsschemas zu Erdmedizinern, Volksheilern, Wirtschaftsschamanen und Kulturhomöopathen werden. Ein Buch von Jürgen Dahl aus den neunziger Jahren trägt den Titel «Die Verwegenheit der Ahnungslosen». Auf dem Umschlag sieht man einen Mann, der entschlossen auf einen Abgrund zumarschiert – mit verbundenen Augen. Die Botschaft ist klar: Sofort stehenbleiben! Erst einmal über die Folgen jedes weiteren Schritts nachdenken! Risikobewusstsein statt Draufgängertum! Die Erde ist krank und therapiebedürftig. Schon im Erscheinungsjahr seines Buchs war Dahl damit kein Rufer in der Wüste mehr, sondern nur einer von vielen Sängern im Chor der Besorgten. Das Motiv des Warnens und Alarmiertseins wurde zum Kristallisationskern eines langlebigen Genres von Sachbüchern, zum Zeitgeist, zum Leitmotiv der Risikogesellschaft.
Wäre zu Hause bleiben besser?
Doch irgendwo müssen die seit Beginn der Moderne gewonnenen fünfunddreissig zusätzlichen Lebensjahre herkommen, die in den Rhein zurückgekehrten Fische, die verbesserte Luft in den Ballungszentren, das ausgebliebene Waldsterben. Ganz so ahnungslos, wie der Buchtitel von Jürgen Dahl suggeriert, sind wir also nicht geblieben, und ganz so verwegen schon gar nicht. So gesehen, wird Dahls Umschlagbild zur Kippfigur: Wer ist hier ahnungslos und verwegen: der Patient Moderne – oder seine Ärzte?
Mut gilt kaum noch als Tugend. Spiegelbildlich dazu ist die Wertschätzung von Bedenken und Befürchtungen gestiegen. Lange Zeit rühmten sich Politiker der Klugheit ihres Handelns, seit einigen Jahrzehnten werben sie auch mit der Klugheit des Nichthandelns. Risikodiskurse haben den Horizont der in Betracht gezogenen Handlungsmöglichkeiten um das Unterlassen erweitert. Das ist vernünftig – in Grenzen. Es wird unvernünftig, wenn das Unterlassen überhandnimmt. Vor dem Hintergrund der Vision eines Weltfriedens ohne Menschen entfalten sich Risikodiskurse vom Zungenschlag der tadelnd eingeräumten letzten Chance: Wenn du nicht verschwinden willst, Mensch, dann reiss dich baldigst am Riemen!
Pascals berühmter Ratschlag wird neu interpretiert: Würden alle Leute zu Hause in ihrem Zimmer bleiben, so schrieb er sinngemäss, wäre alles Unheil von der Welt verbannt. Die Risikogesellschaft sagt: Ihr könnt die Wohnung verlassen, wenn alle Risiken analysiert und minimiert sind. Wenn nicht, bleibt gefälligst zu Hause. In dieser «Philosophie» verstecken sich fundamentale Fehler. Ohne ein Minimum von Verwegenheit und Ahnungslosigkeit ist menschliches Überleben ebenso gefährdet wie durch ein Übermass. Vorsicht soll Risiken reduzieren, aber sie ist selbst potenziell riskant. Totale Risikovermeidung ist gefährlich. Ein Stillstand der Moderne wäre eine Katastrophe. Bis zu einem gewissen Grad sind Verwegenheit und Ahnungslosigkeit unser Schicksal.
Der Klimatologe Stephen H. Schneider allerdings, ein ehemaliger Berater von Al Gore, plädiert für bewusste Irreführung: «Auf der einen Seite sind wir als Wissenschafter an die wissenschaftliche Methode ethisch gebunden, was bedeutet, dass wir alle Zweifel, alle Differenzierungen, das ganze Wenn und Aber mit einschliessen. Auf der anderen Seite würden wir gerne die Welt verbessern. Um das zu schaffen, brauchen wir eine breite Unterstützung, müssen wir die öffentliche Aufmerksamkeit gewinnen. Darum müssen wir Schreckensszenarien verbreiten, schlichte, dramatisierende Stellungnahmen abgeben, und die Zweifel, die wir möglicherweise haben, kaum erwähnen. Diese ethische Doppelverpflichtung kann nicht auf eine bestimmte Formel gebracht werden.»
Das nennt man doppelte Moral. Was bleibt, ist die skeptische Prüfung von Argumenten. Letztlich hat Karl Popper das letzte Wort: Alles Wissen ist Vermutungswissen. Niemand ist im Besitz sicheren Wissens, die Meinungsführer der Krisendiskurse so wenig wie ihre Kritiker. Aber wundert es jemand, dass Gewissheit gerade dann besonders gut gedeiht, wenn viele Fragen offen sind? Wenn die Gegenpartei angreift, darf man keine Schwäche zeigen. Auf diese Weise wird aus wissenschaftlicher Methode unversehens soziale Strategie.
Eine List der Vernunft?
Unter solchen Umständen setzt sich das zum gegebenen Zeitpunkt mächtigere Paradigma erst einmal mit der gleichen Zwangsläufigkeit durch wie ein Sumoringer auf der Wippschaukel. Am anderen Ende der Schaukel zappelt der Skeptiker mit den Beinen in der Luft: für zu leicht befunden. Schon oft in der Geschichte der Wissenschaft wurde der soziale, machtbasierte Geltungsanspruch von Theorien mit ihrer sachlichen Begründetheit verwechselt. «Weltweiter Expertenkonsens» – das ist heute der Name des Sumoringers. «Im Übrigen sind wir natürlich jederzeit offen für Kritik.» An diesem rhetorischen Schutzanzug perlt erst einmal alles ab.
Wie kommt es dann, dass sich dennoch in der Geschichte der Wissenschaft so oft die besseren Argumente durchgesetzt haben, wie lange es auch immer gedauert haben mag? Liegt die Erklärung darin, dass argumentative Selbstbeobachtung und Erkenntnistheorie, einmal «entdeckt», nicht mehr aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, unverlierbar wie die Schrift, die Sesshaftigkeit, das Rad? Wenn es sich so verhält, ist auch in den merkwürdigsten Kapriolen unserer Krisendiskurse die List der Vernunft am Werk. Zugegeben, das ist spekulativ, und es ist obendrein optimistisch. Stimmen kann es trotzdem.
* Prof. Dr. Gerhard Schulze lehrt und forscht als Soziologe an der Universität Bamberg. Bekannt geworden ist er mit seiner erstmals 1992 erschienenen kultursoziologischen Studie «Die Erlebnisgesellschaft» (Campus-Verlag). Weitere Buchpublikationen: «Die beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert?» sowie «Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde». Beide Essays sind bei Hanser verlegt worden.
Was ist eigentlich normal?
Wer von einer Krise redet, hat – bewusst oder nicht – eine Vorstellung von dem vor Augen, was Normalität ist
Die Rede von der Krise ist allgegenwärtig. Doch wie erkennt man eine Krise? Eine Krisendiagnose setzt stets eine Vorstellung, eine «Theorie», der Normalität voraus. – Eine kultursoziologische Exkursion in unübersichtlichem Gelände.
Von Gerhard Schulze *
Ohne Normalitätsmodelle gibt es keine Krisen. Das scheint hochtrabend ausgedrückt, wenn die Krise beispielsweise darin besteht, dass der Abfluss verstopft ist. Aber nicht jeder auf der Welt weiss überhaupt, was ein Abfluss ist. Vor einiger Zeit gingen Fotos von Männern eines Naturvolks um die Welt, die in höchster Erregung einen über ihnen kreisenden Helikopter mit Speeren und Pfeilen anzugreifen versuchten. Für uns in den Industrieländern gehört ein Helikopter zum Alltag, für diese Männer bedeutete er Krise, weil ihre Theorie des Normalen keine Helikopter kennt. Sie wissen auch nicht, was ein Abfluss ist und wie er normalerweise zu funktionieren hat. Deshalb bleiben sie gelassen, wenn der Abfluss verstopft ist, während wir die Krise kriegen. Aber was wäre, wenn umgekehrt wir aus den Zonen der Moderne plötzlich in das Urwalddorf versetzt wären? Einerseits....
31. Dezember 2009, Neue Zürcher Zeitung
Was ist eigentlich normal?
Wer von einer Krise redet, hat – bewusst oder nicht – eine Vorstellung von dem vor Augen, was Normalität ist
Die Rede von der Krise ist allgegenwärtig. Doch wie erkennt man eine Krise? Eine Krisendiagnose setzt stets eine Vorstellung, eine «Theorie», der Normalität voraus. – Eine kultursoziologische Exkursion in unübersichtlichem Gelände.
Von Gerhard Schulze *
Ohne Normalitätsmodelle gibt es keine Krisen. Das scheint hochtrabend ausgedrückt, wenn die Krise beispielsweise darin besteht, dass der Abfluss verstopft ist. Aber nicht jeder auf der Welt weiss überhaupt, was ein Abfluss ist. Vor einiger Zeit gingen Fotos von Männern eines Naturvolks um die Welt, die in höchster Erregung einen über ihnen kreisenden Helikopter mit Speeren und Pfeilen anzugreifen versuchten. Für uns in den Industrieländern gehört ein Helikopter zum Alltag, für diese Männer bedeutete er Krise, weil ihre Theorie des Normalen keine Helikopter kennt. Sie wissen auch nicht, was ein Abfluss ist und wie er normalerweise zu funktionieren hat. Deshalb bleiben sie gelassen, wenn der Abfluss verstopft ist, während wir die Krise kriegen. Aber was wäre, wenn umgekehrt wir aus den Zonen der Moderne plötzlich in das Urwalddorf versetzt wären? Einerseits würden wir uns ständig ohne Grund aufregen und andererseits im Krisenfall die Ruhe der Unverständigen an den Tag legen, weil wir nicht wüssten, was normal ist.
Kulturverfall
Aber was ist normal? Die scheinbar simple Denkoperation, das Normale zu erkennen, entpuppt sich schnell als kompliziert und fehleranfällig. Trotzdem findet sie kaum Beachtung. Im Alltag reagieren wir intuitiv, und oft genügt dies. In den grossen Krisendiskursen der Gegenwart, die sich etwa auf Wirtschaft, Bevölkerungsentwicklung, Klima oder Energieversorgung beziehen, genügt Intuition nicht. Noch nie haben so viele Menschen über so viele Krisen nachgedacht, diskutiert, eindringliche Warnungen ausgestossen, aufgerüttelt und auf Abhilfe gesonnen und etwas dagegen getan wie gegenwärtig, und ein Ende ist nicht abzusehen. Aber das intellektuelle Niveau der Debatte ist noch auf dem Stand der Eingeborenen, über deren Dorf ein Helikopter fliegt. Mit «intellektuellem Niveau» meine ich: die Deutlichkeit und Sorgfalt, mit der die Diskussionsteilnehmer über die Qualität der Auseinandersetzung wachen. Kontrollieren sie das zur Begründung herangezogene Wissen? Wie ist es überhaupt entstanden? Welches Wissen wird heimlich und oft unbewusst vorausgesetzt? Wer setzt wen unter Druck? Welche Bedeutung haben sachfremde Motive wie Eitelkeit, Geld, Bequemlichkeit und Feigheit?
Die Krisendiskurse der Gegenwart sind häufiger und intensiver, gleichzeitig dürftiger und dogmatischer geworden. Zu besichtigen ist ein Kulturverfall im Bereich der Argumentation über mehrere Jahrzehnte hinweg. Aber warum ist dies so? Warum stockt methodische Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle, das Kerngeschäft der Moderne, gerade dort, wo es um das tief verwurzelte menschliche Grundanliegen geht, mit Schwierigkeiten und Störungen fertig zu werden? Es liegt vor allem an der Theorie des Normalen, an der keiner vorbeikommt, wenn von Krise die Rede ist.
Das übersehene Selbstverständliche
Das erste Problem mit unseren Theorien des Normalen besteht darin, dass wir sie gar nicht erst zum Thema machen, obwohl nur sie Krisen definieren. So kommt das Wichtigste nicht zur Sprache. Wenn die Theorie schweigt, schläft die Skepsis. Das Normalitätsmodell wird zur Selbstverständlichkeit und entlastet vom Nachdenken. Man benutzt das Selbstverständliche implizit und vergisst es.
Dafür gibt es gewiss gute Gründe: Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren und können uns nicht mit Banalitäten aufhalten. Was etwa unter Gesundheit zu verstehen sei? Das ist doch jedem klar: Schmerzfreiheit, volle Beweglichkeit, Unversehrtheit, Lebensbejahung, Arbeitsfähigkeit, voll funktionierende Organe. Doch zwischen unstrittiger Gesundheit und eindeutiger Krankheit verläuft eine Grauzone. Vieles, was einmal als krank gegolten hat, gehört nach heutigem Verständnis zum Normalbereich, etwa Homosexualität, Linkshändigkeit, Hysterie. Andere Symptome, von denen die frühere Medizin nichts wusste oder die sie nicht interessierten, gelten heute als Krankheitszeichen, etwa allergische Reaktionen, Demenz oder das Burnout-Syndrom.
Ein zu hoher Cholesterinspiegel beispielsweise gilt als Krisenindikator. Er soll Mitverursacher von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein, Anzeichen eines aus dem Ruder gelaufenen Stoffwechsels, Hinweis auf falsche Ernährung und eine belastende Lebensführung. Aber: Wer hat das eigentlich mit welchen Methoden untersucht? Wie klar waren die Ergebnisse? Und wer hat das Intervall abgegrenzt, nach dem der Arzt sich richtet: ab hier zu niedrig, ab dort zu hoch?
Noch komplizierter werden Theorien des Normalen, wenn sie sich nicht auf Organismen beziehen, sondern auf soziale oder psychische Tatbestände. Auch hierbei handelt es sich zwar um Erfahrungstatsachen, aber um solche besonderer Art. Sie verändern sich, sie tauchen auf und verschwinden wieder, sie lassen sich nur über das fehleranfällige Medium der Sprache erschliessen und haben nicht den Charakter von Zuständen, sondern von wiederholten Episoden: Man muss sie als Muster aus einer Mehrzahl von Abläufen herausdestillieren.
Beispiele für die Psychologisierung und Kulturalisierung des Gesundheitsbegriffs stehen regelmässig in der Zeitung: Soundso viel Prozent der Menschen leiden unter «Stress», «Fettsucht», «Borderline-Syndrom», «Abhängigkeit» (von Drogen, Alkohol, Computerspielen, Konsum . . .), «Konzentrationsstörungen» und was die Phantasie sonst noch hergibt an Pathologien, die das gesetzte Normalitätsschema überschreiten und vorwiegend in einem psychosozialen Rahmen definiert sind. Wer hier zu diskutieren anfangen will, stösst schnell auf die eminenten Diskursprobleme kultureller Phänomene, gegen welche der gute alte Blutfettwert mit seiner impliziten Theorie des Normalen wie ein Fels der Begründungssicherheit wirkt.
Krankheit ist nur ein Krisenbeispiel von vielen, und im Vergleich zu anderen versteckten Theorien des Normalen scheint Gesundheit ein Thema zu sein, über das man sich noch ganz gut verständigen könnte, würde man es ernsthaft diskutieren. Die dargestellten Schwierigkeiten treten jedoch bei ausnahmslos allen Krisendiskursen auf, und dies umso schärfer, je weniger das Körpermodell der Krise passt.
Das Körpermodell
Unsere Alltagserfahrung wirkt machtvoll in den Wissenschaftsbetrieb hinein. Krisen, sei es der Wirtschaft, der Bevölkerung, der Kultur oder des Klimas, werden als «Krankheiten» verstanden. Der dabei logisch vorausgesetzte Begriff von Gesundheit ist in die Vorstellung eines pulsierenden und atmenden Organismus gekleidet, der auf jede Irritation eine passende Systemantwort bereithält, seine Stoffwechselvorgänge abwickelt und im Fliessgleichgewicht dahinlebt. Der Erdkörper, der Volkskörper, der Wirtschaftskörper, der Kulturkörper: Darüber beugt sich das Konsilium der Experten, die unter dem Diktat ihres somatischen Deutungsschemas zu Erdmedizinern, Volksheilern, Wirtschaftsschamanen und Kulturhomöopathen werden. Ein Buch von Jürgen Dahl aus den neunziger Jahren trägt den Titel «Die Verwegenheit der Ahnungslosen». Auf dem Umschlag sieht man einen Mann, der entschlossen auf einen Abgrund zumarschiert – mit verbundenen Augen. Die Botschaft ist klar: Sofort stehenbleiben! Erst einmal über die Folgen jedes weiteren Schritts nachdenken! Risikobewusstsein statt Draufgängertum! Die Erde ist krank und therapiebedürftig. Schon im Erscheinungsjahr seines Buchs war Dahl damit kein Rufer in der Wüste mehr, sondern nur einer von vielen Sängern im Chor der Besorgten. Das Motiv des Warnens und Alarmiertseins wurde zum Kristallisationskern eines langlebigen Genres von Sachbüchern, zum Zeitgeist, zum Leitmotiv der Risikogesellschaft.
Wäre zu Hause bleiben besser?
Doch irgendwo müssen die seit Beginn der Moderne gewonnenen fünfunddreissig zusätzlichen Lebensjahre herkommen, die in den Rhein zurückgekehrten Fische, die verbesserte Luft in den Ballungszentren, das ausgebliebene Waldsterben. Ganz so ahnungslos, wie der Buchtitel von Jürgen Dahl suggeriert, sind wir also nicht geblieben, und ganz so verwegen schon gar nicht. So gesehen, wird Dahls Umschlagbild zur Kippfigur: Wer ist hier ahnungslos und verwegen: der Patient Moderne – oder seine Ärzte?
Mut gilt kaum noch als Tugend. Spiegelbildlich dazu ist die Wertschätzung von Bedenken und Befürchtungen gestiegen. Lange Zeit rühmten sich Politiker der Klugheit ihres Handelns, seit einigen Jahrzehnten werben sie auch mit der Klugheit des Nichthandelns. Risikodiskurse haben den Horizont der in Betracht gezogenen Handlungsmöglichkeiten um das Unterlassen erweitert. Das ist vernünftig – in Grenzen. Es wird unvernünftig, wenn das Unterlassen überhandnimmt. Vor dem Hintergrund der Vision eines Weltfriedens ohne Menschen entfalten sich Risikodiskurse vom Zungenschlag der tadelnd eingeräumten letzten Chance: Wenn du nicht verschwinden willst, Mensch, dann reiss dich baldigst am Riemen!
Pascals berühmter Ratschlag wird neu interpretiert: Würden alle Leute zu Hause in ihrem Zimmer bleiben, so schrieb er sinngemäss, wäre alles Unheil von der Welt verbannt. Die Risikogesellschaft sagt: Ihr könnt die Wohnung verlassen, wenn alle Risiken analysiert und minimiert sind. Wenn nicht, bleibt gefälligst zu Hause. In dieser «Philosophie» verstecken sich fundamentale Fehler. Ohne ein Minimum von Verwegenheit und Ahnungslosigkeit ist menschliches Überleben ebenso gefährdet wie durch ein Übermass. Vorsicht soll Risiken reduzieren, aber sie ist selbst potenziell riskant. Totale Risikovermeidung ist gefährlich. Ein Stillstand der Moderne wäre eine Katastrophe. Bis zu einem gewissen Grad sind Verwegenheit und Ahnungslosigkeit unser Schicksal.
Der Klimatologe Stephen H. Schneider allerdings, ein ehemaliger Berater von Al Gore, plädiert für bewusste Irreführung: «Auf der einen Seite sind wir als Wissenschafter an die wissenschaftliche Methode ethisch gebunden, was bedeutet, dass wir alle Zweifel, alle Differenzierungen, das ganze Wenn und Aber mit einschliessen. Auf der anderen Seite würden wir gerne die Welt verbessern. Um das zu schaffen, brauchen wir eine breite Unterstützung, müssen wir die öffentliche Aufmerksamkeit gewinnen. Darum müssen wir Schreckensszenarien verbreiten, schlichte, dramatisierende Stellungnahmen abgeben, und die Zweifel, die wir möglicherweise haben, kaum erwähnen. Diese ethische Doppelverpflichtung kann nicht auf eine bestimmte Formel gebracht werden.»
Das nennt man doppelte Moral. Was bleibt, ist die skeptische Prüfung von Argumenten. Letztlich hat Karl Popper das letzte Wort: Alles Wissen ist Vermutungswissen. Niemand ist im Besitz sicheren Wissens, die Meinungsführer der Krisendiskurse so wenig wie ihre Kritiker. Aber wundert es jemand, dass Gewissheit gerade dann besonders gut gedeiht, wenn viele Fragen offen sind? Wenn die Gegenpartei angreift, darf man keine Schwäche zeigen. Auf diese Weise wird aus wissenschaftlicher Methode unversehens soziale Strategie.
Eine List der Vernunft?
Unter solchen Umständen setzt sich das zum gegebenen Zeitpunkt mächtigere Paradigma erst einmal mit der gleichen Zwangsläufigkeit durch wie ein Sumoringer auf der Wippschaukel. Am anderen Ende der Schaukel zappelt der Skeptiker mit den Beinen in der Luft: für zu leicht befunden. Schon oft in der Geschichte der Wissenschaft wurde der soziale, machtbasierte Geltungsanspruch von Theorien mit ihrer sachlichen Begründetheit verwechselt. «Weltweiter Expertenkonsens» – das ist heute der Name des Sumoringers. «Im Übrigen sind wir natürlich jederzeit offen für Kritik.» An diesem rhetorischen Schutzanzug perlt erst einmal alles ab.
Wie kommt es dann, dass sich dennoch in der Geschichte der Wissenschaft so oft die besseren Argumente durchgesetzt haben, wie lange es auch immer gedauert haben mag? Liegt die Erklärung darin, dass argumentative Selbstbeobachtung und Erkenntnistheorie, einmal «entdeckt», nicht mehr aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, unverlierbar wie die Schrift, die Sesshaftigkeit, das Rad? Wenn es sich so verhält, ist auch in den merkwürdigsten Kapriolen unserer Krisendiskurse die List der Vernunft am Werk. Zugegeben, das ist spekulativ, und es ist obendrein optimistisch. Stimmen kann es trotzdem.
* Prof. Dr. Gerhard Schulze lehrt und forscht als Soziologe an der Universität Bamberg. Bekannt geworden ist er mit seiner erstmals 1992 erschienenen kultursoziologischen Studie «Die Erlebnisgesellschaft» (Campus-Verlag). Weitere Buchpublikationen: «Die beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert?» sowie «Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde». Beide Essays sind bei Hanser verlegt worden.
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Montag, Dezember 28, 2009
Schweinegrippe Impfung: «Katastrophenmässig aufgebauscht»
Tages Anzeiger Online
«Katastrophenmässig aufgebauscht»
Aktualisiert am 27.12.2009
Transparency International hat wegen der Schweinegrippe-Impfung schwere Vorwürfe gegen die Pharmaindustrie erhoben.
Eine offene wissenschaftliche Diskussion hat aber nicht stattgefunden»: Impfung gegen die Schweinegrippe.
Die Krankheit sei «katastrophenmässig aufgebauscht» worden und habe sich als «Papiertiger entpuppt», sagte Anke Martiny, Vorstandsmitglied der Anti-Korruptions-Organisation der deutschen Nachrichtenagentur DAPD.
«Bei der Schweinegrippe habe ich den deutlichen Verdacht, dass es im Wesentlichen den Anbietern der Impfstoffe genützt hat», sagte Martiny. Damit werde das Vertrauen der Menschen in Impfungen ausgehöhlt, die ja grundsätzlich sinnvoll seien.
Sie äusserte sich auch erneut kritisch über Verbindungen....
Tages Anzeiger Online
«Katastrophenmässig aufgebauscht»
Aktualisiert am 27.12.2009
Transparency International hat wegen der Schweinegrippe-Impfung schwere Vorwürfe gegen die Pharmaindustrie erhoben.
Eine offene wissenschaftliche Diskussion hat aber nicht stattgefunden»: Impfung gegen die Schweinegrippe.
Die Krankheit sei «katastrophenmässig aufgebauscht» worden und habe sich als «Papiertiger entpuppt», sagte Anke Martiny, Vorstandsmitglied der Anti-Korruptions-Organisation der deutschen Nachrichtenagentur DAPD.
«Bei der Schweinegrippe habe ich den deutlichen Verdacht, dass es im Wesentlichen den Anbietern der Impfstoffe genützt hat», sagte Martiny. Damit werde das Vertrauen der Menschen in Impfungen ausgehöhlt, die ja grundsätzlich sinnvoll seien.
Sie äusserte sich auch erneut kritisch über Verbindungen von Mitgliedern der Ständigen Impfkommission, die die Schweinegrippe-Impfung empfohlen hat, zu Pharmaherstellern. «In diesem konkreten Fall hätte von der STIKO der Nachweis erbracht werden müssen, dass Interessenkonflikte keine Rolle spielten», sagte die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete. «Von Anfang an hatten externe Experten Zweifel an der Sinnfälligkeit dieser Entscheidung. Eine offene wissenschaftliche Diskussion hat aber nicht stattgefunden.»
Milliarden versickern in Korruption
Korruption im Gesundheitswesen kostet nach Schätzungen von Transparency Milliardenbeträge. Von den rund 250 Milliarden Euro im deutschen Gesundheitsmarkt könnten drei bis zehn Prozent durch Betrug und andere Arten der Wirtschaftskriminalität verloren gehen, sagte Martiny mit Blick auf Vergleichsdaten aus anderen Ländern. Es ginge somit um Beträge zwischen 7,5 und 25 Milliarden Euro.
In dem Zusammenhang kritisierte Martiny vor allem Ärzte und ihre Vertretungen. Den seit 2004 vorgeschriebenen Antikorruptionsstellen verweigerten sich «fast alle» Kassenärztlichen Vereinigungen. «Die Ärzteverbände kennen doch ihre Pappenheimer, sie könnten in Problemfällen durchgreifen», meinte Martiny. «Sie tun es nicht, weil sie sich als Standesorganisation für ihre Kollegen begreifen.»
«Grösster Quatsch des Jahrhunderts»
Deshalb seien die neu eingerichteten «Clearingstellen», die «Fangprämien» bei der Überweisung von Patienten aus Arztpraxen in Krankenhäuser verhindern sollen, auch der «grösste Quatsch des Jahrhunderts». Diese Stellen gebe es ja schon. «Die tun aber leider nicht das Notwendige», sagte sie.
Im Herbst hatten Berichte für Aufsehen gesorgt, wonach Ärzte Geld dafür bekommen, dass sie Patienten in bestimmte Kliniken einweisen. Die Dimension des Problems blieb damals unklar. Martiny verwies darauf, dass es solche «Kick-Back-Zahlungen» nicht nur zwischen Ärzten und Krankenhäusern gebe. «Noch problematischer sind die Überweisungen der Ärzte untereinander, vor allem zu Laboren oder Röntgenpraxen, ausserdem die Verbindungen zwischen Zahnärzten und Dentallaboren, Orthopäden und Schuhmachern und ähnliches», sagte sie. «Wenn nur ein Prozent dieser Überweisungen zweifelhaft ist, dann bedeutet das insgesamt Milliarden-Verluste im System.» (sam/ap)
Erstellt: 27.12.2009, 14:48 Uhr
«Katastrophenmässig aufgebauscht»
Aktualisiert am 27.12.2009
Transparency International hat wegen der Schweinegrippe-Impfung schwere Vorwürfe gegen die Pharmaindustrie erhoben.
Eine offene wissenschaftliche Diskussion hat aber nicht stattgefunden»: Impfung gegen die Schweinegrippe.
Die Krankheit sei «katastrophenmässig aufgebauscht» worden und habe sich als «Papiertiger entpuppt», sagte Anke Martiny, Vorstandsmitglied der Anti-Korruptions-Organisation der deutschen Nachrichtenagentur DAPD.
«Bei der Schweinegrippe habe ich den deutlichen Verdacht, dass es im Wesentlichen den Anbietern der Impfstoffe genützt hat», sagte Martiny. Damit werde das Vertrauen der Menschen in Impfungen ausgehöhlt, die ja grundsätzlich sinnvoll seien.
Sie äusserte sich auch erneut kritisch über Verbindungen....
Tages Anzeiger Online
«Katastrophenmässig aufgebauscht»
Aktualisiert am 27.12.2009
Transparency International hat wegen der Schweinegrippe-Impfung schwere Vorwürfe gegen die Pharmaindustrie erhoben.
Eine offene wissenschaftliche Diskussion hat aber nicht stattgefunden»: Impfung gegen die Schweinegrippe.
Die Krankheit sei «katastrophenmässig aufgebauscht» worden und habe sich als «Papiertiger entpuppt», sagte Anke Martiny, Vorstandsmitglied der Anti-Korruptions-Organisation der deutschen Nachrichtenagentur DAPD.
«Bei der Schweinegrippe habe ich den deutlichen Verdacht, dass es im Wesentlichen den Anbietern der Impfstoffe genützt hat», sagte Martiny. Damit werde das Vertrauen der Menschen in Impfungen ausgehöhlt, die ja grundsätzlich sinnvoll seien.
Sie äusserte sich auch erneut kritisch über Verbindungen von Mitgliedern der Ständigen Impfkommission, die die Schweinegrippe-Impfung empfohlen hat, zu Pharmaherstellern. «In diesem konkreten Fall hätte von der STIKO der Nachweis erbracht werden müssen, dass Interessenkonflikte keine Rolle spielten», sagte die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete. «Von Anfang an hatten externe Experten Zweifel an der Sinnfälligkeit dieser Entscheidung. Eine offene wissenschaftliche Diskussion hat aber nicht stattgefunden.»
Milliarden versickern in Korruption
Korruption im Gesundheitswesen kostet nach Schätzungen von Transparency Milliardenbeträge. Von den rund 250 Milliarden Euro im deutschen Gesundheitsmarkt könnten drei bis zehn Prozent durch Betrug und andere Arten der Wirtschaftskriminalität verloren gehen, sagte Martiny mit Blick auf Vergleichsdaten aus anderen Ländern. Es ginge somit um Beträge zwischen 7,5 und 25 Milliarden Euro.
In dem Zusammenhang kritisierte Martiny vor allem Ärzte und ihre Vertretungen. Den seit 2004 vorgeschriebenen Antikorruptionsstellen verweigerten sich «fast alle» Kassenärztlichen Vereinigungen. «Die Ärzteverbände kennen doch ihre Pappenheimer, sie könnten in Problemfällen durchgreifen», meinte Martiny. «Sie tun es nicht, weil sie sich als Standesorganisation für ihre Kollegen begreifen.»
«Grösster Quatsch des Jahrhunderts»
Deshalb seien die neu eingerichteten «Clearingstellen», die «Fangprämien» bei der Überweisung von Patienten aus Arztpraxen in Krankenhäuser verhindern sollen, auch der «grösste Quatsch des Jahrhunderts». Diese Stellen gebe es ja schon. «Die tun aber leider nicht das Notwendige», sagte sie.
Im Herbst hatten Berichte für Aufsehen gesorgt, wonach Ärzte Geld dafür bekommen, dass sie Patienten in bestimmte Kliniken einweisen. Die Dimension des Problems blieb damals unklar. Martiny verwies darauf, dass es solche «Kick-Back-Zahlungen» nicht nur zwischen Ärzten und Krankenhäusern gebe. «Noch problematischer sind die Überweisungen der Ärzte untereinander, vor allem zu Laboren oder Röntgenpraxen, ausserdem die Verbindungen zwischen Zahnärzten und Dentallaboren, Orthopäden und Schuhmachern und ähnliches», sagte sie. «Wenn nur ein Prozent dieser Überweisungen zweifelhaft ist, dann bedeutet das insgesamt Milliarden-Verluste im System.» (sam/ap)
Erstellt: 27.12.2009, 14:48 Uhr
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Samstag, Dezember 26, 2009
The Guardian 22 Decembre 2009: Copenhagen climate conference - How do I know China wrecked the Copenhagen deal? - I was in the room
The Guardian 22 Decembre 2009
Copenhagen climate conference
How do I know China wrecked the Copenhagen deal? I was in the room
As recriminations fly post-Copenhagen, one writer offers a fly-on-the-wall account of how talks failed
Copenhagen was a disaster. That much is agreed. But the truth about what actually happened is in danger of being lost amid the spin and inevitable mutual recriminations. The truth is this: China wrecked the talks, intentionally humiliated Barack Obama, and insisted on an awful "deal" so western leaders would walk away carrying the blame. How do I know this? Because I was in the room and saw it happen.
China's strategy was simple: block the open negotiations for two weeks, and then ensure that the closed-door deal made it look as if the west had failed the world's poor once again. And sure enough, the aid agencies, civil society movements and environmental groups all took the bait. The failure was "the inevitable result of rich countries refusing adequately and fairly to shoulder their overwhelming responsibility", said Christian Aid. "Rich countries have bullied developing nations," fumed Friends of the Earth International.
All very predictable, but the complete opposite of the truth. Even George Monbiot, writing in yesterday's Guardian, made the mistake of singly blaming Obama. But I saw Obama fighting desperately to salvage a deal, and the Chinese delegate saying "no", over and over again. Monbiot even approvingly quoted the Sudanese delegate Lumumba Di-Aping, who denounced the Copenhagen accord as "a suicide pact, an incineration pact, in order to maintain the economic dominance of a few countries".
Sudan behaves at the talks as a puppet of China; one of a number of countries that relieves the Chinese delegation of having....
The Guardian 22 Decembre 2009
Copenhagen climate conference
How do I know China wrecked the Copenhagen deal? I was in the room
As recriminations fly post-Copenhagen, one writer offers a fly-on-the-wall account of how talks failed
Copenhagen was a disaster. That much is agreed. But the truth about what actually happened is in danger of being lost amid the spin and inevitable mutual recriminations. The truth is this: China wrecked the talks, intentionally humiliated Barack Obama, and insisted on an awful "deal" so western leaders would walk away carrying the blame. How do I know this? Because I was in the room and saw it happen.
China's strategy was simple: block the open negotiations for two weeks, and then ensure that the closed-door deal made it look as if the west had failed the world's poor once again. And sure enough, the aid agencies, civil society movements and environmental groups all took the bait. The failure was "the inevitable result of rich countries refusing adequately and fairly to shoulder their overwhelming responsibility", said Christian Aid. "Rich countries have bullied developing nations," fumed Friends of the Earth International.
All very predictable, but the complete opposite of the truth. Even George Monbiot, writing in yesterday's Guardian, made the mistake of singly blaming Obama. But I saw Obama fighting desperately to salvage a deal, and the Chinese delegate saying "no", over and over again. Monbiot even approvingly quoted the Sudanese delegate Lumumba Di-Aping, who denounced the Copenhagen accord as "a suicide pact, an incineration pact, in order to maintain the economic dominance of a few countries".
Sudan behaves at the talks as a puppet of China; one of a number of countries that relieves the Chinese delegation of having to fight its battles in open sessions. It was a perfect stitch-up. China gutted the deal behind the scenes, and then left its proxies to savage it in public.
Here's what actually went on late last Friday night, as heads of state from two dozen countries met behind closed doors. Obama was at the table for several hours, sitting between Gordon Brown and the Ethiopian prime minister, Meles Zenawi. The Danish prime minister chaired, and on his right sat Ban Ki-moon, secretary-general of the UN. Probably only about 50 or 60 people, including the heads of state, were in the room. I was attached to one of the delegations, whose head of state was also present for most of the time.
What I saw was profoundly shocking. The Chinese premier, Wen Jinbao, did not deign to attend the meetings personally, instead sending a second-tier official in the country's foreign ministry to sit opposite Obama himself. The diplomatic snub was obvious and brutal, as was the practical implication: several times during the session, the world's most powerful heads of state were forced to wait around as the Chinese delegate went off to make telephone calls to his "superiors".
Shifting the blame
To those who would blame Obama and rich countries in general, know this: it was China's representative who insisted that industrialised country targets, previously agreed as an 80% cut by 2050, be taken out of the deal. "Why can't we even mention our own targets?" demanded a furious Angela Merkel. Australia's prime minister, Kevin Rudd, was annoyed enough to bang his microphone. Brazil's representative too pointed out the illogicality of China's position. Why should rich countries not announce even this unilateral cut? The Chinese delegate said no, and I watched, aghast, as Merkel threw up her hands in despair and conceded the point. Now we know why – because China bet, correctly, that Obama would get the blame for the Copenhagen accord's lack of ambition.
China, backed at times by India, then proceeded to take out all the numbers that mattered. A 2020 peaking year in global emissions, essential to restrain temperatures to 2C, was removed and replaced by woolly language suggesting that emissions should peak "as soon as possible". The long-term target, of global 50% cuts by 2050, was also excised. No one else, perhaps with the exceptions of India and Saudi Arabia, wanted this to happen. I am certain that had the Chinese not been in the room, we would have left Copenhagen with a deal that had environmentalists popping champagne corks popping in every corner of the world.
Strong position
So how did China manage to pull off this coup? First, it was in an extremely strong negotiating position. China didn't need a deal. As one developing country foreign minister said to me: "The Athenians had nothing to offer to the Spartans." On the other hand, western leaders in particular – but also presidents Lula of Brazil, Zuma of South Africa, Calderón of Mexico and many others – were desperate for a positive outcome. Obama needed a strong deal perhaps more than anyone. The US had confirmed the offer of $100bn to developing countries for adaptation, put serious cuts on the table for the first time (17% below 2005 levels by 2020), and was obviously prepared to up its offer.
Above all, Obama needed to be able to demonstrate to the Senate that he could deliver China in any global climate regulation framework, so conservative senators could not argue that US carbon cuts would further advantage Chinese industry. With midterm elections looming, Obama and his staff also knew that Copenhagen would be probably their only opportunity to go to climate change talks with a strong mandate. This further strengthened China's negotiating hand, as did the complete lack of civil society political pressure on either China or India. Campaign groups never blame developing countries for failure; this is an iron rule that is never broken. The Indians, in particular, have become past masters at co-opting the language of equity ("equal rights to the atmosphere") in the service of planetary suicide – and leftish campaigners and commentators are hoist with their own petard.
With the deal gutted, the heads of state session concluded with a final battle as the Chinese delegate insisted on removing the 1.5C target so beloved of the small island states and low-lying nations who have most to lose from rising seas. President Nasheed of the Maldives, supported by Brown, fought valiantly to save this crucial number. "How can you ask my country to go extinct?" demanded Nasheed. The Chinese delegate feigned great offence – and the number stayed, but surrounded by language which makes it all but meaningless. The deed was done.
China's game
All this raises the question: what is China's game? Why did China, in the words of a UK-based analyst who also spent hours in heads of state meetings, "not only reject targets for itself, but also refuse to allow any other country to take on binding targets?" The analyst, who has attended climate conferences for more than 15 years, concludes that China wants to weaken the climate regulation regime now "in order to avoid the risk that it might be called on to be more ambitious in a few years' time".
This does not mean China is not serious about global warming. It is strong in both the wind and solar industries. But China's growth, and growing global political and economic dominance, is based largely on cheap coal. China knows it is becoming an uncontested superpower; indeed its newfound muscular confidence was on striking display in Copenhagen. Its coal-based economy doubles every decade, and its power increases commensurately. Its leadership will not alter this magic formula unless they absolutely have to.
Copenhagen was much worse than just another bad deal, because it illustrated a profound shift in global geopolitics. This is fast becoming China's century, yet its leadership has displayed that multilateral environmental governance is not only not a priority, but is viewed as a hindrance to the new superpower's freedom of action. I left Copenhagen more despondent than I have felt in a long time. After all the hope and all the hype, the mobilisation of thousands, a wave of optimism crashed against the rock of global power politics, fell back, and drained away.
* guardian.co.uk © Guardian News and Media Limited 2009
Copenhagen climate conference
How do I know China wrecked the Copenhagen deal? I was in the room
As recriminations fly post-Copenhagen, one writer offers a fly-on-the-wall account of how talks failed
Copenhagen was a disaster. That much is agreed. But the truth about what actually happened is in danger of being lost amid the spin and inevitable mutual recriminations. The truth is this: China wrecked the talks, intentionally humiliated Barack Obama, and insisted on an awful "deal" so western leaders would walk away carrying the blame. How do I know this? Because I was in the room and saw it happen.
China's strategy was simple: block the open negotiations for two weeks, and then ensure that the closed-door deal made it look as if the west had failed the world's poor once again. And sure enough, the aid agencies, civil society movements and environmental groups all took the bait. The failure was "the inevitable result of rich countries refusing adequately and fairly to shoulder their overwhelming responsibility", said Christian Aid. "Rich countries have bullied developing nations," fumed Friends of the Earth International.
All very predictable, but the complete opposite of the truth. Even George Monbiot, writing in yesterday's Guardian, made the mistake of singly blaming Obama. But I saw Obama fighting desperately to salvage a deal, and the Chinese delegate saying "no", over and over again. Monbiot even approvingly quoted the Sudanese delegate Lumumba Di-Aping, who denounced the Copenhagen accord as "a suicide pact, an incineration pact, in order to maintain the economic dominance of a few countries".
Sudan behaves at the talks as a puppet of China; one of a number of countries that relieves the Chinese delegation of having....
The Guardian 22 Decembre 2009
Copenhagen climate conference
How do I know China wrecked the Copenhagen deal? I was in the room
As recriminations fly post-Copenhagen, one writer offers a fly-on-the-wall account of how talks failed
Copenhagen was a disaster. That much is agreed. But the truth about what actually happened is in danger of being lost amid the spin and inevitable mutual recriminations. The truth is this: China wrecked the talks, intentionally humiliated Barack Obama, and insisted on an awful "deal" so western leaders would walk away carrying the blame. How do I know this? Because I was in the room and saw it happen.
China's strategy was simple: block the open negotiations for two weeks, and then ensure that the closed-door deal made it look as if the west had failed the world's poor once again. And sure enough, the aid agencies, civil society movements and environmental groups all took the bait. The failure was "the inevitable result of rich countries refusing adequately and fairly to shoulder their overwhelming responsibility", said Christian Aid. "Rich countries have bullied developing nations," fumed Friends of the Earth International.
All very predictable, but the complete opposite of the truth. Even George Monbiot, writing in yesterday's Guardian, made the mistake of singly blaming Obama. But I saw Obama fighting desperately to salvage a deal, and the Chinese delegate saying "no", over and over again. Monbiot even approvingly quoted the Sudanese delegate Lumumba Di-Aping, who denounced the Copenhagen accord as "a suicide pact, an incineration pact, in order to maintain the economic dominance of a few countries".
Sudan behaves at the talks as a puppet of China; one of a number of countries that relieves the Chinese delegation of having to fight its battles in open sessions. It was a perfect stitch-up. China gutted the deal behind the scenes, and then left its proxies to savage it in public.
Here's what actually went on late last Friday night, as heads of state from two dozen countries met behind closed doors. Obama was at the table for several hours, sitting between Gordon Brown and the Ethiopian prime minister, Meles Zenawi. The Danish prime minister chaired, and on his right sat Ban Ki-moon, secretary-general of the UN. Probably only about 50 or 60 people, including the heads of state, were in the room. I was attached to one of the delegations, whose head of state was also present for most of the time.
What I saw was profoundly shocking. The Chinese premier, Wen Jinbao, did not deign to attend the meetings personally, instead sending a second-tier official in the country's foreign ministry to sit opposite Obama himself. The diplomatic snub was obvious and brutal, as was the practical implication: several times during the session, the world's most powerful heads of state were forced to wait around as the Chinese delegate went off to make telephone calls to his "superiors".
Shifting the blame
To those who would blame Obama and rich countries in general, know this: it was China's representative who insisted that industrialised country targets, previously agreed as an 80% cut by 2050, be taken out of the deal. "Why can't we even mention our own targets?" demanded a furious Angela Merkel. Australia's prime minister, Kevin Rudd, was annoyed enough to bang his microphone. Brazil's representative too pointed out the illogicality of China's position. Why should rich countries not announce even this unilateral cut? The Chinese delegate said no, and I watched, aghast, as Merkel threw up her hands in despair and conceded the point. Now we know why – because China bet, correctly, that Obama would get the blame for the Copenhagen accord's lack of ambition.
China, backed at times by India, then proceeded to take out all the numbers that mattered. A 2020 peaking year in global emissions, essential to restrain temperatures to 2C, was removed and replaced by woolly language suggesting that emissions should peak "as soon as possible". The long-term target, of global 50% cuts by 2050, was also excised. No one else, perhaps with the exceptions of India and Saudi Arabia, wanted this to happen. I am certain that had the Chinese not been in the room, we would have left Copenhagen with a deal that had environmentalists popping champagne corks popping in every corner of the world.
Strong position
So how did China manage to pull off this coup? First, it was in an extremely strong negotiating position. China didn't need a deal. As one developing country foreign minister said to me: "The Athenians had nothing to offer to the Spartans." On the other hand, western leaders in particular – but also presidents Lula of Brazil, Zuma of South Africa, Calderón of Mexico and many others – were desperate for a positive outcome. Obama needed a strong deal perhaps more than anyone. The US had confirmed the offer of $100bn to developing countries for adaptation, put serious cuts on the table for the first time (17% below 2005 levels by 2020), and was obviously prepared to up its offer.
Above all, Obama needed to be able to demonstrate to the Senate that he could deliver China in any global climate regulation framework, so conservative senators could not argue that US carbon cuts would further advantage Chinese industry. With midterm elections looming, Obama and his staff also knew that Copenhagen would be probably their only opportunity to go to climate change talks with a strong mandate. This further strengthened China's negotiating hand, as did the complete lack of civil society political pressure on either China or India. Campaign groups never blame developing countries for failure; this is an iron rule that is never broken. The Indians, in particular, have become past masters at co-opting the language of equity ("equal rights to the atmosphere") in the service of planetary suicide – and leftish campaigners and commentators are hoist with their own petard.
With the deal gutted, the heads of state session concluded with a final battle as the Chinese delegate insisted on removing the 1.5C target so beloved of the small island states and low-lying nations who have most to lose from rising seas. President Nasheed of the Maldives, supported by Brown, fought valiantly to save this crucial number. "How can you ask my country to go extinct?" demanded Nasheed. The Chinese delegate feigned great offence – and the number stayed, but surrounded by language which makes it all but meaningless. The deed was done.
China's game
All this raises the question: what is China's game? Why did China, in the words of a UK-based analyst who also spent hours in heads of state meetings, "not only reject targets for itself, but also refuse to allow any other country to take on binding targets?" The analyst, who has attended climate conferences for more than 15 years, concludes that China wants to weaken the climate regulation regime now "in order to avoid the risk that it might be called on to be more ambitious in a few years' time".
This does not mean China is not serious about global warming. It is strong in both the wind and solar industries. But China's growth, and growing global political and economic dominance, is based largely on cheap coal. China knows it is becoming an uncontested superpower; indeed its newfound muscular confidence was on striking display in Copenhagen. Its coal-based economy doubles every decade, and its power increases commensurately. Its leadership will not alter this magic formula unless they absolutely have to.
Copenhagen was much worse than just another bad deal, because it illustrated a profound shift in global geopolitics. This is fast becoming China's century, yet its leadership has displayed that multilateral environmental governance is not only not a priority, but is viewed as a hindrance to the new superpower's freedom of action. I left Copenhagen more despondent than I have felt in a long time. After all the hope and all the hype, the mobilisation of thousands, a wave of optimism crashed against the rock of global power politics, fell back, and drained away.
* guardian.co.uk © Guardian News and Media Limited 2009
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Freitag, Dezember 25, 2009
Mittwoch, Dezember 23, 2009
Zu Weihnachten und für - aber nicht nur! - das neue Jahr!
So werden auch Sie zum guten Menschen
Von Theo Schilter. Aktualisiert am 21.12.2009
Moral und Ethik schaffen es zum Jahresende regelmässig in die Zeitungen. Am Alltag der Menschen ändert sich trotz einfacher Verhaltensregeln wenig.
Gemeingefährliche Fundamentalisten rechtfertigen ihr Tun ebenso mit Moral und Ethik wie bedauernswerte Sozialfälle. Despoten tun es und Dumpfbacken auch. Moral und Ethik sind wohlfeil und bergen gleichzeitig die Gefahr von Betrug und Selbstbetrug. Ideologen und religiöse Eiferer setzen die beiden öfter als Herrschaftsinstrumente ein denn als Mittel zur Befreiung. Beladen mit den «Du sollst»und «Du musst»-Vorgaben schleppen wir uns alle schwer über das Alltagspflaster, den Blick nach unten gerichtet statt nach vorn und zur Seite.
Man bekommt den Eindruck, dass Moral und Ethik im Alltag unter dem Strich von zweifelhaftem Nutzen sind und nicht allzu viel taugen. Umso....
So werden auch Sie zum guten Menschen
Von Theo Schilter. Aktualisiert am 21.12.2009
Moral und Ethik schaffen es zum Jahresende regelmässig in die Zeitungen. Am Alltag der Menschen ändert sich trotz einfacher Verhaltensregeln wenig.
Gemeingefährliche Fundamentalisten rechtfertigen ihr Tun ebenso mit Moral und Ethik wie bedauernswerte Sozialfälle. Despoten tun es und Dumpfbacken auch. Moral und Ethik sind wohlfeil und bergen gleichzeitig die Gefahr von Betrug und Selbstbetrug. Ideologen und religiöse Eiferer setzen die beiden öfter als Herrschaftsinstrumente ein denn als Mittel zur Befreiung. Beladen mit den «Du sollst»und «Du musst»-Vorgaben schleppen wir uns alle schwer über das Alltagspflaster, den Blick nach unten gerichtet statt nach vorn und zur Seite.
Man bekommt den Eindruck, dass Moral und Ethik im Alltag unter dem Strich von zweifelhaftem Nutzen sind und nicht allzu viel taugen. Umso erstaunlicher ist, dass es die Alternativen so schwer haben. Dabei gibt es Regeln, welche ihren viel grösseren Nutzen längst bewiesen haben und allseits auf Anhieb verstanden werden. Älter als das Christentum und der Islam, sind sie aus dem Alltag entstanden und haben sich darin unzählige Male bewährt. Diese Regeln sind weder religiös noch ideologisch; sie überbürden weder Schuld noch Scham und lassen die Verantwortung dort, wo sie hingehört: beim Menschen. Gemeint sind die vier Kardinaltugenden:
* Klugheit
*
* Gerechtigkeit
*
* Tapferkeit
*
* Mass halten
*
Wir wissen alle sofort, was gemeint ist. Debatten über Definitionen, Umfang und Interpretationen erübrigen sich weitgehend, Ideologien verpuffen. Die Vier sind das Destillat des riesigen Erfahrungsschatzes der Menschheit, gemeinsamer Nenner von Religionen und Kulturen. Den Praxistest haben sie schon längst bestanden.
Als eine Art Taschenmesser mit vier Werkzeugen kann man damit jederzeit und überall Entscheidungen prüfen. Menschen und Gesellschaften, welche die vier Tugenden beachten, vermeiden vorhersehbare Fehler. Sie verhindern Streit, Verschwendung und Selbstmitleid. Aus Erfahrung, nicht aus Glauben.
Ist das wieder so ein leeres Heilsversprechen? Machen wir das Exempel: Praktisch alle grossen Probleme der Gesellschaften gehen auf die Verletzung mindestens einer der vier Tugenden zurück:
* Armut und Hunger? Schreiende Ungerechtigkeit.
*
* Finanzkrise, Klimaerwärmung? Nicht Mass gehalten.
*
* Swissair, UBS? Dummheit und masslose Gier.
*
* Verzogene Jugend? Mangel an Tapferkeit (der Eltern).
Setzen Sie zum Test weitere Beispiele auf die Liste. Klopfen Sie Ihre privaten Fehler und die gesellschaftlichen Probleme mit den vier Tugenden ab. Die Resultate sind lehrreich.
Mitleid statt Wut
Erstaunlicherweise lösen die vier Kardinaltugenden auch den Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft: Wer sie beachtet, hilft beiden; wer sie verletzt, schädigt sich selbst mehr, als er sich nützt. Das ist kein Wunschdenken, sondern nachweislich: Scharenweise werden Abzocker depressiv, Egoisten einsam, Bequemlinge krank, Jammerer langweilig. Misst man diese Leute an den Tugenden, kommen nicht mehr Wut und Neid auf, sondern Mitleid, schlimmstenfalls Schadenfreude.
Scheinbar sind die vier Kardinaltugenden zu banal und zu praktisch, als dass die Medien sie aufgreifen würden. Aber bekanntlich sind die wirklich guten Dinge immer schlicht und einfach. Und nachdem man sich einige Zeit bemüht hat, sie zu beachten, entfalten sie ihre Vorzüge: Sie befreien von drückenden Vorhaltungen der Religionen und Weltanschauungen und bringen ein unbeschwertes Leben in eigener, überschaubarer Verantwortung. Entscheiden Sie locker aus dem Bauch heraus und machen Sie dann rasch den Vier-Punkte-Check: Wenn ich das jetzt so mache, wie ich möchte, ist das sowohl klug, gerecht und tapfer wie auch massvoll? Falls nicht, fällt es Ihnen meist nicht schwer, es bleiben zu lassen – oder Sie machen den Fehler zumindest kalkuliert.
Ist Ihnen das Ganze zu nüchtern, zu wenig emotional? Riecht das nach Atheismus? Sie werden entdecken, dass die vier Kardinaltugenden zusammen das ergeben, was auch das grösste Anliegen der Religionen ist: die Liebe zu den Menschen und der Welt. Und dass deren Tiefsinn und Weisheit schon Bibliotheken füllen.
Fast so bedeutend wie das, was auf der kurzen Tugendliste steht, ist das, was nicht drauf ist. Viele Anforderungen, die auf uns einprasseln und uns unter Dauerstress setzen, können wir getrost vergessen. Sind Sie feige? Oder schüchtern, ängstlich, humorlos, launisch und was der schlechten Eigenschaften noch sind? Das ist alles nicht so wichtig. Lassen Sie das erleichtert beiseite und konzentrieren Sie ihre Energie auf die Vier, auf die es wirklich ankommt.
Wie können Sie 2010 die vier Tugenden besser beachten? Auf dieselbe Art, wie Sie das Einmaleins gelernt haben: Mit täglichem Üben und täglichen Fehlern im Kleinen wie im Grossen. Sie können nur gewinnen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kardinaltugend#
Von Theo Schilter. Aktualisiert am 21.12.2009
Moral und Ethik schaffen es zum Jahresende regelmässig in die Zeitungen. Am Alltag der Menschen ändert sich trotz einfacher Verhaltensregeln wenig.
Gemeingefährliche Fundamentalisten rechtfertigen ihr Tun ebenso mit Moral und Ethik wie bedauernswerte Sozialfälle. Despoten tun es und Dumpfbacken auch. Moral und Ethik sind wohlfeil und bergen gleichzeitig die Gefahr von Betrug und Selbstbetrug. Ideologen und religiöse Eiferer setzen die beiden öfter als Herrschaftsinstrumente ein denn als Mittel zur Befreiung. Beladen mit den «Du sollst»und «Du musst»-Vorgaben schleppen wir uns alle schwer über das Alltagspflaster, den Blick nach unten gerichtet statt nach vorn und zur Seite.
Man bekommt den Eindruck, dass Moral und Ethik im Alltag unter dem Strich von zweifelhaftem Nutzen sind und nicht allzu viel taugen. Umso....
So werden auch Sie zum guten Menschen
Von Theo Schilter. Aktualisiert am 21.12.2009
Moral und Ethik schaffen es zum Jahresende regelmässig in die Zeitungen. Am Alltag der Menschen ändert sich trotz einfacher Verhaltensregeln wenig.
Gemeingefährliche Fundamentalisten rechtfertigen ihr Tun ebenso mit Moral und Ethik wie bedauernswerte Sozialfälle. Despoten tun es und Dumpfbacken auch. Moral und Ethik sind wohlfeil und bergen gleichzeitig die Gefahr von Betrug und Selbstbetrug. Ideologen und religiöse Eiferer setzen die beiden öfter als Herrschaftsinstrumente ein denn als Mittel zur Befreiung. Beladen mit den «Du sollst»und «Du musst»-Vorgaben schleppen wir uns alle schwer über das Alltagspflaster, den Blick nach unten gerichtet statt nach vorn und zur Seite.
Man bekommt den Eindruck, dass Moral und Ethik im Alltag unter dem Strich von zweifelhaftem Nutzen sind und nicht allzu viel taugen. Umso erstaunlicher ist, dass es die Alternativen so schwer haben. Dabei gibt es Regeln, welche ihren viel grösseren Nutzen längst bewiesen haben und allseits auf Anhieb verstanden werden. Älter als das Christentum und der Islam, sind sie aus dem Alltag entstanden und haben sich darin unzählige Male bewährt. Diese Regeln sind weder religiös noch ideologisch; sie überbürden weder Schuld noch Scham und lassen die Verantwortung dort, wo sie hingehört: beim Menschen. Gemeint sind die vier Kardinaltugenden:
* Klugheit
*
* Gerechtigkeit
*
* Tapferkeit
*
* Mass halten
*
Wir wissen alle sofort, was gemeint ist. Debatten über Definitionen, Umfang und Interpretationen erübrigen sich weitgehend, Ideologien verpuffen. Die Vier sind das Destillat des riesigen Erfahrungsschatzes der Menschheit, gemeinsamer Nenner von Religionen und Kulturen. Den Praxistest haben sie schon längst bestanden.
Als eine Art Taschenmesser mit vier Werkzeugen kann man damit jederzeit und überall Entscheidungen prüfen. Menschen und Gesellschaften, welche die vier Tugenden beachten, vermeiden vorhersehbare Fehler. Sie verhindern Streit, Verschwendung und Selbstmitleid. Aus Erfahrung, nicht aus Glauben.
Ist das wieder so ein leeres Heilsversprechen? Machen wir das Exempel: Praktisch alle grossen Probleme der Gesellschaften gehen auf die Verletzung mindestens einer der vier Tugenden zurück:
* Armut und Hunger? Schreiende Ungerechtigkeit.
*
* Finanzkrise, Klimaerwärmung? Nicht Mass gehalten.
*
* Swissair, UBS? Dummheit und masslose Gier.
*
* Verzogene Jugend? Mangel an Tapferkeit (der Eltern).
Setzen Sie zum Test weitere Beispiele auf die Liste. Klopfen Sie Ihre privaten Fehler und die gesellschaftlichen Probleme mit den vier Tugenden ab. Die Resultate sind lehrreich.
Mitleid statt Wut
Erstaunlicherweise lösen die vier Kardinaltugenden auch den Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft: Wer sie beachtet, hilft beiden; wer sie verletzt, schädigt sich selbst mehr, als er sich nützt. Das ist kein Wunschdenken, sondern nachweislich: Scharenweise werden Abzocker depressiv, Egoisten einsam, Bequemlinge krank, Jammerer langweilig. Misst man diese Leute an den Tugenden, kommen nicht mehr Wut und Neid auf, sondern Mitleid, schlimmstenfalls Schadenfreude.
Scheinbar sind die vier Kardinaltugenden zu banal und zu praktisch, als dass die Medien sie aufgreifen würden. Aber bekanntlich sind die wirklich guten Dinge immer schlicht und einfach. Und nachdem man sich einige Zeit bemüht hat, sie zu beachten, entfalten sie ihre Vorzüge: Sie befreien von drückenden Vorhaltungen der Religionen und Weltanschauungen und bringen ein unbeschwertes Leben in eigener, überschaubarer Verantwortung. Entscheiden Sie locker aus dem Bauch heraus und machen Sie dann rasch den Vier-Punkte-Check: Wenn ich das jetzt so mache, wie ich möchte, ist das sowohl klug, gerecht und tapfer wie auch massvoll? Falls nicht, fällt es Ihnen meist nicht schwer, es bleiben zu lassen – oder Sie machen den Fehler zumindest kalkuliert.
Ist Ihnen das Ganze zu nüchtern, zu wenig emotional? Riecht das nach Atheismus? Sie werden entdecken, dass die vier Kardinaltugenden zusammen das ergeben, was auch das grösste Anliegen der Religionen ist: die Liebe zu den Menschen und der Welt. Und dass deren Tiefsinn und Weisheit schon Bibliotheken füllen.
Fast so bedeutend wie das, was auf der kurzen Tugendliste steht, ist das, was nicht drauf ist. Viele Anforderungen, die auf uns einprasseln und uns unter Dauerstress setzen, können wir getrost vergessen. Sind Sie feige? Oder schüchtern, ängstlich, humorlos, launisch und was der schlechten Eigenschaften noch sind? Das ist alles nicht so wichtig. Lassen Sie das erleichtert beiseite und konzentrieren Sie ihre Energie auf die Vier, auf die es wirklich ankommt.
Wie können Sie 2010 die vier Tugenden besser beachten? Auf dieselbe Art, wie Sie das Einmaleins gelernt haben: Mit täglichem Üben und täglichen Fehlern im Kleinen wie im Grossen. Sie können nur gewinnen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kardinaltugend#
Dienstag, Dezember 22, 2009
NZZ: Das Zwillings-Rätsel
13. Dezember 2009, NZZ am Sonntag
Das Zwillings-Rätsel
Warum gibt es an gewissen Orten gehäuft Zwillinge?
Ist es die Milch? Oder sind es die Folgen diabolischer Experimente des Nazi-Arztes Josef Mengele? Seit Jahrzehnten streiten sich die Experten über die Gründe, warum in einem kleinen Dorf im Süden Brasiliens weit überdurchschnittlich viele Zwillinge zur Welt kommen.
Von Wolfgang Kunath
Der stellvertretende Bürgermeister von Cândido Godói, einem kleinen Ort in Südbrasilien, seufzt. «Ich freu mich, dass nun endlich Schluss sein wird mit diesem Quatsch.» Man kann Mario Backes' Genugtuung gut verstehen. Denn seit Jahren ist seine Gemeinde immer wieder in den Schlagzeilen, immer wieder taucht eine gespenstische Theorie auf: Die aussergewöhnlich hohe Häufigkeit von Zwillingsgeburten unter den 6400 überwiegend deutschstämmigen Einwohnern von Cândido Godói gehe auf Josef Mengele zurück.
Der berüchtigte KZ-Arzt, der womöglich Hunderttausende....
13. Dezember 2009, NZZ am Sonntag
Das Zwillings-Rätsel
Warum gibt es an gewissen Orten gehäuft Zwillinge?
Ist es die Milch? Oder sind es die Folgen diabolischer Experimente des Nazi-Arztes Josef Mengele? Seit Jahrzehnten streiten sich die Experten über die Gründe, warum in einem kleinen Dorf im Süden Brasiliens weit überdurchschnittlich viele Zwillinge zur Welt kommen.
Von Wolfgang Kunath
Der stellvertretende Bürgermeister von Cândido Godói, einem kleinen Ort in Südbrasilien, seufzt. «Ich freu mich, dass nun endlich Schluss sein wird mit diesem Quatsch.» Man kann Mario Backes' Genugtuung gut verstehen. Denn seit Jahren ist seine Gemeinde immer wieder in den Schlagzeilen, immer wieder taucht eine gespenstische Theorie auf: Die aussergewöhnlich hohe Häufigkeit von Zwillingsgeburten unter den 6400 überwiegend deutschstämmigen Einwohnern von Cândido Godói gehe auf Josef Mengele zurück.
Der berüchtigte KZ-Arzt, der womöglich Hunderttausende in den Tod schickte und in Auschwitz an etwa 1500 Zwillingspaaren grausame Experimente unternahm, soll in den sechziger Jahren in Cândido Godói durch genetische Manipulationen einen Zwillings-Boom erzeugt haben. «Alles erfunden», sagt Backes und führt ein handfestes Argument an: «Welche konservative Bauersfrau liesse denn so etwas mit sich machen!»
«Terra dos gêmeos»
Backes' Zuversicht, dass «dieses Gerede» endlich aufhört, gründet vor allem auf der Wissenschaft. Brasilianische Genetiker wollen das Geheimnis lüften, warum in Cândido Godói die vielen Zwillinge geboren werden, auf die das kleine, vom Soja-, Weizen- und Maisanbau lebende Städtchen so stolz ist, dass es sich «terra dos gêmeos» nennt – Land der Zwillinge.
«Mit dieser Forschung wurde schon vor zwölf Jahren begonnen, und damals kursierte diese Mengele-Theorie auch schon», sagt die Genetikprofessorin Lavínia Faccini von der Bundes-Universität Porto Alegre. Aber zwischendurch stockte die Finanzierung, und erst seit kurzem ist wieder Geld da, um die Zwillingsforschung fortzuführen.
Und immerhin ein Ergebnis, sagt die Professorin im Interview, liegt jetzt schon vor: «Aufgrund der Geburtenregister, die wir untersucht haben, kann man die Mengele-Theorie definitiv ausschliessen.» Die Register beginnen 1927, bis 1959 sind sie zwar nicht so genau wie danach, aber dennoch: Bei 3 Prozent aller Geburten in Cândido Godói – und zwar praktisch konstant – kommen Zwillinge zur Welt, das sind mehr als doppelt so viel wie zum Beispiel in der Schweiz. Mit gar 7 Prozent noch höher ist die Zwillingsrate im zur Gemeinde gehörenden Weiler Linha São Pedro – aber auch das praktisch gleichbleibend über die Jahrzehnte hinweg. «Wir haben extra nach Clustern in den Sechzigern geforscht, als Mengele da gewesen sein soll», unterstreicht die Genetikerin, «aber die gibt es nicht.»
Im Januar veröffentlichte der Argentinier Jorge Camarasa sein Buch «Mengele: Der Todesengel in Südamerika» und löste damit – wieder einmal – eine rund um den Globus reichende Debatte aus. Laut Camarasa reiste Mengele, dem nach dem Krieg die Flucht nach Argentinien gelang und der erst 1979 in Brasilien einem Schlaganfall erlag, in den frühen Sechzigern in der Gegend von Cândido Godói herum, stellte sich bald als Arzt, bald als Veterinär vor, verabreichte nicht näher bezeichnete Medizinen und unternahm genetische Manipulationen.
Dass sich Camarasa dabei auf das Buch von Anencir Flores, einem früheren Arzt und Bürgermeister der Zwillingsstadt, stützte, fiel nicht weiter auf: Auch Flores liess Mengele nach Cândido Godói kommen, aber er räumte später ein, dass er Realität und Fiktion verknüpft hatte.
«Vermutlich war Cândido Godói Mengeles Laboratorium, in dem er endlich seinen Traum verwirklichen konnte, eine Herrenrasse von blonden, blauäugigen Ariern heranzuzüchten», sagte Camarasa damals. Während ein Teil der Presse Skepsis äusserte und offen spottete über die abstruse These, nahmen andere Medien sie ernster, oder sie machten sich Camarasas Theorie zu eigen: «Mengeles Geheim-Labor entdeckt? Ein Historiker fand seine Spuren», titelte zum Beispiel die Berliner «B. Z.».
Was bisher nur Neonazi-Kreise behaupteten, wurde plötzlich auch in der seriösen Presse als möglich oder gar wahrscheinlich erwogen: dass die grausamen Experimente eines der grössten Verbrecher des 20. Jahrhunderts tatsächlich wissenschaftlichen Wert und in Cândido Godói noch dazu praktische Erfolge gehabt haben könnten. «Absurd», schimpft Professorin Faccini, «Mengele war wissenschaftlich eine Null.»
Auch die Biografie Mengeles spricht gegen Camarasas Theorie. Dem Todesengel von Auschwitz gelang 1949 mit Hilfe von Schweizer und vatikanischen Helfershelfern die Flucht nach Argentinien, wo er unbehelligt unter anderen Nazis lebte, von seiner Familie in Deutschland finanziert und von der deutschen Botschaft sogar mit einem Pass auf seinen wahren Namen ausgestattet.
Als jedoch der israelische Geheimdienst Mossad 1960 den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann in Argentinien entführte, um ihn in Israel vor Gericht zu stellen, bekam es Mengele mit der Angst zu tun. «Von nun an würde er kaum einen Moment seines verbleibenden Lebens verbringen, ohne ängstlich über die Schulter zu schauen», schreibt der Historiker Uki Goñi, der ein Standardwerk über die Nazi-Flucht nach Argentinien verfasst hat. Reist so einer durchs Land und bietet prüden Bäuerinnen Zwillingsgeburten an?
Blonde Zwillinge
Doch wenn die Mengele-Theorie ausgeschlossen werden kann, wie lassen sich dann die viele blonden Zwillinge von Cândido Godói erklären? Lavínia Faccini und ihre Kollegen wollen der sogenannten Gründertheorie nachgehen: «Nehmen wir hundert Familien, von denen eine die genetische Prädisposition für Zwillinge hat, davon ziehen drei an einen abgeschiedenen Ort», erläutert die Professorin, «wenn die mit der Zwillingsneigung dabei ist, steigt die Chance, dass dieses Merkmal auftritt, von 1 zu 100 auf 1 zu 3 – und so etwas könnte in dem Weiler Linha São Pedro passiert sein.»
Später wollen die Wissenschafter das genetische Material und die Wanderungsgeschichte der Familien untersuchen: «Linha São Pedro wurde von acht bis zehn Familien gegründet, die meisten deutsch, eine aus dem Aargau, aber keine reiste direkt aus Europa an, sondern sie kamen schon in einem zweiten Emigrationsschritt.»
Cândido Godói ist im Übrigen kein Einzelfall. Überdurchschnittliche Zwillingshäufigkeit wird da und dort auf der Welt festgestellt, etwa in Indien oder in Rumänien, und da oft in entlegenen, abgeschlossenen Orten, was für die Gründertheorie spricht. Andererseits sind Zwillinge bei manchen Völkern selten – in China und Japan etwa –, während andere wieder überdurchschnittlich viele Zwillingsgeburten registrieren, so etwa die Yoruba in Nigeria. Wie erklärt sich das?
«Wir wissen, dass die Umweltfaktoren einen Einfluss haben», sagt die Genetikprofessorin, «Frauen, die viel Milchprodukte zu sich nehmen, bekommen eher Zwillinge als Veganerinnen, ebenso wie Frauen, die gross und stark gebaut sind.» Aber keiner dieser Faktoren allein könne die vielen Zwillinge in Linha São Pedro erklären, meint Lavínia Faccini; denkbar sei die Kombination genetischer Faktoren mit bestimmten Umwelteinflüssen.
Das Zwillings-Rätsel
Warum gibt es an gewissen Orten gehäuft Zwillinge?
Ist es die Milch? Oder sind es die Folgen diabolischer Experimente des Nazi-Arztes Josef Mengele? Seit Jahrzehnten streiten sich die Experten über die Gründe, warum in einem kleinen Dorf im Süden Brasiliens weit überdurchschnittlich viele Zwillinge zur Welt kommen.
Von Wolfgang Kunath
Der stellvertretende Bürgermeister von Cândido Godói, einem kleinen Ort in Südbrasilien, seufzt. «Ich freu mich, dass nun endlich Schluss sein wird mit diesem Quatsch.» Man kann Mario Backes' Genugtuung gut verstehen. Denn seit Jahren ist seine Gemeinde immer wieder in den Schlagzeilen, immer wieder taucht eine gespenstische Theorie auf: Die aussergewöhnlich hohe Häufigkeit von Zwillingsgeburten unter den 6400 überwiegend deutschstämmigen Einwohnern von Cândido Godói gehe auf Josef Mengele zurück.
Der berüchtigte KZ-Arzt, der womöglich Hunderttausende....
13. Dezember 2009, NZZ am Sonntag
Das Zwillings-Rätsel
Warum gibt es an gewissen Orten gehäuft Zwillinge?
Ist es die Milch? Oder sind es die Folgen diabolischer Experimente des Nazi-Arztes Josef Mengele? Seit Jahrzehnten streiten sich die Experten über die Gründe, warum in einem kleinen Dorf im Süden Brasiliens weit überdurchschnittlich viele Zwillinge zur Welt kommen.
Von Wolfgang Kunath
Der stellvertretende Bürgermeister von Cândido Godói, einem kleinen Ort in Südbrasilien, seufzt. «Ich freu mich, dass nun endlich Schluss sein wird mit diesem Quatsch.» Man kann Mario Backes' Genugtuung gut verstehen. Denn seit Jahren ist seine Gemeinde immer wieder in den Schlagzeilen, immer wieder taucht eine gespenstische Theorie auf: Die aussergewöhnlich hohe Häufigkeit von Zwillingsgeburten unter den 6400 überwiegend deutschstämmigen Einwohnern von Cândido Godói gehe auf Josef Mengele zurück.
Der berüchtigte KZ-Arzt, der womöglich Hunderttausende in den Tod schickte und in Auschwitz an etwa 1500 Zwillingspaaren grausame Experimente unternahm, soll in den sechziger Jahren in Cândido Godói durch genetische Manipulationen einen Zwillings-Boom erzeugt haben. «Alles erfunden», sagt Backes und führt ein handfestes Argument an: «Welche konservative Bauersfrau liesse denn so etwas mit sich machen!»
«Terra dos gêmeos»
Backes' Zuversicht, dass «dieses Gerede» endlich aufhört, gründet vor allem auf der Wissenschaft. Brasilianische Genetiker wollen das Geheimnis lüften, warum in Cândido Godói die vielen Zwillinge geboren werden, auf die das kleine, vom Soja-, Weizen- und Maisanbau lebende Städtchen so stolz ist, dass es sich «terra dos gêmeos» nennt – Land der Zwillinge.
«Mit dieser Forschung wurde schon vor zwölf Jahren begonnen, und damals kursierte diese Mengele-Theorie auch schon», sagt die Genetikprofessorin Lavínia Faccini von der Bundes-Universität Porto Alegre. Aber zwischendurch stockte die Finanzierung, und erst seit kurzem ist wieder Geld da, um die Zwillingsforschung fortzuführen.
Und immerhin ein Ergebnis, sagt die Professorin im Interview, liegt jetzt schon vor: «Aufgrund der Geburtenregister, die wir untersucht haben, kann man die Mengele-Theorie definitiv ausschliessen.» Die Register beginnen 1927, bis 1959 sind sie zwar nicht so genau wie danach, aber dennoch: Bei 3 Prozent aller Geburten in Cândido Godói – und zwar praktisch konstant – kommen Zwillinge zur Welt, das sind mehr als doppelt so viel wie zum Beispiel in der Schweiz. Mit gar 7 Prozent noch höher ist die Zwillingsrate im zur Gemeinde gehörenden Weiler Linha São Pedro – aber auch das praktisch gleichbleibend über die Jahrzehnte hinweg. «Wir haben extra nach Clustern in den Sechzigern geforscht, als Mengele da gewesen sein soll», unterstreicht die Genetikerin, «aber die gibt es nicht.»
Im Januar veröffentlichte der Argentinier Jorge Camarasa sein Buch «Mengele: Der Todesengel in Südamerika» und löste damit – wieder einmal – eine rund um den Globus reichende Debatte aus. Laut Camarasa reiste Mengele, dem nach dem Krieg die Flucht nach Argentinien gelang und der erst 1979 in Brasilien einem Schlaganfall erlag, in den frühen Sechzigern in der Gegend von Cândido Godói herum, stellte sich bald als Arzt, bald als Veterinär vor, verabreichte nicht näher bezeichnete Medizinen und unternahm genetische Manipulationen.
Dass sich Camarasa dabei auf das Buch von Anencir Flores, einem früheren Arzt und Bürgermeister der Zwillingsstadt, stützte, fiel nicht weiter auf: Auch Flores liess Mengele nach Cândido Godói kommen, aber er räumte später ein, dass er Realität und Fiktion verknüpft hatte.
«Vermutlich war Cândido Godói Mengeles Laboratorium, in dem er endlich seinen Traum verwirklichen konnte, eine Herrenrasse von blonden, blauäugigen Ariern heranzuzüchten», sagte Camarasa damals. Während ein Teil der Presse Skepsis äusserte und offen spottete über die abstruse These, nahmen andere Medien sie ernster, oder sie machten sich Camarasas Theorie zu eigen: «Mengeles Geheim-Labor entdeckt? Ein Historiker fand seine Spuren», titelte zum Beispiel die Berliner «B. Z.».
Was bisher nur Neonazi-Kreise behaupteten, wurde plötzlich auch in der seriösen Presse als möglich oder gar wahrscheinlich erwogen: dass die grausamen Experimente eines der grössten Verbrecher des 20. Jahrhunderts tatsächlich wissenschaftlichen Wert und in Cândido Godói noch dazu praktische Erfolge gehabt haben könnten. «Absurd», schimpft Professorin Faccini, «Mengele war wissenschaftlich eine Null.»
Auch die Biografie Mengeles spricht gegen Camarasas Theorie. Dem Todesengel von Auschwitz gelang 1949 mit Hilfe von Schweizer und vatikanischen Helfershelfern die Flucht nach Argentinien, wo er unbehelligt unter anderen Nazis lebte, von seiner Familie in Deutschland finanziert und von der deutschen Botschaft sogar mit einem Pass auf seinen wahren Namen ausgestattet.
Als jedoch der israelische Geheimdienst Mossad 1960 den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann in Argentinien entführte, um ihn in Israel vor Gericht zu stellen, bekam es Mengele mit der Angst zu tun. «Von nun an würde er kaum einen Moment seines verbleibenden Lebens verbringen, ohne ängstlich über die Schulter zu schauen», schreibt der Historiker Uki Goñi, der ein Standardwerk über die Nazi-Flucht nach Argentinien verfasst hat. Reist so einer durchs Land und bietet prüden Bäuerinnen Zwillingsgeburten an?
Blonde Zwillinge
Doch wenn die Mengele-Theorie ausgeschlossen werden kann, wie lassen sich dann die viele blonden Zwillinge von Cândido Godói erklären? Lavínia Faccini und ihre Kollegen wollen der sogenannten Gründertheorie nachgehen: «Nehmen wir hundert Familien, von denen eine die genetische Prädisposition für Zwillinge hat, davon ziehen drei an einen abgeschiedenen Ort», erläutert die Professorin, «wenn die mit der Zwillingsneigung dabei ist, steigt die Chance, dass dieses Merkmal auftritt, von 1 zu 100 auf 1 zu 3 – und so etwas könnte in dem Weiler Linha São Pedro passiert sein.»
Später wollen die Wissenschafter das genetische Material und die Wanderungsgeschichte der Familien untersuchen: «Linha São Pedro wurde von acht bis zehn Familien gegründet, die meisten deutsch, eine aus dem Aargau, aber keine reiste direkt aus Europa an, sondern sie kamen schon in einem zweiten Emigrationsschritt.»
Cândido Godói ist im Übrigen kein Einzelfall. Überdurchschnittliche Zwillingshäufigkeit wird da und dort auf der Welt festgestellt, etwa in Indien oder in Rumänien, und da oft in entlegenen, abgeschlossenen Orten, was für die Gründertheorie spricht. Andererseits sind Zwillinge bei manchen Völkern selten – in China und Japan etwa –, während andere wieder überdurchschnittlich viele Zwillingsgeburten registrieren, so etwa die Yoruba in Nigeria. Wie erklärt sich das?
«Wir wissen, dass die Umweltfaktoren einen Einfluss haben», sagt die Genetikprofessorin, «Frauen, die viel Milchprodukte zu sich nehmen, bekommen eher Zwillinge als Veganerinnen, ebenso wie Frauen, die gross und stark gebaut sind.» Aber keiner dieser Faktoren allein könne die vielen Zwillinge in Linha São Pedro erklären, meint Lavínia Faccini; denkbar sei die Kombination genetischer Faktoren mit bestimmten Umwelteinflüssen.
Montag, Dezember 21, 2009
Iran: Warum Atomkraftwerke?
Geht Iran das Öl aus?
Wolf-Dieter Roth 26.12.2006
Studie einer US-Universität legt nahe, dass Irans Griff nach dem Atom keinesfalls nur militärische Gründe haben könnte
Der sich ausweitende Konflikt zwischen den USA und dem Iran geht auch von der Annahme aus, dass das Land keine Atomkraftwerke benötige und dies nur eine Ausrede sei, um sich damit nuklear aufrüsten zu können. Nach einer Studie könnten die iranischen Ölexporte aber in den nächsten 10 Jahren komplett zusammenbrechen – und damit auch die Deviseneinnahmen, auf die das Land angewiesen ist.
Interessanterweise nicht in einer politischen Zeitschrift, sondern ganz unauffällig in den Proceedings of the National Academy of Sciences ( PNAS (1)) ist eine politisch durchaus brisante Untersuchung.....
Geht Iran das Öl aus?
Wolf-Dieter Roth 26.12.2006
Studie einer US-Universität legt nahe, dass Irans Griff nach dem Atom keinesfalls nur militärische Gründe haben könnte
Der sich ausweitende Konflikt zwischen den USA und dem Iran geht auch von der Annahme aus, dass das Land keine Atomkraftwerke benötige und dies nur eine Ausrede sei, um sich damit nuklear aufrüsten zu können. Nach einer Studie könnten die iranischen Ölexporte aber in den nächsten 10 Jahren komplett zusammenbrechen – und damit auch die Deviseneinnahmen, auf die das Land angewiesen ist.
Interessanterweise nicht in einer politischen Zeitschrift, sondern ganz unauffällig in den Proceedings of the National Academy of Sciences ( PNAS (1)) ist eine politisch durchaus brisante Untersuchung der Fakultät für geographische und Umwelt-Ingenieurwissenschaften der Johns Hopkins University (2), Baltimore, erschienen. In dieser geht es darum, wie sich die zukünftigen Ölexporte des Iran entwickeln könnten. Erdöl ist bisher praktisch der einzige Exportartikel des Landes, auf dem die gesamte Ökonomie aufbaut – und damit auch die politische Stabilität.
Zwar hat das Land durchaus nennenswerte Erdölvorkommen, doch wird gegenwärtig kaum etwas in deren Erschließung sowie in die Wartung und Modernisierung der vorhandenen Förderanlagen investiert. Gleichzeitig steigt mit der Industrialisierung im Land der Eigenbedarf an Erdöl und Erdgas. Wie Roger Stern in The Iranian petroleum crisis and United States national security (3) darlegt, ist einigen Analysten der Öl- und Gasindustrie bereits seit geraumer Zeit aufgefallen, dass sich hier ein Problem zusammenbraut: Wenn man den gegenwärtigen Trend fortrechnet, dürften die Erdölexporte des Iran in den nächsten Jahren jeweils um 10 bis 12% sinken, was in fünf Jahren bereits zu einer Reduzierung auf 50% bis hinunter auf 40% führen könnte, wenn wenigstens halbwegs vernünftig in die Wartung und Weiterentwicklung der Anlagen investiert wird.
In weniger als 10 Jahren keine iranischen Ölexporte mehr?
Läuft es dagegen politisch so weiter wie im Moment, könnte der Export in fünf Jahren bereits auf ein Drittel des heutigen Werts gesunken sein – um 2014, 2015 herum wären die Ölexporte schließlich auf Null, alles geförderte Öl würde im Lande selbst gebraucht. In diesem Moment wären auch die Deviseneinnahmen praktisch auf Null, wenn das Land keinen ähnlich attraktiven Exportartikel wie Erdöl finden sollte.

Die Entwicklung des Ölverbrauchs im Lande (gelb), der Ölexporte (blau) und der Förderung plus Ölimporte (grün) in Iran in den letzten 25 Jahren. Bild: Stern/PNAS
Der Iran sagt, dass er Atomkraftwerke bauen will, um den Strombedarf im Land abzudecken und Erdöl und Erdgas stattdessen zum devisenbringenden Export aufzusparen. Dabei sollen die Erdgasvorräte des Landes die zweitgrößten der Welt sein und alleine die Gasmengen, die jedes Jahr im Iran bei der Erdölförderung nutzlos abgefackelt werden, sollten ausreichen, um den Strom von vier Atommeilern des iranischen Typs Bushehr (4) zu erzeugen. So klingt es danach, dass der Wunsch nach Atomkraft nur eine faule Ausrede ist, um Atomtechnik ins Land zu holen und damit Atombomben bauen zu können.
Auch Analysen der früheren Mitarbeitern der National Iranian Oil Company ( NIOC (5)) gehen davon aus, dass die Ölexporte des Landes innerhalb der nächsten 12 bis 19 Jahre auf Null zurückgehen.
Das Problem ist, dass Öl im Land subventioniert und somit unrealistisch preiswert ist. Seit 1980 liegt infolgedessen die Zunahme des Energiebedarfs mit 6,4% über dem Zuwachs der Förderung (5,6%). Hinzu kommen speziell im Iran hohe und weiter zunehmende Verluste in Raffinerien infolge mangelnder Wartung.
Es geht hierbei wohlgemerkt nicht um die Erschöpfung der Vorräte ( "Peak Oil" (6)), sondern schlichtweg um steigenden Verbrauch bei gleichbleibender beziehungsweise leicht sinkender Förderung, was dazu führt, dass innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre kein Öl zum Export mehr übrig bleibt. In dem Moment, wo dieser Punkt erreicht ist, wird die Wirtschaft des Iran instabil und das Regime gefährdet.
Nach Ansicht der Wissenschaftler ist die Weiterentwicklung der Ölförderanlagen im Iran völlig desorganisiert. So soll die NIOC 2009 eine Erweiterung der Anlage in Ahvaz bauen, hat jedoch seit der Revolution von 1978 kein einziges größeres Projekt mehr geleitet, sodass kaum anzunehmen ist, dass diese Erweiterung im geplanten Zeitrahmen über die Bühne geht. Die meisten Anlagen sind sogar noch vor der iranischen Revolution gebaut worden.
Ölförderanlagen und Raffinierien sind über 30 Jahre alt
Während in anderen ölexportierenden Ländern ausländische Investoren die Anlagen bauen, finanzieren und warten und dabei natürlich auch an den Gewinnen direkt beteiligt werden, ist dies im Iran verboten, weil es als ausländischer Besitz gewertet wird. Die stattdessen angesetzte Alternativlösung, so genannte "Buyback"-Verträge, ist wiederum für Investoren nicht attraktiv. Selbst wenn sich ein ausländischer Investor Mühe gibt, in ein Auswahlverfahren für einen solchen Vertrag aufgenommen zu werden, werden die Verfahren aufgrund antiwestlicher Vorbehalte Jahre bis Jahrzehnte verzögert.
Ein japanisches Konsortium hat beispielsweise um einen Buyback-Vertrag für das Azadegan-Feld sieben Jahre ohne Ergebnis verhandelt. Andere Investoren ziehen sich aufgrund der unsicheren politischen Situation zurück. Die Folge ist, dass ein Gaserschließungsvertrag sogar aus lauter Verzweiflung an die Revolutionären Garden vergeben wurde. Während die Investitionen schon im Zeitraum 1998 bis 2004 unzureichend waren, um die Produktionsrückgänge auszugleichen, dürften sie zukünftig gegen Null gehen.
Ein weiteres Problem ist der neben dem Ölverbrauch ebenfalls steigende Gasverbrauch im Land. Wie in Venezuela (7) bleibt dann nicht genügend Gas, um es in die Ölfelder zurück zu pumpen und damit den Druck in diesen aufrecht zu erhalten, was zu einem vorzeitigen Versiegen der Ölquellen führt. Gleichzeitig wird allerdings – ebenfalls aus Devisengründen – versucht, den Gasexport zu erhöhen.
Benzin wird importiert und zu Dumpingpreisen verkauft
Zudem wird auch noch Benzin importiert, weil es bei den bezuschussten Preisen im Land (Benzin kostet in Iran nur 8 US-Cent!) und den maroden Raffinerien unrentabel ist, eigenes Benzin herzustellen. Es gehen in den iranischen Raffinerien bereits 6% der gesamten Ölproduktion verloren und versickern im Boden, verdunsten oder verbrennen, weil es sich bei den nicht marktgerecht niedrig festgelegten Verkaufspreisen im Land schlichtweg nicht lohnt, eine Raffinerie zu reparieren, die sowieso nur Verluste bringen würde. Tatsächlich beruht der iranische Wohlfahrtsstaat auf dem gescheiterten Modell der Sowjetunion mit staatlichen Fünf-Jahres-Plänen, so Stern.
Es erscheint zwar absurd und geradezu lebensgefährlich, in einem solchen Land unter diesen Umständen auch noch in Atomtechnik zu investieren. Doch hierzu ist Russland bereit, während sich für die Gas- und Öltechnik keine Investoren mehr finden lassen. Also wird Iran versuchen, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen, vermutet Stern. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Nutzung der Atomenergie dann tatsächlich rein zivil bliebe, jene Bedenken sind durchaus nicht hinfällig.
Das eigentliche Problem ist jedoch das Ölkartell der OPEC in Kombination mit dem Subventionssystem im Land, das zu diesen unrentablen Verhältnissen führt. Hinzu kommt in den USA und im Nahen Osten das Fehlen eines preisstabilisierenden und sparsame Motoren fördernden Steuersystems wie in Europa. Wenn benzinsparende Techniken flächendeckend durchgesetzt würden, dann würde sich aufgrund der verringerten Nachfrage auch die Lage sowohl im Iran wie in anderen ölfördernden Ländern entspannen, so die ökonomisch begründeten Thesen von Stern. Die Einnahmeverluste durch den selbst verschuldeten Wegfall der Ölexporte dürfte das Land weit schwerer treffen als jede Sanktion, die die USA oder die UN verhängen könnten. Roger Stern hält Sanktionen, wie sie gerade beschlossen wurden, für wirkungslos. Nach seiner Ansicht könnten sie gerade den Protest der Bevölkerung gegen die ausländischen Mächte schüren und so eher zur Verfestigung des Irrwegs führen.
Links
(1) http://www.pnas.org
(2) http://www.jhu.edu
(3) http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.0603903104
(4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22029/1.html
(5) http://www.nioc.com
(6) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20727/1.html
(7) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23739/1.html
Wolf-Dieter Roth 26.12.2006
Studie einer US-Universität legt nahe, dass Irans Griff nach dem Atom keinesfalls nur militärische Gründe haben könnte
Der sich ausweitende Konflikt zwischen den USA und dem Iran geht auch von der Annahme aus, dass das Land keine Atomkraftwerke benötige und dies nur eine Ausrede sei, um sich damit nuklear aufrüsten zu können. Nach einer Studie könnten die iranischen Ölexporte aber in den nächsten 10 Jahren komplett zusammenbrechen – und damit auch die Deviseneinnahmen, auf die das Land angewiesen ist.
Interessanterweise nicht in einer politischen Zeitschrift, sondern ganz unauffällig in den Proceedings of the National Academy of Sciences ( PNAS (1)) ist eine politisch durchaus brisante Untersuchung.....
Geht Iran das Öl aus?
Wolf-Dieter Roth 26.12.2006
Studie einer US-Universität legt nahe, dass Irans Griff nach dem Atom keinesfalls nur militärische Gründe haben könnte
Der sich ausweitende Konflikt zwischen den USA und dem Iran geht auch von der Annahme aus, dass das Land keine Atomkraftwerke benötige und dies nur eine Ausrede sei, um sich damit nuklear aufrüsten zu können. Nach einer Studie könnten die iranischen Ölexporte aber in den nächsten 10 Jahren komplett zusammenbrechen – und damit auch die Deviseneinnahmen, auf die das Land angewiesen ist.
Interessanterweise nicht in einer politischen Zeitschrift, sondern ganz unauffällig in den Proceedings of the National Academy of Sciences ( PNAS (1)) ist eine politisch durchaus brisante Untersuchung der Fakultät für geographische und Umwelt-Ingenieurwissenschaften der Johns Hopkins University (2), Baltimore, erschienen. In dieser geht es darum, wie sich die zukünftigen Ölexporte des Iran entwickeln könnten. Erdöl ist bisher praktisch der einzige Exportartikel des Landes, auf dem die gesamte Ökonomie aufbaut – und damit auch die politische Stabilität.
Zwar hat das Land durchaus nennenswerte Erdölvorkommen, doch wird gegenwärtig kaum etwas in deren Erschließung sowie in die Wartung und Modernisierung der vorhandenen Förderanlagen investiert. Gleichzeitig steigt mit der Industrialisierung im Land der Eigenbedarf an Erdöl und Erdgas. Wie Roger Stern in The Iranian petroleum crisis and United States national security (3) darlegt, ist einigen Analysten der Öl- und Gasindustrie bereits seit geraumer Zeit aufgefallen, dass sich hier ein Problem zusammenbraut: Wenn man den gegenwärtigen Trend fortrechnet, dürften die Erdölexporte des Iran in den nächsten Jahren jeweils um 10 bis 12% sinken, was in fünf Jahren bereits zu einer Reduzierung auf 50% bis hinunter auf 40% führen könnte, wenn wenigstens halbwegs vernünftig in die Wartung und Weiterentwicklung der Anlagen investiert wird.
In weniger als 10 Jahren keine iranischen Ölexporte mehr?
Läuft es dagegen politisch so weiter wie im Moment, könnte der Export in fünf Jahren bereits auf ein Drittel des heutigen Werts gesunken sein – um 2014, 2015 herum wären die Ölexporte schließlich auf Null, alles geförderte Öl würde im Lande selbst gebraucht. In diesem Moment wären auch die Deviseneinnahmen praktisch auf Null, wenn das Land keinen ähnlich attraktiven Exportartikel wie Erdöl finden sollte.

Die Entwicklung des Ölverbrauchs im Lande (gelb), der Ölexporte (blau) und der Förderung plus Ölimporte (grün) in Iran in den letzten 25 Jahren. Bild: Stern/PNAS
Der Iran sagt, dass er Atomkraftwerke bauen will, um den Strombedarf im Land abzudecken und Erdöl und Erdgas stattdessen zum devisenbringenden Export aufzusparen. Dabei sollen die Erdgasvorräte des Landes die zweitgrößten der Welt sein und alleine die Gasmengen, die jedes Jahr im Iran bei der Erdölförderung nutzlos abgefackelt werden, sollten ausreichen, um den Strom von vier Atommeilern des iranischen Typs Bushehr (4) zu erzeugen. So klingt es danach, dass der Wunsch nach Atomkraft nur eine faule Ausrede ist, um Atomtechnik ins Land zu holen und damit Atombomben bauen zu können.
Auch Analysen der früheren Mitarbeitern der National Iranian Oil Company ( NIOC (5)) gehen davon aus, dass die Ölexporte des Landes innerhalb der nächsten 12 bis 19 Jahre auf Null zurückgehen.
Das Problem ist, dass Öl im Land subventioniert und somit unrealistisch preiswert ist. Seit 1980 liegt infolgedessen die Zunahme des Energiebedarfs mit 6,4% über dem Zuwachs der Förderung (5,6%). Hinzu kommen speziell im Iran hohe und weiter zunehmende Verluste in Raffinerien infolge mangelnder Wartung.
Es geht hierbei wohlgemerkt nicht um die Erschöpfung der Vorräte ( "Peak Oil" (6)), sondern schlichtweg um steigenden Verbrauch bei gleichbleibender beziehungsweise leicht sinkender Förderung, was dazu führt, dass innerhalb der nächsten 10 bis 20 Jahre kein Öl zum Export mehr übrig bleibt. In dem Moment, wo dieser Punkt erreicht ist, wird die Wirtschaft des Iran instabil und das Regime gefährdet.
Nach Ansicht der Wissenschaftler ist die Weiterentwicklung der Ölförderanlagen im Iran völlig desorganisiert. So soll die NIOC 2009 eine Erweiterung der Anlage in Ahvaz bauen, hat jedoch seit der Revolution von 1978 kein einziges größeres Projekt mehr geleitet, sodass kaum anzunehmen ist, dass diese Erweiterung im geplanten Zeitrahmen über die Bühne geht. Die meisten Anlagen sind sogar noch vor der iranischen Revolution gebaut worden.
Ölförderanlagen und Raffinierien sind über 30 Jahre alt
Während in anderen ölexportierenden Ländern ausländische Investoren die Anlagen bauen, finanzieren und warten und dabei natürlich auch an den Gewinnen direkt beteiligt werden, ist dies im Iran verboten, weil es als ausländischer Besitz gewertet wird. Die stattdessen angesetzte Alternativlösung, so genannte "Buyback"-Verträge, ist wiederum für Investoren nicht attraktiv. Selbst wenn sich ein ausländischer Investor Mühe gibt, in ein Auswahlverfahren für einen solchen Vertrag aufgenommen zu werden, werden die Verfahren aufgrund antiwestlicher Vorbehalte Jahre bis Jahrzehnte verzögert.
Ein japanisches Konsortium hat beispielsweise um einen Buyback-Vertrag für das Azadegan-Feld sieben Jahre ohne Ergebnis verhandelt. Andere Investoren ziehen sich aufgrund der unsicheren politischen Situation zurück. Die Folge ist, dass ein Gaserschließungsvertrag sogar aus lauter Verzweiflung an die Revolutionären Garden vergeben wurde. Während die Investitionen schon im Zeitraum 1998 bis 2004 unzureichend waren, um die Produktionsrückgänge auszugleichen, dürften sie zukünftig gegen Null gehen.
Ein weiteres Problem ist der neben dem Ölverbrauch ebenfalls steigende Gasverbrauch im Land. Wie in Venezuela (7) bleibt dann nicht genügend Gas, um es in die Ölfelder zurück zu pumpen und damit den Druck in diesen aufrecht zu erhalten, was zu einem vorzeitigen Versiegen der Ölquellen führt. Gleichzeitig wird allerdings – ebenfalls aus Devisengründen – versucht, den Gasexport zu erhöhen.
Benzin wird importiert und zu Dumpingpreisen verkauft
Zudem wird auch noch Benzin importiert, weil es bei den bezuschussten Preisen im Land (Benzin kostet in Iran nur 8 US-Cent!) und den maroden Raffinerien unrentabel ist, eigenes Benzin herzustellen. Es gehen in den iranischen Raffinerien bereits 6% der gesamten Ölproduktion verloren und versickern im Boden, verdunsten oder verbrennen, weil es sich bei den nicht marktgerecht niedrig festgelegten Verkaufspreisen im Land schlichtweg nicht lohnt, eine Raffinerie zu reparieren, die sowieso nur Verluste bringen würde. Tatsächlich beruht der iranische Wohlfahrtsstaat auf dem gescheiterten Modell der Sowjetunion mit staatlichen Fünf-Jahres-Plänen, so Stern.
Es erscheint zwar absurd und geradezu lebensgefährlich, in einem solchen Land unter diesen Umständen auch noch in Atomtechnik zu investieren. Doch hierzu ist Russland bereit, während sich für die Gas- und Öltechnik keine Investoren mehr finden lassen. Also wird Iran versuchen, diese Gelegenheit beim Schopf zu packen, vermutet Stern. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Nutzung der Atomenergie dann tatsächlich rein zivil bliebe, jene Bedenken sind durchaus nicht hinfällig.
Das eigentliche Problem ist jedoch das Ölkartell der OPEC in Kombination mit dem Subventionssystem im Land, das zu diesen unrentablen Verhältnissen führt. Hinzu kommt in den USA und im Nahen Osten das Fehlen eines preisstabilisierenden und sparsame Motoren fördernden Steuersystems wie in Europa. Wenn benzinsparende Techniken flächendeckend durchgesetzt würden, dann würde sich aufgrund der verringerten Nachfrage auch die Lage sowohl im Iran wie in anderen ölfördernden Ländern entspannen, so die ökonomisch begründeten Thesen von Stern. Die Einnahmeverluste durch den selbst verschuldeten Wegfall der Ölexporte dürfte das Land weit schwerer treffen als jede Sanktion, die die USA oder die UN verhängen könnten. Roger Stern hält Sanktionen, wie sie gerade beschlossen wurden, für wirkungslos. Nach seiner Ansicht könnten sie gerade den Protest der Bevölkerung gegen die ausländischen Mächte schüren und so eher zur Verfestigung des Irrwegs führen.
Links
(1) http://www.pnas.org
(2) http://www.jhu.edu
(3) http://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.0603903104
(4) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22029/1.html
(5) http://www.nioc.com
(6) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20727/1.html
(7) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/23/23739/1.html
Samstag, Dezember 19, 2009
Film: Jeremiah Johnson (1972)
Rediscovering an old classic!
Jeremiah Johnson with Robert Redford (http://www.imdb.com/title/tt0068762/)
Jeremiah Johnson gets his favourite rifle
loosing his family - with music from Johnny Cash
Final Scene
Jeremiah Johnson with Robert Redford (http://www.imdb.com/title/tt0068762/)
Jeremiah Johnson gets his favourite rifle
loosing his family - with music from Johnny Cash
Final Scene
Freitag, Dezember 18, 2009
TA: Wer darf eigentlich über wen Witze machen?
Tages Anzeiger 16.12.2009
Wer darf eigentlich über wen Witze machen?
Von Peter Schneider.
Als Gast bei Giacobbo/Müller haben Sie kürzlich gesagt, das Problem, ob nur ein Jude über Juden Witze machen dürfe, käme Ihnen vor wie die Frage, ob man Nazi sein müsse, um über Hitler lachen zu dürfen. Das hat mich ziemlich befremdet. Denn sich über etwas lustig machen darf (und sollte) ja wirklich nur einer, der in eine bestimmte Kategorie von Menschen gehört – so ein Kleinwüchsiger, ein Rothaariger, ein Homosexueller oder auch ein Jude (die alle wurden so geboren und werden oft von anderen verspottet, was unfair und geschmacklos ist) –, und nicht ein Nazi, der ja wissentlich zu dem geworden ist, was er ist. Ich hoffe, Sie sehen den kleinen, aber wesentlichen Unterschied. K. S. .......
Tages Anzeiger 16.12.2009
Wer darf eigentlich über wen Witze machen?
Von Peter Schneider.
Als Gast bei Giacobbo/Müller haben Sie kürzlich gesagt, das Problem, ob nur ein Jude über Juden Witze machen dürfe, käme Ihnen vor wie die Frage, ob man Nazi sein müsse, um über Hitler lachen zu dürfen. Das hat mich ziemlich befremdet. Denn sich über etwas lustig machen darf (und sollte) ja wirklich nur einer, der in eine bestimmte Kategorie von Menschen gehört – so ein Kleinwüchsiger, ein Rothaariger, ein Homosexueller oder auch ein Jude (die alle wurden so geboren und werden oft von anderen verspottet, was unfair und geschmacklos ist) –, und nicht ein Nazi, der ja wissentlich zu dem geworden ist, was er ist. Ich hoffe, Sie sehen den kleinen, aber wesentlichen Unterschied. K. S.
Liebe Frau S.
Natürlich hinkt mein Vergleich, und zwar nicht nur auf einem Bein, sondern grad auf allen vieren. Allerdings war er auch bloss als das gedacht, was Freud einen «Überbietungswitz» nennt: Man enthüllt die Pseudologik eines Arguments, indem man sie auf eine noch absurdere Spitze treibt. Sollte der Unterschied zwischen einem antisemitischen und einem nicht antisemitischen JudenWitz davon abhängen, ob der Erzähler von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder nicht? (Wo kämen wir da auch hin: Zum Nicht-Nichtarier-Nachweis für Komiker? – Noch so ein kleiner Überbietungsscherz.)
Um den Unterschied zwischen rassistischer Feindseligkeit und aufklärerischem oder fröhlich-albernem Spott auszumachen, darf man sich eben nicht von blossen «Inhalten» ins Bockshorn jagen lassen, sondern braucht man einen Sinn für die Gesetze der Rhetorik «uneigentlicher Rede». Wer sich über die bescheuerte Pro-Behinderten-Kampagne der IV lustig macht, indem er die behaupteten Pappkameraden-Vorurteile, dass Behinderte dauernd krank seien und nur Geld kosteten, satirisch noch ein paar Zacken überdreht, muss dazu nicht durch eine eigene Behinderung legitimiert sein.
Und die Behauptung, Homosexualität sei deshalb natürlich, weil es schwule Flamingopärchen gibt, verdient es, in spöttischer Absicht mit der Tatsache konterkariert zu werden, dass auch häusliche Gewalt etwas ganz Natürliches ist, weil z. B. Löwenmännchen hin und wieder den eigenen Nachwuchs auffressen. Damit behauptet man nämlich nicht die Widernatürlichkeit der Homosexualität, sondern entlarvt ein dummes «naturalistisches» Argument. Und um auf solche Ideen zu kommen (und sie ggf. lustig und befreiend zu finden), braucht man weder ein homo- noch ein heterosexuelles Gen, sondern lediglich ein komisches.
Wer darf eigentlich über wen Witze machen?
Von Peter Schneider.
Als Gast bei Giacobbo/Müller haben Sie kürzlich gesagt, das Problem, ob nur ein Jude über Juden Witze machen dürfe, käme Ihnen vor wie die Frage, ob man Nazi sein müsse, um über Hitler lachen zu dürfen. Das hat mich ziemlich befremdet. Denn sich über etwas lustig machen darf (und sollte) ja wirklich nur einer, der in eine bestimmte Kategorie von Menschen gehört – so ein Kleinwüchsiger, ein Rothaariger, ein Homosexueller oder auch ein Jude (die alle wurden so geboren und werden oft von anderen verspottet, was unfair und geschmacklos ist) –, und nicht ein Nazi, der ja wissentlich zu dem geworden ist, was er ist. Ich hoffe, Sie sehen den kleinen, aber wesentlichen Unterschied. K. S. .......
Tages Anzeiger 16.12.2009
Wer darf eigentlich über wen Witze machen?
Von Peter Schneider.
Als Gast bei Giacobbo/Müller haben Sie kürzlich gesagt, das Problem, ob nur ein Jude über Juden Witze machen dürfe, käme Ihnen vor wie die Frage, ob man Nazi sein müsse, um über Hitler lachen zu dürfen. Das hat mich ziemlich befremdet. Denn sich über etwas lustig machen darf (und sollte) ja wirklich nur einer, der in eine bestimmte Kategorie von Menschen gehört – so ein Kleinwüchsiger, ein Rothaariger, ein Homosexueller oder auch ein Jude (die alle wurden so geboren und werden oft von anderen verspottet, was unfair und geschmacklos ist) –, und nicht ein Nazi, der ja wissentlich zu dem geworden ist, was er ist. Ich hoffe, Sie sehen den kleinen, aber wesentlichen Unterschied. K. S.
Liebe Frau S.
Natürlich hinkt mein Vergleich, und zwar nicht nur auf einem Bein, sondern grad auf allen vieren. Allerdings war er auch bloss als das gedacht, was Freud einen «Überbietungswitz» nennt: Man enthüllt die Pseudologik eines Arguments, indem man sie auf eine noch absurdere Spitze treibt. Sollte der Unterschied zwischen einem antisemitischen und einem nicht antisemitischen JudenWitz davon abhängen, ob der Erzähler von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder nicht? (Wo kämen wir da auch hin: Zum Nicht-Nichtarier-Nachweis für Komiker? – Noch so ein kleiner Überbietungsscherz.)
Um den Unterschied zwischen rassistischer Feindseligkeit und aufklärerischem oder fröhlich-albernem Spott auszumachen, darf man sich eben nicht von blossen «Inhalten» ins Bockshorn jagen lassen, sondern braucht man einen Sinn für die Gesetze der Rhetorik «uneigentlicher Rede». Wer sich über die bescheuerte Pro-Behinderten-Kampagne der IV lustig macht, indem er die behaupteten Pappkameraden-Vorurteile, dass Behinderte dauernd krank seien und nur Geld kosteten, satirisch noch ein paar Zacken überdreht, muss dazu nicht durch eine eigene Behinderung legitimiert sein.
Und die Behauptung, Homosexualität sei deshalb natürlich, weil es schwule Flamingopärchen gibt, verdient es, in spöttischer Absicht mit der Tatsache konterkariert zu werden, dass auch häusliche Gewalt etwas ganz Natürliches ist, weil z. B. Löwenmännchen hin und wieder den eigenen Nachwuchs auffressen. Damit behauptet man nämlich nicht die Widernatürlichkeit der Homosexualität, sondern entlarvt ein dummes «naturalistisches» Argument. Und um auf solche Ideen zu kommen (und sie ggf. lustig und befreiend zu finden), braucht man weder ein homo- noch ein heterosexuelles Gen, sondern lediglich ein komisches.
Donnerstag, Dezember 17, 2009
Russian Analytical Digest: Internet usage in Russia
Internet usage in Russia
This interesting report from the Russian Analytical Digest analyses the way the internet is used in Russia and possible influence on society deriving from the internet.
The Report (English; .pdf 356kb)
Ein interessanter Bericht über die Verwendung des Internetes in Russland. Der Bericht zeigt mögliche Auswirkungen auf die Gesellschaft auf.
Herausgeber: Russian Analytical Digest
Der Bericht (English, .pdf 356kb)
This interesting report from the Russian Analytical Digest analyses the way the internet is used in Russia and possible influence on society deriving from the internet.
The Report (English; .pdf 356kb)
Ein interessanter Bericht über die Verwendung des Internetes in Russland. Der Bericht zeigt mögliche Auswirkungen auf die Gesellschaft auf.
Herausgeber: Russian Analytical Digest
Der Bericht (English, .pdf 356kb)
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