Samstag, Mai 22, 2010

«Das ist der Anfang von Googles Abstieg»

Tages Anzeiger Online
«Das ist der Anfang von Googles Abstieg»
Interview: Reto Knobel

«Grössenwahn des Marktführers und Dominators»: Google hat mit dem unerlaubten Zugriff auf WLAN-Daten eine Grenze überschritten – das Interview mit einem der härtesten Google-Kritiker der Welt.

Google hat für den Kartendienst Street View in über 30 Ländern den Datenverkehr von ungesicherten WLAN-Netzen aufgezeichnet und gespeichert. Muss Street View nun verboten werden?

Gerald Reischl, Google hat jahrelang für seine Street-View-Fahrten Daten aus WLAN-Netzen gescannt und diese auch gespeichert. Laut Google war das ein «Versehen». Glauben Sie das?
Nein, weil man nicht vier Jahre lang «unabsichtlich» Daten sammeln kann und das nicht auffällt. Das sind ja viele Daten, die gespeichert, sprich abgelegt werden müssen. Jeder normale Computernutzer durchforstet regelmässig seine Festplatte – Stichwort Frühjahrsputz am PC – und da sollten solche Datenmengen auffallen.

Immerhin: Google hat sich entschuldigt, der Fehler sei «unverzeihlich». Früher wäre ein solches Eingeständnis wohl undenkbar gewesen.
Das nennt man Krisen-PR, und dafür gibt es eigene PR-Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, Feuerwehr in solchen Fällen zu spielen. Google hat mittlerweile eine eigene Lobbying-Abteilung, die sich ums Image kümmert. Alles andere als eine Schuldeingeständnis und eine Entschuldigung wären nicht möglich gewesen. Google hat aber ohnehin erst....



Tages Anzeiger Online
«Das ist der Anfang von Googles Abstieg»
Interview: Reto Knobel

«Grössenwahn des Marktführers und Dominators»: Google hat mit dem unerlaubten Zugriff auf WLAN-Daten eine Grenze überschritten – das Interview mit einem der härtesten Google-Kritiker der Welt.

Google hat für den Kartendienst Street View in über 30 Ländern den Datenverkehr von ungesicherten WLAN-Netzen aufgezeichnet und gespeichert. Muss Street View nun verboten werden?

Gerald Reischl, Google hat jahrelang für seine Street-View-Fahrten Daten aus WLAN-Netzen gescannt und diese auch gespeichert. Laut Google war das ein «Versehen». Glauben Sie das?

Nein, weil man nicht vier Jahre lang «unabsichtlich» Daten sammeln kann und das nicht auffällt. Das sind ja viele Daten, die gespeichert, sprich abgelegt werden müssen. Jeder normale Computernutzer durchforstet regelmässig seine Festplatte – Stichwort Frühjahrsputz am PC – und da sollten solche Datenmengen auffallen.

Immerhin: Google hat sich entschuldigt, der Fehler sei «unverzeihlich». Früher wäre ein solches Eingeständnis wohl undenkbar gewesen.
Das nennt man Krisen-PR, und dafür gibt es eigene PR-Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, Feuerwehr in solchen Fällen zu spielen. Google hat mittlerweile eine eigene Lobbying-Abteilung, die sich ums Image kümmert. Alles andere als eine Schuldeingeständnis und eine Entschuldigung wären nicht möglich gewesen. Google hat aber ohnehin erst beim zweiten Mal die Wahrheit gesagt, Ende April haben sie ja noch behauptet, dass keine Daten gesammelt wurden.

Hat Google eine Grenze überschritten? Anders formuliert: Kann Google diesen Vertrauensverlust jemals wieder aufholen?

Echten Hardcore-Fans wird das egal sein und die werden diesen Ausrutscher verzeihen. Aber ich bin überzeugt, dass das der Anfang vom Abstieg ist. Google-Kritiker fühlen sich bestätigt, Skeptiker werden Kritiker und viele normale User werden zu Skeptikern. Die Zahl jener, die Googles «Don't be evil»-Strategie als Bullshit bezeichnen, steigt und steigt.

Ist Ihnen auch schon der Gedanke gekommen, dass Google unbelehrbar ist?
Zum einen ja, das ist der Grössenwahn des Marktführers und Dominators. Aber jene, die oben sind, landen irgendwann wieder mal am Boden der Realität, das ist die Wirtschaftskurve – ein Unternehmen ist nie immer oben – siehe Microsoft, siehe Nokia.

Muss Ihrer Meinung nach das Projekt Street View gestoppt werden?

Nein, aber ich bin der Meinung, dass Google bei diesem Projekt von externen, unabhängigen Experten kontrolliert werden muss. Ständig und nicht nur einmal. Zudem muss man die User fragen, ob sie es wollen, dass ihr Haus fotografiert wird. Z.B. indem man vorab eine Info verschickt, ähnlich wie bei uns in Österreich die Stromversorger die Bürger informieren, dass sie wegen Umbauarbeiten mit einer Stromabschaltung rechnen müssen.

Der Zürcher Datenschützer und Präsident der Schweizer Datenschutzbeauftragten, Bruno Baeriswyl, fordert, dass Google einer unabhängigen Datenschutzbehörde erlauben soll, die eigene Datenverarbeitung unter die Lupe nehmen zu dürfen. Was halten Sie davon?
Guter Vorschlag, allerdings muss diese Kontrolle laufend erfolgen. Das Problem dabei ist: Google ist ein US-Unternehmen, auch wenn man Zugriff auf die Schweizer Daten hat, kann man nicht kontrollieren, was Google auf US-Servern speichert.

Was raten Sie dem Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür?

Ich will ihm keine Ratschläge geben, aber es bedarf eines eigenen Google- respektive Web-2.0-Beauftragten unter den Datenschutzverantwortlichen, da diese Thematik immer schlimmer, immer gefährlicher wird.

Sie haben sich seit Jahren auf Google «eingeschossen». Dabei gibt es noch andere IT-Firmen mit Datenschutzproblemen.
Ich habe mich nicht auf Google eingeschossen, sondern – und darauf bin ich stolz – als einer der Ersten die Problematik erkannt, dass Google eine Datenkrake ist, der grösste Datensammler der Gegenwart, der die totale Kontrolle im Web anstrebt und nicht davor zurückschreckt, User- und Datenschutzrechte zu verletzen. Google geht es ums Geld, weil Google ein börsennotiertes Unternehmen ist.

Daran ist nichts auszusetzen...
Nein, aber wenn es um Aktienkurse geht, werden gerne gewisse Konsumenten-, Menschen- und Datenschutzrechte «vergessen». Google hat zwar Datenschutzbeauftragte, allerdings sind diese meiner Meinung nach Schönredner, sie müssen in blumigen Worten Googles Machenschaften als völlig harmlos für uns Nutzer verkaufen.

Der 45-jährige Österreicher Gerald Reischl ist Autor mehrerer Bücher, darunter «Im Visier der Datenjäger», «Der Internet-Insider» und vor allem «Die Google-Falle». Daneben arbeitet er als Redaktor für die Zeitung «Kurier» und als Technologie-Experte für den Fernsehsender ORF. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

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