Tages Anzeiger Online 16.03.2011
«Allen Krisen ist gemein, dass sie als kaum vorstellbar galten»
Von Andreas Zielcke.
Ulrich Beck, der Theoretiker der «Risikogesellschaft», analysiert die Katastrophe in Japan. Was bedeutet sie für unseren Umgang mit Gefahren – und was für unser Verständnis von Verantwortung?
Vor 25 Jahren explodierte das Atomkraftwerk in Tschernobyl, zum selben Zeitpunkt kam Ihre «Risikogesellschaft» heraus. Jetzt haben wir eine vergleichbare Katastrophe in Japan. Haben wir nichts gelernt?
In der Tat, die grossen Krisen seit Tschernobyl schienen weitgehend dem Drehbuch der «Risikogesellschaft» zu folgen. Die herausragenden Beispiele sind der Tsunami in Indonesien, die Katrina-Überflutung von New Orleans, aber auch der Rinderwahnsinn, die Schweinegrippe; selbst die Finanzkrise von 2008 gehört dazu. Allen Krisen war gemeinsam, dass sie vorher als kaum vorstellbar galten. Jedes Mal wurde der bisherige Erwartungsrahmen überholt. Das Makabre der jetzigen Katastrophe ist, dass sie sich in einem grusligen Wettbewerb der Grossrisiken ereignet. Viele glaubten ja, dass sich das Risiko des Klimawandels durch vermehrten Einsatz umweltfreundlicher Kernenergie mindern lässt.
Welchen soziologischen Begriff muss man sich von einem Super-GAU machen?
Ein GAU bewegt sich noch im Rahmen der vorhandenen Ressourcen und Gefahrenszenarien der Nuklearenergietechnik. Der Super-GAU stellt genau diese Voraussetzungen infrage.
Inwiefern unterscheiden sich die Voraussetzungen von Fukushima und Tschernobyl?
Die geradezu geniale Antwort von Franz-Josef Strauss war damals, Tschernobyl als «kommunistische» Katastrophe auszugrenzen – mit der Unterstellung, dass der hoch entwickelte kapitalistische Westen über sichere Atomkraftwerke verfüge. Nun ist die Havarie in Japan passiert, das als das bestmöglich ausgestattete und auf Sicherheit hin organisierte Hightechland der Welt gilt. Die Fiktion, dass man sich im Westen in Sicherheit wiegen kann, ist dahin.
Ist im Vergleich zu Tschernobyl nicht zwischen natürlicher und technischer Katastrophe zuunterscheiden?
Die Kategorie «Naturkatastrophe» signalisiert, dass sie nicht von Menschen verursacht und daher auch nicht von Menschen zu verantworten ist. Das ist aber die Sicht eines vergangenen Jahrhunderts. Der Begriff......
Artikel,Gedanken, Ideen, Links und Kommentare plus etwas Musik sowie ab und an etwas zum Schmunzeln, aber mit einer politischen bzw. geo-politischen Tendenz. Deutsch und Englisch. Kommentare und Artikel von Lesern sind willkommen!
Articles, thoughts, ideas and comments plus some music and the odd joke, though with a political and geo-political bent. German and English. Readers are invited to submit articles and comments!
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Mittwoch, März 16, 2011
Sonntag, Januar 16, 2011
Klimawandel und Gewalt «Protest für etwas – dann wird es interessant»
WOZ vom 06.01.2011
Klimawandel und Gewalt
«Protest für etwas – dann wird es interessant»
Interview: Bettina Dyttrich
Das Klima ist ein Thema für NaturwissenschaftlerInnen, denken viele. Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer sieht das anders. Im WOZ-Gespräch erklärt er, was er von der Klimakonferenz in Cancún hält, dass Gewalt nichts Irrationales ist – und warum er trotzdem an Demokratie glaubt.
Klimawandel und Gewalt
«Protest für etwas – dann wird es interessant»
Interview: Bettina Dyttrich
Das Klima ist ein Thema für NaturwissenschaftlerInnen, denken viele. Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer sieht das anders. Im WOZ-Gespräch erklärt er, was er von der Klimakonferenz in Cancún hält, dass Gewalt nichts Irrationales ist – und warum er trotzdem an Demokratie glaubt.
«Der Erde und dem Klima ist es egal, dass es wärmer wird», sagt Harald Welzer. «Das ist nur von Bedeutung, weil es Kulturen, Gruppen, Individuen trifft.» Was passiert mit ihnen, wenn die Klimaprognosen eintreffen? Für diese Frage seien nicht KlimaforscherInnen zuständig; ihr sollten die SozialwissenschaftlerInnen dringend nachgehen, sagt der deutsche Sozialpsychologe. Doch bis jetzt ist Welzer einer von ganz wenigen, die das tun. Mit dem Buch «Klimakriege» hat Welzer 2008 einen umfassenden Anfang gemacht. Er kombiniert darin die Klimaprognosen mit seinem Wissen aus der Gewaltforschung; das Resultat ist so verstörend wie lesenswert.
Für einen, der sich tagtäglich mit den düstersten Seiten der Menschen beschäftigt, macht Welzer einen entspannten, geradezu vergnügten Eindruck. Er lacht viel, wirkt weder zynisch noch resigniert, sondern leidenschaftlich interessiert an der Welt. Erinnerung und Gewalt sind die Themen, die er seit über zwanzig Jahren erforscht. Oft geht es auch um beides, um die Erinnerung an Gewalt: In der Studie «Opa war kein Nazi» von 2002 zeigte Welzer zusammen mit ForschungskollegInnen, wie deutsche Familien Taten ihrer Grossväter verharmlosen und verklären.
Warum gerade Erinnerung und Gewalt? Gab es ein Schlüsselerlebnis, das ihn darauf brachte? Welzer wehrt ab. Er finde diese Themen einfach wichtig, es gebe da ein Forschungsdefizit, und vor allem hätten ihn «Fragestellungen ohne Wirklichkeitsbezug» nie interessiert. Kein Wunder, hält er sich nicht an akademische Reviergrenzen: Für seine Forschungen über Erinnerung arbeitete....
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Mittwoch, Januar 12, 2011
Wissen wäre Macht
WOZ vom 06.01.2011
US-Demokratie
Wissen wäre Macht
Von Benjamin Barber *
Nicht bloss die Macht des Geldes gefährdet die Demokratie, sondern auch die «Tyrannei der Illusionen». Ein US-amerikanischer Politologe plädiert für fortgesetzte Aufklärung.
US-Demokratie
Wissen wäre Macht
Von Benjamin Barber *
Nicht bloss die Macht des Geldes gefährdet die Demokratie, sondern auch die «Tyrannei der Illusionen». Ein US-amerikanischer Politologe plädiert für fortgesetzte Aufklärung.
Dass zu viele US-AmerikanerInnen zu wenig wissen, ist ein Allgemeinplatz. Jedes Jahr habe ich in meinen Vorlesungen Studierende, die den amerikanischen Bürgerkrieg nicht im richtigen Jahrhundert verorten oder den Irak nicht auf den richtigen Kontinent platzieren können. Doch nicht das, was die US-AmerikanerInnen nicht wissen, schadet unserer Demokratie am meisten – schliesslich kann die Bevölkerung immer weitergebildet werden. Das grösste Problem ist, dass die Leute gar nicht mehr wissen, was Wissen ist. Wenn sich Präsident Barack Obama beklagt, dass Fakten und Vernunft nichts mehr gelten, wenn sich unser politisches System radikal polarisiert, wenn PolitikerInnen zuhauf groteske Statements von sich geben, zeugt das alles von einem bedrohlichen Verlust unserer «Citoyenneté», der aktiven Bürgerschaft.
Gute und schlechte Argumente
Man spricht überall vom Demokratiedefizit. Doch ist es unsere epistemologische Schwäche, unser Erkenntnisdefizit, das die Demokratie in Gefahr bringt. Epistemologie, die «Wissenschaft des Wissens», geht davon aus, dass sich Wahrheit, Wissenschaftlichkeit, Faktentreue und Vernunft fundamental unterscheiden von Meinung, Vorurteil, Gefühl und Irrationalität. Die Erkenntnistheorie hält sich an die bereits von den alten Griechen vorgenommene Unterscheidung in «episteme» (wahres Wissen) und «doxa» (Meinung, Vorurteil). Die Griechen verstanden, dass es einen grossen Unterschied gibt zwischen dem Wissen, das in Vernunft wurzelt oder von Tatsachen ausgeht, und den subjektiven Meinungen, mit denen wir unsere persönlichen Vorurteile weitergeben. Vielleicht können wir uns nicht immer darauf einigen, was wirkliches Wissen...
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Donnerstag, Dezember 16, 2010
Gift im Spielzeug
Gift im Spielzeug
In der EU und der Schweiz soll eine neue Richtlinie mit strengeren Regelungen eingeführt werden
Meldungen über giftige Spielwaren schrecken immer wieder auf. Dabei sind viele der Produkte aufgrund von fehlenden gesetzlichen Regelungen erlaubt. Dies soll sich ändern.
Stephanie Lahrtz
Blei im Kinderschmuck, Formaldehyd im Puzzle oder Nickel in Metallkappen – immer wieder tauchen beunruhigende Nachrichten über Gifte im Kinderspielzeug auf. Dabei ist die Erkenntnis, dass solche Waren belastet sein können, keineswegs neu. Spätestens seit im Sommer 2007 der Spielzeughersteller Mattel weltweit über 18 Millionen Produkte wegen Sicherheitsmängel wie verschluckbarer Kleinteile oder mit Blei belasteter Spielzeugautos zurückrufen musste, erwarten Eltern wie auch Konsumentenschützer, dass die Hersteller «sichere» Waren anbieten.In Autoreifen nahezu verboten
Doch offenbar ist dies auch heutzutage noch nicht immer der Fall, wie eine Untersuchung der deutschen Stiftung Warentest vom November ergab. Sie untersuchte 50 Spielzeuge für Kleinkinder und stufte 80 Prozent davon als belastet mit Chemikalien oder gefährlich wegen verschluckbarer Kleinteile ein. So wurden etwa in vielen Holzspielsachen polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe in unterschiedlichen Konzentrationen gefunden, aber auch zinnorganische Verbindungen oder Nickel waren enthalten (vgl. Kasten).
Doch das Problem ist nicht nur Unwissenheit, Uneinsichtigkeit oder Profitstreben von Herstellern, Zulieferern und Händlern. Vielmehr ist der Verkauf auch vieler der nun von der Stiftung Warentest beanstandeten Produkte legal. Denn für viele der gesundheitsgefährdenden Substanzen existieren weder in der Schweiz noch in der EU verbindliche Grenzwerte oder Verbote.
Für Konsumentenschützer geradezu grotesk ist die Tatsache, dass zwar aufgrund einer EU-Verordnung in Weichmacherölen für Autoreifen nicht mehr als 1 Milligramm pro Kilogramm polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthalten sein darf. Hingegen existiert keine Vorschrift für diese Stoffgruppe für Spielzeug oder andere «Verbraucherprodukte» wie Velolenkergriffe oder....
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Samstag, Dezember 04, 2010
200 Countries in 200 Years!
Factor in the contribution of oil and natural gas which has not only increasingly been utilized but also been produced over the last 200 years. And now imagine something like "Peak Oil" and then try to predict the future..../ursus
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Montag, November 15, 2010
Die Zukunft liegt im Urin
7. November 2010, NZZ am Sonntag
Die Zukunft liegt im Urin
Aus dem Harn des Menschen gewinnen Schweizer Forscher Phosphor
In fünfzig Jahren könnte der Nährstoff Phosphor erschöpft sein.
Patrick Imhasly
Viele Leute denken mit einem Schaudern an den Tag in nicht allzu weiter Ferne, an dem der letzte Tropfen Erdöl gefördert sein wird. Doch möglicherweise geht ein anderer Rohstoff noch schneller zur Neige, der wichtiger ist als Erdöl und zu dem es keine Alternativen gibt: Phosphor.
Phosphor ist ein Nährstoff, auf den Pflanzen nicht verzichten können; auch in der Energieversorgung des menschlichen Körpers spielt er eine zentrale Rolle. Zur Verwendung als Pflanzendünger wird der Stoff in erster Linie im Bergbau aus phosphathaltigen Mineralien gewonnen. China, Marokko und die USA kontrollieren dabei den grössten Teil der weltweit verfügbaren Reserven. Manche Studien besagen, dass der sogenannte «Peak Phosphor» bereits um 2030 erreicht sein wird. Das ist der Zeitpunkt, wo die Fördermenge am grössten ist und dann stetig abnimmt. Zumindest die leicht abbaubaren Phosphorvorräte sollen in 50 bis 100 Jahren vollständig erschöpft sein.
Erste Erfahrungen in Nepal
«Solche Studien sind immer mit grossen Unsicherheiten behaftet», erklärt Kai Udert vom Eawag in Dübendorf, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs. «Man wird neue Vorkommen finden, und der wird sich nach hinten verschieben.» Trotzdem: Irgendwann ist Schluss. Und weil Phosphor unersetzlich ist, macht sich der Verfahrenstechniker
Die Zukunft liegt im Urin
Aus dem Harn des Menschen gewinnen Schweizer Forscher Phosphor
In fünfzig Jahren könnte der Nährstoff Phosphor erschöpft sein.
Patrick Imhasly
Viele Leute denken mit einem Schaudern an den Tag in nicht allzu weiter Ferne, an dem der letzte Tropfen Erdöl gefördert sein wird. Doch möglicherweise geht ein anderer Rohstoff noch schneller zur Neige, der wichtiger ist als Erdöl und zu dem es keine Alternativen gibt: Phosphor.
Phosphor ist ein Nährstoff, auf den Pflanzen nicht verzichten können; auch in der Energieversorgung des menschlichen Körpers spielt er eine zentrale Rolle. Zur Verwendung als Pflanzendünger wird der Stoff in erster Linie im Bergbau aus phosphathaltigen Mineralien gewonnen. China, Marokko und die USA kontrollieren dabei den grössten Teil der weltweit verfügbaren Reserven. Manche Studien besagen, dass der sogenannte «Peak Phosphor» bereits um 2030 erreicht sein wird. Das ist der Zeitpunkt, wo die Fördermenge am grössten ist und dann stetig abnimmt. Zumindest die leicht abbaubaren Phosphorvorräte sollen in 50 bis 100 Jahren vollständig erschöpft sein.
Erste Erfahrungen in Nepal
«Solche Studien sind immer mit grossen Unsicherheiten behaftet», erklärt Kai Udert vom Eawag in Dübendorf, dem Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs. «Man wird neue Vorkommen finden, und der
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Freitag, November 12, 2010
Peak Oil liegt hinter uns
Peak Oil liegt hinter uns
Craig Morris 11.11.2010
Jetzt ist es wohl offiziell - die Internationale Energieagentur (IEA) hat selbst zugegeben, dass die Förderung höchstens für einige Jahre stabil bleiben kann, bevor sie endgültig abrutscht
Vor wenigen Jahren war Peak Oil ein Thema für Skeptiker und Außenseiter. Auch wenn einige wenige prominente Insider die Alarmglocken mit geläutet haben (z.B. Matthew Simmons, s. Peak oil: Steigende Preise, sinkende Förderung (1)) , behaupteten BP, die IEA, und andere Industrieorganisationen immer brav und beruhigend, der Peak komme wohl erst in ein paar Jahrzehnten. Zum Beispiel meinte (2) die IEA erst 2009, dass Peak Oil frühestens 2020 erreicht werde.
Am Dienstag schlug die IEA im World Energy Outlook 2010 (3) jedoch überraschend einen neuen Ton an. Nun spricht die Organisation nicht nur offen von Peak Oil (die IEA nahm bisher den Begriff ungern in den Mund), sondern liefert gleich eine Grafik mit, die es in sich hat.

Peak-Oil. Grafik: IEA
Man sieht deutlich, dass das Fördervolumen leicht gesunken ist; die Ökonomen würden wohl auf den gesunkenen Verbrauch während der Wirtschaftskrise verweisen. Die Grafik zeigt aber etwas Beunruhigendes: Die Förderung wird offenbar nicht mehr leicht über das Niveau von 2003-2007 steigen, sondern sogar bald steil absinken. Nur wenn "noch nicht entwickelte Felder" bereits jetzt die Arbeit aufnehmen, können wir grob das heutige, leicht abgesunkene Niveau stabil halten - und das nur bis etwa 2015. Dann müssen "noch nicht gefundene Felder" hinzukommen. Sonst haben wir circa eine Generation später vielleicht nur die Hälfte der heutigen Produktion.
Für die Energy Watch Group aus Berlin, die auch seit Jahren vor Peak Oil warnt (4), gehen klare Handlungsempfehlungen aus der IEA-Studie hervor:
Sogar eine Vollversorgung mit Erneuerbaren Energien ist innerhalb weniger Jahrzehnte möglich und insgesamt kostengünstiger als der weitere Verbrauch von Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran.
Recht haben sie – allerdings lehnen sich manche Befürworter der erneuerbaren Energien zu weit aus dem Fenster, wenn sie (wie die EWG) andeuten, die Erneuerbaren könnten das Erdöl ersetzen. Richtig ist, dass alle erneuerbaren Strom erzeugen, keinen flüssigen Treibstoff, bis auf die Biomasse, und es darf bezweifelt werden, dass so viel Biotreibstoff nachhaltig produziert werden kann, wie wir jetzt Erdöl verbrauchen. Auch die Atomkraft stellt deswegen keinen Ersatz dar. Es gab einfach keinen Ersatz für Öl als Treibstoff.
Das heißt, dass wir bald mit weniger Heizöl auskommen müssen, aber das geht ja - besser isolierte Gebäude, passive Wärme, Pelletöfen u.ä., und schließlich zur Not Elektroheizungen. Wärme ist nicht das Problem. Aber die Elektromobilität wird anders aussehen als unsere heutigen Autos, die quasi eine unbegrenzte Reichweite haben und innerhalb weniger Minuten vollgetankt werden können. Eine Fahrt von Berlin aus an die Atlantikküste bei Bordeaux mit Zelt und Familie im Kombi wird zunehmend schwierig.
Noch schwieriger wird die Schifffahrt. Und fast unmöglich der Luftverkehr. Dort sind keine Alternativen zum flüssigen, fossilen Treibstoff in Sicht. Machen Sie sich also auf stark steigende Ölpreise zu Ihren Lebzeiten gefasst.
Links
(1) http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19966/1.html(2) http://www.heise.de/tp/blogs/2/146734
(3) http://www.iea.org/w/bookshop/add.aspx?id=422
(4) http://www.energywatchgroup.org/Mitteilungen.26.0.html
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Freitag, Oktober 29, 2010
Der gesunde Schlaf ist eine Traumvorstellung
24. Oktober 2010, NZZ am Sonntag
Der gesunde Schlaf ist eine Traumvorstellung
Unser Ideal vom ungestörten Schlaf ist eine Idee, die unserer Natur widerspricht
(ein weiterer Artikel zum Thema Schlaf findet sich hier/ul)
Von Ori Schipper
Wenn uns in der Werbung Matratzen «für einen tiefen, gesunden Schlaf» angepriesen werden, meinen wir, genau zu wissen, was wir uns darunter vorzustellen haben: Der Gerechte schläft täglich 8 Stunden, ungestört und ununterbrochen. Und die anderen schlucken Medikamente, um es ihm gleichzutun – es werden immer mehr, wie die Verkaufsstatistiken von Schlaftabletten belegen.
Aber vielleicht hat diese Epidemie mehr mit unseren kulturell geprägten Vorstellungen eines gesunden Schlafs als mit unserer Natur zu tun. Vielleicht rennen wir einem Idealbild des Schlafens hinterher, das es in der Menschheitsgeschichte nie gegeben hat und das wir deswegen auch mit Medikamentenhilfe nicht erreichen werden.
Seit der Erfindung der Glühbirne vor über hundert Jahren machen wir mit gleissendem elektrischem Licht die Nacht zum Tag. Für unseren Körper, der seine innere Uhr an den verlängerten Tagen – und verkürzten Nächten – ausrichtet, bedeutet die künstliche Beleuchtung eine Herausforderung, der wir offenbar nicht gewachsen sind.
Anderswo auf dieser Welt – bei verschiedenen indigenen Gruppen wie etwa bei den Hirten der Gabra in Kenya oder den Ackerbauern auf Suleleng in Bali – schlafen die Menschen völlig anders, wie die Anthropologinnen....
Der gesunde Schlaf ist eine Traumvorstellung
Unser Ideal vom ungestörten Schlaf ist eine Idee, die unserer Natur widerspricht
(ein weiterer Artikel zum Thema Schlaf findet sich hier/ul)
Von Ori Schipper
Wenn uns in der Werbung Matratzen «für einen tiefen, gesunden Schlaf» angepriesen werden, meinen wir, genau zu wissen, was wir uns darunter vorzustellen haben: Der Gerechte schläft täglich 8 Stunden, ungestört und ununterbrochen. Und die anderen schlucken Medikamente, um es ihm gleichzutun – es werden immer mehr, wie die Verkaufsstatistiken von Schlaftabletten belegen.
Aber vielleicht hat diese Epidemie mehr mit unseren kulturell geprägten Vorstellungen eines gesunden Schlafs als mit unserer Natur zu tun. Vielleicht rennen wir einem Idealbild des Schlafens hinterher, das es in der Menschheitsgeschichte nie gegeben hat und das wir deswegen auch mit Medikamentenhilfe nicht erreichen werden.
Seit der Erfindung der Glühbirne vor über hundert Jahren machen wir mit gleissendem elektrischem Licht die Nacht zum Tag. Für unseren Körper, der seine innere Uhr an den verlängerten Tagen – und verkürzten Nächten – ausrichtet, bedeutet die künstliche Beleuchtung eine Herausforderung, der wir offenbar nicht gewachsen sind.
Anderswo auf dieser Welt – bei verschiedenen indigenen Gruppen wie etwa bei den Hirten der Gabra in Kenya oder den Ackerbauern auf Suleleng in Bali – schlafen die Menschen völlig anders, wie die Anthropologinnen....
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Donnerstag, Oktober 28, 2010
Club of Rome - Meadows: "Der böse Samurai ist schon tot, ohne es zu merken"
Heise.de 24.04.2009
"Der böse Samurai ist schon tot, ohne es zu merken"
Seine These: Wir stehen vor der Herausforderung, zwei historische Krisen auf einmal zu bewältigen. Erstens wird die Phase des Hochwachstums von einer harten und langen Phase des Abbaus von Produktionsüberkapazitäten abgelöst. Zweitens müssen wir gleichzeitig die Gesellschaften auf eine nachhaltige Entwicklung umstellen, wenn wir die Folgen noch einigermaßen kontrollieren wollen. Leicht redigiert zeichnet TR Online seine Rede und seine Antworten auf Journalistenfragen auf.
Die Welt ist weniger nachhaltig als 1972
Ich beneide meinen Freund David Kuhl[3], den anderen Träger des Japan-Preises. In seiner Arbeit kann er Tag für Tag Fortschritt verzeichnen. Für mich gilt das Gegenteil, für mich ist die Geschichte seit 1972 rückwärts gelaufen. Die Welt ist weniger nachhaltig, als sie es damals war. Es ist unbefriedigend, eine theoretisch nachhaltige Gesellschaft aufzuzeigen, wenn du siehst, dass die reale Gesellschaft weiterhin einer falschen Politik folgt. Erst mit der Krise gibt es wieder vermehrt Interesse, und mehr Leute sagen, dass Meadows und seine Leute letztlich doch recht hatten. Aber wie ich gleich....
"Der böse Samurai ist schon tot, ohne es zu merken"
Von Martin Koelling, Tokio
Dennis Meadows, 66, hat 1972 im Auftrag des Club of Rome die Studie „Grenzen des Wachstums“ erstellt, die in 38 Sprachen übersetzt und zig millionenfach verkauft wurde. In seinem Report sagte er voraus, dass die Grenzen des Wachstums in den nächsten 100 Jahren erreicht würden, wenn das Wachstum von Bevölkerung, Industrialisierung und der Umweltverschmutzung anhält. Als Alternative zum Kollaps suggerierte Meadows, dass nachhaltiges Wachstum möglich sei. Für seine Verdienste erhielt Meadows am gestrigen Donnerstag den hoch dotierten Japan-Preis[1] der Stiftung für Wissenschaft und Technik. Vor seiner Preisverleihung nutzte Meadows[2], Professor Emeritus der University of New Hampshire, im Foreign Correspondent's Club of Japan die Gelegenheit, zur aktuellen Wirtschaftskrise und der kommenden Krise nicht nachhaltigen Wachstums Stellung zu beziehen.Seine These: Wir stehen vor der Herausforderung, zwei historische Krisen auf einmal zu bewältigen. Erstens wird die Phase des Hochwachstums von einer harten und langen Phase des Abbaus von Produktionsüberkapazitäten abgelöst. Zweitens müssen wir gleichzeitig die Gesellschaften auf eine nachhaltige Entwicklung umstellen, wenn wir die Folgen noch einigermaßen kontrollieren wollen. Leicht redigiert zeichnet TR Online seine Rede und seine Antworten auf Journalistenfragen auf.
Die Welt ist weniger nachhaltig als 1972
Ich beneide meinen Freund David Kuhl[3], den anderen Träger des Japan-Preises. In seiner Arbeit kann er Tag für Tag Fortschritt verzeichnen. Für mich gilt das Gegenteil, für mich ist die Geschichte seit 1972 rückwärts gelaufen. Die Welt ist weniger nachhaltig, als sie es damals war. Es ist unbefriedigend, eine theoretisch nachhaltige Gesellschaft aufzuzeigen, wenn du siehst, dass die reale Gesellschaft weiterhin einer falschen Politik folgt. Erst mit der Krise gibt es wieder vermehrt Interesse, und mehr Leute sagen, dass Meadows und seine Leute letztlich doch recht hatten. Aber wie ich gleich....
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Donnerstag, September 30, 2010
Frischer Wind im Treibhaus
8. September 2010, Neue Zürcher Zeitung
Frischer Wind im TreibhausNeue Untersuchungen relativieren Kritik an der Klimaforschung
Durch eine E-Mail-Affäre und Patzer im IPCC-Bericht ist die Klimaforschung im letzten Jahr in Misskredit geraten. Inzwischen liegen mehrere Untersuchungsberichte vor, die einen nüchternen Blick auf die Vorkommnisse erlauben.
Sven Titz
Der Klimarat IPCC der Vereinten Nationen hat eine unruhige Zeit hinter sich. Im letzten Winter wurden den Wissenschaftern zum Teil Woche für Woche Übertreibungen, Gemauschel oder Fehler vorgeworfen. Es gab zwei Anlässe für die Aufwallungen: Zum einen waren im November 2009 Hunderte vertrauliche E-Mails von Klimaforschern illegal an die Öffentlichkeit gelangt. An den E-Mails entzündete sich eine Debatte über Vorwürfe mangelnder Transparenz. Zum anderen wurden im Winter einige Patzer im 3000 Seiten dicken Sachstandsbericht des Uno-Klimarats von 2007 bekannt. Inzwischen hat sich in beiden Fällen der Pulverdampf um die Anschuldigungen verzogen.Folgerungen bleiben gültig
Die Vorwürfe der Fehlerhaftigkeit vermochten Klimaforscher zum grossen Teil zu entkräften. Einzelne Fehler oder Ungenauigkeiten sind durchaus passiert. Zu den bekanntesten Missgriffen zählt die unhaltbare Aussage im Sachstandsbericht, bis zum Jahr 2035 würden die Gletscher im Himalaja verschwunden sein. Die wichtigsten Folgerungen des Klimarats behalten aber laut fachlichen Analysen ihre Gültigkeit. Zu diesem Ergebnis kamen zum Beispiel Umweltbehörden in den USA und in den Niederlanden. Praktisch alle Fachleute sind sich einig, dass die Emission von Treibhausgasen zu einer Erwärmung der Erdatmosphäre führt, deren Ausmass aber noch unsicher ist.
Da der Autor des Artikels ein Problem mit der Veröffentlichung auf diesem Blog hat - obwohl der gesamte Text mit Link zum Originalzeitungstext, sowie unter Namensangabe des Autors veröffentlicht wurde - lesen Sie bitte den gesamten Artikel auf der Webseite der NZZ:
http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/frischer_wind_im_treibhaus_1.7485418.html
(warum wundert es mich nicht, dass der Autor ein Deutscher ist....????)
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Freitag, Juli 23, 2010
Drohen uns «Klimakriege»?
22. Juli 2010
Neue Zürcher Zeitung
Drohen uns «Klimakriege»?
Verminderte natürliche Ressourcen als mögliche wichtige Quelle von bewaffneten Konflikten
Laut Experten könnten der Klimawandel und seine Folgen eine Rolle bei der Verschärfung internationaler Konflikte spielen. Die Ressourcenknappheit in der Region südlich des Mittelmeers wird sich noch akzentuieren.
Vicken Cheterian
Im Jahr 2003 haben die Autoren eines vom amerikanischen Verteidigungsministerium in Auftrag gegebenen Berichts den Begriff des «Klimakriegs» geprägt. Sie zeigten darin mögliche Szenarien eines abrupten Klimawandels mitsamt den Auswirkungen auf die nationale Sicherheit der USA auf und sorgten damit für Aufregung. Unter dem Leitgedanken, sich das Undenkbare – einen relativ abrupten Wandel anstelle der zumeist prognostizierten graduellen Klimaveränderung – vorzustellen, zeichneten sie das düstere Bild einer Zukunft, beherrscht von Chaos, Millionen von «Umweltflüchtlingen» und durch die globale Erwärmung verursachten bewaffneten Konflikten. Als ersten «Klimakrieg», dem weitere folgen würden, nannten die Autoren den Konflikt um Darfur. Auch der Uno-Generalsekretär Ban nannte 2007 die Auswirkungen des Klimawandels als eine Ursache der Krise in Darfur.
Gewachsenes Interesse
In den letzten Jahren hat sich eine Vielzahl von Gremien und Berichten mit der Frage nach dem Klimawandel als einer wichtigen Ursache von Konflikten im 21. Jahrhundert befasst. Im vergangenen September verabschiedete die Uno-Generalversammlung eine Resolution.....
Neue Zürcher Zeitung
Drohen uns «Klimakriege»?
Verminderte natürliche Ressourcen als mögliche wichtige Quelle von bewaffneten Konflikten
Laut Experten könnten der Klimawandel und seine Folgen eine Rolle bei der Verschärfung internationaler Konflikte spielen. Die Ressourcenknappheit in der Region südlich des Mittelmeers wird sich noch akzentuieren.
Vicken Cheterian
Im Jahr 2003 haben die Autoren eines vom amerikanischen Verteidigungsministerium in Auftrag gegebenen Berichts den Begriff des «Klimakriegs» geprägt. Sie zeigten darin mögliche Szenarien eines abrupten Klimawandels mitsamt den Auswirkungen auf die nationale Sicherheit der USA auf und sorgten damit für Aufregung. Unter dem Leitgedanken, sich das Undenkbare – einen relativ abrupten Wandel anstelle der zumeist prognostizierten graduellen Klimaveränderung – vorzustellen, zeichneten sie das düstere Bild einer Zukunft, beherrscht von Chaos, Millionen von «Umweltflüchtlingen» und durch die globale Erwärmung verursachten bewaffneten Konflikten. Als ersten «Klimakrieg», dem weitere folgen würden, nannten die Autoren den Konflikt um Darfur. Auch der Uno-Generalsekretär Ban nannte 2007 die Auswirkungen des Klimawandels als eine Ursache der Krise in Darfur.
Gewachsenes Interesse
In den letzten Jahren hat sich eine Vielzahl von Gremien und Berichten mit der Frage nach dem Klimawandel als einer wichtigen Ursache von Konflikten im 21. Jahrhundert befasst. Im vergangenen September verabschiedete die Uno-Generalversammlung eine Resolution.....
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Donnerstag, Juni 24, 2010
Im Wunderland – wir haben eine kognitive Grenze überschritten
23. Juni 2010
NZZ Online
Im Wunderland – wir haben eine kognitive Grenze überschritten
Die Medien sind voller Berichte zur Finanzkrise – die Analysen türmen sich, die Rettungsvorschläge jagen sich. Doch die Experten täuschen ein Verständnis vor, das sie nicht mehr haben. Ihr Versagen ist Symptom einer tieferen Ursache: Unsere Welt ist zu komplex geworden, als dass wir sie noch durchschauen könnten.
Von Rolf Dobelli
In «Alice im Wunderland» taucht die Titelheldin in eine Welt ein, wo die Kaninchen riesig sind, die Uhren rückwärts laufen und die Leute wie Spielkarten aussehen. Es ist eine Welt voller Paradoxa und Absurditäten, die Alice nicht mehr versteht. Wir leben zwar nicht im Wunderland, doch so ähnlich fühlt es sich an, denn wir haben eine kognitive Grenze überschritten. Es ist an der Zeit, dies auszusprechen und die Schlüsse daraus zu ziehen.
Die Medien sind voller Kommentare zur Finanzkrise. Analyse türmt sich auf Analyse, Rettungsvorschlag auf Rettungsvorschlag. Doch die Experten täuschen ein Verständnis vor, das nicht da ist. Es gibt rund eine Million ausgebildeter Ökonomen auf diesem Planeten. Kein einziger hat das Timing der Finanzkrise exakt vorausgesagt, geschweige denn, wie die Sequenz vom Platzen der Immobilienblase über den Zerfall der Credit-Default-Swaps bis hin zur ausgewachsenen.....
NZZ Online
Im Wunderland – wir haben eine kognitive Grenze überschritten
Die Medien sind voller Berichte zur Finanzkrise – die Analysen türmen sich, die Rettungsvorschläge jagen sich. Doch die Experten täuschen ein Verständnis vor, das sie nicht mehr haben. Ihr Versagen ist Symptom einer tieferen Ursache: Unsere Welt ist zu komplex geworden, als dass wir sie noch durchschauen könnten.
Von Rolf Dobelli
In «Alice im Wunderland» taucht die Titelheldin in eine Welt ein, wo die Kaninchen riesig sind, die Uhren rückwärts laufen und die Leute wie Spielkarten aussehen. Es ist eine Welt voller Paradoxa und Absurditäten, die Alice nicht mehr versteht. Wir leben zwar nicht im Wunderland, doch so ähnlich fühlt es sich an, denn wir haben eine kognitive Grenze überschritten. Es ist an der Zeit, dies auszusprechen und die Schlüsse daraus zu ziehen.
Die Medien sind voller Kommentare zur Finanzkrise. Analyse türmt sich auf Analyse, Rettungsvorschlag auf Rettungsvorschlag. Doch die Experten täuschen ein Verständnis vor, das nicht da ist. Es gibt rund eine Million ausgebildeter Ökonomen auf diesem Planeten. Kein einziger hat das Timing der Finanzkrise exakt vorausgesagt, geschweige denn, wie die Sequenz vom Platzen der Immobilienblase über den Zerfall der Credit-Default-Swaps bis hin zur ausgewachsenen.....
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Sonntag, Mai 23, 2010
Facebooks Probleme mit dem Privaten
8. Mai 2010, 10:44, NZZ
Facebooks Probleme mit dem Privaten
Gratwanderung zwischen Kontrolle und Komplexität
Während Facebook die Marke von 500 Millionen Benutzern ansteuert, sieht sich die Firma mit einer heftigen öffentlichen Debatte über ihren Umgang mit privaten Daten konfrontiert. Die Kritik ist berechtigt, zeigt aber auch auf, dass beide Seiten von falschen Vorstellungen über Öffentlichkeit und Privatsphäre ausgehen.
Nico Luchsinger
Es ist nicht das erste Mal, dass Facebook sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, die Privatsphäre seiner Benutzer nicht ausreichend zu schützen. Über die letzten Jahre hat die Social-Networking-Seite mit schöner Regelmässigkeit Änderungen eingeführt, die den Zorn seiner Benutzer erregten. Das Resultat war (mit Ausnahmen) oft dasselbe: Die Empörung legte sich schnell, ohne dass Facebook zurückbuchstabieren musste. Diese rücksichtslose Art der Innovation hat sich für das Netzwerk bisher ausbezahlt: Es erfreut sich unverminderten Wachstums und dürfte bald 500 Millionen Benutzer zählen.
Doch nun tobt ein neuer Sturm der Entrüstung; und er scheint deutlich heftiger als zuvor. Seit Tagen sind Blogs und News-Seiten voll von Artikeln, in denen Facebook heftig kritisiert wird. Selbst ein ausführlicher Frage-Antwort-Artikel von Facebooks Vizepräsident Elliot Schrage mit Lesern der «New York Times» konnte die Gemüter nicht beruhigen. Schrage konzedierte zwar Probleme bei der Kommunikation neuer Funktionen, zeigte sich aber ansonsten uneinsichtig. Schliesslich sei es es jedermann freigestellt, sich bei Facebook an- und wieder abzumelden. Prompt tauchte eine Seite auf, auf welcher man sich verpflichten konnte, am 31. Mai seinen Facebook-Account zu löschen. Bisher haben sich.....
Facebooks Probleme mit dem Privaten
Gratwanderung zwischen Kontrolle und Komplexität
Während Facebook die Marke von 500 Millionen Benutzern ansteuert, sieht sich die Firma mit einer heftigen öffentlichen Debatte über ihren Umgang mit privaten Daten konfrontiert. Die Kritik ist berechtigt, zeigt aber auch auf, dass beide Seiten von falschen Vorstellungen über Öffentlichkeit und Privatsphäre ausgehen.
Nico Luchsinger
Es ist nicht das erste Mal, dass Facebook sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, die Privatsphäre seiner Benutzer nicht ausreichend zu schützen. Über die letzten Jahre hat die Social-Networking-Seite mit schöner Regelmässigkeit Änderungen eingeführt, die den Zorn seiner Benutzer erregten. Das Resultat war (mit Ausnahmen) oft dasselbe: Die Empörung legte sich schnell, ohne dass Facebook zurückbuchstabieren musste. Diese rücksichtslose Art der Innovation hat sich für das Netzwerk bisher ausbezahlt: Es erfreut sich unverminderten Wachstums und dürfte bald 500 Millionen Benutzer zählen.
Doch nun tobt ein neuer Sturm der Entrüstung; und er scheint deutlich heftiger als zuvor. Seit Tagen sind Blogs und News-Seiten voll von Artikeln, in denen Facebook heftig kritisiert wird. Selbst ein ausführlicher Frage-Antwort-Artikel von Facebooks Vizepräsident Elliot Schrage mit Lesern der «New York Times» konnte die Gemüter nicht beruhigen. Schrage konzedierte zwar Probleme bei der Kommunikation neuer Funktionen, zeigte sich aber ansonsten uneinsichtig. Schliesslich sei es es jedermann freigestellt, sich bei Facebook an- und wieder abzumelden. Prompt tauchte eine Seite auf, auf welcher man sich verpflichten konnte, am 31. Mai seinen Facebook-Account zu löschen. Bisher haben sich.....
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Samstag, Mai 22, 2010
«Das ist der Anfang von Googles Abstieg»
Tages Anzeiger Online
«Das ist der Anfang von Googles Abstieg»
Interview: Reto Knobel
«Grössenwahn des Marktführers und Dominators»: Google hat mit dem unerlaubten Zugriff auf WLAN-Daten eine Grenze überschritten – das Interview mit einem der härtesten Google-Kritiker der Welt.
Google hat für den Kartendienst Street View in über 30 Ländern den Datenverkehr von ungesicherten WLAN-Netzen aufgezeichnet und gespeichert. Muss Street View nun verboten werden?
Gerald Reischl, Google hat jahrelang für seine Street-View-Fahrten Daten aus WLAN-Netzen gescannt und diese auch gespeichert. Laut Google war das ein «Versehen». Glauben Sie das?
Nein, weil man nicht vier Jahre lang «unabsichtlich» Daten sammeln kann und das nicht auffällt. Das sind ja viele Daten, die gespeichert, sprich abgelegt werden müssen. Jeder normale Computernutzer durchforstet regelmässig seine Festplatte – Stichwort Frühjahrsputz am PC – und da sollten solche Datenmengen auffallen.
Immerhin: Google hat sich entschuldigt, der Fehler sei «unverzeihlich». Früher wäre ein solches Eingeständnis wohl undenkbar gewesen.
Das nennt man Krisen-PR, und dafür gibt es eigene PR-Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, Feuerwehr in solchen Fällen zu spielen. Google hat mittlerweile eine eigene Lobbying-Abteilung, die sich ums Image kümmert. Alles andere als eine Schuldeingeständnis und eine Entschuldigung wären nicht möglich gewesen. Google hat aber ohnehin erst....
«Das ist der Anfang von Googles Abstieg»
Interview: Reto Knobel
«Grössenwahn des Marktführers und Dominators»: Google hat mit dem unerlaubten Zugriff auf WLAN-Daten eine Grenze überschritten – das Interview mit einem der härtesten Google-Kritiker der Welt.
Google hat für den Kartendienst Street View in über 30 Ländern den Datenverkehr von ungesicherten WLAN-Netzen aufgezeichnet und gespeichert. Muss Street View nun verboten werden?
Gerald Reischl, Google hat jahrelang für seine Street-View-Fahrten Daten aus WLAN-Netzen gescannt und diese auch gespeichert. Laut Google war das ein «Versehen». Glauben Sie das?
Nein, weil man nicht vier Jahre lang «unabsichtlich» Daten sammeln kann und das nicht auffällt. Das sind ja viele Daten, die gespeichert, sprich abgelegt werden müssen. Jeder normale Computernutzer durchforstet regelmässig seine Festplatte – Stichwort Frühjahrsputz am PC – und da sollten solche Datenmengen auffallen.
Immerhin: Google hat sich entschuldigt, der Fehler sei «unverzeihlich». Früher wäre ein solches Eingeständnis wohl undenkbar gewesen.
Das nennt man Krisen-PR, und dafür gibt es eigene PR-Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, Feuerwehr in solchen Fällen zu spielen. Google hat mittlerweile eine eigene Lobbying-Abteilung, die sich ums Image kümmert. Alles andere als eine Schuldeingeständnis und eine Entschuldigung wären nicht möglich gewesen. Google hat aber ohnehin erst....
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Freitag, April 30, 2010
Fliegen trotz Vulkanasche
28. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
Fliegen trotz Vulkanasche
Der Weg zu einem sicheren Grenzwert für die Luftfahrt ist noch weit
Bisher galt die Devise: Flugzeuge sollen Vulkanasche auf jeden Fall meiden. Nun aber wollen Industrie und Behörden diese strenge Regelung lockern. Die Frage ist nur, wie viel Asche die Maschinen aushalten können.
Hanna Wick
Am Himmel über Europa ist alles wieder beim Alten. Der Eyjafjallajökull spuckt kaum noch Asche, die Flugzeuge fliegen nach Plan. Und trotzdem herrscht bei Behörden und Luftfahrtindustrie Hochbetrieb. Denn hier hat das Ringen um einen besseren Umgang mit Vulkanasche begonnen. Bisher hiess es im Protokoll: Wo Asche ist – und sei es auch noch so wenig –, dürfen keine Flugzeuge fliegen. Heute empfinden viele Experten diese Nulltoleranz-Strategie als zu streng. Vor allem die Airlines drängen auf einen Grenzwert für Vulkanasche, unterhalb dessen der Flugverkehr nicht eingeschränkt werden müsste. So einen Wert zu definieren, ist allerdings alles andere als einfach.
Aus der Geschichte gelernt
Dass die bisherige Regelung so strikt ist, hat mit dramatischen Ereignissen der Vergangenheit zu tun: 1982 gerieten...
28. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
Fliegen trotz Vulkanasche
Der Weg zu einem sicheren Grenzwert für die Luftfahrt ist noch weit
Bisher galt die Devise: Flugzeuge sollen Vulkanasche auf jeden Fall meiden. Nun aber wollen Industrie und Behörden diese strenge Regelung lockern. Die Frage ist nur, wie viel Asche die Maschinen aushalten können.
Hanna Wick
Am Himmel über Europa ist alles wieder beim Alten. Der Eyjafjallajökull spuckt kaum noch Asche, die Flugzeuge fliegen nach Plan. Und trotzdem herrscht bei Behörden und Luftfahrtindustrie Hochbetrieb. Denn hier hat das Ringen um einen besseren Umgang mit Vulkanasche begonnen. Bisher hiess es im Protokoll: Wo Asche ist – und sei es auch noch so wenig –, dürfen keine Flugzeuge fliegen. Heute empfinden viele Experten diese Nulltoleranz-Strategie als zu streng. Vor allem die Airlines drängen auf einen Grenzwert für Vulkanasche, unterhalb dessen der Flugverkehr nicht eingeschränkt werden müsste. So einen Wert zu definieren, ist allerdings alles andere als einfach.
Aus der Geschichte gelernt
Dass die bisherige Regelung so strikt ist, hat mit dramatischen Ereignissen der Vergangenheit zu tun: 1982 gerieten zwei Boeing 747 mitten in die Aschewolke des indonesischen Vulkans Galunggung. Für die Piloten war die Wolke unsichtbar, weil der Bordradar die winzigen Partikel nicht entdecken kann. Innert weniger Minuten fielen bei beiden Maschinen alle vier Triebwerke aus. Erst nach mehreren Versuchen konnten die Piloten die Turbinen wieder starten und im nahen Jakarta landen. Passagiere wurden keine verletzt; die Triebwerke mussten komplett ersetzt werden.
Die Vorfälle waren ein Weckruf für die Luftfahrt. Sie zeigten, dass die Begegnung von Flugzeugen mit vulkanischer Asche Leben kosten könnte. Und dass sie enorme Reparaturkosten verursacht. Seither gilt die Devise, Aschewolken wenn immer möglich zu meiden; so empfehlen es Airlines und Flugzeughersteller in ihren Handbüchern. Sofort rief die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO eine Arbeitsgruppe für die Warnung vor Vulkanasche ins Leben und etablierte ein Überwachungssystem. Es wurden Regeln aufgestellt, wie Daten über Eruptionen gesammelt und ausgewertet werden sollen und wie Piloten über Ausbrüche auf ihren Flugrouten zu informieren sind. Denn es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt ein Vulkan aktiv ist.
Bei den meisten Vulkanausbrüchen werden die Flüge heute einfach um die Aschewolke herum gelenkt, ohne dass die Passagiere davon etwas mitbekommen. Einen zentralen Part spielen dabei die neun Volcanic Ash Advisory Centres. Sie haben den globalen Luftraum unter sich aufgeteilt und modellieren jeweils für ihr Gebiet das Auftreten von Vulkanasche in der Luft. Wegen ihrer Warnungen werden immer wieder zahlreiche Flüge annulliert – in jüngerer Vergangenheit zum Beispiel beim Ausbruch des Kasatochi auf den Aleuten im Jahr 2008. Nur selten hingegen kommt jede Warnung zu spät, und eine Maschine gerät unerwartet in eine Aschewolke. Bis heute sind insgesamt 90 solche Fälle bekannt; in 7 davon fielen Triebwerke aus, noch nie aber ist eine Maschine abgestürzt.
Grundsätzlich ist die Nulltoleranz- Strategie also erfolgreich. Trotzdem machen sich Experten schon lange Gedanken darüber, wie man einen Grenzwert für Vulkanasche festlegen könnte, damit es nicht zu übertriebenen Luftraumsperren kommt. Das Thema stand immer wieder auf der Traktandenliste der ICAO-Arbeitsgruppe, so auch bei der letzten Sitzung im März in Chile. Doch auch diesmal habe niemand eine Antwort darauf gewusst, wo der Grenzwert liegen könnte, sagt Fred Prata vom Norwegian Institute for Air Research. Auch die anwesenden Industrievertreter zeigten sich ratlos.
Asche im Getriebe
Dabei sind die Effekte von Vulkanasche auf Triebwerke im Prinzip gut bekannt. Die feinen, harten Partikel können die rotierenden Teile am Eingang der Turbinen abschmirgeln, zum Beispiel die Schaufeln des Verdichters (siehe Grafik). Das verschlechtert die Effizienz der Triebwerke und ihre Schubkraft. Die Vulkanasche wirkt hier ähnlich wie Wüstensand, der vor allem im Nahen Osten und in Afrika ein Problem ist. Flugzeuge, die dort unterwegs sind, müssen öfter gewartet werden. Einige wenige Triebwerkhersteller wie die deutsche Firma MTU Aero Engines bieten deshalb neuerdings spezielle Schutzschichten an, mit denen die Bauteile überzogen werden können. Sie basieren auf ultraharten Metall-Keramiken und würden möglicherweise auch gegen die erodierende Wirkung von Vulkanasche helfen.
Doch damit wäre das Problem Vulkanasche noch lange nicht aus der Welt. Weitaus schlimmer als die Erosion ist es nämlich, wenn die Asche tief ins Triebwerk vordringt: In den Brennkammern moderner Maschinen liegen die Temperaturen bei 1300 bis 1500 Grad Celsius – zumindest dann, wenn sie nicht im Leerlauf sind. Die Vulkanasche aber besteht zu einem Grossteil aus Silikaten, die schon bei rund 1100 Grad schmelzen. Sie wird also flüssig und lagert sich weiter hinten als dicke Glasschicht auf den Turbinenschaufeln ab. Manchmal blockiert sie auch die Kanäle für die Kühlluft und die Treibstoffeinspritzdüsen. All das kann das Triebwerk zerstören.
Vollständig vor der Verglasung schützen lassen sich Triebwerke nicht. Ein Filter vor der Turbine müsste sehr fein sein, um die winzigen Aschepartikel tatsächlich aus dem reissenden Luftstrom aussondern zu können. Das aber würde die Effizienz des Triebwerks enorm verringern und den Treibstoffverbrauch in die Höhe schnellen lassen. Glücklicherweise platzt die Verglasung teilweise wieder ab, wenn die Turbinenschaufeln erkalten. Diese bestehen nämlich aus Metall und ziehen sich deshalb beim Abkühlen stärker zusammen als die Glasschicht, wie Christoph Leyens vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt erklärt. Das Glas bricht in Stücke und wird vom Luftstrom weggeblasen. Daraufhin können die Triebwerke oft wieder gestartet werden.
Neben den Triebwerken zieht die Asche auch andere Flugzeugteile in Mitleidenschaft: Sie macht Geschwindigkeitsmesser untauglich, verschmutzt die Tanks und schmirgelt im Extremfall die Scheiben blind. Das beschert den Fluggesellschaften hohe Wartungskosten.
Unklar ist allerdings, ab welchen Asche-Konzentrationen die Schäden auftreten. Das ganze heutige Wissen stammt aus Untersuchungen von Flugzeugen, die durch Aschewolken geflogen sind. Aus solchen historischen Daten lassen sich aber schon deshalb keine Grenzwerte ableiten, weil man die damaligen Asche-Konzentrationen in der Luft meist nicht kennt. Klar sei heute nur, dass 50 Milligramm Asche pro Kubikmeter definitiv gefährlich seien, so Prata. Ebenso wenig weiss man darüber, welchen Einfluss die Grösse der Aschekörner hat und wie unterschiedliche Typen von Triebwerken reagieren.
Um all dies herauszufinden, müsste die Triebwerkindustrie Tests am Boden durchführen. Dabei würde man in einem Windkanal unter kontrollierten Bedingungen Vulkanasche in ein laufendes Düsentriebwerk hineinströmen lassen und danach die Schäden systematisch erfassen – ähnlich, wie dies für Wüstensand heute schon gemacht wird. Bisher haben die Hersteller solche kostspieligen Untersuchungen für Vulkanasche unterlassen. Es gebe bei der Zertifizierung von Triebwerken keine entsprechenden Auflagen, die solche Tests erforderten, heisst es beim Hersteller Pratt & Whitney. Andere Firmen wie Rolls-Royce und Snecma geben derzeit überhaupt keine Auskunft zum Thema.
Viele Forscher vermuten indes, dass die Unternehmen mehr wissen über die Anfälligkeit ihrer Turbinen auf Vulkanasche, als sie zugeben. «Es hat sicher schon mehr Begegnungen mit Asche gegeben, als gemeldet wurden», sagt William Rose von der Michigan Technological University. Man habe die Hersteller immer wieder nach Daten dazu gefragt, doch sie hätten nichts herausgegeben. Das dürfte sich nun ändern: Mit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull hat das Problem weltweit an Priorität gewonnen. Jetzt fordern die Airlines die Hersteller plötzlich mit Nachdruck auf, Sicherheitsspannen für ihre Triebwerke anzugeben. Es gebe nicht nur Schwarz und Weiss, sondern einen Graubereich, so Steve Lott vom Welt-Dachverband der Fluggesellschaften, Iata.
Aus dem Hut gezaubert?
Zusätzlichen Druck hat vergangene Woche die britische Civil Aviation Authority (CAA) aufgebaut. Sie setzte ad hoc einen Grenzwert von 2 Milligramm Asche pro Kubikmeter fest. In Gebieten mit niedrigeren Asche-Konzentrationen durfte ab Mittwoch wieder geflogen werden. Gemäss diesem Wert hätte der Luftraum grösstenteils gar nicht gesperrt werden müssen. Die höchste über Mitteleuropa gemessene Konzentration vulkanischer Partikel lag bei etwa 0,6 Milligramm pro Kubikmeter. Dieser Wert wurde über dem Schweizer Mittelland gemessen; andernorts in Europa lag die Konzentration oft deutlich tiefer.
Offenbar hat die CAA ihren Wert in Zusammenarbeit mit der Industrie erarbeitet. Das wird vom Triebwerkhersteller General Electric bestätigt. Zur Frage, wie es gelingen konnte, so rasch eine Einigung zu erzielen, wo man doch schon lange nach einem Grenzwert sucht, wollte die CAA allerdings nicht Stellung nehmen. Die Kritik vonseiten der Forschung liess jedenfalls nicht lange auf sich warten. Der Wert vernachlässige die Expositionszeit, sagt Thomas Peter von der ETH Zürich – also jene Zeitspanne, in der ein Flugzeug der Asche ausgesetzt ist. Das sei ein grosses Manko, meint auch Thomas Casadevall vom United States Geological Survey. Zudem sage der Wert nichts über die Partikelgrösse der Asche aus. Ein guter Grenzwert sollte all diese Aspekte widerspiegeln. Dennoch dürfte der britische Wert nun als Ausgangspunkt für die Gespräche bei der ICAO dienen.
Doch auch wenn sich die Parteien dort bald auf einen Grenzwert einigen sollten, bleibt ein Problem bestehen: dass sich die Konzentration und die Partikelgrösse der Asche nicht für jeden Kubikmeter Himmel genau messen lassen. Nicht überall gibt es Flugzeuge mit entsprechenden Instrumenten, die man rasch losschicken kann. Dasselbe gilt für Laser, welche die Asche vom Boden aus vermessen. Ausserdem ändern sich Aschewolken laufend. Extrapolationen werden also wichtig bleiben. Heute verwenden die Volcanic Ash Advisory Centres eine Art Wettermodell, das die Ascheverteilung in der Atmosphäre simuliert. Es wird laufend mit neuen Berichten von Augenzeugen und Satellitendaten gefüttert und so verfeinert.
Eine andere Möglichkeit wäre, jedes Flugzeug mit einem Infrarotsensor auszustatten. Im Infrarotlicht lassen sich Aschepartikel von anderen Teilchen wie Wasser und Schwefelgasen unterscheiden. Prata hat schon vor mehreren Jahren einen solchen Sensor entwickelt und laut eigenen Angaben erfolgreich getestet. Das Gerät würde um die 30 000 Dollar kosten – bisher zu viel für die Airlines. Nach den Erfahrungen mit dem Eyjafjallajökull könnten sie nun aber zu dieser Investition bereit sein.
Fliegen trotz Vulkanasche
Der Weg zu einem sicheren Grenzwert für die Luftfahrt ist noch weit
Bisher galt die Devise: Flugzeuge sollen Vulkanasche auf jeden Fall meiden. Nun aber wollen Industrie und Behörden diese strenge Regelung lockern. Die Frage ist nur, wie viel Asche die Maschinen aushalten können.
Hanna Wick
Am Himmel über Europa ist alles wieder beim Alten. Der Eyjafjallajökull spuckt kaum noch Asche, die Flugzeuge fliegen nach Plan. Und trotzdem herrscht bei Behörden und Luftfahrtindustrie Hochbetrieb. Denn hier hat das Ringen um einen besseren Umgang mit Vulkanasche begonnen. Bisher hiess es im Protokoll: Wo Asche ist – und sei es auch noch so wenig –, dürfen keine Flugzeuge fliegen. Heute empfinden viele Experten diese Nulltoleranz-Strategie als zu streng. Vor allem die Airlines drängen auf einen Grenzwert für Vulkanasche, unterhalb dessen der Flugverkehr nicht eingeschränkt werden müsste. So einen Wert zu definieren, ist allerdings alles andere als einfach.
Aus der Geschichte gelernt
Dass die bisherige Regelung so strikt ist, hat mit dramatischen Ereignissen der Vergangenheit zu tun: 1982 gerieten...
28. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
Fliegen trotz Vulkanasche
Der Weg zu einem sicheren Grenzwert für die Luftfahrt ist noch weit
Bisher galt die Devise: Flugzeuge sollen Vulkanasche auf jeden Fall meiden. Nun aber wollen Industrie und Behörden diese strenge Regelung lockern. Die Frage ist nur, wie viel Asche die Maschinen aushalten können.
Hanna Wick
Am Himmel über Europa ist alles wieder beim Alten. Der Eyjafjallajökull spuckt kaum noch Asche, die Flugzeuge fliegen nach Plan. Und trotzdem herrscht bei Behörden und Luftfahrtindustrie Hochbetrieb. Denn hier hat das Ringen um einen besseren Umgang mit Vulkanasche begonnen. Bisher hiess es im Protokoll: Wo Asche ist – und sei es auch noch so wenig –, dürfen keine Flugzeuge fliegen. Heute empfinden viele Experten diese Nulltoleranz-Strategie als zu streng. Vor allem die Airlines drängen auf einen Grenzwert für Vulkanasche, unterhalb dessen der Flugverkehr nicht eingeschränkt werden müsste. So einen Wert zu definieren, ist allerdings alles andere als einfach.
Aus der Geschichte gelernt
Dass die bisherige Regelung so strikt ist, hat mit dramatischen Ereignissen der Vergangenheit zu tun: 1982 gerieten zwei Boeing 747 mitten in die Aschewolke des indonesischen Vulkans Galunggung. Für die Piloten war die Wolke unsichtbar, weil der Bordradar die winzigen Partikel nicht entdecken kann. Innert weniger Minuten fielen bei beiden Maschinen alle vier Triebwerke aus. Erst nach mehreren Versuchen konnten die Piloten die Turbinen wieder starten und im nahen Jakarta landen. Passagiere wurden keine verletzt; die Triebwerke mussten komplett ersetzt werden.
Die Vorfälle waren ein Weckruf für die Luftfahrt. Sie zeigten, dass die Begegnung von Flugzeugen mit vulkanischer Asche Leben kosten könnte. Und dass sie enorme Reparaturkosten verursacht. Seither gilt die Devise, Aschewolken wenn immer möglich zu meiden; so empfehlen es Airlines und Flugzeughersteller in ihren Handbüchern. Sofort rief die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO eine Arbeitsgruppe für die Warnung vor Vulkanasche ins Leben und etablierte ein Überwachungssystem. Es wurden Regeln aufgestellt, wie Daten über Eruptionen gesammelt und ausgewertet werden sollen und wie Piloten über Ausbrüche auf ihren Flugrouten zu informieren sind. Denn es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt ein Vulkan aktiv ist.
Bei den meisten Vulkanausbrüchen werden die Flüge heute einfach um die Aschewolke herum gelenkt, ohne dass die Passagiere davon etwas mitbekommen. Einen zentralen Part spielen dabei die neun Volcanic Ash Advisory Centres. Sie haben den globalen Luftraum unter sich aufgeteilt und modellieren jeweils für ihr Gebiet das Auftreten von Vulkanasche in der Luft. Wegen ihrer Warnungen werden immer wieder zahlreiche Flüge annulliert – in jüngerer Vergangenheit zum Beispiel beim Ausbruch des Kasatochi auf den Aleuten im Jahr 2008. Nur selten hingegen kommt jede Warnung zu spät, und eine Maschine gerät unerwartet in eine Aschewolke. Bis heute sind insgesamt 90 solche Fälle bekannt; in 7 davon fielen Triebwerke aus, noch nie aber ist eine Maschine abgestürzt.
Grundsätzlich ist die Nulltoleranz- Strategie also erfolgreich. Trotzdem machen sich Experten schon lange Gedanken darüber, wie man einen Grenzwert für Vulkanasche festlegen könnte, damit es nicht zu übertriebenen Luftraumsperren kommt. Das Thema stand immer wieder auf der Traktandenliste der ICAO-Arbeitsgruppe, so auch bei der letzten Sitzung im März in Chile. Doch auch diesmal habe niemand eine Antwort darauf gewusst, wo der Grenzwert liegen könnte, sagt Fred Prata vom Norwegian Institute for Air Research. Auch die anwesenden Industrievertreter zeigten sich ratlos.
Asche im Getriebe
Dabei sind die Effekte von Vulkanasche auf Triebwerke im Prinzip gut bekannt. Die feinen, harten Partikel können die rotierenden Teile am Eingang der Turbinen abschmirgeln, zum Beispiel die Schaufeln des Verdichters (siehe Grafik). Das verschlechtert die Effizienz der Triebwerke und ihre Schubkraft. Die Vulkanasche wirkt hier ähnlich wie Wüstensand, der vor allem im Nahen Osten und in Afrika ein Problem ist. Flugzeuge, die dort unterwegs sind, müssen öfter gewartet werden. Einige wenige Triebwerkhersteller wie die deutsche Firma MTU Aero Engines bieten deshalb neuerdings spezielle Schutzschichten an, mit denen die Bauteile überzogen werden können. Sie basieren auf ultraharten Metall-Keramiken und würden möglicherweise auch gegen die erodierende Wirkung von Vulkanasche helfen.
Doch damit wäre das Problem Vulkanasche noch lange nicht aus der Welt. Weitaus schlimmer als die Erosion ist es nämlich, wenn die Asche tief ins Triebwerk vordringt: In den Brennkammern moderner Maschinen liegen die Temperaturen bei 1300 bis 1500 Grad Celsius – zumindest dann, wenn sie nicht im Leerlauf sind. Die Vulkanasche aber besteht zu einem Grossteil aus Silikaten, die schon bei rund 1100 Grad schmelzen. Sie wird also flüssig und lagert sich weiter hinten als dicke Glasschicht auf den Turbinenschaufeln ab. Manchmal blockiert sie auch die Kanäle für die Kühlluft und die Treibstoffeinspritzdüsen. All das kann das Triebwerk zerstören.
Vollständig vor der Verglasung schützen lassen sich Triebwerke nicht. Ein Filter vor der Turbine müsste sehr fein sein, um die winzigen Aschepartikel tatsächlich aus dem reissenden Luftstrom aussondern zu können. Das aber würde die Effizienz des Triebwerks enorm verringern und den Treibstoffverbrauch in die Höhe schnellen lassen. Glücklicherweise platzt die Verglasung teilweise wieder ab, wenn die Turbinenschaufeln erkalten. Diese bestehen nämlich aus Metall und ziehen sich deshalb beim Abkühlen stärker zusammen als die Glasschicht, wie Christoph Leyens vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt erklärt. Das Glas bricht in Stücke und wird vom Luftstrom weggeblasen. Daraufhin können die Triebwerke oft wieder gestartet werden.
Neben den Triebwerken zieht die Asche auch andere Flugzeugteile in Mitleidenschaft: Sie macht Geschwindigkeitsmesser untauglich, verschmutzt die Tanks und schmirgelt im Extremfall die Scheiben blind. Das beschert den Fluggesellschaften hohe Wartungskosten.
Unklar ist allerdings, ab welchen Asche-Konzentrationen die Schäden auftreten. Das ganze heutige Wissen stammt aus Untersuchungen von Flugzeugen, die durch Aschewolken geflogen sind. Aus solchen historischen Daten lassen sich aber schon deshalb keine Grenzwerte ableiten, weil man die damaligen Asche-Konzentrationen in der Luft meist nicht kennt. Klar sei heute nur, dass 50 Milligramm Asche pro Kubikmeter definitiv gefährlich seien, so Prata. Ebenso wenig weiss man darüber, welchen Einfluss die Grösse der Aschekörner hat und wie unterschiedliche Typen von Triebwerken reagieren.
Um all dies herauszufinden, müsste die Triebwerkindustrie Tests am Boden durchführen. Dabei würde man in einem Windkanal unter kontrollierten Bedingungen Vulkanasche in ein laufendes Düsentriebwerk hineinströmen lassen und danach die Schäden systematisch erfassen – ähnlich, wie dies für Wüstensand heute schon gemacht wird. Bisher haben die Hersteller solche kostspieligen Untersuchungen für Vulkanasche unterlassen. Es gebe bei der Zertifizierung von Triebwerken keine entsprechenden Auflagen, die solche Tests erforderten, heisst es beim Hersteller Pratt & Whitney. Andere Firmen wie Rolls-Royce und Snecma geben derzeit überhaupt keine Auskunft zum Thema.
Viele Forscher vermuten indes, dass die Unternehmen mehr wissen über die Anfälligkeit ihrer Turbinen auf Vulkanasche, als sie zugeben. «Es hat sicher schon mehr Begegnungen mit Asche gegeben, als gemeldet wurden», sagt William Rose von der Michigan Technological University. Man habe die Hersteller immer wieder nach Daten dazu gefragt, doch sie hätten nichts herausgegeben. Das dürfte sich nun ändern: Mit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull hat das Problem weltweit an Priorität gewonnen. Jetzt fordern die Airlines die Hersteller plötzlich mit Nachdruck auf, Sicherheitsspannen für ihre Triebwerke anzugeben. Es gebe nicht nur Schwarz und Weiss, sondern einen Graubereich, so Steve Lott vom Welt-Dachverband der Fluggesellschaften, Iata.
Aus dem Hut gezaubert?
Zusätzlichen Druck hat vergangene Woche die britische Civil Aviation Authority (CAA) aufgebaut. Sie setzte ad hoc einen Grenzwert von 2 Milligramm Asche pro Kubikmeter fest. In Gebieten mit niedrigeren Asche-Konzentrationen durfte ab Mittwoch wieder geflogen werden. Gemäss diesem Wert hätte der Luftraum grösstenteils gar nicht gesperrt werden müssen. Die höchste über Mitteleuropa gemessene Konzentration vulkanischer Partikel lag bei etwa 0,6 Milligramm pro Kubikmeter. Dieser Wert wurde über dem Schweizer Mittelland gemessen; andernorts in Europa lag die Konzentration oft deutlich tiefer.
Offenbar hat die CAA ihren Wert in Zusammenarbeit mit der Industrie erarbeitet. Das wird vom Triebwerkhersteller General Electric bestätigt. Zur Frage, wie es gelingen konnte, so rasch eine Einigung zu erzielen, wo man doch schon lange nach einem Grenzwert sucht, wollte die CAA allerdings nicht Stellung nehmen. Die Kritik vonseiten der Forschung liess jedenfalls nicht lange auf sich warten. Der Wert vernachlässige die Expositionszeit, sagt Thomas Peter von der ETH Zürich – also jene Zeitspanne, in der ein Flugzeug der Asche ausgesetzt ist. Das sei ein grosses Manko, meint auch Thomas Casadevall vom United States Geological Survey. Zudem sage der Wert nichts über die Partikelgrösse der Asche aus. Ein guter Grenzwert sollte all diese Aspekte widerspiegeln. Dennoch dürfte der britische Wert nun als Ausgangspunkt für die Gespräche bei der ICAO dienen.
Doch auch wenn sich die Parteien dort bald auf einen Grenzwert einigen sollten, bleibt ein Problem bestehen: dass sich die Konzentration und die Partikelgrösse der Asche nicht für jeden Kubikmeter Himmel genau messen lassen. Nicht überall gibt es Flugzeuge mit entsprechenden Instrumenten, die man rasch losschicken kann. Dasselbe gilt für Laser, welche die Asche vom Boden aus vermessen. Ausserdem ändern sich Aschewolken laufend. Extrapolationen werden also wichtig bleiben. Heute verwenden die Volcanic Ash Advisory Centres eine Art Wettermodell, das die Ascheverteilung in der Atmosphäre simuliert. Es wird laufend mit neuen Berichten von Augenzeugen und Satellitendaten gefüttert und so verfeinert.
Eine andere Möglichkeit wäre, jedes Flugzeug mit einem Infrarotsensor auszustatten. Im Infrarotlicht lassen sich Aschepartikel von anderen Teilchen wie Wasser und Schwefelgasen unterscheiden. Prata hat schon vor mehreren Jahren einen solchen Sensor entwickelt und laut eigenen Angaben erfolgreich getestet. Das Gerät würde um die 30 000 Dollar kosten – bisher zu viel für die Airlines. Nach den Erfahrungen mit dem Eyjafjallajökull könnten sie nun aber zu dieser Investition bereit sein.
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Technology,
world
Mittwoch, April 21, 2010
Pakistans gefährliches Atomprogramm
20. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
Pakistans gefährliches Atomprogramm
Politische Instabilität und die Präsenz von Terrorgruppen bilden ein nur schwer zu kalkulierendes Risiko
Die Furcht wächst, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Laut Experten stellt das politisch instabile Pakistan mit seinem Nukleararsenal in einem solchen Szenario der grösste Schwachpunkt dar.
Andrea Spalinger, Delhi
Regierungsvertreter aus 47 Staaten sind letzte Woche in Washington zu einem Gipfel über Nuklearsicherheit zusammengetroffen. In erster Linie ging es dabei in den Worten des Gastgebers, Barack Obama, um die «grösste Bedrohung für die globale Sicherheit», die Gefahr, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Während das Risiko eines atomaren Konflikts seit dem Ende des Kalten Krieges gesunken sei, sei die Gefahr eines nuklearen Anschlags sehr viel grösser geworden, so die Warnung des amerikanischen Präsidenten. Sollten Terrorgruppen in den Besitz hochangereicherten Urans oder von Plutonium kommen, hätte dies unvorstellbare Konsequenzen, sagte er und rief zu konkreten Schritten zur Sicherung des nuklearen Materials auf.
Ein altes Sorgenkind
Das grösste Sorgenkind der Amerikaner diesbezüglich ist Pakistan. Über das Proliferations-Netzwerk des langjährigen Chefs....
20. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
Pakistans gefährliches Atomprogramm
Politische Instabilität und die Präsenz von Terrorgruppen bilden ein nur schwer zu kalkulierendes Risiko
Die Furcht wächst, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Laut Experten stellt das politisch instabile Pakistan mit seinem Nukleararsenal in einem solchen Szenario der grösste Schwachpunkt dar.
Andrea Spalinger, Delhi
Regierungsvertreter aus 47 Staaten sind letzte Woche in Washington zu einem Gipfel über Nuklearsicherheit zusammengetroffen. In erster Linie ging es dabei in den Worten des Gastgebers, Barack Obama, um die «grösste Bedrohung für die globale Sicherheit», die Gefahr, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Während das Risiko eines atomaren Konflikts seit dem Ende des Kalten Krieges gesunken sei, sei die Gefahr eines nuklearen Anschlags sehr viel grösser geworden, so die Warnung des amerikanischen Präsidenten. Sollten Terrorgruppen in den Besitz hochangereicherten Urans oder von Plutonium kommen, hätte dies unvorstellbare Konsequenzen, sagte er und rief zu konkreten Schritten zur Sicherung des nuklearen Materials auf.
Ein altes Sorgenkind
Das grösste Sorgenkind der Amerikaner diesbezüglich ist Pakistan. Über das Proliferations-Netzwerk des langjährigen Chefs des pakistanischen Atomprogramms, Abdul Qadeer Khan, sind Staaten wie Libyen, Nordkorea und Iran in den Besitz geheimer Atomtechnologie gelangt. 2003 flogen Khans Aktivitäten zwar auf, doch viele Fragen bleiben unbeantwortet und das Ausmass des Skandals unklar. Pakistans Behörden haben weder den Amerikanern noch der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) erlaubt, den Atomschmuggler zu verhören. Dies dürfte nicht nur damit zu tun haben, dass Khan in Pakistan als «Vater der Atombombe» ein Volksheld ist, sondern auch damit, dass seine kriminellen Geschäfte ohne Wissen der Armee kaum möglich gewesen wären.
Neben der dubiosen Vergangenheit bereitet Nuklearexperten auch die gegenwärtige Instabilität Pakistans Kopfzerbrechen. Während sein Atomwaffenarsenal rasant wächst, tummeln sich in dem Land die meistgesuchten Terroristen der Welt. Ein vergangene Woche vom Belfer Center for Science and International Affairs der Universität Harvard und der Nuclear Threat Initiative herausgegebener Bericht («Securing the Bomb») stellt denn auch fest, die Gefahr eines nuklearen Lecks sei nirgendwo grösser als in Pakistan. Das südasiatische Land hat die Sicherheitsmassnahmen in den letzten Jahren zwar hochgefahren und zum Schutz seines Atomarsenals eine Strategic Plans Division geschaffen, der 10 000 speziell ausgewählte und ausgebildete Sicherheitskräfte angehören. Experten zweifeln jedoch daran, dass diese Truppe der Gefahr gewachsen ist. Sowohl der Diebstahl von nuklearem Material durch Insider als auch ein Terrorangriff auf Atomanlagen seien weiterhin realistische Szenarien, schreibt der Autor des Berichts, Matthew Bunn. Wenn Terrorgruppen zu spektakulären Angriffen auf schwer gesicherte Ziele wie das Armeehauptquartier in Rawalpindi in der Lage seien, seien auch die über das ganze Land verteilten Reaktoren, nuklearen Forschungsanlagen und Waffenlager nicht sicher. Da traditionell enge Beziehungen zwischen den Sicherheitskräften und islamistischen Gruppen bestünden, könnte es Letzteren zudem gelingen, Spione in nukleare Anlagen einzuschleusen, befürchtet Bunn.
Neue Reaktoren
Besorgniserregend ist nicht zuletzt, dass Islamabad die Produktion von waffenfähigem Spaltmaterial derzeit ausweitet. Es baut drei neue Reaktoren zur Herstellung von Plutonium für eine neue Generation von Atomwaffen, und der amerikanische Geheimdienst CIA hat auf Satellitenbildern bereits erste Dampffahnen über einem der Kühltürme entdeckt. Pakistan hat den Bau offiziell nicht bestätigt, hinter vorgehaltener Hand argumentieren Regierungsbeamte aber, angesichts der indischen Bedrohung brauche man dringend neue Reaktoren. In der Tat produziert auch Indien derzeit neues waffenfähiges Plutonium in Anlagen, die vom Nuklearabkommen mit den USA (das nur die zivile Nutzung von Atomenergie umfasst) ausgeschlossen sind und von der IAEA nicht besichtigt werden können. Nach Schätzungen des Belfer Center lagern weltweit über 23 000 Atomwaffen, und mit den globalen Beständen an hochangereichertem Uran (1600 Tonnen) und Plutonium (500 Tonnen) könnten insgesamt etwa 200 000 Bomben hergestellt werden. Pakistan verfügt mit 70 bis 90 Nuklearsprengköpfen somit über ein eher bescheidenes Arsenal. Da ein kleiner Teil waffenfähigen Spaltmaterials allerdings ausreicht, um unvorstellbaren Schaden anzurichten, tut dies wenig zu Sache.
Beteuerungen Gilanis
Der Harvard-Professor Bunn ist nur einer von vielen Nonproliferations-Experten, die vor einem Leck in Pakistan warnen. Dennoch wurde über das Thema beim Gipfeltreffen in Washington nicht offiziell diskutiert. Das nukleare Wettrüsten in Südasien sei politisch zu heikel, als dass es auf die Tagesordnung hätte gesetzt werden können, verlautete aus Regierungskreisen. Präsident Obama sprach seine Bedenken nur in einem privaten Treffen mit Premierminister Gilani vor dem Gipfel an. Dabei soll er auch seinem Unmut darüber Luft gemacht haben, dass Islamabad Verhandlungen über einen Vertrag blockiert, der die Produktion von neuem Spaltmaterial weltweit stoppen soll.
Gilani versicherte in Washington zum wiederholten Male, Pakistan sei ein verantwortungsvoller Atomstaat und seine Nuklearwaffen seien in sicherer Hand. Auch die Armeeführung, die de facto die Kontrolle über das Atomprogramm hat, behauptet, das Kapitel Khan sei abgeschlossen und die nuklearen Geheimnisse seien heute sicher.
Nicht nur al-Kaida
Laut Rolf Mowatt-Larssen, einem Terrorexperten und jahrzehntelangen CIA-Mitarbeiter, stellt die Kaida mit Abstand die grösste Gefahr dar, weil sie sich bereits seit vielen Jahren darum bemüht, an Massenvernichtungswaffen zu kommen. Ihr Chef, Usama bin Ladin, hatte bereits 1998 öffentlich erklärt: «Es ist die Pflicht der Muslime, in den Besitz einer nuklearen Bombe zu kommen, um die Feinde Gottes zu terrorisieren.» Bruce Riedel von der Brookings Institution wiederum weist warnend darauf hin, dass nicht nur die Kaida, sondern auch andere Terrorgruppen in Pakistan wie die Lashkar-e Toiba nach Nuklearmaterial strebten. Die Hochburg der Lashkar ist der Punjab, wo auch die meisten Armeeoffiziere rekrutiert werden. Zwischen dem Militär und der Gruppe bestehen traditionell enge Bande, und die Gefahr, dass Letztere an Insiderwissen gelangt, ist laut Riedel deshalb gross.
Pakistans gefährliches Atomprogramm
Politische Instabilität und die Präsenz von Terrorgruppen bilden ein nur schwer zu kalkulierendes Risiko
Die Furcht wächst, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Laut Experten stellt das politisch instabile Pakistan mit seinem Nukleararsenal in einem solchen Szenario der grösste Schwachpunkt dar.
Andrea Spalinger, Delhi
Regierungsvertreter aus 47 Staaten sind letzte Woche in Washington zu einem Gipfel über Nuklearsicherheit zusammengetroffen. In erster Linie ging es dabei in den Worten des Gastgebers, Barack Obama, um die «grösste Bedrohung für die globale Sicherheit», die Gefahr, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Während das Risiko eines atomaren Konflikts seit dem Ende des Kalten Krieges gesunken sei, sei die Gefahr eines nuklearen Anschlags sehr viel grösser geworden, so die Warnung des amerikanischen Präsidenten. Sollten Terrorgruppen in den Besitz hochangereicherten Urans oder von Plutonium kommen, hätte dies unvorstellbare Konsequenzen, sagte er und rief zu konkreten Schritten zur Sicherung des nuklearen Materials auf.
Ein altes Sorgenkind
Das grösste Sorgenkind der Amerikaner diesbezüglich ist Pakistan. Über das Proliferations-Netzwerk des langjährigen Chefs....
20. April 2010, Neue Zürcher Zeitung
Pakistans gefährliches Atomprogramm
Politische Instabilität und die Präsenz von Terrorgruppen bilden ein nur schwer zu kalkulierendes Risiko
Die Furcht wächst, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Laut Experten stellt das politisch instabile Pakistan mit seinem Nukleararsenal in einem solchen Szenario der grösste Schwachpunkt dar.
Andrea Spalinger, Delhi
Regierungsvertreter aus 47 Staaten sind letzte Woche in Washington zu einem Gipfel über Nuklearsicherheit zusammengetroffen. In erster Linie ging es dabei in den Worten des Gastgebers, Barack Obama, um die «grösste Bedrohung für die globale Sicherheit», die Gefahr, dass Terroristen waffenfähiges Spaltmaterial in die Hände bekommen könnten. Während das Risiko eines atomaren Konflikts seit dem Ende des Kalten Krieges gesunken sei, sei die Gefahr eines nuklearen Anschlags sehr viel grösser geworden, so die Warnung des amerikanischen Präsidenten. Sollten Terrorgruppen in den Besitz hochangereicherten Urans oder von Plutonium kommen, hätte dies unvorstellbare Konsequenzen, sagte er und rief zu konkreten Schritten zur Sicherung des nuklearen Materials auf.
Ein altes Sorgenkind
Das grösste Sorgenkind der Amerikaner diesbezüglich ist Pakistan. Über das Proliferations-Netzwerk des langjährigen Chefs des pakistanischen Atomprogramms, Abdul Qadeer Khan, sind Staaten wie Libyen, Nordkorea und Iran in den Besitz geheimer Atomtechnologie gelangt. 2003 flogen Khans Aktivitäten zwar auf, doch viele Fragen bleiben unbeantwortet und das Ausmass des Skandals unklar. Pakistans Behörden haben weder den Amerikanern noch der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) erlaubt, den Atomschmuggler zu verhören. Dies dürfte nicht nur damit zu tun haben, dass Khan in Pakistan als «Vater der Atombombe» ein Volksheld ist, sondern auch damit, dass seine kriminellen Geschäfte ohne Wissen der Armee kaum möglich gewesen wären.
Neben der dubiosen Vergangenheit bereitet Nuklearexperten auch die gegenwärtige Instabilität Pakistans Kopfzerbrechen. Während sein Atomwaffenarsenal rasant wächst, tummeln sich in dem Land die meistgesuchten Terroristen der Welt. Ein vergangene Woche vom Belfer Center for Science and International Affairs der Universität Harvard und der Nuclear Threat Initiative herausgegebener Bericht («Securing the Bomb») stellt denn auch fest, die Gefahr eines nuklearen Lecks sei nirgendwo grösser als in Pakistan. Das südasiatische Land hat die Sicherheitsmassnahmen in den letzten Jahren zwar hochgefahren und zum Schutz seines Atomarsenals eine Strategic Plans Division geschaffen, der 10 000 speziell ausgewählte und ausgebildete Sicherheitskräfte angehören. Experten zweifeln jedoch daran, dass diese Truppe der Gefahr gewachsen ist. Sowohl der Diebstahl von nuklearem Material durch Insider als auch ein Terrorangriff auf Atomanlagen seien weiterhin realistische Szenarien, schreibt der Autor des Berichts, Matthew Bunn. Wenn Terrorgruppen zu spektakulären Angriffen auf schwer gesicherte Ziele wie das Armeehauptquartier in Rawalpindi in der Lage seien, seien auch die über das ganze Land verteilten Reaktoren, nuklearen Forschungsanlagen und Waffenlager nicht sicher. Da traditionell enge Beziehungen zwischen den Sicherheitskräften und islamistischen Gruppen bestünden, könnte es Letzteren zudem gelingen, Spione in nukleare Anlagen einzuschleusen, befürchtet Bunn.
Neue Reaktoren
Besorgniserregend ist nicht zuletzt, dass Islamabad die Produktion von waffenfähigem Spaltmaterial derzeit ausweitet. Es baut drei neue Reaktoren zur Herstellung von Plutonium für eine neue Generation von Atomwaffen, und der amerikanische Geheimdienst CIA hat auf Satellitenbildern bereits erste Dampffahnen über einem der Kühltürme entdeckt. Pakistan hat den Bau offiziell nicht bestätigt, hinter vorgehaltener Hand argumentieren Regierungsbeamte aber, angesichts der indischen Bedrohung brauche man dringend neue Reaktoren. In der Tat produziert auch Indien derzeit neues waffenfähiges Plutonium in Anlagen, die vom Nuklearabkommen mit den USA (das nur die zivile Nutzung von Atomenergie umfasst) ausgeschlossen sind und von der IAEA nicht besichtigt werden können. Nach Schätzungen des Belfer Center lagern weltweit über 23 000 Atomwaffen, und mit den globalen Beständen an hochangereichertem Uran (1600 Tonnen) und Plutonium (500 Tonnen) könnten insgesamt etwa 200 000 Bomben hergestellt werden. Pakistan verfügt mit 70 bis 90 Nuklearsprengköpfen somit über ein eher bescheidenes Arsenal. Da ein kleiner Teil waffenfähigen Spaltmaterials allerdings ausreicht, um unvorstellbaren Schaden anzurichten, tut dies wenig zu Sache.
Beteuerungen Gilanis
Der Harvard-Professor Bunn ist nur einer von vielen Nonproliferations-Experten, die vor einem Leck in Pakistan warnen. Dennoch wurde über das Thema beim Gipfeltreffen in Washington nicht offiziell diskutiert. Das nukleare Wettrüsten in Südasien sei politisch zu heikel, als dass es auf die Tagesordnung hätte gesetzt werden können, verlautete aus Regierungskreisen. Präsident Obama sprach seine Bedenken nur in einem privaten Treffen mit Premierminister Gilani vor dem Gipfel an. Dabei soll er auch seinem Unmut darüber Luft gemacht haben, dass Islamabad Verhandlungen über einen Vertrag blockiert, der die Produktion von neuem Spaltmaterial weltweit stoppen soll.
Gilani versicherte in Washington zum wiederholten Male, Pakistan sei ein verantwortungsvoller Atomstaat und seine Nuklearwaffen seien in sicherer Hand. Auch die Armeeführung, die de facto die Kontrolle über das Atomprogramm hat, behauptet, das Kapitel Khan sei abgeschlossen und die nuklearen Geheimnisse seien heute sicher.
Nicht nur al-Kaida
Laut Rolf Mowatt-Larssen, einem Terrorexperten und jahrzehntelangen CIA-Mitarbeiter, stellt die Kaida mit Abstand die grösste Gefahr dar, weil sie sich bereits seit vielen Jahren darum bemüht, an Massenvernichtungswaffen zu kommen. Ihr Chef, Usama bin Ladin, hatte bereits 1998 öffentlich erklärt: «Es ist die Pflicht der Muslime, in den Besitz einer nuklearen Bombe zu kommen, um die Feinde Gottes zu terrorisieren.» Bruce Riedel von der Brookings Institution wiederum weist warnend darauf hin, dass nicht nur die Kaida, sondern auch andere Terrorgruppen in Pakistan wie die Lashkar-e Toiba nach Nuklearmaterial strebten. Die Hochburg der Lashkar ist der Punjab, wo auch die meisten Armeeoffiziere rekrutiert werden. Zwischen dem Militär und der Gruppe bestehen traditionell enge Bande, und die Gefahr, dass Letztere an Insiderwissen gelangt, ist laut Riedel deshalb gross.
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Montag, Februar 22, 2010
Oil may be there, but bringing it to market is another matter
The Times
February 18, 2010
Oil may be there, but bringing it to market is another matter
Robin Pagnamenta: analysis
Billions of barrels of oil may lie trapped in the rocks deep beneath the ocean floor of the South Atlantic, but finding them and bringing them to market is likely to be a big struggle — vastly expensive and fraught with political complications.
A study by the British Geological Society suggested that the region could contain up to 60 billion barrels of oil — a similar-sized deposit to the North Sea. But such figures may give little sense of how much is recoverable using existing technology.
No drilling has been carried out in the Falklands since 1998, when Shell and Lasmo drilled six wells in an area to the north of the islands, not far from where the current drilling programme is set to start next week. Traces of crude were discovered in all but one of the wells — where gas was found instead — but the following year the global price of oil fell to $10 per barrel, ending the commercial logic of further exploration.
Since then there has been much speculation about the prospects of oil in the Falklands but little real activity on the ground — that is until last year when Desire Petroleum, a small, independent oil explorer, announced that it had contracted a rig and planned to tow it to the Falklands from the North Sea for a drilling campaign this year. Three other similar-sized companies are planning to share the £250 million costs of the campaign, which is due to start in a few day’s time.
The drilling site lies in relatively shallow waters about 400 metres (1,300ft) deep and between 30 and 60 miles north of the islands.
Two of the other companies, Falkland Oil and Gas and Borders & Southern, are prospecting in another region that lies to the south of the islands in deeper and more challenging waters up to 1,200m (3,900ft) deep. There is a reasonable chance that at least one of....
The Times
February 18, 2010
Oil may be there, but bringing it to market is another matter
Robin Pagnamenta: analysis
Billions of barrels of oil may lie trapped in the rocks deep beneath the ocean floor of the South Atlantic, but finding them and bringing them to market is likely to be a big struggle — vastly expensive and fraught with political complications.
A study by the British Geological Society suggested that the region could contain up to 60 billion barrels of oil — a similar-sized deposit to the North Sea. But such figures may give little sense of how much is recoverable using existing technology.
No drilling has been carried out in the Falklands since 1998, when Shell and Lasmo drilled six wells in an area to the north of the islands, not far from where the current drilling programme is set to start next week. Traces of crude were discovered in all but one of the wells — where gas was found instead — but the following year the global price of oil fell to $10 per barrel, ending the commercial logic of further exploration.
Since then there has been much speculation about the prospects of oil in the Falklands but little real activity on the ground — that is until last year when Desire Petroleum, a small, independent oil explorer, announced that it had contracted a rig and planned to tow it to the Falklands from the North Sea for a drilling campaign this year. Three other similar-sized companies are planning to share the £250 million costs of the campaign, which is due to start in a few day’s time.
The drilling site lies in relatively shallow waters about 400 metres (1,300ft) deep and between 30 and 60 miles north of the islands.
Two of the other companies, Falkland Oil and Gas and Borders & Southern, are prospecting in another region that lies to the south of the islands in deeper and more challenging waters up to 1,200m (3,900ft) deep. There is a reasonable chance that at least one of the companies will find oil — but whether it is found in commercial quantities is less clear.
The Falklands are so remote that any oil discovery would need to be large to justify the multibillion- pound costs of building pipelines, export terminals and other infrastructure. Then there are the political obstacles with Argentina, which are likely to deter industry giants such as BP, Shell and Exxon. Until a resolution with Argentina can be reached over who owns the oil, they are likely to remain sceptical.
In the meantime, Desire claims to have been unaffected by Argentina’s sabre-rattling. It shipped a full set of spares and replacement parts to the Falklands before drilling begins to minimise any delays in the event of technical or political problems.
February 18, 2010
Oil may be there, but bringing it to market is another matter
Robin Pagnamenta: analysis
Billions of barrels of oil may lie trapped in the rocks deep beneath the ocean floor of the South Atlantic, but finding them and bringing them to market is likely to be a big struggle — vastly expensive and fraught with political complications.
A study by the British Geological Society suggested that the region could contain up to 60 billion barrels of oil — a similar-sized deposit to the North Sea. But such figures may give little sense of how much is recoverable using existing technology.
No drilling has been carried out in the Falklands since 1998, when Shell and Lasmo drilled six wells in an area to the north of the islands, not far from where the current drilling programme is set to start next week. Traces of crude were discovered in all but one of the wells — where gas was found instead — but the following year the global price of oil fell to $10 per barrel, ending the commercial logic of further exploration.
Since then there has been much speculation about the prospects of oil in the Falklands but little real activity on the ground — that is until last year when Desire Petroleum, a small, independent oil explorer, announced that it had contracted a rig and planned to tow it to the Falklands from the North Sea for a drilling campaign this year. Three other similar-sized companies are planning to share the £250 million costs of the campaign, which is due to start in a few day’s time.
The drilling site lies in relatively shallow waters about 400 metres (1,300ft) deep and between 30 and 60 miles north of the islands.
Two of the other companies, Falkland Oil and Gas and Borders & Southern, are prospecting in another region that lies to the south of the islands in deeper and more challenging waters up to 1,200m (3,900ft) deep. There is a reasonable chance that at least one of....
The Times
February 18, 2010
Oil may be there, but bringing it to market is another matter
Robin Pagnamenta: analysis
Billions of barrels of oil may lie trapped in the rocks deep beneath the ocean floor of the South Atlantic, but finding them and bringing them to market is likely to be a big struggle — vastly expensive and fraught with political complications.
A study by the British Geological Society suggested that the region could contain up to 60 billion barrels of oil — a similar-sized deposit to the North Sea. But such figures may give little sense of how much is recoverable using existing technology.
No drilling has been carried out in the Falklands since 1998, when Shell and Lasmo drilled six wells in an area to the north of the islands, not far from where the current drilling programme is set to start next week. Traces of crude were discovered in all but one of the wells — where gas was found instead — but the following year the global price of oil fell to $10 per barrel, ending the commercial logic of further exploration.
Since then there has been much speculation about the prospects of oil in the Falklands but little real activity on the ground — that is until last year when Desire Petroleum, a small, independent oil explorer, announced that it had contracted a rig and planned to tow it to the Falklands from the North Sea for a drilling campaign this year. Three other similar-sized companies are planning to share the £250 million costs of the campaign, which is due to start in a few day’s time.
The drilling site lies in relatively shallow waters about 400 metres (1,300ft) deep and between 30 and 60 miles north of the islands.
Two of the other companies, Falkland Oil and Gas and Borders & Southern, are prospecting in another region that lies to the south of the islands in deeper and more challenging waters up to 1,200m (3,900ft) deep. There is a reasonable chance that at least one of the companies will find oil — but whether it is found in commercial quantities is less clear.
The Falklands are so remote that any oil discovery would need to be large to justify the multibillion- pound costs of building pipelines, export terminals and other infrastructure. Then there are the political obstacles with Argentina, which are likely to deter industry giants such as BP, Shell and Exxon. Until a resolution with Argentina can be reached over who owns the oil, they are likely to remain sceptical.
In the meantime, Desire claims to have been unaffected by Argentina’s sabre-rattling. It shipped a full set of spares and replacement parts to the Falklands before drilling begins to minimise any delays in the event of technical or political problems.
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Freitag, Februar 19, 2010
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Tages-Anzeiger Online
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Interview: Reto Knobel
Google verwöhnt, verführt und umgarnt seine Mitarbeiter wie kein anderes Unternehmen. Experte Hugo Stamm weiss, für wen der Konzern ein Religionsersatz ist.
Wer bei Google arbeiten darf, hat es geschafft: Diesen Eindruck bekommt, wer die Bilder des Innenlebens der Niederlassung in Zürich betrachtet. Googler können gratis essen und trinken, Sport treiben, gamen, flippern und sogar schlafen – alles während der Arbeitszeit (siehe Bildstrecke oben).
Vielen Kommentatoren kommt diese Wohlfühlkultur allerdings komisch vor. Von «Hundezwinger» ist die Rede, oder sogar von «sektiererischen Verhältnissen». Der erste Kritiker, der den Milliardenkonzern mit einer IT-Sekte verglich, war der streitbare Google-Kritiker und Buchautor Gerard Reischl («Die Google-Falle»). Google, ein sektenmässig organisiertes Unternehmen mitten in Zürich? «Tages-Anzeiger»-Redaktor und Sektenexperte Hugo Stamm (60) will den Ball flach halten: «So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.»
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Bilder der Google-Büros in Zürich sehen?
Toll, wenn ich auch in einem solchen Ambiente arbeiten könnte! Es erinnert mich an eine Kreuzfahrt auf einem Luxusschiff. (Ich würde zwar nie solche Ferien machen.) Die Bilder machen uns aber skeptisch. Was will der Arbeitgeber von mir, wenn er mich mit solchen Wellnessangeboten ködert? Will er mich verführen? Mit Haut und Haaren ans Unternehmen binden? Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeitswelt aufheben? Klare Antworten gibt es nicht.
Eine Kommentatorin fühlt sich an das «Umfeld einer Sekte» erinnert. Dieser Vergleich fällt im Internet immer wieder.
Die Arbeitswelt wirkt paradiesisch, riecht förmlich nach Verführung. Da denken wir an Sekten. Ich sehe allerdings keine Vereinnahmung der Mitarbeiter: Es ist nicht bekannt, dass bei Google religiöse Doktrinen herrschen, Zwänge bestehen, Mobbing betrieben wird oder Repression ausgeübt. Deshalb....
Tages-Anzeiger Online
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Interview: Reto Knobel
Google verwöhnt, verführt und umgarnt seine Mitarbeiter wie kein anderes Unternehmen. Experte Hugo Stamm weiss, für wen der Konzern ein Religionsersatz ist.
Wer bei Google arbeiten darf, hat es geschafft: Diesen Eindruck bekommt, wer die Bilder des Innenlebens der Niederlassung in Zürich betrachtet. Googler können gratis essen und trinken, Sport treiben, gamen, flippern und sogar schlafen – alles während der Arbeitszeit (siehe Bildstrecke oben).
Vielen Kommentatoren kommt diese Wohlfühlkultur allerdings komisch vor. Von «Hundezwinger» ist die Rede, oder sogar von «sektiererischen Verhältnissen». Der erste Kritiker, der den Milliardenkonzern mit einer IT-Sekte verglich, war der streitbare Google-Kritiker und Buchautor Gerard Reischl («Die Google-Falle»). Google, ein sektenmässig organisiertes Unternehmen mitten in Zürich? «Tages-Anzeiger»-Redaktor und Sektenexperte Hugo Stamm (60) will den Ball flach halten: «So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.»
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Bilder der Google-Büros in Zürich sehen?
Toll, wenn ich auch in einem solchen Ambiente arbeiten könnte! Es erinnert mich an eine Kreuzfahrt auf einem Luxusschiff. (Ich würde zwar nie solche Ferien machen.) Die Bilder machen uns aber skeptisch. Was will der Arbeitgeber von mir, wenn er mich mit solchen Wellnessangeboten ködert? Will er mich verführen? Mit Haut und Haaren ans Unternehmen binden? Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeitswelt aufheben? Klare Antworten gibt es nicht.
Eine Kommentatorin fühlt sich an das «Umfeld einer Sekte» erinnert. Dieser Vergleich fällt im Internet immer wieder.
Die Arbeitswelt wirkt paradiesisch, riecht förmlich nach Verführung. Da denken wir an Sekten. Ich sehe allerdings keine Vereinnahmung der Mitarbeiter: Es ist nicht bekannt, dass bei Google religiöse Doktrinen herrschen, Zwänge bestehen, Mobbing betrieben wird oder Repression ausgeübt. Deshalb gehe ich davon aus, dass das Unternehmen die Mitarbeiter mit dem tollen Ambiente zu Höchstleistungen verführen will. Nach dem Motto: Wer glücklich und relaxed ist, wird kreativer.
Wann trägt ein Unternehmen sektiererische Züge?
Wenn es Einfluss auf die ideologischen, spirituellen oder religiösen Neigungen seiner Mitarbeiter nimmt. Wenn zum Beispiel an der Arbeit gebetet werden muss oder sich die Mitarbeiter genötigt fühlen, an Ritualen oder religiösen Veranstaltungen teilzunehmen. Sektenhaft wird es auch, wenn die Vorgesetzten das Verhalten der Mitarbeiter im Privatleben beeinflussen. Indoktrination in Betrieben ist vor allem dort zu beobachten, wo der Inhaber selbst Anhänger einer Sekte ist. Scientologische Chefs neigen dazu. Beispiele sind aber auch aus dem Bereich der Freikirchen bekannt.
Google macht alles für die Mitarbeiter: Kann man sich auch zu stark um das Wohl der Angestellten kümmern?
So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.
Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten rund um die Uhr, Gratisverpflegung, Erholungsräume: Besteht nicht die Gefahr, dass Mitarbeiter (vielleicht unbewusst) von der Firma total vereinnahmt werden und ihr soziales Umfeld vernachlässigen?
Man kann die Politik vielleicht als Verführung zur Arbeit bezeichnen. Auf der anderen Seite: Weshalb soll ich 1000 Franken für ein Fitnessabo zahlen, wenn ich die Geräte gratis im Betrieb habe und nach der Arbeit gleich dort trainiere? Weshalb soll ich in eine Sauna gehen, wenn ich den Schwitzraum neben dem Büro habe? Wer nicht auch noch mit den Arbeitskollegen schwitzen will, kann immer noch auswärts gehen.
Google sieht sich als Unternehmen mit einer Mission - ist das nicht schon sektiererisch?
Ich habe den Eindruck, dass der Machtanspruch des Kaders einen leicht sektiererischen Anstrich hat. Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen und die Mission auf der ganzen Welt voranzutreiben, hat schon fast etwas Religiöses. Google als Religionsersatz: Das betrifft aber die Manager und nicht die Mitarbeiter.
Mein Eindruck: Google-Manager können es nicht nachvollziehen, wenn man ihre Firma nicht gut findet. Indirekt wird einem vorgeworfen: «Was hast du eigentlich gegen uns, wir tun doch nur Gutes.»
Wenn Google bei der Verwöhnung der Mitarbeiter keine schlechten Absichten hat, verstehe ich die Reaktion der Google-Leute. Sie bieten hervorragende Arbeitsbedingungen und werden dafür kritisiert. Das wäre tatsächlich unfair und sieht nach Neid der Kritiker aus. Denn in den meisten Betrieben werden die Arbeitsbedingungen immer härter: Arbeitsplätze werden zusammengepfercht, der Arbeitsdruck erhöht, die Sozialleistungen abgebaut. Ein herber Kontrast zur Google-Welt.
Das Firmenmotto lautet «Don't be evil». Kritiker finden: Nur Unternehmen, die etwas zu verbergen haben, brauchen so ein Mantra.
Für mich ein seltsames Motto. Doch man sollte ein Unternehmen an seinen Taten messen. In vielen Firmen werden die Mitarbeiter zu Nummern und Kostenfaktoren degradiert. Bei Google erfahren sie Wertschätzung. Bei allem Machtstreben sollte man die positiven Aspekte nicht vergessen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 17.02.2010, 10:33 Uhr
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Interview: Reto Knobel
Google verwöhnt, verführt und umgarnt seine Mitarbeiter wie kein anderes Unternehmen. Experte Hugo Stamm weiss, für wen der Konzern ein Religionsersatz ist.
Wer bei Google arbeiten darf, hat es geschafft: Diesen Eindruck bekommt, wer die Bilder des Innenlebens der Niederlassung in Zürich betrachtet. Googler können gratis essen und trinken, Sport treiben, gamen, flippern und sogar schlafen – alles während der Arbeitszeit (siehe Bildstrecke oben).
Vielen Kommentatoren kommt diese Wohlfühlkultur allerdings komisch vor. Von «Hundezwinger» ist die Rede, oder sogar von «sektiererischen Verhältnissen». Der erste Kritiker, der den Milliardenkonzern mit einer IT-Sekte verglich, war der streitbare Google-Kritiker und Buchautor Gerard Reischl («Die Google-Falle»). Google, ein sektenmässig organisiertes Unternehmen mitten in Zürich? «Tages-Anzeiger»-Redaktor und Sektenexperte Hugo Stamm (60) will den Ball flach halten: «So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.»
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Bilder der Google-Büros in Zürich sehen?
Toll, wenn ich auch in einem solchen Ambiente arbeiten könnte! Es erinnert mich an eine Kreuzfahrt auf einem Luxusschiff. (Ich würde zwar nie solche Ferien machen.) Die Bilder machen uns aber skeptisch. Was will der Arbeitgeber von mir, wenn er mich mit solchen Wellnessangeboten ködert? Will er mich verführen? Mit Haut und Haaren ans Unternehmen binden? Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeitswelt aufheben? Klare Antworten gibt es nicht.
Eine Kommentatorin fühlt sich an das «Umfeld einer Sekte» erinnert. Dieser Vergleich fällt im Internet immer wieder.
Die Arbeitswelt wirkt paradiesisch, riecht förmlich nach Verführung. Da denken wir an Sekten. Ich sehe allerdings keine Vereinnahmung der Mitarbeiter: Es ist nicht bekannt, dass bei Google religiöse Doktrinen herrschen, Zwänge bestehen, Mobbing betrieben wird oder Repression ausgeübt. Deshalb....
Tages-Anzeiger Online
«Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen, hat etwas Religiöses»
Interview: Reto Knobel
Google verwöhnt, verführt und umgarnt seine Mitarbeiter wie kein anderes Unternehmen. Experte Hugo Stamm weiss, für wen der Konzern ein Religionsersatz ist.
Wer bei Google arbeiten darf, hat es geschafft: Diesen Eindruck bekommt, wer die Bilder des Innenlebens der Niederlassung in Zürich betrachtet. Googler können gratis essen und trinken, Sport treiben, gamen, flippern und sogar schlafen – alles während der Arbeitszeit (siehe Bildstrecke oben).
Vielen Kommentatoren kommt diese Wohlfühlkultur allerdings komisch vor. Von «Hundezwinger» ist die Rede, oder sogar von «sektiererischen Verhältnissen». Der erste Kritiker, der den Milliardenkonzern mit einer IT-Sekte verglich, war der streitbare Google-Kritiker und Buchautor Gerard Reischl («Die Google-Falle»). Google, ein sektenmässig organisiertes Unternehmen mitten in Zürich? «Tages-Anzeiger»-Redaktor und Sektenexperte Hugo Stamm (60) will den Ball flach halten: «So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.»
Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie die Bilder der Google-Büros in Zürich sehen?
Toll, wenn ich auch in einem solchen Ambiente arbeiten könnte! Es erinnert mich an eine Kreuzfahrt auf einem Luxusschiff. (Ich würde zwar nie solche Ferien machen.) Die Bilder machen uns aber skeptisch. Was will der Arbeitgeber von mir, wenn er mich mit solchen Wellnessangeboten ködert? Will er mich verführen? Mit Haut und Haaren ans Unternehmen binden? Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeitswelt aufheben? Klare Antworten gibt es nicht.
Eine Kommentatorin fühlt sich an das «Umfeld einer Sekte» erinnert. Dieser Vergleich fällt im Internet immer wieder.
Die Arbeitswelt wirkt paradiesisch, riecht förmlich nach Verführung. Da denken wir an Sekten. Ich sehe allerdings keine Vereinnahmung der Mitarbeiter: Es ist nicht bekannt, dass bei Google religiöse Doktrinen herrschen, Zwänge bestehen, Mobbing betrieben wird oder Repression ausgeübt. Deshalb gehe ich davon aus, dass das Unternehmen die Mitarbeiter mit dem tollen Ambiente zu Höchstleistungen verführen will. Nach dem Motto: Wer glücklich und relaxed ist, wird kreativer.
Wann trägt ein Unternehmen sektiererische Züge?
Wenn es Einfluss auf die ideologischen, spirituellen oder religiösen Neigungen seiner Mitarbeiter nimmt. Wenn zum Beispiel an der Arbeit gebetet werden muss oder sich die Mitarbeiter genötigt fühlen, an Ritualen oder religiösen Veranstaltungen teilzunehmen. Sektenhaft wird es auch, wenn die Vorgesetzten das Verhalten der Mitarbeiter im Privatleben beeinflussen. Indoktrination in Betrieben ist vor allem dort zu beobachten, wo der Inhaber selbst Anhänger einer Sekte ist. Scientologische Chefs neigen dazu. Beispiele sind aber auch aus dem Bereich der Freikirchen bekannt.
Google macht alles für die Mitarbeiter: Kann man sich auch zu stark um das Wohl der Angestellten kümmern?
So lang es lediglich darum geht, ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen, ist nichts dagegen einzuwenden. Bedenklich wird es erst, wenn die Geschäftsleitung dabei einen Hintergedanken verfolgt, der nicht transparent ist.
Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten rund um die Uhr, Gratisverpflegung, Erholungsräume: Besteht nicht die Gefahr, dass Mitarbeiter (vielleicht unbewusst) von der Firma total vereinnahmt werden und ihr soziales Umfeld vernachlässigen?
Man kann die Politik vielleicht als Verführung zur Arbeit bezeichnen. Auf der anderen Seite: Weshalb soll ich 1000 Franken für ein Fitnessabo zahlen, wenn ich die Geräte gratis im Betrieb habe und nach der Arbeit gleich dort trainiere? Weshalb soll ich in eine Sauna gehen, wenn ich den Schwitzraum neben dem Büro habe? Wer nicht auch noch mit den Arbeitskollegen schwitzen will, kann immer noch auswärts gehen.
Google sieht sich als Unternehmen mit einer Mission - ist das nicht schon sektiererisch?
Ich habe den Eindruck, dass der Machtanspruch des Kaders einen leicht sektiererischen Anstrich hat. Der Wille, die IT-Welt zu beherrschen und die Mission auf der ganzen Welt voranzutreiben, hat schon fast etwas Religiöses. Google als Religionsersatz: Das betrifft aber die Manager und nicht die Mitarbeiter.
Mein Eindruck: Google-Manager können es nicht nachvollziehen, wenn man ihre Firma nicht gut findet. Indirekt wird einem vorgeworfen: «Was hast du eigentlich gegen uns, wir tun doch nur Gutes.»
Wenn Google bei der Verwöhnung der Mitarbeiter keine schlechten Absichten hat, verstehe ich die Reaktion der Google-Leute. Sie bieten hervorragende Arbeitsbedingungen und werden dafür kritisiert. Das wäre tatsächlich unfair und sieht nach Neid der Kritiker aus. Denn in den meisten Betrieben werden die Arbeitsbedingungen immer härter: Arbeitsplätze werden zusammengepfercht, der Arbeitsdruck erhöht, die Sozialleistungen abgebaut. Ein herber Kontrast zur Google-Welt.
Das Firmenmotto lautet «Don't be evil». Kritiker finden: Nur Unternehmen, die etwas zu verbergen haben, brauchen so ein Mantra.
Für mich ein seltsames Motto. Doch man sollte ein Unternehmen an seinen Taten messen. In vielen Firmen werden die Mitarbeiter zu Nummern und Kostenfaktoren degradiert. Bei Google erfahren sie Wertschätzung. Bei allem Machtstreben sollte man die positiven Aspekte nicht vergessen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)
Erstellt: 17.02.2010, 10:33 Uhr
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Donnerstag, Februar 18, 2010
Die Google-Verschwörungstheorie
Die Google-Verschwörungstheorie
www.Heise.de
Stefan Weber 18.03.2008
Sitzt im Googleplex eine Sekte?
Jüngste Berichte über skurrile Details in der neuen Google-Niederlassung in Zürich und das soeben erschienene Sachbuch [extern] Die Google Falle eines österreichischen Multimedia-Journalisten haben der Google-Verschwörungstheorie erneut Aufwind gegeben: Sind wir, die ahnungslosen, mit Google recherchierenden Netzsurfer Opfer eines in der (Medien-)Geschichte einmaligen Gehirnwäsche- und Überwachungssystems? Oder ist das Geheimnis von Google doch, dass es keines gibt? Telepolis sprach mit Gerald Reischl, der neun Monate – teils Undercover – über Google (und sicherlich auch mit Google) recherchiert und das erste kritische Sachbuch über Google veröffentlicht hat.
Herr Reischl, Sie warnen vor der Weltmacht Google und bezeichnen Google in einem Interview sogar als IT-Sekte. Die Frage wird nicht ausbleiben: Sie wollten nicht selbst bei Google arbeiten und sind am beinharten Auswahlverfahren gescheitert?
Gerald Reischl: Nein, ich wollte nie bei Google arbeiten, habe mich nie beworben und passe so überhaupt nicht in diese Flowerpower-alle-sind-so-gut-und-nett-und-elitär-Welt, abgesehen davon, dass ich kein Ja-Sager-Typ bin, sondern ständig alles hinterfrage. Bei Google müssen Alphamännchen draußen bleiben, wie auch der "Spiegel" geschrieben hat. Widerspruch, Skepsis und Kritik sind da nicht willkommen.
Zu Jahresende 2007 machte ein [extern] Report on dangers and opportunities posed by large search engines, particularly Google im Netz die Runde, der von der Blogosphäre ziemlich heftig abgelehnt wurde. Erstellt wurde er von einem Team rund um den Grazer Informatikprofessor Hermann Maurer....
Die Google-Verschwörungstheorie
www.Heise.de
Stefan Weber 18.03.2008
Sitzt im Googleplex eine Sekte?
Jüngste Berichte über skurrile Details in der neuen Google-Niederlassung in Zürich und das soeben erschienene Sachbuch [extern] Die Google Falle eines österreichischen Multimedia-Journalisten haben der Google-Verschwörungstheorie erneut Aufwind gegeben: Sind wir, die ahnungslosen, mit Google recherchierenden Netzsurfer Opfer eines in der (Medien-)Geschichte einmaligen Gehirnwäsche- und Überwachungssystems? Oder ist das Geheimnis von Google doch, dass es keines gibt? Telepolis sprach mit Gerald Reischl, der neun Monate – teils Undercover – über Google (und sicherlich auch mit Google) recherchiert und das erste kritische Sachbuch über Google veröffentlicht hat.
Herr Reischl, Sie warnen vor der Weltmacht Google und bezeichnen Google in einem Interview sogar als IT-Sekte. Die Frage wird nicht ausbleiben: Sie wollten nicht selbst bei Google arbeiten und sind am beinharten Auswahlverfahren gescheitert?
Gerald Reischl: Nein, ich wollte nie bei Google arbeiten, habe mich nie beworben und passe so überhaupt nicht in diese Flowerpower-alle-sind-so-gut-und-nett-und-elitär-Welt, abgesehen davon, dass ich kein Ja-Sager-Typ bin, sondern ständig alles hinterfrage. Bei Google müssen Alphamännchen draußen bleiben, wie auch der "Spiegel" geschrieben hat. Widerspruch, Skepsis und Kritik sind da nicht willkommen.
Zu Jahresende 2007 machte ein [extern] Report on dangers and opportunities posed by large search engines, particularly Google im Netz die Runde, der von der Blogosphäre ziemlich heftig abgelehnt wurde. Erstellt wurde er von einem Team rund um den Grazer Informatikprofessor Hermann Maurer (und auch der Interviewer arbeitete mit, Anmerkung der Redaktion). Nun kommt schon wieder geballte Google-Kritik aus Österreich, während es im Rest der Welt bislang noch kein einziges Google-kritisches Sachbuch gibt. Ein Zufall?
Gerald Reischl: Ich habe das Buch nicht als Österreicher geschrieben, sondern als deutschsprachiger Europäer. Die "Maurer-Studie" und mein Buch kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Ich habe in der "Google Falle" in monatelanger Recherche, die ich lange vor der Maurer-Studie begonnen habe, und mit Hilfe dutzender Gesprächspartner in den USA und Europa Fakten und Hintergründe zusammengetragen. Der Report, den ich an einigen Stellen erwähnt habe, dreht sich vor allem um das Thema Plagiarismus. Dem habe ich relativ kurz Beachtung geschenkt. Zudem bin ich nicht mit allem, was im Report geschrieben wird, einverstanden.
Zum Beispiel?
Gerald Reischl: Man kann die Google-Problematik nicht auf Plagiarismus reduzieren und vom "Google-Copy-Paste-Syndrom" sprechen. Auf jeder Webseite kann man die Copy&Paste-Funktion nutzen. Auch bin ich nicht mit der Forderung einverstanden, dass Europa mit eigenen, universitären Suchmaschinen kontern müsste. Das käme ja einer staatlichen Kontrolle gleich, weil Unis meist staatlich sind. Europa muss mit etwas Neuem kontern, nicht mit einer Suchmaschine, dafür ist es zu spät!
Sie schreiben, nahezu alle lieben Google und finden Google furchtbar trendy und cool. Befürchten Sie, dass man auch Sie im Web als Google-Kritiker hassen oder – oft noch schlimmer – lächerlich machen wird? Oder kommt die große Trendwende?
Gerald Reischl: Ja, ich rechne mit untergriffigen Postings, Reischl-Bashing und heftigem – teils auch gesteuertem – Gegenwind. Viele werden sich zum Buch äußern, noch lange bevor sie wissen, was drinnen steht. Ich habe ja auch im Vorwort geschrieben: "Wehe dem, der sich etwas gegen das derzeit beliebteste Internet-Unternehmen der Welt zu sagen bzw. zu schreiben traut. Der bekommt den Ärger in den Foren des Web zu spüren." Ich selbst war zu Beginn der Recherche skeptisch. Vor allem Esther Dyson, die renommierte IT-Beraterin, hat mich einmal verunsichert, weil sie gemeint hat, dass Facebook viel gefährlicher sei. Aber wenn man all die Fakten kombiniert, muss man zwangsläufig zum Ergebnis kommen, dass Google gefährlich sein kann. Ich wünsche mir, dass eine Trendwende kommt und dass die Nutzer die im Buch zusammen getragenen Informationen objektiv beurteilen. Dann werden sie automatisch darüber nachdenken. Es wäre im Sinne Europas.
Sie haben eine eigene [extern] Webseite eingerichtet, auf der "Das geheime Google Video" zu sehen ist. Sie haben das Filmchen vor ein paar Tagen auch auf YouTube gestellt. Offenbar sieht man hier nur, wie Sie mit Ihrer Handy-Kamera Außenaufnahmen vom Googleplex machen. Ist das nicht ein bisschen peinlich bzw. was soll da genau "geheim" sein?
Freilich zeige ich da keine "Geheimnisse", keinen Larry Page oder Sergey Brin in einer peinlichen Situation. "Geheim" ist das Video insofern, als auf dem Google-Campus strengstes Fotografier- und Video-Verbot herrscht. Fotografieren darf man nur unter Begleitung eines Google-Mitarbeiters. So ist dieses "geheim" zu verstehen. Außerdem wollte ich – und das ist auch ein bisschen ironisch gemeint – den Google-Dienst YouTube einbauen. Daher gibt's daneben auch das Smiley-Symbol. Oder hätte ich mich zu AdWords anmelden und mit eingeblendeten Wortanzeigen Geld verdienen sollen?
Sie haben für Ihr Buch eine eigene Umfrage in Auftrag gegeben: 90 Prozent finden Google sympathisch, aber 75 Prozent wollen nicht, dass ihre eigene IP-Adresse in Kombination mit ihren Suchanfragen gespeichert wird. Drückt sich da das Unwissen der Google-User aus?
Gerald Reischl: Genau so ist es, die meisten Google-Nutzer wissen nicht, welche Daten Google sammelt und welche Bedeutung IP-Adressen haben. Freilich werden jetzt viele aufschreien und meinen, dass IP-Adressen keine personenbezogenen Daten sind, aber ich bin, so wie Bundesdatenschützer Peter Schaar, anderer Meinung. Fragen Sie die Polizei, wie hilfreich ihnen eine IP-Adresse sein kann. Genau deshalb habe ich auch mein Buch geschrieben, um Nutzer aufzuklären und ihnen zu sagen, was bei einer Suchanfrage passiert. Es soll ein Problembewusstsein entstehen und eine Diskussion in Schwung kommen.
Haben Sie eigentlich auch konkrete Beweise dafür, dass Google das Ranking bei Suchanfragen willentlich – d. h. über den jeweils aktuellen Suchalgorithmus hinaus – beeinflusst?
Gerald Reischl: Es gibt zwei Vorfälle, die mich stutzig gemacht haben. In einem Interview mit Googles Forschungschef Peter Norvig hat mir dieser erklärt, dass sie das Suchsystem so adaptiert haben, dass bei einer Produktsuche nicht immer gleich eBay-Seiten an die ersten Stellen gereiht werden. Diese Adaptierung wurde zu einem Zeitpunkt aktiv, als es wegen Checkout-Paypal einen kräftigen Streit zwischen eBay und Google gegeben hat. Zufall, oder? Kein Zufall ist wohl, dass man beim Begriff "turkey" zehn Monate Seiten über die Türkei angezeigt bekommt und zwei Monate Truthahnrezepte nach vorne gereiht werden. Google ist sich der Verantwortung offensichtlich nicht bewusst. Eindeutiger Beweis ist der Doubleclick-Kauf, der von der EU vergangene Woche abgesegnet wurde. Eine Tochterfirma von Doubleclick, die jetzt auch Google gehört, ist Performics, ein SEO, ein Suchmaschinen-Optimierer, der Kunden Tricks liefert, wie man eine Suchmaschine überlisten kann, um weit nach oben gereiht zu werden. Das bedeutet, Google gibt Tipps, wie man Google überlistet. Dass darf wohl nicht sein, oder?
Sie schreiben ja auch über "23andme", jene doch etwas ominöse Firma, die Genanalysen über das Internet mit Speichelproben ihrer Kunden anbietet – Telepolis hat darüber [local] berichtet. Anne Wojcicki, die Frau von Google-Mitbegründer Sergey Brin, hat diese Firma mitgegründet. Wenn man das alles zusammendenkt: Speichelproben, die Speicherung unserer Suchabfragen – freilich auch unserer intimsten –, Google Street View, das Einscannen der Mails bei Gmail: Google und Co. wissen zusammen genommen tatsächlich viel mehr über mich als ich selbst. Wie könnte aber Google diese komplexen Daten wirtschaftlich oder politisch zum eigenen Vorteil einsetzen? Haben Sie Beweise dafür, dass Google dies bereits tut?
Gerald Reischl: Beweisen kann man es nicht. Leider, aber wenn selbst Experten, die Google gut gesonnen sind wie etwa Esther Dyson (sie ist ja an "23andme" beteiligt), Angst davor haben, dass Google die Arbeit – nämlich das Datensammeln – für eine Regierung bzw. US-Behörde erledigen könnte, macht es mir Angst. Vor allem wenn ich an die Situation in China denke, wo Google erwiesenermaßen mit der dortigen kommunistischen Regierung zusammen arbeitet. Mit wem würde Google unter Druck noch kooperieren?
Wenn man heute auf google.cn den Begriff "Tiananmen Massacre" eingibt, kommt auf Platz 1 der englischsprachige Wikipedia-Eintrag samt Schätzungen der Todesopfer. Unter den ersten zehn ist allerdings auch ein Video, bei dem zu lesen ist: "Popular Western myth on June 4, 1989 was that Tiananmen Square was forcefully cleared by the Chinese government." Das kommt bei Google.com nicht. Hat man das jetzt wieder zum Teil re-gesäubert, und sieht China ein anderes google.cn als ich in Deutschland?
Gerald Reischl: Was auf google.cn angezeigt wird, kann man tatsächlich nur in China testen, weil das System ja erkennt, dass sie in Deutschland oder sonst wo sitzen und nicht in China. Ich kann als Europäer ja auch keinen Film aus einer US-Onlinevideothek downloaden.
Sie schreiben, die Google-Suche von morgen könnte nach dem Prinzip einer "Programmable Search Engine" ablaufen, die bereits weiß, was ich alles bislang mit ihr gesucht habe und dementsprechend eine personalisierte Ergebnisliste erstellt.
Gerald Reischl: Die PSE (Programmierbare Suchmaschine) basiert auf einem Patent des Google-Ingenieurs Ramanathan V. Guha, er war früher Wissenschaftler bei Apple und Netscape. Die PSE könnte einmal PageRank ersetzen und soll das möglich machen, was für viele heute unmöglich erscheint – auf die in eine Suchmaske eingetippte Frage die richtige Antwort zu erhalten, weil unterschiedliche Datenbanken im Web in Echtzeit abgefragt werden.
Und noch ein Detail zum Schluss: Sie kritisieren im Buch Werbung in Gmail. Ich nutze dieses Service wegen Datenschutzbedenken nicht, bin aber davon ausgegangen, Google hätte die wortbasierte Werbung beim Schreiben von Mails in Gmail nach Nutzerprotesten wieder ganz zurückgenommen – irre ich mich da?
Gerald Reischl: Wenn dem so ist, dann muss mir Google erklären, warum ich vor einigen Tagen bei einer (fingierten) E-Mail, in der ich den Verlust meines Arbeitsplatzes beklagt habe, bei Gmail eine [extern] Job-Angebot-Werbung eingeblendet bekommen habe...
www.Heise.de
Stefan Weber 18.03.2008
Sitzt im Googleplex eine Sekte?
Jüngste Berichte über skurrile Details in der neuen Google-Niederlassung in Zürich und das soeben erschienene Sachbuch [extern] Die Google Falle eines österreichischen Multimedia-Journalisten haben der Google-Verschwörungstheorie erneut Aufwind gegeben: Sind wir, die ahnungslosen, mit Google recherchierenden Netzsurfer Opfer eines in der (Medien-)Geschichte einmaligen Gehirnwäsche- und Überwachungssystems? Oder ist das Geheimnis von Google doch, dass es keines gibt? Telepolis sprach mit Gerald Reischl, der neun Monate – teils Undercover – über Google (und sicherlich auch mit Google) recherchiert und das erste kritische Sachbuch über Google veröffentlicht hat.
Herr Reischl, Sie warnen vor der Weltmacht Google und bezeichnen Google in einem Interview sogar als IT-Sekte. Die Frage wird nicht ausbleiben: Sie wollten nicht selbst bei Google arbeiten und sind am beinharten Auswahlverfahren gescheitert?
Gerald Reischl: Nein, ich wollte nie bei Google arbeiten, habe mich nie beworben und passe so überhaupt nicht in diese Flowerpower-alle-sind-so-gut-und-nett-und-elitär-Welt, abgesehen davon, dass ich kein Ja-Sager-Typ bin, sondern ständig alles hinterfrage. Bei Google müssen Alphamännchen draußen bleiben, wie auch der "Spiegel" geschrieben hat. Widerspruch, Skepsis und Kritik sind da nicht willkommen.
Zu Jahresende 2007 machte ein [extern] Report on dangers and opportunities posed by large search engines, particularly Google im Netz die Runde, der von der Blogosphäre ziemlich heftig abgelehnt wurde. Erstellt wurde er von einem Team rund um den Grazer Informatikprofessor Hermann Maurer....
Die Google-Verschwörungstheorie
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Stefan Weber 18.03.2008
Sitzt im Googleplex eine Sekte?
Jüngste Berichte über skurrile Details in der neuen Google-Niederlassung in Zürich und das soeben erschienene Sachbuch [extern] Die Google Falle eines österreichischen Multimedia-Journalisten haben der Google-Verschwörungstheorie erneut Aufwind gegeben: Sind wir, die ahnungslosen, mit Google recherchierenden Netzsurfer Opfer eines in der (Medien-)Geschichte einmaligen Gehirnwäsche- und Überwachungssystems? Oder ist das Geheimnis von Google doch, dass es keines gibt? Telepolis sprach mit Gerald Reischl, der neun Monate – teils Undercover – über Google (und sicherlich auch mit Google) recherchiert und das erste kritische Sachbuch über Google veröffentlicht hat.
Herr Reischl, Sie warnen vor der Weltmacht Google und bezeichnen Google in einem Interview sogar als IT-Sekte. Die Frage wird nicht ausbleiben: Sie wollten nicht selbst bei Google arbeiten und sind am beinharten Auswahlverfahren gescheitert?
Gerald Reischl: Nein, ich wollte nie bei Google arbeiten, habe mich nie beworben und passe so überhaupt nicht in diese Flowerpower-alle-sind-so-gut-und-nett-und-elitär-Welt, abgesehen davon, dass ich kein Ja-Sager-Typ bin, sondern ständig alles hinterfrage. Bei Google müssen Alphamännchen draußen bleiben, wie auch der "Spiegel" geschrieben hat. Widerspruch, Skepsis und Kritik sind da nicht willkommen.
Zu Jahresende 2007 machte ein [extern] Report on dangers and opportunities posed by large search engines, particularly Google im Netz die Runde, der von der Blogosphäre ziemlich heftig abgelehnt wurde. Erstellt wurde er von einem Team rund um den Grazer Informatikprofessor Hermann Maurer (und auch der Interviewer arbeitete mit, Anmerkung der Redaktion). Nun kommt schon wieder geballte Google-Kritik aus Österreich, während es im Rest der Welt bislang noch kein einziges Google-kritisches Sachbuch gibt. Ein Zufall?
Gerald Reischl: Ich habe das Buch nicht als Österreicher geschrieben, sondern als deutschsprachiger Europäer. Die "Maurer-Studie" und mein Buch kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Ich habe in der "Google Falle" in monatelanger Recherche, die ich lange vor der Maurer-Studie begonnen habe, und mit Hilfe dutzender Gesprächspartner in den USA und Europa Fakten und Hintergründe zusammengetragen. Der Report, den ich an einigen Stellen erwähnt habe, dreht sich vor allem um das Thema Plagiarismus. Dem habe ich relativ kurz Beachtung geschenkt. Zudem bin ich nicht mit allem, was im Report geschrieben wird, einverstanden.
Zum Beispiel?
Gerald Reischl: Man kann die Google-Problematik nicht auf Plagiarismus reduzieren und vom "Google-Copy-Paste-Syndrom" sprechen. Auf jeder Webseite kann man die Copy&Paste-Funktion nutzen. Auch bin ich nicht mit der Forderung einverstanden, dass Europa mit eigenen, universitären Suchmaschinen kontern müsste. Das käme ja einer staatlichen Kontrolle gleich, weil Unis meist staatlich sind. Europa muss mit etwas Neuem kontern, nicht mit einer Suchmaschine, dafür ist es zu spät!
Sie schreiben, nahezu alle lieben Google und finden Google furchtbar trendy und cool. Befürchten Sie, dass man auch Sie im Web als Google-Kritiker hassen oder – oft noch schlimmer – lächerlich machen wird? Oder kommt die große Trendwende?
Gerald Reischl: Ja, ich rechne mit untergriffigen Postings, Reischl-Bashing und heftigem – teils auch gesteuertem – Gegenwind. Viele werden sich zum Buch äußern, noch lange bevor sie wissen, was drinnen steht. Ich habe ja auch im Vorwort geschrieben: "Wehe dem, der sich etwas gegen das derzeit beliebteste Internet-Unternehmen der Welt zu sagen bzw. zu schreiben traut. Der bekommt den Ärger in den Foren des Web zu spüren." Ich selbst war zu Beginn der Recherche skeptisch. Vor allem Esther Dyson, die renommierte IT-Beraterin, hat mich einmal verunsichert, weil sie gemeint hat, dass Facebook viel gefährlicher sei. Aber wenn man all die Fakten kombiniert, muss man zwangsläufig zum Ergebnis kommen, dass Google gefährlich sein kann. Ich wünsche mir, dass eine Trendwende kommt und dass die Nutzer die im Buch zusammen getragenen Informationen objektiv beurteilen. Dann werden sie automatisch darüber nachdenken. Es wäre im Sinne Europas.
Sie haben eine eigene [extern] Webseite eingerichtet, auf der "Das geheime Google Video" zu sehen ist. Sie haben das Filmchen vor ein paar Tagen auch auf YouTube gestellt. Offenbar sieht man hier nur, wie Sie mit Ihrer Handy-Kamera Außenaufnahmen vom Googleplex machen. Ist das nicht ein bisschen peinlich bzw. was soll da genau "geheim" sein?
Freilich zeige ich da keine "Geheimnisse", keinen Larry Page oder Sergey Brin in einer peinlichen Situation. "Geheim" ist das Video insofern, als auf dem Google-Campus strengstes Fotografier- und Video-Verbot herrscht. Fotografieren darf man nur unter Begleitung eines Google-Mitarbeiters. So ist dieses "geheim" zu verstehen. Außerdem wollte ich – und das ist auch ein bisschen ironisch gemeint – den Google-Dienst YouTube einbauen. Daher gibt's daneben auch das Smiley-Symbol. Oder hätte ich mich zu AdWords anmelden und mit eingeblendeten Wortanzeigen Geld verdienen sollen?
Sie haben für Ihr Buch eine eigene Umfrage in Auftrag gegeben: 90 Prozent finden Google sympathisch, aber 75 Prozent wollen nicht, dass ihre eigene IP-Adresse in Kombination mit ihren Suchanfragen gespeichert wird. Drückt sich da das Unwissen der Google-User aus?
Gerald Reischl: Genau so ist es, die meisten Google-Nutzer wissen nicht, welche Daten Google sammelt und welche Bedeutung IP-Adressen haben. Freilich werden jetzt viele aufschreien und meinen, dass IP-Adressen keine personenbezogenen Daten sind, aber ich bin, so wie Bundesdatenschützer Peter Schaar, anderer Meinung. Fragen Sie die Polizei, wie hilfreich ihnen eine IP-Adresse sein kann. Genau deshalb habe ich auch mein Buch geschrieben, um Nutzer aufzuklären und ihnen zu sagen, was bei einer Suchanfrage passiert. Es soll ein Problembewusstsein entstehen und eine Diskussion in Schwung kommen.
Haben Sie eigentlich auch konkrete Beweise dafür, dass Google das Ranking bei Suchanfragen willentlich – d. h. über den jeweils aktuellen Suchalgorithmus hinaus – beeinflusst?
Gerald Reischl: Es gibt zwei Vorfälle, die mich stutzig gemacht haben. In einem Interview mit Googles Forschungschef Peter Norvig hat mir dieser erklärt, dass sie das Suchsystem so adaptiert haben, dass bei einer Produktsuche nicht immer gleich eBay-Seiten an die ersten Stellen gereiht werden. Diese Adaptierung wurde zu einem Zeitpunkt aktiv, als es wegen Checkout-Paypal einen kräftigen Streit zwischen eBay und Google gegeben hat. Zufall, oder? Kein Zufall ist wohl, dass man beim Begriff "turkey" zehn Monate Seiten über die Türkei angezeigt bekommt und zwei Monate Truthahnrezepte nach vorne gereiht werden. Google ist sich der Verantwortung offensichtlich nicht bewusst. Eindeutiger Beweis ist der Doubleclick-Kauf, der von der EU vergangene Woche abgesegnet wurde. Eine Tochterfirma von Doubleclick, die jetzt auch Google gehört, ist Performics, ein SEO, ein Suchmaschinen-Optimierer, der Kunden Tricks liefert, wie man eine Suchmaschine überlisten kann, um weit nach oben gereiht zu werden. Das bedeutet, Google gibt Tipps, wie man Google überlistet. Dass darf wohl nicht sein, oder?
Sie schreiben ja auch über "23andme", jene doch etwas ominöse Firma, die Genanalysen über das Internet mit Speichelproben ihrer Kunden anbietet – Telepolis hat darüber [local] berichtet. Anne Wojcicki, die Frau von Google-Mitbegründer Sergey Brin, hat diese Firma mitgegründet. Wenn man das alles zusammendenkt: Speichelproben, die Speicherung unserer Suchabfragen – freilich auch unserer intimsten –, Google Street View, das Einscannen der Mails bei Gmail: Google und Co. wissen zusammen genommen tatsächlich viel mehr über mich als ich selbst. Wie könnte aber Google diese komplexen Daten wirtschaftlich oder politisch zum eigenen Vorteil einsetzen? Haben Sie Beweise dafür, dass Google dies bereits tut?
Gerald Reischl: Beweisen kann man es nicht. Leider, aber wenn selbst Experten, die Google gut gesonnen sind wie etwa Esther Dyson (sie ist ja an "23andme" beteiligt), Angst davor haben, dass Google die Arbeit – nämlich das Datensammeln – für eine Regierung bzw. US-Behörde erledigen könnte, macht es mir Angst. Vor allem wenn ich an die Situation in China denke, wo Google erwiesenermaßen mit der dortigen kommunistischen Regierung zusammen arbeitet. Mit wem würde Google unter Druck noch kooperieren?
Wenn man heute auf google.cn den Begriff "Tiananmen Massacre" eingibt, kommt auf Platz 1 der englischsprachige Wikipedia-Eintrag samt Schätzungen der Todesopfer. Unter den ersten zehn ist allerdings auch ein Video, bei dem zu lesen ist: "Popular Western myth on June 4, 1989 was that Tiananmen Square was forcefully cleared by the Chinese government." Das kommt bei Google.com nicht. Hat man das jetzt wieder zum Teil re-gesäubert, und sieht China ein anderes google.cn als ich in Deutschland?
Gerald Reischl: Was auf google.cn angezeigt wird, kann man tatsächlich nur in China testen, weil das System ja erkennt, dass sie in Deutschland oder sonst wo sitzen und nicht in China. Ich kann als Europäer ja auch keinen Film aus einer US-Onlinevideothek downloaden.
Sie schreiben, die Google-Suche von morgen könnte nach dem Prinzip einer "Programmable Search Engine" ablaufen, die bereits weiß, was ich alles bislang mit ihr gesucht habe und dementsprechend eine personalisierte Ergebnisliste erstellt.
Gerald Reischl: Die PSE (Programmierbare Suchmaschine) basiert auf einem Patent des Google-Ingenieurs Ramanathan V. Guha, er war früher Wissenschaftler bei Apple und Netscape. Die PSE könnte einmal PageRank ersetzen und soll das möglich machen, was für viele heute unmöglich erscheint – auf die in eine Suchmaske eingetippte Frage die richtige Antwort zu erhalten, weil unterschiedliche Datenbanken im Web in Echtzeit abgefragt werden.
Und noch ein Detail zum Schluss: Sie kritisieren im Buch Werbung in Gmail. Ich nutze dieses Service wegen Datenschutzbedenken nicht, bin aber davon ausgegangen, Google hätte die wortbasierte Werbung beim Schreiben von Mails in Gmail nach Nutzerprotesten wieder ganz zurückgenommen – irre ich mich da?
Gerald Reischl: Wenn dem so ist, dann muss mir Google erklären, warum ich vor einigen Tagen bei einer (fingierten) E-Mail, in der ich den Verlust meines Arbeitsplatzes beklagt habe, bei Gmail eine [extern] Job-Angebot-Werbung eingeblendet bekommen habe...
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Samstag, Januar 16, 2010
Google: Larry und Sergey … ...wollen mit Google nur das beste für uns. Und das wird zum Problem.
Tages Anzeiger Magazin
Larry und Sergey …
...wollen mit Google nur das beste für uns. Und das wird zum Problem.
15.01.2010 von Peter Haffner
Als Bill Gates 1998 gefragt wurde, was er am meisten fürchte, antwortete er nicht sogleich. Microsoft war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Konkurrenten gab es, aber von ihnen drohte kaum Gefahr. «Ich fürchte jemanden, der in einer Garage etwas vollkommen Neues austüftelt», meinte er schliesslich.
Die Garage war in Menlo Park, im Silicon Valley. Drei Tische, drei Stühle, ein Kühlschrank, ein zusammengeklappter Pingpong-Tisch. Und ein Firmenschild: «Google Worldwide Headquarters».
Ken Auletta, der dem reichsten Mann der Welt die Frage stellte, legt mit «Googled» die umfassendste Geschichte des erstaunlichsten Unternehmens der IT-Industrie vor. Mit mehr als zwanzig Milliarden Dollar jährlich kassiert Google heute vierzig Prozent aller Online-Werbeeinnahmen. Das Geld erlaubt der Firma, eine Branche nach der anderen umzukrempeln — von Medien über Software bis zur Mobiltelefonie. Die «digitale Schweiz», wie Google sich selbst bezeichnet hat, ist längst eine Hypermacht und weit mehr als die neutrale Suchmaschine, als die sie begann.
Bereits wächst eine Generation heran, die nicht mehr weiss, wie man früher im Internet etwas suchte. «Googeln» ist synonym für suchen geworden, und man nimmt es als selbstverständlich, dass die Antwort in einer halben Sekunde da ist. Tippte man bei Yahoo oder Altavista etwa «Universität» ein, kam jedes Dokument, in dem das Stichwort vorkommt. Google dagegen....
Tages Anzeiger Magazin
Larry und Sergey …
...wollen mit Google nur das beste für uns. Und das wird zum Problem.
15.01.2010 von Peter Haffner
Als Bill Gates 1998 gefragt wurde, was er am meisten fürchte, antwortete er nicht sogleich. Microsoft war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Konkurrenten gab es, aber von ihnen drohte kaum Gefahr. «Ich fürchte jemanden, der in einer Garage etwas vollkommen Neues austüftelt», meinte er schliesslich.
Die Garage war in Menlo Park, im Silicon Valley. Drei Tische, drei Stühle, ein Kühlschrank, ein zusammengeklappter Pingpong-Tisch. Und ein Firmenschild: «Google Worldwide Headquarters».
Ken Auletta, der dem reichsten Mann der Welt die Frage stellte, legt mit «Googled» die umfassendste Geschichte des erstaunlichsten Unternehmens der IT-Industrie vor. Mit mehr als zwanzig Milliarden Dollar jährlich kassiert Google heute vierzig Prozent aller Online-Werbeeinnahmen. Das Geld erlaubt der Firma, eine Branche nach der anderen umzukrempeln — von Medien über Software bis zur Mobiltelefonie. Die «digitale Schweiz», wie Google sich selbst bezeichnet hat, ist längst eine Hypermacht und weit mehr als die neutrale Suchmaschine, als die sie begann.
Bereits wächst eine Generation heran, die nicht mehr weiss, wie man früher im Internet etwas suchte. «Googeln» ist synonym für suchen geworden, und man nimmt es als selbstverständlich, dass die Antwort in einer halben Sekunde da ist. Tippte man bei Yahoo oder Altavista etwa «Universität» ein, kam jedes Dokument, in dem das Stichwort vorkommt. Google dagegen gewichtet und bringt als Erstes die Webseiten von Universitäten. Die Idee, die Relevanz von Links nach ihrer Beliebtheit und Verlässlichkeit zu bestimmen, revolutionierte die Benutzung des Internets. Googles Algorithmus ist ein Renner wie das Geheimrezept von Coca-Cola; wie das Getränk auf deren Geschmack, gründet sein Erfolg auf der «Weisheit» der Massen.
Google war das Produkt idealistischer Perfektionisten. Während herkömmliche Suchmaschinen daran interessiert waren, die Benutzer auf ihrer Webseite zu halten, um teure Anzeigen verkaufen zu können, wollten Larry Page und Sergey Brin sie möglichst rasch ans Ziel ihrer Suche bringen: Kundendienst statt Konsumentenfalle.
Es sah nicht aus, als ob man mit solcher Gratisleistung Geld verdienen könnte. Die Google-Gründer waren keine Business-School-Absolventen. Beide hatten sie als Kinder eine Montessori-Schule besucht, die ihre Art zu denken mehr geprägt hat als die Eliteuniversität Stanford, an der sie sich kennenlernten. Die Reformpädagogik der im 19. Jahrhundert geborenen italienischen Ärztin Maria Montessori gründet auf dem Gedanken, dass Kinder Individuen sind, die nicht von der Schule geformt, sondern sich in der Auseinandersetzung mit einer anregenden Umwelt ungehemmt entfalten können sollten. Statt sturer Paukerei selbstständiges Denken und Handeln.
Ein unzertrennliches Duo
Worin Brin und Page sich denn auch hervortaten, wie sich einer ihrer Professoren in Stanford erinnert. Sie hätten, sagt er, «nicht diesen falschen Respekt vor Autorität gehabt» und ihn so weit herausgefordert, dass sie ihm auch schon beschieden, «er sei voll von Scheisse». Die beiden huldigen einem reflexartigen Glauben, dass der Status quo, wie immer er auch ist, falsch ist, und dass es eine bessere Lösung geben muss. Bescheidenheit ist nicht ihre Tugend. «Wenn wir uns über etwas einig und alle anderen mit uns uneins sind», sagt Larry Page, «nehmen wir an, dass wir recht haben.»
Ist Apple die Geschichte eines aussergewöhnlichen Unternehmers, wie es ihn nicht in jeder Generation gibt, so ist Google die Geschichte eines vom Zufall zusammengeführten Duos, das sich gegenseitig bestätigt und zu aussergewöhnlichen Leistungen antreibt. Was Lennon/McCartney und Jagger/Richards in der Rockmusik, sind Brin/Page in ihrer Branche. Die Parallelen der Biografien sind verblüffend. Beide sind im selben Jahr, 1973, geboren; Söhne von Akademikerpaaren, die in Mathematik, Computerwissenschaft und Künstlicher Intelligenz glänzten. Die Atmosphäre der Elternhäuser, dem amerikanischen von Larry Page und dem russischen von Sergey Brin, war geprägt von Diskussionen wissenschaftlicher Probleme und dem Drang nach der Entdeckung intellektuellen Neulandes. Im Fall von Brin galt dies auch politisch; seinem Vater war als Jude in der Sowjetunion das Studium der Astrophysik verwehrt, sodass er mit der Familie in die USA emigrierte, als Sergey sechs Jahre alt war.
In Stanford, wo sie Computerwissenschaft studierten, wurden sie rasch so unzertrennlich, dass man sie in einem Atemzug nannte. Ihre Weltsicht, nichts für gegeben zu nehmen, einte sie, während die Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere es verhinderte, dass sie sich gegenseitig den Rang streitig machten. Dem extrovertierten, lauten und witzigen Sergey suchte der in sich gekehrte, wortkarge und oft zu Boden blickende Larry gar nicht erst die Schau zu stehlen. Eric Schmidt, den sie nach langem Zögern, ob ihre Firma überhaupt einen Manager benötige, als CEO wählten, sah sich in der Rolle des «erwachsenen Aufsehers», der dafür sorgen musste, dass Google nicht nur kühne Ideen verwirklicht, sondern auch Umsatz macht.
Der Geist von Google
Hätte Schmidt nicht selber in Computerwissenschaft doktoriert, hätten die beiden ihn nicht akzeptiert. Ingenieure sind es, die den Geist von Google prägen, und will man die Firma verstehen, muss man die Welt sehen, wie sie ein Ingenieur sieht. In der Verfolgung seines Zieles einer digitalen Utopie ist Google so leidenschaftlich wie es naiv ist in der Ignorierung aller Hindernisse nicht technischer Natur. Nicht der Profit, sondern der Nutzen steht im Vordergrund, und dass dieser Nutzen anderen — den klassischen Medien beispielsweise — Profite abgräbt, ist ein zu vernachlässigender Kollateralschaden. Sämtliche Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Filme und Fernsehprogramme auf dem Computerbildschirm zu haben und kostenlos konsumieren zu können, ist doch gut für die Konsumenten. Und Google will noch mehr: Nicht nur die Medien der Welt, sondern die Welt überhaupt soll gespiegelt werden — ein Schritt von der Vermessung der Erde, wie sie mit der Kartografie begann, zu ihrer Abbildung im Cyberspace. «Ist das Problem der Suche gelöst, kann man jede Frage stellen», sagte Page einmal. «Was bedeutet, dass man grundsätzlich alles machen kann.»
Innovation ist der Feind etablierter Branchen. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der die Umwälzungen vonstatten gehen. Das Telefon brauchte siebzig Jahre, bis es in der Hälfte der Haushalte der USA seinen Platz hatte. Das Internet benötigte dazu nur zehn Jahre. Und Facebook schuf gar in fünf Jahren ein globales Netzwerk von zweihundert Millionen Mitgliedern.
Die Firmenkultur von Google, wie sie etwa David Vise und Mark Malseed in ihrem Buch «The Google Story» beschrieben haben, täuscht darüber hinweg, dass auch hier Ingenieure den Ton angeben, die nicht aus dem Bauch handeln, sondern kühl kalkulieren. Die Cafeterias und Lounges, die Pool-Tische, Fitnessstudios und Massagezimmer dienen der Effizienz wie der Kinder- und Hundehütedienst, die Coiffeure, Ärzte und Zahnärzte, deren Leistungen gratis sind. Selbst für die chemische Reinigung, die Autowäsche oder einen Ölwechsel muss ein Angestellter den Googleplex im kalifornischen Mountain View nicht verlassen. Larry Page und Sergey Brin haben ein De-luxe-Modell des Stanford Campus geschaffen: Wer bei Google arbeitet, soll sich in die Sache vergraben können wie ein Student in sein Forschungsprojekt, ohne lästigen Zeitverlust.
Page und Brin sind bekannt dafür, rasch zur Sache zu kommen, in Gesprächen wie in Verhandlungen. Die Schnelligkeit, mit der man ans Ziel gelangt, war das oberste Kriterium ihrer Suchmaschine, und in ihrem Leben bleibt denn auch keine Musse für die Lektüre von Romanen, für Kino- und Konzertbesuche oder langwierige Sportarten wie Golf. Larry Page hat der 130-köpfigen PR-Abteilung seiner Firma im Jahr 2008 ganze acht Stunden zugestanden für Pressekonferenzen, Interviews und Reden.
Im Modell Google paart sich der Taylorismus — die wissenschaftliche Arbeitsorganisation zwecks Erzielung maximaler Leistung — mit den Erkenntnissen der Kreativitätsforschung. Jeder Angestellte darf einen Tag in der Woche in ein Projekt investieren, das ihn persönlich reizt. Auch dies ist ein Privileg, das die Produktivität und damit den Profit maximiert — so sind beispielsweise die «Google News» entstanden, eine Schöpfung des Inders Krishna Bharat, der den auf eine Binnenperspektive beschränkten Amerikanern den Horizont erweitern wollte mit Berichten über Völker, Kulturen und Religionen aus allen Ecken des Planeten. Bei den Printmedien ist dieser Pressedienst so beliebt wie Robin Hood es bei den Reichen war.
Wer bei Google arbeitet, ist auserwählt. Es ist leichter, nach Harvard zu kommen; von einer Million Bewerbern jährlich schaffen es nur ein Prozent in die Firma, während es bei Harvard sieben Prozent sind. Das Anstellungsritual täuscht darüber hinweg, dass Messbares wie Noten und Abschlüsse von Elitebildungsstätten mehr zählen als der legendäre «Flugzeug-Test» — die Frage, wie man sich mit dem Neuling fühlen würde, müsste man über Stunden neben ihm im Flugzeug sitzen. Erfahrung dagegen gilt wenig; die beiden Montessori-Schüler sind überzeugt, dass sie kreatives Denken hemmt. Die erste Rechtsanwältin, die von den Firmengründern widerwillig angestellt wurde, erhielt von Brin die Testaufgabe, für ihn einen Vertrag mit dem Teufel zum Verkauf seiner Seele aufzusetzen. Er wusste, dass sie so etwas noch nie gemacht hatte.
Von der Opposition zur Macht
Google gleicht denn auch mehr einer revolutionären Bewegung als einer Firma. Geführt von technologischen Missionaren, ist sie auf Weltverbesserung aus; ein Informationsparadies, das den Planeten zum gläsernen Globus macht. Mit Mitteln wie «Google Street View», das eigentlich nur ein detaillierterer, dreidimensionaler Stadtplan und damit ein Fortschritt in der fortlaufenden Vermessung der Welt ist. Noch ist dieser Blick auf oder ins Wohnzimmerfenster ungewohnt, wenn nicht unerwünscht. Was sie antreibe, sagt Sergey Brin, sei eine «Mischung aus gesundem Menschenverstand und der Infragestellung althergebrachter Sitten».
Das Internet umfasst heute über 25 Milliarden Webseiten. Alle vier Stunden indexiert Google das Äquivalent der Library of Congress, der mit sieben Millionen Büchern grössten Bibliothek der Welt. 2004 ging die Firma an die Börse, mit Einkünften von 3,2 Milliarden Dollar und einem Gewinn von 399 Millionen. Larry Page und Sergey Brin waren 31 Jahre alt. Als der Aktienkurs an jenem Tag auf ungeahnte Höhen kletterte und über neunhundert frühe Google-Angestellte auf einen Schlag Millionäre wurden, war Larry nicht der Einzige, der als Erstes seine Mutter anrief, ihr das freudige Ereignis mitzuteilen.
Selbst im Rezessionsjahr 2008 machte die Firma 4,2 Milliarden Dollar Gewinn. Es liegt in der Natur des Reichtums, dass er die Kauflust weckt. Als Google 2006 für 1,65 Milliarden Dollar Youtube kaufte, war der letzte Beweis erbracht, dass die Firma sich aneignen konnte, was sie wollte — sie war dreimal so viel wert wie das grösste Medienunternehmen.
Und sie war, obschon sie es leugnete, nun selber im Mediengeschäft. Zu «Goodies» wie Google Earth, Google Maps und Gmail kamen Dienste wie Google News und Google Books — Domänen traditioneller Branchen, die in eine Krise schlitterten, deren Ende nicht absehbar ist. Während Google profitiert, ist es der Presse nicht gelungen, die Konsumenten zur Kasse zu bitten, wie das Steve Jobs mit iTunes glückte, das der Musikpiraterie die Luft nahm.
«Don’t be evil»
Es war Larry Page, der an seinen «freien» Google-Tagen einen Prototyp des Buchscanners bastelte, dank dem Google zur Alexandrinischen Bibliothek des 21. Jahrhunderts werden sollte. Nach der Library of Congress machten weitere Bibliotheken ihre Bücher online zugänglich. Fragen des Copyrights interessierten nicht. «Wenn wir uns darum gekümmert hätten», sagt Sergey Brin, «hätten wir dieses Projekt wohl nicht gestartet.» Klagen von Verlegern und Autoren folgten; zwei Drittel der weltweit insgesamt zwanzig Millionen Bücher stehen unter Copyright-Schutz.
Was Technik zuwege bringt, ist nicht rückgängig zu machen. Wie die Möglichkeiten der modernen Medizin die Ethik vor neue Fragen stellen, so der Cyberspace das Recht. Derzeit verdient Google Geld mit dem, wofür andere Geld ausgeben. Die Debatte ist im Gang, die Gerichtsverfahren sind es auch.
Die vielleicht folgenreichste Revolution, die Google eingeleitet hat, ist die für den Konsumenten am wenigsten sichtbare, die Online-Werbung. Page und Brin, die Anzeigen generell abgeneigt waren, wollten diese, wenn schon, klein und informativ. Als schlichte Textwerbung werden die Dreizeiler automatisch dem Inhalt der Suchanfrage angepasst, und der Werbekunde bezahlt nur, wenn darauf geklickt wird. So können sich auch Kleinfirmen Anzeigen leisten. Damit ist es Google gelungen, die Bedürfnisse des Benutzers mit denen der Werbung in Einklang zu bringen. Wie beim Suchsystem bestimmt ein Algorithmus die Platzierung der Anzeigen nach der Häufigkeit, mit der sie aufgerufen werden. Es ist die Geldmaschine von Google, die füttert, wer im Internet surft.
Das Google-Imperium wird nicht von irgendwelchen Dunkelmännern, sondern von uns allen errichtet. Jede Suche vergrössert die Datenbank des Unternehmens, das mit jedem Klick uns näher kennenlernt, um uns besser dienen zu können. Obzwar übermächtig wie Microsoft, ist Google, weil gratis und gut, nicht verhasst. Die Firma zu bezichtigen, sie strebe nach der Weltherrschaft, ist lächerlich. Google gibt uns mehr Mittel denn je in die Hand, jeden Erdenwinkel vom heimischen Sessel aus unter die Lupe zu nehmen. Und mit «Google Goggles» wird es gar möglich, mit dem Smartphone Fotos von unbekannten Lokalitäten zu schiessen, um via Google herauszufinden, worum es sich handelt. Was ist das anderes als ein neue Generation von Reiseführer?
Bezeichnenderweise wurden kritische Stimmen erst laut, als mit dem Börsengang zutage trat, wie viel Geld die Firma scheffelt. Ob das neue «Reich des Bösen», «Googzilla» oder bloss ein «Frenemy» — eine Mischung zwischen Freund und Feind —, beim Publikum steht Google mit seinem inoffziellen Motto «Don’t be evil» noch immer hoch im Kurs. Die Kritik am Entscheid, China zu erlauben, das Suchsystem mit einer Zensur zu verbinden, hat den Sohn eines Diktaturopfers Sergey Brin zwar gewurmt, verklang aber bald. Und die Tatsache, dass Google mit jedem Mausklick das digitale Profil unserer Person vervollkommnet, sorgt ausser in Deutschland kaum für grosse Unruhe. Fragen der Verletzung der Privatsphäre hat Google stets abgetan — bis dann, als eine Journalistin den CEO Eric Schmidt googelte und die Informationen über sein Heim, seine Adresse, sein Vermögen, seine politischen Spenden und Persönliches publizierte. Schmidt reagierte mit einer einjährigen Informationssperre für CNET News, die Webseite, für welche die Journalistin arbeitete.
«Wenn Google beschliesst, die Nutzung privater Informationen sei zu seinem Besten, kann und wird es dies tun», schrieb John Battelle in seinem Buch «The Search». Dank Larry Pages und Sergey Brins Attitüde des «Wir wissen es besser» haben wir das beste Suchsystem, das je entwickelt wurde, und einige Zutaten obendrauf. Die Unvoreingenommenheit der beiden, gepaart mit Arroganz, hat das Internet zu dem gemacht, was es heute ist. Kritik daran ist nicht immer redlich: Sie schlägt Google, und meint das Netz.
Doch wie jeder revolutionären Bewegung droht auch Google auf dem Marsch von der Opposition zur Macht die Korruption der Ideale, die an seiner Wiege standen. Der Weg zur Hölle, heisst es, sei mit guten Vorsätzen gepflastert. Google bewertet am höchsten, was am populärsten ist. Wäre das immer so gewesen, wäre die Menschheit kulturell kaum vorangekommen. Noch wissen wir nicht, ob das, was Google geschaffen hat, die Opfer wert sind, die es fordert. Gewiss ist nur, dass das beste Suchsystem der Welt obsolet wird, wenn es niemanden mehr gibt, der die Mittel hat, Inhalte zu schaffen, welche die Suche danach auch wert sind.
Literatur:
Ken Auletta, «Googled», 2009
John Battelle, «The Search: How Google and Its Rivals Rewrote the Rules of Business and Transformed Our Culture», 2006
David A. Vise, Mark Malseed, «The Google Story: Inside the Hottest Business, Media, and Technology Success of Our Time», 2005
Peter Haffner ist redaktioneller Mitarbeiter des «Magazins». Er lebt in Kalifornien.
Larry und Sergey …
...wollen mit Google nur das beste für uns. Und das wird zum Problem.
15.01.2010 von Peter Haffner
Als Bill Gates 1998 gefragt wurde, was er am meisten fürchte, antwortete er nicht sogleich. Microsoft war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Konkurrenten gab es, aber von ihnen drohte kaum Gefahr. «Ich fürchte jemanden, der in einer Garage etwas vollkommen Neues austüftelt», meinte er schliesslich.
Die Garage war in Menlo Park, im Silicon Valley. Drei Tische, drei Stühle, ein Kühlschrank, ein zusammengeklappter Pingpong-Tisch. Und ein Firmenschild: «Google Worldwide Headquarters».
Ken Auletta, der dem reichsten Mann der Welt die Frage stellte, legt mit «Googled» die umfassendste Geschichte des erstaunlichsten Unternehmens der IT-Industrie vor. Mit mehr als zwanzig Milliarden Dollar jährlich kassiert Google heute vierzig Prozent aller Online-Werbeeinnahmen. Das Geld erlaubt der Firma, eine Branche nach der anderen umzukrempeln — von Medien über Software bis zur Mobiltelefonie. Die «digitale Schweiz», wie Google sich selbst bezeichnet hat, ist längst eine Hypermacht und weit mehr als die neutrale Suchmaschine, als die sie begann.
Bereits wächst eine Generation heran, die nicht mehr weiss, wie man früher im Internet etwas suchte. «Googeln» ist synonym für suchen geworden, und man nimmt es als selbstverständlich, dass die Antwort in einer halben Sekunde da ist. Tippte man bei Yahoo oder Altavista etwa «Universität» ein, kam jedes Dokument, in dem das Stichwort vorkommt. Google dagegen....
Tages Anzeiger Magazin
Larry und Sergey …
...wollen mit Google nur das beste für uns. Und das wird zum Problem.
15.01.2010 von Peter Haffner
Als Bill Gates 1998 gefragt wurde, was er am meisten fürchte, antwortete er nicht sogleich. Microsoft war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Konkurrenten gab es, aber von ihnen drohte kaum Gefahr. «Ich fürchte jemanden, der in einer Garage etwas vollkommen Neues austüftelt», meinte er schliesslich.
Die Garage war in Menlo Park, im Silicon Valley. Drei Tische, drei Stühle, ein Kühlschrank, ein zusammengeklappter Pingpong-Tisch. Und ein Firmenschild: «Google Worldwide Headquarters».
Ken Auletta, der dem reichsten Mann der Welt die Frage stellte, legt mit «Googled» die umfassendste Geschichte des erstaunlichsten Unternehmens der IT-Industrie vor. Mit mehr als zwanzig Milliarden Dollar jährlich kassiert Google heute vierzig Prozent aller Online-Werbeeinnahmen. Das Geld erlaubt der Firma, eine Branche nach der anderen umzukrempeln — von Medien über Software bis zur Mobiltelefonie. Die «digitale Schweiz», wie Google sich selbst bezeichnet hat, ist längst eine Hypermacht und weit mehr als die neutrale Suchmaschine, als die sie begann.
Bereits wächst eine Generation heran, die nicht mehr weiss, wie man früher im Internet etwas suchte. «Googeln» ist synonym für suchen geworden, und man nimmt es als selbstverständlich, dass die Antwort in einer halben Sekunde da ist. Tippte man bei Yahoo oder Altavista etwa «Universität» ein, kam jedes Dokument, in dem das Stichwort vorkommt. Google dagegen gewichtet und bringt als Erstes die Webseiten von Universitäten. Die Idee, die Relevanz von Links nach ihrer Beliebtheit und Verlässlichkeit zu bestimmen, revolutionierte die Benutzung des Internets. Googles Algorithmus ist ein Renner wie das Geheimrezept von Coca-Cola; wie das Getränk auf deren Geschmack, gründet sein Erfolg auf der «Weisheit» der Massen.
Google war das Produkt idealistischer Perfektionisten. Während herkömmliche Suchmaschinen daran interessiert waren, die Benutzer auf ihrer Webseite zu halten, um teure Anzeigen verkaufen zu können, wollten Larry Page und Sergey Brin sie möglichst rasch ans Ziel ihrer Suche bringen: Kundendienst statt Konsumentenfalle.
Es sah nicht aus, als ob man mit solcher Gratisleistung Geld verdienen könnte. Die Google-Gründer waren keine Business-School-Absolventen. Beide hatten sie als Kinder eine Montessori-Schule besucht, die ihre Art zu denken mehr geprägt hat als die Eliteuniversität Stanford, an der sie sich kennenlernten. Die Reformpädagogik der im 19. Jahrhundert geborenen italienischen Ärztin Maria Montessori gründet auf dem Gedanken, dass Kinder Individuen sind, die nicht von der Schule geformt, sondern sich in der Auseinandersetzung mit einer anregenden Umwelt ungehemmt entfalten können sollten. Statt sturer Paukerei selbstständiges Denken und Handeln.
Ein unzertrennliches Duo
Worin Brin und Page sich denn auch hervortaten, wie sich einer ihrer Professoren in Stanford erinnert. Sie hätten, sagt er, «nicht diesen falschen Respekt vor Autorität gehabt» und ihn so weit herausgefordert, dass sie ihm auch schon beschieden, «er sei voll von Scheisse». Die beiden huldigen einem reflexartigen Glauben, dass der Status quo, wie immer er auch ist, falsch ist, und dass es eine bessere Lösung geben muss. Bescheidenheit ist nicht ihre Tugend. «Wenn wir uns über etwas einig und alle anderen mit uns uneins sind», sagt Larry Page, «nehmen wir an, dass wir recht haben.»
Ist Apple die Geschichte eines aussergewöhnlichen Unternehmers, wie es ihn nicht in jeder Generation gibt, so ist Google die Geschichte eines vom Zufall zusammengeführten Duos, das sich gegenseitig bestätigt und zu aussergewöhnlichen Leistungen antreibt. Was Lennon/McCartney und Jagger/Richards in der Rockmusik, sind Brin/Page in ihrer Branche. Die Parallelen der Biografien sind verblüffend. Beide sind im selben Jahr, 1973, geboren; Söhne von Akademikerpaaren, die in Mathematik, Computerwissenschaft und Künstlicher Intelligenz glänzten. Die Atmosphäre der Elternhäuser, dem amerikanischen von Larry Page und dem russischen von Sergey Brin, war geprägt von Diskussionen wissenschaftlicher Probleme und dem Drang nach der Entdeckung intellektuellen Neulandes. Im Fall von Brin galt dies auch politisch; seinem Vater war als Jude in der Sowjetunion das Studium der Astrophysik verwehrt, sodass er mit der Familie in die USA emigrierte, als Sergey sechs Jahre alt war.
In Stanford, wo sie Computerwissenschaft studierten, wurden sie rasch so unzertrennlich, dass man sie in einem Atemzug nannte. Ihre Weltsicht, nichts für gegeben zu nehmen, einte sie, während die Unterschiedlichkeit ihrer Charaktere es verhinderte, dass sie sich gegenseitig den Rang streitig machten. Dem extrovertierten, lauten und witzigen Sergey suchte der in sich gekehrte, wortkarge und oft zu Boden blickende Larry gar nicht erst die Schau zu stehlen. Eric Schmidt, den sie nach langem Zögern, ob ihre Firma überhaupt einen Manager benötige, als CEO wählten, sah sich in der Rolle des «erwachsenen Aufsehers», der dafür sorgen musste, dass Google nicht nur kühne Ideen verwirklicht, sondern auch Umsatz macht.
Der Geist von Google
Hätte Schmidt nicht selber in Computerwissenschaft doktoriert, hätten die beiden ihn nicht akzeptiert. Ingenieure sind es, die den Geist von Google prägen, und will man die Firma verstehen, muss man die Welt sehen, wie sie ein Ingenieur sieht. In der Verfolgung seines Zieles einer digitalen Utopie ist Google so leidenschaftlich wie es naiv ist in der Ignorierung aller Hindernisse nicht technischer Natur. Nicht der Profit, sondern der Nutzen steht im Vordergrund, und dass dieser Nutzen anderen — den klassischen Medien beispielsweise — Profite abgräbt, ist ein zu vernachlässigender Kollateralschaden. Sämtliche Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Filme und Fernsehprogramme auf dem Computerbildschirm zu haben und kostenlos konsumieren zu können, ist doch gut für die Konsumenten. Und Google will noch mehr: Nicht nur die Medien der Welt, sondern die Welt überhaupt soll gespiegelt werden — ein Schritt von der Vermessung der Erde, wie sie mit der Kartografie begann, zu ihrer Abbildung im Cyberspace. «Ist das Problem der Suche gelöst, kann man jede Frage stellen», sagte Page einmal. «Was bedeutet, dass man grundsätzlich alles machen kann.»
Innovation ist der Feind etablierter Branchen. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der die Umwälzungen vonstatten gehen. Das Telefon brauchte siebzig Jahre, bis es in der Hälfte der Haushalte der USA seinen Platz hatte. Das Internet benötigte dazu nur zehn Jahre. Und Facebook schuf gar in fünf Jahren ein globales Netzwerk von zweihundert Millionen Mitgliedern.
Die Firmenkultur von Google, wie sie etwa David Vise und Mark Malseed in ihrem Buch «The Google Story» beschrieben haben, täuscht darüber hinweg, dass auch hier Ingenieure den Ton angeben, die nicht aus dem Bauch handeln, sondern kühl kalkulieren. Die Cafeterias und Lounges, die Pool-Tische, Fitnessstudios und Massagezimmer dienen der Effizienz wie der Kinder- und Hundehütedienst, die Coiffeure, Ärzte und Zahnärzte, deren Leistungen gratis sind. Selbst für die chemische Reinigung, die Autowäsche oder einen Ölwechsel muss ein Angestellter den Googleplex im kalifornischen Mountain View nicht verlassen. Larry Page und Sergey Brin haben ein De-luxe-Modell des Stanford Campus geschaffen: Wer bei Google arbeitet, soll sich in die Sache vergraben können wie ein Student in sein Forschungsprojekt, ohne lästigen Zeitverlust.
Page und Brin sind bekannt dafür, rasch zur Sache zu kommen, in Gesprächen wie in Verhandlungen. Die Schnelligkeit, mit der man ans Ziel gelangt, war das oberste Kriterium ihrer Suchmaschine, und in ihrem Leben bleibt denn auch keine Musse für die Lektüre von Romanen, für Kino- und Konzertbesuche oder langwierige Sportarten wie Golf. Larry Page hat der 130-köpfigen PR-Abteilung seiner Firma im Jahr 2008 ganze acht Stunden zugestanden für Pressekonferenzen, Interviews und Reden.
Im Modell Google paart sich der Taylorismus — die wissenschaftliche Arbeitsorganisation zwecks Erzielung maximaler Leistung — mit den Erkenntnissen der Kreativitätsforschung. Jeder Angestellte darf einen Tag in der Woche in ein Projekt investieren, das ihn persönlich reizt. Auch dies ist ein Privileg, das die Produktivität und damit den Profit maximiert — so sind beispielsweise die «Google News» entstanden, eine Schöpfung des Inders Krishna Bharat, der den auf eine Binnenperspektive beschränkten Amerikanern den Horizont erweitern wollte mit Berichten über Völker, Kulturen und Religionen aus allen Ecken des Planeten. Bei den Printmedien ist dieser Pressedienst so beliebt wie Robin Hood es bei den Reichen war.
Wer bei Google arbeitet, ist auserwählt. Es ist leichter, nach Harvard zu kommen; von einer Million Bewerbern jährlich schaffen es nur ein Prozent in die Firma, während es bei Harvard sieben Prozent sind. Das Anstellungsritual täuscht darüber hinweg, dass Messbares wie Noten und Abschlüsse von Elitebildungsstätten mehr zählen als der legendäre «Flugzeug-Test» — die Frage, wie man sich mit dem Neuling fühlen würde, müsste man über Stunden neben ihm im Flugzeug sitzen. Erfahrung dagegen gilt wenig; die beiden Montessori-Schüler sind überzeugt, dass sie kreatives Denken hemmt. Die erste Rechtsanwältin, die von den Firmengründern widerwillig angestellt wurde, erhielt von Brin die Testaufgabe, für ihn einen Vertrag mit dem Teufel zum Verkauf seiner Seele aufzusetzen. Er wusste, dass sie so etwas noch nie gemacht hatte.
Von der Opposition zur Macht
Google gleicht denn auch mehr einer revolutionären Bewegung als einer Firma. Geführt von technologischen Missionaren, ist sie auf Weltverbesserung aus; ein Informationsparadies, das den Planeten zum gläsernen Globus macht. Mit Mitteln wie «Google Street View», das eigentlich nur ein detaillierterer, dreidimensionaler Stadtplan und damit ein Fortschritt in der fortlaufenden Vermessung der Welt ist. Noch ist dieser Blick auf oder ins Wohnzimmerfenster ungewohnt, wenn nicht unerwünscht. Was sie antreibe, sagt Sergey Brin, sei eine «Mischung aus gesundem Menschenverstand und der Infragestellung althergebrachter Sitten».
Das Internet umfasst heute über 25 Milliarden Webseiten. Alle vier Stunden indexiert Google das Äquivalent der Library of Congress, der mit sieben Millionen Büchern grössten Bibliothek der Welt. 2004 ging die Firma an die Börse, mit Einkünften von 3,2 Milliarden Dollar und einem Gewinn von 399 Millionen. Larry Page und Sergey Brin waren 31 Jahre alt. Als der Aktienkurs an jenem Tag auf ungeahnte Höhen kletterte und über neunhundert frühe Google-Angestellte auf einen Schlag Millionäre wurden, war Larry nicht der Einzige, der als Erstes seine Mutter anrief, ihr das freudige Ereignis mitzuteilen.
Selbst im Rezessionsjahr 2008 machte die Firma 4,2 Milliarden Dollar Gewinn. Es liegt in der Natur des Reichtums, dass er die Kauflust weckt. Als Google 2006 für 1,65 Milliarden Dollar Youtube kaufte, war der letzte Beweis erbracht, dass die Firma sich aneignen konnte, was sie wollte — sie war dreimal so viel wert wie das grösste Medienunternehmen.
Und sie war, obschon sie es leugnete, nun selber im Mediengeschäft. Zu «Goodies» wie Google Earth, Google Maps und Gmail kamen Dienste wie Google News und Google Books — Domänen traditioneller Branchen, die in eine Krise schlitterten, deren Ende nicht absehbar ist. Während Google profitiert, ist es der Presse nicht gelungen, die Konsumenten zur Kasse zu bitten, wie das Steve Jobs mit iTunes glückte, das der Musikpiraterie die Luft nahm.
«Don’t be evil»
Es war Larry Page, der an seinen «freien» Google-Tagen einen Prototyp des Buchscanners bastelte, dank dem Google zur Alexandrinischen Bibliothek des 21. Jahrhunderts werden sollte. Nach der Library of Congress machten weitere Bibliotheken ihre Bücher online zugänglich. Fragen des Copyrights interessierten nicht. «Wenn wir uns darum gekümmert hätten», sagt Sergey Brin, «hätten wir dieses Projekt wohl nicht gestartet.» Klagen von Verlegern und Autoren folgten; zwei Drittel der weltweit insgesamt zwanzig Millionen Bücher stehen unter Copyright-Schutz.
Was Technik zuwege bringt, ist nicht rückgängig zu machen. Wie die Möglichkeiten der modernen Medizin die Ethik vor neue Fragen stellen, so der Cyberspace das Recht. Derzeit verdient Google Geld mit dem, wofür andere Geld ausgeben. Die Debatte ist im Gang, die Gerichtsverfahren sind es auch.
Die vielleicht folgenreichste Revolution, die Google eingeleitet hat, ist die für den Konsumenten am wenigsten sichtbare, die Online-Werbung. Page und Brin, die Anzeigen generell abgeneigt waren, wollten diese, wenn schon, klein und informativ. Als schlichte Textwerbung werden die Dreizeiler automatisch dem Inhalt der Suchanfrage angepasst, und der Werbekunde bezahlt nur, wenn darauf geklickt wird. So können sich auch Kleinfirmen Anzeigen leisten. Damit ist es Google gelungen, die Bedürfnisse des Benutzers mit denen der Werbung in Einklang zu bringen. Wie beim Suchsystem bestimmt ein Algorithmus die Platzierung der Anzeigen nach der Häufigkeit, mit der sie aufgerufen werden. Es ist die Geldmaschine von Google, die füttert, wer im Internet surft.
Das Google-Imperium wird nicht von irgendwelchen Dunkelmännern, sondern von uns allen errichtet. Jede Suche vergrössert die Datenbank des Unternehmens, das mit jedem Klick uns näher kennenlernt, um uns besser dienen zu können. Obzwar übermächtig wie Microsoft, ist Google, weil gratis und gut, nicht verhasst. Die Firma zu bezichtigen, sie strebe nach der Weltherrschaft, ist lächerlich. Google gibt uns mehr Mittel denn je in die Hand, jeden Erdenwinkel vom heimischen Sessel aus unter die Lupe zu nehmen. Und mit «Google Goggles» wird es gar möglich, mit dem Smartphone Fotos von unbekannten Lokalitäten zu schiessen, um via Google herauszufinden, worum es sich handelt. Was ist das anderes als ein neue Generation von Reiseführer?
Bezeichnenderweise wurden kritische Stimmen erst laut, als mit dem Börsengang zutage trat, wie viel Geld die Firma scheffelt. Ob das neue «Reich des Bösen», «Googzilla» oder bloss ein «Frenemy» — eine Mischung zwischen Freund und Feind —, beim Publikum steht Google mit seinem inoffziellen Motto «Don’t be evil» noch immer hoch im Kurs. Die Kritik am Entscheid, China zu erlauben, das Suchsystem mit einer Zensur zu verbinden, hat den Sohn eines Diktaturopfers Sergey Brin zwar gewurmt, verklang aber bald. Und die Tatsache, dass Google mit jedem Mausklick das digitale Profil unserer Person vervollkommnet, sorgt ausser in Deutschland kaum für grosse Unruhe. Fragen der Verletzung der Privatsphäre hat Google stets abgetan — bis dann, als eine Journalistin den CEO Eric Schmidt googelte und die Informationen über sein Heim, seine Adresse, sein Vermögen, seine politischen Spenden und Persönliches publizierte. Schmidt reagierte mit einer einjährigen Informationssperre für CNET News, die Webseite, für welche die Journalistin arbeitete.
«Wenn Google beschliesst, die Nutzung privater Informationen sei zu seinem Besten, kann und wird es dies tun», schrieb John Battelle in seinem Buch «The Search». Dank Larry Pages und Sergey Brins Attitüde des «Wir wissen es besser» haben wir das beste Suchsystem, das je entwickelt wurde, und einige Zutaten obendrauf. Die Unvoreingenommenheit der beiden, gepaart mit Arroganz, hat das Internet zu dem gemacht, was es heute ist. Kritik daran ist nicht immer redlich: Sie schlägt Google, und meint das Netz.
Doch wie jeder revolutionären Bewegung droht auch Google auf dem Marsch von der Opposition zur Macht die Korruption der Ideale, die an seiner Wiege standen. Der Weg zur Hölle, heisst es, sei mit guten Vorsätzen gepflastert. Google bewertet am höchsten, was am populärsten ist. Wäre das immer so gewesen, wäre die Menschheit kulturell kaum vorangekommen. Noch wissen wir nicht, ob das, was Google geschaffen hat, die Opfer wert sind, die es fordert. Gewiss ist nur, dass das beste Suchsystem der Welt obsolet wird, wenn es niemanden mehr gibt, der die Mittel hat, Inhalte zu schaffen, welche die Suche danach auch wert sind.
Literatur:
Ken Auletta, «Googled», 2009
John Battelle, «The Search: How Google and Its Rivals Rewrote the Rules of Business and Transformed Our Culture», 2006
David A. Vise, Mark Malseed, «The Google Story: Inside the Hottest Business, Media, and Technology Success of Our Time», 2005
Peter Haffner ist redaktioneller Mitarbeiter des «Magazins». Er lebt in Kalifornien.
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