Sonntag, Juli 19, 2009

NZZ: Das dünne Eis des Kilimandscharo

17. Juli 2009, Neue Zürcher Zeitung
Das dünne Eis des Kilimandscharo
Der Gletscher auf Afrikas höchstem Berg könnte schon in wenigen Jahren abgeschmolzen sein

Viele Berggänger wollen den zwar technisch einfachen, aber 5895 Meter hohen Kilimandscharo noch besteigen, solange das Gletschereis nicht geschmolzen ist. Dies stellt eine Belastung für die einheimischen Führer und für die Natur dar. Die Behörden Tansanias kümmert das wenig, ist doch der «Kili» längst die Haupteinnahmequelle des Landes.

Christian Schreiber

Braunes Steppenland, durchzogen von blauen Strömen, gesprenkelt mit grünen Oasen. Aber die Bergsteiger haben keinen Blick für den bunten Landschaftsteppich, der sich vom Fuss des Berges ins Unendliche ausrollt. Das Gleiche gilt für die faszinierenden Gebilde, die die Sonnenstrahlen ins Eis gelasert haben. Viele begreifen erst, dass sie ganz oben sind, wenn sie....


17. Juli 2009, Neue Zürcher Zeitung
Das dünne Eis des Kilimandscharo
Der Gletscher auf Afrikas höchstem Berg könnte schon in wenigen Jahren abgeschmolzen sein

Viele Berggänger wollen den zwar technisch einfachen, aber 5895 Meter hohen Kilimandscharo noch besteigen, solange das Gletschereis nicht geschmolzen ist. Dies stellt eine Belastung für die einheimischen Führer und für die Natur dar. Die Behörden Tansanias kümmert das wenig, ist doch der «Kili» längst die Haupteinnahmequelle des Landes.

Christian Schreiber

Braunes Steppenland, durchzogen von blauen Strömen, gesprenkelt mit grünen Oasen. Aber die Bergsteiger haben keinen Blick für den bunten Landschaftsteppich, der sich vom Fuss des Berges ins Unendliche ausrollt. Das Gleiche gilt für die faszinierenden Gebilde, die die Sonnenstrahlen ins Eis gelasert haben. Viele begreifen erst, dass sie ganz oben sind, wenn sie von den Brettern am Gipfel ablesen: «Höchster freistehender Berg der Welt, Afrikas höchster Punkt, Kilimandscharo, 5895 Meter.» Selbst erfahrene Alpinisten und durchtrainierte Sportler sind körperlich so geschwächt, dass sie bei der Gipfelrast nur an den Abstieg denken und die Schönheiten der Natur vor ihren Augen verschwimmen. Dabei lautet das häufigste Motiv für eine Besteigung: das Eis auf dem «Kili» sehen, bevor es verschwindet.

In den vergangenen hundert Jahren sind die Gletscher auf dem Dach Afrikas um rund 80 Prozent geschmolzen. Mit einer Ausnahme hat sich die Eismasse Jahr für Jahr kontinuierlich zurückgebildet: 2006 stellten Wissenschafter an verschiedenen Stellen ein Wachstum von 50 bis 80 Zentimetern fest, weil in diesem Jahr ausserordentlich viel Schnee fiel. Eine einzige Ausnahme. Ein Tropfen auf den heissen Stein – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn das Eis schmilzt von unten, wo es auf dem Felsen aufliegt, den die afrikanische Sonne Tag für Tag aufheizt. Der Prozess beschleunigt sich seit Jahren durch die globale Erwärmung, und pessimistische Prognosen besagen, dass schon in zehn bis zwanzig Jahren der ganze Berg eisfrei sei.

Eine andere These vertreten Wissenschafter der Universität Innsbruck: Gemäss ihnen ist Tauwetter auf dem Kilimandscharo eine Ausnahme, weil die Temperaturen der Umgebungsluft nur selten über die Null-Grad-Marke kletterten. Ausschlaggebend sei vielmehr ein anderer Effekt, den man auch beim Gefriertrocknen von Lebensmitteln beobachten könne: Das Eis verpufft aufgrund der besonders trockenen Luft und der Sonneneinstrahlung; es überspringt den flüssigen Zustand und geht direkt in einen gasförmigen Zustand über. Der Klimawandel nehme bei diesem Schauspiel nur noch eine Nebenrolle ein. Hingegen ist er nach Ansicht der österreichischen Wissenschafter verantwortlich für den Rückgang der Niederschläge. Eine Schneeschicht auf dem Gletscher würde einen gewissen Schutz vor der Verpuffung des Eises bieten. Die Innsbrucker Forscher geben dem Kilimandscharo-Gletscher noch ein paar wenige Jahre, aber in rund dreissig Jahren dürfte ihrer Ansicht nach von den 2,2 Quadratkilometern kaum noch etwas übrig sein.

Der Gletscherschwund beschert dem Berg ein kurioses Publikum. Eine US-Amerikanerin erzählt im letzten Hochlager auf 4800 Metern stolz von ihrem zwölfjährigen Sohn, der den Aufstieg bis hier problemlos gemeistert habe. In ihren Augen ist es höchste Zeit: «Wir wollten das Eis noch sehen, bevor es ganz weg ist.» Auf den Gipfel schafft es der Knabe, runter müssen ihn die Guides allerdings tragen. Und damit ist er in guter Gesellschaft: Am Gipfeltag schleppen die Träger keine Kartons, kein Kochgeschirr, keine Kartoffeln – ihre Ladung zurück zum Hochlager ist menschlich, die Leute kommen meist aus den USA und Japan, manchmal aus England, selten aus der Schweiz oder Deutschland. Auch viele Amerikaner und Asiaten betrachten den Kilimandscharo als Spaziergang. Im Prinzip ist er ja auch ein technisch einfacher Wanderberg.

Auf die dünne Höhenluft bereiten sich viele nicht durch eine vernünftige Akklimatisation vor, sondern mit dem Medikament Diamox. «Damit hat man eine grosse Chance, nicht höhenkrank zu werden», erklärt der Sportwissenschafter und Bergsport-Experte Thomas Lämmle. Anderen Gefahren schenken die Berggänger oft nicht genügend Beachtung: So spielt mit dem Leben, wer nicht ausreichend trinkt; Lungenembolien haben zahlreiche Kilimandscharo-Touristen ins Grab gebracht. Lämmle selbst hat bei einem seiner Gipfelstürme zwei Todesfälle erlebt. Insider sprechen von zwanzig Toten pro Jahr, offizielle Zahlen gibt es allerdings nicht. In den meisten Fällen überschätzen sich die Opfer, und so sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen an der Tagesordnung.

50 000 Besteigungen pro Jahr

«Gefühlt ist auf dem Gipfel nur noch halb so viel Sauerstoff vorhanden wie am Fuss des Berges», sagt Lämmle. Von dünner Luft könne man nicht sprechen, der Sauerstoff-Gehalt bleibe nämlich gleich. Was den Bergsteigern zu schaffen mache, sei der nachlassende Luftdruck. Auf 6000 Metern beträgt dieser nur noch etwa 500 statt gut 1000 Millibar wie in Meeresnähe. Dadurch zirkuliere das Blut wesentlich langsamer, so Lämmle, und die einzelnen Körperregionen würden nicht mehr schnell genug mit Sauerstoff versorgt.

Schlecht vorbereitete Bergsteiger sind kein neues Phänomen am Kilimandscharo, seit je gibt es übergewichtige Amerikaner und unsportliche Europäer mit Gipfelambitionen. Erschreckend ist aber, dass sich die Zahl der Bergtouristen innerhalb von drei Jahren verdoppelt hat. Die zuständige Behörde beantwortet derartige Anfragen zwar nicht, aber der Kilimandscharo-Kenner und Buchautor Tom Kunkler hat nach eigenen Angaben einen verlässlichen Informanten, der ihm diese Zahlen übermittelt hat: 25 000 Besteigungen im Jahr 2005, zwei Jahre später waren es bereits 42 000. Im November 2008 kratzten die durchnummerierten Urkunden für die Besteigungen bereits an der 50 000er-Marke.

Natürlich kommen die Reisenden aus aller Welt nicht nur, um den Gletscher zu bestaunen. Um den Kilimandscharo hat sich ein grüner Gürtel geschlungen, der so fruchtbar ist wie kein anderes Stück Erde in Tansania. Es ist die erste von fünf Vegetationszonen, die die Bergsteiger durchqueren. Mit der Kilimandscharo-Begehung hat der Tourist eine botanische Reise vom Äquator zur Arktis gebucht: Regenwald, Hochmoor, Wüste, Schnee und Eis. Einzigartig auf der Welt.

Der Berg als Goldesel


Die Politiker in Tansania scheinen den Berg allerdings nur als Goldesel zu betrachten, der nicht gefüttert wird. Vor drei Jahren haben die Behörden die Besteigungsgebühren auf mehr als 150 Franken pro Tag erhöht. Damit hat der Tourist noch keinen Führer, keinen Träger, noch nicht einmal einen Teller Suppe bezahlt. Laut Aussagen von offizieller Seite soll davon natürlich nur die Natur profitieren. Aber die Zahl der Kilimandscharo-Bergsteiger wächst weiter, und die sprudelnde Geldquelle fliesst in dunkle Kanäle.

«Der ist mittlerweile die Haupteinnahmequelle für Tansania. Aber am Berg kommt von dem Geld nichts an. Das Ganze ist dermassen korrupt», sagt Sportwissenschafter Lämmle. Es gebe nicht einmal ein ökologisches Konzept, dabei wäre es dringend nötig, etwas für die Erhaltung der Natur zu unternehmen. Müll macht sich breit, regelmässig verwüsten Brände ganze Landstriche. Es gibt keine Erste-Hilfe-Einrichtungen am Berg und nur schäbige Unterkünfte für die Ranger. Die Führer erhielten nicht einmal eine Ausbildung von der Behörde, kritisiert Lämmle, der im Auftrag des deutschen Reiseveranstalters DAV Summit Club seit Jahren Guides in Tansania schult, um dem Problem zu begegnen. «Zur Erlangung der Lizenz reicht es, die verschiedenen Routen auf den Berg genau zu kennen.» Führungstechnik, Bergrettung, Höhenmedizin sind Fremdwörter in Tansania.

Die Guides und die Tausende von Trägern haben keinerlei Lobby. Zwar bescheren sie dem Staat und den Tourismusagenturen Jahr für Jahr eine Millionensumme, aber niemand kümmert sich beispielsweise um ihre Gesundheit. Obwohl Ärzte raten, maximal zwei Gipfelbesteigungen pro Monat zu machen, sind die meisten Bergbediensteten in der Hochsaison jede Woche im Einsatz. Nur so können sie sich und ihre Familie über Wasser halten. Trotzdem beenden viele Führer ihre Tätigkeit schon, wenn sie ungefähr Mitte dreissig sind, weil der Körper die Strapazen nicht mehr mitmacht. Bis dahin haben sie in der Regel 200 bis 300 Mal die Bretter am Gipfel gelesen: «Höchster freistehender Berg der Welt, Afrikas höchster Punkt, Kilimandscharo, 5895 Meter.»

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