19. Oktober 2009, Neue Zürcher Zeitung
Die Hüter des Feuers
Eine der ältesten monotheistischen Religionen droht auszusterben – wie leben die Zoroastrier von heute?
Nicht allein durch Nietzsches «Also sprach Zarathustra», sondern auch durch ihre teilweise bizarr anmutenden Rituale hat die Religion der Zoroastrier eine magische Aura bewahrt. Ihre Anhänger freilich sind heute teilweise in der Ausübung ihres Glaubens eingeschränkt und die Gemeinden im Schwinden begriffen.
Maryam SchumacherMaryam Schumacher lebt als freie Journalistin in Berlin.
Tschak tschak, wie das leise Tropfen auf dem Marmorboden im Tempel, das unentwegt durch den Raum hallt. Tschak tschak, wie die Flammen, die endlos flackern, umgeben von den dunklen, kalten Wänden. Tschak Tschak: der Name des kleinen, legendären Ortes in der kargen, gebirgigen Provinz Yazd im Herzen Irans, wo der bedeutendste Wallfahrtsort und das Glaubenszentrum der Zoroastrier liegt.
Mittags öffnen sich die massiven bronzenen Torflügel. Der kleine Mann, der die....
19. Oktober 2009, Neue Zürcher Zeitung
Die Hüter des Feuers
Eine der ältesten monotheistischen Religionen droht auszusterben – wie leben die Zoroastrier von heute?
Nicht allein durch Nietzsches «Also sprach Zarathustra», sondern auch durch ihre teilweise bizarr anmutenden Rituale hat die Religion der Zoroastrier eine magische Aura bewahrt. Ihre Anhänger freilich sind heute teilweise in der Ausübung ihres Glaubens eingeschränkt und die Gemeinden im Schwinden begriffen.
Maryam SchumacherMaryam Schumacher lebt als freie Journalistin in Berlin.
Tschak tschak, wie das leise Tropfen auf dem Marmorboden im Tempel, das unentwegt durch den Raum hallt. Tschak tschak, wie die Flammen, die endlos flackern, umgeben von den dunklen, kalten Wänden. Tschak Tschak: der Name des kleinen, legendären Ortes in der kargen, gebirgigen Provinz Yazd im Herzen Irans, wo der bedeutendste Wallfahrtsort und das Glaubenszentrum der Zoroastrier liegt.
Mittags öffnen sich die massiven bronzenen Torflügel. Der kleine Mann, der die Besuchergruppen in den Feuertempel einlässt, trägt eine weisse Kappe und sieht aus wie gemalt, mit feinen Gesichtszügen, grauweissen Haaren und leuchtend blauen Augen. Im Tempel beginnt er zu erklären: Der zoroastrische Glaube beruhe auf der Reinheit der Elemente Erde, Luft, Wasser und des heiligsten, des Feuers. Alle seien lebensnotwendig, aber nur durch die göttliche Kraft des Feuers könne man Weisheit erlangen.
Monotheistische Urreligion?
Kaum eine Religion ist bis heute so unbekannt und unterschätzt, gleichzeitig aber so geheimnisvoll wie der Zoroastrismus. Das zeigt sich auch in den vielen Namen, die seinen Anhängern gegeben wurden: «Feueranbeter» oder im Persischen «die Magier». Die Anhängerschaft der Zoroastrier ist mittlerweile klein, weltweit gibt es noch rund 130 000 von ihnen. Dabei gehört die zoroastrische Religion zu den ältesten monotheistischen Religionen: Ihre Ursprünge reichen bis ins altpersische Reich 1800 Jahre vor Christus zurück. Das Judentum, das Christentum und der Islam sollen viele ihrer Prinzipien aus den Lehren des Propheten Zarathustra hergeleitet haben.
Der Schöpfergott der Zoroastrier ist Ahura Mazda, der in sieben Tagen die geistige und die materielle Welt, bestehend aus Sonne, Himmel, Erde, Gewässern, Tieren, Pflanzen und Menschen, geschaffen hat. So sagt es die Avesta, die heilige Schrift der Zoroastrier. Ihr Weltbild ist von einer Dichotomie zwischen Gut und Böse geprägt: Die gesamte Menschheit lebt in einem Kampf, den Ahura Mazda und sein Widersacher Ahriman austragen. Das Böse kann nur dauerhaft besiegt werden, wenn alle Menschen immer gut sind; in dieser Dichotomie ist damit auch das ethische Wertesystem enthalten, welches Pflichten und Verbote für die Zoroastrier definiert. Der Primat von Werten wie Loyalität, Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft ist dabei nicht zuletzt auch eine Garantie für das Fortbestehen der eigenen Gemeinde, die in erster Linie von den Wohlfahrtseinrichtungen und den Beziehungsnetzen ihrer Mitglieder profitieren soll.
«Natürlich habe ich im Laufe meines Lebens auch viele Zweifel gehabt», erzählt Shernaaz Engineer. Die brünette, junge Frau mit den langen Haaren und den zierlichen Händen wirkt nachdenklich. «Es ist eine sehr alte Religion, die sich parallel zu den ältesten Zivilisationen entwickelt hat.» Diesen Aspekt findet Shernaaz nicht nur schön, sondern er gibt ihr auch Sicherheit.
Mit dem Fortschreiten der Islamisierung in Iran wurden die Zoroastrier, wie andere religiöse Minderheiten auch, zusehends vertrieben. In mehreren Wellen emigrierten sie im 9. Jahrhundert aus dem Nordwesten Irans nach Indien und liessen sich dort an der westlichen Küste in Gujarat und Mumbai nieder. Parsis heisst diese Gruppe der Zoroastrier, während sich diejenigen, die im 19. und im frühen 20. Jahrhundert auf der Flucht vor dem repressiven Qadjaren-Regime in einer zweiten Migrationswelle nach Indien gelangten, Iranis nennen.
Kleine Gemeinde mit hohem Ansehen
Im südlichen Zipfel von Mumbai befinden sich rund 25 Feuertempel. Anders als in Iran haben Nicht-Parsis hier keinen Zutritt. Für Aussenseiter wirkt die Gemeinde auf den ersten Blick in sich gekehrt und verschlossen, die Religion mit ihren absonderlichen Riten manchmal fast schockierend. Mehrere Parsi-Enklaven wurden in Mumbai als gated communities, als mit Mauern und Wächtern geschützte Wohnsiedlungen, gebaut. In einer von ihnen lebt die 32-jährige Shernaaz. «Für mich ist diese Form des Zusammenlebens optimal», erklärt die junge Publizistin und schränkt gleichzeitig ein: «Der Austausch in der Gemeinde hat sich allerdings sehr verändert, weil das Leben so mechanisch geworden ist und die Menschen permanent beschäftigt sind.» Der Zusammenhalt in der Gemeinde jedoch sei weiterhin sehr stark.
Die Parsis geniessen in Indien hohes Ansehen, nicht zuletzt weil sie viel zur städtischen und industriellen Entwicklung der Stadt Mumbai beigetragen haben. Eine ganze Anzahl von Sozialeinrichtungen, Krankenhäusern, Schulen und Kunstgalerien gehen auf Parsis zurück; auch die Eigentümerfamilie des global tätigen Mischkonzerns Tata ist parsischer Abkunft. Nicht zuletzt funktioniert die kleine Gemeinde auch als soziales Netzwerk, das etwa ärmeren Familien Zugang zu günstigem Wohnraum verschafft.
Oben an der Eingangspforte der Feuertempel ist Faravahar abgebildet, ein menschenähnliches Wesen mit Flügeln, das für die Zoroastrier den Geist symbolisiert. Heute wird vermutet, dass möglicherweise die Engelsymbolik auf den zoroastrischen Glauben zurückgeht. Gleichzeitig steht Faravahar für den ethischen Leitspruch eines jeden Zoroastriers: Pendar-e Nik, Goftar-e Nik, Kerdar-e Nik – gute Gedanken, gute Worte, gute Taten. «Zoroastrier sein bedeutet aufrichtig sein, ehrlich sein und Zivilcourage zeigen», vervollständigt Shernaaz die ethischen Grundsätze. Sie ist sich des jahrtausendealten Vermächtnisses ihres Glaubens mit seinen Ritualen und Traditionen äusserst bewusst. Sie ist eine überzeugte Gläubige, und trotzdem stellt sie berechtigte Fragen: «Dass dieser Glaube so lange existiert, ist unglaublich, aber gleichzeitig auch schwierig. Wie sollen seine Inhalte und Grundsätze an die zukünftigen Generationen weitergegeben werden?»
Angst um die eigene Identität
Aufrechterhalten der Traditionen und Anpassung an die Moderne sind für die zoroastrische Religionsgemeinschaft eine immense Herausforderung, denn die Gemeinde schrumpft immer mehr. Der Theologe Khojeste Mistry, der auch zu den Vorsitzenden des Parsi Panchayat (Parsi-Gemeinderat) zählt, steht diesen Problemen vorläufig weitgehend ratlos gegenüber. «Jede Gemeinde begründet ihre Identität auf Ritualen. Wenn diese nicht an künftige Generationen weitergegeben werden können, dann wird es bald keine Parsi-Identität mehr geben.» Mistry setzt sich seit Jahren intensiv mit den religiösen Belangen der Gemeinde auseinander. In seinem kleinen Büro stapeln sich überall Bücher, Berge von Papieren und Akten. Er gibt zu, ohne dass es nach Resignation klingt: «Für dieses Problem haben wir noch keine schnelle Lösung gefunden.»
Denn der Zoroastrismus ist patriarchal, sprich: Nur die männlichen Mitglieder gewährleisten das Fortbestehen der Gemeinde. Ähnlich wie im Judentum ist die Heirat innerhalb der Gemeinde ein Muss, sonst droht der Ausschluss. Dieser Patriarchalismus jedoch ist problematisch für die Gemeinde und diskriminierend, denn während die Kinder aus einer Ehe zwischen einem zoroastrischen Vater und einer nichtzoroastrischen Mutter als Teil der Gemeinde gesehen werden, «sind die anderen Kinder für die Gemeinde verloren», sagt Mistry etwas zugespitzt, aber treffend.
«Wenn unsere Zeit vorbei ist, ist sie vorbei», meint dagegen der Journalist Sarosh Bana. Ihm seien die Traditionen der Gemeinde sehr wichtig, aber daran um jeden Preis festzuhalten, ginge zu weit. Auch für den Vater von Shernaaz, Adi Engineer, ist die Zukunft der Gemeinde ein Thema; und er betrachtet sogar die Aufnahme von Kindern mit nichtzoroastrischer Mutter nicht ohne Skepsis. Irgendwann habe ein Parsi-Gericht entschieden, dass die Kinder von Parsi-Männern aus einer gemischten Ehe weiterhin der Gemeinde angehören dürften. «Das hat zu einer Anomalie geführt», beteuert Adi Engineer. Natürlich ist er sich der Problematik und des sozialen Drucks in der Gemeinde durchaus bewusst. Er fügt dann aber hinzu, als versuche er seinen Purismus zu entschuldigen: «Viele wollen eben, wie ich, dass unsere Kinder die parsische Identität bewahren.»
Skeptische Frauen
Eigentlich würde die zoroastrische Religion schon die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau predigen, meint Mehernaaz Sam Wadia und nippt nachdenklich an ihrem Drink. Dann sagt sie: «Frauen werden aber doch ausgeschlossen.» Wie im Islam verbietet der zoroastrische Glaube, dass Frauen etwa während ihrer Menstruation Heiligtümer betreten, um an bestimmten spirituellen Festlichkeiten teilzunehmen. Mehernaaz ist durchaus kritisch. «Diese Form einer patriarchalischen Gesellschaft finde ich nicht gut.» Die junge Frau arbeitet als Richterin in Mumbai und schreibt regelmässig im Blog «Parsi Khabar» (Parsi-Nachrichten) über aktuelle Ereignisse und Debatten innerhalb der Gemeinde. Gläubig ist Mehernaaz dennoch sehr. «Ich kann mir gar nicht vorstellen, einen anderen Glauben anzunehmen, auch nicht um der Liebe willen», erklärt sie und spricht damit ein heikles Thema an.
Mehernaaz will selbstverständlich ihren Beruf ausüben. Für dieses Phänomen der Emanzipation und Selbstverwirklichung hat Khojeste Mistry eine Erklärung. Der hohe Bildungsgrad innerhalb der Gemeinde sei ein Indiz dafür, dass spät geheiratet werde. «Heute wollen die jungen Menschen zuerst studieren, einen hohen Lebensstandard erreichen, um sich ihre Träume zu erfüllen. Mit der globalen Vernetzung steigt aber gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit, dass die jüngere Generation der Parsis nicht mehr in der Gemeinde bleibt.» Shernaaz und Mehernaaz wollen zwar beide in der Gemeinde bleiben, wissen aber um die Schwierigkeiten und die möglicherweise nötigen Kompromisse und Opfer, die diese Entscheidung mit sich bringt. In Indien werden noch immer Hochzeiten arrangiert, und auch unter Parsis ist dieser Brauch üblich, besonders weil man sicherstellen will, dass nicht ausserhalb der Gemeinde geheiratet wird. Mehernaaz betont aber, dass es ihr freier Wille war, einen Partner zu suchen, der Parsi ist. Sie hat Glück gehabt – in wenigen Monaten findet die Hochzeit statt.
Türme des Schweigens
In Iran wird mit dem Glauben der Zoroastrier noch immer das alte, glorreiche Perserreich assoziiert; zudem respektiert man ihn als eine Religion, die spätere Glaubensrichtungen geprägt hat. Anderseits aber werden mit dem Zoroastrismus auch Riten in Verbindung gebracht, die absonderlich und abschreckend erscheinen, wie etwa die Bestattungszeremonien. Man unterzog die Toten zunächst einer langen Prozedur, bei der die Körper mit dem Urin von Stieren und danach mit kaltem Wasser gewaschen wurden; dann folgte die Einbalsamierung mit ätherischen Ölen und Parfum, und schliesslich trug man die Leichname auf sogenannte Türme des Schweigens (auf Persisch Dakhmah genannt), wo man sie der Sonne und der Natur aussetzte. Speziell abgerichtete Raubvögel verzehrten die Leichen, wobei aus dieser Prozedur auch Auspizien für das Seelenheil des Verstorbenen gelesen wurden.
Seit dem Bestehen der Islamischen Republik sind in Iran diese Bestattungszeremonien jedoch untersagt. Nur in Indien sind sie noch erlaubt, fünf Türme des Schweigens stehen in Mumbai, und obwohl sie einzig von Priestern besucht werden dürfen, wirken sie wie ein Mahnmal für diese aussterbende Religion. In Iran können nahe der Stadt Yazd zwei besonders eindrucksvolle Türme des Schweigens mit den dazugehörigen kultischen Bauten für die Herrichtung der Toten besichtigt werden, in einem Museum werden Archivbilder der verdorrten, geschwärzten Leichname gezeigt. Die Türme von Yazd und vor allem der Feuertempel von Tschak Tschak sind noch heute Pilgerorte für Zoroastrier aus der ganzen Welt, die sich jeweils zum persischen Neujahrsfest Nouruz hier einfinden. Der Weg zum Tempel führt durch die steinige, dürre Wüstensteppe und über massive, kahle Berge. Am Eingang des Feuertempels ragt ein sagenumwobener Baum direkt aus der Bergwand: An dieser Stelle soll einst die Prinzessin Nikbanou gestanden und um Schutz gefleht haben, als sie vor dem Einmarsch der Araber floh. Sie flehte zu Ahura Mazda, der Berg öffnete sich einen Spalt breit, und die Prinzessin schlüpfte hinein. So zumindest will es die Legende.
Artikel,Gedanken, Ideen, Links und Kommentare plus etwas Musik sowie ab und an etwas zum Schmunzeln, aber mit einer politischen bzw. geo-politischen Tendenz. Deutsch und Englisch. Kommentare und Artikel von Lesern sind willkommen!
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Mittwoch, Oktober 21, 2009
Dienstag, Oktober 20, 2009
Spiegel: Neue Wirtschaftsordnung Was guter Kapitalismus leisten muss
Der Spiegel
19. Oktober 2009, 11:22 Uhr
Neue Wirtschaftsordnung
Was guter Kapitalismus leisten muss
Von Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian Kellermann
Wie sieht die Weltwirtschaft nach dem Bankencrash aus? Ein Umdenken ist zwingend, Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte müssen korrigiert werden. Dabei darf aber nicht der Kapitalismus als Ganzes in Frage gestellt werden.
Berlin - Die jüngste Finanzkrise hat die Schwächen des Wirtschaftssystems schonungslos aufgezeigt: Ein ökonomisch relativ überschaubares Ereignis - das Platzen einer Immobilienblase in den USA - hat die globale Wirtschaft an den Rand einer neuen Depression gebracht. Auch wenn es inzwischen Indizien gibt, die auf eine Stabilisierung der Konjunktur hindeuten, ist doch mit weiteren Rückschlägen zu rechnen.
Dabei ist der Weltwirtschaft gerade das zum Verhängnis geworden, was zuvor als Wachstumstreiber gehandelt wurde: die immer stärkere Verknüpfung der internationalen Kapitalmärkte und des internationalen Handels, befördert....
Der Spiegel
19. Oktober 2009, 11:22 Uhr
Neue Wirtschaftsordnung
Was guter Kapitalismus leisten muss
Von Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian Kellermann
Wie sieht die Weltwirtschaft nach dem Bankencrash aus? Ein Umdenken ist zwingend, Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte müssen korrigiert werden. Dabei darf aber nicht der Kapitalismus als Ganzes in Frage gestellt werden.
Berlin - Die jüngste Finanzkrise hat die Schwächen des Wirtschaftssystems schonungslos aufgezeigt: Ein ökonomisch relativ überschaubares Ereignis - das Platzen einer Immobilienblase in den USA - hat die globale Wirtschaft an den Rand einer neuen Depression gebracht. Auch wenn es inzwischen Indizien gibt, die auf eine Stabilisierung der Konjunktur hindeuten, ist doch mit weiteren Rückschlägen zu rechnen.
Dabei ist der Weltwirtschaft gerade das zum Verhängnis geworden, was zuvor als Wachstumstreiber gehandelt wurde: die immer stärkere Verknüpfung der internationalen Kapitalmärkte und des internationalen Handels, befördert durch immer komplexere Finanzinstrumente, die immer größere Gewinne einfuhren. In der Krise hat sich herausgestellt, dass das globale Finanzsystem mitnichten die negativen Folgen des Platzens der Blase am US-Immobilienmarkt eingrenzen konnte, sondern vielmehr selbst als globaler Verstärker des wirtschaftlichen Einbruchs gewirkt hat.
Nun wird weltweit nicht nur darüber diskutiert, wie man die Regulierung der Finanzmärkte so vorantreiben kann, dass diese künftig weniger Schaden anrichten können. Eine andere zentrale Frage ist, wo künftig Wirtschaftswachstum herkommen soll. Denn nach der Kreditkrise dürften die USA als globaler Wachstumsmotor ausfallen.
Grundlegendes Umdenken ist notwendig
Diese Frage ist besonders für Deutschland wichtig: Obwohl es bei uns keine Immobilienblase und keinen Bauboom gab, ist das Land dramatischer von der Krise betroffen als andere westeuropäische Länder. Der deutschen Wirtschaft ist dabei ausgerechnet die vermeintliche Stärke der vergangenen Jahre zum Verhängnis geworden: Als langjähriger Exportweltmeister hat das Land den Einbruch des Welthandels viel stärker zu spüren bekommen als andere Staaten. So wird auch hierzulande zunehmend die Frage diskutiert, ob die extrem hohe Exportabhängigkeit vielleicht ein Irrweg war und wir nicht ein neues Wachstumsmodell brauchen.
Diese Überlegung ist richtig. Entgegen der vorherrschenden Meinung hat die jüngste Krise mehr Ursachen als nur die einer laxen Regulierung der Finanzmärkte. Die Entfesselung der Finanzmärkte kam zeitgleich mit grundlegenden Umwälzungen auf den Arbeitsmärkten, mit enormen Ungleichgewichten bei internationalen Kapitalströmen und im globalen Handel sowie in der Wirtschaftsstruktur einzelner Länder. Letztlich war es nur eine Frage der Zeit, wann sich die aufgebauten Ungleichgewichte in einer Krise entladen würden.
Ein grundlegendes Umdenken ist deshalb zwingend notwendig: bei der Finanzmarktregulierung, bei den Arbeitsmärkten und sozialen Sicherungssystemen, aber auch bei der Art und Weise, wie die Zentralbank ihre Aufgabe auffasst. Dabei wäre ein durch ein solches Umdenken entstehender "guter Kapitalismus" kein fundamentaler Gegenentwurf zum bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Vielmehr würden die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte korrigiert werden, die Stärken des marktwirtschaftlichen Systems aber beibehalten.
Neue Balance zwischen Staat, Markt und Gesellschaft notwendig
Denn tatsächlich basieren die meisten Reformen der vergangenen vierzig Jahre auf einer naiven marktradikalen Vorstellung: Märkte wurden als ein sich selbst regulierender Mechanismus verstanden, der von sich aus zu Stabilität einschließlich hoher Beschäftigung und einer einigermaßen akzeptablen Verteilung von Einkommen führt. Da die entfesselten Märkte das gewünschte Ergebnis in der Regel nicht lieferten, verabreichte die Politik der Ökonomie stets eine weitere Dosis an mehr Entfaltungsfreiheit.
Doch jetzt, nach einer der schwersten Krisen der vergangenen Jahrzehnte, ist es notwendig, sich von dem Glauben zu verabschieden, dass Märkte ohne staatlichen Rahmen gut funktionieren könnten. Wir brauchen eine neue Balance zwischen Staat, Markt und Gesellschaft - und dabei müssen Staat wie Gesellschaft mehr Gewicht bekommen.
Dabei sollten der Finanzsektor und seine Dynamik im Bereich der Kreditschöpfung nicht verteufelt werden. Zwar wird übermäßige Kreditvergabe als ein zentraler Grund für die Blase am US-Immobilienmarkt und damit die aktuelle Krise angesehen. Es darf aber nicht vergessen werden, dass Kredit und Kreditwachstum an sich nichts Schlechtes sind. Vielmehr ist Kredit Treibstoff von Innovation und Wachstum. Anders als in den vergangenen Jahren, als die Finanzgeschäfte oft Selbstzweck waren, muss der Finanzsektor aber wieder zum Dienstleister für den Rest der Wirtschaft werden.
Diese Rolle kann der Finanzsektor allerdings nur übernehmen, solange es nicht zu Überschuldung oder Schuldenkrisen einzelner Länder oder Sektoren kommt. Solche Krisen vernichten regelmäßig jenes Eigenkapital, das die Banken zur Kreditvergabe an Unternehmen brauchen. Wer aber ein neues, stabiles Wachstumsmodell will, darf eine kontinuierlich steigende Verschuldung - sei es des Staates oder der Privathaushalte - nicht zum Wachstumstreiber machen.
Nachfrage muss über Löhne und Gehälter geschaffen werden
Der aktuellen Krise sind eklatante globale Ungleichgewichte vorausgegangen, die sich insbesondere in einem riesigen Leistungsbilanzdefizit der USA ausdrückten. Die USA lebten weit über ihre Verhältnisse, wovon die großen Exportländer, allen voran China und Deutschland, profitierten. Solche Ungleichgewichte zwischen Ländern sind für eine gewisse Zeit tragfähig, aber wenn die Schuldenlast zu groß wird, kommt es zur Krise. Daraus leitet sich eine grundlegende Forderung unseres neuen Wirtschaftsmodells ab: Neben einer besseren Finanzmarktregulierung müssen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass Nachfrage ohne steigende Verschuldung geschaffen werden kann.
Global gedacht bedeutet dies, dass die Schaffung von Nachfrage über Löhne und Gehälter erfolgen muss, die möglichst in jedem Land mit dem Produktivitätswachstum steigen sollten. Das zentrale Instrument zum Management dieser Nachfrage ist eine aktive Lohnpolitik.
Steuer- und Finanzpolitik wiederum hat die Aufgabe, wachsende Ungleichheit zu vermeiden. Hohe Einkommensbezieher konsumieren relativ gesehen weniger, als es Bezieher niedriger Einkommen tun. Insofern gibt es eine größere Nachfragewirkung, wenn man niedrige Einkommen aufstockt, statt einen Steuernachlass für Millionäre zu ermöglichen. Die Zentralbanken sollten zudem mit neuen Instrumenten versuchen, gefährliche Überschuldungstrends zu bremsen. Um den einzelnen Ländern Spielraum für solche Politiken zu geben, muss global über ein neues Währungssystem und Kapitalverkehrskontrollen nachgedacht werden.
Ein solch neues Wirtschaftsmodell ist ein überaus ehrgeiziges Projekt. Viele Elemente eines solchen Modells lassen sich nicht im nationalen Alleingang umsetzen, schon gar nicht von einem Land, das wie Deutschland EU-Mitglied und eng mit seinen Nachbarn verflochten ist.
Deutschland kann notfalls alleine
Doch Deutschland ist nicht hilflos. Deutschland ist - je nach Rechnung - die dritt- oder viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und hat entsprechend Einfluss in globalen Verhandlungen. In Koordination mit den anderen EU-Ländern könnte Deutschland diesen Einfluss noch einmal verstärken und so die Gestaltung weltwirtschaftlicher Strukturen entscheidend mitbestimmen.
Wenn der politische Wille existiert, könnte zudem die EU auch vieles im Alleingang umsetzen, was auf den ersten Blick eine globale Regulierung erfordert. Wenn es etwa global keinen Konsens zur Regulierung von Offshore-Zentren gibt, könnten einfach den EU-Finanzinstituten und den Unternehmen innerhalb der EU Finanzgeschäfte mit diesen Ländern verboten werden. Deutschland könnte selbst alleine einen solchen Schritt beschreiten.
Zu guter Letzt kann in vielen Bereichen der Umstieg auf ein neues Wirtschaftsmodell zu Hause beginnen. Der Abbau des enormen Leistungsbilanzüberschusses Deutschlands etwa könnte mit einer Wende in der Lohnpolitik ebenso wie mit einer stärkeren steuerlichen Umverteilung im Inland begonnen werden. Beide Elemente brauchen keine Koordinierung mit dem Ausland. Und weniger Ungleichgewichte in der dritt- oder viertgrößten Volkswirtschaft bedeuten spürbar weniger Ungleichgewichte weltweit - und damit ein stabileres Wachstum in der Zukunft.
Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch "Der gute Kapitalismus. ... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste"
URL:
* http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,654553,00.html
19. Oktober 2009, 11:22 Uhr
Neue Wirtschaftsordnung
Was guter Kapitalismus leisten muss
Von Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian Kellermann
Wie sieht die Weltwirtschaft nach dem Bankencrash aus? Ein Umdenken ist zwingend, Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte müssen korrigiert werden. Dabei darf aber nicht der Kapitalismus als Ganzes in Frage gestellt werden.
Berlin - Die jüngste Finanzkrise hat die Schwächen des Wirtschaftssystems schonungslos aufgezeigt: Ein ökonomisch relativ überschaubares Ereignis - das Platzen einer Immobilienblase in den USA - hat die globale Wirtschaft an den Rand einer neuen Depression gebracht. Auch wenn es inzwischen Indizien gibt, die auf eine Stabilisierung der Konjunktur hindeuten, ist doch mit weiteren Rückschlägen zu rechnen.
Dabei ist der Weltwirtschaft gerade das zum Verhängnis geworden, was zuvor als Wachstumstreiber gehandelt wurde: die immer stärkere Verknüpfung der internationalen Kapitalmärkte und des internationalen Handels, befördert....
Der Spiegel
19. Oktober 2009, 11:22 Uhr
Neue Wirtschaftsordnung
Was guter Kapitalismus leisten muss
Von Sebastian Dullien, Hansjörg Herr und Christian Kellermann
Wie sieht die Weltwirtschaft nach dem Bankencrash aus? Ein Umdenken ist zwingend, Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte müssen korrigiert werden. Dabei darf aber nicht der Kapitalismus als Ganzes in Frage gestellt werden.
Berlin - Die jüngste Finanzkrise hat die Schwächen des Wirtschaftssystems schonungslos aufgezeigt: Ein ökonomisch relativ überschaubares Ereignis - das Platzen einer Immobilienblase in den USA - hat die globale Wirtschaft an den Rand einer neuen Depression gebracht. Auch wenn es inzwischen Indizien gibt, die auf eine Stabilisierung der Konjunktur hindeuten, ist doch mit weiteren Rückschlägen zu rechnen.
Dabei ist der Weltwirtschaft gerade das zum Verhängnis geworden, was zuvor als Wachstumstreiber gehandelt wurde: die immer stärkere Verknüpfung der internationalen Kapitalmärkte und des internationalen Handels, befördert durch immer komplexere Finanzinstrumente, die immer größere Gewinne einfuhren. In der Krise hat sich herausgestellt, dass das globale Finanzsystem mitnichten die negativen Folgen des Platzens der Blase am US-Immobilienmarkt eingrenzen konnte, sondern vielmehr selbst als globaler Verstärker des wirtschaftlichen Einbruchs gewirkt hat.
Nun wird weltweit nicht nur darüber diskutiert, wie man die Regulierung der Finanzmärkte so vorantreiben kann, dass diese künftig weniger Schaden anrichten können. Eine andere zentrale Frage ist, wo künftig Wirtschaftswachstum herkommen soll. Denn nach der Kreditkrise dürften die USA als globaler Wachstumsmotor ausfallen.
Grundlegendes Umdenken ist notwendig
Diese Frage ist besonders für Deutschland wichtig: Obwohl es bei uns keine Immobilienblase und keinen Bauboom gab, ist das Land dramatischer von der Krise betroffen als andere westeuropäische Länder. Der deutschen Wirtschaft ist dabei ausgerechnet die vermeintliche Stärke der vergangenen Jahre zum Verhängnis geworden: Als langjähriger Exportweltmeister hat das Land den Einbruch des Welthandels viel stärker zu spüren bekommen als andere Staaten. So wird auch hierzulande zunehmend die Frage diskutiert, ob die extrem hohe Exportabhängigkeit vielleicht ein Irrweg war und wir nicht ein neues Wachstumsmodell brauchen.
Diese Überlegung ist richtig. Entgegen der vorherrschenden Meinung hat die jüngste Krise mehr Ursachen als nur die einer laxen Regulierung der Finanzmärkte. Die Entfesselung der Finanzmärkte kam zeitgleich mit grundlegenden Umwälzungen auf den Arbeitsmärkten, mit enormen Ungleichgewichten bei internationalen Kapitalströmen und im globalen Handel sowie in der Wirtschaftsstruktur einzelner Länder. Letztlich war es nur eine Frage der Zeit, wann sich die aufgebauten Ungleichgewichte in einer Krise entladen würden.
Ein grundlegendes Umdenken ist deshalb zwingend notwendig: bei der Finanzmarktregulierung, bei den Arbeitsmärkten und sozialen Sicherungssystemen, aber auch bei der Art und Weise, wie die Zentralbank ihre Aufgabe auffasst. Dabei wäre ein durch ein solches Umdenken entstehender "guter Kapitalismus" kein fundamentaler Gegenentwurf zum bestehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Vielmehr würden die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte korrigiert werden, die Stärken des marktwirtschaftlichen Systems aber beibehalten.
Neue Balance zwischen Staat, Markt und Gesellschaft notwendig
Denn tatsächlich basieren die meisten Reformen der vergangenen vierzig Jahre auf einer naiven marktradikalen Vorstellung: Märkte wurden als ein sich selbst regulierender Mechanismus verstanden, der von sich aus zu Stabilität einschließlich hoher Beschäftigung und einer einigermaßen akzeptablen Verteilung von Einkommen führt. Da die entfesselten Märkte das gewünschte Ergebnis in der Regel nicht lieferten, verabreichte die Politik der Ökonomie stets eine weitere Dosis an mehr Entfaltungsfreiheit.
Doch jetzt, nach einer der schwersten Krisen der vergangenen Jahrzehnte, ist es notwendig, sich von dem Glauben zu verabschieden, dass Märkte ohne staatlichen Rahmen gut funktionieren könnten. Wir brauchen eine neue Balance zwischen Staat, Markt und Gesellschaft - und dabei müssen Staat wie Gesellschaft mehr Gewicht bekommen.
Dabei sollten der Finanzsektor und seine Dynamik im Bereich der Kreditschöpfung nicht verteufelt werden. Zwar wird übermäßige Kreditvergabe als ein zentraler Grund für die Blase am US-Immobilienmarkt und damit die aktuelle Krise angesehen. Es darf aber nicht vergessen werden, dass Kredit und Kreditwachstum an sich nichts Schlechtes sind. Vielmehr ist Kredit Treibstoff von Innovation und Wachstum. Anders als in den vergangenen Jahren, als die Finanzgeschäfte oft Selbstzweck waren, muss der Finanzsektor aber wieder zum Dienstleister für den Rest der Wirtschaft werden.
Diese Rolle kann der Finanzsektor allerdings nur übernehmen, solange es nicht zu Überschuldung oder Schuldenkrisen einzelner Länder oder Sektoren kommt. Solche Krisen vernichten regelmäßig jenes Eigenkapital, das die Banken zur Kreditvergabe an Unternehmen brauchen. Wer aber ein neues, stabiles Wachstumsmodell will, darf eine kontinuierlich steigende Verschuldung - sei es des Staates oder der Privathaushalte - nicht zum Wachstumstreiber machen.
Nachfrage muss über Löhne und Gehälter geschaffen werden
Der aktuellen Krise sind eklatante globale Ungleichgewichte vorausgegangen, die sich insbesondere in einem riesigen Leistungsbilanzdefizit der USA ausdrückten. Die USA lebten weit über ihre Verhältnisse, wovon die großen Exportländer, allen voran China und Deutschland, profitierten. Solche Ungleichgewichte zwischen Ländern sind für eine gewisse Zeit tragfähig, aber wenn die Schuldenlast zu groß wird, kommt es zur Krise. Daraus leitet sich eine grundlegende Forderung unseres neuen Wirtschaftsmodells ab: Neben einer besseren Finanzmarktregulierung müssen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass Nachfrage ohne steigende Verschuldung geschaffen werden kann.
Global gedacht bedeutet dies, dass die Schaffung von Nachfrage über Löhne und Gehälter erfolgen muss, die möglichst in jedem Land mit dem Produktivitätswachstum steigen sollten. Das zentrale Instrument zum Management dieser Nachfrage ist eine aktive Lohnpolitik.
Steuer- und Finanzpolitik wiederum hat die Aufgabe, wachsende Ungleichheit zu vermeiden. Hohe Einkommensbezieher konsumieren relativ gesehen weniger, als es Bezieher niedriger Einkommen tun. Insofern gibt es eine größere Nachfragewirkung, wenn man niedrige Einkommen aufstockt, statt einen Steuernachlass für Millionäre zu ermöglichen. Die Zentralbanken sollten zudem mit neuen Instrumenten versuchen, gefährliche Überschuldungstrends zu bremsen. Um den einzelnen Ländern Spielraum für solche Politiken zu geben, muss global über ein neues Währungssystem und Kapitalverkehrskontrollen nachgedacht werden.
Ein solch neues Wirtschaftsmodell ist ein überaus ehrgeiziges Projekt. Viele Elemente eines solchen Modells lassen sich nicht im nationalen Alleingang umsetzen, schon gar nicht von einem Land, das wie Deutschland EU-Mitglied und eng mit seinen Nachbarn verflochten ist.
Deutschland kann notfalls alleine
Doch Deutschland ist nicht hilflos. Deutschland ist - je nach Rechnung - die dritt- oder viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und hat entsprechend Einfluss in globalen Verhandlungen. In Koordination mit den anderen EU-Ländern könnte Deutschland diesen Einfluss noch einmal verstärken und so die Gestaltung weltwirtschaftlicher Strukturen entscheidend mitbestimmen.
Wenn der politische Wille existiert, könnte zudem die EU auch vieles im Alleingang umsetzen, was auf den ersten Blick eine globale Regulierung erfordert. Wenn es etwa global keinen Konsens zur Regulierung von Offshore-Zentren gibt, könnten einfach den EU-Finanzinstituten und den Unternehmen innerhalb der EU Finanzgeschäfte mit diesen Ländern verboten werden. Deutschland könnte selbst alleine einen solchen Schritt beschreiten.
Zu guter Letzt kann in vielen Bereichen der Umstieg auf ein neues Wirtschaftsmodell zu Hause beginnen. Der Abbau des enormen Leistungsbilanzüberschusses Deutschlands etwa könnte mit einer Wende in der Lohnpolitik ebenso wie mit einer stärkeren steuerlichen Umverteilung im Inland begonnen werden. Beide Elemente brauchen keine Koordinierung mit dem Ausland. Und weniger Ungleichgewichte in der dritt- oder viertgrößten Volkswirtschaft bedeuten spürbar weniger Ungleichgewichte weltweit - und damit ein stabileres Wachstum in der Zukunft.
Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch "Der gute Kapitalismus. ... und was sich dafür nach der Krise ändern müsste"
URL:
* http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,654553,00.html
Sonntag, Oktober 18, 2009
Samstag, Oktober 17, 2009
Der Spiegel: "Arbeitgeber Kirche Angestellte in Gottes Hand"
Der Spiegel
23. September 2009, 06:28 Uhr
Arbeitgeber Kirche
Angestellte in Gottes Hand
Von Achim Killer
Zusammen sind die Kirchen nach dem Staat der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland, doch Mitarbeiter in Diözesen und Diakonie haben weniger Rechte als Kollegen in anderen Wirtschaftszweigen. Ein uneheliches Kind kann leicht zum Kündigungsgrund werden.
München - Der Detektiv leistete ganze Arbeit: Er konnte nicht nur die weibliche Zielperson in einem verdächtigen Wagen filmen. Es gelang ihm auch, den Namen des ihr offenkundig sehr vertrauten Mannes zu ermitteln, mit dem sie unterwegs war. Auftraggeber dieser Observation vor ein paar Wochen war allerdings nicht der eifersüchtige Ehemann - sondern die Diözese Augsburg.
Die will die schwerbehinderte Kirchenmusikerin Kerstin Gerg* loswerden - und schrieb deshalb an das zuständige Integrationsamt, dass bei der geschiedenen Frau "vom Vorliegen einer Lebensgemeinschaft ausgegangen werden muss".
Dabei wollte die Diözese nach eigenen Angaben Kerstin Gerg eigentlich...
Der Spiegel
23. September 2009, 06:28 Uhr
Arbeitgeber Kirche
Angestellte in Gottes Hand
Von Achim Killer
Zusammen sind die Kirchen nach dem Staat der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland, doch Mitarbeiter in Diözesen und Diakonie haben weniger Rechte als Kollegen in anderen Wirtschaftszweigen. Ein uneheliches Kind kann leicht zum Kündigungsgrund werden.
München - Der Detektiv leistete ganze Arbeit: Er konnte nicht nur die weibliche Zielperson in einem verdächtigen Wagen filmen. Es gelang ihm auch, den Namen des ihr offenkundig sehr vertrauten Mannes zu ermitteln, mit dem sie unterwegs war. Auftraggeber dieser Observation vor ein paar Wochen war allerdings nicht der eifersüchtige Ehemann - sondern die Diözese Augsburg.
Die will die schwerbehinderte Kirchenmusikerin Kerstin Gerg* loswerden - und schrieb deshalb an das zuständige Integrationsamt, dass bei der geschiedenen Frau "vom Vorliegen einer Lebensgemeinschaft ausgegangen werden muss".
Dabei wollte die Diözese nach eigenen Angaben Kerstin Gerg eigentlich kündigen, weil sie es mit Verweis auf ihre Mobilitätseinschränkung ablehnte, sich von der Gemeinde St. Barbara im oberbayerischen Peißenberg an einen anderen Standort versetzen zu lassen. Weil die Schnüffelaktion der Kirche aber die privaten Lebensumstände zutage förderte, kann die Kirchenleitung jetzt nachschieben: "Eine Weiterbeschäftigung von Frau Gerg käme auch aus diesem Grund grundsätzlich nicht in Betracht."
Grundgesetz gilt nur bedingt
Dabei kann sich die Diözese tatsächlich auf die Grundsätze der katholischen Glaubens- und Morallehre berufen - und die sehen das Zusammenleben ohne Trauschein nicht vor. Denn das Grundgesetz gilt innerhalb kirchlicher Einrichtungen nur eingeschränkt. Deren Rechtsstellung regeln vielmehr Staatsverträge - meist aus der Zeit der Weimarer Republik und der Nazi-Diktatur. Diese Regelungen wurden unverändert in die bundesdeutsche Verfassung übernommen - und sie betreffen rund eine Millionen Mitarbeiter. Nach den Staatsbediensteten stellen die Angestellten der beiden großen Kirchen in Deutschland die größte Arbeitnehmergruppe.
Für Verwaltungsangestellte, Kindergärtnerinnen und Sozialarbeiter in kirchlichen Diensten bedeutet dies konkret: Sie haben nur minimale Mitbestimmungsrechte und müssen Einschränkungen ihrer individuellen Freiheiten hinnehmen. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt das bischöfliche Ordinariat im Fall Gerg sein Vorgehen denn auch lapidar: "Das Erfordernis der Einhaltung der Grundsätze der katholischen Glaubens- und Morallehre für kirchliche Mitarbeiter ist vergleichbar mit der Verfassungstreue im öffentlichen Dienst."
Wie sehr diese Grundsätze die Angestellten der Kirche unter Druck setzen, zeigt auch das private Internetforum von Stefan Ihli, einem juristischen Angestellten der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie sei "seit vier Jahren in einem katholischen Kindergarten als Erzieherin tätig", schreibt etwa eine Frau, die sich "Shan" nennt. Sie habe jetzt "einen Partner, mit dem ich mir ein Kind wünsche" und fragt deshalb an: "Kann mir aufgrund eines unehelichen Kindes mein Arbeitsplatz gekündigt werden?"
Private Arbeitgeber beneiden die Kirchen
Der Jurist rät ihr zur Eheschließung - denn tatsächlich haben die Angestellten der Kirchen vom Gesetzgeber wenig Hilfe zu erwarten. Sogar das seit 2006 geltende Antidiskriminierungsgesetz greift nicht in den Diözesen und Landeskirchen, bei Caritas und Diakonischem Werk.
Bislang ist es nur die EU-Kommission, die sich des Themas angenommen hat: In einem Brief an die Bundesregierung kritisierte sie den Umgang mit den Kirchen-Angestellten als "mangelhafte Umsetzung der europäischen Gleichstellungsrichtlinie". Die Kirchen könnten "bestimmte berufliche Anforderung allein aufgrund ihres Selbstbestimmungsrechts festlegen", bemängelt die Kommission und verlangt zumindest eine "Verhältnismäßigkeitsprüfung" - also staatliche Vorgaben, welche Kirchenregeln für Pflegekräfte und welche nur für Priester und Geistliche zulässig sind.
Tatsächlich beneiden inzwischen auch die privaten Arbeitgeber die Kirchen wegen ihrer Sonderrechte - vor allem die Einschränkung bei der betrieblichen Mitbestimmung weckt Begehrlichkeiten. So dürfen die Arbeitnehmer im Dienst der Glaubensgemeinschaften keine Betriebsräte wählen, sondern lediglich sogenannte "kirchliche Mitarbeitervertreter" - und die haben in etwa so viele Rechte wie Schülersprecher. So versuchte etwa das private Alfried Krupp Krankenhaus im Jahr 2006 in Essen, unter das Dach der evangelischen Diakonie zu schlüpfen. Allerdings ohne Erfolg: In diesem Jahr entschied das zuständige Landesarbeitsgericht, dass das Betriebsverfassungsgesetz dort trotzdem weiter gilt.
Bislang sind es nur einige Richter, die der Willkür in kircheneigenen Betrieben Schranken gesetzt haben. So klagte sich etwa ein aufmüpfiger Schankkellner im oberbayerischen Andechs in den achtziger Jahren durch sämtliche Instanzen, weil er einen Betriebsrat für die klostereigene Brauerei durchsetzen wollte. Der Rechtsstreit durchlief sämtliche Instanzen der Arbeits- und Verwaltungsgerichtsbarkeit. Seither steht immerhin fest, dass zumindest die reinen Wirtschaftsbetriebe der Kirchen wie beispielsweise Brauereien den weltlichen Mitbestimmungsgesetzen unterliegen. Das sei evident, befand ein beteiligter Richter, da ansonsten "die Produktion alkoholischer Getränke unter das Gebot christlicher Nächstenliebe fallen müsste".
Aber selbst die schwachen kirchlichen Mitarbeitervertretungen sind den Bischöfen manchmal ein Dorn im Auge. So klagt derzeit der Vorsitzende der Mitarbeitervertretung von Rottenburg-Stuttgart gegen seine Entlassung. Ihm war Mitte des Jahres gekündigt worden.
Als Grund führt die Diözesanleitung an: Der Mann ist Vater einer Tochter - ohne mit deren Mutter verheiratet zu sein.
* Name von der Redaktion geändert
23. September 2009, 06:28 Uhr
Arbeitgeber Kirche
Angestellte in Gottes Hand
Von Achim Killer
Zusammen sind die Kirchen nach dem Staat der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland, doch Mitarbeiter in Diözesen und Diakonie haben weniger Rechte als Kollegen in anderen Wirtschaftszweigen. Ein uneheliches Kind kann leicht zum Kündigungsgrund werden.
München - Der Detektiv leistete ganze Arbeit: Er konnte nicht nur die weibliche Zielperson in einem verdächtigen Wagen filmen. Es gelang ihm auch, den Namen des ihr offenkundig sehr vertrauten Mannes zu ermitteln, mit dem sie unterwegs war. Auftraggeber dieser Observation vor ein paar Wochen war allerdings nicht der eifersüchtige Ehemann - sondern die Diözese Augsburg.
Die will die schwerbehinderte Kirchenmusikerin Kerstin Gerg* loswerden - und schrieb deshalb an das zuständige Integrationsamt, dass bei der geschiedenen Frau "vom Vorliegen einer Lebensgemeinschaft ausgegangen werden muss".
Dabei wollte die Diözese nach eigenen Angaben Kerstin Gerg eigentlich...
Der Spiegel
23. September 2009, 06:28 Uhr
Arbeitgeber Kirche
Angestellte in Gottes Hand
Von Achim Killer
Zusammen sind die Kirchen nach dem Staat der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland, doch Mitarbeiter in Diözesen und Diakonie haben weniger Rechte als Kollegen in anderen Wirtschaftszweigen. Ein uneheliches Kind kann leicht zum Kündigungsgrund werden.
München - Der Detektiv leistete ganze Arbeit: Er konnte nicht nur die weibliche Zielperson in einem verdächtigen Wagen filmen. Es gelang ihm auch, den Namen des ihr offenkundig sehr vertrauten Mannes zu ermitteln, mit dem sie unterwegs war. Auftraggeber dieser Observation vor ein paar Wochen war allerdings nicht der eifersüchtige Ehemann - sondern die Diözese Augsburg.
Die will die schwerbehinderte Kirchenmusikerin Kerstin Gerg* loswerden - und schrieb deshalb an das zuständige Integrationsamt, dass bei der geschiedenen Frau "vom Vorliegen einer Lebensgemeinschaft ausgegangen werden muss".
Dabei wollte die Diözese nach eigenen Angaben Kerstin Gerg eigentlich kündigen, weil sie es mit Verweis auf ihre Mobilitätseinschränkung ablehnte, sich von der Gemeinde St. Barbara im oberbayerischen Peißenberg an einen anderen Standort versetzen zu lassen. Weil die Schnüffelaktion der Kirche aber die privaten Lebensumstände zutage förderte, kann die Kirchenleitung jetzt nachschieben: "Eine Weiterbeschäftigung von Frau Gerg käme auch aus diesem Grund grundsätzlich nicht in Betracht."
Grundgesetz gilt nur bedingt
Dabei kann sich die Diözese tatsächlich auf die Grundsätze der katholischen Glaubens- und Morallehre berufen - und die sehen das Zusammenleben ohne Trauschein nicht vor. Denn das Grundgesetz gilt innerhalb kirchlicher Einrichtungen nur eingeschränkt. Deren Rechtsstellung regeln vielmehr Staatsverträge - meist aus der Zeit der Weimarer Republik und der Nazi-Diktatur. Diese Regelungen wurden unverändert in die bundesdeutsche Verfassung übernommen - und sie betreffen rund eine Millionen Mitarbeiter. Nach den Staatsbediensteten stellen die Angestellten der beiden großen Kirchen in Deutschland die größte Arbeitnehmergruppe.
Für Verwaltungsangestellte, Kindergärtnerinnen und Sozialarbeiter in kirchlichen Diensten bedeutet dies konkret: Sie haben nur minimale Mitbestimmungsrechte und müssen Einschränkungen ihrer individuellen Freiheiten hinnehmen. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt das bischöfliche Ordinariat im Fall Gerg sein Vorgehen denn auch lapidar: "Das Erfordernis der Einhaltung der Grundsätze der katholischen Glaubens- und Morallehre für kirchliche Mitarbeiter ist vergleichbar mit der Verfassungstreue im öffentlichen Dienst."
Wie sehr diese Grundsätze die Angestellten der Kirche unter Druck setzen, zeigt auch das private Internetforum von Stefan Ihli, einem juristischen Angestellten der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie sei "seit vier Jahren in einem katholischen Kindergarten als Erzieherin tätig", schreibt etwa eine Frau, die sich "Shan" nennt. Sie habe jetzt "einen Partner, mit dem ich mir ein Kind wünsche" und fragt deshalb an: "Kann mir aufgrund eines unehelichen Kindes mein Arbeitsplatz gekündigt werden?"
Private Arbeitgeber beneiden die Kirchen
Der Jurist rät ihr zur Eheschließung - denn tatsächlich haben die Angestellten der Kirchen vom Gesetzgeber wenig Hilfe zu erwarten. Sogar das seit 2006 geltende Antidiskriminierungsgesetz greift nicht in den Diözesen und Landeskirchen, bei Caritas und Diakonischem Werk.
Bislang ist es nur die EU-Kommission, die sich des Themas angenommen hat: In einem Brief an die Bundesregierung kritisierte sie den Umgang mit den Kirchen-Angestellten als "mangelhafte Umsetzung der europäischen Gleichstellungsrichtlinie". Die Kirchen könnten "bestimmte berufliche Anforderung allein aufgrund ihres Selbstbestimmungsrechts festlegen", bemängelt die Kommission und verlangt zumindest eine "Verhältnismäßigkeitsprüfung" - also staatliche Vorgaben, welche Kirchenregeln für Pflegekräfte und welche nur für Priester und Geistliche zulässig sind.
Tatsächlich beneiden inzwischen auch die privaten Arbeitgeber die Kirchen wegen ihrer Sonderrechte - vor allem die Einschränkung bei der betrieblichen Mitbestimmung weckt Begehrlichkeiten. So dürfen die Arbeitnehmer im Dienst der Glaubensgemeinschaften keine Betriebsräte wählen, sondern lediglich sogenannte "kirchliche Mitarbeitervertreter" - und die haben in etwa so viele Rechte wie Schülersprecher. So versuchte etwa das private Alfried Krupp Krankenhaus im Jahr 2006 in Essen, unter das Dach der evangelischen Diakonie zu schlüpfen. Allerdings ohne Erfolg: In diesem Jahr entschied das zuständige Landesarbeitsgericht, dass das Betriebsverfassungsgesetz dort trotzdem weiter gilt.
Bislang sind es nur einige Richter, die der Willkür in kircheneigenen Betrieben Schranken gesetzt haben. So klagte sich etwa ein aufmüpfiger Schankkellner im oberbayerischen Andechs in den achtziger Jahren durch sämtliche Instanzen, weil er einen Betriebsrat für die klostereigene Brauerei durchsetzen wollte. Der Rechtsstreit durchlief sämtliche Instanzen der Arbeits- und Verwaltungsgerichtsbarkeit. Seither steht immerhin fest, dass zumindest die reinen Wirtschaftsbetriebe der Kirchen wie beispielsweise Brauereien den weltlichen Mitbestimmungsgesetzen unterliegen. Das sei evident, befand ein beteiligter Richter, da ansonsten "die Produktion alkoholischer Getränke unter das Gebot christlicher Nächstenliebe fallen müsste".
Aber selbst die schwachen kirchlichen Mitarbeitervertretungen sind den Bischöfen manchmal ein Dorn im Auge. So klagt derzeit der Vorsitzende der Mitarbeitervertretung von Rottenburg-Stuttgart gegen seine Entlassung. Ihm war Mitte des Jahres gekündigt worden.
Als Grund führt die Diözesanleitung an: Der Mann ist Vater einer Tochter - ohne mit deren Mutter verheiratet zu sein.
* Name von der Redaktion geändert
Freitag, Oktober 16, 2009
TA : «Identifikation mit dem Beruf macht verletzbar»
Tages Anzeiger 28.09.2009
«Identifikation mit dem Beruf macht verletzbar»
Von Karin Meier. Aktualisiert am 28.09.2009
«Wer Anerkennung für seine Arbeit erhält, ist stressresistenter», sagt Norbert K. Semmer, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Uni Bern.
Was tut der Experte gegen Stress? Arbeitspsychologe Norbert Semmer spielt Cello, macht Gymnastik oder spricht mit seiner Frau.
Herr Semmer, heute gilt als chic, gestresst zu sein. Wann handelt es sich bei Stress um blosse Koketterie, wann um ein echtes Problem?
Bei Umfragen im Bekanntenkreis ist jeder gestresst. In wissenschaftlichen Untersuchungen fallen aber nur wenige Menschen in diese Kategorie. Heute will jeder als überlastet gelten, aber nicht als überfordert, denn dies stellt eine Bedrohung des Selbstwertgefühls dar. Die Grenze zwischen diesen beiden Zuständen ist jedoch sehr dünn.
Es heisst, ein bisschen Stress sei gesund, zu viel Stress mache jedoch krank. Wie sehen Sie das?
Die Stresssituationen selbst werden....
Tages Anzeiger 28.09.2009
«Identifikation mit dem Beruf macht verletzbar»
Von Karin Meier. Aktualisiert am 28.09.2009
«Wer Anerkennung für seine Arbeit erhält, ist stressresistenter», sagt Norbert K. Semmer, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Uni Bern.
Was tut der Experte gegen Stress? Arbeitspsychologe Norbert Semmer spielt Cello, macht Gymnastik oder spricht mit seiner Frau.
Herr Semmer, heute gilt als chic, gestresst zu sein. Wann handelt es sich bei Stress um blosse Koketterie, wann um ein echtes Problem?
Bei Umfragen im Bekanntenkreis ist jeder gestresst. In wissenschaftlichen Untersuchungen fallen aber nur wenige Menschen in diese Kategorie. Heute will jeder als überlastet gelten, aber nicht als überfordert, denn dies stellt eine Bedrohung des Selbstwertgefühls dar. Die Grenze zwischen diesen beiden Zuständen ist jedoch sehr dünn.
Es heisst, ein bisschen Stress sei gesund, zu viel Stress mache jedoch krank. Wie sehen Sie das?
Die Stresssituationen selbst werden überwiegend negativ erlebt. Oft halten die Belastungssymptome auch dann an, wenn die eigentliche Ursache längst verschwunden ist. Solange man aber nach einer Stresssituation in eine Phase der Erholung übergehen kann, bleiben negative Folgen aus. Die Konsequenzen können sogar positiv sein: Wer beispielsweise eine schwierige Situation durchsteht, kann an Selbstbewusstsein gewinnen.
Woran merkt man, dass man überlastet ist?
Zu den klassischen Symptomen zählen Dünnhäutigkeit und Gereiztheit, sozialer Rückzug und länger anhaltende Schlafprobleme. Betroffen ist auch unser Kommunikationsverhalten, etwa wenn wir kaum mehr zuhören oder auch wenn wir Sätze nicht beenden. Im Berufsleben leiden vor allem Wartungs- und Kontrolltätigkeiten, aber auch Ordnung und Sauberkeit, kurz all jenes, was sich nur langfristig auszahlt. Die Leistungsfähigkeit für die Primäraufgaben bleibt allerdings erstaunlich lange erhalten, da man für deren Bewältigung seine Kräfte mobilisiert.
Welche Menschen leiden vor allem unter Stress?
Menschen sind unterschiedlich belastbar. Unternehmen möchten belastbare Leute – am belastbarsten sind aber oft diejenigen, die sich nicht für ihre Arbeit interessieren.
Desinteresse? Habe ich Sie richtig verstanden?
Ja, diejenigen Mitarbeiter, die sich sehr stark mit ihrem Beruf identifizieren, sind nur in Grenzen belastbar, denn Identifikation mit dem Beruf macht verletzbar. Deshalb sollten Unternehmen darauf achten, dass sie ihre Mitarbeiter nicht zu sehr belasten. Ansonsten macht sich unter den engagierten Mitarbeitern Zynismus breit, oder aber es machen Leute Karriere, denen es primär um ihre eigene Agenda geht, wie zum Beispiel eine Selbstdarstellung als erfolgreicher Mitarbeiter.
Welches sind die wichtigsten stressrelevanten Faktoren?
Zu den sogenannten Stressoren zählen die Arbeitsaufgaben, etwa wenn sie monoton und langweilig sind, die physischen, sozialen und organisatorischen Bedingungen sowie die Arbeitsorganisation. Ein typischer Stressfaktor sind beispielsweise nicht funktionierende Computersysteme. Solche Tätigkeiten verschlingen viel Zeit, die dann bei den eigentlichen Aufgaben fehlt. Belastungen, die mit den Kernaufgaben zusammenhängen, nimmt man meist gern in Kauf. Besonders gravierend ist Stress dann, wenn er eine Bedrohung des Selbstwerts darstellt. Dies ist besonders bei mangelnder Anerkennung der Fall.
Zum Beispiel?
Wenn ein Hitze abstrahlender Fotokopierer direkt neben dem Arbeitsplatz einer Sekretärin aufgestellt wird, kann sich diese dadurch abgewertet fühlen. In ihrer Wahrnehmung erscheint sie ihren Chefs nicht als wichtig genug, um sie vor der Hitze zu schützen. Dieses Phänomen der Abwertung nenne ich die «soziale Bedeutung der Hitze».
Handelt es sich bei der Bedrohung des professionellen Selbstwerts um Einzelfälle?
Abwertung ist weit verbreitet. Sie findet sich in vielen Lohnsystemen, da diese teils sehr einseitige Messungen vornehmen: Man misst, was man gut messen kann, auch wenn dies die Arbeitsqualität nicht fair widerspiegelt. Arbeitnehmer werden so häufig für Dinge bestraft, die sie für gute Arbeit halten, etwa wenn sie sich Zeit nehmen für ein Gespräch.
Wie bewältigt man Stress am besten?
Stress kann entweder problembezogen oder gefühlsbezogen angegangen werden. Im ersten Fall versucht man, die Situation zu verändern, im zweiten Fall geht es darum, zur gleichen Situation einen neuen Zugang zu finden.
Ist gefühlsbezogene Stressbewältigung nicht reine Symptombekämpfung?
Gefühlsbezogene Stressbewältigung ändert an der Situation zwar nichts, wohl aber an den Gefühlen in Bezug auf Stress. Wer zum Ausgleich beispielsweise Sport treibt, lenkt seine Aufmerksamkeit weg von der belastenden Situation. Auch wer lernt, ruhig durchzuatmen, kann Stress viel gelassener angehen. Weniger gut sind gefühlsbezogene Stressbewältigungsmassnahmen wie Rauchen oder Trinken.
Was beugt man stressbedingten Erkrankungen vor?
Einerseits sollten unnötige Belastungen vermieden werden. Aber auch das Abschalten von der Arbeit muss gepflegt werden. Etwa durch Sport. Rituale, die jeder für sich entdecken und bestimmen kann und die jeden Tag möglichst ähnlich ablaufen sollten. Auch Meditation ist ein solches Ritual, das helfen kann, die Umstellung von der Arbeit ins Privatleben besser zu bewältigen.
Was machen Sie selbst gegen Stress?
Ich kann zum Glück meist gut abschalten. Den Tag beginne ich mit Gymnastik, daneben spiele ich Cello. Und ich unterhalte mich gerne und oft mit meiner Frau.
«Identifikation mit dem Beruf macht verletzbar»
Von Karin Meier. Aktualisiert am 28.09.2009
«Wer Anerkennung für seine Arbeit erhält, ist stressresistenter», sagt Norbert K. Semmer, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Uni Bern.
Was tut der Experte gegen Stress? Arbeitspsychologe Norbert Semmer spielt Cello, macht Gymnastik oder spricht mit seiner Frau.
Herr Semmer, heute gilt als chic, gestresst zu sein. Wann handelt es sich bei Stress um blosse Koketterie, wann um ein echtes Problem?
Bei Umfragen im Bekanntenkreis ist jeder gestresst. In wissenschaftlichen Untersuchungen fallen aber nur wenige Menschen in diese Kategorie. Heute will jeder als überlastet gelten, aber nicht als überfordert, denn dies stellt eine Bedrohung des Selbstwertgefühls dar. Die Grenze zwischen diesen beiden Zuständen ist jedoch sehr dünn.
Es heisst, ein bisschen Stress sei gesund, zu viel Stress mache jedoch krank. Wie sehen Sie das?
Die Stresssituationen selbst werden....
Tages Anzeiger 28.09.2009
«Identifikation mit dem Beruf macht verletzbar»
Von Karin Meier. Aktualisiert am 28.09.2009
«Wer Anerkennung für seine Arbeit erhält, ist stressresistenter», sagt Norbert K. Semmer, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Uni Bern.
Was tut der Experte gegen Stress? Arbeitspsychologe Norbert Semmer spielt Cello, macht Gymnastik oder spricht mit seiner Frau.
Herr Semmer, heute gilt als chic, gestresst zu sein. Wann handelt es sich bei Stress um blosse Koketterie, wann um ein echtes Problem?
Bei Umfragen im Bekanntenkreis ist jeder gestresst. In wissenschaftlichen Untersuchungen fallen aber nur wenige Menschen in diese Kategorie. Heute will jeder als überlastet gelten, aber nicht als überfordert, denn dies stellt eine Bedrohung des Selbstwertgefühls dar. Die Grenze zwischen diesen beiden Zuständen ist jedoch sehr dünn.
Es heisst, ein bisschen Stress sei gesund, zu viel Stress mache jedoch krank. Wie sehen Sie das?
Die Stresssituationen selbst werden überwiegend negativ erlebt. Oft halten die Belastungssymptome auch dann an, wenn die eigentliche Ursache längst verschwunden ist. Solange man aber nach einer Stresssituation in eine Phase der Erholung übergehen kann, bleiben negative Folgen aus. Die Konsequenzen können sogar positiv sein: Wer beispielsweise eine schwierige Situation durchsteht, kann an Selbstbewusstsein gewinnen.
Woran merkt man, dass man überlastet ist?
Zu den klassischen Symptomen zählen Dünnhäutigkeit und Gereiztheit, sozialer Rückzug und länger anhaltende Schlafprobleme. Betroffen ist auch unser Kommunikationsverhalten, etwa wenn wir kaum mehr zuhören oder auch wenn wir Sätze nicht beenden. Im Berufsleben leiden vor allem Wartungs- und Kontrolltätigkeiten, aber auch Ordnung und Sauberkeit, kurz all jenes, was sich nur langfristig auszahlt. Die Leistungsfähigkeit für die Primäraufgaben bleibt allerdings erstaunlich lange erhalten, da man für deren Bewältigung seine Kräfte mobilisiert.
Welche Menschen leiden vor allem unter Stress?
Menschen sind unterschiedlich belastbar. Unternehmen möchten belastbare Leute – am belastbarsten sind aber oft diejenigen, die sich nicht für ihre Arbeit interessieren.
Desinteresse? Habe ich Sie richtig verstanden?
Ja, diejenigen Mitarbeiter, die sich sehr stark mit ihrem Beruf identifizieren, sind nur in Grenzen belastbar, denn Identifikation mit dem Beruf macht verletzbar. Deshalb sollten Unternehmen darauf achten, dass sie ihre Mitarbeiter nicht zu sehr belasten. Ansonsten macht sich unter den engagierten Mitarbeitern Zynismus breit, oder aber es machen Leute Karriere, denen es primär um ihre eigene Agenda geht, wie zum Beispiel eine Selbstdarstellung als erfolgreicher Mitarbeiter.
Welches sind die wichtigsten stressrelevanten Faktoren?
Zu den sogenannten Stressoren zählen die Arbeitsaufgaben, etwa wenn sie monoton und langweilig sind, die physischen, sozialen und organisatorischen Bedingungen sowie die Arbeitsorganisation. Ein typischer Stressfaktor sind beispielsweise nicht funktionierende Computersysteme. Solche Tätigkeiten verschlingen viel Zeit, die dann bei den eigentlichen Aufgaben fehlt. Belastungen, die mit den Kernaufgaben zusammenhängen, nimmt man meist gern in Kauf. Besonders gravierend ist Stress dann, wenn er eine Bedrohung des Selbstwerts darstellt. Dies ist besonders bei mangelnder Anerkennung der Fall.
Zum Beispiel?
Wenn ein Hitze abstrahlender Fotokopierer direkt neben dem Arbeitsplatz einer Sekretärin aufgestellt wird, kann sich diese dadurch abgewertet fühlen. In ihrer Wahrnehmung erscheint sie ihren Chefs nicht als wichtig genug, um sie vor der Hitze zu schützen. Dieses Phänomen der Abwertung nenne ich die «soziale Bedeutung der Hitze».
Handelt es sich bei der Bedrohung des professionellen Selbstwerts um Einzelfälle?
Abwertung ist weit verbreitet. Sie findet sich in vielen Lohnsystemen, da diese teils sehr einseitige Messungen vornehmen: Man misst, was man gut messen kann, auch wenn dies die Arbeitsqualität nicht fair widerspiegelt. Arbeitnehmer werden so häufig für Dinge bestraft, die sie für gute Arbeit halten, etwa wenn sie sich Zeit nehmen für ein Gespräch.
Wie bewältigt man Stress am besten?
Stress kann entweder problembezogen oder gefühlsbezogen angegangen werden. Im ersten Fall versucht man, die Situation zu verändern, im zweiten Fall geht es darum, zur gleichen Situation einen neuen Zugang zu finden.
Ist gefühlsbezogene Stressbewältigung nicht reine Symptombekämpfung?
Gefühlsbezogene Stressbewältigung ändert an der Situation zwar nichts, wohl aber an den Gefühlen in Bezug auf Stress. Wer zum Ausgleich beispielsweise Sport treibt, lenkt seine Aufmerksamkeit weg von der belastenden Situation. Auch wer lernt, ruhig durchzuatmen, kann Stress viel gelassener angehen. Weniger gut sind gefühlsbezogene Stressbewältigungsmassnahmen wie Rauchen oder Trinken.
Was beugt man stressbedingten Erkrankungen vor?
Einerseits sollten unnötige Belastungen vermieden werden. Aber auch das Abschalten von der Arbeit muss gepflegt werden. Etwa durch Sport. Rituale, die jeder für sich entdecken und bestimmen kann und die jeden Tag möglichst ähnlich ablaufen sollten. Auch Meditation ist ein solches Ritual, das helfen kann, die Umstellung von der Arbeit ins Privatleben besser zu bewältigen.
Was machen Sie selbst gegen Stress?
Ich kann zum Glück meist gut abschalten. Den Tag beginne ich mit Gymnastik, daneben spiele ich Cello. Und ich unterhalte mich gerne und oft mit meiner Frau.
Sonntag, Oktober 11, 2009
TA: Berühmtheit als Berufswunsch
Tages Anzeiger Online
Berühmtheit als Berufswunsch
Von Regina Partyngl. Aktualisiert am 10.10.2009
Falls Berühmtheit bis anhin der Traum einiger Getriebener war, so scheint sie nun zum Berufswunsch der Massen zu mutieren: Hauptsache berühmt – egal wofür. Was hinter dem grotesken Unterfangen steckt.
Ein Jugendlicher namens Tim gibt sich auf der Strasse eine Blösse: Ungefragt und unaufgefordert kräht er inmitten konsternierter Passanten voller Inbrunst vor sich hin. Tim, so stellt sich heraus, ist ein Kandidat bei «Popstars», also ein Kandidat bei einer jener Castingshows, die Gewinner hervorbringen, deren Fans zwischen 6- und 14-jährig sind. Wer bei «Popstars» siegt, dem sind nicht einmal jene 15 Minuten Ruhm vergönnt, die Andy Warhol jedem prophezeite. Tim legt sich – talentfrei – voll ins Zeug und missversteht die ihn stets begleitende Kamera als ihm wohlgesinnt.
Auf die Frage, warum er Popstar werden will, antwortet er...
Tages Anzeiger Online
Berühmtheit als Berufswunsch
Von Regina Partyngl. Aktualisiert am 10.10.2009
Falls Berühmtheit bis anhin der Traum einiger Getriebener war, so scheint sie nun zum Berufswunsch der Massen zu mutieren: Hauptsache berühmt – egal wofür. Was hinter dem grotesken Unterfangen steckt.
Ein Jugendlicher namens Tim gibt sich auf der Strasse eine Blösse: Ungefragt und unaufgefordert kräht er inmitten konsternierter Passanten voller Inbrunst vor sich hin. Tim, so stellt sich heraus, ist ein Kandidat bei «Popstars», also ein Kandidat bei einer jener Castingshows, die Gewinner hervorbringen, deren Fans zwischen 6- und 14-jährig sind. Wer bei «Popstars» siegt, dem sind nicht einmal jene 15 Minuten Ruhm vergönnt, die Andy Warhol jedem prophezeite. Tim legt sich – talentfrei – voll ins Zeug und missversteht die ihn stets begleitende Kamera als ihm wohlgesinnt.
Auf die Frage, warum er Popstar werden will, antwortet er mit entlarvender Frische: «Ich weiss auch nicht. Ich finds halt einfach geil, wenn mich die Leute kennen.» Das muss man ihm lassen: Wenigstens antwortet er nicht wie viele andere Möchtegern-Stars: «Die Musik ist mein Leben.» Die Frage, ob sie denn ein Instrument spielen oder sonstwie Musik machen, wird regelmässig verneint.
Berühmt und basta
Was möchtest du einmal werden? «Berühmt», so lapidar beantwortete kürzlich ein sechsjähriger Knirps die Frage. Es scheint, dass Massen von Teenies seinen Wunsch teilen. Lauscht man dem wundervoll abenteuerlichen Gedankenaustausch von Teenagern, fällt auf, dass sie es nicht für nötig halten, klarzustellen, wofür sie denn gern berühmt sein möchten. Die wenigsten sagen, sie gingen gerne als Sängerin, Schauspieler, Model, Moderatorin oder Sportler in die Annalen der Geschichte ein. Der Jargon geht mehr in Richtung: «Hey weisch wiä geil, berüämt si, Mann!» Streben sie nach dem Schein statt nach dem Sein?
Der Gesellschaft hat es wohl zu keiner Zeit an Oberflächlichkeit gemangelt – was das Zusammenleben auch erleichtert –, doch bisher waren Menschen berühmt, weil sie etwas getan hatten. Heute lösen Exemplare ein Blitzlichtgewitter aus, die berühmt sind fürs Berühmtsein, wie Katie Price in England oder Verena Pooth in Deutschland.
Eine, die diese Kunst perfektioniert hat, ist Paris Hilton. «Berühmtsein ist mein Job», sagte sie einmal in einem Interview mit dem Magazin «GQ». Ein kurzer Rückblick: Die Hotelerbin, ausgestattet mit dem berühmten Namen, tanzte Ende der 90er-Jahre auf Bartischen und liess verlauten, weil Slips Abdrücke auf der Haut hinterliessen, trage sie keine. Dass sie nicht gelogen hatte, bewies ein Foto, das die Luxus-Gestalt beim Aussteigen aus einer Limousine zeigte.
Andy Warhol Lügen gestraft
Die luftige Basis der neu gewonnenen Prominenz verleitete zur Annahme, dass da nun die warholschen 15 Minuten Berühmtheit einer reichen, verwöhnten, nach Aufmerksamkeit heischenden Blondine angebrochen waren. Doch dem war nicht so. Es folgten das Video «One Night in Paris» – wobei der Name Programm war und nicht die Stadt gemeint war – und auf sie zugeschnittene Reality-TV-Shows. Paris Hilton entwickelte sich zu einem Phänomen, bewies Geschäftssinn und kassierte riesige Summen für ein Winken oder den Besuch eines Clubs.
Paris weist gerne darauf hin, dass sie ein Modelabel hat, ihre eigene Schmuck- und Make-up-Kollektion und ein Parfüm auf den Markt gebracht hat. Stimmt. Das ist eine Folge ihrer Berühmtheit, nicht deren Ursache. Berühmt ist sie dafür, eine Hilton zu sein, die Skandälchen produziert hat und vor allem gerne selbstverliebt in die Kamera blickt – nicht gerade grosse Taten.
Ist das Publikum einfältig?
Dass sich die Hilton auf diese Weise ins Rampenlicht gemausert hat und es geschafft hat, dort zwölf Jahre lang zu verweilen, ist nicht in erster Linie ihr anzukreiden, sondern jenen, die das ermöglicht haben: ihrem Publikum. Und Publikum hat sie: Googelt man Paris Hilton, kommt man auf 46 Millionen Treffer. Googelt man Angelina Jolie, sind es 29 Millionen, bei Nelson Mandela 4.7 Millionen. «Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen», sagte der deutsche Politiker Heiner Geissler einmal. Doch das Publikum besteht nicht nur aus Bewunderern. Paris Hilton verdankt ihre Medienpräsenz einer bedeutenden Anzahl Menschen, die sie schnöde, protzig oder hochnäsig finden. Es ist gar möglich, dass die negativen Attribute die positiven überwiegen. Egal. Was zählt, ist, dass Meldungen über die beweihräucherte oder geschmähte Person konsumiert werden. Und genau hier setzen all die Castingshows an: Ihr Credo lautet Voyeurismus. Welche Menschen geben sich diesem im Fernsehen preis? Genau. Solche, die berühmt werden wollen. Das Publikum ergötzt sich an Peinlichkeiten oder geniesst es, sich fremdzuschämen.
«So berühmt wie Gott»
Dass jene, die nach Ruhm dürsten, fast keine Demütigung scheuen, um ihr Ziel zu erreichen, hängt laut dem deutschen Psychiater Borwin Bandelow mit ihrem Narzissmus, ihrem Geltungsdrang und ihrem Ehrgeiz zusammen. Der Psychiater geht noch weiter. In seinem Buch «Celebrities – vom schwierigen Glück, berühmt zu sein», schreibt er, dass Menschen, die am Borderline-Syndrom leiden, einfacher berühmt würden als andere, weil bei ihnen Narzissmus, Geltungsdrang und Ehrgeiz besonders ausgeprägt seien. Die treibende Kraft, um berühmt zu werden, sei bei dieser Spezies die Angst, nicht berühmt zu werden. Madonna scheint seine These zu bestätigen. Die Popqueen hat einmal gesagt: «Ich werde nicht glücklich sein, bis ich so berühmt bin wie Gott.»
Nicht nur Exzentriker
Natürlich lechzen nicht alle Teenager, die in die Castingshows drängen, im selben Mass nach Aufmerksamkeit wie Madonna, Michael Jackson selig, Robbie Williams oder andere Exzentriker. Und natürlich haben nicht alle, die auf dem Walk of Fame am liebsten über ihren eigenen Stern wandeln würden, einen psychischen Knacks.
Wonach sich Schwärmer sehnen
Was versprechen sich also die Schwärmer, die sich nach Glanz und Gloria sehnen? Wahrscheinlich Ansehen und Anerkennung. Das brauchen alle Menschen. Doch ist es nicht absurd, sich diese Achtung von Leuten zu wünschen, die man nicht einmal kennt, von der anonymen Masse? Welches Lob oder Kompliment erfreut mehr: das eines Fremden oder jenes einer geschätzten, nahestehenden Person?
Welche anderen Gründe könnten eine Rolle spielen? Der schnöde Mammon, der meist mit der Bekanntheit einhergeht? Vielleicht, doch im Schatten des brennenden Wunsches nach Bekanntheit verblasst der Reichtum.
Die Angst vor dem Normalsein
Denkbar ist auch, dass das Streben nach Berühmtheit von der immer stärkeren Individualisierung der Gesellschaft herrührt. Heute ist es einerseits nötig – etwa auf dem Arbeitsmarkt – sich von anderen abzuheben. Andererseits gilt es aber auch als schick, etwas Besonderes, nicht wie Otto Normalverbraucher zu sein. Auch wenn keiner so genau weiss, wie Otto Normalverbraucher denn eigentlich ist.
Ein einigermassen breiter Konsens dürfte darüber bestehen, dass Otto ein eher unaufgeregtes, überschaubares und geregeltes Leben führt. Bezeichnend ist, dass es selten Otto ist, der unzufrieden ist mit seinem Leben. Vielleicht weil er ein eher behäbiger Zeitgenosse ist. Unzufrieden sind hingegen all jene, die wie Otto leben, dies aber als unspannend empfinden, weil sie in ihrem Leben nach Aufregung und Spannung suchen. Vielleicht weil sie eher rastlose Zeitgenossen sind. Diese Menschen, die nicht Otto sein wollen, sind die Trendsetter, sie bestimmen, was als schick gilt und was nicht.
Wenn es trendig ist, Spannung zu suchen, ist es kein Wunder, dass die Jugend Hochspannung sucht, da die Jugend mit dem Trend verbrüdert ist. Und berühmt zu sein, ist wahrscheinlich hoch spannend oder verspricht es zumindest zu sein.
Berühmt ist nicht gleich beliebt
Möglich ist aber auch, dass die Jugend Berühmtheit mit Beliebtheit verwechselt. Doch die Popularität der Sternchen am Showhimmel ist ein zweischneidiges Schwert: Frisch gebackene Celebrities bekunden Mühe, zwischen Freunden und Nutzniessern zu unterscheiden. Und schon sind wir bei den Nachteilen des Berühmtseins: «Ich kann mich nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegen, da jeder meinen Namen und mein Gesicht kennt», bekennt etwa der hartgesottene Rapper Eminem.
Ein kolossaler Nachteil
Berühmtheit hat einen gigantischen, ja kolossalen Nachteil im Schlepptau: Sie bringt den Verlust der Freiheit mit sich. Der Freiheit, sich idiotisch zu gebärden, ohne dass sich die Regenbogen-Presse tags darauf das Maul darüber zerreisst. Der Freiheit, drauflos zu plappern, ohne dass jemand den Worten später öffentlich einen tieferen Sinn beimisst. Der Freiheit, sich zu verlieben, ohne dass die Welt zuschaut. Ist es nicht erstaunlich, dass manche Menschen die Anerkennung durch Fremde der Freiheit vorziehen, unbeobachtet sich selbst sein zu dürfen?
In Endo Anacondas Worten
Eine Schweizer Berühmtheit ist der Sänger Endo Anaconda. Er hat die Bekanntheit nicht explizit gesucht. Auf die Frage, was der grösste Nachteil seiner Bekanntheit sei, sagt er, dass er nicht überall hingehen könne, weil viele Menschen meinten, sie hätten ein Anrecht auf ihn. Was ist denn der grösste Vorteil? «Dass man im Restaurant einen Tisch bekommt.» Und was überwiegt? Vorteile oder Nachteile? «Ich kann es mir nicht mehr aussuchen», konstatiert er.
Wünsche sind nicht beeinflussbar, also auch nicht vorwerfbar. Wer sich aber wünscht, berühmt zu sein, sollte ein berühmtes Bonmot nicht vergessen: Pass auf, was du dir wünschst, dein Wunsch könnte in Erfüllung gehen.
Berühmtheit als Berufswunsch
Von Regina Partyngl. Aktualisiert am 10.10.2009
Falls Berühmtheit bis anhin der Traum einiger Getriebener war, so scheint sie nun zum Berufswunsch der Massen zu mutieren: Hauptsache berühmt – egal wofür. Was hinter dem grotesken Unterfangen steckt.
Ein Jugendlicher namens Tim gibt sich auf der Strasse eine Blösse: Ungefragt und unaufgefordert kräht er inmitten konsternierter Passanten voller Inbrunst vor sich hin. Tim, so stellt sich heraus, ist ein Kandidat bei «Popstars», also ein Kandidat bei einer jener Castingshows, die Gewinner hervorbringen, deren Fans zwischen 6- und 14-jährig sind. Wer bei «Popstars» siegt, dem sind nicht einmal jene 15 Minuten Ruhm vergönnt, die Andy Warhol jedem prophezeite. Tim legt sich – talentfrei – voll ins Zeug und missversteht die ihn stets begleitende Kamera als ihm wohlgesinnt.
Auf die Frage, warum er Popstar werden will, antwortet er...
Tages Anzeiger Online
Berühmtheit als Berufswunsch
Von Regina Partyngl. Aktualisiert am 10.10.2009
Falls Berühmtheit bis anhin der Traum einiger Getriebener war, so scheint sie nun zum Berufswunsch der Massen zu mutieren: Hauptsache berühmt – egal wofür. Was hinter dem grotesken Unterfangen steckt.
Ein Jugendlicher namens Tim gibt sich auf der Strasse eine Blösse: Ungefragt und unaufgefordert kräht er inmitten konsternierter Passanten voller Inbrunst vor sich hin. Tim, so stellt sich heraus, ist ein Kandidat bei «Popstars», also ein Kandidat bei einer jener Castingshows, die Gewinner hervorbringen, deren Fans zwischen 6- und 14-jährig sind. Wer bei «Popstars» siegt, dem sind nicht einmal jene 15 Minuten Ruhm vergönnt, die Andy Warhol jedem prophezeite. Tim legt sich – talentfrei – voll ins Zeug und missversteht die ihn stets begleitende Kamera als ihm wohlgesinnt.
Auf die Frage, warum er Popstar werden will, antwortet er mit entlarvender Frische: «Ich weiss auch nicht. Ich finds halt einfach geil, wenn mich die Leute kennen.» Das muss man ihm lassen: Wenigstens antwortet er nicht wie viele andere Möchtegern-Stars: «Die Musik ist mein Leben.» Die Frage, ob sie denn ein Instrument spielen oder sonstwie Musik machen, wird regelmässig verneint.
Berühmt und basta
Was möchtest du einmal werden? «Berühmt», so lapidar beantwortete kürzlich ein sechsjähriger Knirps die Frage. Es scheint, dass Massen von Teenies seinen Wunsch teilen. Lauscht man dem wundervoll abenteuerlichen Gedankenaustausch von Teenagern, fällt auf, dass sie es nicht für nötig halten, klarzustellen, wofür sie denn gern berühmt sein möchten. Die wenigsten sagen, sie gingen gerne als Sängerin, Schauspieler, Model, Moderatorin oder Sportler in die Annalen der Geschichte ein. Der Jargon geht mehr in Richtung: «Hey weisch wiä geil, berüämt si, Mann!» Streben sie nach dem Schein statt nach dem Sein?
Der Gesellschaft hat es wohl zu keiner Zeit an Oberflächlichkeit gemangelt – was das Zusammenleben auch erleichtert –, doch bisher waren Menschen berühmt, weil sie etwas getan hatten. Heute lösen Exemplare ein Blitzlichtgewitter aus, die berühmt sind fürs Berühmtsein, wie Katie Price in England oder Verena Pooth in Deutschland.
Eine, die diese Kunst perfektioniert hat, ist Paris Hilton. «Berühmtsein ist mein Job», sagte sie einmal in einem Interview mit dem Magazin «GQ». Ein kurzer Rückblick: Die Hotelerbin, ausgestattet mit dem berühmten Namen, tanzte Ende der 90er-Jahre auf Bartischen und liess verlauten, weil Slips Abdrücke auf der Haut hinterliessen, trage sie keine. Dass sie nicht gelogen hatte, bewies ein Foto, das die Luxus-Gestalt beim Aussteigen aus einer Limousine zeigte.
Andy Warhol Lügen gestraft
Die luftige Basis der neu gewonnenen Prominenz verleitete zur Annahme, dass da nun die warholschen 15 Minuten Berühmtheit einer reichen, verwöhnten, nach Aufmerksamkeit heischenden Blondine angebrochen waren. Doch dem war nicht so. Es folgten das Video «One Night in Paris» – wobei der Name Programm war und nicht die Stadt gemeint war – und auf sie zugeschnittene Reality-TV-Shows. Paris Hilton entwickelte sich zu einem Phänomen, bewies Geschäftssinn und kassierte riesige Summen für ein Winken oder den Besuch eines Clubs.
Paris weist gerne darauf hin, dass sie ein Modelabel hat, ihre eigene Schmuck- und Make-up-Kollektion und ein Parfüm auf den Markt gebracht hat. Stimmt. Das ist eine Folge ihrer Berühmtheit, nicht deren Ursache. Berühmt ist sie dafür, eine Hilton zu sein, die Skandälchen produziert hat und vor allem gerne selbstverliebt in die Kamera blickt – nicht gerade grosse Taten.
Ist das Publikum einfältig?
Dass sich die Hilton auf diese Weise ins Rampenlicht gemausert hat und es geschafft hat, dort zwölf Jahre lang zu verweilen, ist nicht in erster Linie ihr anzukreiden, sondern jenen, die das ermöglicht haben: ihrem Publikum. Und Publikum hat sie: Googelt man Paris Hilton, kommt man auf 46 Millionen Treffer. Googelt man Angelina Jolie, sind es 29 Millionen, bei Nelson Mandela 4.7 Millionen. «Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen», sagte der deutsche Politiker Heiner Geissler einmal. Doch das Publikum besteht nicht nur aus Bewunderern. Paris Hilton verdankt ihre Medienpräsenz einer bedeutenden Anzahl Menschen, die sie schnöde, protzig oder hochnäsig finden. Es ist gar möglich, dass die negativen Attribute die positiven überwiegen. Egal. Was zählt, ist, dass Meldungen über die beweihräucherte oder geschmähte Person konsumiert werden. Und genau hier setzen all die Castingshows an: Ihr Credo lautet Voyeurismus. Welche Menschen geben sich diesem im Fernsehen preis? Genau. Solche, die berühmt werden wollen. Das Publikum ergötzt sich an Peinlichkeiten oder geniesst es, sich fremdzuschämen.
«So berühmt wie Gott»
Dass jene, die nach Ruhm dürsten, fast keine Demütigung scheuen, um ihr Ziel zu erreichen, hängt laut dem deutschen Psychiater Borwin Bandelow mit ihrem Narzissmus, ihrem Geltungsdrang und ihrem Ehrgeiz zusammen. Der Psychiater geht noch weiter. In seinem Buch «Celebrities – vom schwierigen Glück, berühmt zu sein», schreibt er, dass Menschen, die am Borderline-Syndrom leiden, einfacher berühmt würden als andere, weil bei ihnen Narzissmus, Geltungsdrang und Ehrgeiz besonders ausgeprägt seien. Die treibende Kraft, um berühmt zu werden, sei bei dieser Spezies die Angst, nicht berühmt zu werden. Madonna scheint seine These zu bestätigen. Die Popqueen hat einmal gesagt: «Ich werde nicht glücklich sein, bis ich so berühmt bin wie Gott.»
Nicht nur Exzentriker
Natürlich lechzen nicht alle Teenager, die in die Castingshows drängen, im selben Mass nach Aufmerksamkeit wie Madonna, Michael Jackson selig, Robbie Williams oder andere Exzentriker. Und natürlich haben nicht alle, die auf dem Walk of Fame am liebsten über ihren eigenen Stern wandeln würden, einen psychischen Knacks.
Wonach sich Schwärmer sehnen
Was versprechen sich also die Schwärmer, die sich nach Glanz und Gloria sehnen? Wahrscheinlich Ansehen und Anerkennung. Das brauchen alle Menschen. Doch ist es nicht absurd, sich diese Achtung von Leuten zu wünschen, die man nicht einmal kennt, von der anonymen Masse? Welches Lob oder Kompliment erfreut mehr: das eines Fremden oder jenes einer geschätzten, nahestehenden Person?
Welche anderen Gründe könnten eine Rolle spielen? Der schnöde Mammon, der meist mit der Bekanntheit einhergeht? Vielleicht, doch im Schatten des brennenden Wunsches nach Bekanntheit verblasst der Reichtum.
Die Angst vor dem Normalsein
Denkbar ist auch, dass das Streben nach Berühmtheit von der immer stärkeren Individualisierung der Gesellschaft herrührt. Heute ist es einerseits nötig – etwa auf dem Arbeitsmarkt – sich von anderen abzuheben. Andererseits gilt es aber auch als schick, etwas Besonderes, nicht wie Otto Normalverbraucher zu sein. Auch wenn keiner so genau weiss, wie Otto Normalverbraucher denn eigentlich ist.
Ein einigermassen breiter Konsens dürfte darüber bestehen, dass Otto ein eher unaufgeregtes, überschaubares und geregeltes Leben führt. Bezeichnend ist, dass es selten Otto ist, der unzufrieden ist mit seinem Leben. Vielleicht weil er ein eher behäbiger Zeitgenosse ist. Unzufrieden sind hingegen all jene, die wie Otto leben, dies aber als unspannend empfinden, weil sie in ihrem Leben nach Aufregung und Spannung suchen. Vielleicht weil sie eher rastlose Zeitgenossen sind. Diese Menschen, die nicht Otto sein wollen, sind die Trendsetter, sie bestimmen, was als schick gilt und was nicht.
Wenn es trendig ist, Spannung zu suchen, ist es kein Wunder, dass die Jugend Hochspannung sucht, da die Jugend mit dem Trend verbrüdert ist. Und berühmt zu sein, ist wahrscheinlich hoch spannend oder verspricht es zumindest zu sein.
Berühmt ist nicht gleich beliebt
Möglich ist aber auch, dass die Jugend Berühmtheit mit Beliebtheit verwechselt. Doch die Popularität der Sternchen am Showhimmel ist ein zweischneidiges Schwert: Frisch gebackene Celebrities bekunden Mühe, zwischen Freunden und Nutzniessern zu unterscheiden. Und schon sind wir bei den Nachteilen des Berühmtseins: «Ich kann mich nicht mehr in der Öffentlichkeit bewegen, da jeder meinen Namen und mein Gesicht kennt», bekennt etwa der hartgesottene Rapper Eminem.
Ein kolossaler Nachteil
Berühmtheit hat einen gigantischen, ja kolossalen Nachteil im Schlepptau: Sie bringt den Verlust der Freiheit mit sich. Der Freiheit, sich idiotisch zu gebärden, ohne dass sich die Regenbogen-Presse tags darauf das Maul darüber zerreisst. Der Freiheit, drauflos zu plappern, ohne dass jemand den Worten später öffentlich einen tieferen Sinn beimisst. Der Freiheit, sich zu verlieben, ohne dass die Welt zuschaut. Ist es nicht erstaunlich, dass manche Menschen die Anerkennung durch Fremde der Freiheit vorziehen, unbeobachtet sich selbst sein zu dürfen?
In Endo Anacondas Worten
Eine Schweizer Berühmtheit ist der Sänger Endo Anaconda. Er hat die Bekanntheit nicht explizit gesucht. Auf die Frage, was der grösste Nachteil seiner Bekanntheit sei, sagt er, dass er nicht überall hingehen könne, weil viele Menschen meinten, sie hätten ein Anrecht auf ihn. Was ist denn der grösste Vorteil? «Dass man im Restaurant einen Tisch bekommt.» Und was überwiegt? Vorteile oder Nachteile? «Ich kann es mir nicht mehr aussuchen», konstatiert er.
Wünsche sind nicht beeinflussbar, also auch nicht vorwerfbar. Wer sich aber wünscht, berühmt zu sein, sollte ein berühmtes Bonmot nicht vergessen: Pass auf, was du dir wünschst, dein Wunsch könnte in Erfüllung gehen.
Mittwoch, Oktober 07, 2009
Dienstag, Oktober 06, 2009
NZZ: «Die Maras sind wie Grippeviren»
NZZ: 22.09.2009
«Die Maras sind wie Grippeviren»
In El Salvador werden Jugendbanden für die Gewalt verantwortlich gemacht und hart verfolgt
Die Maras, die zentralamerikanischen Jugendbanden, werden für die grassierende Kriminalität in El Salvador verantwortlich gemacht. Doch die jungen Banditen sind selber auch Opfer von Polizei und Todesschwadronen, die sich zur «sozialen Säuberung» berufen fühlen.
Von unserem Auslandredaktor Oswald Iten
Die Colonia 22 de Abril in Soyapango ist eine «rote Zone» für die Polizei, was heisst, dass sie sich in diesen Slum höchstens in Kampfformation vorwagt. Weshalb, wird uns sofort klar, als wir am Eingang dieses zu den verrufensten Quartieren in El Salvador gehörenden Armenviertels aus dem Taxi steigen. Die Gebäude sind mit Graffiti übersät, die markieren, dass hier das Territorium der Mara Salvatrucha beginnt, der Jugendbande mit dem schlimmsten Ruf in diesem zentralamerikanischen Land. Weiter als bis zum Eingang kann kein Auto und auch kein Patrouillenwagen vordringen, denn in der Colonia sind die Gassen so eng, dass sich gerade zwei Personen kreuzen können und Materialtransporte nur mit dem Schubkarren möglich sind. Am Eingang dieses Slums der Satellitenstadt von San Salvador lungern Burschen herum, die auf irgendetwas zu warten scheinen. Sie tragen....
NZZ: 22.09.2009
«Die Maras sind wie Grippeviren»
In El Salvador werden Jugendbanden für die Gewalt verantwortlich gemacht und hart verfolgt
Die Maras, die zentralamerikanischen Jugendbanden, werden für die grassierende Kriminalität in El Salvador verantwortlich gemacht. Doch die jungen Banditen sind selber auch Opfer von Polizei und Todesschwadronen, die sich zur «sozialen Säuberung» berufen fühlen.
Von unserem Auslandredaktor Oswald Iten
Die Colonia 22 de Abril in Soyapango ist eine «rote Zone» für die Polizei, was heisst, dass sie sich in diesen Slum höchstens in Kampfformation vorwagt. Weshalb, wird uns sofort klar, als wir am Eingang dieses zu den verrufensten Quartieren in El Salvador gehörenden Armenviertels aus dem Taxi steigen. Die Gebäude sind mit Graffiti übersät, die markieren, dass hier das Territorium der Mara Salvatrucha beginnt, der Jugendbande mit dem schlimmsten Ruf in diesem zentralamerikanischen Land. Weiter als bis zum Eingang kann kein Auto und auch kein Patrouillenwagen vordringen, denn in der Colonia sind die Gassen so eng, dass sich gerade zwei Personen kreuzen können und Materialtransporte nur mit dem Schubkarren möglich sind. Am Eingang dieses Slums der Satellitenstadt von San Salvador lungern Burschen herum, die auf irgendetwas zu warten scheinen. Sie tragen Baseballmützen und viel zu tief sitzende Rapper-Hosen. Wir würden ihnen lieber nicht begegnen wollen, hätten wir nicht mit ihnen ein Treffen ausgemacht.
Luis ist der Anführer der Clika 22 de Abril, der Chef des lokalen Ablegers der Mara Salvatrucha. Zusammen mit drei Gesellen führt uns der 19-Jährige ins Labyrinth der Colonia. Misstrauische Augen durchbohren uns an jeder Ecke, aus jeder Türe, aus jeder Hängematte. Hunde kläffen uns an. Doch die Mitglieder der Bande nehmen uns in ihre Mitte und geben uns das feste Gefühl, in ihrem Schutz zu stehen. Warum nur haben sie eingewilligt, uns zu treffen? Weil vom Fernsehen und in den Zeitungen ein falsches Bild von ihnen vermittelt werde, ein tödliches Bild, das der Polizei als Berechtigung diene, jeden von ihnen jederzeit umlegen zu dürfen, sagt Luis.
Inzwischen lassen sich nicht mehr alle Bandenmitglieder tätowieren – die Aussicht, sich in Freiheit als lebende Zielscheibe zu präsentieren ist nicht besonders günstig.
El Salvador hat einen der brutalsten Bürgerkriege in Lateinamerika hinter sich. Zwischen 1980 und 1992 forderte dieser 75 000 Todesopfer, 6000 Verschwundene und 50 000 Kriegsinvalide. Aber viele Salvadorianer haben das Gefühl, heutzutage mehr der Gewalt ausgesetzt zu sein als damals. Dass El Salvador auf einigen «Ranglisten» der gewalttätigsten Länder noch vor Kolumbien erscheint, wird gemeinhin den Jugendbanden angelastet. Im Land mit fast 7 Millionen Einwohnern weisen Statistiken täglich um die 10 Morde aus. Eine Aufstellung kam in einem Jahr auf 22 000 Personen mit Schussverletzungen und 29 000 Messerattacken. Die meisten Salvadorianer sind selber ein oder mehrere Male Opfer von bewaffneten Überfällen geworden oder haben Verwandte mit diesem Schicksal. Im Bürgerkrieg schien die Gewalt kalkulierbar. Angesichts der Maras herrscht nun das dumpfe Gefühl, Gefahr lauere überall und jederzeit.
Die Entstehung der Maras – der Begriff kommt von gefrässigen «Killerameisen» namens Marabuntes – ist eng mit dem Bürgerkrieg verknüpft. Rund eine Million Salvadorianer flohen damals aus dem Land, die Mehrzahl in die USA und den Grossraum von Los Angeles. Im dortigen Milieu der Hispanics mussten sie zuerst untendurch. Manche Jugendliche schlossen Kontakt mit der von Mexikanern dominierten Strassengang Mara 18. Unzufriedene gründeten bald ihre eigene Gang, die Mara Salvatrucha, was so viel heisst wie Bande schlauer, gerissener Salvadorianer. Ab 1996 begannen die Vereinigten Staaten, straffällig gewordene Immigranten in ihre Herkunftsländer abzuschieben. Die kriminellen Rückkehrer fanden sich in einer Gesellschaft wieder, die nach Jahrzehnten der Militärdiktatur und des Krieges von einer Kultur der Gewalt durchtränkt war. Waffen fanden sie zuhauf vor. Unter den perspektivlosen Jugendlichen gewannen die Gang-erfahrenen Heimkehrer rasch an Ansehen. Namen wie Los Hollywood Locos, eine Untergruppe der Salvatrucha, sind eine Referenz an den Ursprung der Maras. Aber es gibt kein zentrales Kommando, und die einzelnen Cliquen operieren relativ selbständig.
Der Herausforderung durch die Maras begegnete die Regierung mit dem «Plan mano dura», einer Politik der harten Hand. Zum Beispiel dehnte das eigens verabschiedete Sondergesetz (Ley antimaras) das Erwachsenenstrafrecht auf 12-Jährige aus. Der Erfolg blieb aus. Die bis diesen Sommer amtierende Rechtsregierung verordnete daraufhin den «Plan super mano dura», den Plan der «superharten» Hand. Die «eiserne Faust» sorgte für noch mehr Tote. Hinweise deuten darauf hin, dass die einst von Linken gefürchteten Todesschwadronen ein neues Tätigkeitsfeld gefunden haben. Sie widmen sich nicht mehr der politischen, sondern der sozialen Säuberung. Im Gespräch weist der Rektor der Jesuitenuniversität UCA, José María Tojeira, in Zusammenhang mit den Schwadronen auf einen weiteren Faktor hin, nämlich auf die 32 000 privaten Sicherheitsleute, eine «eigentliche Armee», fast doppelt an der Zahl wie die Polizeikräfte.
Ulrike Purrer Guardado schreibt in ihrem Buch «Jugendbanden in El Salvador», dass «erstmals seit dem Ende des Bürgerkrieges die Maras Anlass sind für den intensiven Einsatz des Militärs in Zusammenarbeit mit der Polizei. Die auf 10 000 bis 35 000 geschätzten salvadorianischen Bandenmitglieder werden erfolgreich dämonisiert und zum Sündenbock für alle Arten von Mord und Verbrechen deklariert.» Darob kommt es zu keinem Aufschrei in der Öffentlichkeit.
Wenn also Luis bei der Polizei einen Freibrief zur Jagd auf seine Clika 22 de Abril sieht, hat er nicht unrecht. Das Mindeste, wenn ein Marero von der Polizei erwischt werde, seien drei Tage Prügel im Knast. Solange er im Quartier bleibe, sei er vor der Polizei ziemlich sicher. Dank einem gut organisierten Alarmsystem könnten sie blitzartig im Gassenlabyrinth untertauchen, sagt Luis. Er und seine Compañeros tragen keine Tätowierungen. Diese waren bis vor kurzem der auf den Leib gebrannte «Mitgliederausweis» eines echten Mareros. Früher bedeckten die Tattoos oft den ganzen Körper, auch das Gesicht, vermerkten jeden begangenen Mord und jeden verlorenen Freund mit einem eingebrannten Symbol. In der Freiheit sieht man nur noch selten tätowierte Mareros; die meisten sind umgebracht worden. Polizisten und Todesschwadronen sind die Brandzeichen Grund genug für einen kurzen Prozess.
Das Menschenleben ist trivial
Mehr noch als Polizisten fürchten und hassen Mareros Mitglieder der anderen Banden, im Falle der Salvatrucha diejenigen der M-18. Luis sagt, ein Mitglied der M-18, das sich in sein Revier wage, verlasse das Quartier im Auto, sprich im Leichenwagen. Untersuchungen haben ergeben, dass zwei Drittel aller Gewalttaten unter gegnerischen Maras begangen werden. Den Sinn hinterfragen die Banden nicht. Das einzelne Menschenleben ist trivial. Dieses gegenseitige Morden geschieht wie im Reflex, ein weiteres Zeichen der bedingungslosen Zugehörigkeit zur eigenen Bande. Diese Zugehörigkeit wird selber in einem Gewaltakt besiegelt: Mitglied der Mara ist erst, wer von den anderen Bandenmitgliedern auf brutalste Weise zusammengeschlagen wird und dies erträgt. Kandidatinnen steht es frei, alternativ eine Massenvergewaltigung über sich ergehen zu lassen. «El trencito», das Züglein, nennt sich das.
Was denn sind die Vorteile einer Zugehörigkeit zur Clika 22 de Abril? Marvil ist ihr jüngstes Mitglied. Gerade 12 Jahre alt, hat er die Eintrittstortur schon hinter sich und ist stolzer Besitzer einer Pistole. Eine Familie habe er keine, die Mara sei seine Familie, sie schütze ihn, ohne sie sei er nichts. Er müsse vor niemandem Angst haben. Er und die anderen Gangmitglieder, die noch auf freiem Fuss seien, beschützten die Leute im Quartier, solange sie die Clika respektierten. Dass die Mareros Schutzgelder erpressen, mit Drogen handeln und Auftragsmorde begehen, davon will er nichts wissen.
Auch im Sondergefängnis von Sonsonate geben sich die meisten Mareros als Unschuldslämmer aus. Mario wurde Waffenhandel vorgeworfen, Julio Kidnapping. Cesar lebte eine Zeitlang in Los Angeles. Zurück in der Heimat, hat er 15 Jahre bekommen, für einen Mord, den er nicht begangen habe. Er möchte gerne bei seinem 9-monatigen Sohn sein. «Hier haben wir ihn fabriziert», grinst Cesar hinter den Gittern hervor; einmal im Monat sind «visitas intimas» zugelassen. Das Gefängnisleben in Sonsonate scheint recht locker zu sein. In den Werkstätten wird gemalt und geschreinert, im Hof Basketball gespielt, in Schulzimmern Englisch unterrichtet.
Poesie unter Tattoos
So entspannt könnten die Mareros draussen nicht leben, sagt der Gefängnisdirektor Miguel Angel Abarca. Fluchtversuche scheint er nicht besonders zu fürchten. Oft seien es die Mütter oder die Freundinnen, die ihn von Fluchtplänen unterrichteten, berichtet er. Denn diese wüssten nur zu gut, dass ihre Liebsten im Gefängnis sicherer seien als draussen. Um in Sonsonate unterzukommen, müssten sich die Mareros von ihrer Gang lossagen, erklärt Abarca. Fast alle sind aber tätowiert, und sie könnten nirgendwo in El Salvador oder in Zentralamerika leben, ohne von anderen Gangmitgliedern erkannt und mit grosser Wahrscheinlichkeit als Verräter umgebracht zu werden.
Ein Drittel der 20 500 Häftlinge im Lande seien Mareros, sagt Evelyn Karina Torres vom Sicherheitsministerium in San Salvador. Die 532 in Sonsonate einsitzenden Bandenmitglieder seien Privilegierte, Reumütige, die von einer Sonderbehandlung profitierten. Lange gestand man einsitzenden Mareros keine Besserungsfähigkeit zu. Dany Balmore Romero ist so einer, der nach Verbüssung seiner Zeit statt freigelassen einem verschärften Haftregime unterzogen wurde; weil er seine Mitgefangenen in Fussballmannschaften und Fortbildungsgruppen organisiert habe, sagt er. Damals seien er und drei weitere Häftlinge sogar einmal von Polizisten aus dem Knast geholt, zusammengeschlagen und der Presse als grosser Erfolg präsentiert worden, als in einer nächtlichen Operation dingfest gemachte Übeltäter. Man habe ihnen die T-Shirts vom Leib gerissen; voilà, seht die Tattoos, Beweis genug für den inszenierten Polizeicoup.
Auch Dany will unbeteiligt an einer Mordszene gewesen sein, deretwegen er verhaftet wurde. Hätte man ihn einem Paraffintest unterzogen, wäre klar geworden, dass er keine Waffe abgefeuert habe. «Wenn du zu einer Bande gehörst, bist du stigmatisiert» – auch jetzt in Freiheit noch. Deshalb versteckt er seine Tätowierungen unter langen Ärmeln. Doch bereits durch langärmlige, hochgeschlossene Kleidung könnte er in Verdacht geraten. Dany ist eines der wenigen in der Öffentlichkeit auftretenden ehemaligen Mitglieder der Salvatrucha. Er ist der Exponent eines Projekts namens Opera, den Anfangsbuchstaben von optimismo, paz, esperanza, renovación, armonia (Optimismus, Friede, Hoffnung, Erneuerung, Harmonie), das dank der schwedischen Entwicklungshilfe zustande kam. Für Opera organisiert er in den Gefängnissen Fussballspiele, Theateraufführungen, Shows, Filmvorführungen, Serigraphie-Kurse und einen Bibliotheksdienst. Auch dafür werde er bedroht, von der Polizei, sagt Dany. Und würde einer von der M-18 seiner habhaft werden, wär's um ihn geschehen. Einmal Marero, immer Marero.
Die Matura hat Dany nachgeholt, Literatur möchte er studieren. Poesie ist seine Leidenschaft. Auf einem Computer-Stick führt Dany seine Gedichtsammlung mit; ausgedruckt würde sie 121 Seiten umfassen.
Die Liebe oder das Gewehr
Gefangen von Unwissenheit
befreite mich die Poesie.
Die Sehnsucht nach Gleichheit
stiftete mich zum Kampf für die Liebe an.
Worte waren die Waffen,
mein Herz leitete mich.
Aber meine Anstrengung war vergebens,
ohne Glück, die Ungerechtigkeit
stellte sich meiner Hoffnung entgegen,
so wie der Matador den Stier tödlich verletzt.
Im tiefsten Schmerz resignierend
lasse ich das Schreiben sein.
Ohne Ausweg
greife ich wieder zum Gewehr.
Danys Poesie ist zutiefst beeindruckend, ein Beispiel dafür, dass ein Marero nicht durch und durch ein hoffnungsloser Krimineller sein muss, sofern er die Chance zum Ausstieg bekommt.
Rehabilitationsprogramme für die Mareros sind selten von Erfolg gekrönt worden. Denn, so formulierte es der ehemalige Guerillakommandant Gersón Martínez kurz bevor er Minister für öffentliche Arbeiten in der neuen Linksregierung wurde: «Maras sind wie Grippeviren. Sie verändern sich je nach verabreichter Medizin.» Die den früheren Rechtsregierungen nahestehende Unternehmerschaft hat die seit Mitte des Jahres amtierende Linksregierung Funes aufgefordert, rasch Massnahmen gegen die steigende Kriminalität zu ergreifen. Die Mordrate ist in diesem Jahr auf 12 pro Tag angestiegen und die Zahl der Schutzgelderpressungen um 35 Prozent.
«Die Maras sind wie Grippeviren»
In El Salvador werden Jugendbanden für die Gewalt verantwortlich gemacht und hart verfolgt
Die Maras, die zentralamerikanischen Jugendbanden, werden für die grassierende Kriminalität in El Salvador verantwortlich gemacht. Doch die jungen Banditen sind selber auch Opfer von Polizei und Todesschwadronen, die sich zur «sozialen Säuberung» berufen fühlen.
Von unserem Auslandredaktor Oswald Iten
Die Colonia 22 de Abril in Soyapango ist eine «rote Zone» für die Polizei, was heisst, dass sie sich in diesen Slum höchstens in Kampfformation vorwagt. Weshalb, wird uns sofort klar, als wir am Eingang dieses zu den verrufensten Quartieren in El Salvador gehörenden Armenviertels aus dem Taxi steigen. Die Gebäude sind mit Graffiti übersät, die markieren, dass hier das Territorium der Mara Salvatrucha beginnt, der Jugendbande mit dem schlimmsten Ruf in diesem zentralamerikanischen Land. Weiter als bis zum Eingang kann kein Auto und auch kein Patrouillenwagen vordringen, denn in der Colonia sind die Gassen so eng, dass sich gerade zwei Personen kreuzen können und Materialtransporte nur mit dem Schubkarren möglich sind. Am Eingang dieses Slums der Satellitenstadt von San Salvador lungern Burschen herum, die auf irgendetwas zu warten scheinen. Sie tragen....
NZZ: 22.09.2009
«Die Maras sind wie Grippeviren»
In El Salvador werden Jugendbanden für die Gewalt verantwortlich gemacht und hart verfolgt
Die Maras, die zentralamerikanischen Jugendbanden, werden für die grassierende Kriminalität in El Salvador verantwortlich gemacht. Doch die jungen Banditen sind selber auch Opfer von Polizei und Todesschwadronen, die sich zur «sozialen Säuberung» berufen fühlen.
Von unserem Auslandredaktor Oswald Iten
Die Colonia 22 de Abril in Soyapango ist eine «rote Zone» für die Polizei, was heisst, dass sie sich in diesen Slum höchstens in Kampfformation vorwagt. Weshalb, wird uns sofort klar, als wir am Eingang dieses zu den verrufensten Quartieren in El Salvador gehörenden Armenviertels aus dem Taxi steigen. Die Gebäude sind mit Graffiti übersät, die markieren, dass hier das Territorium der Mara Salvatrucha beginnt, der Jugendbande mit dem schlimmsten Ruf in diesem zentralamerikanischen Land. Weiter als bis zum Eingang kann kein Auto und auch kein Patrouillenwagen vordringen, denn in der Colonia sind die Gassen so eng, dass sich gerade zwei Personen kreuzen können und Materialtransporte nur mit dem Schubkarren möglich sind. Am Eingang dieses Slums der Satellitenstadt von San Salvador lungern Burschen herum, die auf irgendetwas zu warten scheinen. Sie tragen Baseballmützen und viel zu tief sitzende Rapper-Hosen. Wir würden ihnen lieber nicht begegnen wollen, hätten wir nicht mit ihnen ein Treffen ausgemacht.
Luis ist der Anführer der Clika 22 de Abril, der Chef des lokalen Ablegers der Mara Salvatrucha. Zusammen mit drei Gesellen führt uns der 19-Jährige ins Labyrinth der Colonia. Misstrauische Augen durchbohren uns an jeder Ecke, aus jeder Türe, aus jeder Hängematte. Hunde kläffen uns an. Doch die Mitglieder der Bande nehmen uns in ihre Mitte und geben uns das feste Gefühl, in ihrem Schutz zu stehen. Warum nur haben sie eingewilligt, uns zu treffen? Weil vom Fernsehen und in den Zeitungen ein falsches Bild von ihnen vermittelt werde, ein tödliches Bild, das der Polizei als Berechtigung diene, jeden von ihnen jederzeit umlegen zu dürfen, sagt Luis.
Inzwischen lassen sich nicht mehr alle Bandenmitglieder tätowieren – die Aussicht, sich in Freiheit als lebende Zielscheibe zu präsentieren ist nicht besonders günstig.
El Salvador hat einen der brutalsten Bürgerkriege in Lateinamerika hinter sich. Zwischen 1980 und 1992 forderte dieser 75 000 Todesopfer, 6000 Verschwundene und 50 000 Kriegsinvalide. Aber viele Salvadorianer haben das Gefühl, heutzutage mehr der Gewalt ausgesetzt zu sein als damals. Dass El Salvador auf einigen «Ranglisten» der gewalttätigsten Länder noch vor Kolumbien erscheint, wird gemeinhin den Jugendbanden angelastet. Im Land mit fast 7 Millionen Einwohnern weisen Statistiken täglich um die 10 Morde aus. Eine Aufstellung kam in einem Jahr auf 22 000 Personen mit Schussverletzungen und 29 000 Messerattacken. Die meisten Salvadorianer sind selber ein oder mehrere Male Opfer von bewaffneten Überfällen geworden oder haben Verwandte mit diesem Schicksal. Im Bürgerkrieg schien die Gewalt kalkulierbar. Angesichts der Maras herrscht nun das dumpfe Gefühl, Gefahr lauere überall und jederzeit.
Die Entstehung der Maras – der Begriff kommt von gefrässigen «Killerameisen» namens Marabuntes – ist eng mit dem Bürgerkrieg verknüpft. Rund eine Million Salvadorianer flohen damals aus dem Land, die Mehrzahl in die USA und den Grossraum von Los Angeles. Im dortigen Milieu der Hispanics mussten sie zuerst untendurch. Manche Jugendliche schlossen Kontakt mit der von Mexikanern dominierten Strassengang Mara 18. Unzufriedene gründeten bald ihre eigene Gang, die Mara Salvatrucha, was so viel heisst wie Bande schlauer, gerissener Salvadorianer. Ab 1996 begannen die Vereinigten Staaten, straffällig gewordene Immigranten in ihre Herkunftsländer abzuschieben. Die kriminellen Rückkehrer fanden sich in einer Gesellschaft wieder, die nach Jahrzehnten der Militärdiktatur und des Krieges von einer Kultur der Gewalt durchtränkt war. Waffen fanden sie zuhauf vor. Unter den perspektivlosen Jugendlichen gewannen die Gang-erfahrenen Heimkehrer rasch an Ansehen. Namen wie Los Hollywood Locos, eine Untergruppe der Salvatrucha, sind eine Referenz an den Ursprung der Maras. Aber es gibt kein zentrales Kommando, und die einzelnen Cliquen operieren relativ selbständig.
Der Herausforderung durch die Maras begegnete die Regierung mit dem «Plan mano dura», einer Politik der harten Hand. Zum Beispiel dehnte das eigens verabschiedete Sondergesetz (Ley antimaras) das Erwachsenenstrafrecht auf 12-Jährige aus. Der Erfolg blieb aus. Die bis diesen Sommer amtierende Rechtsregierung verordnete daraufhin den «Plan super mano dura», den Plan der «superharten» Hand. Die «eiserne Faust» sorgte für noch mehr Tote. Hinweise deuten darauf hin, dass die einst von Linken gefürchteten Todesschwadronen ein neues Tätigkeitsfeld gefunden haben. Sie widmen sich nicht mehr der politischen, sondern der sozialen Säuberung. Im Gespräch weist der Rektor der Jesuitenuniversität UCA, José María Tojeira, in Zusammenhang mit den Schwadronen auf einen weiteren Faktor hin, nämlich auf die 32 000 privaten Sicherheitsleute, eine «eigentliche Armee», fast doppelt an der Zahl wie die Polizeikräfte.
Ulrike Purrer Guardado schreibt in ihrem Buch «Jugendbanden in El Salvador», dass «erstmals seit dem Ende des Bürgerkrieges die Maras Anlass sind für den intensiven Einsatz des Militärs in Zusammenarbeit mit der Polizei. Die auf 10 000 bis 35 000 geschätzten salvadorianischen Bandenmitglieder werden erfolgreich dämonisiert und zum Sündenbock für alle Arten von Mord und Verbrechen deklariert.» Darob kommt es zu keinem Aufschrei in der Öffentlichkeit.
Wenn also Luis bei der Polizei einen Freibrief zur Jagd auf seine Clika 22 de Abril sieht, hat er nicht unrecht. Das Mindeste, wenn ein Marero von der Polizei erwischt werde, seien drei Tage Prügel im Knast. Solange er im Quartier bleibe, sei er vor der Polizei ziemlich sicher. Dank einem gut organisierten Alarmsystem könnten sie blitzartig im Gassenlabyrinth untertauchen, sagt Luis. Er und seine Compañeros tragen keine Tätowierungen. Diese waren bis vor kurzem der auf den Leib gebrannte «Mitgliederausweis» eines echten Mareros. Früher bedeckten die Tattoos oft den ganzen Körper, auch das Gesicht, vermerkten jeden begangenen Mord und jeden verlorenen Freund mit einem eingebrannten Symbol. In der Freiheit sieht man nur noch selten tätowierte Mareros; die meisten sind umgebracht worden. Polizisten und Todesschwadronen sind die Brandzeichen Grund genug für einen kurzen Prozess.
Das Menschenleben ist trivial
Mehr noch als Polizisten fürchten und hassen Mareros Mitglieder der anderen Banden, im Falle der Salvatrucha diejenigen der M-18. Luis sagt, ein Mitglied der M-18, das sich in sein Revier wage, verlasse das Quartier im Auto, sprich im Leichenwagen. Untersuchungen haben ergeben, dass zwei Drittel aller Gewalttaten unter gegnerischen Maras begangen werden. Den Sinn hinterfragen die Banden nicht. Das einzelne Menschenleben ist trivial. Dieses gegenseitige Morden geschieht wie im Reflex, ein weiteres Zeichen der bedingungslosen Zugehörigkeit zur eigenen Bande. Diese Zugehörigkeit wird selber in einem Gewaltakt besiegelt: Mitglied der Mara ist erst, wer von den anderen Bandenmitgliedern auf brutalste Weise zusammengeschlagen wird und dies erträgt. Kandidatinnen steht es frei, alternativ eine Massenvergewaltigung über sich ergehen zu lassen. «El trencito», das Züglein, nennt sich das.
Was denn sind die Vorteile einer Zugehörigkeit zur Clika 22 de Abril? Marvil ist ihr jüngstes Mitglied. Gerade 12 Jahre alt, hat er die Eintrittstortur schon hinter sich und ist stolzer Besitzer einer Pistole. Eine Familie habe er keine, die Mara sei seine Familie, sie schütze ihn, ohne sie sei er nichts. Er müsse vor niemandem Angst haben. Er und die anderen Gangmitglieder, die noch auf freiem Fuss seien, beschützten die Leute im Quartier, solange sie die Clika respektierten. Dass die Mareros Schutzgelder erpressen, mit Drogen handeln und Auftragsmorde begehen, davon will er nichts wissen.
Auch im Sondergefängnis von Sonsonate geben sich die meisten Mareros als Unschuldslämmer aus. Mario wurde Waffenhandel vorgeworfen, Julio Kidnapping. Cesar lebte eine Zeitlang in Los Angeles. Zurück in der Heimat, hat er 15 Jahre bekommen, für einen Mord, den er nicht begangen habe. Er möchte gerne bei seinem 9-monatigen Sohn sein. «Hier haben wir ihn fabriziert», grinst Cesar hinter den Gittern hervor; einmal im Monat sind «visitas intimas» zugelassen. Das Gefängnisleben in Sonsonate scheint recht locker zu sein. In den Werkstätten wird gemalt und geschreinert, im Hof Basketball gespielt, in Schulzimmern Englisch unterrichtet.
Poesie unter Tattoos
So entspannt könnten die Mareros draussen nicht leben, sagt der Gefängnisdirektor Miguel Angel Abarca. Fluchtversuche scheint er nicht besonders zu fürchten. Oft seien es die Mütter oder die Freundinnen, die ihn von Fluchtplänen unterrichteten, berichtet er. Denn diese wüssten nur zu gut, dass ihre Liebsten im Gefängnis sicherer seien als draussen. Um in Sonsonate unterzukommen, müssten sich die Mareros von ihrer Gang lossagen, erklärt Abarca. Fast alle sind aber tätowiert, und sie könnten nirgendwo in El Salvador oder in Zentralamerika leben, ohne von anderen Gangmitgliedern erkannt und mit grosser Wahrscheinlichkeit als Verräter umgebracht zu werden.
Ein Drittel der 20 500 Häftlinge im Lande seien Mareros, sagt Evelyn Karina Torres vom Sicherheitsministerium in San Salvador. Die 532 in Sonsonate einsitzenden Bandenmitglieder seien Privilegierte, Reumütige, die von einer Sonderbehandlung profitierten. Lange gestand man einsitzenden Mareros keine Besserungsfähigkeit zu. Dany Balmore Romero ist so einer, der nach Verbüssung seiner Zeit statt freigelassen einem verschärften Haftregime unterzogen wurde; weil er seine Mitgefangenen in Fussballmannschaften und Fortbildungsgruppen organisiert habe, sagt er. Damals seien er und drei weitere Häftlinge sogar einmal von Polizisten aus dem Knast geholt, zusammengeschlagen und der Presse als grosser Erfolg präsentiert worden, als in einer nächtlichen Operation dingfest gemachte Übeltäter. Man habe ihnen die T-Shirts vom Leib gerissen; voilà, seht die Tattoos, Beweis genug für den inszenierten Polizeicoup.
Auch Dany will unbeteiligt an einer Mordszene gewesen sein, deretwegen er verhaftet wurde. Hätte man ihn einem Paraffintest unterzogen, wäre klar geworden, dass er keine Waffe abgefeuert habe. «Wenn du zu einer Bande gehörst, bist du stigmatisiert» – auch jetzt in Freiheit noch. Deshalb versteckt er seine Tätowierungen unter langen Ärmeln. Doch bereits durch langärmlige, hochgeschlossene Kleidung könnte er in Verdacht geraten. Dany ist eines der wenigen in der Öffentlichkeit auftretenden ehemaligen Mitglieder der Salvatrucha. Er ist der Exponent eines Projekts namens Opera, den Anfangsbuchstaben von optimismo, paz, esperanza, renovación, armonia (Optimismus, Friede, Hoffnung, Erneuerung, Harmonie), das dank der schwedischen Entwicklungshilfe zustande kam. Für Opera organisiert er in den Gefängnissen Fussballspiele, Theateraufführungen, Shows, Filmvorführungen, Serigraphie-Kurse und einen Bibliotheksdienst. Auch dafür werde er bedroht, von der Polizei, sagt Dany. Und würde einer von der M-18 seiner habhaft werden, wär's um ihn geschehen. Einmal Marero, immer Marero.
Die Matura hat Dany nachgeholt, Literatur möchte er studieren. Poesie ist seine Leidenschaft. Auf einem Computer-Stick führt Dany seine Gedichtsammlung mit; ausgedruckt würde sie 121 Seiten umfassen.
Die Liebe oder das Gewehr
Gefangen von Unwissenheit
befreite mich die Poesie.
Die Sehnsucht nach Gleichheit
stiftete mich zum Kampf für die Liebe an.
Worte waren die Waffen,
mein Herz leitete mich.
Aber meine Anstrengung war vergebens,
ohne Glück, die Ungerechtigkeit
stellte sich meiner Hoffnung entgegen,
so wie der Matador den Stier tödlich verletzt.
Im tiefsten Schmerz resignierend
lasse ich das Schreiben sein.
Ohne Ausweg
greife ich wieder zum Gewehr.
Danys Poesie ist zutiefst beeindruckend, ein Beispiel dafür, dass ein Marero nicht durch und durch ein hoffnungsloser Krimineller sein muss, sofern er die Chance zum Ausstieg bekommt.
Rehabilitationsprogramme für die Mareros sind selten von Erfolg gekrönt worden. Denn, so formulierte es der ehemalige Guerillakommandant Gersón Martínez kurz bevor er Minister für öffentliche Arbeiten in der neuen Linksregierung wurde: «Maras sind wie Grippeviren. Sie verändern sich je nach verabreichter Medizin.» Die den früheren Rechtsregierungen nahestehende Unternehmerschaft hat die seit Mitte des Jahres amtierende Linksregierung Funes aufgefordert, rasch Massnahmen gegen die steigende Kriminalität zu ergreifen. Die Mordrate ist in diesem Jahr auf 12 pro Tag angestiegen und die Zahl der Schutzgelderpressungen um 35 Prozent.
Samstag, September 19, 2009
Freitag, September 18, 2009
Lorenz Hilty: «Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Tages Anzeiger 17.09.2009
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr
Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.
Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.
Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.
Tages Anzeiger 17.09.2009
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr
Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.
Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.
Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.
Dennis Meadows sagt, es bräuchte mindestens zwei Erden, wenn alle Menschen unseren Lebensstandard leben wollten. Ist das Alarmismus des ewigen Wachstumskritikers?
Überhaupt nicht. Er ist ja nicht allein mit seiner Meinung. Auch der renommierte Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker sagt das. Wir haben 1980 40 Milliarden Tonnen fossile Brennstoffe, Metallerze, Baumaterialien und Biomasse verbraucht. Nach Uno-Schätzungen sind wir auf dem Weg zu einer Verdoppelung dieses jährlichen Materialflusses bis 2020. Wir leben heute schon über unsere Verhältnisse. Das werden die nächsten Generationen spüren.
Vermutlich haben wir bereits den Ölpeak erreicht. Wie steht es mit anderen bedeutenden Rohstoffen wie etwa den Metallen?
Es gibt Metalle, die seltener als zum Beispiel Kupfer vorkommen und deren Bedarf durch den technischen Fortschritt enorm gestiegen ist. Zum Beispiel Tantal. Ohne dieses Metall für die Elektronik gäbe es kein Handy. Indium braucht man, um Flachbildschirme zu produzieren.
Würden diese beiden Metalle ausgehen, hätten wir also ein Problem mit der Telekommunikation?
Nach dem heutigen technischen Stand ja. Es gibt allerdings kein plötzliches Ende solcher Ressourcen, sondern der Abbau wird einfach aufwändiger, wenn man zu weniger günstigen Lagerstätten übergeht. Mit höherem Energieaufwand kann man auch diese abbauen. Das ist aber paradox, weil wir vor dem Hintergrund des Klimaschutzes ja den Energieverbrauch reduzieren sollten. Energie- und Ressourcenmanagement hängen eng zusammen. Aus energetischen Gründen können wir uns auch keinen beliebig grossen Aufwand beim Recycling leisten.
Ist Indium nicht auch ein wichtiges Metall bei der Produktion von Solarzellen?
Ja. Aber die Hälfte der Jahresförderung wird heute für die Produktion von Computer- und Fernsehbildschirmen verwendet. Vielleicht werden wir das eines Tages bedauern, wenn wir viel mehr Indium nutzen wollen, um Strom aus Sonnenlicht zu gewinnen.
Trotz der Verknappung - warum sind die Preise für Indium und andere seltene Metalle nicht höher?
Der Markt nimmt nur wahr, was gehandelt wird. Dass dabei die Reserven kontinuierlich kleiner werden, ist nicht Teil des ökonomischen Systems. In den Kostenberechnungen sind die schlechten Arbeitsbedingungen in den Erzminen, die enorme Umweltverschmutzung und die sozialen Kosten nicht enthalten. Tantal zum Beispiel ist in Verruf geraten, weil man im Kongo mit den Einnahmen aus dem Tantalhandel den Bürgerkrieg finanziert hatte.
Die Rohstoffe sind also viel zu billig?
Auf jeden Fall. Wenn der Markt die physikalische Knappheit wahrnehmen würde, dann würde der Preis für die Rohstoffe deutlicher ansteigen, und der Anreiz für neue Innovationen, zum Beispiel für effizientere Technologien mit weniger Materialeinsatz, wäre bedeutend grösser.
Mit Recycling könnte man doch einen grossen Teil des Rohstoffes zurückgewinnen.
Recycling ist eine gute Option. Wir arbeiten im Elektronikschrottrecycling mit Schwellenländern in Asien, Afrika und Lateinamerika zusammen, um gute Lösungen zu entwickeln. Allerdings werden derzeit die sogenannten Gewürzmetalle, die nur in kleinen Mengen benötigt werden wie Indium, nicht rezykliert.
Der deutsche Umweltchemiker Michael Braungart sagt, die Industrie sei für Produkte verantwortlich, die 1:1 rezyklierbar sind. Dann hätten wir kein Ressourcenproblem.
In der Tat sollten wir keinen Unterschied machen zwischen Rohstoff und Abfall. Das Material eines Produkts hätte am Ende des Produktlebens einen bedeutend geringeren Wertverlust, wenn es leichter rezyklierbar wäre und so wieder zum Rohstoff würde. Wenn der Produzent die alten Geräte direkt wieder zurücknehmen müsste, dann wäre er interessiert an der Werterhaltung des Materials.
Ist Braungarts Forderung vom vollständig rezyklierbaren Design nicht eine Utopie?
Das Problem hat physikalische Gründe. Je mehr verschiedene Materialien der Hersteller vermischt, desto mehr Energie muss man aufwenden, um die Bestandteile des Produkts wieder zu trennen. Das ist ein Naturgesetz. Das heisst, man muss künftig die Materialvielfalt reduzieren und die einzelnen Bestandteile so verbinden, dass sie mit wenig energetischem Aufwand wieder getrennt werden können. Aber ich möchte nicht nur über Recycling sprechen, intelligente Kommunikationssysteme sind genau so effektiv, um Ressourcen zu sparen.
Zum Beispiel?
Die klassische Werbung ist doch ein Energieverschleiss. Unmengen von Plakaten und Massenversand braucht es, damit ein Produkt in der Fülle der Informationen auffällt. Google zum Beispiel macht gezieltere, energetisch günstigere Werbung. Wenn etwa ein User nach dem Stichwort «Versicherung» sucht, werben auf der Ergebnisseite einzelne Versicherungen. Der Punkt ist, dass mich Google nur dann mit Werbung eindeckt, wenn ich spezifisch daran interessiert bin. Ein anderes Beispiel: Hörsäle sind geheizt, auch wenn wochenlang keine Vorlesung stattfindet. Wieso wird nicht die elektronische Agenda für die Raumbelegung mit dem Informationssystem der Heizung gekoppelt? Wir haben viel zu viele Inselsysteme, die keine Informationen austauschen, obwohl man auf diese Weise viel Energie sparen könnte. Die Ressourcen, die man für besser integrierte Informations- und Kommunikationssysteme braucht, wären gut investiert.
Bleibt noch der Konsument, der sich ändern kann und Produkte länger behält.
Wir sind Vorbilder, gerade für den armen Teil der Weltbevölkerung. Wir sollten sparsamer und genügsamer leben. Ich fahre kein Auto und lebe in dieser Hinsicht bewusst. Leider nützt das aber nicht viel. Denn wer Rohstoffe abbaut, der will sie loswerden. Wenn die Nachfrage zurückgeht, drückt das auf die Preise. Ein gutes Beispiel ist das Papierrecycling. Mit dem Aufkommen des Recyclings fiel bei den Frischfaserlieferanten der Umsatz. Die Konsequenz: Die Preise sind heute tief, und Frischfasern werden insgesamt mehr verbraucht als vor dem flächendeckenden Recycling.
Das klingt nicht sehr vielversprechend für die Zukunft.
Eine mögliche Lösung wäre ein anderes Steuersystem. Es braucht keine Ökosteuer. Heute zahlen wir Mehrwertsteuer für die Wertschöpfung, die bei der Umwandlung eines Rohstoffes in ein Produkt stattfindet. Das ist der falsche Ansatz. Statt der Wertschöpfung am Ende der Produktionskette sollte man den Abbau von Rohstoffen am Anfang der Kette besteuern. Dann würde sich die Welt schlagartig ändern, es würden Innovationen gefördert, die viel weniger Material verschleissen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.09.2009, 10:24 Uhr
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr
Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.
Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.
Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.
Tages Anzeiger 17.09.2009
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr
Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.
Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.
Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.
Dennis Meadows sagt, es bräuchte mindestens zwei Erden, wenn alle Menschen unseren Lebensstandard leben wollten. Ist das Alarmismus des ewigen Wachstumskritikers?
Überhaupt nicht. Er ist ja nicht allein mit seiner Meinung. Auch der renommierte Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker sagt das. Wir haben 1980 40 Milliarden Tonnen fossile Brennstoffe, Metallerze, Baumaterialien und Biomasse verbraucht. Nach Uno-Schätzungen sind wir auf dem Weg zu einer Verdoppelung dieses jährlichen Materialflusses bis 2020. Wir leben heute schon über unsere Verhältnisse. Das werden die nächsten Generationen spüren.
Vermutlich haben wir bereits den Ölpeak erreicht. Wie steht es mit anderen bedeutenden Rohstoffen wie etwa den Metallen?
Es gibt Metalle, die seltener als zum Beispiel Kupfer vorkommen und deren Bedarf durch den technischen Fortschritt enorm gestiegen ist. Zum Beispiel Tantal. Ohne dieses Metall für die Elektronik gäbe es kein Handy. Indium braucht man, um Flachbildschirme zu produzieren.
Würden diese beiden Metalle ausgehen, hätten wir also ein Problem mit der Telekommunikation?
Nach dem heutigen technischen Stand ja. Es gibt allerdings kein plötzliches Ende solcher Ressourcen, sondern der Abbau wird einfach aufwändiger, wenn man zu weniger günstigen Lagerstätten übergeht. Mit höherem Energieaufwand kann man auch diese abbauen. Das ist aber paradox, weil wir vor dem Hintergrund des Klimaschutzes ja den Energieverbrauch reduzieren sollten. Energie- und Ressourcenmanagement hängen eng zusammen. Aus energetischen Gründen können wir uns auch keinen beliebig grossen Aufwand beim Recycling leisten.
Ist Indium nicht auch ein wichtiges Metall bei der Produktion von Solarzellen?
Ja. Aber die Hälfte der Jahresförderung wird heute für die Produktion von Computer- und Fernsehbildschirmen verwendet. Vielleicht werden wir das eines Tages bedauern, wenn wir viel mehr Indium nutzen wollen, um Strom aus Sonnenlicht zu gewinnen.
Trotz der Verknappung - warum sind die Preise für Indium und andere seltene Metalle nicht höher?
Der Markt nimmt nur wahr, was gehandelt wird. Dass dabei die Reserven kontinuierlich kleiner werden, ist nicht Teil des ökonomischen Systems. In den Kostenberechnungen sind die schlechten Arbeitsbedingungen in den Erzminen, die enorme Umweltverschmutzung und die sozialen Kosten nicht enthalten. Tantal zum Beispiel ist in Verruf geraten, weil man im Kongo mit den Einnahmen aus dem Tantalhandel den Bürgerkrieg finanziert hatte.
Die Rohstoffe sind also viel zu billig?
Auf jeden Fall. Wenn der Markt die physikalische Knappheit wahrnehmen würde, dann würde der Preis für die Rohstoffe deutlicher ansteigen, und der Anreiz für neue Innovationen, zum Beispiel für effizientere Technologien mit weniger Materialeinsatz, wäre bedeutend grösser.
Mit Recycling könnte man doch einen grossen Teil des Rohstoffes zurückgewinnen.
Recycling ist eine gute Option. Wir arbeiten im Elektronikschrottrecycling mit Schwellenländern in Asien, Afrika und Lateinamerika zusammen, um gute Lösungen zu entwickeln. Allerdings werden derzeit die sogenannten Gewürzmetalle, die nur in kleinen Mengen benötigt werden wie Indium, nicht rezykliert.
Der deutsche Umweltchemiker Michael Braungart sagt, die Industrie sei für Produkte verantwortlich, die 1:1 rezyklierbar sind. Dann hätten wir kein Ressourcenproblem.
In der Tat sollten wir keinen Unterschied machen zwischen Rohstoff und Abfall. Das Material eines Produkts hätte am Ende des Produktlebens einen bedeutend geringeren Wertverlust, wenn es leichter rezyklierbar wäre und so wieder zum Rohstoff würde. Wenn der Produzent die alten Geräte direkt wieder zurücknehmen müsste, dann wäre er interessiert an der Werterhaltung des Materials.
Ist Braungarts Forderung vom vollständig rezyklierbaren Design nicht eine Utopie?
Das Problem hat physikalische Gründe. Je mehr verschiedene Materialien der Hersteller vermischt, desto mehr Energie muss man aufwenden, um die Bestandteile des Produkts wieder zu trennen. Das ist ein Naturgesetz. Das heisst, man muss künftig die Materialvielfalt reduzieren und die einzelnen Bestandteile so verbinden, dass sie mit wenig energetischem Aufwand wieder getrennt werden können. Aber ich möchte nicht nur über Recycling sprechen, intelligente Kommunikationssysteme sind genau so effektiv, um Ressourcen zu sparen.
Zum Beispiel?
Die klassische Werbung ist doch ein Energieverschleiss. Unmengen von Plakaten und Massenversand braucht es, damit ein Produkt in der Fülle der Informationen auffällt. Google zum Beispiel macht gezieltere, energetisch günstigere Werbung. Wenn etwa ein User nach dem Stichwort «Versicherung» sucht, werben auf der Ergebnisseite einzelne Versicherungen. Der Punkt ist, dass mich Google nur dann mit Werbung eindeckt, wenn ich spezifisch daran interessiert bin. Ein anderes Beispiel: Hörsäle sind geheizt, auch wenn wochenlang keine Vorlesung stattfindet. Wieso wird nicht die elektronische Agenda für die Raumbelegung mit dem Informationssystem der Heizung gekoppelt? Wir haben viel zu viele Inselsysteme, die keine Informationen austauschen, obwohl man auf diese Weise viel Energie sparen könnte. Die Ressourcen, die man für besser integrierte Informations- und Kommunikationssysteme braucht, wären gut investiert.
Bleibt noch der Konsument, der sich ändern kann und Produkte länger behält.
Wir sind Vorbilder, gerade für den armen Teil der Weltbevölkerung. Wir sollten sparsamer und genügsamer leben. Ich fahre kein Auto und lebe in dieser Hinsicht bewusst. Leider nützt das aber nicht viel. Denn wer Rohstoffe abbaut, der will sie loswerden. Wenn die Nachfrage zurückgeht, drückt das auf die Preise. Ein gutes Beispiel ist das Papierrecycling. Mit dem Aufkommen des Recyclings fiel bei den Frischfaserlieferanten der Umsatz. Die Konsequenz: Die Preise sind heute tief, und Frischfasern werden insgesamt mehr verbraucht als vor dem flächendeckenden Recycling.
Das klingt nicht sehr vielversprechend für die Zukunft.
Eine mögliche Lösung wäre ein anderes Steuersystem. Es braucht keine Ökosteuer. Heute zahlen wir Mehrwertsteuer für die Wertschöpfung, die bei der Umwandlung eines Rohstoffes in ein Produkt stattfindet. Das ist der falsche Ansatz. Statt der Wertschöpfung am Ende der Produktionskette sollte man den Abbau von Rohstoffen am Anfang der Kette besteuern. Dann würde sich die Welt schlagartig ändern, es würden Innovationen gefördert, die viel weniger Material verschleissen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.09.2009, 10:24 Uhr
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Mittwoch, September 16, 2009
Dienstag, September 15, 2009
NZZ: China lässt die Muskeln spielen
13. September 2009, NZZ am Sonntag
China lässt die Muskeln spielen
Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken
Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.
Daniel Puntas Bernet
Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen....
13. September 2009, NZZ am Sonntag
China lässt die Muskeln spielen
Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken
Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.
Daniel Puntas Bernet
Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen hat Wang Caifeng, Rohstoff-Direktor des chinesischen Industrieministerium, einen Satz geäussert, der Firmenchefs auf der ganzen Welt in Aufregung versetzte: «Es könnte sein, dass wir künftig diese Rohstoffe nicht ausreichend liefern können.» Eine weiche Formulierung für eine gleichzeitig angekündigte massive Exportbeschränkung.
Die Aufregung ist durchaus berechtigt. China förderte letztes Jahr 124 000 Tonnen REE, 95% dessen, was weltweit verwendet wird. Auch wenn die Menge im Verhältnis zu Eisenerz, Kupfer oder Aluminium fast verschwindend klein ist: Bei keinem anderen Rohstoff ist die Abhängigkeit von einem einzigen Land grösser als bei den seltenen Metallen, die in fast allen modernen technischen Geräten vorhanden sind. «Die Welt kann ohne Mobiltelefone, Autos und Fernseher nicht mehr sein. Ausserdem spielen die Metalle eine entscheidende Rolle bei der Herstellung grüner Technologien», sagte Wang Caifeng gegenüber chinesischen Medien, für den Fall, dass die Bedeutung der angekündigten Massnahmen nicht deutlich genug zu Tage getreten wäre.
Kein Prius ohne Lanthan
Vor allem für die Herstellung der globalen Hoffnungsträger im Kampf gegen CO 2 -Emissionen sind Chinas Rohstoffe zentrale Zutaten – eine Verknappung käme einer starken Einschränkung bei der Entwicklung alternativer Energien gleich. Beschichtungen von Solarzellen enthalten ebenso seltene Substanzen wie Katalysatoren oder Elektromotoren. In jedem Hybridmotor von Toyota stecken 1 Kilogramm Neodym und 15 Kilogramm Lanthan, und sobald die nächste Generation auf den Markt kommt, gar doppelt so viel. Die Generatoren von Windturbinen wiederum enthalten mehrere hundert Kilo Dysprosium. «Diese Stoffe ermöglichen eine maximale magnetische Wirkung in Kombination mit hoher Korrosionsbeständigkeit», sagt Christoph Bolliger von der Zürcher Firma Bomatec, Zulieferer für Windturbinen-Generatoren. «Ohne die Metalle wäre die derzeitige Energieeffizienz von Wind oder Hybridmotoren nicht zu haben.» Von den Ausfuhrrestriktionen ist Bomatec nicht betroffen, die Firma bezieht die fertigen Magnete aus China – was ganz im Sinn der chinesischen Industriepolitik ist, die darauf abzielt, die Wertschöpfungskette weitgehend im eigenen Land zu behalten.
Anders bei der Firma Vacuumschmelze aus Hanau bei Frankfurt, dem einzigen Hersteller von Magneten in Europa und Importeur von REE. «Die chinesische Ankündigung könnten auch marketingtechnische Gründe haben. Weil der Absatz dieses Jahr wegen der Krise ins Stocken kam, versuchen einige der Minengesellschaften, dadurch die Nachfrage zu forcieren», sagt Geschäftsleitungsmitglied Bernd Schleede. Ein Versiegen der Metalleinfuhren aus China hätte für das Frankfurter Unternehmen existenzbedrohende Folgen. Das sieht auch Japan so, wo Wang Caifengs Statement die höchsten Wellen warf. Spitzenreiter im Verbrauch der Metalle ist der Toyota Prius. Angesichts der Pläne von Toyota, ab 2010 den hybrid betriebenen Prius weltweit jährlich eine Million Mal zu verkaufen, hat die Sicherstellung der Metalle strategische Bedeutung erlangt.
Mitsubishi und Toyota schlossen kürzlich Joint Ventures mit brasilianischen und kanadischen Firmen ab, und ein nationales Forschungsteam lässt Satelliten über Botswana kreisen, wo nach Vorkommen Ausschau gehalten wird. Denn im Gegensatz zum Namen kommen die Metalle der seltenen Erden auf der ganzen Welt häufig vor, nur haben es andere Länder unterlassen, in ihre Förderung zu investieren, was der hauptsächliche Grund für Chinas Quasimonopol ist.
Alles andere als grün
Erst seit die Chinesen nämlich mit viel billigeren Fördermethoden die Preise für REE in den Keller drückten (Neodym notierte beispielsweise Anfang der neunziger Jahre noch bei 50 $ pro Kilogramm, bevor es auf 5 $ einbrach), mussten weltweit andere Minengesellschaften den Betrieb einstellen, weil die Produktion unprofitabel wurde. Die Fördermethoden des unentberlichen Metalls grüner Technologien sind zudem alles andere als grün: Um 1 Tonne der Metalle zu gewinnen, kann es vorkommen, dass 2000 Tonnen Erde bewegt werden müssen. Und anders denn als Umweltverschmutzung kann laut vielen Experten die chinesische Billigförderung nicht bezeichnet werden: «Chemie auf den Berg schütten und unten die herausgeschwemmten Metalle auffangen», fasst ein Branchenkenner die ökologisch bedenkliche Methode zusammen. Es könnte sein, dass gerade höhere Umweltstandards in China zum Rückgang der Produktion in diesem Jahr geführt haben.
Der Preis für Neodym liegt wieder bei knapp 20 $, doch die Aussichten auf eine steigende Nachfrage in Verbindung mit den Ausfuhrrestriktionen Chinas lassen die Minen in Kanada und Australien ihre Bagger wieder auffahren. Das US-Unternehmen Molycorp Minerals will in Kalifornien die stillgelegte Mountain Pass Mine wieder in Betrieb nehmen, das grösste bekannte Vorkommen an REE ausserhalb Chinas.
Zu den Gewinnern der Umstände gehört die kanadische Explorationsfirma Avalon. Die Firma besitzt Schürfrechte am Thor Lake im Nordwesten Kanadas – laut Avalon-Geschäftsführer Don Bubar «eine wahre Goldgrube». Ab 2013 werden dort Tantal, Lithium und Niobium gefördert. «Die meisten unterschätzen REE noch – aber das wird sich schnell ändern», warb Bubar im Sommer 2008 auf der Suche nach neuen Investoren. Avalons Aktienkurs hat sich seit letztem Juni und nach Wang Caifengs Rede verfünffacht.
China lässt die Muskeln spielen
Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken
Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.
Daniel Puntas Bernet
Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen....
13. September 2009, NZZ am Sonntag
China lässt die Muskeln spielen
Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken
Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.
Daniel Puntas Bernet
Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen hat Wang Caifeng, Rohstoff-Direktor des chinesischen Industrieministerium, einen Satz geäussert, der Firmenchefs auf der ganzen Welt in Aufregung versetzte: «Es könnte sein, dass wir künftig diese Rohstoffe nicht ausreichend liefern können.» Eine weiche Formulierung für eine gleichzeitig angekündigte massive Exportbeschränkung.
Die Aufregung ist durchaus berechtigt. China förderte letztes Jahr 124 000 Tonnen REE, 95% dessen, was weltweit verwendet wird. Auch wenn die Menge im Verhältnis zu Eisenerz, Kupfer oder Aluminium fast verschwindend klein ist: Bei keinem anderen Rohstoff ist die Abhängigkeit von einem einzigen Land grösser als bei den seltenen Metallen, die in fast allen modernen technischen Geräten vorhanden sind. «Die Welt kann ohne Mobiltelefone, Autos und Fernseher nicht mehr sein. Ausserdem spielen die Metalle eine entscheidende Rolle bei der Herstellung grüner Technologien», sagte Wang Caifeng gegenüber chinesischen Medien, für den Fall, dass die Bedeutung der angekündigten Massnahmen nicht deutlich genug zu Tage getreten wäre.
Kein Prius ohne Lanthan
Vor allem für die Herstellung der globalen Hoffnungsträger im Kampf gegen CO 2 -Emissionen sind Chinas Rohstoffe zentrale Zutaten – eine Verknappung käme einer starken Einschränkung bei der Entwicklung alternativer Energien gleich. Beschichtungen von Solarzellen enthalten ebenso seltene Substanzen wie Katalysatoren oder Elektromotoren. In jedem Hybridmotor von Toyota stecken 1 Kilogramm Neodym und 15 Kilogramm Lanthan, und sobald die nächste Generation auf den Markt kommt, gar doppelt so viel. Die Generatoren von Windturbinen wiederum enthalten mehrere hundert Kilo Dysprosium. «Diese Stoffe ermöglichen eine maximale magnetische Wirkung in Kombination mit hoher Korrosionsbeständigkeit», sagt Christoph Bolliger von der Zürcher Firma Bomatec, Zulieferer für Windturbinen-Generatoren. «Ohne die Metalle wäre die derzeitige Energieeffizienz von Wind oder Hybridmotoren nicht zu haben.» Von den Ausfuhrrestriktionen ist Bomatec nicht betroffen, die Firma bezieht die fertigen Magnete aus China – was ganz im Sinn der chinesischen Industriepolitik ist, die darauf abzielt, die Wertschöpfungskette weitgehend im eigenen Land zu behalten.
Anders bei der Firma Vacuumschmelze aus Hanau bei Frankfurt, dem einzigen Hersteller von Magneten in Europa und Importeur von REE. «Die chinesische Ankündigung könnten auch marketingtechnische Gründe haben. Weil der Absatz dieses Jahr wegen der Krise ins Stocken kam, versuchen einige der Minengesellschaften, dadurch die Nachfrage zu forcieren», sagt Geschäftsleitungsmitglied Bernd Schleede. Ein Versiegen der Metalleinfuhren aus China hätte für das Frankfurter Unternehmen existenzbedrohende Folgen. Das sieht auch Japan so, wo Wang Caifengs Statement die höchsten Wellen warf. Spitzenreiter im Verbrauch der Metalle ist der Toyota Prius. Angesichts der Pläne von Toyota, ab 2010 den hybrid betriebenen Prius weltweit jährlich eine Million Mal zu verkaufen, hat die Sicherstellung der Metalle strategische Bedeutung erlangt.
Mitsubishi und Toyota schlossen kürzlich Joint Ventures mit brasilianischen und kanadischen Firmen ab, und ein nationales Forschungsteam lässt Satelliten über Botswana kreisen, wo nach Vorkommen Ausschau gehalten wird. Denn im Gegensatz zum Namen kommen die Metalle der seltenen Erden auf der ganzen Welt häufig vor, nur haben es andere Länder unterlassen, in ihre Förderung zu investieren, was der hauptsächliche Grund für Chinas Quasimonopol ist.
Alles andere als grün
Erst seit die Chinesen nämlich mit viel billigeren Fördermethoden die Preise für REE in den Keller drückten (Neodym notierte beispielsweise Anfang der neunziger Jahre noch bei 50 $ pro Kilogramm, bevor es auf 5 $ einbrach), mussten weltweit andere Minengesellschaften den Betrieb einstellen, weil die Produktion unprofitabel wurde. Die Fördermethoden des unentberlichen Metalls grüner Technologien sind zudem alles andere als grün: Um 1 Tonne der Metalle zu gewinnen, kann es vorkommen, dass 2000 Tonnen Erde bewegt werden müssen. Und anders denn als Umweltverschmutzung kann laut vielen Experten die chinesische Billigförderung nicht bezeichnet werden: «Chemie auf den Berg schütten und unten die herausgeschwemmten Metalle auffangen», fasst ein Branchenkenner die ökologisch bedenkliche Methode zusammen. Es könnte sein, dass gerade höhere Umweltstandards in China zum Rückgang der Produktion in diesem Jahr geführt haben.
Der Preis für Neodym liegt wieder bei knapp 20 $, doch die Aussichten auf eine steigende Nachfrage in Verbindung mit den Ausfuhrrestriktionen Chinas lassen die Minen in Kanada und Australien ihre Bagger wieder auffahren. Das US-Unternehmen Molycorp Minerals will in Kalifornien die stillgelegte Mountain Pass Mine wieder in Betrieb nehmen, das grösste bekannte Vorkommen an REE ausserhalb Chinas.
Zu den Gewinnern der Umstände gehört die kanadische Explorationsfirma Avalon. Die Firma besitzt Schürfrechte am Thor Lake im Nordwesten Kanadas – laut Avalon-Geschäftsführer Don Bubar «eine wahre Goldgrube». Ab 2013 werden dort Tantal, Lithium und Niobium gefördert. «Die meisten unterschätzen REE noch – aber das wird sich schnell ändern», warb Bubar im Sommer 2008 auf der Suche nach neuen Investoren. Avalons Aktienkurs hat sich seit letztem Juni und nach Wang Caifengs Rede verfünffacht.
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Montag, September 14, 2009
Samstag, September 12, 2009
Sonntag, September 06, 2009
TA: Wie wird es enden mit den USA?
Tages Anzeiger Online 05.09.09
Wie wird es enden mit den USA?
Von Christoph Lenz.
Der US-Journalist Josh Levin hat bei Wissenschaftlern nachgefragt – und überraschende Antworten erhalten. Ein Lehrstück über die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen.
Es lodert im Himmel. Die Ozeane schwellen an. Die Erde bebt. Ein Asteroidenhagel prasselt nieder. Derweil brettert ein Wissenschaftler in seinem Pick-up durch einen Nationalpark und tippt die Geheimnummer des Weissen Hauses in sein Handy, um den Präsidenten über die Ursachen der Vorkommnisse zu unterrichten. Aber verdammt, das Netz ist tot. Scheiss Asteroidenhagel.
So schildert Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem neuen Film «2012» (ab November in den Kinos) den Weltuntergang. Grundlage des Streifens ist ein Maya-Kalender, der voraussagt, dass am 21. Dezember 2012 ein mysteriöser Planet die Erdumlaufbahn kreuzen wird. Bei Roland Emmerich läuft das folgendermassen ab: Alles geht kaputt, dann kommt der Abspann.
Sie hat alle Völker in ihren Bann geschlagen, die Frage, was genau sich....
Tages Anzeiger Online 05.09.09
Wie wird es enden mit den USA?
Von Christoph Lenz.
Der US-Journalist Josh Levin hat bei Wissenschaftlern nachgefragt – und überraschende Antworten erhalten. Ein Lehrstück über die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen.
Es lodert im Himmel. Die Ozeane schwellen an. Die Erde bebt. Ein Asteroidenhagel prasselt nieder. Derweil brettert ein Wissenschaftler in seinem Pick-up durch einen Nationalpark und tippt die Geheimnummer des Weissen Hauses in sein Handy, um den Präsidenten über die Ursachen der Vorkommnisse zu unterrichten. Aber verdammt, das Netz ist tot. Scheiss Asteroidenhagel.
So schildert Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem neuen Film «2012» (ab November in den Kinos) den Weltuntergang. Grundlage des Streifens ist ein Maya-Kalender, der voraussagt, dass am 21. Dezember 2012 ein mysteriöser Planet die Erdumlaufbahn kreuzen wird. Bei Roland Emmerich läuft das folgendermassen ab: Alles geht kaputt, dann kommt der Abspann.
Sie hat alle Völker in ihren Bann geschlagen, die Frage, was genau sich abspielt, wenn eines Tages die Welt einfach so untergeht. Ungleich interessanter ist es aber eigentlich, darüber nachzudenken, was passiert, wenn die Welt einfach nicht untergeht. Sondern nur, sagen wir mal, die USA. Wer wird dann auf der Welt nach dem Rechten sehen, welches Wirtschaftssystem unser Handeln bestimmen? Zu welcher Musik werden wir in Liebeskummer versinken und wessen Modediktat folgen? Und wer sichert in dieser Zukunft noch die Werte von Freiheit, Demokratie und Blue Jeans?
Mormonen als Freiheitsapostel
Josh Levin müsste es wissen. Der Journalist hat sich diesen Sommer von renommierten Historikern, Politologen, Naturwissenschaftlern, Theologen und Ökonomen erklären lassen, wie es enden könnte mit den USA. Die Resultate hat Levin zu einer Artikelserie für das Online-Magazin «Slate» verarbeitet.
Indes, auf die oben aufgeworfenen Fragen mag Josh Levin nicht antworten. Die Zukunft voraussagen, das sei schlechthin unmöglich, sagt Levin. Einzig bei der Sicherung der amerikanischen Werte, da hege er eine Vermutung: «Es könnten die Mormonen sein, die unsere heutigen Vorstellungen von Recht und Unrecht über unser Zeitalter hinaus konservieren.» Der Grund: Das Amalgam von Religion, Geschichte und Sprache, das die Mormonen verbindet, wird sich in Krisenzeiten als besonders resistent erweisen. Hier könnten Traditionen besser als anderswo bewahrt werden. Äussere Einflüsse würden abperlen am Teflon der gemeinschaftlichen Identität. «Aber es ist, was es ist», sagt Levin, «nur eine leise Vermutung.»
Dass sich eine überschaubare, homogene Volksgruppe in einem unsicheren Umfeld besser und schneller zurechtfindet, hat Levin schon im von Hurrikan «Katrina» zerstörten New Orleans beobachtet. Dort, erzählt er, seien es die Vietnamesen gewesen, die als Erste ihre Geschäfte wieder öffneten, ihre Häuser instand setzten und ihre traditionellen Feste feierten. «Während viele Amerikaner noch auf Hilfe durch die Regierung warteten, hat die vietnamesische Gemeinde sich selbst geholfen.»
New Orleans ist Josh Levins Heimatstadt. Als Schauplatz, an dem sich vor drei Jahren die Zivilisation für mehrere Wochen auflöste, ist sie auch der Ausgangspunkt für Levins Recherchereise durch die USA. «,Katrina‘ hat uns schwer getroffen», erzählt Levin. «Ein Sturm von diesem Ausmass war für jeden von uns unvorstellbar. Unsere Dämme wurden zerstört, und unser Vertrauen in die Regierung wurde erschüttert.» Der Hurrikan habe ihm zwei Dinge vor Augen geführt. «Es wird der Tag kommen, an dem staatliche Institutionen, auf die wir uns verlassen, scheitern. Und wir gewisse Teile unserer Zivilisation werden aufgeben müssen. So wie es schon die Römer, die Spanier und die Engländer getan haben.»
Bitte keine Sciencefiction
Die USA sind dem Untergang geweiht – das ist natürlich ein alter Hut. Beeindruckend an Josh Levins Arbeit ist denn auch nicht die These. Sondern die Ernsthaftigkeit, mit welcher sich der Journalist ihren Hintergründen widmet. Der Untergang erscheint hier nicht in Gestalt eines Science-Fiction-Szenarios, das mit Geheimdienstakteuren und feindlichen Besuchern aus dem All zu einem prickelnden Schauermärchen angereichert werden kann. Der Untergang ist für Levin zunächst eine historische Gesetzmässigkeit, der sich auf lange Sicht keine Weltmacht entziehen kann – das ist der einfache Teil. Dann aber ist er auch das Resultat eines Kräftespiels mit unzähligen Unbekannten. Ein komplexes Phänomen, das sich nicht mit einem Mega-Tsunami, einer Terrorattacke oder einer Pandemie alleine erklären lässt. «Die Wahrscheinlichkeit, dass ein singuläres Ereignis die USA zu Fall bringt, ist gleich null», sagt Levin.
Zum Beispiel Rom
Gestützt wird diese Aussage vom deutschen Historiker Alexander Demandt. Dieser hat sich Anfang der 1980er-Jahre darangemacht, sämtliche Ursachen, die jemals für den Untergang des Römischen Reichs vorgebracht wurden, zu sammeln und zu ordnen. Am Ende zählte Demandt nicht weniger als 210 mögliche Gründe. Viele davon widersprüchlich, manche sogar reichlich absurd, etwa der «Mangel an Ernsthaftigkeit» oder eine «romantische Vorstellung von Frieden». Um ein Weltreich zu Fall zu bringen, braucht es schon ein bisschen mehr als einen zeitweiligen Anflug von Pazifismus.
Josh Levin drückt es so aus: «Nur ein Dummkopf kann ernsthaft behaupten, er kenne die exakten Gründe für den Untergang der USA.» Zu viele Faktoren beeinflussten den Weltenlauf, zu wichtig sei die Rolle, die unvorhersehbare Ereignisse und Entwicklungen dabei spielen. Statt die Hände in den Schoss zu legen und das Ende abzuwarten, begibt sich Josh Levin auf eine Recherchereise durch die Bildungstempel und Forschungszentren der USA. Um, wie Levin sagt, «zumindest eine Ahnung davon zu vermitteln, wodurch der Untergang ausgelöst werden könnte».
Szenario: Wilder Westen
In Buffalo erfährt er von einem Professor für Architektur und Raumplanung, weshalb sich mittelfristig ein Grossteil der amerikanischen Bevölkerung in der Gegend rund um die Great Lakes niederlassen wird. Robert Shibleys Erklärung: Infolge Klimawandel versumpfen und verwittern die Küstenregionen, mithin die heutigen Ballungszentren Nordamerikas. Zugleich wird der Mittlere Westen, die Kornkammer der USA, von anhaltenden Dürren heimgesucht – gerade so, wie es schon in den 1930er-Jahren, der Zeit der Staubstürme, geschehen ist. Damals verliessen Tausende von Bauern ihre versandeten Felder und zogen nach Westen, um in Kalifornien als Wanderarbeiter zu dienen. Die Klimaflüchtlinge der Zukunft werden nach Norden fliehen. Nur dort findet sich dereinst noch ein erträgliches Klima, und nur dort steht den Menschen dank den grossen Seen ausreichend Süsswasser zur Verfügung. Auf die Entvölkerung folgt alsbald die Entstaatlichung: Die Regierung sieht sich aus Kostengründen gezwungen, die unwirtlichen Küsten- und Wüstenregionen aufzugeben. Zurück bleiben Aussteiger, Einsiedler und marodierende Outlaw-Banden. Der Westen wird wieder wild.
Szenario: Balkanisierung
Ganz anders sieht es der emeritierte Ökonomie-Professor in Vermont. Sein Kleinstaat, erklärt Thomas Naylor, wird sich schon in naher Zukunft aus der Umklammerung Washingtons befreien. Damit wird ein Domino-Effekt ausgelöst: Hat sich erst mal ein Bundesstaat für unabhängig erklärt, werden andere schnell folgen. Das Resultat: eine Balkanisierung der USA. Ein Flickenteppich anstelle der halbwegs homogenen Staatenunion. Und noch etwas weiss der Professor: Die kleinen Republiken täten gut daran, sich bei der Gestaltung ihrer politischen Institutionen eng an das Vorbild der Schweiz zu halten.
Nochmals anders sieht die Zukunft im Büro von Jamais Cascio aus. Der kalifornische Futurologe und «Wall Street Journal»-Publizist hat unlängst drei Vorhersagen für die nächsten 50 Jahre veröffentlicht. Eines der Szenarien, die «lange Krise», beinhaltet unter anderem: einen nuklearen Konflikt zwischen Indien und Pakistan (2024), einen Nuklearen Winter (2024–2034), eine weltweite Hungersnot (2025–2028), einen Computervirus, der die Finanzmärkte lahmlegt (2037–2047), eine synthetisch erzeugte Weizen-Fäule (2037), die weltweite Hungersnot II (2038–2045), die Spaltung der USA in acht Staaten (2039) und den grossen russischen Bürgerkrieg, der durch den Einsatz schwerer biochemischer Waffen beendet wird (2039–2046). Immerhin: 2026 knacken afrikanische Bio-Hacker das Aids-Virus. Und 2051 gibt es ein globales Freudenjahr, weil die Gesamtbevölkerung der Erde erstmals seit 2020 wieder zugenommen hat. Sie liegt dann bei rund 6 Milliarden.
Das Unwahrscheinliche bedenken
Zugegeben, die Szenarien sind nach abnehmendem Wahrscheinlichkeitsgrad geordnet. Während der Rückzug an die Grossen Seen noch halbwegs realistisch erscheint, hätte man Jamais Cascio wohl schon lange für verrückt erklärt – betonte dieser nicht immer wieder, dass er selbst nicht an seine Szenarien glaube und dass es ihm auch gar nicht darum gehe, ein glaubhaftes Szenario zu entwerfen. «Fast alles, was ich über die Zukunft erzähle, wird sich als falsch herausstellen», sagt Cascio. «Aber einzelne Elemente meiner Szenarien werden uns in Zukunft begegnen. Und dann werden wir wissen, wie wir darauf reagieren können.»
Hier wird Josh Levins Artikelserie über das Ende der USA richtig spannend. Futurologen wie Jamais Cascio entwickeln ihre Szenarien nicht mit dem Ziel, die Zukunft präzise vorauszusagen – ihnen ist bewusst, dass das unmöglich ist. Futurologen arbeiten, um das Denken in neue Richtungen zu lenken. Oder andersherum: um sicherzustellen, dass auch das Unwahrscheinliche bedacht wird. Warum das so wichtig ist? Weil uns Menschen angesichts einer Zukunft, in der alles möglich ist, ein grober Denkfehler unterläuft: Wir halten uns an Wahrscheinlichkeiten.
Wahrscheinlich ist zum Beispiel, dass der islamistische Terror den Westen nicht zu Fall bringt. Wahrscheinlich ist auch, dass Diktaturen wie Nordkorea, Burma, Kuba oder China ihre Bürger nicht ewig in Unfreiheit halten können. Wahrscheinlich scheint auch, dass der Kapitalismus sich weiter über den Planeten verbreitet. Und es mag sogar wahrscheinlich sein, dass die Welt ihre Hunger-, Armuts- und Klimaprobleme irgendwann in den Griff bekommt.
Einzig: Dass am Ende alles genau so herauskommt, wie wir es aufgrund der einzelnen Wahrscheinlichkeiten erwarten, ist schrecklich unwahrscheinlich. Gerade so, wie es unwahrscheinlich ist, dass an einem Spieltag in der Super League nur jene Mannschaften gewinnen, die als Favoriten auf den Platz gehen. Sicher, in jeder Ausmarchung liegt der statistische Vorteil aufseiten der besseren Mannschaft. Aber dass sich in einem komplexen System mit Hunderten von zusammenhängenden Entscheidungen immer jenes Ergebnis mit der relativ höchsten Wahrscheinlichkeit einstellt, ist ausgesprochen selten. Man bezeichnet dieses Paradoxon als die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen. Um es zu verstehen, muss man kein Mathematiker sein. Da kann man jeden Sport-Toto-Spieler fragen.
Das wird die Welt erschüttern
Auf die Zukunft der USA und der Welt angewandt, sagt uns das Paradoxon Folgendes: Die scheinbar unaufhaltsame Verbreitung von Wohlstand und Demokratie wird durch unberechenbare, weil unwahrscheinliche Ereignisse gebremst, wenn nicht sogar ins Gegenteil verkehrt. Ein Erdbeben, ein Putsch, eine revolutionäre Erfindung, ja sogar ein Student, der auf einen Kaiser schiesst, vermögen eine Ereigniskette auszulösen, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Statt Stabilität herrscht Chaos, statt Friede und Freiheit: Schrecken ohne Ende.
Wer aber könnte ein Interesse an Szenarien haben, deren Vorhersagen sich grösstenteils als falsch erweisen werden? Ein Blick in die Kundenkartei von Jamais Cascios Institute for the Future, ein Think-Tank mit gut 30 Angestellten, zeigt Erstaunliches. Die Auftraggeber sind Regierungen, global agierende Konzerne, grosse Unternehmen und politische Organisationen. Sie alle entwickeln ihre langfristigen Strategien aufgrund von positiven und negativen Szenarien, die an den Schreibtischen der Futurologen entstanden sind. Dass die einzelnen Details dann nicht unbedingt stimmen, damit müssen sie leben. In einer globalen Perspektive ist es ja auch nicht von Belang, ob der nukleare Konflikt nun zwischen Pakistan und Indien, China und Nordkorea oder Israel und Iran ausbricht. Der Schaden wäre in jedem Fall gigantisch.
Grösser wäre er wohl nur, wenn sich die Maya-Vision des Kometeneinschlags bewahrheiten würde. Auch die Bedrohung durch einen Himmelskörper hat Jamais Cascio übrigens auf seiner Rechnung. Zwar nicht für 2012, dafür im Jahr 2033. Im Gegensatz zu Emmerichs Untergangsstreifen gibt es das Lodern im Himmel dann ganz umsonst – inklusive Happy End. Denn: 2029 werden die amerikanische und die chinesische Raumfahrtbehörde ein Programm zur Abwehr des Himmelskörpers lancieren. Und wenn die beiden Weltmächte zusammenspannen, dann kann ja nichts schiefgehen. Selbst Jamais Cascio sieht das so.
Josh Levins Artikelserie «How Is America Going to End?» findet sich unter www.slate.com.
Erstellt: 05.09.2009, 16:23 Uhr
Wie wird es enden mit den USA?
Von Christoph Lenz.
Der US-Journalist Josh Levin hat bei Wissenschaftlern nachgefragt – und überraschende Antworten erhalten. Ein Lehrstück über die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen.
Es lodert im Himmel. Die Ozeane schwellen an. Die Erde bebt. Ein Asteroidenhagel prasselt nieder. Derweil brettert ein Wissenschaftler in seinem Pick-up durch einen Nationalpark und tippt die Geheimnummer des Weissen Hauses in sein Handy, um den Präsidenten über die Ursachen der Vorkommnisse zu unterrichten. Aber verdammt, das Netz ist tot. Scheiss Asteroidenhagel.
So schildert Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem neuen Film «2012» (ab November in den Kinos) den Weltuntergang. Grundlage des Streifens ist ein Maya-Kalender, der voraussagt, dass am 21. Dezember 2012 ein mysteriöser Planet die Erdumlaufbahn kreuzen wird. Bei Roland Emmerich läuft das folgendermassen ab: Alles geht kaputt, dann kommt der Abspann.
Sie hat alle Völker in ihren Bann geschlagen, die Frage, was genau sich....
Tages Anzeiger Online 05.09.09
Wie wird es enden mit den USA?
Von Christoph Lenz.
Der US-Journalist Josh Levin hat bei Wissenschaftlern nachgefragt – und überraschende Antworten erhalten. Ein Lehrstück über die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen.
Es lodert im Himmel. Die Ozeane schwellen an. Die Erde bebt. Ein Asteroidenhagel prasselt nieder. Derweil brettert ein Wissenschaftler in seinem Pick-up durch einen Nationalpark und tippt die Geheimnummer des Weissen Hauses in sein Handy, um den Präsidenten über die Ursachen der Vorkommnisse zu unterrichten. Aber verdammt, das Netz ist tot. Scheiss Asteroidenhagel.
So schildert Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem neuen Film «2012» (ab November in den Kinos) den Weltuntergang. Grundlage des Streifens ist ein Maya-Kalender, der voraussagt, dass am 21. Dezember 2012 ein mysteriöser Planet die Erdumlaufbahn kreuzen wird. Bei Roland Emmerich läuft das folgendermassen ab: Alles geht kaputt, dann kommt der Abspann.
Sie hat alle Völker in ihren Bann geschlagen, die Frage, was genau sich abspielt, wenn eines Tages die Welt einfach so untergeht. Ungleich interessanter ist es aber eigentlich, darüber nachzudenken, was passiert, wenn die Welt einfach nicht untergeht. Sondern nur, sagen wir mal, die USA. Wer wird dann auf der Welt nach dem Rechten sehen, welches Wirtschaftssystem unser Handeln bestimmen? Zu welcher Musik werden wir in Liebeskummer versinken und wessen Modediktat folgen? Und wer sichert in dieser Zukunft noch die Werte von Freiheit, Demokratie und Blue Jeans?
Mormonen als Freiheitsapostel
Josh Levin müsste es wissen. Der Journalist hat sich diesen Sommer von renommierten Historikern, Politologen, Naturwissenschaftlern, Theologen und Ökonomen erklären lassen, wie es enden könnte mit den USA. Die Resultate hat Levin zu einer Artikelserie für das Online-Magazin «Slate» verarbeitet.
Indes, auf die oben aufgeworfenen Fragen mag Josh Levin nicht antworten. Die Zukunft voraussagen, das sei schlechthin unmöglich, sagt Levin. Einzig bei der Sicherung der amerikanischen Werte, da hege er eine Vermutung: «Es könnten die Mormonen sein, die unsere heutigen Vorstellungen von Recht und Unrecht über unser Zeitalter hinaus konservieren.» Der Grund: Das Amalgam von Religion, Geschichte und Sprache, das die Mormonen verbindet, wird sich in Krisenzeiten als besonders resistent erweisen. Hier könnten Traditionen besser als anderswo bewahrt werden. Äussere Einflüsse würden abperlen am Teflon der gemeinschaftlichen Identität. «Aber es ist, was es ist», sagt Levin, «nur eine leise Vermutung.»
Dass sich eine überschaubare, homogene Volksgruppe in einem unsicheren Umfeld besser und schneller zurechtfindet, hat Levin schon im von Hurrikan «Katrina» zerstörten New Orleans beobachtet. Dort, erzählt er, seien es die Vietnamesen gewesen, die als Erste ihre Geschäfte wieder öffneten, ihre Häuser instand setzten und ihre traditionellen Feste feierten. «Während viele Amerikaner noch auf Hilfe durch die Regierung warteten, hat die vietnamesische Gemeinde sich selbst geholfen.»
New Orleans ist Josh Levins Heimatstadt. Als Schauplatz, an dem sich vor drei Jahren die Zivilisation für mehrere Wochen auflöste, ist sie auch der Ausgangspunkt für Levins Recherchereise durch die USA. «,Katrina‘ hat uns schwer getroffen», erzählt Levin. «Ein Sturm von diesem Ausmass war für jeden von uns unvorstellbar. Unsere Dämme wurden zerstört, und unser Vertrauen in die Regierung wurde erschüttert.» Der Hurrikan habe ihm zwei Dinge vor Augen geführt. «Es wird der Tag kommen, an dem staatliche Institutionen, auf die wir uns verlassen, scheitern. Und wir gewisse Teile unserer Zivilisation werden aufgeben müssen. So wie es schon die Römer, die Spanier und die Engländer getan haben.»
Bitte keine Sciencefiction
Die USA sind dem Untergang geweiht – das ist natürlich ein alter Hut. Beeindruckend an Josh Levins Arbeit ist denn auch nicht die These. Sondern die Ernsthaftigkeit, mit welcher sich der Journalist ihren Hintergründen widmet. Der Untergang erscheint hier nicht in Gestalt eines Science-Fiction-Szenarios, das mit Geheimdienstakteuren und feindlichen Besuchern aus dem All zu einem prickelnden Schauermärchen angereichert werden kann. Der Untergang ist für Levin zunächst eine historische Gesetzmässigkeit, der sich auf lange Sicht keine Weltmacht entziehen kann – das ist der einfache Teil. Dann aber ist er auch das Resultat eines Kräftespiels mit unzähligen Unbekannten. Ein komplexes Phänomen, das sich nicht mit einem Mega-Tsunami, einer Terrorattacke oder einer Pandemie alleine erklären lässt. «Die Wahrscheinlichkeit, dass ein singuläres Ereignis die USA zu Fall bringt, ist gleich null», sagt Levin.
Zum Beispiel Rom
Gestützt wird diese Aussage vom deutschen Historiker Alexander Demandt. Dieser hat sich Anfang der 1980er-Jahre darangemacht, sämtliche Ursachen, die jemals für den Untergang des Römischen Reichs vorgebracht wurden, zu sammeln und zu ordnen. Am Ende zählte Demandt nicht weniger als 210 mögliche Gründe. Viele davon widersprüchlich, manche sogar reichlich absurd, etwa der «Mangel an Ernsthaftigkeit» oder eine «romantische Vorstellung von Frieden». Um ein Weltreich zu Fall zu bringen, braucht es schon ein bisschen mehr als einen zeitweiligen Anflug von Pazifismus.
Josh Levin drückt es so aus: «Nur ein Dummkopf kann ernsthaft behaupten, er kenne die exakten Gründe für den Untergang der USA.» Zu viele Faktoren beeinflussten den Weltenlauf, zu wichtig sei die Rolle, die unvorhersehbare Ereignisse und Entwicklungen dabei spielen. Statt die Hände in den Schoss zu legen und das Ende abzuwarten, begibt sich Josh Levin auf eine Recherchereise durch die Bildungstempel und Forschungszentren der USA. Um, wie Levin sagt, «zumindest eine Ahnung davon zu vermitteln, wodurch der Untergang ausgelöst werden könnte».
Szenario: Wilder Westen
In Buffalo erfährt er von einem Professor für Architektur und Raumplanung, weshalb sich mittelfristig ein Grossteil der amerikanischen Bevölkerung in der Gegend rund um die Great Lakes niederlassen wird. Robert Shibleys Erklärung: Infolge Klimawandel versumpfen und verwittern die Küstenregionen, mithin die heutigen Ballungszentren Nordamerikas. Zugleich wird der Mittlere Westen, die Kornkammer der USA, von anhaltenden Dürren heimgesucht – gerade so, wie es schon in den 1930er-Jahren, der Zeit der Staubstürme, geschehen ist. Damals verliessen Tausende von Bauern ihre versandeten Felder und zogen nach Westen, um in Kalifornien als Wanderarbeiter zu dienen. Die Klimaflüchtlinge der Zukunft werden nach Norden fliehen. Nur dort findet sich dereinst noch ein erträgliches Klima, und nur dort steht den Menschen dank den grossen Seen ausreichend Süsswasser zur Verfügung. Auf die Entvölkerung folgt alsbald die Entstaatlichung: Die Regierung sieht sich aus Kostengründen gezwungen, die unwirtlichen Küsten- und Wüstenregionen aufzugeben. Zurück bleiben Aussteiger, Einsiedler und marodierende Outlaw-Banden. Der Westen wird wieder wild.
Szenario: Balkanisierung
Ganz anders sieht es der emeritierte Ökonomie-Professor in Vermont. Sein Kleinstaat, erklärt Thomas Naylor, wird sich schon in naher Zukunft aus der Umklammerung Washingtons befreien. Damit wird ein Domino-Effekt ausgelöst: Hat sich erst mal ein Bundesstaat für unabhängig erklärt, werden andere schnell folgen. Das Resultat: eine Balkanisierung der USA. Ein Flickenteppich anstelle der halbwegs homogenen Staatenunion. Und noch etwas weiss der Professor: Die kleinen Republiken täten gut daran, sich bei der Gestaltung ihrer politischen Institutionen eng an das Vorbild der Schweiz zu halten.
Nochmals anders sieht die Zukunft im Büro von Jamais Cascio aus. Der kalifornische Futurologe und «Wall Street Journal»-Publizist hat unlängst drei Vorhersagen für die nächsten 50 Jahre veröffentlicht. Eines der Szenarien, die «lange Krise», beinhaltet unter anderem: einen nuklearen Konflikt zwischen Indien und Pakistan (2024), einen Nuklearen Winter (2024–2034), eine weltweite Hungersnot (2025–2028), einen Computervirus, der die Finanzmärkte lahmlegt (2037–2047), eine synthetisch erzeugte Weizen-Fäule (2037), die weltweite Hungersnot II (2038–2045), die Spaltung der USA in acht Staaten (2039) und den grossen russischen Bürgerkrieg, der durch den Einsatz schwerer biochemischer Waffen beendet wird (2039–2046). Immerhin: 2026 knacken afrikanische Bio-Hacker das Aids-Virus. Und 2051 gibt es ein globales Freudenjahr, weil die Gesamtbevölkerung der Erde erstmals seit 2020 wieder zugenommen hat. Sie liegt dann bei rund 6 Milliarden.
Das Unwahrscheinliche bedenken
Zugegeben, die Szenarien sind nach abnehmendem Wahrscheinlichkeitsgrad geordnet. Während der Rückzug an die Grossen Seen noch halbwegs realistisch erscheint, hätte man Jamais Cascio wohl schon lange für verrückt erklärt – betonte dieser nicht immer wieder, dass er selbst nicht an seine Szenarien glaube und dass es ihm auch gar nicht darum gehe, ein glaubhaftes Szenario zu entwerfen. «Fast alles, was ich über die Zukunft erzähle, wird sich als falsch herausstellen», sagt Cascio. «Aber einzelne Elemente meiner Szenarien werden uns in Zukunft begegnen. Und dann werden wir wissen, wie wir darauf reagieren können.»
Hier wird Josh Levins Artikelserie über das Ende der USA richtig spannend. Futurologen wie Jamais Cascio entwickeln ihre Szenarien nicht mit dem Ziel, die Zukunft präzise vorauszusagen – ihnen ist bewusst, dass das unmöglich ist. Futurologen arbeiten, um das Denken in neue Richtungen zu lenken. Oder andersherum: um sicherzustellen, dass auch das Unwahrscheinliche bedacht wird. Warum das so wichtig ist? Weil uns Menschen angesichts einer Zukunft, in der alles möglich ist, ein grober Denkfehler unterläuft: Wir halten uns an Wahrscheinlichkeiten.
Wahrscheinlich ist zum Beispiel, dass der islamistische Terror den Westen nicht zu Fall bringt. Wahrscheinlich ist auch, dass Diktaturen wie Nordkorea, Burma, Kuba oder China ihre Bürger nicht ewig in Unfreiheit halten können. Wahrscheinlich scheint auch, dass der Kapitalismus sich weiter über den Planeten verbreitet. Und es mag sogar wahrscheinlich sein, dass die Welt ihre Hunger-, Armuts- und Klimaprobleme irgendwann in den Griff bekommt.
Einzig: Dass am Ende alles genau so herauskommt, wie wir es aufgrund der einzelnen Wahrscheinlichkeiten erwarten, ist schrecklich unwahrscheinlich. Gerade so, wie es unwahrscheinlich ist, dass an einem Spieltag in der Super League nur jene Mannschaften gewinnen, die als Favoriten auf den Platz gehen. Sicher, in jeder Ausmarchung liegt der statistische Vorteil aufseiten der besseren Mannschaft. Aber dass sich in einem komplexen System mit Hunderten von zusammenhängenden Entscheidungen immer jenes Ergebnis mit der relativ höchsten Wahrscheinlichkeit einstellt, ist ausgesprochen selten. Man bezeichnet dieses Paradoxon als die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen. Um es zu verstehen, muss man kein Mathematiker sein. Da kann man jeden Sport-Toto-Spieler fragen.
Das wird die Welt erschüttern
Auf die Zukunft der USA und der Welt angewandt, sagt uns das Paradoxon Folgendes: Die scheinbar unaufhaltsame Verbreitung von Wohlstand und Demokratie wird durch unberechenbare, weil unwahrscheinliche Ereignisse gebremst, wenn nicht sogar ins Gegenteil verkehrt. Ein Erdbeben, ein Putsch, eine revolutionäre Erfindung, ja sogar ein Student, der auf einen Kaiser schiesst, vermögen eine Ereigniskette auszulösen, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Statt Stabilität herrscht Chaos, statt Friede und Freiheit: Schrecken ohne Ende.
Wer aber könnte ein Interesse an Szenarien haben, deren Vorhersagen sich grösstenteils als falsch erweisen werden? Ein Blick in die Kundenkartei von Jamais Cascios Institute for the Future, ein Think-Tank mit gut 30 Angestellten, zeigt Erstaunliches. Die Auftraggeber sind Regierungen, global agierende Konzerne, grosse Unternehmen und politische Organisationen. Sie alle entwickeln ihre langfristigen Strategien aufgrund von positiven und negativen Szenarien, die an den Schreibtischen der Futurologen entstanden sind. Dass die einzelnen Details dann nicht unbedingt stimmen, damit müssen sie leben. In einer globalen Perspektive ist es ja auch nicht von Belang, ob der nukleare Konflikt nun zwischen Pakistan und Indien, China und Nordkorea oder Israel und Iran ausbricht. Der Schaden wäre in jedem Fall gigantisch.
Grösser wäre er wohl nur, wenn sich die Maya-Vision des Kometeneinschlags bewahrheiten würde. Auch die Bedrohung durch einen Himmelskörper hat Jamais Cascio übrigens auf seiner Rechnung. Zwar nicht für 2012, dafür im Jahr 2033. Im Gegensatz zu Emmerichs Untergangsstreifen gibt es das Lodern im Himmel dann ganz umsonst – inklusive Happy End. Denn: 2029 werden die amerikanische und die chinesische Raumfahrtbehörde ein Programm zur Abwehr des Himmelskörpers lancieren. Und wenn die beiden Weltmächte zusammenspannen, dann kann ja nichts schiefgehen. Selbst Jamais Cascio sieht das so.
Josh Levins Artikelserie «How Is America Going to End?» findet sich unter www.slate.com.
Erstellt: 05.09.2009, 16:23 Uhr
Freitag, September 04, 2009
NZZ: Weltweiter Wettlauf um Agrarland in Drittweltländern
NZZ-13.09.2009
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.
bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise...
NZZ-13.09.2009
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken
haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.
bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise und die Volatilität der Notierungen für Agrarerzeugnisse die Nachfrage nach landwirtschaftlich nutzbaren Böden weltweit angeheizt haben.
Wer kann, greift zu
Das Phänomen massiver friedlicher Landnahme, die kapitalistischen Regeln gehorcht, soll am kommenden Gipfeltreffen der G-8 in Italien zur Debatte stehen. Dem Wildwuchs zweifelhafter Geschäftspraktiken will man mit einer internationalen Übereinkunft Paroli bieten. Weltweit dürften ausländische Investoren in den letzten drei Jahren 15 Mio. bis 20 Mio. ha Ackerland in Entwicklungs- und Schwellenländern unter ihre Kontrolle gebracht haben, eine Fläche, die etwa der gesamten Produktionsfläche Frankreichs entspricht. Dafür seien 20 Mrd. bis 30 Mrd. $ bezahlt oder verpflichtet worden, schätzt das International Food Policy Research Institute (IFPRI), ein unabhängiges Forschungsinstitut in Washington. Zu den wichtigsten Akteuren zählen solvente, häufig durch Petrodollars reich gewordene Regierungen oder Staatsfonds aus Asien und den Golfstaaten, die der Beschaffung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen strategische Bedeutung beimessen. Man misstraut dem globalen Handelssystem mit den zuweilen abrupten Exportverboten in Notzeiten und will sich den ununterbrochenen direkten Zugang zu Nahrungsmitteln oder Bioenergie sichern. Begehrt sind vorab Ländereien im südlichen Afrika und in Asien, in kleinerem Umfang in Lateinamerika. Experten warnen vor der Gefahr der «Enklaven-Wirtschaft» im Stil der früher für Zentralamerika typischen «Bananenrepubliken». Politiker sprechen von «Agrar-Neokolonialismus», und Nichtregierungsorganisationen verteufeln das Phänomen als «land grab», als Landraub, mit desaströsen sozialen und politischen Auswirkungen.
Ordnung muss her
Allein in fünf Ländern Afrikas – Äthiopien, Ghana, Mali, Madagaskar und Sudan – sind laut einer unter der Ägide der Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO publizierten Studie in den letzten fünf Jahren 2,4 Mio. ha Land an ausländische Investoren abgetreten worden, Land, das bis vor kurzem keinerlei Marktwert hatte. Allerdings, so die Verfasser der Studie, seien die jährlichen Pachtzinsen auch im internationalen Vergleich äusserst niedrig; in Äthiopien etwa werden pro Hektare 3$ bis 10$ bezahlt. Ausländisches Kapital dominiert den Markt für grossflächige Agrar- Investitionen, aber vielerorts beteiligen sich bereits die lokalen Eliten am neuen Geschäft. Laut der Studie sind private Kauf- oder Pachtverträge häufiger als bilaterale Regierungsabkommen. Wo ausländische Regierungen intervenieren, werden nicht selten private Investoren vorgeschoben oder unterstützt. Mit ihrer Fallstudie will die FAO mit-helfen, einen Verhaltenskodex für grenzübergreifende Investitionen im Landwirtschaftsbereich und Richtlinien für den Landbesitz aufzustellen. Ähnliches hat diese Woche auch der Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, gefordert.
Er plädiert für multilaterale Regeln, wie sie auch das IFPRI vorschlägt (siehe Kasten).
Schutzmechanismen
Man müsse verhindern, dass Entwicklungsländer sich gegenseitig mit Angeboten zu übertreffen versuchten, um zu unvorteilhaften Bedingungen Direktinvestitionen im Agrarbereich anzuziehen, schreibt De Schutter. Klare Regeln erhöhten gleichzeitig die Rechtssicherheit für den Investor und schützten diesen vor möglichen Reputationsschäden.
Ein besonderes Anliegen ist dem Uno-Berichterstatter die Ernährungssicherheit für die einheimische Bevölkerung. Investitionsabkommen sollen Klauseln enthalten, wonach ein Teil der Ernten auf den lokalen Märkten verkauft werden muss, und dies unter besonderen Bedingungen, falls die Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten bestimmte Limiten überschreiten. Es gilt Konflikten vorzubeugen, die dann entstehen, wenn vor der Nase der hungernden Bevölkerung tonnenweise Lebensmittel ins Ausland abtransportiert werden. Die von der FAO vorgelegten Beispiele aus Afrika lassen erahnen, dass bei Vertragsverhandlungen mit mächtigen Investoren die betroffenen Landbesitzer eins ums andere Mal über den Tisch gezogen werden. Auch wird Korruption in grossem Stil vermutet, dann etwa, wenn Beamte in Äthiopien grosse Landflächen als «unfruchtbar» einstufen, um es so einfacher an Ausländer verschachern zu können. Laut den Experten des IFPRI besitzt die Mehrzahl afrikanischer Kleinbauern keine Landtitel. Respektiere man die überkommenen Rechte nicht, so sei die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen bedroht.
Mehr produzieren
Investoren, die in grossem Stil Ländereien in der Dritten Welt aufkaufen oder unter Pacht nehmen, stellen sich gerne als Wohltäter dar. Um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, muss dringend mehr produziert werden. Dazu sind enorme Kapitalinvestitionen in den Agrarsektor notwendig, die weder die meist armen Länder selber noch die internationale Entwicklungshilfe zu erbringen imstande sind. Gerade in Afrika wurde die Förderung der Landwirtschaft in der jüngsten Vergangenheit sträflich vernachlässigt. Vielerorts erhoffen sich jetzt Regierungen von ausländischen Grossinvestitionen einen eigentlichen Entwicklungsschub. Schon kursiert die Vision des dunklen Kontinents als «Brotkorb der Welt». Mit neuen Technologien sollen Saatgut und Anbaumethoden verbessert und so die Ernteerträge gesteigert werden. Als Nebeneffekt erhofft man sich dank Investitionen in Schulen, Spitälern und Strassen bessere Lebensverhältnisse für die Landbevölkerung. Der neueste Bericht der Uno- Wirtschaftskommission für Afrika liest sich wie ein grosses Lamento über die Rückständigkeit der Landwirtschaft auf dem Schwarzen Kontinent. Hier stehen insgesamt 733 Mio. ha Ackerland zur Verfügung, mehr als in Asien (628 Mio. ha) oder Lateinamerika (570 Mio. ha). Aber lange nicht alles Farmland wird auch tatsächlich bebaut. Die Auswertung von Satellitenaufnahmen hat ergeben, dass in Afrika lediglich ein Drittel für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird. Vor allem in den Ländern südlich der Sahara ist die Produktivität im Vergleich mit anderen Entwicklungsgebieten auf der Welt sehr bescheiden. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind unterkapitalisiert, werfen wenig Ertrag ab und sind in keine Wertschöpfungsketten eingebunden. Bewässert werden im Subsahara- Gebiet lediglich 3,6% der bebaubaren Fläche, Kunstdünger wird nur spärlich verwendet. Deprimierendes Fazit der Uno-Wirtschaftskommission ist: Afrikas Kleinbauern sind seit Jahrzehnten gefangen in einem Zyklus von Armut und Ernährungsunsicherheit.
Ein Kodex für faires Verhalten
bau. Die Experten des Washingtoner Think-Tank IFPRI wünschen sich dringend klare Regeln für Landkäufe in Entwicklungsländern.
Sie schlagen einen Verhaltenskodex vor, an den sich Regierungen in den Zielländern und Investoren aus dem Ausland zu halten haben:
• Verhandlungen sollen transparent sein. Lokale Landbesitzer sind zu informieren und in die Verhandlungen einzubeziehen.
Besondere Anstrengungen sind erforderlich, um indigene Gruppen zu schützen.
• Bestehende Landrechte sind zu respektieren. Dieses Postulat betrifft vor allem Ansprüche, die auf Gewohnheitsrecht oder Gemeinschaftsbesitz
fussen. Wer Land verliert, soll entsprechend entschädigt werden. Ihm ist eine gleichwertige Lebensgrundlage zu erstatten.
• Gewinne sind zu teilen. Die lokale Bevölkerung soll profitieren, nicht Verluste erleiden. Das Verpachten von Land ist dem Verkauf
mit einer einmaligen Abgeltung vorzuziehen, da Pachtzinsen ein regelmässiges Einkommen garantieren. Besser noch sind
Verträge, bei denen Kleinbauern im Auftragsverhältnis auf ihren eigenen Feldern produzieren. Verstösse gegen eingegangene
Verpflichtungen müssen geahndet werden.
• Landbau soll nachhaltig sein. Dazu gehören Massnahmen gegen Übernutzung von Böden, Verlust der Biodiversität, gesteigerten Ausstoss von Treibhausgasen und Vergeudung von Wasser auf Kosten anderer Verwendungszwecke.
• Bestimmungen mit Biss. Der Kodex muss international verankert sein und Recht schaffen, das überall, auch in den Herkunftsländern der Investoren, eingefordert werden kann. Dies betrifft im Besonderen Fälle von Korruption.
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.
bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise...
NZZ-13.09.2009
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken
haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.
bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise und die Volatilität der Notierungen für Agrarerzeugnisse die Nachfrage nach landwirtschaftlich nutzbaren Böden weltweit angeheizt haben.
Wer kann, greift zu
Das Phänomen massiver friedlicher Landnahme, die kapitalistischen Regeln gehorcht, soll am kommenden Gipfeltreffen der G-8 in Italien zur Debatte stehen. Dem Wildwuchs zweifelhafter Geschäftspraktiken will man mit einer internationalen Übereinkunft Paroli bieten. Weltweit dürften ausländische Investoren in den letzten drei Jahren 15 Mio. bis 20 Mio. ha Ackerland in Entwicklungs- und Schwellenländern unter ihre Kontrolle gebracht haben, eine Fläche, die etwa der gesamten Produktionsfläche Frankreichs entspricht. Dafür seien 20 Mrd. bis 30 Mrd. $ bezahlt oder verpflichtet worden, schätzt das International Food Policy Research Institute (IFPRI), ein unabhängiges Forschungsinstitut in Washington. Zu den wichtigsten Akteuren zählen solvente, häufig durch Petrodollars reich gewordene Regierungen oder Staatsfonds aus Asien und den Golfstaaten, die der Beschaffung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen strategische Bedeutung beimessen. Man misstraut dem globalen Handelssystem mit den zuweilen abrupten Exportverboten in Notzeiten und will sich den ununterbrochenen direkten Zugang zu Nahrungsmitteln oder Bioenergie sichern. Begehrt sind vorab Ländereien im südlichen Afrika und in Asien, in kleinerem Umfang in Lateinamerika. Experten warnen vor der Gefahr der «Enklaven-Wirtschaft» im Stil der früher für Zentralamerika typischen «Bananenrepubliken». Politiker sprechen von «Agrar-Neokolonialismus», und Nichtregierungsorganisationen verteufeln das Phänomen als «land grab», als Landraub, mit desaströsen sozialen und politischen Auswirkungen.
Ordnung muss her
Allein in fünf Ländern Afrikas – Äthiopien, Ghana, Mali, Madagaskar und Sudan – sind laut einer unter der Ägide der Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO publizierten Studie in den letzten fünf Jahren 2,4 Mio. ha Land an ausländische Investoren abgetreten worden, Land, das bis vor kurzem keinerlei Marktwert hatte. Allerdings, so die Verfasser der Studie, seien die jährlichen Pachtzinsen auch im internationalen Vergleich äusserst niedrig; in Äthiopien etwa werden pro Hektare 3$ bis 10$ bezahlt. Ausländisches Kapital dominiert den Markt für grossflächige Agrar- Investitionen, aber vielerorts beteiligen sich bereits die lokalen Eliten am neuen Geschäft. Laut der Studie sind private Kauf- oder Pachtverträge häufiger als bilaterale Regierungsabkommen. Wo ausländische Regierungen intervenieren, werden nicht selten private Investoren vorgeschoben oder unterstützt. Mit ihrer Fallstudie will die FAO mit-helfen, einen Verhaltenskodex für grenzübergreifende Investitionen im Landwirtschaftsbereich und Richtlinien für den Landbesitz aufzustellen. Ähnliches hat diese Woche auch der Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, gefordert.
Er plädiert für multilaterale Regeln, wie sie auch das IFPRI vorschlägt (siehe Kasten).
Schutzmechanismen
Man müsse verhindern, dass Entwicklungsländer sich gegenseitig mit Angeboten zu übertreffen versuchten, um zu unvorteilhaften Bedingungen Direktinvestitionen im Agrarbereich anzuziehen, schreibt De Schutter. Klare Regeln erhöhten gleichzeitig die Rechtssicherheit für den Investor und schützten diesen vor möglichen Reputationsschäden.
Ein besonderes Anliegen ist dem Uno-Berichterstatter die Ernährungssicherheit für die einheimische Bevölkerung. Investitionsabkommen sollen Klauseln enthalten, wonach ein Teil der Ernten auf den lokalen Märkten verkauft werden muss, und dies unter besonderen Bedingungen, falls die Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten bestimmte Limiten überschreiten. Es gilt Konflikten vorzubeugen, die dann entstehen, wenn vor der Nase der hungernden Bevölkerung tonnenweise Lebensmittel ins Ausland abtransportiert werden. Die von der FAO vorgelegten Beispiele aus Afrika lassen erahnen, dass bei Vertragsverhandlungen mit mächtigen Investoren die betroffenen Landbesitzer eins ums andere Mal über den Tisch gezogen werden. Auch wird Korruption in grossem Stil vermutet, dann etwa, wenn Beamte in Äthiopien grosse Landflächen als «unfruchtbar» einstufen, um es so einfacher an Ausländer verschachern zu können. Laut den Experten des IFPRI besitzt die Mehrzahl afrikanischer Kleinbauern keine Landtitel. Respektiere man die überkommenen Rechte nicht, so sei die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen bedroht.
Mehr produzieren
Investoren, die in grossem Stil Ländereien in der Dritten Welt aufkaufen oder unter Pacht nehmen, stellen sich gerne als Wohltäter dar. Um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, muss dringend mehr produziert werden. Dazu sind enorme Kapitalinvestitionen in den Agrarsektor notwendig, die weder die meist armen Länder selber noch die internationale Entwicklungshilfe zu erbringen imstande sind. Gerade in Afrika wurde die Förderung der Landwirtschaft in der jüngsten Vergangenheit sträflich vernachlässigt. Vielerorts erhoffen sich jetzt Regierungen von ausländischen Grossinvestitionen einen eigentlichen Entwicklungsschub. Schon kursiert die Vision des dunklen Kontinents als «Brotkorb der Welt». Mit neuen Technologien sollen Saatgut und Anbaumethoden verbessert und so die Ernteerträge gesteigert werden. Als Nebeneffekt erhofft man sich dank Investitionen in Schulen, Spitälern und Strassen bessere Lebensverhältnisse für die Landbevölkerung. Der neueste Bericht der Uno- Wirtschaftskommission für Afrika liest sich wie ein grosses Lamento über die Rückständigkeit der Landwirtschaft auf dem Schwarzen Kontinent. Hier stehen insgesamt 733 Mio. ha Ackerland zur Verfügung, mehr als in Asien (628 Mio. ha) oder Lateinamerika (570 Mio. ha). Aber lange nicht alles Farmland wird auch tatsächlich bebaut. Die Auswertung von Satellitenaufnahmen hat ergeben, dass in Afrika lediglich ein Drittel für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird. Vor allem in den Ländern südlich der Sahara ist die Produktivität im Vergleich mit anderen Entwicklungsgebieten auf der Welt sehr bescheiden. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind unterkapitalisiert, werfen wenig Ertrag ab und sind in keine Wertschöpfungsketten eingebunden. Bewässert werden im Subsahara- Gebiet lediglich 3,6% der bebaubaren Fläche, Kunstdünger wird nur spärlich verwendet. Deprimierendes Fazit der Uno-Wirtschaftskommission ist: Afrikas Kleinbauern sind seit Jahrzehnten gefangen in einem Zyklus von Armut und Ernährungsunsicherheit.
Ein Kodex für faires Verhalten
bau. Die Experten des Washingtoner Think-Tank IFPRI wünschen sich dringend klare Regeln für Landkäufe in Entwicklungsländern.
Sie schlagen einen Verhaltenskodex vor, an den sich Regierungen in den Zielländern und Investoren aus dem Ausland zu halten haben:
• Verhandlungen sollen transparent sein. Lokale Landbesitzer sind zu informieren und in die Verhandlungen einzubeziehen.
Besondere Anstrengungen sind erforderlich, um indigene Gruppen zu schützen.
• Bestehende Landrechte sind zu respektieren. Dieses Postulat betrifft vor allem Ansprüche, die auf Gewohnheitsrecht oder Gemeinschaftsbesitz
fussen. Wer Land verliert, soll entsprechend entschädigt werden. Ihm ist eine gleichwertige Lebensgrundlage zu erstatten.
• Gewinne sind zu teilen. Die lokale Bevölkerung soll profitieren, nicht Verluste erleiden. Das Verpachten von Land ist dem Verkauf
mit einer einmaligen Abgeltung vorzuziehen, da Pachtzinsen ein regelmässiges Einkommen garantieren. Besser noch sind
Verträge, bei denen Kleinbauern im Auftragsverhältnis auf ihren eigenen Feldern produzieren. Verstösse gegen eingegangene
Verpflichtungen müssen geahndet werden.
• Landbau soll nachhaltig sein. Dazu gehören Massnahmen gegen Übernutzung von Böden, Verlust der Biodiversität, gesteigerten Ausstoss von Treibhausgasen und Vergeudung von Wasser auf Kosten anderer Verwendungszwecke.
• Bestimmungen mit Biss. Der Kodex muss international verankert sein und Recht schaffen, das überall, auch in den Herkunftsländern der Investoren, eingefordert werden kann. Dies betrifft im Besonderen Fälle von Korruption.
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