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Artikel,Gedanken, Ideen, Links und Kommentare plus etwas Musik sowie ab und an etwas zum Schmunzeln, aber mit einer politischen bzw. geo-politischen Tendenz. Deutsch und Englisch. Kommentare und Artikel von Lesern sind willkommen!
Articles, thoughts, ideas and comments plus some music and the odd joke, though with a political and geo-political bent. German and English. Readers are invited to submit articles and comments!
Samstag, September 19, 2009
Freitag, September 18, 2009
Lorenz Hilty: «Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Tages Anzeiger 17.09.2009
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr
Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.
Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.
Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.
Tages Anzeiger 17.09.2009
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr
Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.
Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.
Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.
Dennis Meadows sagt, es bräuchte mindestens zwei Erden, wenn alle Menschen unseren Lebensstandard leben wollten. Ist das Alarmismus des ewigen Wachstumskritikers?
Überhaupt nicht. Er ist ja nicht allein mit seiner Meinung. Auch der renommierte Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker sagt das. Wir haben 1980 40 Milliarden Tonnen fossile Brennstoffe, Metallerze, Baumaterialien und Biomasse verbraucht. Nach Uno-Schätzungen sind wir auf dem Weg zu einer Verdoppelung dieses jährlichen Materialflusses bis 2020. Wir leben heute schon über unsere Verhältnisse. Das werden die nächsten Generationen spüren.
Vermutlich haben wir bereits den Ölpeak erreicht. Wie steht es mit anderen bedeutenden Rohstoffen wie etwa den Metallen?
Es gibt Metalle, die seltener als zum Beispiel Kupfer vorkommen und deren Bedarf durch den technischen Fortschritt enorm gestiegen ist. Zum Beispiel Tantal. Ohne dieses Metall für die Elektronik gäbe es kein Handy. Indium braucht man, um Flachbildschirme zu produzieren.
Würden diese beiden Metalle ausgehen, hätten wir also ein Problem mit der Telekommunikation?
Nach dem heutigen technischen Stand ja. Es gibt allerdings kein plötzliches Ende solcher Ressourcen, sondern der Abbau wird einfach aufwändiger, wenn man zu weniger günstigen Lagerstätten übergeht. Mit höherem Energieaufwand kann man auch diese abbauen. Das ist aber paradox, weil wir vor dem Hintergrund des Klimaschutzes ja den Energieverbrauch reduzieren sollten. Energie- und Ressourcenmanagement hängen eng zusammen. Aus energetischen Gründen können wir uns auch keinen beliebig grossen Aufwand beim Recycling leisten.
Ist Indium nicht auch ein wichtiges Metall bei der Produktion von Solarzellen?
Ja. Aber die Hälfte der Jahresförderung wird heute für die Produktion von Computer- und Fernsehbildschirmen verwendet. Vielleicht werden wir das eines Tages bedauern, wenn wir viel mehr Indium nutzen wollen, um Strom aus Sonnenlicht zu gewinnen.
Trotz der Verknappung - warum sind die Preise für Indium und andere seltene Metalle nicht höher?
Der Markt nimmt nur wahr, was gehandelt wird. Dass dabei die Reserven kontinuierlich kleiner werden, ist nicht Teil des ökonomischen Systems. In den Kostenberechnungen sind die schlechten Arbeitsbedingungen in den Erzminen, die enorme Umweltverschmutzung und die sozialen Kosten nicht enthalten. Tantal zum Beispiel ist in Verruf geraten, weil man im Kongo mit den Einnahmen aus dem Tantalhandel den Bürgerkrieg finanziert hatte.
Die Rohstoffe sind also viel zu billig?
Auf jeden Fall. Wenn der Markt die physikalische Knappheit wahrnehmen würde, dann würde der Preis für die Rohstoffe deutlicher ansteigen, und der Anreiz für neue Innovationen, zum Beispiel für effizientere Technologien mit weniger Materialeinsatz, wäre bedeutend grösser.
Mit Recycling könnte man doch einen grossen Teil des Rohstoffes zurückgewinnen.
Recycling ist eine gute Option. Wir arbeiten im Elektronikschrottrecycling mit Schwellenländern in Asien, Afrika und Lateinamerika zusammen, um gute Lösungen zu entwickeln. Allerdings werden derzeit die sogenannten Gewürzmetalle, die nur in kleinen Mengen benötigt werden wie Indium, nicht rezykliert.
Der deutsche Umweltchemiker Michael Braungart sagt, die Industrie sei für Produkte verantwortlich, die 1:1 rezyklierbar sind. Dann hätten wir kein Ressourcenproblem.
In der Tat sollten wir keinen Unterschied machen zwischen Rohstoff und Abfall. Das Material eines Produkts hätte am Ende des Produktlebens einen bedeutend geringeren Wertverlust, wenn es leichter rezyklierbar wäre und so wieder zum Rohstoff würde. Wenn der Produzent die alten Geräte direkt wieder zurücknehmen müsste, dann wäre er interessiert an der Werterhaltung des Materials.
Ist Braungarts Forderung vom vollständig rezyklierbaren Design nicht eine Utopie?
Das Problem hat physikalische Gründe. Je mehr verschiedene Materialien der Hersteller vermischt, desto mehr Energie muss man aufwenden, um die Bestandteile des Produkts wieder zu trennen. Das ist ein Naturgesetz. Das heisst, man muss künftig die Materialvielfalt reduzieren und die einzelnen Bestandteile so verbinden, dass sie mit wenig energetischem Aufwand wieder getrennt werden können. Aber ich möchte nicht nur über Recycling sprechen, intelligente Kommunikationssysteme sind genau so effektiv, um Ressourcen zu sparen.
Zum Beispiel?
Die klassische Werbung ist doch ein Energieverschleiss. Unmengen von Plakaten und Massenversand braucht es, damit ein Produkt in der Fülle der Informationen auffällt. Google zum Beispiel macht gezieltere, energetisch günstigere Werbung. Wenn etwa ein User nach dem Stichwort «Versicherung» sucht, werben auf der Ergebnisseite einzelne Versicherungen. Der Punkt ist, dass mich Google nur dann mit Werbung eindeckt, wenn ich spezifisch daran interessiert bin. Ein anderes Beispiel: Hörsäle sind geheizt, auch wenn wochenlang keine Vorlesung stattfindet. Wieso wird nicht die elektronische Agenda für die Raumbelegung mit dem Informationssystem der Heizung gekoppelt? Wir haben viel zu viele Inselsysteme, die keine Informationen austauschen, obwohl man auf diese Weise viel Energie sparen könnte. Die Ressourcen, die man für besser integrierte Informations- und Kommunikationssysteme braucht, wären gut investiert.
Bleibt noch der Konsument, der sich ändern kann und Produkte länger behält.
Wir sind Vorbilder, gerade für den armen Teil der Weltbevölkerung. Wir sollten sparsamer und genügsamer leben. Ich fahre kein Auto und lebe in dieser Hinsicht bewusst. Leider nützt das aber nicht viel. Denn wer Rohstoffe abbaut, der will sie loswerden. Wenn die Nachfrage zurückgeht, drückt das auf die Preise. Ein gutes Beispiel ist das Papierrecycling. Mit dem Aufkommen des Recyclings fiel bei den Frischfaserlieferanten der Umsatz. Die Konsequenz: Die Preise sind heute tief, und Frischfasern werden insgesamt mehr verbraucht als vor dem flächendeckenden Recycling.
Das klingt nicht sehr vielversprechend für die Zukunft.
Eine mögliche Lösung wäre ein anderes Steuersystem. Es braucht keine Ökosteuer. Heute zahlen wir Mehrwertsteuer für die Wertschöpfung, die bei der Umwandlung eines Rohstoffes in ein Produkt stattfindet. Das ist der falsche Ansatz. Statt der Wertschöpfung am Ende der Produktionskette sollte man den Abbau von Rohstoffen am Anfang der Kette besteuern. Dann würde sich die Welt schlagartig ändern, es würden Innovationen gefördert, die viel weniger Material verschleissen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.09.2009, 10:24 Uhr
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr
Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.
Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.
Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.
Tages Anzeiger 17.09.2009
«Auf jeden Fall, Rohstoffe sind viel zu billig»
Aktualisiert um 10:51 Uhr
Der Markt reagiert nicht auf die sinkenden Rohstoff-Reserven. So würden Innovationen gebremst, warnt Empa-Forscher Lorenz Hilty. Die Rohstoffpreise seien viel zu tief.
Alu, Cadmium, Cerium, Chrom, Cobald, Kupfer, Europium, Gadolinium, Gallium, Gold, Indium, Eisen, Lanthan, Blei, Magnesium, Mangan, Molybdenum, Neodynium, Nickel, Palladium, Praesodynium, Platin, Rhodium, Rhenium, Silber, Tantal, Tellurium, Zinn, Zink, Zirkonium: Was in einem LCD-Monitor enthalten ist.
Lorenz Hilty ist Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen. Er ist Mitorganisator des World Resources Forum in Davos, das gestern zu Ende ging.
Dennis Meadows sagt, es bräuchte mindestens zwei Erden, wenn alle Menschen unseren Lebensstandard leben wollten. Ist das Alarmismus des ewigen Wachstumskritikers?
Überhaupt nicht. Er ist ja nicht allein mit seiner Meinung. Auch der renommierte Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker sagt das. Wir haben 1980 40 Milliarden Tonnen fossile Brennstoffe, Metallerze, Baumaterialien und Biomasse verbraucht. Nach Uno-Schätzungen sind wir auf dem Weg zu einer Verdoppelung dieses jährlichen Materialflusses bis 2020. Wir leben heute schon über unsere Verhältnisse. Das werden die nächsten Generationen spüren.
Vermutlich haben wir bereits den Ölpeak erreicht. Wie steht es mit anderen bedeutenden Rohstoffen wie etwa den Metallen?
Es gibt Metalle, die seltener als zum Beispiel Kupfer vorkommen und deren Bedarf durch den technischen Fortschritt enorm gestiegen ist. Zum Beispiel Tantal. Ohne dieses Metall für die Elektronik gäbe es kein Handy. Indium braucht man, um Flachbildschirme zu produzieren.
Würden diese beiden Metalle ausgehen, hätten wir also ein Problem mit der Telekommunikation?
Nach dem heutigen technischen Stand ja. Es gibt allerdings kein plötzliches Ende solcher Ressourcen, sondern der Abbau wird einfach aufwändiger, wenn man zu weniger günstigen Lagerstätten übergeht. Mit höherem Energieaufwand kann man auch diese abbauen. Das ist aber paradox, weil wir vor dem Hintergrund des Klimaschutzes ja den Energieverbrauch reduzieren sollten. Energie- und Ressourcenmanagement hängen eng zusammen. Aus energetischen Gründen können wir uns auch keinen beliebig grossen Aufwand beim Recycling leisten.
Ist Indium nicht auch ein wichtiges Metall bei der Produktion von Solarzellen?
Ja. Aber die Hälfte der Jahresförderung wird heute für die Produktion von Computer- und Fernsehbildschirmen verwendet. Vielleicht werden wir das eines Tages bedauern, wenn wir viel mehr Indium nutzen wollen, um Strom aus Sonnenlicht zu gewinnen.
Trotz der Verknappung - warum sind die Preise für Indium und andere seltene Metalle nicht höher?
Der Markt nimmt nur wahr, was gehandelt wird. Dass dabei die Reserven kontinuierlich kleiner werden, ist nicht Teil des ökonomischen Systems. In den Kostenberechnungen sind die schlechten Arbeitsbedingungen in den Erzminen, die enorme Umweltverschmutzung und die sozialen Kosten nicht enthalten. Tantal zum Beispiel ist in Verruf geraten, weil man im Kongo mit den Einnahmen aus dem Tantalhandel den Bürgerkrieg finanziert hatte.
Die Rohstoffe sind also viel zu billig?
Auf jeden Fall. Wenn der Markt die physikalische Knappheit wahrnehmen würde, dann würde der Preis für die Rohstoffe deutlicher ansteigen, und der Anreiz für neue Innovationen, zum Beispiel für effizientere Technologien mit weniger Materialeinsatz, wäre bedeutend grösser.
Mit Recycling könnte man doch einen grossen Teil des Rohstoffes zurückgewinnen.
Recycling ist eine gute Option. Wir arbeiten im Elektronikschrottrecycling mit Schwellenländern in Asien, Afrika und Lateinamerika zusammen, um gute Lösungen zu entwickeln. Allerdings werden derzeit die sogenannten Gewürzmetalle, die nur in kleinen Mengen benötigt werden wie Indium, nicht rezykliert.
Der deutsche Umweltchemiker Michael Braungart sagt, die Industrie sei für Produkte verantwortlich, die 1:1 rezyklierbar sind. Dann hätten wir kein Ressourcenproblem.
In der Tat sollten wir keinen Unterschied machen zwischen Rohstoff und Abfall. Das Material eines Produkts hätte am Ende des Produktlebens einen bedeutend geringeren Wertverlust, wenn es leichter rezyklierbar wäre und so wieder zum Rohstoff würde. Wenn der Produzent die alten Geräte direkt wieder zurücknehmen müsste, dann wäre er interessiert an der Werterhaltung des Materials.
Ist Braungarts Forderung vom vollständig rezyklierbaren Design nicht eine Utopie?
Das Problem hat physikalische Gründe. Je mehr verschiedene Materialien der Hersteller vermischt, desto mehr Energie muss man aufwenden, um die Bestandteile des Produkts wieder zu trennen. Das ist ein Naturgesetz. Das heisst, man muss künftig die Materialvielfalt reduzieren und die einzelnen Bestandteile so verbinden, dass sie mit wenig energetischem Aufwand wieder getrennt werden können. Aber ich möchte nicht nur über Recycling sprechen, intelligente Kommunikationssysteme sind genau so effektiv, um Ressourcen zu sparen.
Zum Beispiel?
Die klassische Werbung ist doch ein Energieverschleiss. Unmengen von Plakaten und Massenversand braucht es, damit ein Produkt in der Fülle der Informationen auffällt. Google zum Beispiel macht gezieltere, energetisch günstigere Werbung. Wenn etwa ein User nach dem Stichwort «Versicherung» sucht, werben auf der Ergebnisseite einzelne Versicherungen. Der Punkt ist, dass mich Google nur dann mit Werbung eindeckt, wenn ich spezifisch daran interessiert bin. Ein anderes Beispiel: Hörsäle sind geheizt, auch wenn wochenlang keine Vorlesung stattfindet. Wieso wird nicht die elektronische Agenda für die Raumbelegung mit dem Informationssystem der Heizung gekoppelt? Wir haben viel zu viele Inselsysteme, die keine Informationen austauschen, obwohl man auf diese Weise viel Energie sparen könnte. Die Ressourcen, die man für besser integrierte Informations- und Kommunikationssysteme braucht, wären gut investiert.
Bleibt noch der Konsument, der sich ändern kann und Produkte länger behält.
Wir sind Vorbilder, gerade für den armen Teil der Weltbevölkerung. Wir sollten sparsamer und genügsamer leben. Ich fahre kein Auto und lebe in dieser Hinsicht bewusst. Leider nützt das aber nicht viel. Denn wer Rohstoffe abbaut, der will sie loswerden. Wenn die Nachfrage zurückgeht, drückt das auf die Preise. Ein gutes Beispiel ist das Papierrecycling. Mit dem Aufkommen des Recyclings fiel bei den Frischfaserlieferanten der Umsatz. Die Konsequenz: Die Preise sind heute tief, und Frischfasern werden insgesamt mehr verbraucht als vor dem flächendeckenden Recycling.
Das klingt nicht sehr vielversprechend für die Zukunft.
Eine mögliche Lösung wäre ein anderes Steuersystem. Es braucht keine Ökosteuer. Heute zahlen wir Mehrwertsteuer für die Wertschöpfung, die bei der Umwandlung eines Rohstoffes in ein Produkt stattfindet. Das ist der falsche Ansatz. Statt der Wertschöpfung am Ende der Produktionskette sollte man den Abbau von Rohstoffen am Anfang der Kette besteuern. Dann würde sich die Welt schlagartig ändern, es würden Innovationen gefördert, die viel weniger Material verschleissen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.09.2009, 10:24 Uhr
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Mittwoch, September 16, 2009
Dienstag, September 15, 2009
NZZ: China lässt die Muskeln spielen
13. September 2009, NZZ am Sonntag
China lässt die Muskeln spielen
Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken
Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.
Daniel Puntas Bernet
Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen....
13. September 2009, NZZ am Sonntag
China lässt die Muskeln spielen
Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken
Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.
Daniel Puntas Bernet
Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen hat Wang Caifeng, Rohstoff-Direktor des chinesischen Industrieministerium, einen Satz geäussert, der Firmenchefs auf der ganzen Welt in Aufregung versetzte: «Es könnte sein, dass wir künftig diese Rohstoffe nicht ausreichend liefern können.» Eine weiche Formulierung für eine gleichzeitig angekündigte massive Exportbeschränkung.
Die Aufregung ist durchaus berechtigt. China förderte letztes Jahr 124 000 Tonnen REE, 95% dessen, was weltweit verwendet wird. Auch wenn die Menge im Verhältnis zu Eisenerz, Kupfer oder Aluminium fast verschwindend klein ist: Bei keinem anderen Rohstoff ist die Abhängigkeit von einem einzigen Land grösser als bei den seltenen Metallen, die in fast allen modernen technischen Geräten vorhanden sind. «Die Welt kann ohne Mobiltelefone, Autos und Fernseher nicht mehr sein. Ausserdem spielen die Metalle eine entscheidende Rolle bei der Herstellung grüner Technologien», sagte Wang Caifeng gegenüber chinesischen Medien, für den Fall, dass die Bedeutung der angekündigten Massnahmen nicht deutlich genug zu Tage getreten wäre.
Kein Prius ohne Lanthan
Vor allem für die Herstellung der globalen Hoffnungsträger im Kampf gegen CO 2 -Emissionen sind Chinas Rohstoffe zentrale Zutaten – eine Verknappung käme einer starken Einschränkung bei der Entwicklung alternativer Energien gleich. Beschichtungen von Solarzellen enthalten ebenso seltene Substanzen wie Katalysatoren oder Elektromotoren. In jedem Hybridmotor von Toyota stecken 1 Kilogramm Neodym und 15 Kilogramm Lanthan, und sobald die nächste Generation auf den Markt kommt, gar doppelt so viel. Die Generatoren von Windturbinen wiederum enthalten mehrere hundert Kilo Dysprosium. «Diese Stoffe ermöglichen eine maximale magnetische Wirkung in Kombination mit hoher Korrosionsbeständigkeit», sagt Christoph Bolliger von der Zürcher Firma Bomatec, Zulieferer für Windturbinen-Generatoren. «Ohne die Metalle wäre die derzeitige Energieeffizienz von Wind oder Hybridmotoren nicht zu haben.» Von den Ausfuhrrestriktionen ist Bomatec nicht betroffen, die Firma bezieht die fertigen Magnete aus China – was ganz im Sinn der chinesischen Industriepolitik ist, die darauf abzielt, die Wertschöpfungskette weitgehend im eigenen Land zu behalten.
Anders bei der Firma Vacuumschmelze aus Hanau bei Frankfurt, dem einzigen Hersteller von Magneten in Europa und Importeur von REE. «Die chinesische Ankündigung könnten auch marketingtechnische Gründe haben. Weil der Absatz dieses Jahr wegen der Krise ins Stocken kam, versuchen einige der Minengesellschaften, dadurch die Nachfrage zu forcieren», sagt Geschäftsleitungsmitglied Bernd Schleede. Ein Versiegen der Metalleinfuhren aus China hätte für das Frankfurter Unternehmen existenzbedrohende Folgen. Das sieht auch Japan so, wo Wang Caifengs Statement die höchsten Wellen warf. Spitzenreiter im Verbrauch der Metalle ist der Toyota Prius. Angesichts der Pläne von Toyota, ab 2010 den hybrid betriebenen Prius weltweit jährlich eine Million Mal zu verkaufen, hat die Sicherstellung der Metalle strategische Bedeutung erlangt.
Mitsubishi und Toyota schlossen kürzlich Joint Ventures mit brasilianischen und kanadischen Firmen ab, und ein nationales Forschungsteam lässt Satelliten über Botswana kreisen, wo nach Vorkommen Ausschau gehalten wird. Denn im Gegensatz zum Namen kommen die Metalle der seltenen Erden auf der ganzen Welt häufig vor, nur haben es andere Länder unterlassen, in ihre Förderung zu investieren, was der hauptsächliche Grund für Chinas Quasimonopol ist.
Alles andere als grün
Erst seit die Chinesen nämlich mit viel billigeren Fördermethoden die Preise für REE in den Keller drückten (Neodym notierte beispielsweise Anfang der neunziger Jahre noch bei 50 $ pro Kilogramm, bevor es auf 5 $ einbrach), mussten weltweit andere Minengesellschaften den Betrieb einstellen, weil die Produktion unprofitabel wurde. Die Fördermethoden des unentberlichen Metalls grüner Technologien sind zudem alles andere als grün: Um 1 Tonne der Metalle zu gewinnen, kann es vorkommen, dass 2000 Tonnen Erde bewegt werden müssen. Und anders denn als Umweltverschmutzung kann laut vielen Experten die chinesische Billigförderung nicht bezeichnet werden: «Chemie auf den Berg schütten und unten die herausgeschwemmten Metalle auffangen», fasst ein Branchenkenner die ökologisch bedenkliche Methode zusammen. Es könnte sein, dass gerade höhere Umweltstandards in China zum Rückgang der Produktion in diesem Jahr geführt haben.
Der Preis für Neodym liegt wieder bei knapp 20 $, doch die Aussichten auf eine steigende Nachfrage in Verbindung mit den Ausfuhrrestriktionen Chinas lassen die Minen in Kanada und Australien ihre Bagger wieder auffahren. Das US-Unternehmen Molycorp Minerals will in Kalifornien die stillgelegte Mountain Pass Mine wieder in Betrieb nehmen, das grösste bekannte Vorkommen an REE ausserhalb Chinas.
Zu den Gewinnern der Umstände gehört die kanadische Explorationsfirma Avalon. Die Firma besitzt Schürfrechte am Thor Lake im Nordwesten Kanadas – laut Avalon-Geschäftsführer Don Bubar «eine wahre Goldgrube». Ab 2013 werden dort Tantal, Lithium und Niobium gefördert. «Die meisten unterschätzen REE noch – aber das wird sich schnell ändern», warb Bubar im Sommer 2008 auf der Suche nach neuen Investoren. Avalons Aktienkurs hat sich seit letztem Juni und nach Wang Caifengs Rede verfünffacht.
China lässt die Muskeln spielen
Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken
Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.
Daniel Puntas Bernet
Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen....
13. September 2009, NZZ am Sonntag
China lässt die Muskeln spielen
Der grösste Produzent von seltenen Metallen will den Export in den Westen einschränken
Ohne ausgefallene Materialien können weder iPods noch Flachbildschirme hergestellt werden. Hersteller alternativer Energien sind von Chinas Quasimonopol am stärksten bedroht.
Daniel Puntas Bernet
Neodym, Lanthan, Terbium, Dysprosium, Scandium: Metalle, von denen man nicht jeden Tag hört, die aber bald in aller Munde sein dürften. Denn die fünf gehören zusammen mit zwölf weiteren zu den sogenannten Metallen der seltenen Erden (Rare Earth Elements/REE), allesamt Rohstoffe, die in iPods, Automotoren, Windturbinen, Stromsparlampen oder Flachbildschirmen stecken. Vor wenigen Tagen hat Wang Caifeng, Rohstoff-Direktor des chinesischen Industrieministerium, einen Satz geäussert, der Firmenchefs auf der ganzen Welt in Aufregung versetzte: «Es könnte sein, dass wir künftig diese Rohstoffe nicht ausreichend liefern können.» Eine weiche Formulierung für eine gleichzeitig angekündigte massive Exportbeschränkung.
Die Aufregung ist durchaus berechtigt. China förderte letztes Jahr 124 000 Tonnen REE, 95% dessen, was weltweit verwendet wird. Auch wenn die Menge im Verhältnis zu Eisenerz, Kupfer oder Aluminium fast verschwindend klein ist: Bei keinem anderen Rohstoff ist die Abhängigkeit von einem einzigen Land grösser als bei den seltenen Metallen, die in fast allen modernen technischen Geräten vorhanden sind. «Die Welt kann ohne Mobiltelefone, Autos und Fernseher nicht mehr sein. Ausserdem spielen die Metalle eine entscheidende Rolle bei der Herstellung grüner Technologien», sagte Wang Caifeng gegenüber chinesischen Medien, für den Fall, dass die Bedeutung der angekündigten Massnahmen nicht deutlich genug zu Tage getreten wäre.
Kein Prius ohne Lanthan
Vor allem für die Herstellung der globalen Hoffnungsträger im Kampf gegen CO 2 -Emissionen sind Chinas Rohstoffe zentrale Zutaten – eine Verknappung käme einer starken Einschränkung bei der Entwicklung alternativer Energien gleich. Beschichtungen von Solarzellen enthalten ebenso seltene Substanzen wie Katalysatoren oder Elektromotoren. In jedem Hybridmotor von Toyota stecken 1 Kilogramm Neodym und 15 Kilogramm Lanthan, und sobald die nächste Generation auf den Markt kommt, gar doppelt so viel. Die Generatoren von Windturbinen wiederum enthalten mehrere hundert Kilo Dysprosium. «Diese Stoffe ermöglichen eine maximale magnetische Wirkung in Kombination mit hoher Korrosionsbeständigkeit», sagt Christoph Bolliger von der Zürcher Firma Bomatec, Zulieferer für Windturbinen-Generatoren. «Ohne die Metalle wäre die derzeitige Energieeffizienz von Wind oder Hybridmotoren nicht zu haben.» Von den Ausfuhrrestriktionen ist Bomatec nicht betroffen, die Firma bezieht die fertigen Magnete aus China – was ganz im Sinn der chinesischen Industriepolitik ist, die darauf abzielt, die Wertschöpfungskette weitgehend im eigenen Land zu behalten.
Anders bei der Firma Vacuumschmelze aus Hanau bei Frankfurt, dem einzigen Hersteller von Magneten in Europa und Importeur von REE. «Die chinesische Ankündigung könnten auch marketingtechnische Gründe haben. Weil der Absatz dieses Jahr wegen der Krise ins Stocken kam, versuchen einige der Minengesellschaften, dadurch die Nachfrage zu forcieren», sagt Geschäftsleitungsmitglied Bernd Schleede. Ein Versiegen der Metalleinfuhren aus China hätte für das Frankfurter Unternehmen existenzbedrohende Folgen. Das sieht auch Japan so, wo Wang Caifengs Statement die höchsten Wellen warf. Spitzenreiter im Verbrauch der Metalle ist der Toyota Prius. Angesichts der Pläne von Toyota, ab 2010 den hybrid betriebenen Prius weltweit jährlich eine Million Mal zu verkaufen, hat die Sicherstellung der Metalle strategische Bedeutung erlangt.
Mitsubishi und Toyota schlossen kürzlich Joint Ventures mit brasilianischen und kanadischen Firmen ab, und ein nationales Forschungsteam lässt Satelliten über Botswana kreisen, wo nach Vorkommen Ausschau gehalten wird. Denn im Gegensatz zum Namen kommen die Metalle der seltenen Erden auf der ganzen Welt häufig vor, nur haben es andere Länder unterlassen, in ihre Förderung zu investieren, was der hauptsächliche Grund für Chinas Quasimonopol ist.
Alles andere als grün
Erst seit die Chinesen nämlich mit viel billigeren Fördermethoden die Preise für REE in den Keller drückten (Neodym notierte beispielsweise Anfang der neunziger Jahre noch bei 50 $ pro Kilogramm, bevor es auf 5 $ einbrach), mussten weltweit andere Minengesellschaften den Betrieb einstellen, weil die Produktion unprofitabel wurde. Die Fördermethoden des unentberlichen Metalls grüner Technologien sind zudem alles andere als grün: Um 1 Tonne der Metalle zu gewinnen, kann es vorkommen, dass 2000 Tonnen Erde bewegt werden müssen. Und anders denn als Umweltverschmutzung kann laut vielen Experten die chinesische Billigförderung nicht bezeichnet werden: «Chemie auf den Berg schütten und unten die herausgeschwemmten Metalle auffangen», fasst ein Branchenkenner die ökologisch bedenkliche Methode zusammen. Es könnte sein, dass gerade höhere Umweltstandards in China zum Rückgang der Produktion in diesem Jahr geführt haben.
Der Preis für Neodym liegt wieder bei knapp 20 $, doch die Aussichten auf eine steigende Nachfrage in Verbindung mit den Ausfuhrrestriktionen Chinas lassen die Minen in Kanada und Australien ihre Bagger wieder auffahren. Das US-Unternehmen Molycorp Minerals will in Kalifornien die stillgelegte Mountain Pass Mine wieder in Betrieb nehmen, das grösste bekannte Vorkommen an REE ausserhalb Chinas.
Zu den Gewinnern der Umstände gehört die kanadische Explorationsfirma Avalon. Die Firma besitzt Schürfrechte am Thor Lake im Nordwesten Kanadas – laut Avalon-Geschäftsführer Don Bubar «eine wahre Goldgrube». Ab 2013 werden dort Tantal, Lithium und Niobium gefördert. «Die meisten unterschätzen REE noch – aber das wird sich schnell ändern», warb Bubar im Sommer 2008 auf der Suche nach neuen Investoren. Avalons Aktienkurs hat sich seit letztem Juni und nach Wang Caifengs Rede verfünffacht.
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enviroment,
gas,
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Montag, September 14, 2009
Samstag, September 12, 2009
Sonntag, September 06, 2009
TA: Wie wird es enden mit den USA?
Tages Anzeiger Online 05.09.09
Wie wird es enden mit den USA?
Von Christoph Lenz.
Der US-Journalist Josh Levin hat bei Wissenschaftlern nachgefragt – und überraschende Antworten erhalten. Ein Lehrstück über die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen.
Es lodert im Himmel. Die Ozeane schwellen an. Die Erde bebt. Ein Asteroidenhagel prasselt nieder. Derweil brettert ein Wissenschaftler in seinem Pick-up durch einen Nationalpark und tippt die Geheimnummer des Weissen Hauses in sein Handy, um den Präsidenten über die Ursachen der Vorkommnisse zu unterrichten. Aber verdammt, das Netz ist tot. Scheiss Asteroidenhagel.
So schildert Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem neuen Film «2012» (ab November in den Kinos) den Weltuntergang. Grundlage des Streifens ist ein Maya-Kalender, der voraussagt, dass am 21. Dezember 2012 ein mysteriöser Planet die Erdumlaufbahn kreuzen wird. Bei Roland Emmerich läuft das folgendermassen ab: Alles geht kaputt, dann kommt der Abspann.
Sie hat alle Völker in ihren Bann geschlagen, die Frage, was genau sich....
Tages Anzeiger Online 05.09.09
Wie wird es enden mit den USA?
Von Christoph Lenz.
Der US-Journalist Josh Levin hat bei Wissenschaftlern nachgefragt – und überraschende Antworten erhalten. Ein Lehrstück über die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen.
Es lodert im Himmel. Die Ozeane schwellen an. Die Erde bebt. Ein Asteroidenhagel prasselt nieder. Derweil brettert ein Wissenschaftler in seinem Pick-up durch einen Nationalpark und tippt die Geheimnummer des Weissen Hauses in sein Handy, um den Präsidenten über die Ursachen der Vorkommnisse zu unterrichten. Aber verdammt, das Netz ist tot. Scheiss Asteroidenhagel.
So schildert Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem neuen Film «2012» (ab November in den Kinos) den Weltuntergang. Grundlage des Streifens ist ein Maya-Kalender, der voraussagt, dass am 21. Dezember 2012 ein mysteriöser Planet die Erdumlaufbahn kreuzen wird. Bei Roland Emmerich läuft das folgendermassen ab: Alles geht kaputt, dann kommt der Abspann.
Sie hat alle Völker in ihren Bann geschlagen, die Frage, was genau sich abspielt, wenn eines Tages die Welt einfach so untergeht. Ungleich interessanter ist es aber eigentlich, darüber nachzudenken, was passiert, wenn die Welt einfach nicht untergeht. Sondern nur, sagen wir mal, die USA. Wer wird dann auf der Welt nach dem Rechten sehen, welches Wirtschaftssystem unser Handeln bestimmen? Zu welcher Musik werden wir in Liebeskummer versinken und wessen Modediktat folgen? Und wer sichert in dieser Zukunft noch die Werte von Freiheit, Demokratie und Blue Jeans?
Mormonen als Freiheitsapostel
Josh Levin müsste es wissen. Der Journalist hat sich diesen Sommer von renommierten Historikern, Politologen, Naturwissenschaftlern, Theologen und Ökonomen erklären lassen, wie es enden könnte mit den USA. Die Resultate hat Levin zu einer Artikelserie für das Online-Magazin «Slate» verarbeitet.
Indes, auf die oben aufgeworfenen Fragen mag Josh Levin nicht antworten. Die Zukunft voraussagen, das sei schlechthin unmöglich, sagt Levin. Einzig bei der Sicherung der amerikanischen Werte, da hege er eine Vermutung: «Es könnten die Mormonen sein, die unsere heutigen Vorstellungen von Recht und Unrecht über unser Zeitalter hinaus konservieren.» Der Grund: Das Amalgam von Religion, Geschichte und Sprache, das die Mormonen verbindet, wird sich in Krisenzeiten als besonders resistent erweisen. Hier könnten Traditionen besser als anderswo bewahrt werden. Äussere Einflüsse würden abperlen am Teflon der gemeinschaftlichen Identität. «Aber es ist, was es ist», sagt Levin, «nur eine leise Vermutung.»
Dass sich eine überschaubare, homogene Volksgruppe in einem unsicheren Umfeld besser und schneller zurechtfindet, hat Levin schon im von Hurrikan «Katrina» zerstörten New Orleans beobachtet. Dort, erzählt er, seien es die Vietnamesen gewesen, die als Erste ihre Geschäfte wieder öffneten, ihre Häuser instand setzten und ihre traditionellen Feste feierten. «Während viele Amerikaner noch auf Hilfe durch die Regierung warteten, hat die vietnamesische Gemeinde sich selbst geholfen.»
New Orleans ist Josh Levins Heimatstadt. Als Schauplatz, an dem sich vor drei Jahren die Zivilisation für mehrere Wochen auflöste, ist sie auch der Ausgangspunkt für Levins Recherchereise durch die USA. «,Katrina‘ hat uns schwer getroffen», erzählt Levin. «Ein Sturm von diesem Ausmass war für jeden von uns unvorstellbar. Unsere Dämme wurden zerstört, und unser Vertrauen in die Regierung wurde erschüttert.» Der Hurrikan habe ihm zwei Dinge vor Augen geführt. «Es wird der Tag kommen, an dem staatliche Institutionen, auf die wir uns verlassen, scheitern. Und wir gewisse Teile unserer Zivilisation werden aufgeben müssen. So wie es schon die Römer, die Spanier und die Engländer getan haben.»
Bitte keine Sciencefiction
Die USA sind dem Untergang geweiht – das ist natürlich ein alter Hut. Beeindruckend an Josh Levins Arbeit ist denn auch nicht die These. Sondern die Ernsthaftigkeit, mit welcher sich der Journalist ihren Hintergründen widmet. Der Untergang erscheint hier nicht in Gestalt eines Science-Fiction-Szenarios, das mit Geheimdienstakteuren und feindlichen Besuchern aus dem All zu einem prickelnden Schauermärchen angereichert werden kann. Der Untergang ist für Levin zunächst eine historische Gesetzmässigkeit, der sich auf lange Sicht keine Weltmacht entziehen kann – das ist der einfache Teil. Dann aber ist er auch das Resultat eines Kräftespiels mit unzähligen Unbekannten. Ein komplexes Phänomen, das sich nicht mit einem Mega-Tsunami, einer Terrorattacke oder einer Pandemie alleine erklären lässt. «Die Wahrscheinlichkeit, dass ein singuläres Ereignis die USA zu Fall bringt, ist gleich null», sagt Levin.
Zum Beispiel Rom
Gestützt wird diese Aussage vom deutschen Historiker Alexander Demandt. Dieser hat sich Anfang der 1980er-Jahre darangemacht, sämtliche Ursachen, die jemals für den Untergang des Römischen Reichs vorgebracht wurden, zu sammeln und zu ordnen. Am Ende zählte Demandt nicht weniger als 210 mögliche Gründe. Viele davon widersprüchlich, manche sogar reichlich absurd, etwa der «Mangel an Ernsthaftigkeit» oder eine «romantische Vorstellung von Frieden». Um ein Weltreich zu Fall zu bringen, braucht es schon ein bisschen mehr als einen zeitweiligen Anflug von Pazifismus.
Josh Levin drückt es so aus: «Nur ein Dummkopf kann ernsthaft behaupten, er kenne die exakten Gründe für den Untergang der USA.» Zu viele Faktoren beeinflussten den Weltenlauf, zu wichtig sei die Rolle, die unvorhersehbare Ereignisse und Entwicklungen dabei spielen. Statt die Hände in den Schoss zu legen und das Ende abzuwarten, begibt sich Josh Levin auf eine Recherchereise durch die Bildungstempel und Forschungszentren der USA. Um, wie Levin sagt, «zumindest eine Ahnung davon zu vermitteln, wodurch der Untergang ausgelöst werden könnte».
Szenario: Wilder Westen
In Buffalo erfährt er von einem Professor für Architektur und Raumplanung, weshalb sich mittelfristig ein Grossteil der amerikanischen Bevölkerung in der Gegend rund um die Great Lakes niederlassen wird. Robert Shibleys Erklärung: Infolge Klimawandel versumpfen und verwittern die Küstenregionen, mithin die heutigen Ballungszentren Nordamerikas. Zugleich wird der Mittlere Westen, die Kornkammer der USA, von anhaltenden Dürren heimgesucht – gerade so, wie es schon in den 1930er-Jahren, der Zeit der Staubstürme, geschehen ist. Damals verliessen Tausende von Bauern ihre versandeten Felder und zogen nach Westen, um in Kalifornien als Wanderarbeiter zu dienen. Die Klimaflüchtlinge der Zukunft werden nach Norden fliehen. Nur dort findet sich dereinst noch ein erträgliches Klima, und nur dort steht den Menschen dank den grossen Seen ausreichend Süsswasser zur Verfügung. Auf die Entvölkerung folgt alsbald die Entstaatlichung: Die Regierung sieht sich aus Kostengründen gezwungen, die unwirtlichen Küsten- und Wüstenregionen aufzugeben. Zurück bleiben Aussteiger, Einsiedler und marodierende Outlaw-Banden. Der Westen wird wieder wild.
Szenario: Balkanisierung
Ganz anders sieht es der emeritierte Ökonomie-Professor in Vermont. Sein Kleinstaat, erklärt Thomas Naylor, wird sich schon in naher Zukunft aus der Umklammerung Washingtons befreien. Damit wird ein Domino-Effekt ausgelöst: Hat sich erst mal ein Bundesstaat für unabhängig erklärt, werden andere schnell folgen. Das Resultat: eine Balkanisierung der USA. Ein Flickenteppich anstelle der halbwegs homogenen Staatenunion. Und noch etwas weiss der Professor: Die kleinen Republiken täten gut daran, sich bei der Gestaltung ihrer politischen Institutionen eng an das Vorbild der Schweiz zu halten.
Nochmals anders sieht die Zukunft im Büro von Jamais Cascio aus. Der kalifornische Futurologe und «Wall Street Journal»-Publizist hat unlängst drei Vorhersagen für die nächsten 50 Jahre veröffentlicht. Eines der Szenarien, die «lange Krise», beinhaltet unter anderem: einen nuklearen Konflikt zwischen Indien und Pakistan (2024), einen Nuklearen Winter (2024–2034), eine weltweite Hungersnot (2025–2028), einen Computervirus, der die Finanzmärkte lahmlegt (2037–2047), eine synthetisch erzeugte Weizen-Fäule (2037), die weltweite Hungersnot II (2038–2045), die Spaltung der USA in acht Staaten (2039) und den grossen russischen Bürgerkrieg, der durch den Einsatz schwerer biochemischer Waffen beendet wird (2039–2046). Immerhin: 2026 knacken afrikanische Bio-Hacker das Aids-Virus. Und 2051 gibt es ein globales Freudenjahr, weil die Gesamtbevölkerung der Erde erstmals seit 2020 wieder zugenommen hat. Sie liegt dann bei rund 6 Milliarden.
Das Unwahrscheinliche bedenken
Zugegeben, die Szenarien sind nach abnehmendem Wahrscheinlichkeitsgrad geordnet. Während der Rückzug an die Grossen Seen noch halbwegs realistisch erscheint, hätte man Jamais Cascio wohl schon lange für verrückt erklärt – betonte dieser nicht immer wieder, dass er selbst nicht an seine Szenarien glaube und dass es ihm auch gar nicht darum gehe, ein glaubhaftes Szenario zu entwerfen. «Fast alles, was ich über die Zukunft erzähle, wird sich als falsch herausstellen», sagt Cascio. «Aber einzelne Elemente meiner Szenarien werden uns in Zukunft begegnen. Und dann werden wir wissen, wie wir darauf reagieren können.»
Hier wird Josh Levins Artikelserie über das Ende der USA richtig spannend. Futurologen wie Jamais Cascio entwickeln ihre Szenarien nicht mit dem Ziel, die Zukunft präzise vorauszusagen – ihnen ist bewusst, dass das unmöglich ist. Futurologen arbeiten, um das Denken in neue Richtungen zu lenken. Oder andersherum: um sicherzustellen, dass auch das Unwahrscheinliche bedacht wird. Warum das so wichtig ist? Weil uns Menschen angesichts einer Zukunft, in der alles möglich ist, ein grober Denkfehler unterläuft: Wir halten uns an Wahrscheinlichkeiten.
Wahrscheinlich ist zum Beispiel, dass der islamistische Terror den Westen nicht zu Fall bringt. Wahrscheinlich ist auch, dass Diktaturen wie Nordkorea, Burma, Kuba oder China ihre Bürger nicht ewig in Unfreiheit halten können. Wahrscheinlich scheint auch, dass der Kapitalismus sich weiter über den Planeten verbreitet. Und es mag sogar wahrscheinlich sein, dass die Welt ihre Hunger-, Armuts- und Klimaprobleme irgendwann in den Griff bekommt.
Einzig: Dass am Ende alles genau so herauskommt, wie wir es aufgrund der einzelnen Wahrscheinlichkeiten erwarten, ist schrecklich unwahrscheinlich. Gerade so, wie es unwahrscheinlich ist, dass an einem Spieltag in der Super League nur jene Mannschaften gewinnen, die als Favoriten auf den Platz gehen. Sicher, in jeder Ausmarchung liegt der statistische Vorteil aufseiten der besseren Mannschaft. Aber dass sich in einem komplexen System mit Hunderten von zusammenhängenden Entscheidungen immer jenes Ergebnis mit der relativ höchsten Wahrscheinlichkeit einstellt, ist ausgesprochen selten. Man bezeichnet dieses Paradoxon als die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen. Um es zu verstehen, muss man kein Mathematiker sein. Da kann man jeden Sport-Toto-Spieler fragen.
Das wird die Welt erschüttern
Auf die Zukunft der USA und der Welt angewandt, sagt uns das Paradoxon Folgendes: Die scheinbar unaufhaltsame Verbreitung von Wohlstand und Demokratie wird durch unberechenbare, weil unwahrscheinliche Ereignisse gebremst, wenn nicht sogar ins Gegenteil verkehrt. Ein Erdbeben, ein Putsch, eine revolutionäre Erfindung, ja sogar ein Student, der auf einen Kaiser schiesst, vermögen eine Ereigniskette auszulösen, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Statt Stabilität herrscht Chaos, statt Friede und Freiheit: Schrecken ohne Ende.
Wer aber könnte ein Interesse an Szenarien haben, deren Vorhersagen sich grösstenteils als falsch erweisen werden? Ein Blick in die Kundenkartei von Jamais Cascios Institute for the Future, ein Think-Tank mit gut 30 Angestellten, zeigt Erstaunliches. Die Auftraggeber sind Regierungen, global agierende Konzerne, grosse Unternehmen und politische Organisationen. Sie alle entwickeln ihre langfristigen Strategien aufgrund von positiven und negativen Szenarien, die an den Schreibtischen der Futurologen entstanden sind. Dass die einzelnen Details dann nicht unbedingt stimmen, damit müssen sie leben. In einer globalen Perspektive ist es ja auch nicht von Belang, ob der nukleare Konflikt nun zwischen Pakistan und Indien, China und Nordkorea oder Israel und Iran ausbricht. Der Schaden wäre in jedem Fall gigantisch.
Grösser wäre er wohl nur, wenn sich die Maya-Vision des Kometeneinschlags bewahrheiten würde. Auch die Bedrohung durch einen Himmelskörper hat Jamais Cascio übrigens auf seiner Rechnung. Zwar nicht für 2012, dafür im Jahr 2033. Im Gegensatz zu Emmerichs Untergangsstreifen gibt es das Lodern im Himmel dann ganz umsonst – inklusive Happy End. Denn: 2029 werden die amerikanische und die chinesische Raumfahrtbehörde ein Programm zur Abwehr des Himmelskörpers lancieren. Und wenn die beiden Weltmächte zusammenspannen, dann kann ja nichts schiefgehen. Selbst Jamais Cascio sieht das so.
Josh Levins Artikelserie «How Is America Going to End?» findet sich unter www.slate.com.
Erstellt: 05.09.2009, 16:23 Uhr
Wie wird es enden mit den USA?
Von Christoph Lenz.
Der US-Journalist Josh Levin hat bei Wissenschaftlern nachgefragt – und überraschende Antworten erhalten. Ein Lehrstück über die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen.
Es lodert im Himmel. Die Ozeane schwellen an. Die Erde bebt. Ein Asteroidenhagel prasselt nieder. Derweil brettert ein Wissenschaftler in seinem Pick-up durch einen Nationalpark und tippt die Geheimnummer des Weissen Hauses in sein Handy, um den Präsidenten über die Ursachen der Vorkommnisse zu unterrichten. Aber verdammt, das Netz ist tot. Scheiss Asteroidenhagel.
So schildert Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem neuen Film «2012» (ab November in den Kinos) den Weltuntergang. Grundlage des Streifens ist ein Maya-Kalender, der voraussagt, dass am 21. Dezember 2012 ein mysteriöser Planet die Erdumlaufbahn kreuzen wird. Bei Roland Emmerich läuft das folgendermassen ab: Alles geht kaputt, dann kommt der Abspann.
Sie hat alle Völker in ihren Bann geschlagen, die Frage, was genau sich....
Tages Anzeiger Online 05.09.09
Wie wird es enden mit den USA?
Von Christoph Lenz.
Der US-Journalist Josh Levin hat bei Wissenschaftlern nachgefragt – und überraschende Antworten erhalten. Ein Lehrstück über die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen.
Es lodert im Himmel. Die Ozeane schwellen an. Die Erde bebt. Ein Asteroidenhagel prasselt nieder. Derweil brettert ein Wissenschaftler in seinem Pick-up durch einen Nationalpark und tippt die Geheimnummer des Weissen Hauses in sein Handy, um den Präsidenten über die Ursachen der Vorkommnisse zu unterrichten. Aber verdammt, das Netz ist tot. Scheiss Asteroidenhagel.
So schildert Hollywood-Regisseur Roland Emmerich in seinem neuen Film «2012» (ab November in den Kinos) den Weltuntergang. Grundlage des Streifens ist ein Maya-Kalender, der voraussagt, dass am 21. Dezember 2012 ein mysteriöser Planet die Erdumlaufbahn kreuzen wird. Bei Roland Emmerich läuft das folgendermassen ab: Alles geht kaputt, dann kommt der Abspann.
Sie hat alle Völker in ihren Bann geschlagen, die Frage, was genau sich abspielt, wenn eines Tages die Welt einfach so untergeht. Ungleich interessanter ist es aber eigentlich, darüber nachzudenken, was passiert, wenn die Welt einfach nicht untergeht. Sondern nur, sagen wir mal, die USA. Wer wird dann auf der Welt nach dem Rechten sehen, welches Wirtschaftssystem unser Handeln bestimmen? Zu welcher Musik werden wir in Liebeskummer versinken und wessen Modediktat folgen? Und wer sichert in dieser Zukunft noch die Werte von Freiheit, Demokratie und Blue Jeans?
Mormonen als Freiheitsapostel
Josh Levin müsste es wissen. Der Journalist hat sich diesen Sommer von renommierten Historikern, Politologen, Naturwissenschaftlern, Theologen und Ökonomen erklären lassen, wie es enden könnte mit den USA. Die Resultate hat Levin zu einer Artikelserie für das Online-Magazin «Slate» verarbeitet.
Indes, auf die oben aufgeworfenen Fragen mag Josh Levin nicht antworten. Die Zukunft voraussagen, das sei schlechthin unmöglich, sagt Levin. Einzig bei der Sicherung der amerikanischen Werte, da hege er eine Vermutung: «Es könnten die Mormonen sein, die unsere heutigen Vorstellungen von Recht und Unrecht über unser Zeitalter hinaus konservieren.» Der Grund: Das Amalgam von Religion, Geschichte und Sprache, das die Mormonen verbindet, wird sich in Krisenzeiten als besonders resistent erweisen. Hier könnten Traditionen besser als anderswo bewahrt werden. Äussere Einflüsse würden abperlen am Teflon der gemeinschaftlichen Identität. «Aber es ist, was es ist», sagt Levin, «nur eine leise Vermutung.»
Dass sich eine überschaubare, homogene Volksgruppe in einem unsicheren Umfeld besser und schneller zurechtfindet, hat Levin schon im von Hurrikan «Katrina» zerstörten New Orleans beobachtet. Dort, erzählt er, seien es die Vietnamesen gewesen, die als Erste ihre Geschäfte wieder öffneten, ihre Häuser instand setzten und ihre traditionellen Feste feierten. «Während viele Amerikaner noch auf Hilfe durch die Regierung warteten, hat die vietnamesische Gemeinde sich selbst geholfen.»
New Orleans ist Josh Levins Heimatstadt. Als Schauplatz, an dem sich vor drei Jahren die Zivilisation für mehrere Wochen auflöste, ist sie auch der Ausgangspunkt für Levins Recherchereise durch die USA. «,Katrina‘ hat uns schwer getroffen», erzählt Levin. «Ein Sturm von diesem Ausmass war für jeden von uns unvorstellbar. Unsere Dämme wurden zerstört, und unser Vertrauen in die Regierung wurde erschüttert.» Der Hurrikan habe ihm zwei Dinge vor Augen geführt. «Es wird der Tag kommen, an dem staatliche Institutionen, auf die wir uns verlassen, scheitern. Und wir gewisse Teile unserer Zivilisation werden aufgeben müssen. So wie es schon die Römer, die Spanier und die Engländer getan haben.»
Bitte keine Sciencefiction
Die USA sind dem Untergang geweiht – das ist natürlich ein alter Hut. Beeindruckend an Josh Levins Arbeit ist denn auch nicht die These. Sondern die Ernsthaftigkeit, mit welcher sich der Journalist ihren Hintergründen widmet. Der Untergang erscheint hier nicht in Gestalt eines Science-Fiction-Szenarios, das mit Geheimdienstakteuren und feindlichen Besuchern aus dem All zu einem prickelnden Schauermärchen angereichert werden kann. Der Untergang ist für Levin zunächst eine historische Gesetzmässigkeit, der sich auf lange Sicht keine Weltmacht entziehen kann – das ist der einfache Teil. Dann aber ist er auch das Resultat eines Kräftespiels mit unzähligen Unbekannten. Ein komplexes Phänomen, das sich nicht mit einem Mega-Tsunami, einer Terrorattacke oder einer Pandemie alleine erklären lässt. «Die Wahrscheinlichkeit, dass ein singuläres Ereignis die USA zu Fall bringt, ist gleich null», sagt Levin.
Zum Beispiel Rom
Gestützt wird diese Aussage vom deutschen Historiker Alexander Demandt. Dieser hat sich Anfang der 1980er-Jahre darangemacht, sämtliche Ursachen, die jemals für den Untergang des Römischen Reichs vorgebracht wurden, zu sammeln und zu ordnen. Am Ende zählte Demandt nicht weniger als 210 mögliche Gründe. Viele davon widersprüchlich, manche sogar reichlich absurd, etwa der «Mangel an Ernsthaftigkeit» oder eine «romantische Vorstellung von Frieden». Um ein Weltreich zu Fall zu bringen, braucht es schon ein bisschen mehr als einen zeitweiligen Anflug von Pazifismus.
Josh Levin drückt es so aus: «Nur ein Dummkopf kann ernsthaft behaupten, er kenne die exakten Gründe für den Untergang der USA.» Zu viele Faktoren beeinflussten den Weltenlauf, zu wichtig sei die Rolle, die unvorhersehbare Ereignisse und Entwicklungen dabei spielen. Statt die Hände in den Schoss zu legen und das Ende abzuwarten, begibt sich Josh Levin auf eine Recherchereise durch die Bildungstempel und Forschungszentren der USA. Um, wie Levin sagt, «zumindest eine Ahnung davon zu vermitteln, wodurch der Untergang ausgelöst werden könnte».
Szenario: Wilder Westen
In Buffalo erfährt er von einem Professor für Architektur und Raumplanung, weshalb sich mittelfristig ein Grossteil der amerikanischen Bevölkerung in der Gegend rund um die Great Lakes niederlassen wird. Robert Shibleys Erklärung: Infolge Klimawandel versumpfen und verwittern die Küstenregionen, mithin die heutigen Ballungszentren Nordamerikas. Zugleich wird der Mittlere Westen, die Kornkammer der USA, von anhaltenden Dürren heimgesucht – gerade so, wie es schon in den 1930er-Jahren, der Zeit der Staubstürme, geschehen ist. Damals verliessen Tausende von Bauern ihre versandeten Felder und zogen nach Westen, um in Kalifornien als Wanderarbeiter zu dienen. Die Klimaflüchtlinge der Zukunft werden nach Norden fliehen. Nur dort findet sich dereinst noch ein erträgliches Klima, und nur dort steht den Menschen dank den grossen Seen ausreichend Süsswasser zur Verfügung. Auf die Entvölkerung folgt alsbald die Entstaatlichung: Die Regierung sieht sich aus Kostengründen gezwungen, die unwirtlichen Küsten- und Wüstenregionen aufzugeben. Zurück bleiben Aussteiger, Einsiedler und marodierende Outlaw-Banden. Der Westen wird wieder wild.
Szenario: Balkanisierung
Ganz anders sieht es der emeritierte Ökonomie-Professor in Vermont. Sein Kleinstaat, erklärt Thomas Naylor, wird sich schon in naher Zukunft aus der Umklammerung Washingtons befreien. Damit wird ein Domino-Effekt ausgelöst: Hat sich erst mal ein Bundesstaat für unabhängig erklärt, werden andere schnell folgen. Das Resultat: eine Balkanisierung der USA. Ein Flickenteppich anstelle der halbwegs homogenen Staatenunion. Und noch etwas weiss der Professor: Die kleinen Republiken täten gut daran, sich bei der Gestaltung ihrer politischen Institutionen eng an das Vorbild der Schweiz zu halten.
Nochmals anders sieht die Zukunft im Büro von Jamais Cascio aus. Der kalifornische Futurologe und «Wall Street Journal»-Publizist hat unlängst drei Vorhersagen für die nächsten 50 Jahre veröffentlicht. Eines der Szenarien, die «lange Krise», beinhaltet unter anderem: einen nuklearen Konflikt zwischen Indien und Pakistan (2024), einen Nuklearen Winter (2024–2034), eine weltweite Hungersnot (2025–2028), einen Computervirus, der die Finanzmärkte lahmlegt (2037–2047), eine synthetisch erzeugte Weizen-Fäule (2037), die weltweite Hungersnot II (2038–2045), die Spaltung der USA in acht Staaten (2039) und den grossen russischen Bürgerkrieg, der durch den Einsatz schwerer biochemischer Waffen beendet wird (2039–2046). Immerhin: 2026 knacken afrikanische Bio-Hacker das Aids-Virus. Und 2051 gibt es ein globales Freudenjahr, weil die Gesamtbevölkerung der Erde erstmals seit 2020 wieder zugenommen hat. Sie liegt dann bei rund 6 Milliarden.
Das Unwahrscheinliche bedenken
Zugegeben, die Szenarien sind nach abnehmendem Wahrscheinlichkeitsgrad geordnet. Während der Rückzug an die Grossen Seen noch halbwegs realistisch erscheint, hätte man Jamais Cascio wohl schon lange für verrückt erklärt – betonte dieser nicht immer wieder, dass er selbst nicht an seine Szenarien glaube und dass es ihm auch gar nicht darum gehe, ein glaubhaftes Szenario zu entwerfen. «Fast alles, was ich über die Zukunft erzähle, wird sich als falsch herausstellen», sagt Cascio. «Aber einzelne Elemente meiner Szenarien werden uns in Zukunft begegnen. Und dann werden wir wissen, wie wir darauf reagieren können.»
Hier wird Josh Levins Artikelserie über das Ende der USA richtig spannend. Futurologen wie Jamais Cascio entwickeln ihre Szenarien nicht mit dem Ziel, die Zukunft präzise vorauszusagen – ihnen ist bewusst, dass das unmöglich ist. Futurologen arbeiten, um das Denken in neue Richtungen zu lenken. Oder andersherum: um sicherzustellen, dass auch das Unwahrscheinliche bedacht wird. Warum das so wichtig ist? Weil uns Menschen angesichts einer Zukunft, in der alles möglich ist, ein grober Denkfehler unterläuft: Wir halten uns an Wahrscheinlichkeiten.
Wahrscheinlich ist zum Beispiel, dass der islamistische Terror den Westen nicht zu Fall bringt. Wahrscheinlich ist auch, dass Diktaturen wie Nordkorea, Burma, Kuba oder China ihre Bürger nicht ewig in Unfreiheit halten können. Wahrscheinlich scheint auch, dass der Kapitalismus sich weiter über den Planeten verbreitet. Und es mag sogar wahrscheinlich sein, dass die Welt ihre Hunger-, Armuts- und Klimaprobleme irgendwann in den Griff bekommt.
Einzig: Dass am Ende alles genau so herauskommt, wie wir es aufgrund der einzelnen Wahrscheinlichkeiten erwarten, ist schrecklich unwahrscheinlich. Gerade so, wie es unwahrscheinlich ist, dass an einem Spieltag in der Super League nur jene Mannschaften gewinnen, die als Favoriten auf den Platz gehen. Sicher, in jeder Ausmarchung liegt der statistische Vorteil aufseiten der besseren Mannschaft. Aber dass sich in einem komplexen System mit Hunderten von zusammenhängenden Entscheidungen immer jenes Ergebnis mit der relativ höchsten Wahrscheinlichkeit einstellt, ist ausgesprochen selten. Man bezeichnet dieses Paradoxon als die Unwahrscheinlichkeit des Wahrscheinlichen. Um es zu verstehen, muss man kein Mathematiker sein. Da kann man jeden Sport-Toto-Spieler fragen.
Das wird die Welt erschüttern
Auf die Zukunft der USA und der Welt angewandt, sagt uns das Paradoxon Folgendes: Die scheinbar unaufhaltsame Verbreitung von Wohlstand und Demokratie wird durch unberechenbare, weil unwahrscheinliche Ereignisse gebremst, wenn nicht sogar ins Gegenteil verkehrt. Ein Erdbeben, ein Putsch, eine revolutionäre Erfindung, ja sogar ein Student, der auf einen Kaiser schiesst, vermögen eine Ereigniskette auszulösen, die die Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Statt Stabilität herrscht Chaos, statt Friede und Freiheit: Schrecken ohne Ende.
Wer aber könnte ein Interesse an Szenarien haben, deren Vorhersagen sich grösstenteils als falsch erweisen werden? Ein Blick in die Kundenkartei von Jamais Cascios Institute for the Future, ein Think-Tank mit gut 30 Angestellten, zeigt Erstaunliches. Die Auftraggeber sind Regierungen, global agierende Konzerne, grosse Unternehmen und politische Organisationen. Sie alle entwickeln ihre langfristigen Strategien aufgrund von positiven und negativen Szenarien, die an den Schreibtischen der Futurologen entstanden sind. Dass die einzelnen Details dann nicht unbedingt stimmen, damit müssen sie leben. In einer globalen Perspektive ist es ja auch nicht von Belang, ob der nukleare Konflikt nun zwischen Pakistan und Indien, China und Nordkorea oder Israel und Iran ausbricht. Der Schaden wäre in jedem Fall gigantisch.
Grösser wäre er wohl nur, wenn sich die Maya-Vision des Kometeneinschlags bewahrheiten würde. Auch die Bedrohung durch einen Himmelskörper hat Jamais Cascio übrigens auf seiner Rechnung. Zwar nicht für 2012, dafür im Jahr 2033. Im Gegensatz zu Emmerichs Untergangsstreifen gibt es das Lodern im Himmel dann ganz umsonst – inklusive Happy End. Denn: 2029 werden die amerikanische und die chinesische Raumfahrtbehörde ein Programm zur Abwehr des Himmelskörpers lancieren. Und wenn die beiden Weltmächte zusammenspannen, dann kann ja nichts schiefgehen. Selbst Jamais Cascio sieht das so.
Josh Levins Artikelserie «How Is America Going to End?» findet sich unter www.slate.com.
Erstellt: 05.09.2009, 16:23 Uhr
Freitag, September 04, 2009
NZZ: Weltweiter Wettlauf um Agrarland in Drittweltländern
NZZ-13.09.2009
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.
bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise...
NZZ-13.09.2009
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken
haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.
bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise und die Volatilität der Notierungen für Agrarerzeugnisse die Nachfrage nach landwirtschaftlich nutzbaren Böden weltweit angeheizt haben.
Wer kann, greift zu
Das Phänomen massiver friedlicher Landnahme, die kapitalistischen Regeln gehorcht, soll am kommenden Gipfeltreffen der G-8 in Italien zur Debatte stehen. Dem Wildwuchs zweifelhafter Geschäftspraktiken will man mit einer internationalen Übereinkunft Paroli bieten. Weltweit dürften ausländische Investoren in den letzten drei Jahren 15 Mio. bis 20 Mio. ha Ackerland in Entwicklungs- und Schwellenländern unter ihre Kontrolle gebracht haben, eine Fläche, die etwa der gesamten Produktionsfläche Frankreichs entspricht. Dafür seien 20 Mrd. bis 30 Mrd. $ bezahlt oder verpflichtet worden, schätzt das International Food Policy Research Institute (IFPRI), ein unabhängiges Forschungsinstitut in Washington. Zu den wichtigsten Akteuren zählen solvente, häufig durch Petrodollars reich gewordene Regierungen oder Staatsfonds aus Asien und den Golfstaaten, die der Beschaffung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen strategische Bedeutung beimessen. Man misstraut dem globalen Handelssystem mit den zuweilen abrupten Exportverboten in Notzeiten und will sich den ununterbrochenen direkten Zugang zu Nahrungsmitteln oder Bioenergie sichern. Begehrt sind vorab Ländereien im südlichen Afrika und in Asien, in kleinerem Umfang in Lateinamerika. Experten warnen vor der Gefahr der «Enklaven-Wirtschaft» im Stil der früher für Zentralamerika typischen «Bananenrepubliken». Politiker sprechen von «Agrar-Neokolonialismus», und Nichtregierungsorganisationen verteufeln das Phänomen als «land grab», als Landraub, mit desaströsen sozialen und politischen Auswirkungen.
Ordnung muss her
Allein in fünf Ländern Afrikas – Äthiopien, Ghana, Mali, Madagaskar und Sudan – sind laut einer unter der Ägide der Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO publizierten Studie in den letzten fünf Jahren 2,4 Mio. ha Land an ausländische Investoren abgetreten worden, Land, das bis vor kurzem keinerlei Marktwert hatte. Allerdings, so die Verfasser der Studie, seien die jährlichen Pachtzinsen auch im internationalen Vergleich äusserst niedrig; in Äthiopien etwa werden pro Hektare 3$ bis 10$ bezahlt. Ausländisches Kapital dominiert den Markt für grossflächige Agrar- Investitionen, aber vielerorts beteiligen sich bereits die lokalen Eliten am neuen Geschäft. Laut der Studie sind private Kauf- oder Pachtverträge häufiger als bilaterale Regierungsabkommen. Wo ausländische Regierungen intervenieren, werden nicht selten private Investoren vorgeschoben oder unterstützt. Mit ihrer Fallstudie will die FAO mit-helfen, einen Verhaltenskodex für grenzübergreifende Investitionen im Landwirtschaftsbereich und Richtlinien für den Landbesitz aufzustellen. Ähnliches hat diese Woche auch der Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, gefordert.
Er plädiert für multilaterale Regeln, wie sie auch das IFPRI vorschlägt (siehe Kasten).
Schutzmechanismen
Man müsse verhindern, dass Entwicklungsländer sich gegenseitig mit Angeboten zu übertreffen versuchten, um zu unvorteilhaften Bedingungen Direktinvestitionen im Agrarbereich anzuziehen, schreibt De Schutter. Klare Regeln erhöhten gleichzeitig die Rechtssicherheit für den Investor und schützten diesen vor möglichen Reputationsschäden.
Ein besonderes Anliegen ist dem Uno-Berichterstatter die Ernährungssicherheit für die einheimische Bevölkerung. Investitionsabkommen sollen Klauseln enthalten, wonach ein Teil der Ernten auf den lokalen Märkten verkauft werden muss, und dies unter besonderen Bedingungen, falls die Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten bestimmte Limiten überschreiten. Es gilt Konflikten vorzubeugen, die dann entstehen, wenn vor der Nase der hungernden Bevölkerung tonnenweise Lebensmittel ins Ausland abtransportiert werden. Die von der FAO vorgelegten Beispiele aus Afrika lassen erahnen, dass bei Vertragsverhandlungen mit mächtigen Investoren die betroffenen Landbesitzer eins ums andere Mal über den Tisch gezogen werden. Auch wird Korruption in grossem Stil vermutet, dann etwa, wenn Beamte in Äthiopien grosse Landflächen als «unfruchtbar» einstufen, um es so einfacher an Ausländer verschachern zu können. Laut den Experten des IFPRI besitzt die Mehrzahl afrikanischer Kleinbauern keine Landtitel. Respektiere man die überkommenen Rechte nicht, so sei die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen bedroht.
Mehr produzieren
Investoren, die in grossem Stil Ländereien in der Dritten Welt aufkaufen oder unter Pacht nehmen, stellen sich gerne als Wohltäter dar. Um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, muss dringend mehr produziert werden. Dazu sind enorme Kapitalinvestitionen in den Agrarsektor notwendig, die weder die meist armen Länder selber noch die internationale Entwicklungshilfe zu erbringen imstande sind. Gerade in Afrika wurde die Förderung der Landwirtschaft in der jüngsten Vergangenheit sträflich vernachlässigt. Vielerorts erhoffen sich jetzt Regierungen von ausländischen Grossinvestitionen einen eigentlichen Entwicklungsschub. Schon kursiert die Vision des dunklen Kontinents als «Brotkorb der Welt». Mit neuen Technologien sollen Saatgut und Anbaumethoden verbessert und so die Ernteerträge gesteigert werden. Als Nebeneffekt erhofft man sich dank Investitionen in Schulen, Spitälern und Strassen bessere Lebensverhältnisse für die Landbevölkerung. Der neueste Bericht der Uno- Wirtschaftskommission für Afrika liest sich wie ein grosses Lamento über die Rückständigkeit der Landwirtschaft auf dem Schwarzen Kontinent. Hier stehen insgesamt 733 Mio. ha Ackerland zur Verfügung, mehr als in Asien (628 Mio. ha) oder Lateinamerika (570 Mio. ha). Aber lange nicht alles Farmland wird auch tatsächlich bebaut. Die Auswertung von Satellitenaufnahmen hat ergeben, dass in Afrika lediglich ein Drittel für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird. Vor allem in den Ländern südlich der Sahara ist die Produktivität im Vergleich mit anderen Entwicklungsgebieten auf der Welt sehr bescheiden. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind unterkapitalisiert, werfen wenig Ertrag ab und sind in keine Wertschöpfungsketten eingebunden. Bewässert werden im Subsahara- Gebiet lediglich 3,6% der bebaubaren Fläche, Kunstdünger wird nur spärlich verwendet. Deprimierendes Fazit der Uno-Wirtschaftskommission ist: Afrikas Kleinbauern sind seit Jahrzehnten gefangen in einem Zyklus von Armut und Ernährungsunsicherheit.
Ein Kodex für faires Verhalten
bau. Die Experten des Washingtoner Think-Tank IFPRI wünschen sich dringend klare Regeln für Landkäufe in Entwicklungsländern.
Sie schlagen einen Verhaltenskodex vor, an den sich Regierungen in den Zielländern und Investoren aus dem Ausland zu halten haben:
• Verhandlungen sollen transparent sein. Lokale Landbesitzer sind zu informieren und in die Verhandlungen einzubeziehen.
Besondere Anstrengungen sind erforderlich, um indigene Gruppen zu schützen.
• Bestehende Landrechte sind zu respektieren. Dieses Postulat betrifft vor allem Ansprüche, die auf Gewohnheitsrecht oder Gemeinschaftsbesitz
fussen. Wer Land verliert, soll entsprechend entschädigt werden. Ihm ist eine gleichwertige Lebensgrundlage zu erstatten.
• Gewinne sind zu teilen. Die lokale Bevölkerung soll profitieren, nicht Verluste erleiden. Das Verpachten von Land ist dem Verkauf
mit einer einmaligen Abgeltung vorzuziehen, da Pachtzinsen ein regelmässiges Einkommen garantieren. Besser noch sind
Verträge, bei denen Kleinbauern im Auftragsverhältnis auf ihren eigenen Feldern produzieren. Verstösse gegen eingegangene
Verpflichtungen müssen geahndet werden.
• Landbau soll nachhaltig sein. Dazu gehören Massnahmen gegen Übernutzung von Böden, Verlust der Biodiversität, gesteigerten Ausstoss von Treibhausgasen und Vergeudung von Wasser auf Kosten anderer Verwendungszwecke.
• Bestimmungen mit Biss. Der Kodex muss international verankert sein und Recht schaffen, das überall, auch in den Herkunftsländern der Investoren, eingefordert werden kann. Dies betrifft im Besonderen Fälle von Korruption.
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.
bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise...
NZZ-13.09.2009
Weltweiter Wettlauf um Agrarland
in Drittweltländern
Am G-8-Gipfel soll die Landnahme durch Drittstaaten zum Thema werden
Reich werden oder allfälligen Hungerkrisen vorbeugen, das sind die Motive, die staatliche und private Investoren dazu treiben, sich Land in der Dritten Welt zu sichern. Fragwürdige Geschäftspraktiken
haben den Ruf nach Regulierungen laut werden lassen. Am G-8-Gipfel, der im Juli in Italien stattfindet, soll das Thema zur Sprache kommen.
bau. Genf, im Juni
Saudiarabien kauft Farmen in Äthiopien und pachtet Land in Tansania, um Weizen anzubauen. China und Korea schielen nach Plantagen in Afrika, wo sie Reis und Soja produzieren können. Investoren aus den Golfstaaten sichern sich Agrarland in Thailand und Pakistan. Die einen spekulieren auf steigende Preise landwirtschaftlicher Produkte, die andern wollen die Ernährung ganzer Völker sicherstellen. Unübersehbar ist indessen, dass die Nahrungsmittelkrise und die Volatilität der Notierungen für Agrarerzeugnisse die Nachfrage nach landwirtschaftlich nutzbaren Böden weltweit angeheizt haben.
Wer kann, greift zu
Das Phänomen massiver friedlicher Landnahme, die kapitalistischen Regeln gehorcht, soll am kommenden Gipfeltreffen der G-8 in Italien zur Debatte stehen. Dem Wildwuchs zweifelhafter Geschäftspraktiken will man mit einer internationalen Übereinkunft Paroli bieten. Weltweit dürften ausländische Investoren in den letzten drei Jahren 15 Mio. bis 20 Mio. ha Ackerland in Entwicklungs- und Schwellenländern unter ihre Kontrolle gebracht haben, eine Fläche, die etwa der gesamten Produktionsfläche Frankreichs entspricht. Dafür seien 20 Mrd. bis 30 Mrd. $ bezahlt oder verpflichtet worden, schätzt das International Food Policy Research Institute (IFPRI), ein unabhängiges Forschungsinstitut in Washington. Zu den wichtigsten Akteuren zählen solvente, häufig durch Petrodollars reich gewordene Regierungen oder Staatsfonds aus Asien und den Golfstaaten, die der Beschaffung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen strategische Bedeutung beimessen. Man misstraut dem globalen Handelssystem mit den zuweilen abrupten Exportverboten in Notzeiten und will sich den ununterbrochenen direkten Zugang zu Nahrungsmitteln oder Bioenergie sichern. Begehrt sind vorab Ländereien im südlichen Afrika und in Asien, in kleinerem Umfang in Lateinamerika. Experten warnen vor der Gefahr der «Enklaven-Wirtschaft» im Stil der früher für Zentralamerika typischen «Bananenrepubliken». Politiker sprechen von «Agrar-Neokolonialismus», und Nichtregierungsorganisationen verteufeln das Phänomen als «land grab», als Landraub, mit desaströsen sozialen und politischen Auswirkungen.
Ordnung muss her
Allein in fünf Ländern Afrikas – Äthiopien, Ghana, Mali, Madagaskar und Sudan – sind laut einer unter der Ägide der Uno-Landwirtschaftsorganisation FAO publizierten Studie in den letzten fünf Jahren 2,4 Mio. ha Land an ausländische Investoren abgetreten worden, Land, das bis vor kurzem keinerlei Marktwert hatte. Allerdings, so die Verfasser der Studie, seien die jährlichen Pachtzinsen auch im internationalen Vergleich äusserst niedrig; in Äthiopien etwa werden pro Hektare 3$ bis 10$ bezahlt. Ausländisches Kapital dominiert den Markt für grossflächige Agrar- Investitionen, aber vielerorts beteiligen sich bereits die lokalen Eliten am neuen Geschäft. Laut der Studie sind private Kauf- oder Pachtverträge häufiger als bilaterale Regierungsabkommen. Wo ausländische Regierungen intervenieren, werden nicht selten private Investoren vorgeschoben oder unterstützt. Mit ihrer Fallstudie will die FAO mit-helfen, einen Verhaltenskodex für grenzübergreifende Investitionen im Landwirtschaftsbereich und Richtlinien für den Landbesitz aufzustellen. Ähnliches hat diese Woche auch der Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter, gefordert.
Er plädiert für multilaterale Regeln, wie sie auch das IFPRI vorschlägt (siehe Kasten).
Schutzmechanismen
Man müsse verhindern, dass Entwicklungsländer sich gegenseitig mit Angeboten zu übertreffen versuchten, um zu unvorteilhaften Bedingungen Direktinvestitionen im Agrarbereich anzuziehen, schreibt De Schutter. Klare Regeln erhöhten gleichzeitig die Rechtssicherheit für den Investor und schützten diesen vor möglichen Reputationsschäden.
Ein besonderes Anliegen ist dem Uno-Berichterstatter die Ernährungssicherheit für die einheimische Bevölkerung. Investitionsabkommen sollen Klauseln enthalten, wonach ein Teil der Ernten auf den lokalen Märkten verkauft werden muss, und dies unter besonderen Bedingungen, falls die Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten bestimmte Limiten überschreiten. Es gilt Konflikten vorzubeugen, die dann entstehen, wenn vor der Nase der hungernden Bevölkerung tonnenweise Lebensmittel ins Ausland abtransportiert werden. Die von der FAO vorgelegten Beispiele aus Afrika lassen erahnen, dass bei Vertragsverhandlungen mit mächtigen Investoren die betroffenen Landbesitzer eins ums andere Mal über den Tisch gezogen werden. Auch wird Korruption in grossem Stil vermutet, dann etwa, wenn Beamte in Äthiopien grosse Landflächen als «unfruchtbar» einstufen, um es so einfacher an Ausländer verschachern zu können. Laut den Experten des IFPRI besitzt die Mehrzahl afrikanischer Kleinbauern keine Landtitel. Respektiere man die überkommenen Rechte nicht, so sei die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen bedroht.
Mehr produzieren
Investoren, die in grossem Stil Ländereien in der Dritten Welt aufkaufen oder unter Pacht nehmen, stellen sich gerne als Wohltäter dar. Um die wachsende Weltbevölkerung ernähren zu können, muss dringend mehr produziert werden. Dazu sind enorme Kapitalinvestitionen in den Agrarsektor notwendig, die weder die meist armen Länder selber noch die internationale Entwicklungshilfe zu erbringen imstande sind. Gerade in Afrika wurde die Förderung der Landwirtschaft in der jüngsten Vergangenheit sträflich vernachlässigt. Vielerorts erhoffen sich jetzt Regierungen von ausländischen Grossinvestitionen einen eigentlichen Entwicklungsschub. Schon kursiert die Vision des dunklen Kontinents als «Brotkorb der Welt». Mit neuen Technologien sollen Saatgut und Anbaumethoden verbessert und so die Ernteerträge gesteigert werden. Als Nebeneffekt erhofft man sich dank Investitionen in Schulen, Spitälern und Strassen bessere Lebensverhältnisse für die Landbevölkerung. Der neueste Bericht der Uno- Wirtschaftskommission für Afrika liest sich wie ein grosses Lamento über die Rückständigkeit der Landwirtschaft auf dem Schwarzen Kontinent. Hier stehen insgesamt 733 Mio. ha Ackerland zur Verfügung, mehr als in Asien (628 Mio. ha) oder Lateinamerika (570 Mio. ha). Aber lange nicht alles Farmland wird auch tatsächlich bebaut. Die Auswertung von Satellitenaufnahmen hat ergeben, dass in Afrika lediglich ein Drittel für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird. Vor allem in den Ländern südlich der Sahara ist die Produktivität im Vergleich mit anderen Entwicklungsgebieten auf der Welt sehr bescheiden. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind unterkapitalisiert, werfen wenig Ertrag ab und sind in keine Wertschöpfungsketten eingebunden. Bewässert werden im Subsahara- Gebiet lediglich 3,6% der bebaubaren Fläche, Kunstdünger wird nur spärlich verwendet. Deprimierendes Fazit der Uno-Wirtschaftskommission ist: Afrikas Kleinbauern sind seit Jahrzehnten gefangen in einem Zyklus von Armut und Ernährungsunsicherheit.
Ein Kodex für faires Verhalten
bau. Die Experten des Washingtoner Think-Tank IFPRI wünschen sich dringend klare Regeln für Landkäufe in Entwicklungsländern.
Sie schlagen einen Verhaltenskodex vor, an den sich Regierungen in den Zielländern und Investoren aus dem Ausland zu halten haben:
• Verhandlungen sollen transparent sein. Lokale Landbesitzer sind zu informieren und in die Verhandlungen einzubeziehen.
Besondere Anstrengungen sind erforderlich, um indigene Gruppen zu schützen.
• Bestehende Landrechte sind zu respektieren. Dieses Postulat betrifft vor allem Ansprüche, die auf Gewohnheitsrecht oder Gemeinschaftsbesitz
fussen. Wer Land verliert, soll entsprechend entschädigt werden. Ihm ist eine gleichwertige Lebensgrundlage zu erstatten.
• Gewinne sind zu teilen. Die lokale Bevölkerung soll profitieren, nicht Verluste erleiden. Das Verpachten von Land ist dem Verkauf
mit einer einmaligen Abgeltung vorzuziehen, da Pachtzinsen ein regelmässiges Einkommen garantieren. Besser noch sind
Verträge, bei denen Kleinbauern im Auftragsverhältnis auf ihren eigenen Feldern produzieren. Verstösse gegen eingegangene
Verpflichtungen müssen geahndet werden.
• Landbau soll nachhaltig sein. Dazu gehören Massnahmen gegen Übernutzung von Böden, Verlust der Biodiversität, gesteigerten Ausstoss von Treibhausgasen und Vergeudung von Wasser auf Kosten anderer Verwendungszwecke.
• Bestimmungen mit Biss. Der Kodex muss international verankert sein und Recht schaffen, das überall, auch in den Herkunftsländern der Investoren, eingefordert werden kann. Dies betrifft im Besonderen Fälle von Korruption.
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Montag, August 31, 2009
Sonntag, August 30, 2009
TA: So schlugen Hannibal und Aline Qadhafi zu
Tages Anzeiger Online 28.08.09
So schlugen Hannibal und Aline Qadhafi zu
Von Thomas Knellwolf.
Bisher unbekannte Akten zeigen, wie das Paar Bedienstete quälte. Trotzdem wurde das Verfahren eingestellt, und Bundespräsident Merz hat sich entschuldigt.
In Genf angezeigt: Hannibal und Aline Qadhafi.
Leila* wird es bis an ihr Lebensende bereuen, dass sie auf die Annonce in einer tunesischen Lokalzeitung reagiert hat, mit der eine «Gesellschaftsdame» für eine «Frau in schwangerem Zustand» gesucht wurde. Die 36-jährige Tunesierin bewirbt sich und sitzt kurz darauf in einem Wagen, der sie zu einem Palast im Nachbarland Libyen bringt. Dort – so erzählt Leila bei ihrer ersten Einvernahme durch die Genfer Polizei – lernt sie Aline Qadhafi kennen. Und damit beginnt der Albtraum, aus dem Leila bis heute nicht erwacht ist.
Bereits nach wenigen Tagen im Dienste der Schwiegertochter...
Tages Anzeiger Online 28.08.09
So schlugen Hannibal und Aline Qadhafi zu
Von Thomas Knellwolf.
Bisher unbekannte Akten zeigen, wie das Paar Bedienstete quälte. Trotzdem wurde das Verfahren eingestellt, und Bundespräsident Merz hat sich entschuldigt.
In Genf angezeigt: Hannibal und Aline Qadhafi.
Leila* wird es bis an ihr Lebensende bereuen, dass sie auf die Annonce in einer tunesischen Lokalzeitung reagiert hat, mit der eine «Gesellschaftsdame» für eine «Frau in schwangerem Zustand» gesucht wurde. Die 36-jährige Tunesierin bewirbt sich und sitzt kurz darauf in einem Wagen, der sie zu einem Palast im Nachbarland Libyen bringt. Dort – so erzählt Leila bei ihrer ersten Einvernahme durch die Genfer Polizei – lernt sie Aline Qadhafi kennen. Und damit beginnt der Albtraum, aus dem Leila bis heute nicht erwacht ist.
Bereits nach wenigen Tagen im Dienste der Schwiegertochter des libyschen Diktators fliegt sie im Luxusjet mit nach Genf. Dort will ihre neue Gebieterin ihr zweites Kind gebären. Zwei Wochen darauf wird Hannibal Qadhafi, der Ehemann Alines, in der Genfer Nobelherberge «President Wilson» verhaftet. Untersuchungsakten, in die der TA Einblick hatte, zeigen im Detail, welches Drama sich in jenen Sommertagen in den zehn Suiten und Zimmern abspielte, die Qadhafi junior für drei Wochen reserviert hatte. Die Dokumente belegen, was das offizielle Libyen bestreitet: Das Ehepaar Qadhafi hat seine beiden Bediensteten, Leila und den Marokkaner Omar*, systematisch drangsaliert.
Alarm an der Lake Parade
Am zehnten Tag ihres Aufenthalts findet rund ums Genfer Seebecken die Lake Parade statt, das Westschweizer Pendant zur Street Parade. Ob Hannibal Qadhafi mittanzt, ist nicht verbürgt. Zu seinem Lebenswandel, wie ihn Leila schildert, würde es passen: «Er trinkt viel Alkohol, geht abends immer aus und schläft den ganzen Tag.» Auf jeden Fall verlässt Hannibal am 12. Juli seine Hotelgemächer, und Aline fährt in die Klinik. Ihre Gesellschaftsdame kann sie nicht mitnehmen, denn deren blaues Auge würde bei den Ärzten Aufsehen erregen.
Die beiden Bediensteten nutzen die Abwesenheit und schlagen Alarm bei der Genfer Polizei. Auf dem Posten Pâquis belasten sie die Qadhafis schwer. Leila erzählt, die hochschwangere Aline habe sie in den vergangenen Tagen zweimal mit hölzernen Kleiderbügeln angegriffen. Bei beiden Attacken sei der Bügel kaputtgegangen. Hannibal habe sie «ein bisschen besser behandelt». Das heisst: Im Hotelkorridor habe ihr der Herrschersohn ein einziges Mal unvermittelt die Faust ins linke Auge geschlagen. «Er kam von einem Streit mit seiner Frau», erklärt Leila der Polizei, «und er war wütend.»
Tyson soll zuschlagen
«Diese Frau hält mich für ihre Sklavin», sagt die Hausangestellte über ihre Peinigerin, «und schlägt mich regelmässig und ohne einen Grund.» Aline, «die an schweren psychischen Problemen leidet», habe gedroht, sie aus dem Hotelfenster zu stossen oder zu töten, wenn sie fliehe. Einem schwarzen Leibgardisten mit dem Übernamen Tyson habe sie befohlen, die Telefone aus Leilas Hotelzimmer 345 zu entfernen und sie zu schlagen. Die Apparate wurden abmontiert, die Schläge habe Tyson nur simuliert, «um Madame Qadhafi zufriedenzustellen».
Die Beschuldigte räumt gegenüber dem Genfer Generalstaatsanwalt ein, sie sei wegen ihrer Schwangerschaft «oft genervt» gewesen: «Ich gebe zu, dass ich Leila verbal übers Maul gefahren bin.» Aber jemanden bedroht oder gar regelmässig geschlagen? «Ganz sicher nicht!» Aline stellt sich nicht nur als Menschen-freundin dar: «Wenn in Libyen Tiere bei mir in der Nähe geboren werden, säuge ich sie persönlich mit der Flasche.» Die Qadhafis drehen den Spiess um und wollen der Genfer Polizei glaubhaft machen, dass ihre Bediensteten eine mit Diamanten besetzte Chopard-Uhr aus Weissgold, 2000 Euro und «diverse Markenartikel» gestohlen hätten.
Hautschürfungen und blaue Flecken
Gegen ihre Version – und für jene der Diener – sprechen Aussagen unabhängiger Zeugen und medizinische Befunde. Ein Arzt stellt bei Leila noch auf dem Polizeiposten Pâquis Hautabschürfungen und blaue Flecken an beiden Armen, an einer Schulter, auf dem Busen und eine 2 mal 3 Zentimeter grosse Wunde unter einem Auge fest. Auch der 39-jährige Marokkaner Omar, seit fünf Jahren Hannibals «Mann für alles», ist übersät von Spuren von Misshandlungen.
Der frühere Leiter eines 5-Sterne-Hotels zeigt in einem Genfer Spital eine Narbe, die vom Messer eines Leibwächters stammen soll. Der Polizei erzählt er, ihm sei zweimal der Arm gebrochen und Zähne eingeschlagen worden. Weil er seinen Dienst quittieren wollte, habe ihn der Sohn des Herrschers im Wüstenstaat sechs Monate eingekerkert.
Personenschützer belasten Qadhafis
Eskaliert sei die Situation in Genf, als Omar Alkohol für seinen Herrscher beschaffen musste. Aline, die nicht wollte, dass ihr Hannibal trank, habe die Flasche Château Margaux 1988 in den Gemächern entdeckt und habe den Diener geschlagen. Wenig später sei der Hüne Hannibal – 1,93 Meter gross – auf ihn losgegangen und habe ihm mehrere Fusstritte in den Unterleib versetzt. «Monsieur Qadhafi hat mich bedroht und gesagt, ich solle niemandem etwas davon erzählen», sagt der Diener der Polizei. «Sonst würden mein Bruder und meine Mutter getötet.» Hannibal habe angedeutet, «er sei Gott und habe das Recht, über mein Leben und das anderer Menschen aus meiner Familie, die sich in Libyen befinden, zu entscheiden». Nach dieser Aussage Omars wird seine Mutter auf dem Flughafen von Tripolis verhaftet, sein Adoptivbruder verschwindet.
Am 15. Juli führt ein 21 Mann starkes Polizeikommando Hannibal in Handschellen aus seiner Hotelsuite ab. Von Qadhafi angeheuerte Genfer Personenschützer belasten ihren Soldgeber und dessen Gattin schwer. Sie und mehrere Hotelangestellte haben gesehen, wie die tunesische Dienerin mehrmals weinend und einmal blutend aus den Gemächern kam, in dem sich nur das Ehepaar Qadhafi und deren dreijähriger Sohn befand. Zeugen haben gehört, wie Leila sagte: «Sie hat mich geschlagen.»
«Leila hat sich selber verletzt»
«Das muss arrangiert gewesen sein», verteidigt sich Hannibal, «Leila hat sich selber verletzt.» In der Konfrontationseinvernahme am 17. Juli unterstellt der 33-Jährige seinen abtrünnigen Dienern, sie hätten ihre Klagen nur deponiert, «damit sie in der Schweiz bleiben können». Gleichentags bezahlen die Qadhafis eine Kaution von einer halben Million Franken und kommen frei.
Eineinhalb Monate später ziehen die Hausangestellten ihre Anzeigen zurück – aus Angst um ihre Angehörigen und weil sie von unbekannter Seite «angemessen» entschädigt wurden. Die Schweiz nimmt beide aus humanitären Gründen auf. Die Genfer Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren gegen die Qadhafis ein. Ein Jahr darauf entschuldigt sich Bundespräsident Merz in Tripolis. Vom Bruder des Marokkaners, einem 25-jährigen Studenten, fehlt bis heute jedes Lebenszeichen.
* Namen geändert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.08.2009, 22:03 Uhr
So schlugen Hannibal und Aline Qadhafi zu
Von Thomas Knellwolf.
Bisher unbekannte Akten zeigen, wie das Paar Bedienstete quälte. Trotzdem wurde das Verfahren eingestellt, und Bundespräsident Merz hat sich entschuldigt.
In Genf angezeigt: Hannibal und Aline Qadhafi.
Leila* wird es bis an ihr Lebensende bereuen, dass sie auf die Annonce in einer tunesischen Lokalzeitung reagiert hat, mit der eine «Gesellschaftsdame» für eine «Frau in schwangerem Zustand» gesucht wurde. Die 36-jährige Tunesierin bewirbt sich und sitzt kurz darauf in einem Wagen, der sie zu einem Palast im Nachbarland Libyen bringt. Dort – so erzählt Leila bei ihrer ersten Einvernahme durch die Genfer Polizei – lernt sie Aline Qadhafi kennen. Und damit beginnt der Albtraum, aus dem Leila bis heute nicht erwacht ist.
Bereits nach wenigen Tagen im Dienste der Schwiegertochter...
Tages Anzeiger Online 28.08.09
So schlugen Hannibal und Aline Qadhafi zu
Von Thomas Knellwolf.
Bisher unbekannte Akten zeigen, wie das Paar Bedienstete quälte. Trotzdem wurde das Verfahren eingestellt, und Bundespräsident Merz hat sich entschuldigt.
In Genf angezeigt: Hannibal und Aline Qadhafi.
Leila* wird es bis an ihr Lebensende bereuen, dass sie auf die Annonce in einer tunesischen Lokalzeitung reagiert hat, mit der eine «Gesellschaftsdame» für eine «Frau in schwangerem Zustand» gesucht wurde. Die 36-jährige Tunesierin bewirbt sich und sitzt kurz darauf in einem Wagen, der sie zu einem Palast im Nachbarland Libyen bringt. Dort – so erzählt Leila bei ihrer ersten Einvernahme durch die Genfer Polizei – lernt sie Aline Qadhafi kennen. Und damit beginnt der Albtraum, aus dem Leila bis heute nicht erwacht ist.
Bereits nach wenigen Tagen im Dienste der Schwiegertochter des libyschen Diktators fliegt sie im Luxusjet mit nach Genf. Dort will ihre neue Gebieterin ihr zweites Kind gebären. Zwei Wochen darauf wird Hannibal Qadhafi, der Ehemann Alines, in der Genfer Nobelherberge «President Wilson» verhaftet. Untersuchungsakten, in die der TA Einblick hatte, zeigen im Detail, welches Drama sich in jenen Sommertagen in den zehn Suiten und Zimmern abspielte, die Qadhafi junior für drei Wochen reserviert hatte. Die Dokumente belegen, was das offizielle Libyen bestreitet: Das Ehepaar Qadhafi hat seine beiden Bediensteten, Leila und den Marokkaner Omar*, systematisch drangsaliert.
Alarm an der Lake Parade
Am zehnten Tag ihres Aufenthalts findet rund ums Genfer Seebecken die Lake Parade statt, das Westschweizer Pendant zur Street Parade. Ob Hannibal Qadhafi mittanzt, ist nicht verbürgt. Zu seinem Lebenswandel, wie ihn Leila schildert, würde es passen: «Er trinkt viel Alkohol, geht abends immer aus und schläft den ganzen Tag.» Auf jeden Fall verlässt Hannibal am 12. Juli seine Hotelgemächer, und Aline fährt in die Klinik. Ihre Gesellschaftsdame kann sie nicht mitnehmen, denn deren blaues Auge würde bei den Ärzten Aufsehen erregen.
Die beiden Bediensteten nutzen die Abwesenheit und schlagen Alarm bei der Genfer Polizei. Auf dem Posten Pâquis belasten sie die Qadhafis schwer. Leila erzählt, die hochschwangere Aline habe sie in den vergangenen Tagen zweimal mit hölzernen Kleiderbügeln angegriffen. Bei beiden Attacken sei der Bügel kaputtgegangen. Hannibal habe sie «ein bisschen besser behandelt». Das heisst: Im Hotelkorridor habe ihr der Herrschersohn ein einziges Mal unvermittelt die Faust ins linke Auge geschlagen. «Er kam von einem Streit mit seiner Frau», erklärt Leila der Polizei, «und er war wütend.»
Tyson soll zuschlagen
«Diese Frau hält mich für ihre Sklavin», sagt die Hausangestellte über ihre Peinigerin, «und schlägt mich regelmässig und ohne einen Grund.» Aline, «die an schweren psychischen Problemen leidet», habe gedroht, sie aus dem Hotelfenster zu stossen oder zu töten, wenn sie fliehe. Einem schwarzen Leibgardisten mit dem Übernamen Tyson habe sie befohlen, die Telefone aus Leilas Hotelzimmer 345 zu entfernen und sie zu schlagen. Die Apparate wurden abmontiert, die Schläge habe Tyson nur simuliert, «um Madame Qadhafi zufriedenzustellen».
Die Beschuldigte räumt gegenüber dem Genfer Generalstaatsanwalt ein, sie sei wegen ihrer Schwangerschaft «oft genervt» gewesen: «Ich gebe zu, dass ich Leila verbal übers Maul gefahren bin.» Aber jemanden bedroht oder gar regelmässig geschlagen? «Ganz sicher nicht!» Aline stellt sich nicht nur als Menschen-freundin dar: «Wenn in Libyen Tiere bei mir in der Nähe geboren werden, säuge ich sie persönlich mit der Flasche.» Die Qadhafis drehen den Spiess um und wollen der Genfer Polizei glaubhaft machen, dass ihre Bediensteten eine mit Diamanten besetzte Chopard-Uhr aus Weissgold, 2000 Euro und «diverse Markenartikel» gestohlen hätten.
Hautschürfungen und blaue Flecken
Gegen ihre Version – und für jene der Diener – sprechen Aussagen unabhängiger Zeugen und medizinische Befunde. Ein Arzt stellt bei Leila noch auf dem Polizeiposten Pâquis Hautabschürfungen und blaue Flecken an beiden Armen, an einer Schulter, auf dem Busen und eine 2 mal 3 Zentimeter grosse Wunde unter einem Auge fest. Auch der 39-jährige Marokkaner Omar, seit fünf Jahren Hannibals «Mann für alles», ist übersät von Spuren von Misshandlungen.
Der frühere Leiter eines 5-Sterne-Hotels zeigt in einem Genfer Spital eine Narbe, die vom Messer eines Leibwächters stammen soll. Der Polizei erzählt er, ihm sei zweimal der Arm gebrochen und Zähne eingeschlagen worden. Weil er seinen Dienst quittieren wollte, habe ihn der Sohn des Herrschers im Wüstenstaat sechs Monate eingekerkert.
Personenschützer belasten Qadhafis
Eskaliert sei die Situation in Genf, als Omar Alkohol für seinen Herrscher beschaffen musste. Aline, die nicht wollte, dass ihr Hannibal trank, habe die Flasche Château Margaux 1988 in den Gemächern entdeckt und habe den Diener geschlagen. Wenig später sei der Hüne Hannibal – 1,93 Meter gross – auf ihn losgegangen und habe ihm mehrere Fusstritte in den Unterleib versetzt. «Monsieur Qadhafi hat mich bedroht und gesagt, ich solle niemandem etwas davon erzählen», sagt der Diener der Polizei. «Sonst würden mein Bruder und meine Mutter getötet.» Hannibal habe angedeutet, «er sei Gott und habe das Recht, über mein Leben und das anderer Menschen aus meiner Familie, die sich in Libyen befinden, zu entscheiden». Nach dieser Aussage Omars wird seine Mutter auf dem Flughafen von Tripolis verhaftet, sein Adoptivbruder verschwindet.
Am 15. Juli führt ein 21 Mann starkes Polizeikommando Hannibal in Handschellen aus seiner Hotelsuite ab. Von Qadhafi angeheuerte Genfer Personenschützer belasten ihren Soldgeber und dessen Gattin schwer. Sie und mehrere Hotelangestellte haben gesehen, wie die tunesische Dienerin mehrmals weinend und einmal blutend aus den Gemächern kam, in dem sich nur das Ehepaar Qadhafi und deren dreijähriger Sohn befand. Zeugen haben gehört, wie Leila sagte: «Sie hat mich geschlagen.»
«Leila hat sich selber verletzt»
«Das muss arrangiert gewesen sein», verteidigt sich Hannibal, «Leila hat sich selber verletzt.» In der Konfrontationseinvernahme am 17. Juli unterstellt der 33-Jährige seinen abtrünnigen Dienern, sie hätten ihre Klagen nur deponiert, «damit sie in der Schweiz bleiben können». Gleichentags bezahlen die Qadhafis eine Kaution von einer halben Million Franken und kommen frei.
Eineinhalb Monate später ziehen die Hausangestellten ihre Anzeigen zurück – aus Angst um ihre Angehörigen und weil sie von unbekannter Seite «angemessen» entschädigt wurden. Die Schweiz nimmt beide aus humanitären Gründen auf. Die Genfer Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren gegen die Qadhafis ein. Ein Jahr darauf entschuldigt sich Bundespräsident Merz in Tripolis. Vom Bruder des Marokkaners, einem 25-jährigen Studenten, fehlt bis heute jedes Lebenszeichen.
* Namen geändert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.08.2009, 22:03 Uhr
Freitag, August 28, 2009
TA: Privatbankier prophezeit Niedergang der USA
Tages Anzeiger Online
Privatbankier prophezeit Niedergang der USA
Von Markus Diem Meier.
Der oberste Privatbankier der Schweiz hat genug von den USA. In einem Text sagt Konrad Hummler dem Land den wirtschaftlichen Abstieg voraus und kritisiert die Aggressivität der Weltmacht.
Hände weg von US-Anlagen: Privatbankier Konrad Hummler rät zum Totalrückzug aus den USA.
Konrad Hummler ist ein mächtiger Mann: Er sitzt im Verwaltungsrat der «Neuen Zürcher Zeitung», ist geschäftsführender Partner der St. Galler Bank Wegelin und Präsident der Vereinigung Schweizer Privatbankiers. Kleine Vermögensverwaltungsbanken wie Wegelin und die anderen im Verein der Privatbankiers....
Privatbankier prophezeit Niedergang der USA
Von Markus Diem Meier.
Der oberste Privatbankier der Schweiz hat genug von den USA. In einem Text sagt Konrad Hummler dem Land den wirtschaftlichen Abstieg voraus und kritisiert die Aggressivität der Weltmacht.
Konrad Hummler ist ein mächtiger Mann: Er sitzt im Verwaltungsrat der «Neuen Zürcher Zeitung», ist geschäftsführender Partner der St. Galler Bank Wegelin und Präsident der Vereinigung Schweizer Privatbankiers. Kleine Vermögensverwaltungsbanken wie Wegelin und die anderen im Verein der Privatbankiers haben ein weit grösseres Problem mit der aktuellen Aufweichung des Bankgeheimnisses als die grossen Banken. Denn letztere können ihre Dienstleistungen fast überall auf der Welt auch vor Ort anbieten.
Hummler ist wütend. Vom UBS-Vergleich zwischen der Schweizer und der US-Regierung hält er nichts. Im jüngsten seiner regelmässig publizierten «Anlagekommentare» kritisiert er die «Schönfärberei, deren sich die involvierten Parteien nach geschlagener Schlacht befleissigten». Die Schweizer Regierung bezichtigt er, vor dem Druck aus den USA eingeknickt zu sein und damit Wortbruch begangen zu haben: «Man hatte versprochen, geduldet, Standfestigkeit gemimt – und ist nun umgefallen. Unter dem Schein des Erfolgs verbirgt sich der Misserfolg eines Treuebruchs», schreibt der Privatbankier.
USA – Reich des Bösen
Besonders hart ins Gericht geht er mit den Amerikanern. Seine Rhetorik erinnert stark an jene der Linken in den Siebziger- und Achzigerjahren. Die Banker sahen in den USA im Kalten Krieg noch die Schutzmacht gegen die Ausbreitung des Kommunismus. Im jüngsten «Anlagekommentar» beschreibt Hummler die USA jetzt als Land, «das über die letzten 60 Jahre unbestreitbar zu den weltweit aggressivsten Nationen gehört hat. Die USA haben mit Abstand am meisten kriegerische Handlungen, einmal mit, meistens ohne Uno-Mandat vom Zaun gebrochen».
Hummler zählt auf, dass die Amerikaner Kriegsvölkerrecht verletzt, geheime Gefängnisse unterhalten, einen absurden Krieg gegen Drogen geführt und fragwürdige Regimes unterstützt hätten. Die USA seien ein Land, das seine Infrastruktur verfallen lasse und «in zum Teil fragwürdigen Verfahren Verurteilte in hoffnungslos überfüllte Gefängnisse steckt». Unterschichten würden weder in den Genuss adäquater Bildung, noch eines tauglichen Gesundheitssystem kommen. Schliesslich kenne die USA nach wie vor die Todesstrafe und übe diese «extensiv» aus.
Jeder ist potenziell US-Person
Der moralisch-politischen Verurteilung folgt dann noch ausführlicher die wirtschaftliche. Das Hauptanliegen von Hummler bleibt der Kampf um die Steuern. Er beklagt ähnlich wie schon andere Banker die «geradezu atemberaubende» Doppelmoral der Amerikaner bei ihrer Jagd auf ausländische Steuerschlupflöcher: Im Inland würden sie dagegen Offshore-Oasen «riesigen Ausmasses», sowohl in Florida, Delaware und anderen Teilstaaten unterhalten. Der Banker befürchtet, dass die Versuche der Amerikaner, im Ausland Steueransprüche zu stellen, weiter zunehmen werden. Die Berater seiner Bank Wegelin würden deshalb der Kundschaft empfehlen, gänzlich auf Investitionen in US-Wertschriften zu verzichten.
Die grösste künftige Gefahr ortet Hummler in einer neuen Anwendung des amerikanisches Erbschaftsrechts. Die US-Erbschaftssteuer knüpfe nicht beim Erbenden an, sondern bei den vererbten Vermögen wie Liegenschaften oder Wertpapieren. Selbst ein Schweizer, der eine US-Wertschrift erbt, werde daher in den USA steuerpflichtig. Wer nicht voll belastet werden wolle, müsse laut Hummler den US-Steuerbehörden sämtliche Vermögensbestände offenlegen. Der Banker gibt ein sarkastisches Beispiel: «Die Kinder von Hans Rüdisühli sen. aus Melchnau müssen wegen den paar IBM-Aktien, die Hans so innigst geliebt hatte, beim IRS vorstellig werden und dabei eine Bewertung ihres Heimetli vorlegen». Die Amerikaner würden laut Hummler die Definition einer steuerpflichtigen US-Person immer weiter ausdehnen und dennoch schwammig fassen. Selbst wer sich länger in den USA aufhalte, könne unter diese Definition fallen. Für Banken sei es damit schier unmöglich, die von den USA gesetzten Regeln sauber einzuhalten.
Amerikaner liegen falsch
Das aggressive weltweite Eintreiben von Steuern durch die USA ist laut Hummler allerdings ein Schuss ins eigene Bein. Die Amerikaner würden offenbar davon ausgehen, dass ihr Land weiterhin wichtigstes Ziel von internationalen Investoren bleiben werde. Doch das hält Hummler für «kreuzfalsch».
Angesichts der gigantischen US-Staatsverschuldung sei das Land umgekehrt auf weiteres, internationales Kapital dringend angewiesen. Der US-Staatshaushalt funktioniert gemäss Hummler wie ein «Ponzi-Schema» (ein Schneeballsystem). Das Wachstum der Verschuldung liesse sich nur fortsetzen, so lange im Publikum keine Zweifel an der fortgesetzten Leistungsfähigkeit der Amerikaner aufkomme.
«It’s time to say goodbye»
Solche Zweifel aber hält er für akut. Das US-Wachstum sei seit etwa 30 Jahren nur dank einer Zunahme der Verschuldung zustande gekommen. Insbesondere in den letzten 15 Jahren hätten primär nur noch der Konsum und die Staatsausgaben zugelegt, bei den Investitionen seien die Amerikaner dagegen äusserst schwach. Für die Zukunft bleibe daher kaum Potenzial. Das aggressive Auftreten der US-Steuerbehörden drohe daher, die dringend benötigten ausländischen Investoren zu verscheuchen. Das könne sich dereinst in hohen Kosten für die Aussenschuld rächen.
Überhaupt sieht Hummler den Untergang der Amerikaner kommen: «Asien steigt auf, Brasilien vermutlich ebenfalls, Australien wird lachender Dritter sein, Europa kann sich möglicherweise noch einmal im Wiederaufschwung dieser Länder positionieren. Den USA bleiben die unbestreitbar vorhandene Militärmacht und die Schulden- und Problemberge». Seine Kunden, denen er einen Totalausstieg aus US-Anlagen empfiehlt, beruhigt Hummler mit dem Hinweis, der gesamte Markt dort sei ohnehin überbewertet. Trotz aller Abwertungen seit dem Ausbruch der Krise würden allein US-Aktien 12 Prozent über dem langfristigen «fairen Kursniveau» liegen. Die fulminante Schlussfolgerung des wütenden Bankers aus seiner Kampfschrift ist daher konsequent: «Deshalb ist man wohl gut beraten, ganz generell den Abschied von Amerika zu vollziehen». Bis auf weiteres müsse es heissen: «It’s time to say goodbye.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 26.08.2009, 16:37 Uhr
Sonntag, August 23, 2009
Margo Cadias - Suguro Ito
Carmen Habanera
Tchaikovsky - Paulina's Romance
CHOPIN Ballade No.2
CHOPIN Nocturne Op.9/1
Tchaikovsky - Paulina's Romance
CHOPIN Ballade No.2
CHOPIN Nocturne Op.9/1
Freitag, August 21, 2009
TA: Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Tagesanzeiger 19.08.09
Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Von Enver Robelli, Zagreb.
In Bosnien leben seit dem Krieg Hunderte muslimische Eiferer. Liberale Muslime befürchten deshalb, dass die Fanatiker das Zusammenleben gefährden.
Architektonisch wirkt die bosnische Stadt Mostar, als könnten die Religionen hier zusammenleben. Am Ufer der Neretva stehen Moscheen und Kirchen, die im Krieg zerstörte weltberühmte Alte Brücke strahlt in neuer alter Schönheit. Doch politisch bleibt Mostar geteilt: Seit dem Bosnien-Krieg leben die Muslime im östlichen Stadtteil, die katholischen Kroaten im Westen. Nun droht in Mostar eine weitere Spaltung, diesmal in der muslimischen Religionsgemeinschaft. Die Spannungen zwischen islamistischen Fanatikern, die sich als Rechtgläubige bezeichnen, und liberalen Muslimen nehmen zu. Jüngst brach der Streit offen aus: Bei einer Massenschlägerei zwischen einer Gruppe ultrareligiöser Wahhabiten und vermutlich ehemaligen Kämpfern der bosnischen Armee wurde der 34-jährige Magdi Dizdarevic getötet.
Die islamische Gemeinschaft Bosniens bezeichnete....
Tagesanzeiger 19.08.09
Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Von Enver Robelli, Zagreb.
In Bosnien leben seit dem Krieg Hunderte muslimische Eiferer. Liberale Muslime befürchten deshalb, dass die Fanatiker das Zusammenleben gefährden.
Architektonisch wirkt die bosnische Stadt Mostar, als könnten die Religionen hier zusammenleben. Am Ufer der Neretva stehen Moscheen und Kirchen, die im Krieg zerstörte weltberühmte Alte Brücke strahlt in neuer alter Schönheit. Doch politisch bleibt Mostar geteilt: Seit dem Bosnien-Krieg leben die Muslime im östlichen Stadtteil, die katholischen Kroaten im Westen. Nun droht in Mostar eine weitere Spaltung, diesmal in der muslimischen Religionsgemeinschaft. Die Spannungen zwischen islamistischen Fanatikern, die sich als Rechtgläubige bezeichnen, und liberalen Muslimen nehmen zu. Jüngst brach der Streit offen aus: Bei einer Massenschlägerei zwischen einer Gruppe ultrareligiöser Wahhabiten und vermutlich ehemaligen Kämpfern der bosnischen Armee wurde der 34-jährige Magdi Dizdarevic getötet.
Die islamische Gemeinschaft Bosniens bezeichnete den strenggläubigen Dizdarevic als Opfer der Vorurteile und des Hasses gegen die Muslime. Bei der Beerdigung ehrten ihn Glaubensbrüder als islamischen Märtyrer. Einige Wahhabiten sollen laut bosnischen Medien sogar mit Selbstjustiz gedroht haben. Inzwischen bemühen sich angesehene Bürger Mostars um die Beruhigung der Gemüter.
2000 arabische Kämpfer kamen
Der Vormarsch der strenggläubigen Muslime in Bosnien begann während des Krieges in den 90er-Jahren. Damals kamen 2000 Kämpfer aus arabischen Ländern. Unter ihnen waren Mujahedin mit Verbindungen zu Osama Bin Laden, die an der Seite der Muslime gegen die bosnischen Serben kämpften. Im Abkommen von Dayton vom Herbst 1995 wurde ein Abzug aller ausländischen Kämpfer binnen 30 Tagen festgelegt. Viele Gotteskrieger, unter ihnen der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, Khaled Sheikh Mohammed, verliessen das Land, um den heiligen Krieg anderswo fortzusetzen.
Hunderte Kämpfer konnten jedoch bleiben, weil sie muslimische Frauen geheiratet hatten. Als Gegenleistung für die Hilfe der Glaubensbrüder auf dem Balkan erhielten die Fanatiker bosnische Pässe. Darauf rekrutierten sie den religiösen Nachwuchs, bauten mit Hilfe saudischer Stiftungen Moscheen, verbreiteten Dogmatismus und bewirkten eine Radikalisierung jener Muslime, die im Krieg von der serbischen Soldateska vertrieben wurden. Als Hochburgen der Fundamentalisten gelten einige Dörfer in Ostbosnien und die pompöse König-Fahd-Moschee in Sarajevo.
Die bosnische Regierung steht seit den Anschlägen von 2001 unter dem Druck der USA, die Gotteskrieger auszuweisen. Nach inoffiziellen Angaben hat eine Kommission 400 «verdächtigen Mujahedin ausländischer Herkunft» das Bürgerrecht aberkannt, weil sie Verbindungen zum islamistischen Terrorismus haben sollen. Geschlossen wurden auch religiöse Stiftungen aus den Golfstaaten.
Vor einigen Tagen entliess das Parlament in Sarajevo den gesamtstaatlichen Innenminister Tarik Sadovic. Er soll sich geweigert haben, die verbliebenen muslimischen Extremisten auszuweisen. Diese werden von westlichen Geheimdiensten verdächtigt, im Dienste der al-Qaida zu stehen. Sadovic ist Mitglied der Partei der Demokratischen Aktion (SDA), die bei den Muslimen den Ton angibt. Er soll die Warnungen der bosnischen Polizeibehörden und westlicher Geheimdienste über die Aktivitäten von Terrorverdächtigen nicht ernst genommen haben. Abgelöst wurde er aber erst, nachdem US-Diplomaten in Sarajevo protestiert hatten.
Erstmals Weihnachtsmann verboten
Kritik wird in liberalen Kreisen in Sarajevo auch an Mustafa Ceric geübt. Das Oberhaupt der bosnischen Muslime predige in Westeuropa einen toleranten Islam, lasse die islamistischen Eiferer in Bosnien aber gewähren, heisst es. Viele proeuropäische Muslime in Bosnien vermissen klare Worte Cerics gegen die Fundamentalisten. Im Dezember 2008 etwa wurde in staatlichen Kindergärten Sarajevos erstmals der Weihnachtsmann verboten. Und vor einem Jahr wurden die Organisatoren eines schwul-lesbischen Festivals von religiösen Fanatikern angegriffen. Vor zwei Jahren gab es gar Meldungen über eine «Scharia-Polizei», die beim Küssen ertappte Paare misshandelt hätten.
Solche Vorfälle werden von serbischen und kroatischen Nationalisten oft als Beweis vorgebracht, dass Bosnien als Gesamtstaat keine Zukunft habe. Liberale Muslime verurteilen solche «Randerscheinungen», fühlen sich aber in ihrem Engagement für eine weltoffene Gesellschaft vom Westen im Stich gelassen. Die jüngste Entscheidung der EU, den bosnischen Bürgern keine Visa-Erleichterungen zu gewähren, hat bei den prowestlichen Muslimen in den grossen Städten wie Sarajevo, Mostar oder Tuzla das Gefühl verstärkt, der Westen bevorzuge die christlichen Serben und Kroaten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.08.2009, 07:44 Uhr
Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Von Enver Robelli, Zagreb.
In Bosnien leben seit dem Krieg Hunderte muslimische Eiferer. Liberale Muslime befürchten deshalb, dass die Fanatiker das Zusammenleben gefährden.
Architektonisch wirkt die bosnische Stadt Mostar, als könnten die Religionen hier zusammenleben. Am Ufer der Neretva stehen Moscheen und Kirchen, die im Krieg zerstörte weltberühmte Alte Brücke strahlt in neuer alter Schönheit. Doch politisch bleibt Mostar geteilt: Seit dem Bosnien-Krieg leben die Muslime im östlichen Stadtteil, die katholischen Kroaten im Westen. Nun droht in Mostar eine weitere Spaltung, diesmal in der muslimischen Religionsgemeinschaft. Die Spannungen zwischen islamistischen Fanatikern, die sich als Rechtgläubige bezeichnen, und liberalen Muslimen nehmen zu. Jüngst brach der Streit offen aus: Bei einer Massenschlägerei zwischen einer Gruppe ultrareligiöser Wahhabiten und vermutlich ehemaligen Kämpfern der bosnischen Armee wurde der 34-jährige Magdi Dizdarevic getötet.
Die islamische Gemeinschaft Bosniens bezeichnete....
Tagesanzeiger 19.08.09
Gotteskrieger in Bosnien auf dem Vormarsch
Von Enver Robelli, Zagreb.
In Bosnien leben seit dem Krieg Hunderte muslimische Eiferer. Liberale Muslime befürchten deshalb, dass die Fanatiker das Zusammenleben gefährden.
Architektonisch wirkt die bosnische Stadt Mostar, als könnten die Religionen hier zusammenleben. Am Ufer der Neretva stehen Moscheen und Kirchen, die im Krieg zerstörte weltberühmte Alte Brücke strahlt in neuer alter Schönheit. Doch politisch bleibt Mostar geteilt: Seit dem Bosnien-Krieg leben die Muslime im östlichen Stadtteil, die katholischen Kroaten im Westen. Nun droht in Mostar eine weitere Spaltung, diesmal in der muslimischen Religionsgemeinschaft. Die Spannungen zwischen islamistischen Fanatikern, die sich als Rechtgläubige bezeichnen, und liberalen Muslimen nehmen zu. Jüngst brach der Streit offen aus: Bei einer Massenschlägerei zwischen einer Gruppe ultrareligiöser Wahhabiten und vermutlich ehemaligen Kämpfern der bosnischen Armee wurde der 34-jährige Magdi Dizdarevic getötet.
Die islamische Gemeinschaft Bosniens bezeichnete den strenggläubigen Dizdarevic als Opfer der Vorurteile und des Hasses gegen die Muslime. Bei der Beerdigung ehrten ihn Glaubensbrüder als islamischen Märtyrer. Einige Wahhabiten sollen laut bosnischen Medien sogar mit Selbstjustiz gedroht haben. Inzwischen bemühen sich angesehene Bürger Mostars um die Beruhigung der Gemüter.
2000 arabische Kämpfer kamen
Der Vormarsch der strenggläubigen Muslime in Bosnien begann während des Krieges in den 90er-Jahren. Damals kamen 2000 Kämpfer aus arabischen Ländern. Unter ihnen waren Mujahedin mit Verbindungen zu Osama Bin Laden, die an der Seite der Muslime gegen die bosnischen Serben kämpften. Im Abkommen von Dayton vom Herbst 1995 wurde ein Abzug aller ausländischen Kämpfer binnen 30 Tagen festgelegt. Viele Gotteskrieger, unter ihnen der Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001, Khaled Sheikh Mohammed, verliessen das Land, um den heiligen Krieg anderswo fortzusetzen.
Hunderte Kämpfer konnten jedoch bleiben, weil sie muslimische Frauen geheiratet hatten. Als Gegenleistung für die Hilfe der Glaubensbrüder auf dem Balkan erhielten die Fanatiker bosnische Pässe. Darauf rekrutierten sie den religiösen Nachwuchs, bauten mit Hilfe saudischer Stiftungen Moscheen, verbreiteten Dogmatismus und bewirkten eine Radikalisierung jener Muslime, die im Krieg von der serbischen Soldateska vertrieben wurden. Als Hochburgen der Fundamentalisten gelten einige Dörfer in Ostbosnien und die pompöse König-Fahd-Moschee in Sarajevo.
Die bosnische Regierung steht seit den Anschlägen von 2001 unter dem Druck der USA, die Gotteskrieger auszuweisen. Nach inoffiziellen Angaben hat eine Kommission 400 «verdächtigen Mujahedin ausländischer Herkunft» das Bürgerrecht aberkannt, weil sie Verbindungen zum islamistischen Terrorismus haben sollen. Geschlossen wurden auch religiöse Stiftungen aus den Golfstaaten.
Vor einigen Tagen entliess das Parlament in Sarajevo den gesamtstaatlichen Innenminister Tarik Sadovic. Er soll sich geweigert haben, die verbliebenen muslimischen Extremisten auszuweisen. Diese werden von westlichen Geheimdiensten verdächtigt, im Dienste der al-Qaida zu stehen. Sadovic ist Mitglied der Partei der Demokratischen Aktion (SDA), die bei den Muslimen den Ton angibt. Er soll die Warnungen der bosnischen Polizeibehörden und westlicher Geheimdienste über die Aktivitäten von Terrorverdächtigen nicht ernst genommen haben. Abgelöst wurde er aber erst, nachdem US-Diplomaten in Sarajevo protestiert hatten.
Erstmals Weihnachtsmann verboten
Kritik wird in liberalen Kreisen in Sarajevo auch an Mustafa Ceric geübt. Das Oberhaupt der bosnischen Muslime predige in Westeuropa einen toleranten Islam, lasse die islamistischen Eiferer in Bosnien aber gewähren, heisst es. Viele proeuropäische Muslime in Bosnien vermissen klare Worte Cerics gegen die Fundamentalisten. Im Dezember 2008 etwa wurde in staatlichen Kindergärten Sarajevos erstmals der Weihnachtsmann verboten. Und vor einem Jahr wurden die Organisatoren eines schwul-lesbischen Festivals von religiösen Fanatikern angegriffen. Vor zwei Jahren gab es gar Meldungen über eine «Scharia-Polizei», die beim Küssen ertappte Paare misshandelt hätten.
Solche Vorfälle werden von serbischen und kroatischen Nationalisten oft als Beweis vorgebracht, dass Bosnien als Gesamtstaat keine Zukunft habe. Liberale Muslime verurteilen solche «Randerscheinungen», fühlen sich aber in ihrem Engagement für eine weltoffene Gesellschaft vom Westen im Stich gelassen. Die jüngste Entscheidung der EU, den bosnischen Bürgern keine Visa-Erleichterungen zu gewähren, hat bei den prowestlichen Muslimen in den grossen Städten wie Sarajevo, Mostar oder Tuzla das Gefühl verstärkt, der Westen bevorzuge die christlichen Serben und Kroaten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.08.2009, 07:44 Uhr
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Donnerstag, August 20, 2009
TA: Wo Afghanistan eine Traumdestination ist
Tages Anzeiger 19.08.09
Wo Afghanistan eine Traumdestination ist
Von David Nauer, Bamiyan.
Bärtige Krieger, unterdrückte Frauen: Sie prägen unser Bild von Afghanistan. Die Provinz Bamiyan aber ist anders. Hier herrscht Frieden – und der Gouverneur ist eine Frau.
Dem smaragdgrünen Talboden sind sie entlanggekommen, die Horden des Dschingis Khan. Furchterregend, laut, es dürstete sie nach Blut. Ihr Ziel: Die Festung von Bamiyan. Das Bollwerk hielt nicht lange stand. Die Mongolen knackten die Mauern – und metzelten alles nieder, was sich bewegte. Das Blutbad, schätzen Historiker, ereignete sich im Jahr 1221.
Heute steht Ali Taheri, 23, auf der Felskuppe inmitten....
Tages Anzeiger 19.08.09
Wo Afghanistan eine Traumdestination ist
Von David Nauer, Bamiyan.
Bärtige Krieger, unterdrückte Frauen: Sie prägen unser Bild von Afghanistan. Die Provinz Bamiyan aber ist anders. Hier herrscht Frieden – und der Gouverneur ist eine Frau.
Dem smaragdgrünen Talboden sind sie entlanggekommen, die Horden des Dschingis Khan. Furchterregend, laut, es dürstete sie nach Blut. Ihr Ziel: Die Festung von Bamiyan. Das Bollwerk hielt nicht lange stand. Die Mongolen knackten die Mauern – und metzelten alles nieder, was sich bewegte. Das Blutbad, schätzen Historiker, ereignete sich im Jahr 1221.
Heute steht Ali Taheri, 23, auf der Felskuppe inmitten der Ruinen. Soeben hat er die grausame Vergangenheit seiner Heimat anschaulich geschildert. Nun zeigt er mit der Hand nach Osten. Zwischen den Feldern zeichnet sich ein braunes Band ab. «Das ist die Strasse nach Kabul.»
Tourismusindustrie mitten in Afghanistan
Ali Taheri ist frisch ausgebildeter Fremdenführer für Bamiyan. Ja, man glaubt es kaum. Diese kleine Provinz im Herzen Afghanistans baut gerade eine Tourismus-Industrie auf. Einen Nationalpark gibt es schon; auch ein Informationsbüro und einige kleine Gasthäuser.
Während der Rest von Afghanistan im Krieg versinkt, herrscht in Bamiyan Frieden. Keine Anschläge, keine Überfälle – sogar Ausländer können ohne Sorge über den Basar spazieren. Das Geheimnis von Bamiyan sind seine Menschen. Hier leben fast ausschliesslich Hasara, die drittgrösste Bevölkerungsgruppe Afghanistans. Mit ihren asiatischen Gesichtern unterscheiden sie sich rein äusserlich von ihren Mitbürgern; als Schiiten heben sie sich auch religiös ab. Zudem sind sie als friedfertig und tolerant bekannt.
Verfolgt seit Urzeiten
Diese Sonderrolle hat den Hasara viel Leid gebracht. Solange sie sich erinnern können, wurden sie verfolgt. Von den Königen aus Kabul, von Kommunisten und Warlords. Zuletzt von den Taliban. Die fundamentalistischen Gotteskrieger brachten nicht nur Tausende Hasara um. Sie zerstörten auch den grössten Kulturschatz von Bamiyan: die Felsbuddhas. 1500 Jahre hatten die beiden Steinstatuen überdauert. Selbst als die Menschen in Bamiyan längst zum Islam übergetreten waren, blieben die Kunstwerke unberührt. Doch 2001 erklärte Taliban-Chef Mullah Omar die Kunstwerke für «unislamisch». Die frommen Kämpfer rückten mit Panzern und Sprengladungen an.
«Das war ein ganz trauriger Tag gewesen», erinnert sich Fremdenführer Ali. Wir stehen nun vor den Felsnischen. Das ist alles, was von den Buddhas übrig blieb. Ein müder Wächter hat uns das Tor aufgeschlossen. Wir sind die ersten Besucher des Tages, und wahrscheinlich auch die letzten. Denn der Tourismusindustrie von Bamiyan fehlt bisher vor allem eins: Die Touristen.
Die Provinz selber ist zwar sicher, aber sämtliche Zufahrtsstrassen werden von den Taliban kontrolliert. Eine Fahrt nach Kabul ist lebensgefährlich. Linienflüge gibt es keine, einzig die Uno schickt gelegentlich ein Flugzeug auf die Schotterpiste von Bamiyan. Das Gebiet, umgeben von den Gipfeln des Hindukusch, ist eine Insel, abgeschnitten, fast unerreichbar.
Und ausgerechnet in dieser Abgeschiedenheit, fern von der Welt, hat sich eine kleine afghanischen Revolution ereignet. Eine Geschlechterrevolution. Der Gouverneur von Bamiyan ist eine Gouverneurin. Habiba Sorabi, die einzige Frau im ganzen Land an der Spitze einer Provinz.
Keine Attentate wie anderswo
Vor ihrem Amtssitz geht es fast beschaulich zu. Ein einziger Polizist schiebt Wache. Vis-à-vis haben sich 150 neuseeländische Soldaten eingegraben. Sie sind die örtliche Vertretung der internationalen Streitmacht in Afghanistan; und wohl eine glückliche Truppe. Statt Selbstmordattentaten plagt sie höchstens der staubige Wind, vielleicht gelegentlich ein Durchfall.
«Gott sei Dank ist Sicherheit kein grosses Problem», sagt auch Habiba Sorabi. Nicht mal für die Wahlen von morgen Donnerstag erwartet sie grosse Schwierigkeiten. Die Gouverneurin sitzt auf einem grossen Lederstuhl, das Haar mit einem weissen Tuch bedeckt. Ihre Rolle als fast einzige Frau in der grossen afghanischen Politik? Für sie ist das kein Thema, oder nur ein kleines. «Ich bin zwar eine Frau; aber ich denke wie eine Gouverneurin», sagt sie. Das Amt sei wichtiger als das Geschlecht. Auch wenn es ihr, wie sie einräumt, die Hasara besonders einfach machen. «Unser Volk ist offener», sagt die Gouverneurin. Als sie ihren Job antrat, habe ihr ein Kollege, ein Paschtune, ungläubig gesagt: «Bei uns dürfen die Frauen nicht einmal aus dem Haus. Bei euch machen sie Politik.»
Frauenquote im Parlament
Das ist nun fünf Jahre her. Hat sich die Stellung der Frau seither verbessert? Habiba Sorabi warnt vor übertriebenen Erwartungen. Schritt für Schritt müsse sich etwas tun. Immerhin habe sie mit Gesinnungsgenossinnen auf gesetzlicher Ebene schon einiges durchgedrückt. Die afghanische Verfassung hält nun fest, dass Mann und Frau die gleichen Rechte haben. Auch eine Frauenquote gibt es im Parlament: 26 Prozent der Abgeordneten müssen Frauen sein.
Sonst aber fehlt Sorabi die Zeit, um nationale Frauenpolitik zu machen. «Ich habe genug zu tun mit meiner Provinz.» Bamiyan ist eines der ärmsten Gebiete von Afghanistan. Die Gouverneurin will das ändern – den Tourismus fördern und die Landwirtschaft, auch Eisenerz soll dereinst aus dem Boden geholt werden. Doch für einen nachhaltigen Aufschwung braucht es vor allem Bildung. Und da muss Bamiyan fast bei null anfangen. Mancherorts kann nicht einmal jeder Zehnte lesen.
Besuch im Bergdorf Sari Sadbarg: Eineinhalb Stunden dauert die Fahrt von der Stadt Bamiyan hierher. Über eine rumpelige Piste, vorbei an goldgelben Weizenfeldern, Kartoffelacker, sprudelnden Bächen. Auf einem Plateau ducken sich zwei einfache Gebäude in die Landschaft, daneben stehen mehrere Zelte. Es ist dies die Schule von Sari Sadbarg. Rektor Rajab Ali Navit, 43, ein verstrubbelter Mann mit schiefen Zähnen, führt stolz durch sein Reich. 221 Schüler lernen hier Lesen und Schreiben, Mathe und Physik.
Auch Mädchen in die Schule
Es fehlt allerdings an vielem: Bücher und Hefte sind das eine. Doch nicht einmal Schulräume gibt es genug. Der Unterricht findet deswegen meist in den Zelten statt. Auch einen Tisch hätte Rektor Navit gerne in seinem kleinen Büro. Vorerst schreibt er halt am Boden. Und doch sind die Dörfler glücklich.
Der Ältestenrat habe 2004 beschlossen, dass Sari Sadbarg eine Schule braucht, berichten Rektor Navit. Dann kamen die ausländischen Helfer dazu: Die Aga-Khan-Stiftung, eine internationale NGO, lieferte fachlichen Support. Die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) spendete eine kleine Summe Geld. Ein Anfang war gemacht. Inzwischen gehen fast alle Kinder von Sari Sadbarg zur Schule, auch die Mädchen. Rektor Navit muss nicht einmal Überzeugungsarbeit leisten. Die Familien verstehen Bildung als Schlüssel zu einer besseren Zukunft, unabhängig vom Geschlecht. Ein Problem gibt es noch mit den Lehrern: Die meisten haben selber kaum mehr als eine Primarschulbildung. Die Aga-Khan-Stiftung führt deswegen Fortbildungskurse durch. Bereits wächst eine neue Generation von Lehrern heran - und Lehrerinnen. Mehrere junge Frauen steigen ins Berufsleben ein.
Ob Frieden, ob Frauen. Bamiyan ist anders. «Es könnte ein Modell sein für das ganze Land», sagt ein Entwicklungshelfer. Er hofft es, vorerst aber nur leise. «Denn rund um Bamiyan ist der Rest von Afghanistan.» Dort, das wissen wir, sind viele Frauen unterdrückt; und die bärtigen Krieger auf dem Vormarsch.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.08.2009, 22:32 Uhr
Wo Afghanistan eine Traumdestination ist
Von David Nauer, Bamiyan.
Bärtige Krieger, unterdrückte Frauen: Sie prägen unser Bild von Afghanistan. Die Provinz Bamiyan aber ist anders. Hier herrscht Frieden – und der Gouverneur ist eine Frau.
Dem smaragdgrünen Talboden sind sie entlanggekommen, die Horden des Dschingis Khan. Furchterregend, laut, es dürstete sie nach Blut. Ihr Ziel: Die Festung von Bamiyan. Das Bollwerk hielt nicht lange stand. Die Mongolen knackten die Mauern – und metzelten alles nieder, was sich bewegte. Das Blutbad, schätzen Historiker, ereignete sich im Jahr 1221.
Heute steht Ali Taheri, 23, auf der Felskuppe inmitten....
Tages Anzeiger 19.08.09
Wo Afghanistan eine Traumdestination ist
Von David Nauer, Bamiyan.
Bärtige Krieger, unterdrückte Frauen: Sie prägen unser Bild von Afghanistan. Die Provinz Bamiyan aber ist anders. Hier herrscht Frieden – und der Gouverneur ist eine Frau.
Dem smaragdgrünen Talboden sind sie entlanggekommen, die Horden des Dschingis Khan. Furchterregend, laut, es dürstete sie nach Blut. Ihr Ziel: Die Festung von Bamiyan. Das Bollwerk hielt nicht lange stand. Die Mongolen knackten die Mauern – und metzelten alles nieder, was sich bewegte. Das Blutbad, schätzen Historiker, ereignete sich im Jahr 1221.
Heute steht Ali Taheri, 23, auf der Felskuppe inmitten der Ruinen. Soeben hat er die grausame Vergangenheit seiner Heimat anschaulich geschildert. Nun zeigt er mit der Hand nach Osten. Zwischen den Feldern zeichnet sich ein braunes Band ab. «Das ist die Strasse nach Kabul.»
Tourismusindustrie mitten in Afghanistan
Ali Taheri ist frisch ausgebildeter Fremdenführer für Bamiyan. Ja, man glaubt es kaum. Diese kleine Provinz im Herzen Afghanistans baut gerade eine Tourismus-Industrie auf. Einen Nationalpark gibt es schon; auch ein Informationsbüro und einige kleine Gasthäuser.
Während der Rest von Afghanistan im Krieg versinkt, herrscht in Bamiyan Frieden. Keine Anschläge, keine Überfälle – sogar Ausländer können ohne Sorge über den Basar spazieren. Das Geheimnis von Bamiyan sind seine Menschen. Hier leben fast ausschliesslich Hasara, die drittgrösste Bevölkerungsgruppe Afghanistans. Mit ihren asiatischen Gesichtern unterscheiden sie sich rein äusserlich von ihren Mitbürgern; als Schiiten heben sie sich auch religiös ab. Zudem sind sie als friedfertig und tolerant bekannt.
Verfolgt seit Urzeiten
Diese Sonderrolle hat den Hasara viel Leid gebracht. Solange sie sich erinnern können, wurden sie verfolgt. Von den Königen aus Kabul, von Kommunisten und Warlords. Zuletzt von den Taliban. Die fundamentalistischen Gotteskrieger brachten nicht nur Tausende Hasara um. Sie zerstörten auch den grössten Kulturschatz von Bamiyan: die Felsbuddhas. 1500 Jahre hatten die beiden Steinstatuen überdauert. Selbst als die Menschen in Bamiyan längst zum Islam übergetreten waren, blieben die Kunstwerke unberührt. Doch 2001 erklärte Taliban-Chef Mullah Omar die Kunstwerke für «unislamisch». Die frommen Kämpfer rückten mit Panzern und Sprengladungen an.
«Das war ein ganz trauriger Tag gewesen», erinnert sich Fremdenführer Ali. Wir stehen nun vor den Felsnischen. Das ist alles, was von den Buddhas übrig blieb. Ein müder Wächter hat uns das Tor aufgeschlossen. Wir sind die ersten Besucher des Tages, und wahrscheinlich auch die letzten. Denn der Tourismusindustrie von Bamiyan fehlt bisher vor allem eins: Die Touristen.
Die Provinz selber ist zwar sicher, aber sämtliche Zufahrtsstrassen werden von den Taliban kontrolliert. Eine Fahrt nach Kabul ist lebensgefährlich. Linienflüge gibt es keine, einzig die Uno schickt gelegentlich ein Flugzeug auf die Schotterpiste von Bamiyan. Das Gebiet, umgeben von den Gipfeln des Hindukusch, ist eine Insel, abgeschnitten, fast unerreichbar.
Und ausgerechnet in dieser Abgeschiedenheit, fern von der Welt, hat sich eine kleine afghanischen Revolution ereignet. Eine Geschlechterrevolution. Der Gouverneur von Bamiyan ist eine Gouverneurin. Habiba Sorabi, die einzige Frau im ganzen Land an der Spitze einer Provinz.
Keine Attentate wie anderswo
Vor ihrem Amtssitz geht es fast beschaulich zu. Ein einziger Polizist schiebt Wache. Vis-à-vis haben sich 150 neuseeländische Soldaten eingegraben. Sie sind die örtliche Vertretung der internationalen Streitmacht in Afghanistan; und wohl eine glückliche Truppe. Statt Selbstmordattentaten plagt sie höchstens der staubige Wind, vielleicht gelegentlich ein Durchfall.
«Gott sei Dank ist Sicherheit kein grosses Problem», sagt auch Habiba Sorabi. Nicht mal für die Wahlen von morgen Donnerstag erwartet sie grosse Schwierigkeiten. Die Gouverneurin sitzt auf einem grossen Lederstuhl, das Haar mit einem weissen Tuch bedeckt. Ihre Rolle als fast einzige Frau in der grossen afghanischen Politik? Für sie ist das kein Thema, oder nur ein kleines. «Ich bin zwar eine Frau; aber ich denke wie eine Gouverneurin», sagt sie. Das Amt sei wichtiger als das Geschlecht. Auch wenn es ihr, wie sie einräumt, die Hasara besonders einfach machen. «Unser Volk ist offener», sagt die Gouverneurin. Als sie ihren Job antrat, habe ihr ein Kollege, ein Paschtune, ungläubig gesagt: «Bei uns dürfen die Frauen nicht einmal aus dem Haus. Bei euch machen sie Politik.»
Frauenquote im Parlament
Das ist nun fünf Jahre her. Hat sich die Stellung der Frau seither verbessert? Habiba Sorabi warnt vor übertriebenen Erwartungen. Schritt für Schritt müsse sich etwas tun. Immerhin habe sie mit Gesinnungsgenossinnen auf gesetzlicher Ebene schon einiges durchgedrückt. Die afghanische Verfassung hält nun fest, dass Mann und Frau die gleichen Rechte haben. Auch eine Frauenquote gibt es im Parlament: 26 Prozent der Abgeordneten müssen Frauen sein.
Sonst aber fehlt Sorabi die Zeit, um nationale Frauenpolitik zu machen. «Ich habe genug zu tun mit meiner Provinz.» Bamiyan ist eines der ärmsten Gebiete von Afghanistan. Die Gouverneurin will das ändern – den Tourismus fördern und die Landwirtschaft, auch Eisenerz soll dereinst aus dem Boden geholt werden. Doch für einen nachhaltigen Aufschwung braucht es vor allem Bildung. Und da muss Bamiyan fast bei null anfangen. Mancherorts kann nicht einmal jeder Zehnte lesen.
Besuch im Bergdorf Sari Sadbarg: Eineinhalb Stunden dauert die Fahrt von der Stadt Bamiyan hierher. Über eine rumpelige Piste, vorbei an goldgelben Weizenfeldern, Kartoffelacker, sprudelnden Bächen. Auf einem Plateau ducken sich zwei einfache Gebäude in die Landschaft, daneben stehen mehrere Zelte. Es ist dies die Schule von Sari Sadbarg. Rektor Rajab Ali Navit, 43, ein verstrubbelter Mann mit schiefen Zähnen, führt stolz durch sein Reich. 221 Schüler lernen hier Lesen und Schreiben, Mathe und Physik.
Auch Mädchen in die Schule
Es fehlt allerdings an vielem: Bücher und Hefte sind das eine. Doch nicht einmal Schulräume gibt es genug. Der Unterricht findet deswegen meist in den Zelten statt. Auch einen Tisch hätte Rektor Navit gerne in seinem kleinen Büro. Vorerst schreibt er halt am Boden. Und doch sind die Dörfler glücklich.
Der Ältestenrat habe 2004 beschlossen, dass Sari Sadbarg eine Schule braucht, berichten Rektor Navit. Dann kamen die ausländischen Helfer dazu: Die Aga-Khan-Stiftung, eine internationale NGO, lieferte fachlichen Support. Die schweizerische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) spendete eine kleine Summe Geld. Ein Anfang war gemacht. Inzwischen gehen fast alle Kinder von Sari Sadbarg zur Schule, auch die Mädchen. Rektor Navit muss nicht einmal Überzeugungsarbeit leisten. Die Familien verstehen Bildung als Schlüssel zu einer besseren Zukunft, unabhängig vom Geschlecht. Ein Problem gibt es noch mit den Lehrern: Die meisten haben selber kaum mehr als eine Primarschulbildung. Die Aga-Khan-Stiftung führt deswegen Fortbildungskurse durch. Bereits wächst eine neue Generation von Lehrern heran - und Lehrerinnen. Mehrere junge Frauen steigen ins Berufsleben ein.
Ob Frieden, ob Frauen. Bamiyan ist anders. «Es könnte ein Modell sein für das ganze Land», sagt ein Entwicklungshelfer. Er hofft es, vorerst aber nur leise. «Denn rund um Bamiyan ist der Rest von Afghanistan.» Dort, das wissen wir, sind viele Frauen unterdrückt; und die bärtigen Krieger auf dem Vormarsch.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.08.2009, 22:32 Uhr
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Dienstag, August 18, 2009
Science News: Networks reveal concentrated ownership of corporations Analysis of stock markets in 48 countries finds backbones of control
Science News
Networks reveal concentrated ownership of corporations
Analysis of stock markets in 48 countries finds backbones of control
By Patrick Barry
Friday, February 13th, 2009
Researchers have made the first maps of corporate stock ownership for the stock markets of a large number of countries, 48 in all. The new network analysis technique reveals “backbones” in these ownership networks: big players that together own a controlling stake in more than 80 percent of the companies in the markets.
In these network diagrams, nodes represent either a company with publicly owned stock or a shareholder. Links between the nodes show which shareholders hold stock in which companies. Because many publicly owned companies...
Science News
Networks reveal concentrated ownership of corporations
Analysis of stock markets in 48 countries finds backbones of control
By Patrick Barry
Friday, February 13th, 2009
Researchers have made the first maps of corporate stock ownership for the stock markets of a large number of countries, 48 in all. The new network analysis technique reveals “backbones” in these ownership networks: big players that together own a controlling stake in more than 80 percent of the companies in the markets.
In these network diagrams, nodes represent either a company with publicly owned stock or a shareholder. Links between the nodes show which shareholders hold stock in which companies. Because many publicly owned companies also hold shares in other companies, many nodes have both “owner” and “ownee” links. Plotting all these connections creates a map of the ownership structure of a stock market.
Unlike the approach used in the new study, simpler network analyses can’t reveal these backbones of ownership because the market values of companies being traded aren’t taken into account. The new study, published online February 5 at arXiv.org, adds these market values. It also includes a way to account for indirect ownership, such as when a company owns stock in a second company that, in turn, owns stock in a third company.
“If you do a network analysis, you can see things that you couldn’t see otherwise,” says Stefano Battiston (Interview with St. Battiston in german), coauthor of the study and a physicist at the Swiss Federal Institute of Technology in Zurich who studies complex socioeconomic networks. “Although from an individual point of view corporations are widely held, from a global point of view ownership is more highly concentrated.”
The resulting networks, which are based on a snapshot of market data from early 2007, show that concentration of ownership in these markets varies from country to country. The United States and United Kingdom had the highest concentration of ownership, while ownership was less concentrated in European and Asian countries. Some companies held so much stock at the time that they constituted part of the backbones of many countries. The top ten such companies were:
1. The Capital Group Companies (U.S.)
2. Fidelity Management & Research (U.S.)
3. Barclays PLC (U.K.)
4. Franklin Resources (U.S.)
5. AXA (France)
6. JPMorgan Chase & Co. (U.S.)
7. Dimensional Fund Advisors (U.S.)
8. Merrill Lynch & Co. (U.S.)
9. Wellington Management Company (U.S.)
10. UBS (Switzerland)
“The results nicely show how structure emerges from an otherwise weak signal, revealing the ownership backbone within and across countries,” comments Bruce Kogut, an economist at the Columbia Business School in New York.
Most of these companies manage mutual funds, so they hold large portfolios of a wide variety of stocks on behalf of their clients. It’s not surprising then that they would top the list, but the new study confirms this intuition with hard data.
“It’s interesting that you can get these results that, if you asked an experienced economist they’d probably have a gut feeling about, but now you can show it in a quantitative way,” comments Jörg Reichardt, a physicist at the University of Wuerzburg in Germany. “They’ve done a great job of making it mathematically rigorous.”
The implications of these backbones of concentrated ownership for the current global economic crisis are unclear, Battiston says. He and his colleagues are now analyzing stock market data from after the economic downturn for comparison and working on theories for how the structure of ownership affects the overall stability of the market.
“In contrast to the mainstream economic view that a more interconnected market is always more stable, in many cases it can actually be more unstable because there are some mechanisms that have not been accounted for in the economic theory so far,” Battiston says. “If there are amplification systems and feedback, then a more connected world is more unstable.”
Networks reveal concentrated ownership of corporations
Analysis of stock markets in 48 countries finds backbones of control
By Patrick Barry
Friday, February 13th, 2009
Researchers have made the first maps of corporate stock ownership for the stock markets of a large number of countries, 48 in all. The new network analysis technique reveals “backbones” in these ownership networks: big players that together own a controlling stake in more than 80 percent of the companies in the markets.
In these network diagrams, nodes represent either a company with publicly owned stock or a shareholder. Links between the nodes show which shareholders hold stock in which companies. Because many publicly owned companies...
Science News
Networks reveal concentrated ownership of corporations
Analysis of stock markets in 48 countries finds backbones of control
By Patrick Barry
Friday, February 13th, 2009
Researchers have made the first maps of corporate stock ownership for the stock markets of a large number of countries, 48 in all. The new network analysis technique reveals “backbones” in these ownership networks: big players that together own a controlling stake in more than 80 percent of the companies in the markets.
In these network diagrams, nodes represent either a company with publicly owned stock or a shareholder. Links between the nodes show which shareholders hold stock in which companies. Because many publicly owned companies also hold shares in other companies, many nodes have both “owner” and “ownee” links. Plotting all these connections creates a map of the ownership structure of a stock market.
Unlike the approach used in the new study, simpler network analyses can’t reveal these backbones of ownership because the market values of companies being traded aren’t taken into account. The new study, published online February 5 at arXiv.org, adds these market values. It also includes a way to account for indirect ownership, such as when a company owns stock in a second company that, in turn, owns stock in a third company.
“If you do a network analysis, you can see things that you couldn’t see otherwise,” says Stefano Battiston (Interview with St. Battiston in german), coauthor of the study and a physicist at the Swiss Federal Institute of Technology in Zurich who studies complex socioeconomic networks. “Although from an individual point of view corporations are widely held, from a global point of view ownership is more highly concentrated.”
The resulting networks, which are based on a snapshot of market data from early 2007, show that concentration of ownership in these markets varies from country to country. The United States and United Kingdom had the highest concentration of ownership, while ownership was less concentrated in European and Asian countries. Some companies held so much stock at the time that they constituted part of the backbones of many countries. The top ten such companies were:
1. The Capital Group Companies (U.S.)
2. Fidelity Management & Research (U.S.)
3. Barclays PLC (U.K.)
4. Franklin Resources (U.S.)
5. AXA (France)
6. JPMorgan Chase & Co. (U.S.)
7. Dimensional Fund Advisors (U.S.)
8. Merrill Lynch & Co. (U.S.)
9. Wellington Management Company (U.S.)
10. UBS (Switzerland)
“The results nicely show how structure emerges from an otherwise weak signal, revealing the ownership backbone within and across countries,” comments Bruce Kogut, an economist at the Columbia Business School in New York.
Most of these companies manage mutual funds, so they hold large portfolios of a wide variety of stocks on behalf of their clients. It’s not surprising then that they would top the list, but the new study confirms this intuition with hard data.
“It’s interesting that you can get these results that, if you asked an experienced economist they’d probably have a gut feeling about, but now you can show it in a quantitative way,” comments Jörg Reichardt, a physicist at the University of Wuerzburg in Germany. “They’ve done a great job of making it mathematically rigorous.”
The implications of these backbones of concentrated ownership for the current global economic crisis are unclear, Battiston says. He and his colleagues are now analyzing stock market data from after the economic downturn for comparison and working on theories for how the structure of ownership affects the overall stability of the market.
“In contrast to the mainstream economic view that a more interconnected market is always more stable, in many cases it can actually be more unstable because there are some mechanisms that have not been accounted for in the economic theory so far,” Battiston says. “If there are amplification systems and feedback, then a more connected world is more unstable.”
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Montag, August 17, 2009
Sonntag, August 16, 2009
TA Magazin: Roger de Weck - Den Staat befreien
Den Staat befreien
Die «Generation Kasino» hatte sich des Staats bemächtigt, nun plündert sie ihn. Ein schwacher, verachteter Staat ist aber Gift für die Wirtschaft: Er reguliert schlecht.
Dritter Teil
der 2. Teil findet sich unter diesem Link
14.08.2009 von Roger de Weck
Der römische Historiker Publius Cornelius Tacitus schrieb um 110 n. Chr. sein berühmtes Geschichtswerk, die «Annalen». Darin schildert er eine Finanzkrise unter Kaiser Tiberius im Jahr 33: «Plötzlich kam das gesamte Schuldenwesen in Bewegung», es entstand «eine Verknappung auf dem Geldmarkt». Fatalerweise, berichtet Tacitus, hatten «die Kapitalisten all ihr Geld zum Kauf von Grundstücken» ausgegeben und waren illiquide geworden. Als ihre Gläubiger die Kredite kündigten, musste eine Vielzahl von Grundherren Haus und Hof verschleudern:
«Das massenhafte Verkaufsangebot drückte die Preise, und...
Den Staat befreien
Die «Generation Kasino» hatte sich des Staats bemächtigt, nun plündert sie ihn. Ein schwacher, verachteter Staat ist aber Gift für die Wirtschaft: Er reguliert schlecht.
14.08.2009 von Roger de Weck
Der römische Historiker Publius Cornelius Tacitus schrieb um 110 n. Chr. sein berühmtes Geschichtswerk, die «Annalen». Darin schildert er eine Finanzkrise unter Kaiser Tiberius im Jahr 33: «Plötzlich kam das gesamte Schuldenwesen in Bewegung», es entstand «eine Verknappung auf dem Geldmarkt». Fatalerweise, berichtet Tacitus, hatten «die Kapitalisten all ihr Geld zum Kauf von Grundstücken» ausgegeben und waren illiquide geworden. Als ihre Gläubiger die Kredite kündigten, musste eine Vielzahl von Grundherren Haus und Hof verschleudern:
«Das massenhafte Verkaufsangebot drückte die Preise, und je tiefer einer verschuldet war, umso schwerer war er dazu zu bringen, seinen Besitz zu veräussern. Der Zusammenbruch der wirtschaftlichen Existenz hatte den Verlust von Stellung und Ruf zur Folge. Endlich griff der Cäsar (der Kaiser) helfend ein. Er stellte den Banken hundert Millionen Sesterzen zur Verfügung, wodurch die Aufnahme von zinslosen Darlehen auf drei Jahre ermöglicht wurde, sofern der Schuldner dem Staat doppelte Sicherheit in Form von Grundstücken gebe. So wurde der Kredit wiederhergestellt, und allmählich fanden sich auch wieder private Geldgeber. Doch vollzog sich der Ankauf von Grundbesitz nicht entsprechend den Richtlinien des Senatsbeschlusses. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, ging man anfangs mit Strenge an die Sache heran und behandelte sie zum Schluss mit Lauheit.»
Der Realist Tacitus sah die Ohnmacht des Staats: Kaiser und Senat hätten zwar Massnahmen getroffen, «um den Betrügereien entgegenzuwirken, die aber jedes Mal, wenn man dagegen eingeschritten war, durch erstaunliche Kniffe wieder auflebten». Deshalb sei es zu einer «unendlichen Menge und Mannigfaltigkeit von Gesetzen gekommen». Der Historiker konstatierte: «Je verderbter das Gemeinwesen war, umso mehr Gesetze gab es.»
Vor einer «Versumpfung des Kapitalismus» warnte Jahrhunderte später, nämlich 1932, der deutsche Ökonom Walter Eucken, einer der Gründerväter des Neoliberalismus. Begehe der Staat den verhängnisvollen Fehler, ins Wirtschaftsgeschehen einzugreifen, werde er sofort von Lobbygruppen gekapert, die opportunistisch auf ihren Vorteil aus seien und Druck ausübten: Sobald sie von der freigebigen öffentlichen Hand «Privilegien erhalten, macht sich ein Teufelskreis geltend. Die verliehenen Privilegien werden dazu benutzt, weitere Rechte und Privilegien zu erkämpfen». Die rasche «Zunahme der Staatstätigkeit nach Umfang und Intensität verschleiert den Verlust der Autorität des Staates, der mächtig scheint, aber abhängig ist».
Walter Eucken sah die Gefahr einer Art «Übernahme» des Staats durch Interessenverbände und Konzerne. Doch der Lauf der Dinge widerlegte seine Auffassung, wonach der Verzicht auf staatliche Intervention dieses Risiko mindere. Im Gegenteil, nie war die Vorherrschaft der (Finanz-)Wirtschaft über den Staat so gross wie in den vergangenen drei Jahrzehnten, als die Regierenden, durchaus im Sinne Euckens, privatisierten, deregulierten, liberalisierten. Nirgends sind Lobbyisten so mächtig wie in den Vereinigten Staaten, wo der Staat — bis zum Krach — eine kleinere Rolle spielte als in Europa.
«Fünfte Gewalt»
Die amerikanische Hochfinanz, die mehr Freiheiten genoss denn je seit der Depression von 1929, bemächtigte sich des Staats: kraft ihrer Geltung, ihres Reichtums und dank Wahlkampfspenden. Durch den guten alten «Korridor Wallstreet–Washington» entsandte der Geldadel seine Statthalter in die amerikanische Hauptstadt. Bill Clintons Finanzminister Robert Rubin, George W. Bushs Finanzminister Henry Paulson, sein Stabschef Joshua B. Bolten und der Verwalter des 700-Milliarden-Rettungsfonds Neel Kashkari kamen alle von der Investmentbank Goldman Sachs. Was Banker und Fonds-Manager sagten, galt als die Wahrheit — auch in Europa.
An der Schwelle zum neuen Jahrtausend, im April 2000, erhob der damalige Chef der Deutschen Bank, Rolf E. Breuer, die Finanzwelt zur ‹fünften Gewalt› und im Grunde sogar zur ersten Macht im Staat, denn sie könne viel besser als das Volk die Politiker auf die richtigen Ziele verpflichten: «Wenn man so will, haben die Finanzmärkte quasi als ‹fünfte Gewalt› neben den Medien eine wichtige Wächterrolle übernommen. Wenn die Politik im 21. Jahrhundert in diesem Sinn im Schlepptau der Finanzmärkte stünde, wäre dies vielleicht so schlecht nicht.» Sieben Jahre vor dem Crash befand der Bankier, es herrsche ohnehin «weitgehende Interessenkongruenz zwischen Politik und Finanzmärkten».
In diesem Klima verstand sich der verachtete, verunsicherte Staat nicht länger als Ordnungskraft, die dem Markt einen Rahmen und der Finanzmacht Schranken setzt. Fortan galten Staatsdiener als Diener des «Standorts». Ihr Auftrag: an vorderster Front mitzukämpfen im Steuer- und Standortwettbewerb, dem globalen Buhlen um die Gunst von Konzernchefs und Anlegern. Die Politik war Dienstleisterin der Marktmächtigen. 2003 frohlockte der UBS-Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel, als sein Freund Christoph Blocher Justizminister wurde und gleichzeitig der Wirtschaftsberater Hans-Rudolf Merz zum Finanzminister avancierte. Jetzt sei die Bank in mehreren Departementen «mit Vertretern unserer Interessen abgestützt». Dies läute «zum Wohle des Landes eine weitere erfolgreiche Phase für den Finanzplatz ein», so der Mann, der bald die UBS ruinierte und die Eidgenossenschaft ernster Gefahr aussetzte.
«Alle Finanzkrisen der jüngeren Zeit wurden dadurch ausgelöst, dass eine Wirtschaftselite zu viel Macht bekam», sagt Simon Johnson, bis August 2008 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und jetzt «Professor für Unternehmertum» am MIT (Massachusetts Institute of Technology): «Wichtigste Lehre der Krise ist, dass wir Banken keinen grossen politischen Einfluss mehr billigen dürfen. Die Macht der Wallstreet müssen wir brechen.»
Sie zocken wieder
Doch die «Generation Kasino» möchte noch nicht abdanken. Viele zocken wieder, süchtig und provokativ. «Dass der Schlamassel, den sie anrichteten, über Steuergelder und Inflation abgegolten wird, ficht sie nicht an — sie wettern schon wieder gegen staatliche Eingriffe», ärgert sich die liberalkonservative «Frankfurter Allgemeine». Dieselben Finanzoligarchen, die sich den Staat gefügig machten, schreiben ihm nun die Hauptverantwortung für die Krise zu. Etliche Banker gingen auf dem Höhepunkt der Krise soweit, ihre Boni mittelbar (oder sogar direkt) vom Staat begleichen zu lassen: von jenem Staat, dem sie den Grossteil ihrer Verluste aufgebürdet hatten. Das Gemeinwesen verkam zur Giftmülldeponie für «toxische» Papiere, während die Kasinospieler werthaltigere Wertschriften behielten.
Als die Firmenkasse leer war, schöpften sie die Staatskasse ab. Darin zeigte sich die Macht der Finanz, die Schwäche der Regierungen. Der gesunde Teil notleidender Banken verbleibt meist in privater, der morsche Teil wechselt zur rettenden öffentlichen Hand. Verkehrte Welt: Der Aktionär eines abgewirtschafteten Instituts, der sein Geld verloren hat, bleibt Miteigentümer. Der Staat, der das Institut rettet und dafür Milliarden einsetzt, wird in der Mehrzahl der Fälle nicht einmal Aktionär, er erwirbt keine Rechte und hat wenig zu sagen. Wer zahlt, befiehlt nicht. Der Finanzkapitalismus verwischt seine Grundlage: Statt des Eigentumsrechts gilt das Recht des Stärkeren. Oligarchen zwingen den Staat, ihr in der Krise verwirktes Eigentum zu schützen — koste es, was es wolle.
In den guten Jahren verdienten US-Banker fast die Hälfte mehr als die Beschäftigten in der Industrie mit vergleichbarer Ausbildung. Europäische Bankmanager werden, nach wie vor, besser bezahlt als alle ihre Vorgänger in der Weltgeschichte: weil sie «die Besten» sind. Diese Besten verantworten die grösste Finanzkrise der Weltgeschichte — doch dem Staat misslingt es, sie zu bändigen. Der Staatsgewalt fehlt es an Kraft, Kompetenz und Unabhängigkeit, Eigenverantwortung von denen einzufordern, die diese Eigenverantwortung vor der Krise zum obersten Prinzip einer freien Gesellschaft erklärt haben. Die meisten westlichen Regierungen verharren im Banne der Ultraliberalen, die den Staat erst einschüchterten und nun ausbeuten. Letzteres gelingt ihnen umso leichter, als sie in vielen Ländern die Verwaltung allmählich ausgezehrt haben. Wenn wichtige Ämter und Aufsichtsbehörden bewusst unterdotiert und Beamte unterbezahlt werden, resignieren oder gehen die Fähigsten. Den Staat hat man solange schlechtgemacht, bis begabte Nachwuchskräfte den Staatsdienst mieden und in der Tat der Leerlauf, das Unvermögen und die Bürokratie zunahmen: eine selbsterfüllende Prophezeiung. Im zurückliegenden Vierteljahrhundert erlitten Politik und Verwaltung einen herben Verlust an Kompetenz. Das war Absicht, der Erfolg systematischer Diffamierung demokratischer Institutionen.
Die gute Regulierung
Die ewige Frage der Politik, die nie eine ideale Antwort findet, lautet: Welche ist die jetzt notwendige, zweckmässige, verhältnismässige, wirksame, durchsetzungsfähige, später abschaffbare, möglichst allgemeine Regel, die in die Systematik der Gesetze passt und nach menschlichem Ermessen wenig unerwünschte Nebenwirkungen hat? Diese Frage zu klären, fordert Staatsdienern und Gesetzgebern hohe Kompetenz ab. Doch die fehlt dem «schlanken Staat» im Schlepptau einer Wirtschaft, die kraft ihrer bestbezahlten Fachleute den Verwaltungsapparat überfährt und sich wichtige Gesetze massschneidern lässt.
Am Geldhahn und Gängelband grosser Banken war die Politik nicht mehr willens oder fähig, eine vernünftige Ordnung der Finanzmärkte durchzusetzen und für Stabilität zu sorgen. Schon 1950 mahnte selbst Walter Eucken: Ein sich selbst überlassener Markt, dem der Staat keinen straffen Rahmen setzt, sei krisenanfällig. Die oft beschworene Staatsquote — den Anteil der öffentlichen Hand am Volkseinkommen wollten die Antietatisten unbedingt drücken — war für Walter Eucken nachrangig: «Ob wenig oder mehr Staatstätigkeit, die Frage geht am Wesentlichen vorbei. Es handelt sich nicht um ein quantitatives, sondern um eine qualitatives Problem.»
Es kam, wie es kommen musste und schon bei Tacitus vorkommt (in dieser Hinsicht sind 2000 Jahre eine kurze Zeit): Wie einst Kaiser Tiberius und sein Senat neigten Minister und Volksvertreter dazu, ihre Schwäche durch Aktivismus wettzumachen; im Jahrzehnt vor dem Krach stellten sie viele statt gute Regeln auf. Und die Wirtschaftswissenschaft vernachlässigte ihrerseits das Thema der «besseren Regulierung» — weil Regulierung an sich verdächtig schien. Neokonservative und Neoliberale, die wie die 68er-Ideologen Begriffe besetzten, nährten den Hass auf Gesetze aller Art. Das Recht schnüre die Freiheit ein, sagten diese Überzeugungstäter. Ein Übermass an Regulierung kann in der Tat die Menschen hemmen. Doch ist das Recht eine elementare Voraussetzung der Freiheit aller. Ohne Gesetze gilt das Recht des Stärkeren, das diese Freiheit erstickt. Der allgegenwärtige Wettbewerb, in dem sich die Stärksten durchsetzen, ist indessen das Ideal des Ultraliberalismus. Die Freiheit, die er meint, ist die des Gewinners, «the winner takes it all». Ein demokratischer Rechtsstaat hütet ebenso sehr die Freiheit des Verlierers. Ultraliberale befehden den Staat, weil er dem Recht des Stärkeren entgegensteht.
«Mehr Freiheit, weniger Staat», lautete das Kampfwort. Mehr Marktfreiheit und weniger Bürgerfreiheit — darauf lief ultraliberale Politik hinaus. Hinter Freiheitsparolen lauert ein autoritärer Kapitalismus. Manager, die ihren Konzern autokratisch führen, verzweifeln am Schneckengang der Demokratie. Sie loben das riesige und trotzdem entscheidungsfreudige China. Sie bewundern das kleine Singapur, dessen Regierung den Stadtstaat wie ein Unternehmen leitet, die Bürger wie Mitarbeiter lenkt, und wo die Wirtschaft freier ist als der Mensch. Diese Marktradikalen beseelt der Wille zur Macht: zur Wirtschaftsmacht, die der Demokratie Befugnisse entzieht. Im Zeichen der Privatisierung zog sich der demokratische Staat aus vielen Bereichen zurück, die er dem Gestaltungswillen einer Handvoll Marktführer überliess (mancherorts sollte selbst die Wasserversorgung, eine Lebensader, privater Kontrolle anheimfallen).
Das Ende der Demokratie
Das lief auf «Demokratieentleerung» (so der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer) hinaus: Die Politiker spielten zwar unverdrossen ihr Spiel, aber der Spielraum wurde enger. Kein Marxist, sondern der liberalkonservative Lord Ralf Dahrendorf beobachtete: «Was die globale Klasse als schlimme, anachronistische Behinderung ansieht, sind nationale Regierungen und ihre Gesetze. Es verwundert nicht — denn das ist eine historische Konstante —, dass eine neue Klasse die traditionellen Institutionen als hinderlich für ihre Entfaltung betrachtet und der Meinung ist, sie müssten entweder zerschlagen oder ignoriert werden. Wir sind bereits in eine Phase eingetreten, die wir als ‹Post-Demokratie› bezeichnen könnten», so der jüngst verstorbene Lord.
Athen, die Urdemokratie, hatte ihre Agora, auf der die Bürger debattierten und die Händler feilschten. Auch im republikanischen alten Rom, lange vor der Willkürherrschaft von Cäsaren wie Tiberius, war das Forum Treffpunkt von Demokratie und Marktwirtschaft, und dieses Paar galt bis vor Kurzem als unzertrennlich. Im postdemokratischen Kapitalismus jedoch ist das erfolgreichste Land eine Diktatur, die Volksrepublik China.
Manche Ultraliberale beklagen den Niedergang des bequemen Westens. Sie schelten den Sozialstaat, der die Menschen entmündige und ihren Antrieb schwäche. Sie übersehen, dass gerade der Kapitalismus viele aktive Bürger zu passiven Konsumenten verkümmern lässt (und dass sogar die Politik zum Konsumprodukt wird, das Populisten am besten vermarkten können, weil sie Emotionen bewirtschaften). Die von Ultraliberalen angestrebte Vormacht der Ökonomie über die Demokratie forciert den viel beklagten Verlust an Bürgersinn. Noch toxischer als manches «strukturierte Produkt» ist der strukturelle Primat der Wirtschaft über die Politik.
Nur eine lebendige Demokratie kann die Forderung erfüllen, die der Schöpfer des Worts «Neoliberalismus», Alexander Rüstow, 1932 am Ende eines Vortrags vor einigen der besten Ökonomen seiner Zeit erhob: «Der neue Liberalismus, der heute vertretbar ist und den ich mit meinen Freunden vertrete, fordert einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten, da, wo er hingehört. Und mit diesem Bekenntnis zum starken Staat im Interesse liberaler Wirtschaftspolitik und zu liberaler Wirtschaftspolitik im Interesse eines starken Staates — denn das bedingt sich gegenseitig —, mit diesem Bekenntnis lassen Sie mich schliessen.»
Zwischenergebnis 3
Ein zukunftsfähiger Kapitalismus beachtet den Vorrang der Demokratie vor der Ökonomie und bricht die Übermacht der Finanzwelt; sorgt für viel Unabhängigkeit der Politik von Wirtschaftsinteressen; achtet den Staat und seine Institutionen; hat zugunsten vernünftiger und nach Möglichkeit wirtschaftsfreundlicher Rahmenbedingungen ein hohes Interesse an einer kompetenten, leistungsfähigen Verwaltung.
Nächste Folge im September: Das Diktat der kurzen Frist
Roger De Weck ist Publizist und schreibt regelmässig für «Das Magazin». Dieser Text ist Teil eines Buchprojekts, das im November unter dem Titel «Nach der Krise – Gibt es einen anderen Kapitalismus?» im Verlag Nagel & Kimche, Zürich und München, erscheinen wird. «Das Magazin» publiziert in loser Folge Auszüge.
Die «Generation Kasino» hatte sich des Staats bemächtigt, nun plündert sie ihn. Ein schwacher, verachteter Staat ist aber Gift für die Wirtschaft: Er reguliert schlecht.
Dritter Teil
der 2. Teil findet sich unter diesem Link
14.08.2009 von Roger de Weck
Der römische Historiker Publius Cornelius Tacitus schrieb um 110 n. Chr. sein berühmtes Geschichtswerk, die «Annalen». Darin schildert er eine Finanzkrise unter Kaiser Tiberius im Jahr 33: «Plötzlich kam das gesamte Schuldenwesen in Bewegung», es entstand «eine Verknappung auf dem Geldmarkt». Fatalerweise, berichtet Tacitus, hatten «die Kapitalisten all ihr Geld zum Kauf von Grundstücken» ausgegeben und waren illiquide geworden. Als ihre Gläubiger die Kredite kündigten, musste eine Vielzahl von Grundherren Haus und Hof verschleudern:
«Das massenhafte Verkaufsangebot drückte die Preise, und...
Den Staat befreien
Die «Generation Kasino» hatte sich des Staats bemächtigt, nun plündert sie ihn. Ein schwacher, verachteter Staat ist aber Gift für die Wirtschaft: Er reguliert schlecht.
14.08.2009 von Roger de Weck
Der römische Historiker Publius Cornelius Tacitus schrieb um 110 n. Chr. sein berühmtes Geschichtswerk, die «Annalen». Darin schildert er eine Finanzkrise unter Kaiser Tiberius im Jahr 33: «Plötzlich kam das gesamte Schuldenwesen in Bewegung», es entstand «eine Verknappung auf dem Geldmarkt». Fatalerweise, berichtet Tacitus, hatten «die Kapitalisten all ihr Geld zum Kauf von Grundstücken» ausgegeben und waren illiquide geworden. Als ihre Gläubiger die Kredite kündigten, musste eine Vielzahl von Grundherren Haus und Hof verschleudern:
«Das massenhafte Verkaufsangebot drückte die Preise, und je tiefer einer verschuldet war, umso schwerer war er dazu zu bringen, seinen Besitz zu veräussern. Der Zusammenbruch der wirtschaftlichen Existenz hatte den Verlust von Stellung und Ruf zur Folge. Endlich griff der Cäsar (der Kaiser) helfend ein. Er stellte den Banken hundert Millionen Sesterzen zur Verfügung, wodurch die Aufnahme von zinslosen Darlehen auf drei Jahre ermöglicht wurde, sofern der Schuldner dem Staat doppelte Sicherheit in Form von Grundstücken gebe. So wurde der Kredit wiederhergestellt, und allmählich fanden sich auch wieder private Geldgeber. Doch vollzog sich der Ankauf von Grundbesitz nicht entsprechend den Richtlinien des Senatsbeschlusses. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, ging man anfangs mit Strenge an die Sache heran und behandelte sie zum Schluss mit Lauheit.»
Der Realist Tacitus sah die Ohnmacht des Staats: Kaiser und Senat hätten zwar Massnahmen getroffen, «um den Betrügereien entgegenzuwirken, die aber jedes Mal, wenn man dagegen eingeschritten war, durch erstaunliche Kniffe wieder auflebten». Deshalb sei es zu einer «unendlichen Menge und Mannigfaltigkeit von Gesetzen gekommen». Der Historiker konstatierte: «Je verderbter das Gemeinwesen war, umso mehr Gesetze gab es.»
Vor einer «Versumpfung des Kapitalismus» warnte Jahrhunderte später, nämlich 1932, der deutsche Ökonom Walter Eucken, einer der Gründerväter des Neoliberalismus. Begehe der Staat den verhängnisvollen Fehler, ins Wirtschaftsgeschehen einzugreifen, werde er sofort von Lobbygruppen gekapert, die opportunistisch auf ihren Vorteil aus seien und Druck ausübten: Sobald sie von der freigebigen öffentlichen Hand «Privilegien erhalten, macht sich ein Teufelskreis geltend. Die verliehenen Privilegien werden dazu benutzt, weitere Rechte und Privilegien zu erkämpfen». Die rasche «Zunahme der Staatstätigkeit nach Umfang und Intensität verschleiert den Verlust der Autorität des Staates, der mächtig scheint, aber abhängig ist».
Walter Eucken sah die Gefahr einer Art «Übernahme» des Staats durch Interessenverbände und Konzerne. Doch der Lauf der Dinge widerlegte seine Auffassung, wonach der Verzicht auf staatliche Intervention dieses Risiko mindere. Im Gegenteil, nie war die Vorherrschaft der (Finanz-)Wirtschaft über den Staat so gross wie in den vergangenen drei Jahrzehnten, als die Regierenden, durchaus im Sinne Euckens, privatisierten, deregulierten, liberalisierten. Nirgends sind Lobbyisten so mächtig wie in den Vereinigten Staaten, wo der Staat — bis zum Krach — eine kleinere Rolle spielte als in Europa.
«Fünfte Gewalt»
Die amerikanische Hochfinanz, die mehr Freiheiten genoss denn je seit der Depression von 1929, bemächtigte sich des Staats: kraft ihrer Geltung, ihres Reichtums und dank Wahlkampfspenden. Durch den guten alten «Korridor Wallstreet–Washington» entsandte der Geldadel seine Statthalter in die amerikanische Hauptstadt. Bill Clintons Finanzminister Robert Rubin, George W. Bushs Finanzminister Henry Paulson, sein Stabschef Joshua B. Bolten und der Verwalter des 700-Milliarden-Rettungsfonds Neel Kashkari kamen alle von der Investmentbank Goldman Sachs. Was Banker und Fonds-Manager sagten, galt als die Wahrheit — auch in Europa.
An der Schwelle zum neuen Jahrtausend, im April 2000, erhob der damalige Chef der Deutschen Bank, Rolf E. Breuer, die Finanzwelt zur ‹fünften Gewalt› und im Grunde sogar zur ersten Macht im Staat, denn sie könne viel besser als das Volk die Politiker auf die richtigen Ziele verpflichten: «Wenn man so will, haben die Finanzmärkte quasi als ‹fünfte Gewalt› neben den Medien eine wichtige Wächterrolle übernommen. Wenn die Politik im 21. Jahrhundert in diesem Sinn im Schlepptau der Finanzmärkte stünde, wäre dies vielleicht so schlecht nicht.» Sieben Jahre vor dem Crash befand der Bankier, es herrsche ohnehin «weitgehende Interessenkongruenz zwischen Politik und Finanzmärkten».
In diesem Klima verstand sich der verachtete, verunsicherte Staat nicht länger als Ordnungskraft, die dem Markt einen Rahmen und der Finanzmacht Schranken setzt. Fortan galten Staatsdiener als Diener des «Standorts». Ihr Auftrag: an vorderster Front mitzukämpfen im Steuer- und Standortwettbewerb, dem globalen Buhlen um die Gunst von Konzernchefs und Anlegern. Die Politik war Dienstleisterin der Marktmächtigen. 2003 frohlockte der UBS-Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel, als sein Freund Christoph Blocher Justizminister wurde und gleichzeitig der Wirtschaftsberater Hans-Rudolf Merz zum Finanzminister avancierte. Jetzt sei die Bank in mehreren Departementen «mit Vertretern unserer Interessen abgestützt». Dies läute «zum Wohle des Landes eine weitere erfolgreiche Phase für den Finanzplatz ein», so der Mann, der bald die UBS ruinierte und die Eidgenossenschaft ernster Gefahr aussetzte.
«Alle Finanzkrisen der jüngeren Zeit wurden dadurch ausgelöst, dass eine Wirtschaftselite zu viel Macht bekam», sagt Simon Johnson, bis August 2008 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds und jetzt «Professor für Unternehmertum» am MIT (Massachusetts Institute of Technology): «Wichtigste Lehre der Krise ist, dass wir Banken keinen grossen politischen Einfluss mehr billigen dürfen. Die Macht der Wallstreet müssen wir brechen.»
Sie zocken wieder
Doch die «Generation Kasino» möchte noch nicht abdanken. Viele zocken wieder, süchtig und provokativ. «Dass der Schlamassel, den sie anrichteten, über Steuergelder und Inflation abgegolten wird, ficht sie nicht an — sie wettern schon wieder gegen staatliche Eingriffe», ärgert sich die liberalkonservative «Frankfurter Allgemeine». Dieselben Finanzoligarchen, die sich den Staat gefügig machten, schreiben ihm nun die Hauptverantwortung für die Krise zu. Etliche Banker gingen auf dem Höhepunkt der Krise soweit, ihre Boni mittelbar (oder sogar direkt) vom Staat begleichen zu lassen: von jenem Staat, dem sie den Grossteil ihrer Verluste aufgebürdet hatten. Das Gemeinwesen verkam zur Giftmülldeponie für «toxische» Papiere, während die Kasinospieler werthaltigere Wertschriften behielten.
Als die Firmenkasse leer war, schöpften sie die Staatskasse ab. Darin zeigte sich die Macht der Finanz, die Schwäche der Regierungen. Der gesunde Teil notleidender Banken verbleibt meist in privater, der morsche Teil wechselt zur rettenden öffentlichen Hand. Verkehrte Welt: Der Aktionär eines abgewirtschafteten Instituts, der sein Geld verloren hat, bleibt Miteigentümer. Der Staat, der das Institut rettet und dafür Milliarden einsetzt, wird in der Mehrzahl der Fälle nicht einmal Aktionär, er erwirbt keine Rechte und hat wenig zu sagen. Wer zahlt, befiehlt nicht. Der Finanzkapitalismus verwischt seine Grundlage: Statt des Eigentumsrechts gilt das Recht des Stärkeren. Oligarchen zwingen den Staat, ihr in der Krise verwirktes Eigentum zu schützen — koste es, was es wolle.
In den guten Jahren verdienten US-Banker fast die Hälfte mehr als die Beschäftigten in der Industrie mit vergleichbarer Ausbildung. Europäische Bankmanager werden, nach wie vor, besser bezahlt als alle ihre Vorgänger in der Weltgeschichte: weil sie «die Besten» sind. Diese Besten verantworten die grösste Finanzkrise der Weltgeschichte — doch dem Staat misslingt es, sie zu bändigen. Der Staatsgewalt fehlt es an Kraft, Kompetenz und Unabhängigkeit, Eigenverantwortung von denen einzufordern, die diese Eigenverantwortung vor der Krise zum obersten Prinzip einer freien Gesellschaft erklärt haben. Die meisten westlichen Regierungen verharren im Banne der Ultraliberalen, die den Staat erst einschüchterten und nun ausbeuten. Letzteres gelingt ihnen umso leichter, als sie in vielen Ländern die Verwaltung allmählich ausgezehrt haben. Wenn wichtige Ämter und Aufsichtsbehörden bewusst unterdotiert und Beamte unterbezahlt werden, resignieren oder gehen die Fähigsten. Den Staat hat man solange schlechtgemacht, bis begabte Nachwuchskräfte den Staatsdienst mieden und in der Tat der Leerlauf, das Unvermögen und die Bürokratie zunahmen: eine selbsterfüllende Prophezeiung. Im zurückliegenden Vierteljahrhundert erlitten Politik und Verwaltung einen herben Verlust an Kompetenz. Das war Absicht, der Erfolg systematischer Diffamierung demokratischer Institutionen.
Die gute Regulierung
Die ewige Frage der Politik, die nie eine ideale Antwort findet, lautet: Welche ist die jetzt notwendige, zweckmässige, verhältnismässige, wirksame, durchsetzungsfähige, später abschaffbare, möglichst allgemeine Regel, die in die Systematik der Gesetze passt und nach menschlichem Ermessen wenig unerwünschte Nebenwirkungen hat? Diese Frage zu klären, fordert Staatsdienern und Gesetzgebern hohe Kompetenz ab. Doch die fehlt dem «schlanken Staat» im Schlepptau einer Wirtschaft, die kraft ihrer bestbezahlten Fachleute den Verwaltungsapparat überfährt und sich wichtige Gesetze massschneidern lässt.
Am Geldhahn und Gängelband grosser Banken war die Politik nicht mehr willens oder fähig, eine vernünftige Ordnung der Finanzmärkte durchzusetzen und für Stabilität zu sorgen. Schon 1950 mahnte selbst Walter Eucken: Ein sich selbst überlassener Markt, dem der Staat keinen straffen Rahmen setzt, sei krisenanfällig. Die oft beschworene Staatsquote — den Anteil der öffentlichen Hand am Volkseinkommen wollten die Antietatisten unbedingt drücken — war für Walter Eucken nachrangig: «Ob wenig oder mehr Staatstätigkeit, die Frage geht am Wesentlichen vorbei. Es handelt sich nicht um ein quantitatives, sondern um eine qualitatives Problem.»
Es kam, wie es kommen musste und schon bei Tacitus vorkommt (in dieser Hinsicht sind 2000 Jahre eine kurze Zeit): Wie einst Kaiser Tiberius und sein Senat neigten Minister und Volksvertreter dazu, ihre Schwäche durch Aktivismus wettzumachen; im Jahrzehnt vor dem Krach stellten sie viele statt gute Regeln auf. Und die Wirtschaftswissenschaft vernachlässigte ihrerseits das Thema der «besseren Regulierung» — weil Regulierung an sich verdächtig schien. Neokonservative und Neoliberale, die wie die 68er-Ideologen Begriffe besetzten, nährten den Hass auf Gesetze aller Art. Das Recht schnüre die Freiheit ein, sagten diese Überzeugungstäter. Ein Übermass an Regulierung kann in der Tat die Menschen hemmen. Doch ist das Recht eine elementare Voraussetzung der Freiheit aller. Ohne Gesetze gilt das Recht des Stärkeren, das diese Freiheit erstickt. Der allgegenwärtige Wettbewerb, in dem sich die Stärksten durchsetzen, ist indessen das Ideal des Ultraliberalismus. Die Freiheit, die er meint, ist die des Gewinners, «the winner takes it all». Ein demokratischer Rechtsstaat hütet ebenso sehr die Freiheit des Verlierers. Ultraliberale befehden den Staat, weil er dem Recht des Stärkeren entgegensteht.
«Mehr Freiheit, weniger Staat», lautete das Kampfwort. Mehr Marktfreiheit und weniger Bürgerfreiheit — darauf lief ultraliberale Politik hinaus. Hinter Freiheitsparolen lauert ein autoritärer Kapitalismus. Manager, die ihren Konzern autokratisch führen, verzweifeln am Schneckengang der Demokratie. Sie loben das riesige und trotzdem entscheidungsfreudige China. Sie bewundern das kleine Singapur, dessen Regierung den Stadtstaat wie ein Unternehmen leitet, die Bürger wie Mitarbeiter lenkt, und wo die Wirtschaft freier ist als der Mensch. Diese Marktradikalen beseelt der Wille zur Macht: zur Wirtschaftsmacht, die der Demokratie Befugnisse entzieht. Im Zeichen der Privatisierung zog sich der demokratische Staat aus vielen Bereichen zurück, die er dem Gestaltungswillen einer Handvoll Marktführer überliess (mancherorts sollte selbst die Wasserversorgung, eine Lebensader, privater Kontrolle anheimfallen).
Das Ende der Demokratie
Das lief auf «Demokratieentleerung» (so der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer) hinaus: Die Politiker spielten zwar unverdrossen ihr Spiel, aber der Spielraum wurde enger. Kein Marxist, sondern der liberalkonservative Lord Ralf Dahrendorf beobachtete: «Was die globale Klasse als schlimme, anachronistische Behinderung ansieht, sind nationale Regierungen und ihre Gesetze. Es verwundert nicht — denn das ist eine historische Konstante —, dass eine neue Klasse die traditionellen Institutionen als hinderlich für ihre Entfaltung betrachtet und der Meinung ist, sie müssten entweder zerschlagen oder ignoriert werden. Wir sind bereits in eine Phase eingetreten, die wir als ‹Post-Demokratie› bezeichnen könnten», so der jüngst verstorbene Lord.
Athen, die Urdemokratie, hatte ihre Agora, auf der die Bürger debattierten und die Händler feilschten. Auch im republikanischen alten Rom, lange vor der Willkürherrschaft von Cäsaren wie Tiberius, war das Forum Treffpunkt von Demokratie und Marktwirtschaft, und dieses Paar galt bis vor Kurzem als unzertrennlich. Im postdemokratischen Kapitalismus jedoch ist das erfolgreichste Land eine Diktatur, die Volksrepublik China.
Manche Ultraliberale beklagen den Niedergang des bequemen Westens. Sie schelten den Sozialstaat, der die Menschen entmündige und ihren Antrieb schwäche. Sie übersehen, dass gerade der Kapitalismus viele aktive Bürger zu passiven Konsumenten verkümmern lässt (und dass sogar die Politik zum Konsumprodukt wird, das Populisten am besten vermarkten können, weil sie Emotionen bewirtschaften). Die von Ultraliberalen angestrebte Vormacht der Ökonomie über die Demokratie forciert den viel beklagten Verlust an Bürgersinn. Noch toxischer als manches «strukturierte Produkt» ist der strukturelle Primat der Wirtschaft über die Politik.
Nur eine lebendige Demokratie kann die Forderung erfüllen, die der Schöpfer des Worts «Neoliberalismus», Alexander Rüstow, 1932 am Ende eines Vortrags vor einigen der besten Ökonomen seiner Zeit erhob: «Der neue Liberalismus, der heute vertretbar ist und den ich mit meinen Freunden vertrete, fordert einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessenten, da, wo er hingehört. Und mit diesem Bekenntnis zum starken Staat im Interesse liberaler Wirtschaftspolitik und zu liberaler Wirtschaftspolitik im Interesse eines starken Staates — denn das bedingt sich gegenseitig —, mit diesem Bekenntnis lassen Sie mich schliessen.»
Zwischenergebnis 3
Ein zukunftsfähiger Kapitalismus beachtet den Vorrang der Demokratie vor der Ökonomie und bricht die Übermacht der Finanzwelt; sorgt für viel Unabhängigkeit der Politik von Wirtschaftsinteressen; achtet den Staat und seine Institutionen; hat zugunsten vernünftiger und nach Möglichkeit wirtschaftsfreundlicher Rahmenbedingungen ein hohes Interesse an einer kompetenten, leistungsfähigen Verwaltung.
Nächste Folge im September: Das Diktat der kurzen Frist
Roger De Weck ist Publizist und schreibt regelmässig für «Das Magazin». Dieser Text ist Teil eines Buchprojekts, das im November unter dem Titel «Nach der Krise – Gibt es einen anderen Kapitalismus?» im Verlag Nagel & Kimche, Zürich und München, erscheinen wird. «Das Magazin» publiziert in loser Folge Auszüge.
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