Mittwoch, Dezember 29, 2010

«Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht»

Tages Anzeiger Online 28.12.2010
«Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht»
Von Guido Kalberer.

 Grosse Fragen zum Jahreswechsel: Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon über Light-Christen, abgewürgte Aufklärung im Islam und übertriebene Toleranz.
«Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen», sagt Michael Schmidt-Salomon.
«Wir sind nicht die Krone der Schöpfung, sondern die Neandertaler von morgen», sagt Michael Schmidt-Salomon.

Die Wiederkehr der Religionen heute muss ein Schock für einen Religionskritiker wie Sie sein.
Nicht unbedingt, ich habe diese Entwicklung schon Anfang der Neunzigerjahre prognostiziert. Es war ersichtlich, dass die Säkularisierung kein linearer, sondern ein ambivalenter Prozess ist. Es gibt also nicht nur einen Trend weg von der Religion, sondern auch eine Bewegung hin zur Religion. In Westeuropa ist der Säkularisierungstrend allerdings stärker: Eine Umfrage in Deutschland zum Beispiel ergab, dass nur noch 23 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder an einen personalen Gott glauben – was immerhin eine Grundvoraussetzung dafür ist, um sich redlicherweise als Christ bezeichnen zu können.
Ist die Säkularisierungswelle noch grösser als die Religionswelle?
Für Europa gilt dies zweifellos. So gibt es in Deutschland bereits mehr konfessionsfreie Menschen als Katholiken oder Protestanten. Zudem stimmt die Mehrheit der Kirchenmitglieder nicht mehr mit den zentralen Dogmen des christlichen Glaubens überein. Die meisten Kirchenmitglieder sind bei genauerer Betrachtung Schein-Mitglieder, genauer gesagt: Taufschein-Mitglieder. Man hat sie als Säuglinge getauft, weshalb man sie religiösen Institutionen zurechnet. Doch die zentralen Auffassungen dieser Institutionen teilen sie nicht.
Was hält die Leute religiös denn noch bei der Stange?
Eine interessante Frage: Was hält Menschen in einer Institution, die sie Geld kostet, wenn sie zentrale Elemente der Vereinssatzung ablehnen? Dafür gibt es vor allem soziale und ökonomische Gründe. Immerhin sind Caritas und Diakonisches Werk die grössten nicht staatlichen Arbeitgeber Europas. Jemand, der im sozialen oder medizinischen Bereich arbeitet, als Psychologe, Arzt oder Krankenpfleger, kann es sich in bestimmten Regionen gar nicht leisten, aus der Kirche auszutreten. Denn die Kirchen, die grössten Arbeitgeber auf diesem Gebiet, nutzen noch ihr Recht zur weltanschaulichen Diskriminierung, obwohl die Dienstleistungen, die sie erbringen, weitestgehend öffentlich finanziert werden. Solange es bei dieser verfassungswidrigen Regelung bleibt, sind weite Teile der Bevölkerung zwangskonfessionalisiert.
Wie ordnen Sie die Gläubigen ein, die wieder selbstbewusster zu ihrer Religion stehen?
Parallel zum Säkularisierungstrend gibt es einen Trend zur Verschärfung religiöser Bekenntnisse. Entweder werden die Menschen konsequenter religiös oder....

Samstag, Dezember 25, 2010

Religion im 21. Jahrhundert

WOZ vom 23.12.2010
Religion im 21. Jahrhundert
«Diese Leute begegnen Jesus, Allah oder irgendeinem Guru»
Von Yves Wegelin

«Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen» heisst das neuste Buch des bekannten französischen Religionssoziologen Olivier Roy. Ein Gespräch über Religionen ohne Kultur, muslimische Konvertiten und säkularisierte Weihnachtsfeste.

WOZ: Herr Roy, vor wenigen Tagen habe ich eine evangelikale Rockband im Bahnhof spielen hören, heute las ich in einer Zeitung über muslimische Konvertiten – und Sie behaupten, der Westen erlebe keine Rückkehr der Religion?

Olivier Roy: Ja, schauen Sie sich die Sta­tis­ti­ken in Europa und in den USA an: Sie belegen eine stetige Abnahme der religiösen Praxis.

Praxis?
Das Gebet, der Besuch der Kirche, der Moschee. Es gibt zwar eine Zunahme von Moscheen – aber nur, weil es vorher fast keine gab. Es gibt auch eine Abnahme des Einflusses der katholischen Kirche, der grossen protestantischen Kirchen Deutschlands sowie der Staatskirchen in Skandinavien. Und: Die Menschen wissen immer weniger über Religion. Ein Umfrageinstitut hat den Menschen in den USA verschiedene Fragen gestellt: Was ist die Dreifaltigkeit? Was ist die Kommu­nion? Die besten Antworten kamen von den Atheisten, die Gläubigen kennen die Religion nicht mehr – das beweist meine These.

Ihre These?
Der Säkularisierungsprozess, der im 18. Jahrhundert begann, hat sich im Westen durchgesetzt. Die Religion hat im Westen ihre gesellschaftliche Selbstverständlichkeit verloren, bis sie im alltäglichen Leben unwichtig wurde – abgesehen von ihren säkularisierten Formen wie dem heutigen Weihnachtsfest.

Und weshalb sprechen andere von einer Rückkehr?
Die Säkularisierung hat die Religionen isoliert und sie paradoxerweise sichtbarer gemacht: Auf der einen Seite hat unsere Kultur ihre religiösen Referenzen verloren, und andererseits konstruiert sich die Religion heute gegen diese Kultur. Da religiös sein keine Selbstverständlichkeit....

Donnerstag, Dezember 16, 2010

Gift im Spielzeug

Gift im Spielzeug

In der EU und der Schweiz soll eine neue Richtlinie mit strengeren Regelungen eingeführt werden


Meldungen über giftige Spielwaren schrecken immer wieder auf. Dabei sind viele der Produkte aufgrund von fehlenden gesetzlichen Regelungen erlaubt. Dies soll sich ändern.

Stephanie Lahrtz
Blei im Kinderschmuck, Formaldehyd im Puzzle oder Nickel in Metallkappen – immer wieder tauchen beunruhigende Nachrichten über Gifte im Kinderspielzeug auf. Dabei ist die Erkenntnis, dass solche Waren belastet sein können, keineswegs neu. Spätestens seit im Sommer 2007 der Spielzeughersteller Mattel weltweit über 18 Millionen Produkte wegen Sicherheitsmängel wie verschluckbarer Kleinteile oder mit Blei belasteter Spielzeugautos zurückrufen musste, erwarten Eltern wie auch Konsumentenschützer, dass die Hersteller «sichere» Waren anbieten.

In Autoreifen nahezu verboten


Doch offenbar ist dies auch heutzutage noch nicht immer der Fall, wie eine Untersuchung der deutschen Stiftung Warentest vom November ergab. Sie untersuchte 50 Spielzeuge für Kleinkinder und stufte 80 Prozent davon als belastet mit Chemikalien oder gefährlich wegen verschluckbarer Kleinteile ein. So wurden etwa in vielen Holzspielsachen polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe in unterschiedlichen Konzentrationen gefunden, aber auch zinnorganische Verbindungen oder Nickel waren enthalten (vgl. Kasten).

Doch das Problem ist nicht nur Unwissenheit, Uneinsichtigkeit oder Profitstreben von Herstellern, Zulieferern und Händlern. Vielmehr ist der Verkauf auch vieler der nun von der Stiftung Warentest beanstandeten Produkte legal. Denn für viele der gesundheitsgefährdenden Substanzen existieren weder in der Schweiz noch in der EU verbindliche Grenzwerte oder Verbote.

Für Konsumentenschützer geradezu grotesk ist die Tatsache, dass zwar aufgrund einer EU-Verordnung in Weichmacherölen für Autoreifen nicht mehr als 1 Milligramm pro Kilogramm polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten sein darf. Hingegen existiert keine Vorschrift für diese Stoffgruppe für Spielzeug oder andere «Verbraucherprodukte» wie Velolenkergriffe oder....

Mittwoch, Dezember 08, 2010

Samichlaus - Müslüm

Dienstag, Dezember 07, 2010

FAZ - „Gender Mainstreaming“

FAZ.net  07. September 2006
„Gender Mainstreaming
Der kleine Unterschied

Die EU und Deutschland haben sich dem „Gender Mainstreaming“ verpflichtet. Dieser Politik liegt die Behauptung zugrunde, Geschlechtsrollen seien nur erlernt. Propagiert und durchgesetzt hat das der Feminismus, doch am Anfang steht ein Menschenversuch, schreibt Volker Zastrow.

Am 22. August 1965 kamen im kanadischen Winnipeg, einer Stadt etwa so groß wie Frankfurt, Zwillinge zur Welt. Ein seltenes und freudiges Ereignis - auch für die Wissenschaft. Denn eineiige Zwillinge haben dasselbe Erbgut. Also kann man dessen Einfluß an ihnen erforschen, was im 20. Jahrhundert auch überreich geschah. Bruce und Brian Reimer dienten als Beweis dafür, daß die Erbanlagen das Geschlecht eines Menschen nicht bestimmen. Weiblichkeit und Männlichkeit sind keine biologischen Identitäten, sondern psychische: So lautet die Annahme, die heute als Grundlage des „Gender Mainstreaming“ in die Politik eingegangen ist. „Man kommt nicht als Frau auf die Welt“, hieß das bei Simone de Beauvoir, „man wird dazu gemacht.“Bruce Reimer kam nicht als Frau auf die Welt, aber er sollte dazu gemacht werden. Sieben Monate nach der Geburt des Jungen wurde sein Penis bei einer Beschneidung vom Arzt mit einem elektrischen Instrument so stark verbrannt, daß das Glied sich schwärzte und bald vollständig abfiel. Keiner der hinzugezogenen Mediziner konnte den Eltern einen Weg aufzeigen, diesen Schaden wenigstens einigermaßen zu beheben. Die Möglichkeiten der plastischen Chirurgie reichten nicht so weit. Im Februar 1967 sahen Ron und Janet Reimer dann in einer Fernsehrunde einen Doktor aus den Vereinigten Staaten, der ihnen wieder Hoffnung gab. Es war John Money, ein Psychiater vom Johns-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore.

Weitreichende seelische Konsequenzen

Money behauptete in der Sendung, man könne aus Männern ohne weiteres Frauen machen. Er hatte eine Blondine mitgebracht, die in kurzem Rock und enger Jacke, mit Stöckelschuhen, langen Wimpern, schwarz umrandeten Augen, Lippenstift und Make-up einen betont femininen, ja aufreizenden Eindruck machte: einen Transsexuellen, der sagte, er fühle sich nach seiner operativen Geschlechtsumwandlung vollständig als Frau, „körperlich und geistig“. Die Eheleute Reimer erblickten darin die Lösung ihrer Probleme. Sie schrieben an Money, nicht ahnend, daß sie umgekehrt auch ihm.....

Montag, Dezember 06, 2010

TAZ - Linke Lebenslügen

04.12.2010
Aus der Deutschland-taz
Linke Lebenslügen

Die drei dogmatischen Mythen der deutschen Linken in Sachen Einwanderung und Integration. VON NORBERT BOLZ

Nicht alle Probleme, die unser Land bewegen, sind heillos komplex. Manchmal würden schon ein wenig historische Bildung und gesunder Menschenverstand genügen, um sie zu lösen. Das zeigt sich vor allem in der Integrationsdebatte. Dass es hier keine Fortschritte gibt, liegt nicht an den Dummen und Ewig-Gestrigen, die man an den Stammtischen vermutet, sondern an den Linken. Das ist erstaunlich, denn Linke sind in der Regel intelligent und gebildet. Was ihr Denken blockiert, lässt sich aber sehr genau bestimmen. Es sind drei dogmatische Mythen, die wir hier kurz skizzieren wollen.

Erstens: der Mythos der Ausländerfeindlichkeit. Kranke Hirne unter Glatzen, Springerstiefel und Kampfhunde gibt es überall in der Welt. Aber diese Verrückten, für die wir in Deutschland aus historischen Gründen natürlich besonders sensibel sind, sollten doch nicht den Blick dafür trüben, dass wir in einem der ausländerfreundlichsten Länder leben. Das wahre Problem, das der Mythos von der Ausländerfeindlichkeit verschleiert, hat der türkische Ministerpräsident Erdogan im Februar auf eine prägnante Formel gebracht: "Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

So lange diese Anti-Assimilationspolitik gilt, gibt es das Integrationsproblem. Erdogan verkörpert ein Roll-back des heroischen Projekts von Kemal Atatürk, die Türkei....

Samstag, Dezember 04, 2010

200 Countries in 200 Years!

Factor in the contribution of oil and natural gas which has not only increasingly been utilized but also been produced over the last 200 years. And now imagine something like "Peak Oil" and then try to predict the future..../ursus

Mittwoch, Dezember 01, 2010

Velowege in Dänemark - Ein Vorbild für die Schweiz!

Kopenhagen's Veloinfrastruktur

Sonntag, November 28, 2010

Vom Weltbürger zum Wutbürger

Tages Anzeiger Online 27.11.2010
Vom Weltbürger zum Wutbürger
Von Guido Kalberer

Ein neuer Begriff macht die Runde: Der Wutbürger. Was hat es damit auf sich? Betrachtungen zur Stimmungslage der Bürger in unserer beschleunigten Gesellschaft.

Verbreitete sich in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts Optimismus und Zukunftsfreude, so prägt kollektive Wut und Empörung die gegenwärtige Stimmung. Vieles macht viele wütend: die hohen Löhne und Boni in einzelnen renditeträchtigen Branchen, die unterschiedliche Steuerbelastung in den Kantonen und die Ausländer, auch wenn sie nicht kriminell sind.

Wenn Wut zum Lebensstil wird

Es handelt sich um ein Amalgam von Negativreizen, die aus dem stolzen Bürger von einst einen nörgelnden Kleinbürger machen. Getrieben von der Angst, unbedeutender und weniger kaufkräftig zu werden, pflegt und kultiviert er seine Wut und seinen Zorn als neue Lebenshaltung.

Die Wut ist nicht das Problem, der Adressat hingegen schon. Das erkannte schon Aristoteles, als er schrieb: «Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Mass, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.» Da es das Schwere im Allgemeinen schwerer hat, sich durchzusetzen, hat die um sich greifende Wut weder ein klares Ziel noch eine klare Richtung. Der Wutbürger, diese jüngste Sprachschöpfung des «Spiegels», fühlt sich benachteiligt, übervorteilt und in die Enge getrieben von einer Macht, die nicht seine ist. Und er sieht sich als einen überflüssigen Bürger, mit dem der Staat nicht mehr rechnet. Wieso sollte er auch staatstragend sein, wenn der Staat ihn nicht mehr tragen will?

Früher war alles besser

Früher, so glaubt er, war alles besser; heute dagegen hat sich alles zu seinen Ungunsten verschoben. Da immer mehr immer wütender werden, ist die Versuchung gross, der wachsenden Schar der Neinsager beizutreten.Der Wutbürger, ob politisch links oder rechts stehend, glaubt sich mit seiner Meinung in der Mehrheit: Er ist wild entschlossen, aber....

Mittwoch, November 24, 2010

"Die Gier treibt das System immer wieder an"

derStandard.at-Interview 14.10.2010
"Die Gier treibt das System immer wieder an"
von Daniela Rom

Warum Geld unser Leben beherrscht und wir alles berechnen müssen, erklärt der Ökonom Brodbeck
KARL-HEINZ BRODBECK ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Volkswirtschaftspolitik, Betriebsstatistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt und an der Hochschule für Wirtschaftspolitik in München.

Der Blick auf den Kontostand dominiert unser alltägliches Handeln. Durch das Streben nach immer mehr Geld glauben wir, ein wenig mehr Sicherheit zu erlangen und ein wenig weniger Angst um unser Geld haben zu müssen. Der Ökonom Karl-Heinz Brodbeck erklärt im Gespräch mit derStandard.at, warum Geld ein öffentliches Gut ist, nicht nur "böse Buben" die Herrschaft des Geldes aufrecht erhalten und man besser die "Häuslebauer" in den USA statt der Banken hätte retten sollen.

derStandard.at: Im Moment wird wieder einmal berechnet, wie viel uns die Wirtschafts- und Finanzkrise gekostet hat. Wir kriegen Zahlen mit etlichen Nullen vorgesetzt, bei denen wir nicht einmal mehr wissen, wie sie heißen. Was bringen uns diese Berechnungen eigentlich?

Karl-Heinz-Brodbeck: Die Vorstellung krankt schon daran, dass wir gar nicht wissen, wie viel Geld in welcher Form vorher da war. Geldmenge ist ein sehr schwammiger Begriff. Das ist eine Sache, die die Zentralbanken am eigenen Leib erfahren mussten. Alan Greenspan hat nach 19 Jahren als Fed-Vorstand zugegeben, dass es nicht möglich ist, die Geldmenge korrekt bzw. überhaupt zu erfassen. Damit sagt er, dass die wichtigste Aufgabe des Chefs der größten Notenbank der Welt, nämlich die Geldmengenkontrolle, gar nicht möglich war und ist. Die wirksame Geldmenge einer Volkswirtschaft hängt z.B. von der Umlaufgeschwindigkeit ab. Diese ist keineswegs so konstant, wie von monetaristischen Theorien gerne unterstellt wird. Wenn die Wirtschaft brummt und eine Milliarde schnell umläuft, dann kann da ein Vielfaches an wirksamer Geldmenge entstehen, als wenn die verschiedenen Wirtschaftssubjekte beim Geldausgeben eher zurückhaltend sind. Außerdem gibt es sehr viele geldnahe Titel, wie zum Beispiel Aktien oder Anleihen, bei denen die Übergänge zum Papiergeld gleitend sind. Auch die Finanzprodukte galten vor der Krise als geldnah. Sie waren äußerst leicht verkäuflich am Markt, waren wie Bargeld. Nach der Krise ist der Zweifel....

Montag, November 22, 2010

"Harakiri, wenn alle die Etats zusammenprügeln"

der Standard.at
ITV Uno-Ökonom Flassbeck
"Harakiri, wenn alle die Etats zusammenprügeln"
von Regina Bruckner

Warum nur steigende Löhne die Eurozone retten, die Fed gut daran tut, Geld zu drucken und Defizite nicht das Hauptproblem sind erklärt Uno-Ökonom Heiner Flassbeck

Heiner Flassbeck ist einer der umstrittensten und streitbarsten Ökonomen Deutschlands. Der studierte Volkswirt ging 1986 zum Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und stellte sich dort mit seinem keynesianischen Ansatz mehr und mehr gegen den Mainstream. Flassbeck etablierte sich als heftiger Kritiker deregulierter Märkte, denen er den Zusammenbruch voraussagte. Der heutige US-Finanzminister Timothy Geithner nannte ihn deshalb einst "Fürst der Dunkelheit". Der damalige Finanzminister Oskar Lafontaine holte den Ökonomen 1998 als Staatssekretär in sein Ministerium. Im Interview erklärt er warum nur steigende Löhne die Eurozone retten können, die Fed recht daran tut, die Geldpresse anzuwerfen und Haushaltsdefizite nicht Europas Hauptproblem sind.

derStandard.at: Herr Flassbeck, im März 2009 stellte man Ihnen folgende Frage: "Die USA werfen jetzt die Geldpresse an und kaufen Staatsanleihen auf. Ist das eine Verzweiflungstat?" Jetzt kann ich Ihnen dieselbe Frage wieder stellen.

Heiner Flassbeck: Es ist eine erneute Verzweiflungstat. Es ist in den USA offensichtlich notwendig, noch einmal diese Maßnahme anzuwenden, weil die Konjunktur nicht so angesprungen ist, wie man sich das gewünscht hat. Was wir erleben, ist die Auswirkung hoher Arbeitsmarktflexibilität in den USA, die ja immer gelobt wird, vor allem von konservativen Seiten in Europa, die sich aber jetzt in der Krise als äußerst problematisch erweist. Die Krise dauert jetzt schon lange an und wurde selbst mit massiven staatlichen Maßnahmen nicht überwunden. Dadurch tritt ein Problem ein, das man mit Lohndeflation bezeichnen könnte.

derStandard.at: Sie meinen die stagnierenden Löhne?

Flassbeck: Ja, Japan hatte am Ende seiner großen Blase Ende der 1980er-Jahre ein ähnliches Problem. Dauert die Arbeitslosigkeit lange, sinken die Löhne immer weiter. Eine Volkswirtschaft wie die USA, die wenig exportiert und viel eigene Nachfrage braucht, gerät dann in die Lage, dass die Leute ihre Erwartungen systematisch nach unten schrauben, weil sie nicht mehr glauben, dass ihre Einkommen in absehbarer Zukunft steigen. Das ist die gefährlichste Lage, in die man kommen kann, denn diese Erwartungsstagnation kann man nur noch mit gewaltigen Nachfrageprogrammen des Staates überwinden. Das wird aber auch mit dem jetzt gewählten Kongress in den USA überhaupt....

Samstag, November 20, 2010

Nichts ist ohne Alternative – auch nicht der Kapitalismus

Tages-Anzeiger Online 18.11.2010

Nichts ist ohne Alternative – auch nicht der Kapitalismus

Von Lukas Bärfuss.
Es stehe kein anderer Weg zur Verfügung als die Marktwirtschaft und die Globalisierung, heisst es. Das ist blosse Ideologie, meint der Schriftsteller Lukas Bärfuss.
Mord und Vertreibung sind nicht kompliziert: Flüchtlinge im Kongo, wo das grösste Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg stattfindet.
Mord und Vertreibung sind nicht kompliziert: Flüchtlinge im Kongo, wo das grösste Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg stattfindet.
Lukas Bärfuss, 38, lebt als Schriftsteller in Zürich. Er schreibt Theaterstücke («Die sexuellen Neurosen unserer Eltern», «Der Bus», «Malaga») und Prosa, zuletzt den Roman «Hundert Tage» über die Verstrickung der Schweiz in den Völkermord in Ruanda. Der vorliegende Text ist eine Rede, die Bärfuss am 15. November, dem «Writers-in-Prison-Day», im Literaturhaus Zürich gehalten hat, im Beisein des Journalisten Déo Namujimbo,der über die Ausbeutung des Kongo berichtete und deshalb mit dem Tode bedroht wird. Der «Writers-in-Prison-Day» erinnert alljährlich an Schriftsteller, die wegen ihrer Ansichten oder Schriften verfolgt werden.

Über den Begriff «Freiheit» nachzudenken, dazu öffentlich und in Gegenwart eines Autors wie Déo Namujimbo, der in seiner Heimat Kongo verfolgt und mit dem Tod bedroht wird, muss einen Schweizer Schriftsteller in Verlegenheit stürzen, und das hat einen bestimmten Grund.
Vor zwanzig Jahren befand sich Friedrich Dürrenmatt in einer vergleichbaren Situation, als er seine berühmteste Rede hielt, die Rede zur Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises an den tschechischen Schriftsteller und Staatspräsidenten Vaclav Havel. Bei jener Gelegenheit formulierte Dürrenmatt eine Metapher, die die Diskussion über Freiheit...

Donnerstag, November 18, 2010

Die Zeit: Finanzmarkt Kein Geld ohne Leistung

ZEIT ONLINE
Finanzmarkt Kein Geld ohne Leistung

Die Banken sollen nicht Herren, sondern Diener der Realwirtschaft sein: HSG-Professor Philippe Mastronardi fordert einen drastischen Umbau der Finanzmärkte.

Philippe Mastronardi ist Ordinarius für Öffentliches Recht an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsgebiete sind Staatsrecht, Demokratietheorie und Rechtstheorie.

Von: Peer Teuwsen
Datum: 19.10.2010

DIE ZEIT: Herr Mastronardi, was ist Geld?

Philippe Mastronardi: Geld ist dieses Zahlungsmittel, das wir brauchen, um keine Tauschwirtschaft zu sein. Damit Sie mir nicht Ihre Kleider geben müssen, um von mir Brot zu bekommen. Nur so kann die Arbeitsteilung unter Fremden funktionieren. Geld hat eine enorme Bedeutung bekommen.

ZEIT: Hat es eine Macht über uns entwickelt, die wir nicht mehr kontrollieren können?

Mastronardi: Ja. Die Geldmenge wächst sehr viel stärker als die Realwirtschaft. Und zwar, je nach Vergleichsbasis, um das Vier- bis Achtfache. Geld wird also nicht mehr geschöpft zur Deckung der Bedürfnisse unserer Realwirtschaft, sondern zur Schaffung von maximalverzinslichen Geldanlagen. Es hat sich ein Geldmarkt mit Finanzprodukten entwickelt, der gar nichts Reales produziert. Aber die hohen Zinsen, die man mit diesen Finanzprodukten erzielen kann, wurden zum Maßstab für die Realwirtschaft. Eine Firma, die Schuhe produziert, muss so viel Rendite abwerfen wie eine Bank oder ein Börsenprodukt. Der irreale Finanzmarkt steuert damit die realen Märkte.

ZEIT: Wird sich die Geldmenge nicht verringern durch die verschärften Eigenmittelvorschriften, die Basel III und auch die Expertengruppe des Bundesrates vorsehen?

Mastronardi: Es gibt da zwei Probleme, ein technisches und ein grundsätzliches. Was Basel III und die Expertengruppe vorschlagen, beruht auf einer Risikoeinschätzung, welche die Banken teilweise selber vornehmen. Wir sind also wieder so weit wie vor der Finanzkrise: Wir sind abhängig von der Risikoeinschätzung der Banken und Ratingagenturen. Man erfasst künftig wohl ähnliche Krisen besser, aber unvorhergesehene Risiken sind da nicht abgesichert. Und es werden andere Krisen kommen. Das ist das technische Problem. Nun aber zum Grundsätzlichen: Wir behalten das bisherige Aufsichtsmodell bei, obwohl es versagt hat. Das heißt, wir behandeln den Finanzmarkt immer...

Dienstag, November 16, 2010

«Obama hat die Zügel im Nahen Osten schleifen lassen»

10. November 2010, 16:02, NZZ Online
«Obama hat die Zügel im Nahen Osten schleifen lassen»
Jimmy Carter im Gespräch mit der NZZ

Als langjähriger Vermittler im Nahen Osten weilt der ehemalige amerikanische Präsident Carter dieser Tage in der Schweiz. In einem Interview nimmt er pointiert Stellung zu den Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Frieden.

Präsident Carter, Sie waren kürzlich erneut auf einer ausgedehnten Reise durch den Nahen Osten, die palästinensischen Gebiete inbegriffen. Wie lautet die Bilanz dieser Reise?
Wir konzentrierten uns auf die Situation der Palästinenser, und diese kann man nur als bedenklich bezeichnen. Dies gilt sogar für jene, die in Israel selbst leben und einen israelischen Pass haben. Wir haben insgesamt 35 Gesetze gefunden, die sich diskriminierend auf sie auswirken. Sie umschliessen fast alle Lebensbereiche bis hin zu Heiratsbestimmungen. Wesentlich stärker unter Druck sind jene Palästinenser, die im israelisch besetzten Ost-Jerusalem wohnen. Sie habe praktisch keine Möglichkeit mehr, an einer normalen sozialen Entwicklung teilzunehmen. Sie erhalten nur gerade einen Bruchteil jener Mittel, die den jüdischen Einwohnern zur Verfügung gestellt werden. Man diskriminiert sie systematisch. Dies gilt in ähnlichem Ausmass auch für die Bewohner Cisjordaniens, auf deren Land sich mittlerweile über 300 000 jüdische Siedler festgesetzt haben.
Am schlimmsten aber ist die Lage im Gazastreifen, wo rund anderthalb Millionen Menschen wie in einem Käfig leben. Da die Israeli eine fast totale Blockade aufrechterhalten, ist eine nachhaltige Linderung der Not praktisch unmöglich. An einen Wiederaufbau oder gar eine wirtschaftliche Entwicklung ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Man muss sich vor Augen halten, dass rund die Hälfte der Bevölkerung minderjährig ist.

Am Dienstag kündigte die israelische Regierung den Bau weiterer 1300 Wohnungen in Ost-Jerusalem an. Präsident Obama reagierte mit der Bemerkung, dies sei nicht hilfreich. Wie schätzen Sie die Haltung der amerikanischen Regierung ein?
Nun, mit seiner Kairoer Rede nach seiner Wahl hatte Obama sehr grosse Hoffnungen im gesamten Nahen Osten geweckt. Er bezeichnete damals die jüdische Siedlungstätigkeit als illegal und als Haupthindernis für einen Frieden. Das war eine deutliche Sprache. Aber seither hat er die Zügel fahren lassen und nicht einmal mehr versucht, die direkten Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern zu beeinflussen. Die israelische Weigerung, den befristeten Siedlungsstopp zu verlängern, hat zum Stillstand des Prozesses geführt. Wir haben bei unseren Gesprächen im Nahen Osten die fast einhellige Meinung getroffen, dass eine Fortsetzung der Gespräche unter diesen Bedingungen sinnlos sei.

Woran liegt es, dass sich die amerikanische Nahostpolitik so stark an den israelischen Bedürfnissen orientiert? Könnten die USA nicht mehr Druck ausüben?
Da ist zunächst einmal die ausserordentlich starke Israel-Lobby in den USA. Ihr Einfluss ist gross. Es besteht unter den Amerikanern aber auch der Glaube, Israel sei eine echte Demokratie, die einzige im Nahen Osten. Kommt hinzu die militärische Bedeutung Israels für die USA. Diese nimmt ständig zu. Die Araber hingegen werden noch immer mit Misstrauen beobachtet, obwohl einige der saubersten Wahlen der letzten Jahre gerade bei den Palästinensern stattgefunden haben.
Interview: Jürg Dedial

Montag, November 15, 2010

Die Zukunft liegt im Urin

7. November 2010, NZZ am Sonntag
Die Zukunft liegt im Urin

Aus dem Harn des Menschen gewinnen Schweizer Forscher Phosphor
In fünfzig Jahren könnte der Nährstoff Phosphor erschöpft sein.
Patrick Imhasly

Viele Leute denken mit einem Schaudern an den Tag in nicht allzu weiter Ferne, an dem der letzte Tropfen Erdöl gefördert sein wird. Doch möglicherweise geht ein anderer Rohstoff noch schneller zur Neige, der wichtiger ist als Erdöl und zu dem es keine Alternativen gibt: Phosphor.

Phosphor ist ein Nährstoff, auf den Pflanzen nicht verzichten können; auch in der Energieversorgung des menschlichen Körpers spielt er eine zentrale Rolle. Zur Verwendung als Pflanzendünger wird der Stoff in erster Linie im Bergbau aus phosphathaltigen Mineralien gewonnen. China, Marokko und die USA kontrollieren dabei den grössten Teil der weltweit verfügbaren Reserven. Manche Studien besagen, dass der sogenannte «Peak Phosphor» bereits um 2030 erreicht sein wird. Das ist der Zeitpunkt, wo die Fördermenge am grössten ist und dann stetig abnimmt. Zumindest die leicht abbaubaren Phosphorvorräte sollen in 50 bis 100 Jahren vollständig erschöpft sein.

Erste Erfahrungen in Nepal

«Solche Studien sind immer mit grossen Unsicherheiten behaftet», erklärt Kai Udert vom Eawag in Dübendorf, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs. «Man wird neue Vorkommen finden, und der wird sich nach hinten verschieben.» Trotzdem: Irgendwann ist Schluss. Und weil Phosphor unersetzlich ist, macht sich der Verfahrenstechniker

Freitag, November 12, 2010

Peak Oil liegt hinter uns

TELEPOLIS


Peak Oil liegt hinter uns

Craig Morris 11.11.2010

Jetzt ist es wohl offiziell - die Internationale Energieagentur (IEA) hat selbst zugegeben, dass die Förderung höchstens für einige Jahre stabil bleiben kann, bevor sie endgültig abrutscht

Vor wenigen Jahren war Peak Oil ein Thema für Skeptiker und Außenseiter. Auch wenn einige wenige prominente Insider die Alarmglocken mit geläutet haben (z.B. Matthew Simmons, s. Peak oil: Steigende Preise, sinkende Förderung (1)) , behaupteten BP, die IEA, und andere Industrieorganisationen immer brav und beruhigend, der Peak komme wohl erst in ein paar Jahrzehnten. Zum Beispiel meinte (2) die IEA erst 2009, dass Peak Oil frühestens 2020 erreicht werde.

Am Dienstag schlug die IEA im World Energy Outlook 2010 (3) jedoch überraschend einen neuen Ton an. Nun spricht die Organisation nicht nur offen von Peak Oil (die IEA nahm bisher den Begriff ungern in den Mund), sondern liefert gleich eine Grafik mit, die es in sich hat.

Peak-Oil. Grafik: IEA
Man sieht deutlich, dass das Fördervolumen leicht gesunken ist; die Ökonomen würden wohl auf den gesunkenen Verbrauch während der Wirtschaftskrise verweisen. Die Grafik zeigt aber etwas Beunruhigendes: Die Förderung wird offenbar nicht mehr leicht über das Niveau von 2003-2007 steigen, sondern sogar bald steil absinken. Nur wenn "noch nicht entwickelte Felder" bereits jetzt die Arbeit aufnehmen, können wir grob das heutige, leicht abgesunkene Niveau stabil halten - und das nur bis etwa 2015. Dann müssen "noch nicht gefundene Felder" hinzukommen. Sonst haben wir circa eine Generation später vielleicht nur die Hälfte der heutigen Produktion.
Für die Energy Watch Group aus Berlin, die auch seit Jahren vor Peak Oil warnt (4), gehen klare Handlungsempfehlungen aus der IEA-Studie hervor:
Sogar eine Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien ist innerhalb weniger Jahrzehnte möglich und insgesamt kostengünstiger als der weitere Verbrauch von Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran.
Recht haben sie – allerdings lehnen sich manche Befürworter der erneuerbaren Energien zu weit aus dem Fenster, wenn sie (wie die EWG) andeuten, die Erneuerbaren könnten das Erdöl ersetzen. Richtig ist, dass alle erneuerbaren Strom erzeugen, keinen flüssigen Treibstoff, bis auf die Biomasse, und es darf bezweifelt werden, dass so viel Biotreibstoff nachhaltig produziert werden kann, wie wir jetzt Erdöl verbrauchen. Auch die Atomkraft stellt deswegen keinen Ersatz dar. Es gab einfach keinen Ersatz für Öl als Treibstoff.
Das heißt, dass wir bald mit weniger Heizöl auskommen müssen, aber das geht ja - besser isolierte Gebäude, passive Wärme, Pelletöfen u.ä., und schließlich zur Not Elektroheizungen. Wärme ist nicht das Problem. Aber die Elektromobilität wird anders aussehen als unsere heutigen Autos, die quasi eine unbegrenzte Reichweite haben und innerhalb weniger Minuten vollgetankt werden können. Eine Fahrt von Berlin aus an die Atlantikküste bei Bordeaux mit Zelt und Familie im Kombi wird zunehmend schwierig.
Noch schwieriger wird die Schifffahrt. Und fast unmöglich der Luftverkehr. Dort sind keine Alternativen zum flüssigen, fossilen Treibstoff in Sicht. Machen Sie sich also auf stark steigende Ölpreise zu Ihren Lebzeiten gefasst.

Links

(1) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19966/1.html
(2) http://www.heise.de/tp/blogs/2/146734
(3) http://www.iea.org/w/bookshop/add.aspx?id=422
(4) http://www.energywatchgroup.org/Mitteilungen.26.0.html

Dienstag, November 09, 2010

Chinas skrupellose Jagd auf die Seltenen Erden

Tages Anzeiger Online
Chinas skrupellose Jagd auf die Seltenen Erden
Von Henrik Bork, Guotian.

Wie in China ganze Dörfer und Täler vergiftet werden, damit die Welt an Seltene Erden kommt – die Rohstoffe für iPhones und iPods.

In Südamerika gibt es Kokain, in China gibt es Seltene Erden. Wer nun meint, das eine habe nichts mit dem anderen zu tun, der sollte Guotian besuchen. Das Dorf liegt versteckt in den grünen Bergen der Provinz Guangdong. Mehr als dreihundert Kilometer und eine Reise mit der Zeitmaschine trennen es von der Provinzhauptstadt Guangzhou. Eben noch ein futuristischer Flughafen, Geschäftsleute in massgeschneiderten Anzügen. Hier Bauern mit nackten Beinen im Schlamm ihrer Reisfelder.

Illegale Mine

Doch in Guotian wird nicht nur Reis angebaut. Hier geht es auch ähnlich zu wie in der Hochburg eines kolumbianischen Drogenbarons. Nachts werden Säcke mit Chemikalien angeliefert, die zum Auswaschen des «Stoffs» gebraucht werden. Das fertige Produkt wird von Schmugglern abgeholt und zur Tarnung in harmlose Düngersäcke gestopft. Oberhalb des Dorfes steht ein gut bewachtes Anwesen. Auf seinem blauen Wellblechdach sind Videokameras montiert. Wachhunde schlagen an, finstere Typen sind zu sehen, die nicht aus Guotian stammen, und der Boss steigt in einen Mitsubishi-Jeep und rast davon.

Der Boss betreibt eine illegale Mine für Seltene Erden. Ein Hügel oberhalb des Dorfes, direkt über einem kleinen Stausee gelegen, wird im Tagebau abgetragen. Ohne Genehmigung, ohne Lizenz. Auf rund 20'000 Yuan werden die Produktionskosten für eine Tonne Seltene Erden geschätzt. Verkauft wird die Tonne für mehr als 1 Million Yuan. «Eine einzige solche Mine bringt einen Profit von 3 Millionen Yuan im Monat», schrieb die Zeitung «Nanfang Ribao», rund 400'000 Franken.

Chemikalien im Trinkwasser

Die Weltwirtschaft ist süchtig nach diesen 17 Metallen, deren Namen nur Spezialisten kennen. Dysprosium-Oxid wird fürs iPhone gebraucht. Lanthanum für Hybridmotoren. Thulium für Röntgengeräte. Satelliten, Raketenleitsysteme, Petroleumraffinerien – für alles werden Seltene Erden gebraucht. Seit China, das 97 Prozent des Weltbedarfs fördert, die Ausfuhr eingeschränkt hat, schiessen hier in den Bergen von Guangdong die Preise in die Höhe. Die grösste Mine für Seltene Erden, Bayan Obo, steht in Nordchina, wo mehr als ein Drittel des

Sonntag, November 07, 2010

The last of the Mohicans - Final scene